{"id":118312,"date":"2026-01-29T09:57:25","date_gmt":"2026-01-29T08:57:25","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118312"},"modified":"2026-01-29T09:57:25","modified_gmt":"2026-01-29T08:57:25","slug":"einfuehrung-zur-veranstaltung-in-der-reihe-wissenschaft-fuer-jedermann","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/einfuehrung-zur-veranstaltung-in-der-reihe-wissenschaft-fuer-jedermann\/","title":{"rendered":"Einf\u00fchrung zur Veranstaltung in der Reihe \u201eWissenschaft f\u00fcr jedermann\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Kunststoff ist nicht gleich Kunststoff. Der negative Klang, den das Wort in den Ohren vieler \u00f6kologisch gesinnter Zeitgenossen hat, ist nicht in jedem Fall angemessen. Darauf weist schon die Etymologie des Wortes hin: \u201eKunst\u201c bezeichnet ein K\u00f6nnen, ein Verm\u00f6gen oder eine Kulturf\u00e4higkeit, griechisch <em>techne<\/em>, in diesem Fall die F\u00e4higkeit, \u201ekunstfertig\u201c Materialien oder Stoffe zu generieren. Das Denken im gewohnten Gegensatzpaar \u201eTechnik &#8211; Natur\u201c f\u00fchrt, wenn man es unmittelbar normativ aufl\u00e4dt, in die Sackgasse einer nicht entscheidbaren Alternative. Denn \u201eKunststoffe\u201c im weiten und urspr\u00fcnglichen Sinn des \u201ek\u00fcnstlichen\u201c Herstellens von Werkstoffen f\u00fcr menschliche Bed\u00fcrfnisse sind sp\u00e4testens im gegenw\u00e4rtigen Zeitalter der technisch gepr\u00e4gten Zivilisation unverzichtbar. Ethisch sinnvoll und praktikabel ist nicht die Entscheidung zwischen Technik und Natur oder Chemie und \u00d6kologie, sondern nur die Suche nach einer neuen Synthese zwischen diesen beiden Polen unserer modernen Existenz. Mit anderen Worten: Es gibt keinen \u201eR\u00fcckweg\u201c vom Plastikzeitalter in das vermeintliche Paradies des reinen Naturzustandes, sondern allenfalls den Weg vorw\u00e4rts in die bewusste Gestaltung einer human und \u00f6kologisch vertr\u00e4glichen Symbiose von Natur und Technik.<\/p>\n<p>Worauf es ankommt ist die Vermeidung spezifischer Umweltbelastungen. Der weltweite, in den letzten Jahrzehnten besonders durch China beschleunigte Siegeszug von Kunststoffen auf fossiler Basis, meistens \u201ePlastik\u201c genannt, entpuppt sich heute als eines der zentralen Umweltprobleme \u2013\u00a0 als eine B\u00fcchse der Pandora: Ein Geschenk an die Menschheit, das zun\u00e4chst attraktiv scheint, sich aber zunehmend als Unheil erweist. Die Schattenseiten der sch\u00f6nen neuen Plastikwelt wurden vielen durch den investigativen Dokumentarfilm PLASTIC PLANET des \u00f6sterreichischen Regisseurs Werner Boote (2009) bewusst. Die Unmengen von Plastikm\u00fcll im Meer k\u00f6nnen wir trotz gegenteiligen Werbekampagnen der Europ\u00e4ischen Kunststoffindustrie nicht l\u00e4nger ignorieren. So gei\u00dfelt Papst Franziskus in seiner Umweltenzyklika mit scharfen Worten die Verwandlung des Planeten in eine \u201eunermessliche M\u00fclldeponie\u201c (Laudato si\u2018, Nr. 21).<\/p>\n<p>Plastik scheint zum Fluch geworden zu sein, der heute in Form von M\u00fcll das Gesicht der Erde verwandelt. Eine Plastikt\u00fcte ist im Durchschnitt ca. zehn Minuten in Gebrauch, w\u00e4hrend ihre Verrottung 500 Jahre dauern kann. Mit dem Plastikm\u00fcll hinterl\u00e4sst die Menschheit eine global sichtbare Spur auf dem Planeten. K\u00fcnftige Arch\u00e4ologen werden den Plastikm\u00fcll \u2013 so wird vermutet \u2013 als einem Leitindikator f\u00fcr die neue erdgeschichtliche Epoche des Menschenzeitalters (Anthropoz\u00e4n) identifizieren.<\/p>\n<p>Wer umweltbewusst leben will, sollte den Gebrauch und vor allem das achtlose Wegwerfen von fossilbasiertem Plastik vermeiden. Dies wird immer mehr zu einem Ma\u00dfstab f\u00fcr umweltgerechte Lebensstile. Konsequentes \u201ePlastikfasten\u201c ist jedoch nicht leicht und fordert bisweilen harten Verzicht. Aber nicht nur. Plastikvermeidung ist auch eine Frage der technischen Innovation. Kunststoffe k\u00f6nnen auf biogener Grundlage (und damit plastikfrei) entwickelt werden. Zum Beispiel aus Zelluloid. Das ist zun\u00e4chst etwas teurer als Fossil-Plastik, hat aber den unsch\u00e4tzbaren Vorteil, dass solche Biokunststoffe nat\u00fcrlich abbaubar sind. Denn erst die fossilen Bestandteile f\u00fchren dazu, dass der Abfall nicht verrottet, und daher nicht oder nur sehr verz\u00f6gert in die biologischen Kreisl\u00e4ufe zur\u00fcckgef\u00fchrt werden kann. Der Handlungsbedarf ist dringend.<\/p>\n<p>Wir hatten hier im Deutschen Museum in der Reihe \u201eWissenschaft f\u00fcr jedermann\u201c bereits eine Veranstaltung dazu: \u201ePlastikm\u00fcll im Meer \u2013 sichtbare und unsichtbare Gefahr\u201c am 12. 2.\u00a0 2014 mit Prof. Dr. Gerd Liebezeit von der Universit\u00e4t Oldenburg (<em>siehe \u201ezur debatte\u201c 4-2014<\/em>). Damals ging es um die Auswirkungen des Plastikm\u00fclls in den Meeren. Inzwischen gingen die Bilder von verendenden Meerestieren, die Plastik verschluckt haben und daran ersticken oder verhungern, weil ihre M\u00e4gen statt mit Nahrung mit kleinteilig zerfallenen Plastikresten gef\u00fcllt sind, vielfach durch die Medien. Die Aktualit\u00e4t des Themas hat also keineswegs abgenommen.<\/p>\n<p>Die heutige Veranstaltung f\u00fchrt die Debatte jedoch einen Schritt weiter: Nun geht es um Handlungsperspektiven aus chemischer Sicht. Hierzu zeigen die sogenannten \u201eBiokunststoffe\u201c teils ganz neue, teils l\u00e4ngst bekannte, aber nicht umgesetzte Perspektiven auf. In der Diskussion werden wir dies durch eine gesellschaftliche Sicht erg\u00e4nzen. Denn die Wende im Plastikzeitalter ist machbar, wenn wir sie mit hinreichender Entschlossenheit wollen und diesen Willen auch gesellschaftlich organisieren. Dazu brauchen wir nicht nur die angesprochenen Synthese von Natur und Technik, sondern auch die von innovativer Forschung, medial in die Breite getragenem Bewusstseinswandel, international abgestimmter Gesetzgebung sowie pers\u00f6nlicher Bereitschaft zu Verhaltens\u00e4nderungen.<\/p>\n<p>Die Forschung zu Biokunststoffen ist Teil einer neuen Richtung der wissenschaftlich-technischen Entwicklung, die oft als \u201eBio\u00f6konomie\u201c umschrieben wird. Dazu hat die Bayerische Staatregierung 2015 einen eigenen Sachverst\u00e4ndigenrat gegr\u00fcndet, wie dies zuvor bereits auf Bundes- und EU-Ebene geschah. Erhofft wird von der Bio\u00f6konomie eine neue Art der Synthese aus technisch-industrieller Entwicklung und pr\u00e4ventivem Umweltschutz im Bereich von Material- und Werkstoffentwicklung, aber auch in den Feldern der pflanzenbasierten Bioenergie oder der nachhaltigen Ern\u00e4hrung. Ziel ist eine umfassende Ressourcenwende, die die Energiewende flankiert, das \u201eFossilzeitalter\u201c hinter sich l\u00e4sst und eine klimavertr\u00e4gliche Moderne erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Ob und wie eine solche Synthese aus \u00d6kologie und \u00d6konomie gelingen kann, ist hei\u00df umstritten: W\u00e4hrend die Bundesregierung bereits mehrere Milliarden Euro f\u00fcr die bio\u00f6konomische Ressourcenwende an F\u00f6rdermitteln investiert\u00a0 bzw. bewilligt hat, sehen andere in der Bio\u00f6konomie das Paradigma einer vollst\u00e4ndigen \u00d6konomisierung der Natur, die auf einen Ausverkauf der Ressourcen hinauslaufe. Tats\u00e4chlich ist die bisherige Bilanz der \u201eGreen Economy\u201c, wie das Projekt auch genannt wird, ern\u00fcchternd. Das Versprechen einer rein technischen L\u00f6sung der Umwelt- und Klimaprobleme erweist sich als gef\u00e4hrliche Illusion. Worauf es ank\u00e4me, w\u00e4re eine Verkn\u00fcpfung des technischen mit einem ethischen Paradigmenwechsel, also einem Wertwandel in Bezug auf das Verst\u00e4ndnis von Wohlstand, Wachstum und Lebensqualit\u00e4t. Denn ohne diesen werden die technisch erm\u00f6glichten Naturentlastungen, wie die Erfahrungen vielfach zeigen, durch eine noch schnellere Steigerung des Anspruchsniveaus sowie des systemischen Risiken \u201eaufgefressen\u201c.<\/p>\n<p>Das Paradigma der Bio\u00f6konomie ist deutungsoffen: Man kann darunter ebenso gut eine \u00d6konomisierung der \u00d6kologie, die die Natur lediglich als wirtschaftliche Ressource wahrnimmt, sehen wie \u2013 in umgekehrter Leserichtung \u2013 eine \u00d6kologisierung\u00a0 der \u00d6konomie, die den Weg zu einer auf erneuerbaren Rohstoffen basierenden Wirtschaft ebnet. Angesichts dieser Ambivalenz kann und muss man um die Deutung und die entsprechende Umsetzung des Konzeptes streiten.<\/p>\n<p>Der Bayerische Sachverst\u00e4ndigenrat f\u00fcr Bio\u00f6konomie hat Leitlinien f\u00fcr eine neue, ethisch fundierte Bio\u00f6konomie definiert und diese durch Vorschl\u00e4ge f\u00fcr exemplarische Handlungsfelder konkretisiert (vgl. http:\/\/www.biooekonomierat-bayern.de\/). Gerade weil das Paradigma der Bio\u00f6konomie ambivalent und deutungsbed\u00fcrftig ist, habe ich mich wohl derzeit weltweit einziger Theologe f\u00fcr die Arbeit einem solchen Sachverst\u00e4ndigenrat zur Verf\u00fcgung gestellt. Meine Motivation daf\u00fcr ist auch die Faszination durch wissenschaftlich-technische Innovation im Bereich der Biokunststoffe. Diese sind Ausdruck einer von den Erfolgsgeheimissen der Natur inspirierten Technik, die in einigen Bereichen einen Quantensprung an \u00f6kologischer sowie gesundheitlicher Vertr\u00e4glichkeit sowie h\u00f6herer Effizienz von Werkstoffen mit sich bringen k\u00f6nnen. Die Wende im Plastikzeitalter ist m\u00f6glich. Sie braucht innovative Forscher wie Professor Cordt Zollfrank, der uns heute an seinem Wissen teilhaben l\u00e4sst, aber auch Akteure in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, die die gesellschaftliche Transformation f\u00fcr eine postfossile Wende im Plastikzeitalter mit Nachdruck wollen und vorantreiben.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kunststoff ist nicht gleich Kunststoff. Der negative Klang, den das Wort in den Ohren vieler \u00f6kologisch gesinnter Zeitgenossen hat, ist nicht in jedem Fall angemessen. 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