{"id":118332,"date":"2026-01-29T10:40:52","date_gmt":"2026-01-29T09:40:52","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118332"},"modified":"2026-01-29T10:40:55","modified_gmt":"2026-01-29T09:40:55","slug":"warum-bleibt-mir-die-tankstelle-als-waere-sie-von-michelangelo-ausstellung-mit-bildern-von-martin-gensbaur","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/warum-bleibt-mir-die-tankstelle-als-waere-sie-von-michelangelo-ausstellung-mit-bildern-von-martin-gensbaur\/","title":{"rendered":"Warum bleibt mir die Tankstelle, als w\u00e4re sie von Michelangelo?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> Meine Damen und Herren, ich bin ganz ger\u00fchrt, wie viele Besucher gekommen sind. So viele, dass nicht einmal die St\u00fchle gereicht haben. Das ist bei Ausstellungser\u00f6ffnungen nicht so regelm\u00e4\u00dfig der Fall; sagen wir es einmal so. Ich freue mich umso mehr. Ich freue mich auch f\u00fcr Martin Gensbaur, dass so viele Menschen Interesse an seiner Kunst haben. Diese Ausstellung hat einen sehr sch\u00f6nen Titel: \u201eWarum bleibt mir die Tankstelle, als w\u00e4re sie von Michelangelo?\u201c Ihnen wird dieser Vers, vermute ich, bis dahin unbekannt gewesen sein. Ich will meine Unbildung nicht zum Ma\u00dfstab Ihrer Bildung machen, aber ich habe davon nie geh\u00f6rt. Es hat mich auch ein bisschen gewundert, weil ich Martin Walser eigentlich nicht als Dichter kenne, sondern als Prosaiker. Ich habe mir gedacht, ich lese Ihnen dieses Gedicht vor. Es ist nicht sehr lang und es hat, glaube ich, mehr als diese eine Zeile mit den Arbeiten von Martin Gensbaur zu tun. Das Gedicht hei\u00dft \u201eHeimweh nach Amerika\u201c und lautet:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u201eWer erkl\u00e4rt mir mein Heimweh nach Amerika?<\/em><\/p>\n<p><em>Wie muss der Ton beschaffen sein, <\/em><\/p>\n<p><em>der von hier bis Texas reicht und so lange h\u00e4lt<\/em><\/p>\n<p><em>wie dort der sch\u00f6ne Himmel?<\/em><\/p>\n<p><em>Wohin mit den zierlichen Eichen, den Zedern, den unz\u00e4hligen,<\/em><\/p>\n<p><em>die mir im Kopfe nachgewachsen sind?<\/em><\/p>\n<p><em>Warum bleibt mir die Tankstelle,<\/em><\/p>\n<p><em>als w\u00e4re sie von Michelangelo?<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>War es die entschiedene Hitze?<\/em><\/p>\n<p><em>Waren es die immer zum Horizont reichenden Stra\u00dfen?<\/em><\/p>\n<p><em>Waren es die gelben Schmetterlinge, die am Sonntag<\/em><\/p>\n<p><em>den Feldweg besetzt hielten in Vermont?<\/em><\/p>\n<p><em>War es die Orange aus dem Texas-Tal?<\/em><\/p>\n<p><em>Das Pfannkuchen-Haus an der Autobahn<\/em><\/p>\n<p><em>oder der Dampflaut der Lokomotive?<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Vielleicht bin ich anf\u00e4llig f\u00fcr sch\u00f6nes Wetter.<\/em><\/p>\n<p><em>Vielleicht bin ich im faltenreichen Gewand der Freiheitsfigur<\/em><\/p>\n<p><em>auf den sonnigsten Bug gerutscht. <\/em><\/p>\n<p><em>Vielleicht hat das meiste die Entfernung von hier getan.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Amerika ist, glaube ich, wo sich sonst noch keiner gewiss ist.<\/em><\/p>\n<p><em>Denk, Amerikaner kann man werden. <\/em><\/p>\n<p><em>Europa ist, glaube ich, eine sich \u00fcbersch\u00e4tzende Bildungskultur.<\/em><\/p>\n<p><em>K\u00f6nnte mein Heimweh nach Amerika ein Heimweh sein <\/em><\/p>\n<p><em>nach der Zukunft?\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Soweit Martin Walser mit dem Gedicht, aus dem die Zeile stammt, die den Titel dieser Ausstellung bildet.<\/p>\n<p>Ich kenne den Maler Martin Gensbaur schon sehr lange. Und wenn ich \u00fcberlege, was wir an Ausstellungen zusammen gemacht haben, f\u00e4llt mir eine Regelm\u00e4\u00dfigkeit auf, die mich geradezu verbl\u00fcfft. Es hat immer etwas mit Dezennien zu tun: Meine erste Ausstellungser\u00f6ffnungsrede f\u00fcr ihn habe ich 1996 in Die\u00dfen am Ammersee gehalten, als er noch gar nicht in Die\u00dfen gewohnt hat. Meine zweite Ausstellung mit ihm war 2005 in Die\u00dfen, wohin die Familie Gensbaur inzwischen gezogen ist, und nun 2016 in M\u00fcnchen, wo Martin Gensbaur geboren ist, wo er Kunsterzieher ist und wo er Kunstlehrer ausbildet. Eine merkw\u00fcrdige Regelm\u00e4\u00dfigkeit, wie wenn wir es abgesprochen h\u00e4tten; was wir \u00fcbrigens nicht getan haben. Und diese Regelm\u00e4\u00dfigkeit \u2013 sonst w\u00fcrde ich sie vielleicht gar nicht erw\u00e4hnen \u2013 passt tats\u00e4chlich sehr gut zu Martin Gensbaur, in dessen Leben Regelm\u00e4\u00dfigkeit eine ganz unglaubliche Rolle spielt. Sehr eindrucksvoll, sehr konsequent, sehr wenig abgelenkt vom Wirbel der Zeiten. Das Schicksal hat ihm manchmal ein bisschen dazwischengewirbelt, aber insgesamt hat er sich doch sehr bem\u00fcht, das Gleichm\u00e4\u00dfige zu tun. Das bringt sein Beruf und seine Familie auch ein bisschen mit sich, aber in seiner Arbeit zeigt sich das auch. Diese Arbeit ist unglaublich konsequent und m\u00fchselig in ihrer Regelm\u00e4\u00dfigkeit. Darauf kommen wir nachher im Gespr\u00e4ch noch zu sprechen.<\/p>\n<p>Martin Gensbaur ist sehr gut in der Lage, \u00fcber seine Kunst zu sprechen. Er hat darin sehr viel Routine, so viel, dass ich mir gedacht habe, es w\u00e4re vielleicht geschickter, mit ihm zu reden als \u00fcber ihn. Das habe ich jetzt vor und bitte dich, lieber Martin, an diese Mikrophone. Zuerst zum titelgebenden Zitat. Wie ist es denn zu diesem Titel gekommen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> Wir hatten im November letzten Jahres eine Ausstellung bei uns. Wir haben eine kleine \u201eGalerie\u201c, also eigentlich meine Werkstatt, als Vorstellungsraum \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> \u2026 sehr empfehlenswert \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> \u2026 genutzt. Da kam B\u00e4rbel Holl\u00e4nder, die heute auch da ist, in die Ausstellung und hat gesagt, sie kenne da ein Gedicht, das passe einfach zu meinen Bildern! Ich war sofort angetan, und du, liebe B\u00e4rbel, hast dir sogar die M\u00fche gemacht, das abzuschreiben. Das hing dann eine ganze Weile bei uns in der K\u00fcche und ist uns dann zugewachsen als Titel f\u00fcr diese \u2013 ja, die Ausstellung war damals noch nicht geplant \u2013, f\u00fcr diese Bilder.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> Unglaublich toller Satz. Man kann sich denken, dass der Name Michelangelo in diesem Zusammenhang nicht deshalb f\u00e4llt, weil die Bilder ausschauen, als w\u00e4ren sie von Michelangelo gemalt. Man muss sich wohl eher fragen: Wof\u00fcr steht der Name Michelangelo im Zusammenhang mit diesem Gedicht, aber auch vielleicht ohne Zusammenhang mit diesem Gedicht? Das Gedicht selber bietet die Antwort, n\u00e4mlich, dass Michelangelo f\u00fcr die sich \u00fcbersch\u00e4tzende Bildungskultur in Europa steht. Wahrscheinlich gar nicht er selber, sondern seine Rezeption. Die Frage ist, wie s\u00e4he eine Tankstelle aus, wenn Michelangelo sie gemalt oder gar gebaut h\u00e4tte? Er wusste ja nicht, was eine Tankstelle ist. Eher w\u00e4re die Frage interessant, was Michelangelo \u00fcber echte Tankstellen oder auch \u00fcber gemalte gesagt h\u00e4tte. Hast du Vorstellungen, wie Michelangelo reagieren w\u00fcrde, wenn er vor diesen Bildern stehen w\u00fcrde?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> Du fragst mich jetzt Sachen\u2026 Dass ich nat\u00fcrlich ein starkes Verh\u00e4ltnis zur italienischen Kunst habe, das merkt man, glaube ich, und ich finde es sagenhaft, dass Sigrid Braunfels-Esche hier ist. Ohne das wunderbare Buch ihres Mannes Wolfgang Braunfels h\u00e4tte ich die italienische Kunst nie so verstanden, wie ich sie verstehe. Ich meine, das hei\u00dft noch lange nicht, dass ich jetzt die Zeit zur\u00fcckdrehen und mir vorstellen k\u00f6nnte, wie eine Michelangelo-Tankstelle ausschauen w\u00fcrde. Sicher, das Motiv des Atlanten finden wir auch in der Renaissance, und ich glaube, Michelangelo w\u00e4re da sehr offen gewesen. Ich denke\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff: <\/strong>\u2026 ich will dich nicht in Verlegenheit bringen \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> \u2026 nein, nein, ich denke einfach \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> \u2026 die Frage hat etwas Bl\u00f6des, aber es steckt schon ein Gedanke dahinter \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> \u2026 ich glaube, es h\u00e4tte ihn interessiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> Die Frage nach dem Sch\u00f6nen im H\u00e4sslichen ist ja eine, die sich sehr stark durch die gesamte westliche Kultur zieht, und da stehst du, glaube ich, in einer klassischen Tradition. Es ist ja erstaunlich, was bildende K\u00fcnstler, namentlich Maler, vor allem Maler, alles f\u00fcr darstellungsw\u00fcrdig empfunden haben, und was wir im R\u00fcckblick auch alles als sch\u00f6n empfinden, wenn wir es gemalt sehen: aufgeschlitzte tote Ochsen, w\u00fcrfelspielende Bettelkinder, banale Stillleben mit kaputten B\u00fcchern, gemarterte Heilige, Gekreuzigte. Das sind alles keine sch\u00f6nen Themen. Aber wir sind es gew\u00f6hnt, in unserer Kultur diese Kunstwerke mit zweierlei Blick zu sehen, n\u00e4mlich den Blick auf die Sache, die gemalt ist, und den zweiten Blick auf die Kunst, wie es gemalt ist. Und da, glaube ich, sind wir dann doch, Michelangelo oder nicht, sehr nahe bei deinen Bildern. Denn es sind sich ja wahrscheinlich alle weitgehend einig hier, der K\u00fcnstler inklusive: So wahnsinnig sch\u00f6n sind solche Tankstellen nicht. Das ist wohl nicht das Auswahlkriterium gewesen, aber du darfst auch widersprechen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> Man muss dazu sagen, dass ich vor dem Motiv arbeite. Also, ich mache das nicht nach Fotos, sondern ich gehe wirklich an den Ort. Das sind jetzt keine Stellen, an denen der normale Tourist einen Liegestuhl auspacken und seinen Urlaub verbringen w\u00fcrde, und trotzdem ist noch nie jemand an meiner Staffelei vorbeigegangen und hat nicht gesagt, dass diese Bilder sch\u00f6n sind. Gerade die Italiener sagen, \u201ebello\u201c, was mich manchmal verbl\u00fcfft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> Ja, das ist eben das Witzige, da sagen sie \u201ebello\u201c, weil sie es auf dem Bild sehen, obwohl sie sich wahrscheinlich die Tankstelle unter dem \u00e4sthetischen Aspekt noch nie angeschaut haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> Wahrscheinlich nie!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> Und gibt es eine Frage, die hat Martin Gensbaur auch schon selber schriftlich gestellt. Die wird, glaube ich, demn\u00e4chst auch als Buch herauskommen: Warum muss man so etwas malen? Die Frage ist ein bisschen wie: Es passieren Dinge im Leben, aber muss man die dann auch noch malen? Das ist nat\u00fcrlich eine Frage, zu der du schon aufgefordert bist, eine Antwort zu geben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> Ich hoffe, dass die Bilder eine Antwort geben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> Jetzt mach\u2019s dir aber nicht zu einfach, weil man sonst gleich sagen kann, wir brauchen nichts reden, man sieht die Bilder, und man soll \u00fcber Kunst nicht reden, sondern sie anschauen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> Vielleicht kann ich es doch einmal kurz erkl\u00e4ren. Ich fahre regelm\u00e4\u00dfig und seit langem in die Toskana \u2013 und Toskana und Malerei, da gibt es ganz schnell den Vorwurf, dass man Ansichtskarten malt, oder dass man irgendwie in einem Klischee h\u00e4ngen bleibt. Und jetzt muss ich sagen, dass es vielleicht wirklich der Trotz ist, dass ich dagegen ank\u00e4mpfe, dass ich sage, ich will jetzt garantiert nicht die Toskana liefern, die man sich w\u00fcnscht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> Das ist schon interessant: quasi eine Toskana-Verhinderungsmethode.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> Das k\u00f6nnte vielleicht sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff: <\/strong>Ich empfinde \u00fcbrigens Trotz als einen ganz wesentlichen Impuls, Kunst zu machen. Das war vielleicht bei Michelangelo auch so, denn einige seiner Werke waren doch sehr trotzig gegen die damalige \u00c4sthetik.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> Na ja, im Unterschied zu mir hatte er Auftraggeber und zwar ziemlich potente \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> \u2026 aber m\u00fchselige!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur: <\/strong>Heutzutage malt der Maler zun\u00e4chst einmal f\u00fcr seinen Schrank zuhause.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> Ja, vor allem der Maler Martin Gensbaur. Es ist nicht ganz leicht, von ihm ein Bild zu erwerben, muss ich sagen. Sie stehen schon zum Verkauf, aber es ist ein bisschen wie der Kampf mit dem Engel, bis man das Bild wirklich kriegt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> Dann freut man sich umso mehr!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> Ich m\u00f6chte noch betonen wie m\u00fchselig so ein Gem\u00e4lde entsteht. Wahrscheinlich w\u00fcrde jeder naive Betrachter \u2013 und naiv w\u00fcrde ich jeden nennen, der sich nicht mit dem K\u00fcnstler speziell befasst hat \u2013 sagen: Na ja gut, da hat er ein Foto gemacht, und dann ist er ins Atelier gegangen und hat das Foto abgemalt. Dem ist aber nicht so. Der Mann sitzt, nein, er steht mit seiner Staffelei vor dem Motiv. Diese Tankstellen wirken alle v\u00f6llig einsam, verlassen. Sie sind aber gar nicht verlassen, sondern nur das Bild zeigt sie verlassen. Hinter ihnen brausen die Lastwagen vorbei, einer f\u00e4hrt den K\u00fcnstler auch ab und zu fast um, weil er tanken will. Das l\u00e4sst Martin Gensbaur alles weg auf seinen Bildern. Was er aber braucht \u2013 das macht man sich heute gar nicht mehr klar \u2013 er braucht immer das gleiche Licht. Er kann also nicht einen ganzen Tag da stehen, denn im Lauf des Tages hat diese Tankstelle v\u00f6llig unterschiedlichen Schattenwurf. Das bedeutet, er geht da jeden Tag wieder hin, ungef\u00e4hr um die gleiche Zeit, und er malt. Kann man sagen, wie lange das Malen der Bilder dauert?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> Das h\u00e4ngt davon ab. Manchmal ist auch auf der Leinwand schon ein anderes Bild drunter, das ich dann \u00fcbermale.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> Sch\u00f6n f\u00fcr sp\u00e4tere Restauratoren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> Sagen wir einmal, \u00fcber den Daumen gepeilt, eine Woche. Aber das kann man nicht so pauschal sagen. Es geht manchmal schneller, und manchmal dauert es l\u00e4nger.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> Ich wei\u00df nicht, ob ich mich mit so einer Stelle, die ich schon nicht besonders anheimelnd finde, und die dann auch noch so umbraust ist von Verkehr und anderen unangenehmen Dingen, so intensiv auseinandersetzen w\u00fcrde, wie man das in der fr\u00fcheren Kunst auch gemacht hat, wie man den Objekten, an denen man monatelang sa\u00df, um zum Beispiel irgendein gro\u00dfes Schlachtenbild zu malen. Denn: So eine lange Schlacht gibt es gar nicht, wie der Maler braucht, sie zu malen. Ich glaube und hoffe, dass es beim genaueren Betrachten dieser Bilder auch her\u00fcberkommt, dass es keine Schnappsch\u00fcsse sind, sondern das pure Gegenteil. Es sind \u2013 jetzt darfst du mir auch wieder widersprechen, wenn du Lust hast \u2013Meditationen vor Hinterlassenschaften des Menschen, \u00fcber deren Sch\u00f6nheit man sehr geteilter Meinung sein kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> Ich bin mit diesem, wie C\u00e9zanne es genannt hat, \u201esur le motif\u201c mittlerweile gar nicht mehr so alleine. Zum Beispiel hat David Hockney vor kurzem erst eine ganze Serie ausgestellt, in der er riesige Leinw\u00e4nde in seinen \u201eVan\u201c einl\u00e4dt und wirklich vor dem Motiv malt, wo man sich auch fragt, warum macht er das. Es ist tats\u00e4chlich so: Heute gibt es junge Maler, j\u00fcngere als ich, die zugeben, sie brauchen diese Herausforderung vor dem Motiv.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> Also, die Idee, dass der Neue Realismus im Jahr 2011 erfunden worden ist, hat etwas R\u00fchrendes, wenn wir dieses Denkmal des Realismus hier vor uns stehen sehen. Martin Gensbaur hat, wenn ich mich recht erinnere, nie gegenstandslos gemalt, oder?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur: <\/strong>Kann ich nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> Kann er nicht, das muss man sich einmal vorstellen\u2026 Kann er nicht! Also, es ist nicht so, dass er sein Leben lang, oder auch nur die letzten 30 Jahre lang nur Tankstellen gemalt h\u00e4tte. Es gab aber immer Serien, immer ein Thema, so dass er ganze Ausstellungen damit gef\u00fcllt hat. Ich glaube, die erste, die ich er\u00f6ffnet habe, zeigte nur B\u00e4ume, Baumst\u00e4mme genauer gesagt. Dann gab es eine mit schlichter Architektur in Naturumgebung, was ich dann auf meinen Reisen immer wieder gesehen habe: Oh, ein gebauter Gensbaur, schau hin! Und dann kamen eben diese \u201ePiazze d\u2019Italia\u201c. Hier im Saal an der Stirnwand h\u00e4ngen zwei Beispiele, wie man eben in Italien heute baut, wenn man Wohnraum schaffen will: Man l\u00e4sst die alten H\u00e4user verfallen \u2013 das hat er nicht gemalt -, man baut neue, und die werden gerne rot angestrichen. Es gab die Serie, die hie\u00df wohl auch so \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> \u2026 ja, \u201ePalazzi Rossi\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> Und wie er die in den Blick nimmt, gegen viele Regeln! Gegen alle, will ich nicht sagen. Martin Gensbaur kennt die Regeln der europ\u00e4ischen Malerei ziemlich gut, aber er \u00fcbersieht auch manche.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> Ja, meine Besucher haben oft etwas mit dem Vordergrund zu k\u00e4mpfen\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff<\/strong>: \u2026 genau \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur: <\/strong>\u2026 ich wei\u00df es, das wei\u00df ich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> Der Blick in die Tiefe ist ein klassische Motiv. Es geh\u00f6rt dazu, wie das Amen in der Kirche, dass dieser Blick umrahmt wird durch zwei Vordergrundstaffagen, seien es Menschen, aber vor allem B\u00e4ume \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> \u2026 Claude Lorrain \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> \u2026 ja, Claude Lorrain, sagt man immer. Das ist der Namhafteste, aber er hat Ma\u00dfst\u00e4be gesetzt, die so heftig waren, dass man hinterher Parks neu angelegt hat, damit sie ausschauen wie Bilder von Claude Lorrain.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> Jetzt muss ich dich unterbrechen. Eine Freundin hat mir aus Follonica geschrieben: Martin, du musst kommen, sie bauen die Stadt jetzt nach deinen Bildern um! Das hat \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> \u2026super! Was die Kunst kann!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> \u2026 das hat mir echt gefallen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> Es ist nat\u00fcrlich eine Absicht hinter seiner Technik. Der Vordergrund ist derma\u00dfen \u00f6de, dass man jede Lust verliert, dort hinzugehen, weil man sagt, ich komme \u00fcberhaupt nie an. Und das ist ja genau der Grund, warum die Vordergrundstaffagen da sind, n\u00e4mlich um den Betrachter in das Bild hineinzuf\u00fchren: Da sind schon welche. Auch bei Caspar David Friedrich steht schon einer, der schaut schon so \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> Darf ich dich noch einmal unterbrechen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> Aber immer!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> Da vorne rechts bei den \u201ePalazzi rossi\u201c sind die \u201ebidoni\u201c, die M\u00fclltonnen. Die wollte ich weglassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> Aber auch diese Tankstellen, die wir jetzt vor uns haben, sind ja sehr konstruiert. Wo ist der Blickpunkt, der Augenpunkt des Malers? Das sucht er sich ja heraus. Er kann sich zwar nicht \u00fcberall hinsetzen, weil der Verkehr rauscht, aber es gibt nat\u00fcrlich schon mehrere M\u00f6glichkeiten, so eine Tankstelle ins Bild zu setzen. Was w\u00e4ren da Kriterien? Es wird ja nicht ganz von jetzt auf nachher gehen, wenn man dann tagelang sitzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> Da musst du mal die Ulli, meine Frau fragen. Also, ich trag die Bilder halbfertig heim. Dann stehen sie auf dem Balkon und m\u00fcssen trocknen. Und dann wird geschoben. Es ist nicht so, dass das sofort feststeht. Das ist schon ein Ringen, bei dem ich etwas nach oben schiebe oder auch nach unten, oder versetze. Das ist ein Modellieren, ein Herausmodellieren, und insofern steht der Betrachter-Standpunkt immer erst hinterher fest.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> Was mir noch aufgefallen ist: Menschen gibt es auf den Bildern nicht, aber Martin Gensbaur hat auch Menschen gemalt. An ganz eindrucksvolle Badende erinnere ich mich gerade. Menschen sieht man auf diesen Bildern also nicht. Das ist nat\u00fcrlich eine Aussage, denn es sind ja alles Funktionsgeb\u00e4ude, die von Menschen und f\u00fcr Menschen gebaut worden sind, aber irgendwie sind die Menschen noch nicht einmal durch ihr Auto vertreten, was ja bei einer Tankstelle naheliegend w\u00e4re: Das Auto steht an der Tankstelle, der Autofahrer zahlt gerade und schaut, dass ihm die Reifen nicht geklaut werden inzwischen. Das ist ja in Italien ein spannendes Thema. Aber was zu sehen ist, entspricht das der Wirklichkeit dieser Tankstelle? Die Landschaft dr\u00fcckt oft erstaunlich klassisch in diese Tankstellen hinein, Schirmpinien oder Palmen, \u00fcbrigens auch kaputtgegangene Palmen, sehr eindrucksvoll, auch eine Pinie, die mit dem Dach dieser Tankstelle geradezu k\u00e4mpft. Jeder Fotograf w\u00fcrde einen anderen Blickpunkt suchen, damit man die Schirmpinie besser sieht. Immer die Landschaft, mit diesem realistischen Geb\u00e4ude, das ist keine Erfindung. Aber es erinnert uns pl\u00f6tzlich an die antiken Aqu\u00e4dukte oder ans Kolosseum und steht farblich in diesem spannenden Kontrast zu der Tankstelle. Alle Tankstellen liegen mehr oder weniger in der Umgebung von eurem italienischen Wohnsitz \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> \u2026 ja, genau\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> \u2026das muss man sich vorstellen: Der Mann grast die Gegend ab nach h\u00e4sslichen Tankstellen, die er dann zu sch\u00f6nen Kunstwerken verarbeitet. Das muss man erst einmal schaffen. Die Frage, warum man das malen muss, hat ja zwei Richtungen. Die eine sozusagen an den Maler, warum musst du das malen, und die andere an den Betrachter: Was habe ich davon, wenn er das malt? Das erste musst du selber beantworten. Ich fange mit dem zweiten an, weil es mir auf der Seele liegt. Was haben wir von solchen Bildern? Ich habe davon, dass ich, seitdem ich Bilder von Martin Gensbaur sehe, Einfahrten in St\u00e4dte oder andere missliche Situationen anders wahrnehme. Es ist wirklich so. Ich komme ganz oft wohin und sage, ah, das t\u00e4t jetzt der Martin malen. Das hei\u00dft dann zugleich, die Stelle ist ziemlich h\u00e4sslich, aber aus der lie\u00dfe sich etwas machen. Und das empfinde ich schon als eine gro\u00dfe Bereicherung.<\/p>\n<p>Achten Sie einmal darauf, wenn Sie in eine fremde oder fast noch mehr in die eigene Stadt fahren, was Sie alles mit Absicht oder so halbabsichtlich \u00fcbersehen, weil es so h\u00e4sslich ist, und sich einfach auf die Frauent\u00fcrme am Horizont konzentrieren. Es ist ja vern\u00fcnftig, dass wir ganz viel von dem, was wir sehen, \u00fcbersehen, denn sonst werden wir ja verr\u00fcckt, und uns bewusst oder halbbewusst heraussuchen, was wir sehen wollen. Und diese Bilder von Martin Gensbaur haben mir eben gezeigt: Stellen, an denen man sonst eigentlich nur verzweifelt und sagt nix wie weg, werden anders gesehen. Das finde ich \u00fcbrigens sehr oft: Kunst hat mich gelehrt, meine eigene Wirklichkeit anders zu sehen. Daf\u00fcr bin ich dankbar. Noch kein Schlusswort! Jetzt kommt n\u00e4mlich: Was hat der K\u00fcnstler davon?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> Es geht genau um das, was du sagst, und ich bin froh, dass du das so siehst. Es geht um das Einblenden. Nicht um das Ausblenden, sondern um das Einblenden. Ich meine, dass man das Anliegen hat, sehen zu lehren. Das ist sicher auch ein Auftrag, den die Malerei, sofern dieses Medium \u00fcberhaupt eine Zukunft hat, in Zukunft hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> Ja. Ja, das war jetzt so in Klammern gesagt. Es ist ja schon auff\u00e4llig: Wenn Sie auf die Biennale in Venedig gehen, m\u00fcssen Sie lange suchen, bis Sie ein Gem\u00e4lde finden. Alles M\u00f6gliche findet man da \u2026 Aber, was mich noch interessieren w\u00fcrde: K\u00f6nnte man versuchen, deine Bilder quasi als gegenstandslos zu sehen? Also, sie zeigen Gegenst\u00e4nde, die aber weitgehend in Formen aufgel\u00f6st sind. Siehst du da drin sowas? Nein?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur<\/strong>: Nein\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> Wahnsinn. Ich dachte, dass man sagen k\u00f6nnte, dass der Gegenstand durch die Hintert\u00fcre wieder hereinkommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> Nein. Also, f\u00fcr mich ist es wirklich gegenst\u00e4ndlich. Ich sehe da eine Tankstelle, ich mache da nicht eine wei\u00dfe Fl\u00e4che.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> Ja, und er macht auch nichts dazu, sondern er l\u00e4sst h\u00f6chstens etwas weg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> Ich vereinheitliche, ich fasse zusammen. Ich muss nicht alles sagen und alles malen, aber ich kann nicht ohne das Gegen\u00fcber arbeiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> Das finde ich eben das Spannende, dass ein K\u00fcnstler sagt, ich brauche ein Gegen\u00fcber. C\u00e9zanne hat das in extremer Form gesagt: Sonst f\u00e4llt mir nichts ein; nur aus meinem eigenen Kopf kann und will ich nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Martin Gensbaur:<\/strong> Du wei\u00dft ja, \u201evon der Wirklichkeit erm\u00f6glichte Erfindungen\u201c, wie Martin Walser im Vorwort zu seinen Ehen in Philippsburg sagt. Von der Wirklichkeit erm\u00f6glichte Erfindungen\u201c ist der Titel der z.Zt. im Venio gezeigten Ausstellung meiner Arbeiten mit Fotografie von Myriam Tirler (Paris) und auch Titel der Schriftenreihe DAS KUNSTFENSTER Nr.2. Ohne Wirklichkeit geht es bei mir nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Raff:<\/strong> Ja. Ich m\u00f6chte es eigentlich dabei belassen. Danke f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit und genie\u00dfen Sie die Ausstellung.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas Raff: Meine Damen und Herren, ich bin ganz ger\u00fchrt, wie viele Besucher gekommen sind. So viele, dass nicht einmal die St\u00fchle gereicht haben. Das ist bei Ausstellungser\u00f6ffnungen nicht so regelm\u00e4\u00dfig der Fall; sagen wir es einmal so. Ich freue mich umso mehr. 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