{"id":118340,"date":"2026-01-30T08:56:26","date_gmt":"2026-01-30T07:56:26","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118340"},"modified":"2026-01-30T08:59:54","modified_gmt":"2026-01-30T07:59:54","slug":"die-welt-ist-aus-den-fugen-was-haelt-uns-zusammen","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/die-welt-ist-aus-den-fugen-was-haelt-uns-zusammen\/","title":{"rendered":"Die Welt ist aus den Fugen \u2013 was h\u00e4lt uns zusammen?"},"content":{"rendered":"<p>Es ist mir eine Ehre, mit dem \u00d6kumenischen Preis der Katholischen Akademie Bayern ausgezeichnet zu werden. Als mich die gute Nachricht vor ein paar Monaten erreichte, habe ich mich gefreut. Aber ich habe mich gleichzeitig gefragt: Bin ich der Richtige?<\/p>\n<p>Ich komme, wie manche vielleicht wissen, aus einem kleinen Dorf im Lippischen. Seit 1538 ist unser Landstrich evangelisch, seit dem 17. Jahrhundert ist unser Landstrich evangelisch-reformiert, und das mit allem, was dazu geh\u00f6rt! Ich erinnere mich an Menschen mit gro\u00dfem innerem Ernst, an Pastoren mit wortstarker, zuweilen donnernder Predigt. Und die hatte lang und ausf\u00fchrlich zu sein! Ein Gottesdienst unter einer Stunde w\u00e4re als Arbeitsverweigerung verstanden worden. Die Liturgie bei uns ist karg, ein Kreuz in manchen reformierten Kirchen der einzige Schmuck, in vielen nicht einmal das. Das war meine Welt. Und daneben gab es keine andere bis zum Ende meiner Grundschulzeit.<\/p>\n<p>In der Oberschule ging es dann in die n\u00e4chstgr\u00f6\u00dfere Stadt. Auch die \u00fcberwiegend reformiert, aber eben nicht nur: Es gab eine lutherische Kirche. Und f\u00fcr uns Kinder oder schon Jugendliche war das eine andere Welt. Die Lutherischen erschienen uns genauso fremd wie die Katholiken. Oder noch anders: Das Reformierte war das Normale, das Lutherische die \u201eandere\u201c Kirche, oder die Kirche der \u201eAnderen\u201c, auch weil es Katholiken nicht gab. Jedenfalls nicht in meiner kleinen Welt, wo Schulen und Arbeitspl\u00e4tze nah waren und Mobilit\u00e4t \u2013 auch als Wort \u2013 noch nicht erfunden war! Nur sieben km von meinem Dorf verlief die Landkreisgrenze, weit mehr als die Grenze einer kommunalen Einheit, eine scharfe konfessionelle Grenze. Dort auf der anderen Seite dominierte Paderborn! Damals noch pr\u00e4gte das Wort des allgegenw\u00e4rtigen Bischofs dort kirchliches Leben und Alltag der Menschen durch und durch! Obwohl nur Steinwurfn\u00e4he voneinander entfernt, hatten diese Welten kaum, eher keine Ber\u00fchrung. Obwohl die Schule, das Gymnasium in der katholischen Kleinstadt n\u00e4her war, blieb man doch lieber im Evangelischen, auch wenn\u2019s ein paar Kilometer mehr waren. Selbst beim Fu\u00dfball begegnete man sich nicht, da auch die Fu\u00dfballigen sich an den Kreisgrenzen orientierten.<\/p>\n<p>Da komme ich her! Da darf man sich schon mal fragen, ob man der Richtige f\u00fcr diesen Preis ist. Oder mit anderen Worten: \u00d6kumene war mir jedenfalls nicht in die Wiege gelegt.<\/p>\n<p>Der \u00d6kumenische Preis wird verliehen f\u00fcr die F\u00f6rderung der Una-Sancta-Bewegung, des Gedankens der \u201eeinen Kirche\u201c und damit f\u00fcr das Bem\u00fchen um eine gelebte \u00d6kumene. Ich glaube, meine Damen und Herren, mehr als wir hier gerade, kann man die \u00d6kumene kaum leben: Hier vor Ihnen, in Bayern, in der Katholischen Akademie, steht ein \u2013 wie Sie jetzt gelernt haben &#8211; Evangelisch-Reformierter aus Ostwestfalen. Ein Sozialdemokrat noch dazu. Und: Eine Katholikin habe ich auch noch geheiratet!<\/p>\n<p>Lieber Herr Schuller, f\u00fcr gelebte \u00d6kumene steht Ihre Akademie aber nicht erst, seitdem hier Ostwestfalen auf der B\u00fchne sprechen. F\u00fcr Gemeinschaft \u2013 \u00fcber konfessionelle, \u00fcber ideologische Trennlinien hinweg \u2013 steht Ihr Haus seit Jahren! Ich will hier an eine besondere Tagung in der Akademie erinnern, im Jahre 1958. Ich glaube, keiner von uns war dabei, obwohl ich hier im Raum viele wei\u00dfe Sch\u00f6pfe sehe. Damals fand an der Katholischen Akademie die sogenannte \u201eSozialismustagung\u201c statt. Einer, der sich gut daran erinnert \u2013 der ehemalige Vizepr\u00e4sident der Katholischen Universit\u00e4t Eichst\u00e4tt, Heinz H\u00fcrten, \u2013 hat eindringlich beschrieben, dass es dabei um nicht weniger ging, als das Verh\u00e4ltnis der katholischen Kirche zur SPD. Das war zu dieser Zeit ein Wagnis! Das war delikat! Und man m\u00f6chte sich die Diskussionen hier im Hause gerne vorstellen. Etwa, die Ausf\u00fchrungen von Carlo Schmid, der daf\u00fcr warb, ideologische und konfessionelle Linien in einem gemeinsamen, politischen Menschenbild zu \u00fcberwinden. Die Tagung damals fand nicht nur gro\u00dfe \u00f6ffentliche Beachtung, sie l\u00f6ste auch erhebliche politische Irritationen aus. Sie war ein pr\u00e4gendes Ereignis f\u00fcr die gesellschaftliche Neuordnung der jungen Bundesrepublik. Es waren Veranstaltungen genau wie diese hier in Ihrem Haus, Herr Dr. Schuller, die allm\u00e4hlich dazu f\u00fchrten, das Eis zwischen SPD und Katholischer Kirche zu brechen.<\/p>\n<p>Und damit bin ich beim Thema: \u00d6kumene. Der \u00dcberwindung von Trennlinien. Von konfessionellen Trennlinien, ideologischen, auch politischen?<\/p>\n<p>Was bedeutet \u00d6kumene denn in unserer Gesellschaft? Was bedeutet \u00d6kumene in einer Welt, in der religi\u00f6se und politische Gegens\u00e4tze mit immenser Kraft aufeinander zu prallen scheinen. Und \u2013 darauf m\u00f6chte ich heute ganz besonders eingehen: was bedeutet \u00d6kumene in Europa? Einem Europa, an dem unheimliche Fliehkr\u00e4fte zerren, in dem Nationalismen wieder aufbegehren.<\/p>\n<p>\u201eEuropa\u201c wie \u201e\u00d6kumene\u201c haben vielleicht nicht ganz zuf\u00e4llig beide ihre Wurzeln im Griechischen. \u201eOikein\u201c = \u201ewohnen\u201c und \u201eoikos\u201c = \u201eHaus\u201c, vielleicht \u201ebewohnte Erde\u201c. Sie, lieber Herr Dr. Schuller, haben hier in diesem Haus einmal ausgef\u00fchrt, dass vor allem der Apostel Paulus ein Verb verwendet, das sich davon ableitet: \u201eoikodomein\u201c, \u201eaufbauen\u201c, \u201eein Haus bauen\u201c. Diese Beschreibung finde ich sehr sch\u00f6n, sie malt ein Bild von Gemeinschaft. Und: sie beschreibt die Gestaltung dieser Gemeinschaft als einen Prozess.<\/p>\n<p>Wir alle wissen aus eigener Erfahrung: wenn man auf engem Raum zusammen lebt \u2013 unter einem Dach, dann muss man Verst\u00e4ndnis und Toleranz mitbringen. Und je gr\u00f6\u00dfer die religi\u00f6se aber auch weltanschauliche Vielfalt unter dem Dach, desto mehr M\u00fche muss man sich mit gegenseitiger Verst\u00e4ndigung geben \u2013 und desto beharrlicher muss man versuchen, Konflikte produktiv zu l\u00f6sen. T\u00fcren zu verschlie\u00dfen und sich abzuschotten, bringt nichts. Den anderen jedoch zu betrachten, seine Sichtweise verstehen zu lernen, Trennendes zu bekennen und Gemeinsamkeiten zu entdecken \u2013 daraus kann echter Dialog entstehen, Verst\u00e4ndigung und ein tragbares Fundament f\u00fcr die Gemeinschaft.<\/p>\n<p>So verstehe ich die \u00d6kumene. Als Denkprinzip, das Verst\u00e4ndigung und Dialog in den Vordergrund r\u00fcckt, um Gemeinschaft, um \u201eein Haus\u201c zu gestalten. Und wenn wir \u00d6kumene so betrachten, dann hat sie auch eine politische Dimension! Denn wenn ich hier heute vor Ihnen nicht nur als Christ, sondern eben auch als Au\u00dfenminister stehe, dann kann ich Ihnen versichern: Der Versuch, durch Verhandlungen Konflikte zu l\u00f6sen und Trennlinien zu \u00fcberwinden; das Bem\u00fchen, durch gemeinsame Regeln und Absprachen eine Basis f\u00fcr unser Zusammenleben in der internationalen Gemeinschaft zu finden \u2013 das ist mein t\u00e4glich Brot!<\/p>\n<p>Wie wir Protestanten und Katholiken in Offenheit und im Dialog zusammenleben, das haben wir in den letzten Jahrhunderten oft auf schmerzhafteste Weise lernen m\u00fcssen. Aber haben wir wirklich ausgelernt? Wenn wir unsere Welt betrachten, dann mag manch einer daran zweifeln, dass wir alle den \u00f6kumenischen Gedanken von Dialog und Verst\u00e4ndigung wirklich im Grundsatz verstanden haben.<\/p>\n<p>Was ist da los? Noch nie in meiner eigenen Biographie habe ich eine Zeit erlebt, in der die Krisen und Konflikte in solcher Dichte und Vehemenz auf uns einst\u00fcrmen. Gleichzeitig findet hier bei uns in Europa eine Debatte statt, die an den Grundfesten unserer Union r\u00fcttelt. Und was mich besonders beunruhigt, in diesen st\u00fcrmischen Zeiten, das sind die dumpfen Parolen, die wir dabei h\u00f6ren. Der Ton wird rauer, nicht nur hier bei uns in Europa. Auch auf der anderen Seite des Atlantiks h\u00f6ren wir Abgrenzungsparolen. Hier und dort werden \u00c4ngste gesch\u00fcrt, gegen\u00fcber \u201eden anderen\u201c, auch und gerade gegen\u00fcber Muslimen. In Europa sind es populistische Parteien, die Sorgen der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger instrumentalisieren und den Islam als solchen an den Pranger stellen. Behauptet wird da, Islam und Demokratie seien unvereinbar. Ich widerspreche dem ganz entschieden, denn ich bin sicher: Demokratie gibt dem Islam Raum, und der Islam gibt der Demokratie Raum! Es ist eine der entscheidenden Aufgaben f\u00fcr unsere Gesellschaft in den kommenden Jahren, f\u00fcr Muslime und Christen, den Beweis daf\u00fcr anzutreten.<\/p>\n<p>Schlichte Parolen m\u00f6gen zwar Applaus bringen, auf den Marktpl\u00e4tzen unseres europ\u00e4ischen Kontinents, aber sie bringen uns kein St\u00fcck weiter bei den Herausforderungen, vor denen wir gemeinsam in Europa stehen und bei denen die Menschen Antworten erwarten, die tragen.<\/p>\n<p>Es macht mir Sorge, wie wir mit der Brexit-Debatte derzeit eine Renaissance nationaler Stereotype und Egoismen in Europa erleben. \u201eWir haben genug eigene Probleme. Lasst die Welt mit ihren Problemen drau\u00dfen!\u201c Das scheint die Ansage zu sein, wenn es darum geht, unsere gro\u00dfen Herausforderungen anzugehen \u2013 wie zum Beispiel die Bew\u00e4ltigung der Fl\u00fcchtlingssituation.<\/p>\n<p>Nicht viel besser waren die Parolen, die wir w\u00e4hrend der Finanzkrise geh\u00f6rt haben: Viele Stimmen haben ein geteiltes Europa in dramatischen Worten beschrieben: Einen Norden, in dem das Gef\u00fchl w\u00e4chst, nur noch Zahlmeister f\u00fcr die verschwenderischen L\u00e4nder des S\u00fcdens zu sein. Und einen S\u00fcden, der sich vom Norden drangsaliert f\u00fchlt.<\/p>\n<p>Meine Sorge ist, dass alte Spaltungen, die wir schon l\u00e4ngst \u00fcberwunden glaubten, in neuer Gestalt nach Europa zur\u00fcckkehren. Trennlinien tun sich zwischen den V\u00f6lkern auf. Dabei sollten gerade wir in Europa es besser wissen!<\/p>\n<p>So wie\u00a0 Papst Franziskus uns anl\u00e4sslich der Verleihung des Karlspreises im Mai gemahnt hat, als er \u00fcber das Haus Europa sprach: \u201e(Die Gr\u00fcnderv\u00e4ter) legten das Fundament f\u00fcr ein Bollwerk des Friedens, ein Geb\u00e4ude, das von Staaten aufgebaut ist, die sich nicht aus Zwang, sondern aus freier Entscheidung f\u00fcr das Gemeinwohl zusammenschlossen und dabei f\u00fcr immer darauf verzichtet haben, sich gegeneinander zu wenden. Nach vielen Teilungen fand Europa endlich sich selbst und begann sein Haus zu bauen.\u201c \u201eOikodomein\u201c \u2013 da ist es wieder, auch in der Sprache des Papstes \u00fcber Europa!<\/p>\n<p>Es stimmt. Mit und durch den Bau unseres \u201eHaus Europa\u201c haben wir gelernt, Konflikte einzuhegen, sie in zivilisierten Formen auszutragen. Aber wir merken jetzt: Das Haus hat Risse! Seine Stabilit\u00e4t ist keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit mehr! Es zu st\u00fctzen ist unsere gemeinsame Aufgabe! Und wenn wir \u2013 in Anlehnung an den Begriff der \u00d6kumene \u2013 diese Arbeit als eine Arbeit an einem Haus verstehen, das Raum f\u00fcr alle hat, ein Haus, in dem wir zusammenleben wollen \u2013, dann muss unsere Antwort das genaue Gegenteil von Abschottung und Abgrenzung sein. Dann muss es uns darum gehen, neue Wege des Dialogs und der Zusammenarbeit in Europa zu \u00f6ffnen!<\/p>\n<p>Dabei sollten wir uns daran erinnern, dass es die Kirchen sind, die bei allen weiter bestehenden Unterschieden, eine Art Vorreiterin der Idee von der europ\u00e4ischen \u201eEinheit in Vielfalt\u201c waren. Die gro\u00dfe Leistung der europ\u00e4ischen Einigung besteht doch gerade darin, Verschiedenheit zu vers\u00f6hnen: das gilt f\u00fcr nationale Identit\u00e4ten ebenso wie f\u00fcr Konfessionen. Die Mehrheit der EU-B\u00fcrger ist r\u00f6misch-katholisch. Aber in D\u00e4nemark und Schweden haben wir zu fast 100 Prozent protestantische Bev\u00f6lkerungen. In Gro\u00dfbritannien f\u00fchlt sich ein gro\u00dfer Teil der Menschen der anglikanischen Kirche zugeh\u00f6rig. Griechenland, Bulgarien und Rum\u00e4nien sind mehrheitlich orthodox. Gerade die friedliche Vielfalt der Kirchen in Europa ist doch ein Beispiel f\u00fcr die europ\u00e4ische Gesellschaft insgesamt!<\/p>\n<p>Und deshalb ist f\u00fcr mich klar: Wir Christen sind gefragt, diese Tradition zu verteidigen. Gerade jetzt, wo starke Fliehkr\u00e4fte an unserem Europa zerren, an den W\u00e4nden des Hauses, das wir gemeinsam gebaut haben. Wenn der Ton rauer wird, wenn Abgrenzung und Abschottung die neuen Lockrufe der Populisten sind, dann ist f\u00fcr mich klar: wir Christen m\u00fcssen noch viel deutlicher sagen, dass die \u00d6kumene auch eine politische Dimension hat!<\/p>\n<p>Wolfgang Huber hat einmal darauf hingewiesen, dass ein wichtiger Beitrag der Kirche f\u00fcr die Zukunft Europas in ihrer F\u00e4higkeit besteht, sich in der jeweiligen Unterschiedlichkeit zu respektieren und mit Verschiedenheiten geschwisterlich umzugehen. Das ist eine Botschaft, die nie notwendiger war, als gerade jetzt!<\/p>\n<p>Deswegen sage ich: Geht raus! Sprecht mit Euren Br\u00fcdern in Schwestern in Polen, in Italien, in Griechenland und Gro\u00dfbritannien! Die Antworten, die wir in diesen Gespr\u00e4chen h\u00f6ren werden \u2013 da bin ich mir ziemlich sicher \u2013 sind nicht immer die Antworten, die wir h\u00f6ren wollen! Aber wir m\u00fcssen diese Antworten h\u00f6ren! Besser zuh\u00f6ren, als in der Vergangenheit, um einander verstehen zu lernen! Und streiten f\u00fcr eine europ\u00e4ische Kultur, die seit 70 Jahren f\u00fcr einen Kontinent, der \u00fcber Jahrhunderte in Krieg und Gewalt zerrissen war, Frieden und Vers\u00f6hnung gebracht hat.<\/p>\n<p>Lasst uns aufstehen f\u00fcr das Haus Europa, und zwar bevor es zu sp\u00e4t ist! Es ist ja sch\u00f6n, dass jetzt in Gro\u00dfbritannien mit Demonstrationen, Petitionen und flammenden Reden der Geist Europas entdeckt wird \u2013 nur wo war diese Leidenschaft <em>vor<\/em> der Abstimmung?<\/p>\n<p>Papst Franziskus hat es im Mai in Rom gesagt: \u201eAm Wiederaufbl\u00fchen eines zwar m\u00fcden, aber immer noch an Energien und Kapazit\u00e4ten reichen Europas kann und soll die Kirche mitwirken.\u201c Aber, so f\u00fcgte er hinzu, \u201enur eine Kirche, die reich an Zeugen ist, vermag von neuem das reine Wasser des Evangeliums auf die Wurzeln Europas zu geben.\u201c<\/p>\n<p>Eine Kirche \u201ereich an Zeugen!\u201c! Mit diesem Begriff bin ich jetzt, am Ende meiner Rede, bei der eigentlichen Frage angelangt, n\u00e4mlich: <em>wem<\/em> Sie heute diesen wunderbaren Preis eigentlich \u00fcbergeben. Gilt er einem \u201eZeugen der Kirche\u201c: dem Christen Frank-Walter Steinmeier? Oder dem Politiker, dem Au\u00dfenminister?<\/p>\n<p>Klar ist doch: Politik wird nicht mit der Bibel in der Hand gemacht. Nicht f\u00fcr jede Erbschaftssteuerregelung gibt es eine Antwort in der Heiligen Schrift, nicht einmal f\u00fcr schwierige Fragen im Umgang mit aktuellen Bedrohungen. Aber auch wenn nicht alle Antworten schon gegeben sind: Genauso klar ist, dass ich meinen christlichen Glauben nicht an der Garderobe abgebe, wenn ich morgens an meinen Schreibtisch gehe oder ins Flugzeug steige. Meine christliche \u00dcberzeugung und das Vertrauen auf Gott, sind mir ein Kompass, geben ein inneres Ger\u00fcst, das \u00c4ngstlichkeit vermeidet (in Angesicht einer un\u00fcbersichtlich gewordenen Welt) und Mut macht, das Notwendige zu tun!<\/p>\n<p>In unserem Haus Europa jedenfalls lebe ich als Christ und als Politiker. Und ich sehe es als unsere gemeinsame Aufgabe, als Christen und als Europ\u00e4er, dieses Haus zu gestalten. Von der \u201evers\u00f6hnten Verschiedenheit\u201c, wie wir sie als gelebtes Prinzip in der \u00d6kumene der christlichen Kirchen beschreiben, scheinen wir uns im politischen Europa dieser Tage wieder zu entfernen. Aber auch hier sollten wir erinnern, dass dieses Prinzip gerade nicht den Verzicht auf Unterschiede fordert, wohl aber die Z\u00fcgelung des Ehrgeizes, die Verschiedenheit zum Keim der Identit\u00e4t zu machen.<\/p>\n<p>Das kann Europa von den christlichen Kirchen lernen! Was muss Kirche lernen? Dass es die kleinen Welten, wie ich sie am Anfang beschrieben haben, nicht mehr gibt. Und nicht die kleinen und gro\u00dfen Gewissheiten, mit denen meine Generation noch aufgewachsen ist.<\/p>\n<p>Die traditionellen Verh\u00e4ltnisse, in denen unsere Eltern und Gro\u00dfeltern aufgewachsen sind, haben sich aufgel\u00f6st. Flucht, Vertreibung, Verst\u00e4dterung, Mobilit\u00e4t, in den letzten Jahrzehnten auch die wachsende Zuwanderung haben Deutschland nachhaltig ver\u00e4ndert: seine Sozialstruktur, seine Mentalit\u00e4ten, aber eben auch das Verh\u00e4ltnis zur Religion. Und nicht nur in Ostdeutschland gilt: Die christlichen Kirchen bleiben wichtige Institutionen, aber sie haben an Pr\u00e4gekraft in der Gesellschaft eingeb\u00fc\u00dft. Der Prozess der S\u00e4kularisierung in westlichen Gesellschaften ist auch an den Kirchen Deutschlands nicht spurlos vorbeigegangen. Das hat Folgen, die wir uns bewusst machen m\u00fcssen: In einer weiter zusammenwachsenden Welt, die sich nicht mehr allein um die europ\u00e4ische Sonne dreht, geht es auch im Glaubw\u00fcrdigkeit des Christentums insgesamt: Solange unser Horizont das Dorf, die Stadt, die Region oder ein Nationalstaat ist, kann man vielleicht noch unbeschwert reformiert, lutherisch oder katholisch sein. Wenn unser Horizont aber die gesamte Welt ist, sieht das anders aus! Oder in den Worten der Leuenberger Konkordie: \u201eDie Bem\u00fchung um Gerechtigkeit<\/p>\n<p>und Frieden in der Welt verlangt von den Kirchen zunehmend die \u00dcbernahme gemeinsamer Verantwortung.\u201c<\/p>\n<p>Dieser Verantwortung d\u00fcrfen wir uns um der Welt, aber auch um der Kirchen willen nicht entziehen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist mir eine Ehre, mit dem \u00d6kumenischen Preis der Katholischen Akademie Bayern ausgezeichnet zu werden. Als mich die gute Nachricht vor ein paar Monaten erreichte, habe ich mich gefreut. Aber ich habe mich gleichzeitig gefragt: Bin ich der Richtige? Ich komme, wie manche vielleicht wissen, aus einem kleinen Dorf im Lippischen. 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