{"id":118326,"date":"2026-01-29T10:20:43","date_gmt":"2026-01-29T09:20:43","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118326"},"modified":"2026-01-29T10:26:48","modified_gmt":"2026-01-29T09:26:48","slug":"afrika-geht-online-digitalisierung-als-chance-fuer-die-entwicklungspolitik","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/afrika-geht-online-digitalisierung-als-chance-fuer-die-entwicklungspolitik\/","title":{"rendered":"Afrika geht online"},"content":{"rendered":"<p><strong>Florian Schuller:<\/strong> Pater Balleis, Sie sind in einem kleinen Bauerndorf in der N\u00e4he von Augsburg geboren. Die Priesterweihe war dann aber in Harare, der Hauptstadt von Simbabwe. Wie kam es, dass sich Ihr Leben von Augsburg in Richtung Harare entwickelt hat?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>P. Peter Balleis: <\/strong>1976, kurz vor dem Abitur, hatte ich Gelegenheit, mit einem Benediktinerpater von St. Ottilien im Westen von Kenia einen Missionar zu besuchen. Da ist die Welt in meinem Kopf explodiert. Die kulturelle Verschiedenheit, auch die Armut, haben viele Fragen angesto\u00dfen, die dann den Prozess einer Berufung vorangetrieben haben. Schlie\u00dflich bin ich in den Jesuitenorden eingetreten, um in die Mission zu gehen. So kam ich 1984 nach Simbabwe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller: <\/strong>Und warum nicht zu den Benediktinern, nach St. Ottilien?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>P. Peter Balleis:<\/strong> Vielleicht bin ich doch nicht so der Mensch f\u00fcr einen stabilen Ort, sondern brauche einen gr\u00f6\u00dferen Rahmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller:<\/strong> Frau Manske, Sie waren drei Jahre bei Vodafone, sind Mitglied mehrerer Institutionen, unter anderem auch bei einer, die ich bisher nicht kannte, \u201eThink Tank 30\u201c: Auf der Homepage findet man lauter junge Leute, alles \u201eDigital Natives\u201c. Sie haben hier in M\u00fcnchen an der LMU studiert, und in Mexiko Stadt. Wenn Sie die Kommilitoninnen und Kommilitonen von M\u00fcnchen und von Mexiko Stadt vergleichen, welche \u00c4hnlichkeiten, welche Unterschiede haben Sie da vor Augen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Julia Manske:<\/strong> Den gro\u00dfen Unterschied macht die Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit. Das hat mich immer sehr bewegt. Auch der \u201eThink Tank 30\u201c ist eine junge Organisation des \u201eClub of Rome Deutschland\u201c, die sich den Fragen von sozialer Nachhaltigkeit widmet. Um auf Mexiko einzugehen: Es ist ein Land mit unglaublichen Ungleichheiten, die es sehr schwierig machen, soziale Mobilit\u00e4t zu f\u00f6rdern. Meine Hoffnung ist, und so bin ich auch zum Digitalisierungsthema gekommen, dass gerade im lateinamerikanischen Raum die Digitalisierung im besten Fall dazu beitr\u00e4gt, mehr Chancen zu schaffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller:<\/strong> Deshalb noch einmal die R\u00fcckfrage: Die Studierenden in M\u00fcnchen und Mexiko Stadt, unterscheiden die sich fundamental? Oder haben sie eine \u00e4hnliche optimistische oder pessimistische Wahrnehmung der Wirklichkeit?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Julia Manske:<\/strong> Ich habe in Mexiko an der UNAM, der Nationalen Autonomen Universit\u00e4t von Mexiko, studiert. Die UNAM ist eine \u00f6ffentliche Universit\u00e4t, die unterscheidet sich stark von den privaten Universit\u00e4ten im lateinamerikanischen Raum. Dort gab es starke Impulse, politisch etwas bewegen zu wollen, sich auch gegen das System zu wehren oder die Korruption zu bek\u00e4mpfen. Das sind Themen, mit denen sich ein M\u00fcnchner Student normalerweise nicht auseinandersetzen muss. Aber generell ist meine Generation eine Generation, bei der es sehr viel Harmonisierung gibt. Die Leute h\u00f6ren \u00e4hnliche Musik, bekommen durch die sozialen Medien eine sehr \u00e4hnliche Vorstellung von der Welt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller:<\/strong> Prinz Ludwig, wenn man an das Haus Wittelsbach denkt, denkt man an gro\u00dfes Engagement f\u00fcr Kunst oder an die Liebe zu Griechenland. Aber Wittelsbach und Afrika, wie geht das zusammen? Einer Ihrer Onkel ist Missionsbenediktiner von St. Ottilien und leitet eine riesige Pfarrei im Norden Kenias. Gibt es doch so etwas wie ein Afrika-Gen im Hause Wittelsbach?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Prinz Ludwig:<\/strong> Wenn, dann ist es ein schlummerndes Gen; denn sehr viele machen immer wieder die Erfahrung, und ich bin da sicher nicht der Einzige: Wer einmal diesen Kontinent betreten hat, kann leicht daran kleben bleiben. So war es ganz sicher bei meinem Onkel Pater Florian, der dort sein ganzes Leben verbracht hat und nun seit \u00fcber 20 Jahren mit einem richtigen Nomadenstamm zusammenlebt.<\/p>\n<p>Bei mir war es so, dass ich erst \u00fcber kleine Reisen f\u00fcr den Hilfsverein Nymphenburg, eine gemeinn\u00fctzige Organisation, die meine Familie ins Leben gerufen hat, immer \u00f6fter nach Kenia gefahren bin. Ich habe dann gemerkt, dass ich in diesen abgeschiedenen Regionen, wo es fast keine Chancen gibt, wirklich viel erreichen kann. Das in Kombination mit der Liebe zum Kontinent Afrika hat mich dazu gebracht, f\u00fcr zumindest eine Lebensphase dort sehr intensiv zu sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller:<\/strong> Wir wollen uns drei Themenbl\u00f6cke vornehmen. Erster Block: Wie ist die Situation der Digitalisierung, welche Chancen gibt es, welche Gefahren? Dann die beiden Projekte von Ihnen, Pater Balleis und Prinz Ludwig, und in einem dritten Bereich, die Konsequenzen f\u00fcr Politik bei uns und weltweit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller:<\/strong> Wie ist die Situation von Digitalisierung der L\u00e4nder in Entwicklung, gibt es Ungleichzeitigkeiten, kann man irgendwelche Trends festmachen? Sie sind in der entsprechenden Forschung ziemlich weit, Frau Manske.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Julia Manske:<\/strong> Wir erinnern uns alle noch gut an den \u201eArabischen Fr\u00fchling\u201c. Damals gab es viel Euphorie, weil die Aufst\u00e4nde vor allem \u00fcber soziale Medien organisiert wurden, und es gab die gro\u00dfe Hoffnung, dass mit diesen Technologien auch gro\u00dfe Fortschritte im Entwicklungskontext erreicht werden k\u00f6nnen. Ern\u00fcchterung ist eingetreten, vielleicht auch einfach mehr Realismus. Wir haben verstanden, dass Technologie bestehende Systeme bef\u00f6rdern und behindern kann, genauso wie jedes andere Instrument auch.<\/p>\n<p>Mit der Digitalisierung tun sich viele Chancen auf im Bildungsbereich, in der Landwirtschaft, bei der Verbesserung von Regierungssystemen mit einem sogenannten \u201eE-Government\u201c. Gleichzeitig ergibt sich aber auch eine Vielzahl von Risiken, und die Chancen werden teilweise schon wieder durch die Risiken minimiert; denn von den Vorteilen der Digitalisierung profitieren unterschiedliche Akteure, und die Verteilung ist sehr ungleich. Nicht nur kontinentale Unterschiede, auch die Verteilung zwischen Mann und Frau, das Alter spielt eine gro\u00dfe Rolle. Dann besonders die Diskrepanz zwischen Stadt und Land. Wer zum Beispiel Nairobi kennt und dann eine Stunde hinausf\u00e4hrt, wird sehen, dass Digitalisierung in 40 Kilometer Entfernung doch noch einmal anders aussieht. Nach dem j\u00fcngsten Weltbankbericht von Anfang des Jahres haben 60 Prozent der Weltbev\u00f6lkerung immer noch keinen Zugang zum Internet.<\/p>\n<p>Was hei\u00dft es \u00fcberhaupt, Zugang zum Internet zu haben? Zum Beispiel unser Zugang zum Internet \u00fcber Desktop, der findet in den meisten L\u00e4ndern so nicht statt. H\u00e4ufig gibt es ausschlie\u00dflich den Zugang \u00fcber Telefon. Das muss nicht schlecht sein, hat aber zur Folge, dass Dienstleistungen oder Angebote angepasst werden m\u00fcssen. Das Andere ist, dass die Digitalisierung ganz neue Kompetenzen erfordert und eine neue Herausforderung f\u00fcr den Arbeitsmarkt darstellt. Gleichzeitig sehen wir, dass im Moment vor allem immer noch die Eliten profitieren, die sowieso einen guten Bildungsstand haben.<\/p>\n<p>Aber letztlich birgt jede neue Dienstleistung gro\u00dfe Chancen, gerade im Bereich der IT-Systeme. Umgekehrt k\u00f6nnen es gerade digitale Technologien im Zweifelsfall auch erleichtern, dass undemokratische Staaten zus\u00e4tzliche Macht \u00fcber ihre B\u00fcrger aus\u00fcben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller: <\/strong>Manchmal wird ja von Kenia als dem \u201eSilicon Savannah\u201c gesprochen. Wie schaut es dort wirklich aus mit der Digitalisierung?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Prinz Ludwig:<\/strong> \u201eSilicon Savannah\u201c \u2013 ich wei\u00df nicht, ob wir wirklich so weit sind. Tats\u00e4chlich entwickelt sich gerade Nairobi zu so etwas wie einem Schwerpunkt f\u00fcr junge IT-Unternehmen in Ostafrika. Google zum Beispiel unterst\u00fctzt dort kleine Inkubatoren. In vielen Zentren kann man sich treffen und austauschen zu digitalen Themen. Und es gibt eine Reihe von Firmen, die f\u00fcr den lokalen Markt alle m\u00f6glichen digitalen Dienstleistungen anbieten. Recht neu haben jetzt die ersten Firmen angefangen, Dienstleistungen nach Kenia outzusourcen. Es gibt zum Beispiel ein Unternehmen, das sich \u201eSamasource\u201c nennt; ein anderes nennt sich DDD, \u201eDigital Divide Data\u201c, wo es darum geht, ganz einfache T\u00e4tigkeiten, statt sie an billige Arbeitskr\u00e4fte in Indien zu geben, an solche in Afrika zu vermitteln. Aber insgesamt hat das Ganze noch keine allzu gro\u00dfen Zahlen und gro\u00dfe Wirtschaftskraft erreicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller:<\/strong> Andererseits gibt es ja da dieses hochinteressante Bezahlsystem, viel weiter entwickelt als bei uns.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Prinz Ludwig: <\/strong>Ja, dass Menschen in ihrem allt\u00e4glichen Leben die digitale Welt nutzen, ist sehr stark ausgepr\u00e4gt, und zwar nicht nur in Nairobi, sondern in ganz Kenia. Erstaunlicherweise auch in Regionen, die vollkommen unterentwickelt sind, wo es keine Stra\u00dfen gibt, wo die Leute teilweise noch nicht einmal einen Fernseher gesehen haben, selbst dort gibt es gro\u00dffl\u00e4chig 3G-Empfang, also mobiles Internet. Es wird immer mal wieder gemunkelt, dass teilweise in der W\u00fcste Ostafrikas der mobile Internetausbau besser sei als in Bayern.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Florian Schuller:<\/strong> Und wie funktioniert diese Finanzierungsm\u00f6glichkeit?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Prinz Ludwig: <\/strong>\u00dcberall wo es Netzempfang gibt, haben fast alle Leute ein Telefon. Nicht immer ein Smartphone, aber zumindest ein Telefon. Sehr verbreitet sind die alten Nokia-Handys \u2013<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Florian Schuller:<\/strong> \u2013\u00a0 die Knochen!? \u2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Prinz Ludwig:<\/strong> Genau, das sind tolle Dinger, die Batterie h\u00e4lt drei Wochen lang, ohne dass man nachladen muss, und Sie k\u00f6nnen telefonieren oder SMS schreiben. In Kenia wurde nun ein System entwickelt, wie man \u00fcber SMS ein vollst\u00e4ndiges Banking-System hat. Das Ganze nennt sich \u201em-Pesa\u201c und wird unglaublich gut angenommen. Kein Mensch hat dort ein Bankkonto, aber jeder hat einen \u201em-Pesa-account\u201c, das hei\u00dft, er hat sein Geld im Mobiltelefon. Man findet dann tats\u00e4chlich irgendwo im Norden Kenias zwei Nomaden, die ein Kamel oder eine Ziege verkaufen. Die ziehen beide ihr Handy und bezahlen dann mit \u201em-Pesa\u201c das Kamel. Der eine schickt einen Code, und der andere kriegt eine SMS, dass das Geld angekommen ist, damit ist das Kamel verkauft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>P. Peter Balleis: <\/strong>Man spricht ja vom digitalen Graben, und der ist besorgniserregend. Ich kenne eine Afrikakarte zur Verkabelung Afrikas, da gehen die Kabel um Afrika herum und an den K\u00fcstenl\u00e4ndern hinein, aber es gibt Bereiche in Afrika, da findet man kein einziges Kabel. Das war eine unserer Herausforderungen, auch in Kenia: Wie bringen wir das Internet in ein Fl\u00fcchtlingslager 600 Kilometer n\u00f6rdlich von Nairobi? Mit safari.com \u00fcber Radio-Transmitter ist es uns dann gelungen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Prinz Ludwig: <\/strong>Das Problem l\u00f6st sich momentan rapide. Sie haben gerade \u00fcber das Fl\u00fcchtlingslager Karkuma gesprochen. Dort braucht man jetzt nicht mehr eine Richtantenne; es gibt inzwischen ganz normalen 3G-Empfang. Und jede Woche gibt es eine weitere Antenne, ein weiterer riesiger Block auf dem Gel\u00e4nde hat dann eben auch Internet. Es kommt schnell in Gegenden, f\u00fcr die man sich nicht vorstellen kann, dass sich das lohnt. Aber es lohnt sich; es sind keine NGOs, sondern Wirtschaftsunternehmen, die Sendemasten aufstellen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Florian Schuller: <\/strong>Wer bezahlt das, und wie funktioniert das wirtschaftlich?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Prinz Ludwig: <\/strong>Es rechnet sich. Es leben einfach viele Menschen in diesen Gegenden, und das Handy, in manchen F\u00e4llen ein Smartphone, ist das einzige Medium, das diese Menschen verwenden. Alle diese kleinen Anrufe, auch wenn es nur winzige Betr\u00e4ge sind, addieren sich so, dass es wirtschaftlich lohnend ist, Sendemasten hinzustellen. Manchmal auch nur, um der Platzhirsch zu sein, um als Unternehmen die beste Abdeckung zu haben, weil man wei\u00df, dass es sich dann in f\u00fcnf Jahren lohnt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>P. <\/strong><strong>Peter Balleis: <\/strong>Das stimmt. Aber in L\u00e4ndern wie Zentralafrika, Ost-Tschad gibt es kein Internet, oder es ist sehr schwierig, Zugang zu bekommen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Florian Schuller:<\/strong> Wie sieht es dann in Asien aus?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>P. Peter Balleis: <\/strong>Viele der Technologien werden ja in Asien entwickelt. Ich kann aber nur von den L\u00e4ndern reden, wo wir arbeiten, in Afghanistan, in Herat und in Bamiyan. Unser Interesse ist dort, das Internet zu ben\u00fctzen, um Bildungsprojekte voranzutreiben.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Julia Manske: <\/strong>Der Unterschied besteht zwischen einem Zugang zur Mobilfunktechnologie einerseits und andererseits zum Internet, und dann je nachdem noch einmal, welche Geschwindigkeit man beim Internet hat. Ein Land wie \u00c4thiopien, das fl\u00e4chendeckend Mobilfunktechnologie bietet, hat aber nur zwei Prozent Zugang zum Internet. Das muss nicht unbedingt schlecht sein, weil man sich auch \u00fcber Mobilfunktechnologie Dienstleistungen anbieten lassen kann, aber nat\u00fcrlich bleibt es eine Einschr\u00e4nkung. Man muss schon fragen, welche L\u00e4nder \u00fcberhaupt langfristig mitgenommen werden k\u00f6nnen. Und als letzter Punkt: In vielen L\u00e4ndern gibt es vielleicht Zugang zum Internet, der ist aber so unglaublich teuer, dass ihn sich die meisten noch nicht leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Florian Schuller: <\/strong>Gibt es also Gefahren einer Monopolisierung?<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Prinz Ludwig: <\/strong>Der Hinweis war richtig. Die Kosten beim Internet sind in Afrika an \u201ebundles\u201c festzumachen, die kosten Geld. Das eine ist, Zugang zum Internet zu haben, der f\u00fcr ein Zahlungssystem ausreicht, oder eine E-Mail zu schreiben, aber dann fehlt h\u00e4ufig eben der Zugang zu komplexen Inhalten oder Lernmaterialien; Lernvideos sind datenintensiv. W\u00e4hrend hier in Deutschland jeder eine Flatrate hat, sind Flatrates dort eher un\u00fcblich und zu teuer, man zahlt etwa ein Cent f\u00fcr ein Megabyte. Wenn man ein Grundeinkommen von weniger als ein Dollar hat, wie viele Leute dort, kann man sich eben nicht sehr viele Megabyte leisten. Gerade, wenn wir \u00fcber Lernen durch Internet reden, brauchen wir aber Videos.<\/p>\n<p>Es gibt allerdings innovative L\u00f6sungen. Zum Beispiel \u00f6ffnet in Nairobi eine meiner Partnerorganisationen gerade ein System, das f\u00fcr den gesamten Slum Lerninhalte \u00fcber lokale Server anbietet. Das ist quasi ein riesiges Wi-Fi-Netz, auf dem unglaublich viele Lernvideos, Lernquizze, Lernprogramme verf\u00fcgbar sind, und wo sich jeder \u00fcber ein Wi-Fi mit seinem Smartphone, wenn er eines hat, einloggen kann. Und dann gibt es international noch einige gr\u00f6\u00dfere Initiativen. Facebook hat gerade etwas gestartet, auch f\u00fcr Lerninhalte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller: <\/strong>Damit kommen wir zu unserem n\u00e4chsten Themenbereich: E-Learning. Pater Balleis, wie funktioniert denn Ihre Online-Universit\u00e4t f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>P. <\/strong><strong>Peter Balleis:<\/strong> Der Begriff \u201eOnline-Universit\u00e4t\u201c stimmt nicht ganz. Das ist n\u00e4mlich eine Zusammenarbeit von Universit\u00e4ten, die via online Lerninhalte und h\u00f6here Bildung anbieten, also die Universit\u00e4t dorthin bringen, wo die Leute sind, an den R\u00e4ndern \u2013 \u201emarginalized\u201c, \u201eat the margin\u201c, so ist der Untertitel \u2013 und auch zu Bev\u00f6lkerungen, die keinen Zugang haben zu Internet und Computer. Deshalb richten wir im Fl\u00fcchtlingslager Karkuma, in Saleka, in Afghanistan, an verschiedenen Pl\u00e4tzen Lernzentren ein, Computerlabors, wo die Leute studieren k\u00f6nnen \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller:<\/strong> \u2026 und real beieinander sind?!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>P. Pater Balleis:<\/strong> Man wei\u00df, die universit\u00e4re Landschaft wird sich rapide ver\u00e4ndern, das wissen auch die Universit\u00e4tsdirektoren. Man dachte vor zwei, drei Jahren, die gro\u00dfen MOOCs, die Massive Open Online Courses, f\u00fchrten zu einer Revolution. Die Realit\u00e4t ist aber, dass 90 Prozent der Teilnehmer diese Kurse nie fertigmachen. Erstens ist es nicht so stimulierend, allein mit einem Computer zu studieren, im eigenen Wohnzimmer, sondern es geschieht einfach mehr, wenn K\u00f6pfe zusammen sind, also ein St\u00fcck des alten, klassischen Modells. Zweitens bekommen die daf\u00fcr auch gar keinen Abschlussnachweis, es sei denn, die zahlen Harvard oder dem MIT einen Haufen Geld daf\u00fcr; und Arme haben kein Geld.<\/p>\n<p>Unser Modell verleiht den Abschluss einer amerikanischen Universit\u00e4t, der Regis University in Denver\/Colorado, er\u00f6ffnet den Zugang zum Internet und schafft eine \u201elearning community\u201c auch im virtuellen Klassenzimmer, eine weltweite Gemeinschaft von Lernenden. Wir stellen die Klassen, so zusammen, dass Leute im Fl\u00fcchtlingslager in Karkuma, Kongolesen mit Afghanen, mit Syrern in Amman, und Leuten in Myanmar zusammen lernen, sich mit demselben Lerninhalt auseinandersetzen. Die Vision ist, eine globale Kommunit\u00e4t zu schaffen, in der Menschen zusammen denken; denn jeder kann auch etwas beitragen. Da geht es nicht darum, einen Lerninhalt herunterzuladen, sondern darum, zusammen zu lernen und zu denken. Darum ist unser Grundstudium \u201eLiberal Arts\u201c ein geisteswissenschaftlicher Kurs, an dessen Ende die Leute ein Diplom bekommen, und dann k\u00f6nnen sie in andere Studieng\u00e4nge wechseln. Im Grunde ist es ein gemischtes Modell: das Beste vom alten Modell und mit neuer Technologie, um eine globale Gemeinschaft von Lernenden zu schaffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Prinz Ludwig: <\/strong>Ein paar Kommentare dazu. Einmal: ganz wichtig, dass die Leute nicht isoliert vor ihrem Computer sitzen, denn dann machen sie Facebook und \u00e4hnliches, surfen ein bisschen auf Youtube, wenn sie die \u201ebundles\u201c haben, werden aber nicht regelm\u00e4\u00dfig und zuverl\u00e4ssig einen Kurs absolvieren. Wenn man Menschen dagegen mit einem Ziel zusammenbringt, passiert pl\u00f6tzlich wahnsinnig viel. Ob es immer gleich ein Universit\u00e4tsabschluss sein muss, da habe ich pers\u00f6nlich Zweifel. Ich habe in Kenia sehr viele Leute aus der IT-Branche interviewt und festgestellt, dass deren Abschl\u00fcsse nicht das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt waren. Es ist nach wie vor ein korruptes Land; man kann sich einen Abschluss auch kaufen. Die f\u00e4higen Leute haben aber meistens nicht das Geld, die Geb\u00fchren zu bezahlen, um die Ausbildung bis zum Ende zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Entscheidender ist, was die Leute tats\u00e4chlich k\u00f6nnen. Gerade die digitale Welt ist eine sehr kreative Welt und viel weniger theoretisch, als sich das viele vorstellen. Sie liegt n\u00e4her am Handwerk als an der Wissenschaft. Man muss wegkommen davon, zu viele Abschl\u00fcsse zu sammeln, und mehr dahin, wie kann ich die digitale Welt n\u00fctzen, um ein Einkommen zu verdienen. Oft ist es sogar eine Gefahr, dass die Leute einen Abschluss nach dem anderen anstreben, aber nie anfangen, das Ganze umzusetzen. Es gibt wenige Arbeitspl\u00e4tze, deswegen machen viel zu wenige Leute Praktika, oder werden eingestellt nach ihrem Abschluss. Dann verk\u00fcmmert dieses Halbwissen, das sie mit dem Abschluss erworben haben, noch mehr, als es urspr\u00fcnglich war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>P. Peter Balleis:<\/strong> Vielleicht muss ich noch ein bisschen besser erkl\u00e4ren, worum es uns geht. Wir haben Fl\u00fcchtlinge, die konnten ihre Ausbildung nicht beenden. Weniger als ein Prozent haben Zugang zu einem Universit\u00e4tsstudium. Und dass man denen einen ersten Schritt erm\u00f6glicht, ist schon wichtig. Wir machen \u201eskill trainings\u201c, auch nach dem Bologna-System, und bieten Englisch-Kurse an. Uns ist klar, dass die Leute mehr brauchen. Aber: Wenn sich nicht das Denken in manchen Kulturen und L\u00e4ndern \u00e4ndert, wenn nicht neue F\u00fchrungskr\u00e4fte herabgebildet werden, dann kann man so viele Jobs schaffen, wie man will, die werden nie angewandt werden, weil die Rahmenbedingungen so schlecht sind, dass nichts funktioniert, und weil die Korruption immer wieder alles kaputtmacht.<\/p>\n<p>Es geht uns schon darum, durch Geisteswissenschaft Menschen zum Denken auszubilden. Ich komme eben von Kurdistan zur\u00fcck und habe das auch dem dortigen Ministerium f\u00fcr h\u00f6here Bildung erkl\u00e4rt. Einige haben mir gesagt, genau das brauchen wir, Leute auszubilden, die eigenst\u00e4ndig denken. Denn es gibt Kulturen, da ist vom Kindergarten bis zur Universit\u00e4t das Auswendiglernen Hauptkriterium der Bildung, und nicht das eigenst\u00e4ndige, kritische Denken. Und in manchen Kulturen und Situationen ist genau das wichtig. Wir wollen Menschen anregen, die die Katastrophe einer falschen Politik erlebt haben, in Afrika, Afghanistan und vielen anderen L\u00e4ndern. Das ist zumindest unsere Vision.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller: <\/strong>Ein echt jesuitischer Gedanke.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>P. <\/strong><strong>Peter Balleis:<\/strong> Ja. Wir wollen ver\u00e4ndern durch neues Denken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller:<\/strong> K\u00f6nnen sie noch die konkrete Struktur Ihrer Online-Universit\u00e4ten erl\u00e4utern: Wie ist das Ganze organisiert, wie wird es finanziert, was kann man bei Ihnen studieren, was sind die Voraussetzungen, muss ich irgendwie eine Hochschulbef\u00e4higung mitbringen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>P. Peter Balleis:<\/strong> Wir nehmen Studierende nur nach einem rigorosen Testverfahren auf. Das k\u00f6nnen auch \u00c4ltere sein, auch Frauen, die verheiratet sind und Kinder haben; wir legen uns nicht fest auf die 20-J\u00e4hrigen. Dann, was wir augenblicklich anbieten k\u00f6nnen, ist das Diplom in \u201eLiberal Arts\u201c der Regis University in Denver. Das Studium von \u201eManagement System\u201c l\u00e4uft \u00fcber die Georgetown University\/Washington, D.C. Viele Jesuitenuniversit\u00e4ten helfen uns. In der Startphase waren es jene in den USA, und jetzt erweitern wir die Zusammenarbeit. Der Jesuitenorden hat 180 Universit\u00e4ten weltweit: Wenn da jede etwas hineinsteckt, k\u00f6nnen wir sehr viel f\u00fcr die Armen tun.<\/p>\n<p>Unsere Leiterin ist dort die Chefin, wo ihr Computer steht. Aber irgendwo braucht man doch ein paar fixere \u201eknots\u201c, zum Beispiel ein B\u00fcro hier in M\u00fcnchen. Wir brauchen ja auch Lerninhalte von Europa, und deshalb braucht man auch irgendwo einen Akademiker, der Lerninhalte entwickelt, zum Beispiel f\u00fcr einen Umweltkurs f\u00fcr Umwelttechniker.<\/p>\n<p>Wir haben vor Ort immer einen lokalen Partner. In Erbil\/Irak ist es die Katholische Universit\u00e4t, die ganz am Anfang steht. Oder NGOs oder der Jesuitenfl\u00fcchtlingsdienst, der auch in Nordkurdistan arbeitet. Aber wir arbeiten nicht nur im Fl\u00fcchtlingsbereich, sondern auch in Mosambik oder Sri Lanka usw. Das Modell entwickelt sich weiter.<\/p>\n<p>Und wie finanziert es sich? Wir haben keinen Business Plan, sondern einen Service Plan; denn wer mit den Armen arbeitet, kann keinen Profit machen. Wir brauchen Institutionen wie Missio, Misereor, hoffentlich auch Gelder vom bayerischen Staat und von Bundesministerien, dazu Spender oder eine Stiftung. Wir verlangen aber auch von unseren Studenten, dass sie sich in ihrer eigenen Community engagieren. Zum Auswahlverfahren: Eine Frage im Interview lautet immer: Was machst du in deiner eigenen Community?<\/p>\n<p>Auch die Professoren erhalten nur ein Drittel des gewohnten Gehalts. Jeder tr\u00e4gt ein St\u00fcck bei, macht es \u201egratuitously\u201c, als \u201ein-kind contribution\u201c, um dieses Projekt f\u00fcr die \u201emargins\u201c aufzubauen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Julia Manske: <\/strong>Mich w\u00fcrde interessieren, inwiefern Wissen auch aus den einzelnen Communities und L\u00e4ndern wieder in das Curriculum zur\u00fcckflie\u00dft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>P. <\/strong><strong>Peter Balleis:<\/strong> Wir hatten am Anfang nat\u00fcrlich universit\u00e4re Curricula. Dann haben wir nach drei Jahren ein eigenes globales Curriculum f\u00fcr das Diplom in \u201ehumanities\u201c entwickelt. Aber noch entscheidender ist: Wenn die Studenten zusammen studieren und gegenseitig die Aufs\u00e4tze kommentieren, wird sehr viel Wissen beigesteuert. Darum nennen wir das nicht mehr Erziehung, sondern globales Lernen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller: <\/strong>Nochmals zu den Dozenten: Kommen die alle aus den Partneruniversit\u00e4ten und machen das nebenher?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>P. <\/strong><strong>Peter Balleis:<\/strong> Die sind nicht im klassischen Sinn Unterrichtende. Denn wenn ich einmal einen Kurs im Online-Format aufbereitet habe, dann steht der in guter Qualit\u00e4t. Aber man braucht jemanden, der eine Gruppe von Studenten ein St\u00fcck begleitet, sie auch bewertet: Hat der Aufsatz auch Qualit\u00e4t, so dass man am Ende das Zertifikat vergeben kann? Es geht ja nicht darum, Zertifikate anzusammeln, sondern man muss den Menschen Anerkennung geben, wenn sie etwas geleistet haben. Wir machen es nicht billiger, weil sie Fl\u00fcchtlinge sind oder Afrikaner oder Asiaten. Die haben keine Zeit, in Facebook zu schauen, weil sie jeden Tag sechs Stunden studieren m\u00fcssen, damit sie das leisten k\u00f6nnen, was verlangt wird. Viele arbeiten nebenbei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller:<\/strong> Verstehe ich die \u201eliberal arts\u201c, von denen Sie gesprochen haben, als so etwas wie ein Studium generale?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>P. Peter Balleis: <\/strong>Das stimmt. Es gibt in den ersten zwei Jahren Philosophie, Logik, Vergleichende Religionswissenschaft, Leadership, Politisches Denken. Im dritten Jahr spezialisiert es sich dann auf P\u00e4dagogik, Sozialarbeit oder Sozialwissenschaften und Business. Woran wir jetzt denken: einen Kurs zu entwickeln f\u00fcr interkulturelles Lernen. Das wird immer wichtiger. Auch Firmen erkl\u00e4ren mir: Die Computer kann jeder bedienen, aber wenn sich ein Team nicht versteht, weil sie Inder sind und nach Kastensystem funktionieren, dann k\u00f6nnen die gescheitesten Leute nichts produzieren.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Florian Schuller: <\/strong>Ich kann also mit dem Abschluss, den ich bei Ihnen bekomme, beruflich nicht direkt etwas anfangen, sondern bin als Mensch gereift?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>P. <\/strong><strong>Peter Balleis: <\/strong>25 Prozent unserer Studenten und Absolventen gehen weiter im Studium an anderen Universit\u00e4ten; denn der Abschluss ist anerkannt \u2013 in den USA, in Australien, in Finnland usw. Ein bisschen schwierig ist es mit dem deutschen System. Deshalb \u00fcberlegen wir, ob wir nicht ein amerikanisches Diplom verleihen k\u00f6nnen, damit sie dann ohne Abitur ins deutsche Universit\u00e4tssystem kommen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Prinz Ludwig: <\/strong>Gibt es auch Zahlen, wie viele es danach in eine Anstellung schaffen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>P. Peter Balleis:<\/strong> Viele der Fl\u00fcchtlinge arbeiten mit NGOs, andere ergreifen eigenst\u00e4ndig Initiative. Unsere Datenerhebung ist noch nicht so perfekt, dass man allem schon \u00fcber Jahre hinweg nachgehen k\u00f6nnte. Aber gro\u00dfe Auswirkungen zeigen sich jetzt schon: Schauen Sie in ein Fl\u00fcchtlingslager mit 20.000 Leuten. Die Leute k\u00f6nnen nicht heraus in Dzaleka, weil der malawische Staat den Leuten nicht die Erlaubnis gibt, zu arbeiten. Dann sitzen die jungen Leute frustriert da, zum Teil sind sie schon dort geboren. Wenn Sie aber 300 Menschen haben, die jeden Tag an eine Universit\u00e4t gehen, etwas Vern\u00fcnftiges lernen, und wenn andere ein Diplom erwerben, dann gehen die heim und haben etwas Neues gelernt und erz\u00e4hlen davon. Es ver\u00e4ndert sich die Atmosph\u00e4re im Lager. Ein Kind in der Grundschule sieht, ich kann danach noch etwas anderes machen. Die werden nicht alle studieren, aber sie sind inspiriert. Die spirituelle Dimension Hoffnung in Bildung ist unheimlich wichtig, um auch in der Situation, wo alles kaputt gegangen ist, etwas zu erreichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller: <\/strong>Prinz Ludwig, Sie haben vorhin schon das Hohelied des Handwerkers, der Handwerkerin gesungen, der konkreten, praktischen Ausbildung. Was treibt Sie um in Kenia?<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Prinz Ludwig: <\/strong>Noch einmal: Ich stelle \u00fcberhaupt nicht in Abrede, dass ein Studium generale unglaublich wichtig ist, und dass wir unbedingt Leute brauchen, die den vollen Bildungsweg nehmen. Aber es kann nicht der Weg f\u00fcr alle sein. Ich arbeite schon seit 2011 mit jungen Menschen im Norden Kenias, und alle erz\u00e4hlen mir, sie wollen studieren und dann am liebsten nach Amerika, manche auch nach Europa, und dort gro\u00dfe Karriere machen und dann vielleicht zur\u00fcckkommen, aber eh nur nach Nairobi und da in einen ganz gro\u00dfen \u201eoffice job\u201c im Anzug. In 95 Prozent der F\u00e4lle, wahrscheinlich sogar 99 Prozent, ist das nicht realistisch.<\/p>\n<p>Mich hat immer sehr bewegt, wenn man mit jungen Menschen arbeitet, die Tr\u00e4ume haben, muss man ihnen helfen, diese Tr\u00e4ume zu verwirklichen. Bei vielen der Entwicklungsprojekte, die wir machen, und die an sich gut sind, wenn wir zum Beispiel Leuten beibringen, wie man K\u00f6rbe flechtet, ist das tolle Entwicklungshilfe. Wir helfen den Menschen, dass sie sich ern\u00e4hren k\u00f6nnen, aber es ist schwer, einem jungen Menschen, der vielleicht sogar schon auf der Schule war, zu erkl\u00e4ren, jetzt flechte einmal K\u00f6rbe, denn damit kannst du Geld verdienen und deine Familie ein bisschen ern\u00e4hren. Nein, die wollen wirklich etwas aus sich machen.<\/p>\n<p>Mein Gedanke war dann: Wie k\u00f6nnen wir f\u00fcr Menschen in ganz entfernten Regionen, wo es noch nicht einmal Stra\u00dfen gibt, wo einfach kein Geld da ist, um irgendwie an einen Abschluss zu kommen, wenn man nicht zuf\u00e4llig das Gl\u00fcck hat, in ein Programm aufgenommen zu werden, und wo man auch, wenn man dann seinen Abschluss h\u00e4tte, eigentlich keine Chance hat, einen Job zu finden \u2013 wie k\u00f6nnen wir f\u00fcr die etwas aufbauen? Wir haben deshalb eine Organisation gegr\u00fcndet, die einen neuen Weg verfolgt. Wir sagen, auch in einer Gegend, in der es keine Infrastruktur gibt, in der es noch nicht einmal Wasser gibt, so dass man gar nichts anpflanzen kann, gibt es, und zwar pl\u00f6tzlich oder seit ein paar Jahren, in manchen F\u00e4llen erst seit ein paar Wochen, Internet-Zugang. Und wo es Internet-Zugang gibt, und intelligente Menschen, dort kann man einen Laptop hinstellen, eine Solarzelle aufstellen \u2013 man braucht noch nicht einmal Netzstrom oder so etwas \u2013 und kann damit genauso erfolgreich arbeiten wie jemand in seinem B\u00fcro am Broadway, wenn er dasselbe Talent oder dieselben Werkzeuge hat wie der Mensch, der eben in New York sitzt.<\/p>\n<p>Dorthin wollen wir die Leute bringen. Wir wollen jungen Menschen beibringen, mit einem Laptop Geld zu verdienen. Das ist das Ganze. Und zwar nicht f\u00fcr den lokalen Markt, denn den gibt es in vielen Gegenden Afrikas nicht. In Nairobi gibt es vielleicht einen lokalen Markt f\u00fcr Digitales. Aber wenn Sie drau\u00dfen in der W\u00fcste wohnen, dann werden Sie dort keinen Kunden f\u00fcr eine Website finden. Doch es gibt einen riesigen globalen Markt. Ein einigerma\u00dfen talentierter Webdesigner hier in Deutschland hat einen Stundensatz von wahrscheinlich um die 60 Euro im Schnitt. Das ist dort schon fast ein Monatslohn. Auf die Qualit\u00e4t eines mittelm\u00e4\u00dfigen deutschen Designers kann man schneller kommen, als man denkt \u2013 \u00a0wenn man jemanden findet, der ein Talent hat, ein gutes Auge und einen wachen Geist, und ihm einen Computer und die richtigen Lernmaterialien zur Verf\u00fcgung stellt. Das ist sogar schon m\u00f6glich in drei, vier Monaten.<\/p>\n<p>Es gibt eine neue Mode auf der ganzen Welt, die \u201ecoding bootcamps\u201c oder \u201ecoding schools\u201c, wo man wirklich in Schnellkursen von drei, vier Monaten lernt, auch wenn man vorher sehr wenig mit Computern zu tun hatte, wie man zum Beispiel als Webdesigner arbeiten kann. Warum sollte man das nicht auch in Afrika organisieren? Das war unser Gedanke, und das setzen wir im Moment um. Ich habe eine Organisation mitgegr\u00fcndet, die nennt sich \u201eLearning Lions\u201c, also die \u201eLernl\u00f6wen\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller:<\/strong> Der L\u00f6we ist vielleicht wieder eine Erinnerung an Bayern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Prinz Ludwig:<\/strong> Ja, der L\u00f6we ist nicht nur Bayerns Wappentier. Wahrscheinlich haben dort mehr Leute einen L\u00f6wen gesehen als wir. Er ist ein Symbol der St\u00e4rke, und darum ging es uns. Wir wollen, dass die Leute stark werden. Sie kriegen in einem Crash-Kurs w\u00e4hrend drei Monaten vermittelt, wie sie zum Beispiel eine komplette Internetseite marktf\u00e4hig designen k\u00f6nnen, nach den Vorgaben eines Kunden. Wir bilden die Leute in Gruppen von 30 Leuten aus, und zwar immer so, dass die Lehrer aus dem Kurs des Vorjahres kommen. Es ist viel leichter f\u00fcr jemanden, von einem in derselben Altersgruppe zu lernen, der auch denselben Dialekt spricht, als von irgendeinem Professor, der aus Deutschland kommen w\u00fcrde. Wir arbeiten nat\u00fcrlich auch mit viel Onlinematerial, also mit fertigen Kursen, aber das eigentliche Lernen ist \u201elearning by doing\u201c, zielgerichtet auf Produktentwicklung und genau diese Art von Arbeit, die man im Internet findet. Die Lehrer zeigen, ich kann tats\u00e4chlich eine Website verkaufen, an der ich eine Woche gearbeitet habe, und bekomme daf\u00fcr 400 Dollar. Das ist dort unglaublich viel Geld. Das muss man erst mal mit K\u00f6rbeflechten erreichen; ungef\u00e4hr 400 K\u00f6rbe, daran sitzt man l\u00e4nger als eine Woche.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Florian Schuller:<\/strong> Und woher wei\u00df der globale Markt, dass es diese Designer gibt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Prinz Ludwig: <\/strong>Da muss man, Gott sei Dank, das Rad nicht neu erfinden, denn der Markt regelt sich sehr gut selber. Eine Entwicklung der letzten Jahre beschreibt man bekanntlich als \u201eoutsourcing platforms\u201c. Es kursiert auch der Begriff \u201emicrotasking platforms\u201c. Gro\u00dfe Namen sind darunter, zum Beispiel \u201eUpwork\u201c, \u201eFiverr\u201c, \u201eFreelance\u201c. Im Prinzip ist alles dasselbe. Zum Beispiel, Sie wollen heiraten und deshalb eine Hochzeitseinladung designed haben, wollen aber nicht eine deutsche Designagentur beauftragen, wo sie 200 Euro daf\u00fcr zahlen m\u00fcssen, sondern wollen maximal 20 oder 10 Euro zahlen. Dann k\u00f6nnen Sie auf eine dieser Plattformen gehen, setzen diesen Auftrag drauf oder suchen umgekehrt nach jemandem, der Design von Hochzeitskarten anbietet, bestellen das, und einen Tag sp\u00e4ter haben Sie Ihre individualisierte Hochzeitskarte. Und irgendjemand, der in Indien sitzt oder in Mexiko oder in Osteuropa, hat 10 Euro verdient. Der kann genauso in der weitesten W\u00fcste in Afrika sitzen. Und Leute, die sich darauf spezialisieren, zum Beispiel jemand, der Vollzeit f\u00fcr so eine Plattform arbeitet und gut ist, verdient zwischen 1.000 und 3.000 Euro im Monat, egal, wo er sitzt. Das ist dort ein utopisch hohes Gehalt.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Julia Manske: <\/strong>Ich bin ein bisschen zwiegespalten. Auf der einen Seite gibt es nat\u00fcrlich dieses \u201elearning by doing\u201c. Zu merken, was man f\u00fcr F\u00e4higkeiten hat, und dass diese F\u00e4higkeiten auch gebraucht werden, kann sehr aktivierend sein. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, gerade in Kenia, dass die jungen Leute dort technologieaffin sind. Ich glaube auch gar nicht, genau wie Sie, dass es einen Universit\u00e4tsabschluss braucht, sondern dass es eher um die Kompetenzen geht.<\/p>\n<p>Andererseits aber hat das, global gesehen, arbeitsmarktpolitische Konsequenzen. Diese Plattformen, von denen Sie sprachen, werfen die \u00fcblichen Fragen auf, die Outsourcing fr\u00fcher auch schon aufgeworfen hat. Was hei\u00dft das f\u00fcr unseren Arbeitsmarkt und f\u00fcr jenen in anderen L\u00e4ndern mit dem Blick auf Nachhaltigkeit? Inwiefern k\u00f6nnen sich \u00fcberhaupt langfristig nachhaltige Strukturen entwickeln? Wenn wir nur auf die technischen Skills setzen, besteht die Gefahr, dass sich keine guten Systeme entwickeln k\u00f6nnen, in denen nicht nur der Einzelne profitiert, sondern gesamtgesellschaftlich eine Entwicklung stattfindet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Prinz Ludwig:<\/strong> Das Sch\u00f6ne am digitalen Markt ist gerade seine Breite und Weite. Es gibt ja nicht nur die M\u00f6glichkeit, eine Website im Internet zu programmieren, sondern man kann digital inzwischen fast jede beliebige Dienstleistung anbieten. Gut, vielleicht nicht Haare schneiden; das wird, bis es entsprechend ferngesteuerte Roboter gibt, noch ein bisschen schwierig sein. Aber ganz ehrlich: Was findet denn heutzutage nicht mehr am Computer statt? Die Welt wird immer digitaler.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller: <\/strong>Gibt es Bereiche jenseits von Webdesign, in denen Ihre Absolventen arbeiten?<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Prinz Ludwig: <\/strong>Wir stehen noch sehr am Anfang. Aber letztes Jahr haben wir einen Kurs mit f\u00fcnf verschiedenen Gruppen angefangen. Eine Gruppe hat digitale Musikproduktionen gemacht, eine andere Film, sowohl die Aufnahmen, aber auch Postproduktion. Das zum Beispiel ist auch ein Feld f\u00fcr Outsourcing, allerdings sehr \u201ebundle\u201c-intensiv; da werden gro\u00dfe Datenpakete herumgeschickt. In einer dritten Gruppe haben Leute einfach nur digital zeichnen gelernt haben. Daf\u00fcr gibt es einen immensen Markt. Wir wollten auch eine Gruppe f\u00fcr 3D-Modellierungen anbieten; da hatten wir allerdings im ersten Anlauf noch keinen gro\u00dfen Erfolg gehabt, aber jetzt im zweiten Anlauf sieht es schon sehr viel besser aus.<\/p>\n<p>Die Musikproduktion zum Beispiel hat wunderbar geklappt, und selbst daf\u00fcr gibt es einen Markt. Viele verwenden gerne rechtefreie Musik, um damit ihre eigenen Internetvideos zu hinterlegen. Und jemand mit Begabung kann, ohne je ein echtes Instrument in der Hand gehalten zu haben, die tollsten Musikst\u00fccke mit einfachem Computerprogramm produzieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller:<\/strong> Pater Balleis, sehen Sie Schnittmengen zu Ihrem Engagement?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>P. Peter Balleis: <\/strong>Ich glaube, der Ansatz ist etwas verschieden. Sie n\u00fctzen die digitale Technologie f\u00fcr Jobs. Das ist gut so. Wir n\u00fctzen es einfach f\u00fcr die Vermittlung von Wissen. Das ist unsere Anwendung der digitalen Welt. Dar\u00fcber machen sich auch viele andere Gedanken. Unser Projekt ist auch ein Experiment, um zu sehen, was funktioniert und was nicht. Nicht zuletzt deshalb ist die Georgetown University sehr an uns interessiert. Dann versuchen wir, digital die Kosten herunterzubringen. Die Universit\u00e4tsbildung kann sich ja fast keiner mehr leisten, in den USA vor allem mit ihren Privatuniversit\u00e4ten. Man muss wieder \u00f6konomische M\u00f6glichkeiten finden, Wissen zu vermitteln, um Leute auszubilden.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Florian Schuller: <\/strong>Und Ihre Kosten, Prinz Ludwig? Wie hoch liegen die?<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Prinz Ludwig:<\/strong> Ein Computer, auf dem man vern\u00fcnftig arbeiten kann, kostet ungef\u00e4hr 300, 400 Euro. Dann braucht man noch Stromversorgung. Das sind erstmal die Kosten f\u00fcr einen Arbeitsplatz. Unsere Lehrer sind sehr g\u00fcnstig, weil wir eben ehemalige Studenten nehmen: Den Kursteilnehmern bieten wir \u201efull board\u201c, alles kostenfrei, damit sie sich eben diese drei Monate \u00fcber nichts anderes Sorgen machen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller:<\/strong> Wohnen die auch dann zusammen? Haben Sie eine Art Internat oder Studentenwohnheim?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Prinz Ludwig:<\/strong> Wir haben momentan eine nicht benutzte Schule von der Regierung zur Verf\u00fcgung gestellt bekommen. Gern w\u00fcrden wir unseren eigenen Campus bauen, an dem die Leute nicht nur lernen, sondern in Zukunft auch ihre Unternehmen aufbauen sollten. Wenn Menschen im richtigen Umfeld zusammen sind, ergeben sich ganz tolle Sachen. Aber das kostet viel Geld, und das m\u00fcssen wir erst einmal zusammenbekommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller:<\/strong> Vielleicht wird Pater Balleis einmal f\u00fcr sein Onlinematerial bei Ihnen die Designer holen. Das w\u00e4re doch eine gute Kombination.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>P. Peter Balleis:<\/strong> Das k\u00f6nnen wir gerne machen. Das Design der Onlinekurse wird augenblicklich zwar von einem Team in den USA gemacht. Aber in Zukunft kann man das genauso in Afrika oder Asien machen; die Talente sind \u00fcberall. Vielleicht kann ich zum Vergleich sagen, was bei uns ein \u201ecredit\u201c kostet. Der kommt auf 67 Dollar. Das sind ungef\u00e4hr drei, vier Wochen Studienlernzeit. Wenn man einen Diplomstudenten nimmt, der 45 \u201ecredits\u201c enth\u00e4lt, kostet er uns insgesamt 3.000 Dollar f\u00fcr die drei Jahre Studium. Dazu kommen Kosten der lokalen Partner.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller: <\/strong>Wie erreichen Sie \u00fcberhaupt ihre potentiellen Studierenden oder Auszubildenden?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>P. Peter Balleis:<\/strong> In der Anfangsphase gingen wir in die Fl\u00fcchtlingslager. Aber es ist immer besser, Kriege zu vermeiden, vorher die Leute auszubilden und nicht nachher zu kommen, wenn sie schon auf der Flucht sind. Im Nordirak hatte ich ein Gespr\u00e4ch mit einer Gruppe, in der viel mehr M\u00e4dchen waren als Jungs. Ein Mann hat erkl\u00e4rt: ihre Br\u00fcder sind alle schon nach Deutschland gegangen, weil man bei den Jungs eher riskiert, dass sie diesen gef\u00e4hrlichen Weg machen. Aber wenn sich hier nichts tut, gehen auch unsere T\u00f6chter weg. Oder ich denke an zwei junge Christen in Erbil: Die hatten schon in Mossul studiert, das Studium dann unterbrochen wegen des Einmarsches der IS. Die w\u00fcrden ganz gern bleiben, aber sie brauchen eine Perspektive.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller:<\/strong> Da sind Sie beide in \u00e4hnlicher Richtung unterwegs.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Prinz Ludwig: <\/strong>Absolut. Man muss den Leuten vor Ort Perspektiven geben. Wir haben das als internationale Gemeinschaft bisher viel zu wenig getan. Wir waren gro\u00dfartig darin, tonnenweise Essen in diese Gegenden zu schaffen, immer wenn wir im Fernsehen Bilder von hungernden Kindern sahen. Wir haben uns viel zu wenig Gedanken gemacht, was mit diesen Kindern, nachdem sie dieses Essen bekommen, weiter passiert. Und da ist Bildung der erste, unglaublich wichtige Weg mit vielen Auswirkungen, weil Bildung unter anderem auch der einzige Weg ist, die Bev\u00f6lkerungsexplosion dauerhaft zur\u00fcckzuf\u00fchren. Es ist ganz einfach so, dass Eltern, die zur Schule gegangen sind, weniger Kinder haben als eine Familie, aus der die Eltern nicht zur Schule gegangen sind.<\/p>\n<p>Aber nach der Bildung versagen wir immer noch, da wir gerade au\u00dferhalb der Hauptst\u00e4dte viel zu wenig daf\u00fcr tun, Arbeitspl\u00e4tze zu schaffen, damit gerade auch die mit einem gewissen Bildungslevel bleiben wollen. Ansonsten droht extreme Landflucht in die St\u00e4dte, weil es den Menschen vor Ort nach wie vor schlecht geht, die Familien unglaublich wachsen, und das Problem immer gr\u00f6\u00dfer wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>P. Peter Balleis: <\/strong>Sie, Herr Schuller, haben vorhin nach Schnittmengen gefragt. In diesem Punkt haben wir viele Schnittmengen. Die Digitalisierung erm\u00f6glicht es, Arbeitspl\u00e4tze dorthin zu bringen, wo die Menschen leben, und es ist m\u00f6glich, auch Bildung in diese Regionen zu tragen. Sie m\u00fcssen nicht mehr wegziehen in die gro\u00dfen St\u00e4dte, das hei\u00dft in die Slums. Die Welt kann sich auch dadurch ver\u00e4ndern, dass die massive Abwanderung in die St\u00e4dte gestoppt wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller: <\/strong>Damit sind wir beim dritten Themenbereich: den Konsequenzen aus der jetzigen Situation. Frau Manske, eines Ihrer Ziele ist, den digitalen Graben zu schlie\u00dfen. Pater Balleis, Sie sagen, es sei einfacher geworden, Menschen zur Bildung zu bringen, und Sie, Prinz Ludwig, zeigen, wie es einfacher wird, Menschen in einen Beruf zu bringen. Welche Konsequenzen f\u00fcr die Entwicklungspolitik Deutschlands ergeben sich daraus?<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Prinz Ludwig: <\/strong>Kurze Korrektur: Einfach ist es nicht! Das ist Knochenarbeit, sage ich immer. Aber es ist m\u00f6glich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Julia Manske: <\/strong>Damit h\u00e4tte ich auch angefangen. Nat\u00fcrlich ist es jetzt theoretisch leichter. Aber nur weil ein Kurs da ist, hei\u00dft das noch lange nicht, dass sich etwas ver\u00e4ndert. Das erkennen jetzt auch die entwicklungspolitischen Akteure. Fr\u00fcher gab es so etwas wie \u201eProjektitis\u201c, es sind sehr viele kleine Projekte \u00fcberall entstanden. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass man sich vorher erst einmal umschauen muss, was machen andere Akteure.<\/p>\n<p>Das andere ist, es fehlt noch an Erfahrungswissen. Nat\u00fcrlich gibt es die gro\u00dfen Beispiele wie \u201eM-Pesa\u201c, das wirklich ein toller Erfolg ist, vielen Menschen das Leben erleichtert und etliche Folgeinnovationen zeitigt. Aber bei anderen Projekten wird deutlich, die digitalen Technologien f\u00fchren am Ende doch nicht zu mehr Erfolg, wie wir vielleicht zu Beginn gedacht hatten.<\/p>\n<p>Drittens, nur weil man jetzt mit neuen Technologien arbeitet, sollten wir nicht bisherige Werte \u00fcber Bord werfen, gerade um menschenrechtliche Standards einzuhalten. Das macht die Entwicklungspolitik in vielen anderen Bereichen sehr konsequent, aber im Digitalisierungsbereich \u2013 ich arbeite viel zum Thema Datenschutz und Schutz der Privatsph\u00e4re \u2013 sehen wir, dass das sehr viele Akteure auf einmal v\u00f6llig ausblenden \u2013 frei nach dem Motto: Wir sind in einem afrikanischen Land, deswegen m\u00fcssen wir uns nicht an die Standards halten, die wir in unserem eigenen Land anwenden w\u00fcrden. Das kann aus meiner Sicht nicht das richtige Ma\u00df sein. Im Gegenteil; wenn wir entwicklungspolitisch aktiv sind, dann haben wir noch eine viel gr\u00f6\u00dfere Verantwortung. Das hei\u00dft, wenn ich an die Sammlung von Daten beispielsweise von Fl\u00fcchtlingen denke, ergibt das noch einmal ganz andere Implikationen. Oder wenn ich Daten \u00fcber ethnische Zuordnung sammle. Da wacht der entwicklungspolitische Apparat gerade auf.<\/p>\n<p>Und noch als vierten Punkt, den haben wir nur kurz angerissen mit dem Engagement von Facebook: Es gibt nat\u00fcrlich gro\u00dfe globale Trends der Digitalisierung, die Deutschland genauso betreffen wie jedes andere Land. Wenn Google und Facebook in L\u00e4ndern des globalen S\u00fcdens besonders aktiv werden, wollen sie nat\u00fcrlich einen Markt erschlie\u00dfen, auch wenn sie unter Umst\u00e4nden einen Teil davon auch aus philanthropischen Gr\u00fcnden machen sollten. Deshalb m\u00fcssen wir jetzt vor allen Dingen mit lokalen Akteuren zusammenarbeiten und \u00fcberlegen, wie wir die neuen Entwicklungen gemeinsam gestalten sollten, damit am Ende alle davon profitieren und nicht nur Facebook und Google.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller:<\/strong> Prinz Ludwig, Sie arbeiten konkret bei Design zusammen. Erleben Sie auch, dass hier Facebook oder Google in Richtung eines Monopols gehen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Prinz Ludwig:<\/strong> Das w\u00e4re jetzt kein afrikanisches Problem. Wir haben eben einige Riesen, die nat\u00fcrlich ihren Markt mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen verteidigen und gerne auch einmal die Ellbogen einsetzen. Man sollte sich allerdings nicht die Suppe zu sehr versalzen lassen, denn diese \u201etools\u201c, die da angeboten werden, sind meistens vom Nutzen her einfach auch toll. Wenn Google ein neues Zentrum er\u00f6ffnet, in dem wirklich Austausch zwischen jungen Menschen passiert und Google-Clubs gegr\u00fcndet werden, wollen sie die alle nat\u00fcrlich dauerhaft als Kunden haben. Aber erst einmal haben sie etwas Tolles geschaffen, und das sollte man deswegen auch nicht ganz in Abrede stellen.<\/p>\n<p>Wenn man die Frage entwicklungspolitisch betrachtet, muss man zu recht etwas vorsichtig sein. Man sollte nicht alle deutschen Entwicklungsgelder in ein Google-Projekt stecken, oder nur in ein Facebook-Projekt, sondern verschiedene Initiativen unterst\u00fctzen. Deutsche Entwicklungspolitik schaut immer von sehr weit weg auf die Projekte. Es gibt zwar Kontaktpersonen vor Ort, aber trotzdem werden nur gro\u00dfe Projekte gef\u00f6rdert. Ich selber habe immer nur mit kleinen Organisationen gearbeitet, und zwar mit vielen. F\u00fcr die war es fast unm\u00f6glich, an deutsche Entwicklungsgelder zu kommen, weil meist unter einer Million gar nicht hingeschaut wird. Wobei die tollsten Sachen, die ich gesehen habe, ganz klein anfingen und am Anfang die Hilfe am meisten gebraucht h\u00e4tten. Der Ansatz w\u00e4re also, st\u00e4rker der Zivilgesellschaft zu vertrauen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller: <\/strong>Eben wurde der Datenschutz angesprochen. Pater Balleis, Wenn Sie in Fl\u00fcchtlingslagern arbeiten, k\u00f6nnen Sie da entsprechende Sicherheiten einbauen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>P. <\/strong><strong>Peter Balleis: <\/strong>Klar. Unser \u201estudent management system\u201c, die Datenbank, ist mit dem \u201estudent management system\u201c der Georgetown University vernetzt, und das erf\u00fcllt alle Standards. Wir sind also weder mit Google oder Facebook im Gesch\u00e4ft.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Florian Schuller:<\/strong> Zur Schlussrunde m\u00f6chte ich bei Ihnen beginnen, Frau Manske. Sie haben am 23. Mai dieses Jahres bei einer Veranstaltung gesprochen \u00fcber: \u201eWer ist smart in der smarten Stadt?\u201c Das Wort \u201esmart\u201c kann \u201eedel\u201c hei\u00dfen, \u201egeschickt\u201c, \u201eaufgeregt\u201c, aber auch \u201ehinterfotzig\u201c, \u201egerissen\u201c, \u201ediplomatisch\u201c. Wie smart ist IT in unserer immer smarter werdenden Welt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Julia Manske: <\/strong>Mein Vortrag war eine sehr kritische Auseinandersetzung mit Entwicklungen vor allem in Transformationsl\u00e4ndern. In Brasilien und in vielen anderen lateinamerikanischen L\u00e4ndern, aber eben auch in Nairobi, gibt es Bestrebungen, die St\u00e4dte m\u00f6glichst \u201esmart\u201c zu machen. Mir gef\u00e4llt der Begriff nicht, aber ich w\u00fcnsche mir nat\u00fcrlich eher smarte Gesellschaften und smarte B\u00fcrger als smarte Technologien, und zwar B\u00fcrger, die in der Lage sind, diese Technologien f\u00fcr sich zu nutzen und f\u00fcr die Gestaltung einer besseren Gesellschaft. Deswegen hoffe ich, dass gerade bei Bildung nicht nur technische \u201eskills\u201c forciert werden, sondern dass wir uns wirklich als Gestalter dieser digitalen Welt erfahren k\u00f6nnen, und dass wir verstehen, was dann passiert. Das hei\u00dft auch, unsere Werte von der Welt weiterhin zu leben, und dass die Technologien am Ende im besten Fall ein Instrument sind.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Florian Schuller:<\/strong> Pater Balleis, Von Ihrem Ordensgr\u00fcnder Ignatius von Loyola wird der Spruch \u00fcberliefert, man solle so handeln, als ob alles von einem selber abhinge, aber darauf vertrauen, dass alles von Gott abh\u00e4ngt. In welchen Situationen, wenn Sie an Ihre augenblickliche Aufgabe denken, kommt vor allem immer der zweite Teil dieses Gedankens zum Tragen? Mit anderen Worten, was sind die kritischen Situationen, wo Sie selber keinen Ausweg mehr wissen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>P. Peter Balleis:<\/strong> Also, wenn Sie damit \u00fcbereinstimmen, dass man Gottes Angesicht im N\u00e4chsten erkennt, dann sind es immer die Menschen, die Fl\u00fcchtlinge, die Armen. Wenn man die trifft, mit denen redet, und wenn man dann sieht, die wollen lernen, das ist die positive Energie, die uns vorantreibt. Und alle andere Schwierigkeiten, wie man es finanziert, und die Bedenkentr\u00e4ger und die Kritiker und sonst was, das ist alles sekund\u00e4r. Man trifft den Herrn, wenn wir den Leuten ins Gesicht schauen, und wir bringen es voran, denn die Menschen wollen es.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller: <\/strong>Prinz Ludwig, Sie sind Tr\u00e4ger eines sehr traditionsreichen Namens. Bei Ihrem Vornamen denkt man nicht nur an Ludwig II., sondern vor allem auch an Ludwig I., und der hat ja in Bayern aufgrund seiner Begeisterung f\u00fcr Griechenland das Ypsilon eingef\u00fchrt. Meine Frage an Sie: Was w\u00fcrden sie gern aufgrund Ihrer Erfahrungen in Afrika in Bayern einf\u00fchren?<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Prinz Ludwig:<\/strong> Ich glaube, beim Ypsilon bleiben wir; das \u201eai\u201c wollen wir nicht zur\u00fcck. Am M\u00fcnchner Flughafen habe ich immer ein Schild gesehen: \u201eWillkommen im Himmel auf Erden\u201c. Wenn ich aus Kenia wieder zur\u00fcck ins sch\u00f6ne Bayern komme, wird mir deutlich, wie sch\u00f6n wir es hier eigentlich haben. Ich glaube, viel mehr als probieren, uns hier noch mehr zu verbessern, sollten wir uns einfach \u00f6ffnen der anderen Welt, den Menschen zeigen, was wir richtig machen, und sie dabei inspirieren, es auch richtig zu machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Florian Schuller:<\/strong> Prinz Ludwig, Frau Manske, P. Balleis, herzlichen Dank f\u00fcr diese inspirierenden eineinhalb Stunden. Wir haben erlebt \u2013 es war nicht umsonst, dass Sie alle drei sich von so weit her auf den Weg gemacht haben und heute hierhergekommen sind.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Florian Schuller: Pater Balleis, Sie sind in einem kleinen Bauerndorf in der N\u00e4he von Augsburg geboren. Die Priesterweihe war dann aber in Harare, der Hauptstadt von Simbabwe. Wie kam es, dass sich Ihr Leben von Augsburg in Richtung Harare entwickelt hat? &nbsp; P. 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