{"id":118349,"date":"2026-01-30T09:07:06","date_gmt":"2026-01-30T08:07:06","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118349"},"modified":"2026-01-30T09:07:06","modified_gmt":"2026-01-30T08:07:06","slug":"schlusswort-zur-verleihung-des-oekumenischen-preises-2016","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/schlusswort-zur-verleihung-des-oekumenischen-preises-2016\/","title":{"rendered":"Schlusswort zur Verleihung des \u00d6kumenischen Preises 2016"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Anwesende bei dieser festlichen Veranstaltung, die hoffentlich uns allen Mut gemacht hat, Hoffnung gemacht hat. Von dieser Akademie soll ein neuer Impuls f\u00fcr das christlich gepr\u00e4gte politische Handeln ausgehen, f\u00fcr das Arbeiten in den verschiedenen Bereichen des menschlichen Lebens.<\/p>\n<p>Ich geh\u00f6re auch zu denen \u2013 ich bin jetzt der Dritte \u2013 die sich gefragt haben: Warum Frank-Walter Steinmeier? Zwar hat die Jury entschieden, aber wir sind ja in der katholischen Welt. Da ruft man nat\u00fcrlich den Kardinal an und sagt: Herr Kardinal, was sagen Sie zu der Idee? Da habe ich gesagt: Lasst mich mal eine Nacht dr\u00fcber schlafen. Aber nicht, weil ich irgendein Problem mit der Person \u2013 das wissen Sie, Herr Minister \u2013 Frank-Walter Steinmeier habe, sondern eben tats\u00e4chlich in der \u00dcberlegung: Was ist jetzt der Sinn dieses Preises? Erkl\u00e4rt noch einmal, was ihr damit meint, mit diesem Preis, mit diesem \u00d6kumene-Preis.<\/p>\n<p>Ich bin ja erst einige Jahre hier und habe eben auch in Erinnerung, dass es in der Regel Bisch\u00f6fe und Professoren waren, die mit dem \u00d6kumenischen Preis ausgezeichnet wurden. Aber beim Blick auf diese Preisbegr\u00fcndung und auch auf die Idee fand ich es dann besonders wichtig, jetzt in dieser Stunde einen \u00fcberzeugten Christen, der im politischen Handlungsfeld steht, auszuzeichnen und damit zu ermutigen, und auch andere zu ermutigen, in der Politik ihren Beitrag als Christinnen und Christen zu leisten, in einer \u00f6kumenischen, weiten Vernetzung. Eine ausgezeichnete Idee! Ich glaube auch die Veranstaltung heute zeigt das. Ich kann ja nur ein kleines Schlusswort sagen, einen i-Punkt oder ein Ausrufungszeichen draufsetzen. Die wesentlichen Punkte sind ja in der Laudatio und auch in der gro\u00dfartigen Rede des Herrn Bundesau\u00dfenministers deutlich geworden.<\/p>\n<p>Kann man mit der Bibel in der Hand Politik machen? Da sage ich, mit einem kleinen Widerspruch zu dem, was gesagt wurde: Doch, doch! Aber in der rechten Weise, und darauf haben Sie hingewiesen. Was sind die gro\u00dfen Perspektiven? Es wurde auf die Narrative hingewiesen, die wir brauchen, und nat\u00fcrlich ist die Bibel eine Bibliothek. Es ist ja nicht nur ein Buch, sondern es ist eine Bibliothek mit vielen Erz\u00e4hlungen, die aber immer auf das Zentrum hinweisen wollen.<\/p>\n<p>Das will ich zum Schluss dann doch tun: Als Bischof darf ich dann die Bibel einmal zu Wort kommen lassen als das gro\u00dfe Narrativ Europas. Die wichtigste Aufkl\u00e4rung, die Europa je erreicht hat, ist f\u00fcr mich das Evangelium, die biblische Botschaft. Und die beginnt eben nicht mit Jesus von Nazareth; sie beginnt mit den ersten Seiten der Heiligen Schrift: Der Mensch wird geschaffen als Mann und Frau, beide auf einer Ebene, es geht um eine Menschheitsfamilie. Also sind alle Br\u00fcder und Schwestern. Jeder Mensch ist Bild Gottes, ob er gl\u00e4ubig oder ungl\u00e4ubig ist, Muslim, ausgetreten, homosexuell, heterosexuell, Mann oder Frau, schwarz oder wei\u00df. Jeder ist Bild Gottes. Das ist die gr\u00f6\u00dfte Revolution, die jemals auf dieser Erde ausgesprochen wurde, in dieser Verbindlichkeit, in dieser Proklamation einer Botschaft.<\/p>\n<p>Haben wir immer auf dem Niveau dieses Satzes gelebt? Sicher nicht, auch wir als Kirche nicht. Bleibt dieser Satz g\u00fcltig? Nat\u00fcrlich bleibt er g\u00fcltig. Das kann ich nur unterstreichen \u2013 das ist jetzt nicht auszuf\u00fchren, es ist schon gesagt worden: Deswegen ist christlicher Glaube, biblischer Glaube absolut unvereinbar mit Nationalismus, Ausgrenzung und Rassismus. Absolut unm\u00f6glich! Deswegen ist ein Christ nicht nur ein Europ\u00e4er, jemand, der \u00fcber Grenzen hinausschaut und den anderen nicht als Bedrohung, sondern als Bruder und Schwester sieht, er ist ein Universalist. Christen sind im Prinzip Universalisten. Das m\u00fcssen wir als Kirche, als Verantwortliche in der Kirche, immer wieder in Erinnerung rufen.<\/p>\n<p>Oder denken wir an den wunderbaren Text, der im Bereich des Politischen immer wieder zitiert wird: \u201eSo gebt dem Kaiser, was dem Kaiser geh\u00f6rt, und Gott, was Gott geh\u00f6rt!\u201c (Mt 22,21) Das wurde oft falsch verstanden als eine Trennung, eine absolute Trennung. Bei Matth\u00e4us ist aber eine Orientierung gemeint: \u201eGebt Gott, was Gott geh\u00f6rt\u201c. Was geh\u00f6rt Gott? Eben der Mensch, der Bild Gottes ist, den ich nicht verzwecken kann, der \u201eZweck an sich (selbst)\u201c ist, wie Kant sagt, der nicht benutzt wird, nicht versklavt wird, nicht ausgebeutet wird, nicht Instrument in der Hand eines anderen sein darf. Das ist gemeint mit \u201egebt Gott, was Gott geh\u00f6rt\u201c: der Mensch. Das ist eine \u00f6kumenisch gemeinsame Botschaft; keine katholische Politik, keine evangelische Politik, keine j\u00fcdische Politik, sondern eine vom biblischen Glauben her christlich-\u00f6kumenische Inspiration f\u00fcr die Politik.<\/p>\n<p>Oder die wunderbare Geschichte, die wir am Sonntag in allen katholischen Kirchen im Evangelium geh\u00f6rt haben und die f\u00fcr mich zu den sch\u00f6nsten Texten Europas geh\u00f6rt. Ob ich gl\u00e4ubig bin oder nicht, ob ich Christ bin oder nicht, spielt dabei \u00fcberhaupt keine Rolle. Es ist die Geschichte vom barmherzigen Samariter, im 15. Kapitel des Lukas-Evangeliums. Jesus widerspricht dort dem Gesetzeslehrer, der ja eine Definition will und sagt: es muss doch einmal eine Grenze geben, es muss doch einmal Schluss sein, es geht doch um meine Interessen. Definiere mir bitte, wo ich aufh\u00f6ren muss, zu lieben. Definier\u2018 mir das, Jesus von Nazareth.<\/p>\n<p>Und Jesus erz\u00e4hlt die Geschichte, die Sie alle kennen, die Geschichte vom barmherzigen Samariter, und dreht das Ganze um. Er sagt: Es geht gar nicht darum, dass du eine Definition bekommst, wann du nicht mehr helfen sollst. Es geht darum, dass du begreifst, wie du denn auf die Welt schaust. Alle, die dem Samariter vorausgegangen sind, sagen: Was wird aus mir? Da ist ein \u00dcberfallener \u2013 was wird aus mir, wenn ich ihm helfe, fragt der Priester, der Levit. Und der Samariter, der Ausl\u00e4nder, der Verachtete, der nicht dazugeh\u00f6rt, sagt: Was wird aus ihm? Was wird aus ihm, wenn ich vor\u00fcbergehe? Es ist der teilnehmende Blick; der auch noch nicht alle Probleme l\u00f6st, aber offen bleibt f\u00fcr den Anderen. Deshalb beklagt Papst Franziskus das Fehlen dieses teilnehmenden Blickes, wenn er von einer Globalisierung der Gleichg\u00fcltigkeit spricht.<\/p>\n<p>Das sind noch keine L\u00f6sungen f\u00fcr alle Probleme. Aber den Blick abzuwenden und zu sagen, die Folgen f\u00fcr andere gehen mich nichts an \u2013 etwa in der Fl\u00fcchtlingskrise oder in der politischen Frage des Friedens oder der Vers\u00f6hnung; Hauptsache, wir haben unsere Interessen durchgesetzt; die Folgen, langfristige Folgen f\u00fcr andere, sind nicht unser Problem. Das sind Haltungen, die eben nicht christlich inspiriert sind, und, so darf ich doch auch sagen, im Letzten auch unvern\u00fcnftig sind. Denn das will ich abschlie\u00dfend sagen: Die christlich inspirierte Politik \u2013 die von Christen gepr\u00e4gte Politik, die von solchen Narrativen herkommt \u2013 ist nicht unvern\u00fcnftig. Ich spreche ab und zu auch von der Vernunft der Seligpreisungen.<\/p>\n<p>Manchmal \u00e4rgere ich mich, wenn ich durch Museen gehe oder auch durch gro\u00dfe Schl\u00f6sser gef\u00fchrt werde: Die Geschichte scheint haupts\u00e4chlich aus K\u00f6nigen und Feldmarsch\u00e4llen zu bestehen, gro\u00dfen Politikern, die Kriege gef\u00fchrt haben. Gut, oft wird auch an andere erinnert. Aber die Dominanz insgesamt ist doch relativ stark. Jesus sagt nicht, selig, die Kriege gewonnen haben, sondern er sagt, selig, die Frieden stiften, selig, die keine Gewalt angewandt haben, selig, die andere Mittel in Anspruch genommen haben, um das Ziel zu erreichen. Das ist doch nicht unvern\u00fcnftig! Und wir haben es ja eben sozusagen heruntergebrochen auf die ganz praktische Politik des Dialogs, des Denkens vom Anderen her. Wir haben gesehen, was es bedeutet, diese Perspektive im Blick zu behalten.<\/p>\n<p>Noch einmal: Das ist nicht eine naive Romantik, sondern ich glaube, diese gro\u00dfe Perspektive muss im Blick bleiben, sonst verlieren wir uns im Einzelnen und verheddern uns in Interessen, die im Grunde genommen langfristig nicht bedeutend sind. Heute ist, wie schon gesagt wurde, das Fest des heiligen Benedikt, des Vaters Europas. Johannes Paul II. hat ihn zum Patron Europas ausgerufen. Ja, was wissen wir sonst noch von Politikern aus dem 5. und 6. Jahrhundert? Nicht so viel. Kaum, dass wir einen Namen in Erinnerung haben. Aber der heilige Benedikt hat mit seiner Art, das Evangelium zu leben, sich zur\u00fcckzuziehen, Kl\u00f6ster zu organisieren Europa vielleicht nachhaltiger gepr\u00e4gt als mancher, der damals als gro\u00dfer Mann oder gro\u00dfe Frau galt.<\/p>\n<p>Diese Hoffnung sollten wir einbringen, auch in die konkrete Politik, auch in die Gestaltung der Welt. Ich glaube, wir haben es gesp\u00fcrt, und wir haben ja auch Zeit genug gehabt in den letzten Jahren, Frank-Walter Steinmeier zu beobachten: Der Preis geht an den Richtigen. Aber es ist ein Preis zur Ermutigung f\u00fcr alle. Ich m\u00f6chte dies wirklich noch einmal nutzen, um viele, viele Christinnen und Christen aufzurufen, sich in den politischen Parteien, im gesellschaftlichen Leben, zu engagieren. Es ist h\u00f6chste Zeit, unsere Narrative aufzurufen und mit praktischem Engagement zu erf\u00fcllen. Gottes Segen dazu!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Die frei vorgetragene Ansprache wurde f\u00fcr die Drucklegung geringf\u00fcgig sprachlich bearbeitet. Der Stil des gesprochenen Wortes bleibt erhalten.<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Anwesende bei dieser festlichen Veranstaltung, die hoffentlich uns allen Mut gemacht hat, Hoffnung gemacht hat. 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