{"id":118309,"date":"2026-01-29T09:53:02","date_gmt":"2026-01-29T08:53:02","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118309"},"modified":"2026-01-29T09:53:05","modified_gmt":"2026-01-29T08:53:05","slug":"aufruhr-im-plastozaen-warum-wir-biokunststoffe-brauchen","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/aufruhr-im-plastozaen-warum-wir-biokunststoffe-brauchen\/","title":{"rendered":"Aufruhr im \u201ePlastoz\u00e4n\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die Forderung nach Biokunststoff soll schon zu Beginn einfach beantwortet werden: Wir brauchen Biokunststoffe deshalb, weil die Rohstoffquelle Erd\u00f6l der synthetischen Kunststoffe endlich ist und weil sich die Kunststoffe in unserem \u00d6kosystem anreichern und damit ein erhebliches \u00f6kologisches Risiko beinhalten. Warum wir Biokunststoffe ohne \u201eWenn\u201c und \u201eAber\u201c brauchen, m\u00f6chten wir im Folgenden aufzeigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kunststoffe sind aus der modernen Welt nicht mehr wegzudenken. Ungez\u00e4hlte Alltags- und Gebrauchsg\u00fcter sowie zahlreich technische Werkstoffe und Hilfsstoffe sind Kunststoffe. Dabei bezeichnet der Begriff \u201eKunststoff\u201c \u00fcblicherweise einen (Werk-)Stoff, der aus langkettigen oder vernetzten Molek\u00fclen besteht \u2013 den Makromolek\u00fclen oder auch Polymere. Damit aus Polymeren ein Kunststoff wird, m\u00fcssen noch verschiedenste Zus\u00e4tze (Additive) beigemengt werden, die eine geeignete Verarbeitung gew\u00e4hrleisten und die sp\u00e4teren Gebrauchseigenschaften bedingen. Erst durch den Zusatz von verschiedensten Additiven und Zuschlagsstoffen, die meist kleinere organische oder anorganische Verbindungen sind, wird ein Material mit einem Basispolymer \u00fcberhaupt erst zu einem Kunststoff. Die bekanntesten unter den Additiven sind sogenannte Weichmacher, Antioxidantien, Brandschutzmittel, Treibmittel, UV-Stabilisatoren, aber auch Farbstoffe und -pigmente, wobei sich diese Liste fast beliebig lang fortsetzen lie\u00dfe. Das hei\u00dft, der Begriff \u201ePlastik\u201c oder der Begriff \u201eKunststoff\u201c h\u00e4ngt eben auch untrennbar mit den Additiven zusammen, \u00fcber die man \u2013 bis auf wenige F\u00e4lle \u2013 wenig h\u00f6rt und sich meistens als Verbraucher auch keine Gedanken macht.<\/p>\n<p>In der Umgangssprache wird f\u00fcr diesen k\u00fcnstlich hergestellten Stoff (Kunststoff) aus Polymeren und Additiven das Wort Plastik verwendet. Plastik kommt aus dem Griechischen und bedeutet im weitesten Sinne \u201egeformte Kunst\u201c. Der umgangssprachliche Begriff Plastik f\u00fcr Kunststoffe meint damit ein \u2013 wie auch immer \u2013 geformtes Produkt aus Polymeren mit den verschiedensten Additiven. Es gibt gegenw\u00e4rtig kaum ein Produkt, in dem nicht irgendwo ein Plastikteil verbaut ist oder die gar vollst\u00e4ndig aus Plastik bestehen. Beispiele sind Plastikt\u00fcten, Verpackungen, Flaschen, Spielzeug, Kunststoffrohre, Kleber, Autokonsolen, Schuhsohlen, Sportger\u00e4te, Geldkarten und unz\u00e4hlige mehr. Auch hier k\u00f6nnte man die Liste fast beliebig fortsetzen. Wir haben uns an den Gebrauch der Kunststoffe gew\u00f6hnt. Die Entwicklung der Kunststoffe als Werkstoffe haben viele Produkte \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich gemacht, sodass sie eben aus der modernen Welt nicht mehr wegzudenken sind.<\/p>\n<p>Die allermeisten der heute verwendeten Kunststoffe basieren auf Erd\u00f6l als Rohstoffquelle. Die Geschichte der erd\u00f6lbasierten Kunststoffe und damit des Plastikzeitalters (Plastoz\u00e4ns) begann vor 125 Jahren 1891 mit der Entwicklung der chemisch-industriellen Verwertung des Erd\u00f6ls durch den herausragenden russischen Ingenieur Wladimir Grigorjewitsch Schuchow (1853-1939). Durch seine grundlegenden Arbeiten konnte man aus Erd\u00f6l chemische Grundstoffe erzeugen, die dann wieder chemisch zu gro\u00dfen Makromolek\u00fclen (den Polymeren) neu zusammengesetzt wurden. Diese chemisch erzeugten langkettigen oder vernetzten Makromolek\u00fcle sind eine der stofflichen Grundlagen f\u00fcr die Herstellung der synthetischen Kunststoffe. Der gro\u00dfe Erfolg der synthetischen Kunststoffe hat seine Ursachen darin, dass es einerseits eine bislang kosteng\u00fcnstige Rohstoffquelle darstellt und dass inzwischen etablierte gro\u00df-industrielle Prozesse und Anlagen der Erd\u00f6lchemie zur Verf\u00fcgung stehen. Auf der anderen Seite besitzen die synthetischen Polymere sehr gute Verarbeitungs- und Gebrauchseigenschaften, wodurch sie ebenfalls kosteng\u00fcnstig hergestellt werden k\u00f6nnen und w\u00e4hrend ihrer Nutzungsdauer \u00fcberzeugen. Das zeigen auch Zahlen zum j\u00e4hrlichen weltweiten Verbrauch an Kunststoffen, der mit \u00fcber 300 Millionen Tonnen zu beziffern ist.<\/p>\n<p>Erd\u00f6l ist eine fossile Rohstoffquelle, die im Laufe von Jahrmillionen aus Biomasse entstanden ist. Diese Biomasse waren haupts\u00e4chlich abgestorbene Kleinstlebewesen der Meere (vor allem Algen). Erd\u00f6l ist demzufolge eine nat\u00fcrliche Ressource. Aufgrund der langen Bildungsprozesse und weil es nicht in der Menge nachgebildet wird, wie es entnommen wird, ist das Erd\u00f6l als Rohstoff von einer endlichen Verf\u00fcgbarkeit. \u00dcber den Zeitpunkt, wann die Erd\u00f6lvorr\u00e4te aufgebraucht sein werden, wird intensiv diskutiert. Die Festlegung eines definierten Zeitpunkts wird unter anderem dadurch erschwert, dass immer wieder neue und unkonventionelle Lagerst\u00e4tten erschlossen werden, allerdings nicht mit derselben hohen H\u00e4ufigkeit wie seit gut 60 Jahren. Die Neuentdeckung fossiler Rohstoffquellen nimmt seit Jahren kontinuierlich ab. Damit steht in einem \u00fcberschaubaren Zeitraum diese Ressource f\u00fcr die Herstellung von Kunststoffen nicht mehr zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Wirtschaftlich wird Erd\u00f6l als \u201everf\u00fcgbares Einkommen\u201c betrachtet, wohingegen es eigentlich als \u201eKapital\u201c angesehen werden m\u00fcsste, da es sich ja durch die kontinuierliche Entnahme aufbraucht \u2013 frei nach Ernst F. Schumacher: \u201eSmall is beautiful.\u201c Das hei\u00dft, dass der \u201eSchatz\u201c Erd\u00f6l best\u00e4ndig abschmilzt, weil er nicht in absehbaren Zeitr\u00e4umen, beispielsweise \u00fcber zwei bis drei Generationen hinweg, erneuert wird, sondern evolution\u00e4re Zeitr\u00e4ume von Millionen von Jahren dazu braucht. Die bislang angewandte \u00f6konomische Sichtweise auf den Rohstoff Erd\u00f6l als \u201efrei verf\u00fcgbares Einkommen\u201c ist fragw\u00fcrdig und hat meines Erachtens zu der nicht-nachhaltigen Nutzung dieser fossilen Ressource beigetragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als alternative Rohstoffquelle f\u00fcr die Erzeugung von k\u00fcnstlichen Stoffen (Kunststoffen) k\u00f6nnen viele nachwachsende Rohstoffe genutzt werden, wie etwa das Holz, einj\u00e4hrige Pflanzen oder Mikroorganismen. Aus diesen lassen sich die Biopolymere gewinnen, die als stoffliche Grundlage f\u00fcr den jeweiligen Kunststoff dienen k\u00f6nnen. Aus Holz kann beispielweise Cellulose und Lignin gewonnen werden. Leder, Wolle, Seide, Kautschuk und Schellack sind weitere Beispiele f\u00fcr Biopolymere und Materialien aus Biopolymeren. Und aus Mikroorganismen l\u00e4sst sich die Milchs\u00e4ure als Rohstoff f\u00fcr die Gewinnung von Polymilchs\u00e4ure (auch Polylactid PLA) erzeugen.<\/p>\n<p>Die Geschichte der Kunststoffe auf Basis nachwachsender Rohstoffe (der biobasierten Kunststoffe, Biokunststoffe) ist so alt wie die Menschheit selbst. Schon immer hat der Mensch genutzt, was ihm die Natur zur Verf\u00fcgung stellt: An erster Stelle stehen hier nat\u00fcrlich die Nahrungsmittel, aber auch vieles andere, was Tiere und Pflanzen liefern, wurde stofflich etwa als Bekleidung oder als Werkzeug genutzt. Die Erzeugung von Kunststoffen insbesondere aus nachwachsenden Rohstoffen ist keine Erfindung der Neuzeit. Bereits vor der Entwicklung der vollsynthetischen Kunststoffen aus fossilen Rohstoffquellen (Erd\u00f6l) wurden die ersten Biokunststoffe bereits schon Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt: Das bekannte Celluloid (photographische Filme, Tischtennisb\u00e4lle und Billardkugeln), der Milchstein oder auch Galalith (Kn\u00f6pfe und andere kleinteilige Formprodukte) und der Lederstein\/Cottonid\/Vulkanfiber (\u00dcberseekoffer, Helme). Schutzhauben f\u00fcr Schwei\u00dfer und Trennscheiben (Flexscheiben) sind heute noch aus Vulkanfiber gefertigt. Das hei\u00dft also, dass es Biokunststoffe schon vor dem Aufkommen anderer vollsynthetischer Kunststoffe gab. Mit der Entwicklung von Kunststoffen auf der Basis von Erd\u00f6l wurden die Biokunststoffe schnell durch Bakelit, Acrylglas und Nylon verdr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Die meisten Kunststoffe sind durch eine eingeschr\u00e4nkte biologische Abbaubarkeit sehr langlebig, wodurch sie sich in der Umwelt anreichern. Die Kunststoffe werden auf verschiedenen Wegen in die Umwelt eingetragen und werden mit der Zeit durch \u00e4u\u00dfere Einfl\u00fcsse in immer kleinere Teile zerlegt. Daraus entstehen mikroskopisch kleine Partikel, die inzwischen auch unter dem Begriff Mikroplastik bekannt sind. Durch den systematischen Eintrag von langlebigen persistenten Kunststoffen in die Umwelt beobachtet man daher eine enorme Anreicherung von Mikroplastikpartikeln und -fasern. Die Folgen der Anreicherung von Kunststoffpartikeln in Bezug auf eine nachhaltige Funktionalit\u00e4t von Gew\u00e4ssern und auf die Produktivit\u00e4t von land- und forstwirtschaftlich genutzten B\u00f6den sind bislang nicht absch\u00e4tzbar. So w\u00e4re es w\u00fcnschenswert, wenn man Kunststoffe zu Verf\u00fcgung h\u00e4tte, die w\u00e4hrend ihrer Gebrauchsdauer die gew\u00fcnschten Eigenschaften aufweisen, danach sich jedoch durch Umwelteinfl\u00fcsse biologischer oder physikalisch-chemischer Natur abbauen lie\u00dfen oder sich einfach aufl\u00f6sen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Hier kommt der Begriff Biokunststoff ins Spiel, der \u2013 je nach Blickwinkel \u2013 auf zwei grundlegende Definitionen zur\u00fcckzuf\u00fchren ist: Die erste Definition bezieht sich auf die Rohstoffquelle. Werden also Kunststoffe auf Basis nachwachsender Rohstoffe erzeugt, spricht man von einem Biokunststoff (siehe oben). Das k\u00f6nnen einerseits nat\u00fcrliche Biopolymere aus Holz und Pflanzen sein, andererseits lassen sich auch \u201ekonventionelle\u201c Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen herstellen. Dazu wird beispielsweise Zucker aus Zuckerrohr oder anderen pflanzlichen Quellen biotechnologisch zu Ethanol umgewandelt (\u201eBioethanol\u201c), was dann als chemischer Ausgangsstoff f\u00fcr die Produktion von vollsynthetischen Kunststoffen dienen kann (\u201eBio-Polyethylen\u201c; \u201eBio-PE\u201c). Es sei an dieser Stelle angemerkt, das Bio-PE genau die gleiche molekulare Grundstruktur wie aus Erd\u00f6l erzeugtes Polyethylen PE und damit auch die gleichen chemischen Eigenschaften besitzt. Beide sind somit nicht voneinander unterscheidbar, nur dass dieses Bio-PE eben seinen Ursprung in den nachwachsenden und nicht in den begrenzt zur Verf\u00fcgung stehenden fossilen Rohstoffen hat.<\/p>\n<p>Die zweite Definition betrifft die biologische Abbaubarkeit: Darunter fallen solche Biokunststoffe, die durch Bakterien und andere Mikroorganismen oder Pilze verstoffwechselt und damit abgebaut werden.<\/p>\n<p>Das bedeutet, dass diese Kunststoffe in \u00fcberschaubaren Zeitr\u00e4umen nach ihrem Eintrag in die Umwelt in die Kreisl\u00e4ufe der Natur zur\u00fcckgef\u00fchrt werden. Die allermeisten petrochemisch hergestellten Kunststoffe sind in der Regel nicht biologisch abbaubar. Es gibt aber auch einige neuere vollsynthetische Kunststoffe, die diese Eigenschaft besitzen. Andersherum sind die meisten Polymere aus der Natur (Biopolymere) biologisch zersetzbar, aber eben auch nicht alle. Das h\u00e4ngt unter anderem davon ab, wie man sie zu Kunststoffen aufbereitet hat. Zudem sind \u201eBiokunststoffe\u201c nach der ersten Definition wie zum Beispiel das Bio-PE nicht biologisch abbaubar, da es ja chemisch gesehen mit vollsynthetischem PE identisch ist. Es ist also wichtig, genau hinzuschauen, was jeweils unter dem Begriff \u201eBiokunststoff\u201c verstanden wird.<\/p>\n<p>Aus diesen zwei Definitionen f\u00fcr \u201eBiokunststoffe\u201c heraus ergibt sich ein Spannungsfeld, in dem vollsynthetische erd\u00f6lbasierte Polymere sehr wohl eine gewisse biologische Abbaubarkeit aufweisen k\u00f6nnen, w\u00e4hrend nicht alle \u201eBiokunststoffe\u201c aus nachwachsenden Rohstoffen biologisch abbaubar sind. Idealerweise wird ein Kunststoff heute aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt, was eine nachhaltige Erzeugung \u00fcber mehrere Generationen hinweg sicherstellt. Zus\u00e4tzlich sollen sie biologisch oder durch andere Umwelteinfl\u00fcsse abbaubar sein, wodurch nat\u00fcrliche Kreisl\u00e4ufe geschlossen werden und nachfolgende Generationen nicht mit \u201ePlastikm\u00fcll\u201c belastet werden.<\/p>\n<p>Gleichwohl ist die Bewertung und der Vergleich der Umweltvertr\u00e4glichkeit von Kunststoffen auf fossiler Rohstoffbasis mit neuen Kunststoffen aus nachwachsenden Rohstoffen nicht immer einfach und f\u00fchren \u2013 je nach Blickwinkel und Ansatz \u2013 zu unterschiedlichen Ergebnissen. Um die langfristige Anreicherung von Kunststoffen in der Umwelt zu verhindern, ist entweder der Austrag zu vermeiden oder die Verwendung von vollst\u00e4ndig abbaubaren Kunststoffen notwendig. Biologisch abbaubare Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen sind jedoch in jedem Fall eine reelle und in der Zukunft unabdingbare Alternative zu Kunststoffen auf fossiler Basis, wenn entsprechende industrielle und rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen und eingehalten werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was hat es nun mit der biologischen Abbaubarkeit auf sich? Plastik \u2013 also Kunststoffe \u2013 bestehen aus Makromolek\u00fclen und den Additiven, die bei ihrer Erzeugung hinzugef\u00fcgt werden. Wird ein Kunststoff in die Umwelt ausgebracht, sei es auf einer Deponie oder auf irgendeinem anderen Weg, werden zun\u00e4chst einmal die niedermolekularen Bestandteile (kleinere Molek\u00fcle, Additive) ausgewaschen. Je nach Art und molekularer Beschaffenheit der Additive sind hier schon betr\u00e4chtliche Risiken zu erwarten. In Laborversuchen und auch in einigen Umweltstudien konnte der Einfluss der gewisser Additive auf die Reproduktionsf\u00e4higkeit von aquatischen und terrestrischen Lebewesen gezeigt werden. Somit sind auch die Additive in Kunststoff im Allgemeinen nicht harmlos, sondern k\u00f6nnen ein betr\u00e4chtliches Gef\u00e4hrdungspotential f\u00fcr unsere Umwelt und alle Lebewesen darstellen.<\/p>\n<p>F\u00fcr der Abbau der Makromolek\u00fcle (der Polymere), die ja die Matrix des Kunststoffs bilden, gibt es prinzipiell zwei M\u00f6glichkeiten: Die Kunststoffe und Plastikmaterialien, die nicht biologisch oder chemisch abbaubar sind, werden durch UV-Einstrahlung, durch tierische Einwirkungen, durch die Gezeiten, Windeinwirkung, Bodenerosion und viele andere mechanische und andere physikalisch-chemische Mechanismen in kleine Fragmente zerkleinert. Dabei bleibt das Makromolek\u00fcl als solches intakt, es wird nicht abgebaut, sondern es entstehen nur immer kleinere Partikel. Wenn die Partikelgr\u00f6\u00dfe kleiner als 5 mm ist, sprechen wir von Mikroplastik. Dem gegen\u00fcber stehen die biologisch abbaubaren Kunststoffe, die auf der einen Seite chemisch abgebaut werden k\u00f6nnen, zum Beispiel durch Wasserspaltung von chemischen Bindungen (Hydrolyse). Das setzt voraus, dass die Makromolek\u00fcle auch solche wasserspaltbaren Bindungen enthalten, wie etwa in Polyestern. Im anderen Fall werden die Makromolek\u00fcle durch einen mikrobiellen Angriff verstoffwechselt und durch die Mikroorganismen umgewandelt. In beiden F\u00e4llen werden die Makromolek\u00fcle selbst immer k\u00fcrzer, bis sie sich letztendlich in ihre molekularen Bestandteile aufgel\u00f6st haben und wieder in die nat\u00fcrlichen Kreisl\u00e4ufe zur\u00fcckgef\u00fchrt sind.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfes Problem bei einem Eintrag von Plastik und Mikroplastik in die Umwelt ist, dass die Tiere diese oft nicht von ihrer Nahrung zu unterscheiden verm\u00f6gen. Die Tiere nehmen die Plastikteile mit der Nahrung auf. In den M\u00e4gen von verendeten Seev\u00f6geln hat man kleinere Plastikpartikel bis hin zu einem v\u00f6llig unzersetzten Gebrauchsartikel aus Plastik gefunden. Da die Kunststoffe keinen N\u00e4hrwert besitzen, verhungern die Tiere mit vollem Magen. W\u00e4hrend das Mikroplastik und die Bildung der \u201ePlastikm\u00fcllstrudel\u201c in den Ozeanen vielerorts erforscht wird, weil das Problem dort bereits \u201esichtbar\u201c ist, findet der Plastikeintrag in unsere land- und forstwirtschaftlich genutzten B\u00f6den bislang kaum Beachtung. Auch sind die langfristigen Auswirkungen des Plastikeintrags auf die Erhaltung der Fruchtbarkeit der land- und forstwirtschaftlichen B\u00f6den \u00fcberhaupt noch nicht in den Fokus ger\u00fcckt. Und das, obwohl alles, was wir essen, und alles, wo wir unsere nachwachsenden Rohstoffe erzeugen, auf der nachhaltigen Nutzung von land- und forstwirtschaftlichen B\u00f6den beruht.<\/p>\n<p>Vorsichtige Sch\u00e4tzungen, wie viele Kunststoffteilchen beispielweise mit Kl\u00e4rschl\u00e4mmen ausgebracht werden, haben ergeben, dass bereits jetzt ein Mikroplastikpartikel in einem Bodenw\u00fcrfel von 3 cm Kantenl\u00e4nge zu finden w\u00e4re. Das klingt auf den ersten Blick nach nicht besonders viel und die Partikel sind nat\u00fcrlich nicht gleichm\u00e4\u00dfig \u00fcber die gesamte genutzte Bodenfl\u00e4che verteilt. Durch die kontinuierliche Anreicherung (Akkumulation) von auswaschbaren Additiven sowie durch den Kunststoff selber k\u00f6nnte die Bodenfruchtbarkeit nachhaltig beeinflusst werden. Immerhin werden weltweit j\u00e4hrlich circa 300 Millionen Tonnen an persistenten Kunststoffen erzeugt, die irgendwann auch in unsere B\u00f6den gelangen. Die \u00f6kologischen Folgen einer Akkumulation von unzersetzbaren, persistenten Kunststoffteilchen in den B\u00f6den sind derzeit noch nicht absehbar.<\/p>\n<p>Gerade deswegen sind biologisch abbaubare Kunststoffe so wichtig und wir brauchen sie dringender denn je: Sie sind deshalb so notwendig, weil sie irgendwann \u2013 nicht heute und nicht morgen \u2013 in nat\u00fcrliche Kreisl\u00e4ufe zur\u00fcckgef\u00fchrt werden. So wird ein Biokunststoff aus Maisst\u00e4rke bereits nach 45 Tagen in einer industriellen Anlage vollst\u00e4ndig zu wertvollem Kompost umgewandelt. Unverst\u00e4ndlich werden dann allgemeine Aussagen wie zum Beispiel dass \u201edie im Zusammenhang mit ihrer Entsorgung ins Spiel gebrachte Kompostierung der biologisch abbaubaren Kunststoffe\u201c keine gute L\u00f6sung oder \u201ekeine sinnvolle Art der Verwertung\u201c sei \u2013 nachzulesen in einer Brosch\u00fcre des Umweltbundesamt vom August 2009. Denn, wie es weiter hei\u00dft, \u201eentstehen keine wertgebenden Kompostbestandteile, wie N\u00e4hrstoffe und Mineralien oder bodenverbessernder Humus, sondern ausschlie\u00dflich Kohlendioxid CO<sub>2<\/sub> und Wasser.\u201c Das ist soweit richtig bei einigen der derzeit verwendeten abbaubaren Kunststoffen. Deswegen m\u00fcssen wir aus Forschersicht, aber auch aus industrieller Sicht diese Aussagen ernstnehmen und Kunststoffe entwickeln, die, wenn sie einmal in die Umwelt ausgebracht werden, bodenverbessernde Wirkungen entfalten k\u00f6nnen. Da es solche Kunststoffe noch kaum gibt, m\u00fcssen wir solche weiterentwickeln und intensiv erforschen.<\/p>\n<p>Im Freiland herrschen meist mildere Bedingungen als in einer industrielle Kompostierungsanlage, sodass unter Umweltbedingungen Kunststoffe weitaus langsamer abgebaut werden \u2013 wenn \u00fcberhaupt. W\u00e4hrend der vollst\u00e4ndige Abbau von beispielsweise Polymilchs\u00e4ure (PLA) unter idealen Vorrausetzungen bis zu 60 Tagen dauert, wird unter realen Umweltbedingungen auch nach 180 Tagen kein Abbau des Materials beobachtet. Auch konnte in Laborversuchen kein mikrobieller Abbau nachgewiesen werden, es erfolgt lediglich eine Spaltung des Polymers PLA durch Wasser (Hydrolyse). Gerade deshalb m\u00fcssen wir weiter an der Entwicklung von Kunststoffen forschen, bei deren mikrobieller Abbau nach der Nutzungsphase gewisserma\u00dfen programmiert werden kann, um so einen bodenerhaltenden, ja bodenverbessernden Kunststoff zu bekommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ziel einer jeden Kunststoffforschung und -entwicklung muss also von den Fragen getrieben sein, wie nachhaltig und wenig umweltbelastend das Produkt erzeugt werden kann und vor allem Dingen was nach der Nutzungsphase mit dem Produkt geschieht. Dabei sind nat\u00fcrlich nicht nur die Recycling-, Regenerierungs- und Wiedernutzungsma\u00dfnahmen von grundlegender Bedeutung. Irgendwann ist das Produkt \u201eausgenutzt\u201c und wird ganz oder teilweise in die Umwelt ausgebracht. Hier muss es dann quasi von selbst durch biologischen oder chemisch-physikalischen Abbau in die nat\u00fcrlichen Kreisl\u00e4ufe integriert werden, denn sonst kommt es zu einer Anreicherung von Millionen an Tonnen von persistenten Kunststoffen in unseren Lebensr\u00e4umen, die dadurch stark beeintr\u00e4chtigt werden k\u00f6nnen \u2013 bis hin zur Unbewohnbarkeit. Die Umweltgef\u00e4hrlichkeit und der Austrag der f\u00fcr die Herstellung von Kunststoffen so wichtigen Additive m\u00fcssen ber\u00fccksichtigt und \u00fcberdacht werden. Dies sollten die Leitgedanken f\u00fcr die Erforschung und Entwicklung einer neuen Generation an \u201eBiokunststoffen\u201c sein.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnen wir also noch tun? Das einfachste Mittel, dass jeder Verbraucher in der Hand hat, ist der Verzicht. Wir als Verbraucher k\u00f6nnen uns \u00fcberlegen, ob wir jede uns angebotene Plastikt\u00fcte wirklich brauchen. Ist die Kunststoffverpackung f\u00fcr jedes Produkt, jede CD, jedes Buch, jedes St\u00fcck Obstes, jedes Gem\u00fcse wirklich n\u00f6tig? Gibt es nicht Alternativen, etwa aus nachwachsenden Rohstoffen und sind diese gar biologisch abbaubar? Mit dem n\u00f6tigen Wissen kann jeder zwischen den konventionellen Kunststoffen und den Biokunststoffen oder den Naturstoffen unterscheiden. Um es noch besser zu machen, ist hier die Industrie und der Gesetzgeber gefragt, die alle n\u00f6tigen Mittel in der Hand halten, um Biokunststoffe aus ausschlie\u00dflich nachwachsenden Rohstoffquellen mit biologischer Abbaubarkeit herzustellen. W\u00fcrden dann ausschlie\u00dflich solche Biokunststoffe zur Verf\u00fcgung stehen, w\u00e4re deren Verwendung dann unabh\u00e4ngig von der Wahl des Verbrauchers. Mit anderen Worten: Der Endverbraucher erbringt f\u00fcr unsere Umwelt einen Dienst, ohne es zu wissen, und Industrie und Gesetzgeber w\u00fcrden ganz im Sinne der Nachhaltigkeit handeln.<\/p>\n<p>Deshalb brauchen wir Biokunststoffe. Zum einen, weil die fossilen Rohstoffe und alles das, was wir momentan an Kunststoffmaterialien herstellen, einfach endlich ist. Das hei\u00dft, dass diese Rohstoffe irgendwann aufgebraucht sein werden und dann k\u00f6nnen wir das, was wir momentan daraus erzeugen, nicht mehr daraus herzustellen. Deshalb brauchen wir Biokunststoffe, die auf nachwachsenden Rohstoffen basieren. Und zwar brauchen wir sie genau um ihrer biologischen Abbaubarkeit willen. Das bedeutet, dass sie irgendwann aus unserer Umwelt wieder verschwinden und damit wieder an den nat\u00fcrlichen Kreisl\u00e4ufen teilnehmen.<\/p>\n<p>Studierende der Universit\u00e4t Freiburg, die uns im Wissenschaftszentrum f\u00fcr Nachwachsende Rohstoffe in Straubing besuchten, schrieben folgenden Eintrag in unser G\u00e4stebuch: \u201eF\u00fcr eine Welt ohne Plastik.\u201c Ohne Plastik muss es gar nicht sein, aber es muss mit den richtigen Kunststoffen, den entsprechenden Biokunststoffen sein, die aus nachhaltigen Quellen, aus nachwachsenden Rohstoffen herstellbar und die eben auch biologisch abbaubar sind. Wenn wir anfangen, diesen Gedanken zu folgen, dann kann ich mir eine Wende im Plastoz\u00e4n durchaus vorstellen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Forderung nach Biokunststoff soll schon zu Beginn einfach beantwortet werden: Wir brauchen Biokunststoffe deshalb, weil die Rohstoffquelle Erd\u00f6l der synthetischen Kunststoffe endlich ist und weil sich die Kunststoffe in unserem \u00d6kosystem anreichern und damit ein erhebliches \u00f6kologisches Risiko beinhalten. 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