{"id":118362,"date":"2026-01-30T09:42:41","date_gmt":"2026-01-30T08:42:41","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118362"},"modified":"2026-01-30T09:42:44","modified_gmt":"2026-01-30T08:42:44","slug":"heimsuchung-und-heim-suchung-die-kunst-der-erzaehlerin-jenny-erpenbeck","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/heimsuchung-und-heim-suchung-die-kunst-der-erzaehlerin-jenny-erpenbeck\/","title":{"rendered":"Heimsuchung und Heim-Suchung"},"content":{"rendered":"<p>In dieser Akademie-Reihe gibt es nat\u00fcrlich nie einen unerw\u00fcnschten Gast. Aber es gibt erw\u00fcnschte, sehr erw\u00fcnschte, hocherw\u00fcnschte und h\u00f6chsterw\u00fcnschte G\u00e4ste. Jenny Erpenbeck geh\u00f6rt f\u00fcr mich in diese nur selten beanspruchte oberste Kategorie. Ich habe sie vor drei Jahren, als sie in Koblenz mit dem Breitbach-Preis ausgezeichnet wurde, kennenlernen d\u00fcrfen. Die Begegnung bescherte mir ein unvorhergesehenes, nur geschenkweise erh\u00e4ltliches Gl\u00fcck. Aber ich muss n\u00fcchtern bleiben.<\/p>\n<p>So beginne ich einfach mit den Titeln der drei Romane dieser gro\u00dfen Schriftstellerin: \u201eHeimsuchung\u201c, \u201eAller Tage Abend\u201c, \u201eGehen, ging, gegangen\u201c. Die 2007 erschienene Geschichte eines an einem m\u00e4rkischen See unweit von Berlin gelegenen \u00a0Sommerhauses und seiner Bewohner durch mehrere Generationen, die das ganze 20. Jahrhundert umfasst, hei\u00dft \u201eHeimsuchung\u201c. Tats\u00e4chlich wird von den furchtbaren Ersch\u00fctterungen erz\u00e4hlt, die dieses Zeitalter heimgesucht haben, eines, das noch der<\/p>\n<p>R\u00fcckschau einer fernen Zukunft einen tiefschwarzen Anblick bieten wird, auch wenn es, wie die Autorin ganz am Anfang zu verstehen gibt, <em>sub specie<\/em> geologischer Entwicklungsvorg\u00e4nge nur einen Augenblick dauert. Erst wenn man in der Lekt\u00fcre ein gutes St\u00fcck fortgeschritten ist, begreift man, dass mit dem Titel noch ein anderes, weniger an der Oberfl\u00e4che liegendes Ph\u00e4nomen gemeint ist: Heim-Suchung, die dem<\/p>\n<p>Menschen unaustilgbar eingepflanzte Sehnsucht nach einem Punkt im Universum, wo er sich niederlassen, wo er zuhause sein und sich zuhause f\u00fchlen kann. Dieser Sehnsucht wirkt in der physischen und geschichtlichen Welt eine Kraft entgegen, der sie immer wieder unterliegen muss: die Kraft der Vertreibung. Wir alle sind Vertriebene: ewige H\u00e4nsels und Gretels aus unseren Elternh\u00e4usern, Ausgesto\u00dfene aus<\/p>\n<p>unseren Freundschafts- und Liebesbindungen, unseren Arbeitsbedingungen und Lebensgewohnheiten; Krankheit, Alter und Tod sorgen schlie\u00dflich daf\u00fcr, dass wir auch aus unseren K\u00f6rpern vertrieben werden. Zeitvergehen und Raum-Ver\u00e4nderung wirken zusammen, dass wir nicht bleiben k\u00f6nnen \u2013 niemals und nirgends. Heimkehr existiert nur als fl\u00fcchtig vor\u00fcbergehende. Schon Odysseus muss Ithaka ein zweites Mal<\/p>\n<p>verlassen. Fremd sind wir eingezogen, fremd ziehn wir wieder aus.<\/p>\n<p>Der geborene Erz\u00e4hler, die geborene Erz\u00e4hlerin d\u00fcrfen erst recht nicht Wurzeln schlagen; sie m\u00fcssen wie die altgewordene Heldin in Jenny Erpenbecks Roman \u201eAller Tage Abend\u201c von 2012 einen Ort jenseits ihrer Lebenszeit erreicht haben, von dem aus sie sich in der Zeit frei bewegen k\u00f6nnen. Die alte Frau Hoffmann schlie\u00dft beim Fr\u00fchst\u00fcck im Altenheim die Augen und z\u00e4hlt die Sekunden, weil sie wei\u00df, dass seit acht Uhr mit den Erschie\u00dfungen begonnen wird. Pro Minute werden zehn H\u00e4ftlinge<\/p>\n<p>erschossen. F\u00fcr sie, die in ihre letzte Station eingekehrt, heimgekehrt ist \u2013 sehr vor\u00fcbergehend, da sie demn\u00e4chst neunzig wird; der Abend aller Tage steht unmittelbar bevor \u2013 ist jedes Es-war-einmal ihres Lebens zum jederzeit sich wiederholen k\u00f6nnende Jetzt geworden. Am Anfang des verfluchten Jahrhunderts ist sie in einem galizischen St\u00e4dtchen zur Welt gekommen, viermal muss sie sterben: als Baby in ihrem Geburtshaus, als junge Frau im aller Walzerseligkeit abgestorbenen Wien der Zeit nach<\/p>\n<p>dem Ersten Weltkrieg, in Sibirien als Opfer der stalinistischen \u201eS\u00e4uberungen\u201c, in Ostberlin, als es noch Ost-Berlin ist und sie als hochangesehene DDR-Schriftstellerin ihr Staatsbegr\u00e4bnis erster Klasse bekommt.<\/p>\n<p>Die Todesarten \u2013 S\u00e4uglingstod, Suizid aus entt\u00e4uschter Liebe, Teil eines Massensterbens im Straflager, ein Treppensturz \u2013 sind alle bemerkenswert banal, wie fast jeder Tod in unserer Zeit entsetzlich banal ist. Zur Banalit\u00e4t des Todes geh\u00f6rt seine Zuf\u00e4lligkeit: Er k\u00f6nnte ebenso gut <em>not<\/em> sein. Schon eine Handvoll Schnee h\u00e4tte gen\u00fcgt, hat gen\u00fcgt, das acht Monate alte Baby ins Leben zur\u00fcckzuholen. Der Wille zum Selbstmord kann im letzten Augenblick erlahmen. Der Name einer zum Tod Verurteilten ger\u00e4t aus Versehen auf eine andere Liste. Der Sturz von der Treppe verl\u00e4uft gn\u00e4dig, oder man ist gar nicht ausgerutscht. Das <em>Stirb und Werde<\/em> im zwanzigsten Jahrhundert ist das heruntergekommene, verhunzte Goethesche des fr\u00fchen neunzehnten, dessen fernes Echo indirekt anklingt (\u201eUnd solang du das nicht hast,\/Dieses: Stirb und werde!\/Bist du nur ein tr\u00fcber Gast\/Auf der dunklen Erde\u201c). Und das noch fernere \u201eLebt wohl!\u201c des Thoas am Schluss der \u201eIphigenie\u201c wird in Jenny Erpenbecks Roman unmittelbar h\u00f6rbar: In all dem j\u00fcdischen Hausrat, den die Gro\u00dfmutter der Hauptfigur bei ihrer Flucht aus Galizien nach Wien mitschleppt und dann bei ihrer Deportation aus Wien in ein Nazi-Vernichtungslager nicht mehr \u00a0mitschleppen kann, befindet sich eine zwanzigb\u00e4ndige in Leder gebundene Goethe-Ausgabe.<\/p>\n<p>In den dunkelsten Punkt unserer Gegenwart trifft der Titel des j\u00fcngsten, im vergangenen Herbst ver\u00f6ffentlichten Romans: \u201eGehen, ging, gegangen\u201c. Er verkn\u00fcpft den Deutschunterricht, der den von keiner Willkommenskultur begr\u00fc\u00dften, nur geduldeten und bald nicht mehr geduldeten illegalen afrikanischen Migranten zugestanden wird \u2013 die Konjugation der unregelm\u00e4\u00dfigen deutschen Verben will gelernt sein \u2013, mit der jederzeit drohenden, schlie\u00dflich rigoros durchgesetzten Abschiebung (ein Wort, das im Wortschatz des barbarischen K\u00f6nigs der Taurier nicht vorkommt, gar nicht denkbar ist). \u201eGehen, ging, gegangen\u201c k\u00f6nnte die Inschrift einer Medaille bilden, deren beide Seiten zugleich das Versprechen <em>and<\/em> die Verweigerung der Integration verb\u00fcrgen, ausgestellt vom Berliner Senat und jedem Fl\u00fcchtling um den Hals<\/p>\n<p>geh\u00e4ngt &#8211; zum Abschied, zum Abschieb.<\/p>\n<p>Den zentralen Inhalt des Romans: die Geschichte der Fl\u00fcchtlingsgruppe \u2013 Geschichte im zweifachen Sinn als Darstellung einer nach Ausdruck schreienden Situation und als Aufhellung der Vergangenheit, aus der sie entstand \u2013 konnte man schon ein Jahr vor dem Erscheinen des Buches in Kurzform kennenlernen. Am 6. September 2014 ver\u00f6ffentlichte Jenny Erpenbeck in der F.A.Z. einen scharfen Appell an den Berliner<\/p>\n<p>Innensenator Frank Henkel, dem sie vorwarf, bei den Verhandlungen mit den auf dem Oranienplatz campierenden 550 Fl\u00fcchtlingen aus Libyen dem Einigungspapier durch das Fehlen seiner Unterschrift die juristische G\u00fcltigkeit vorenthalten zu haben. Die Fl\u00fcchtlinge waren also um die ihnen zugesagte Duldung betrogen worden. Ein sehr konkreter politischer Vorgang, der jeden sogenannten m\u00fcndigen B\u00fcrger zur Emp\u00f6rung, zur Einmischung, zum Engagement auffordert.<\/p>\n<p>Wie wird daraus Literatur? Gewiss nicht dadurch, dass der Autor, die Autorin durch literarische Mittel der pers\u00f6nlichen Stellungnahme mehr Nachdruck zu verleihen sucht und eine Entscheidung im Sinn der eigenen moralischen \u00dcberzeugung herbeif\u00fchren will. Und andrerseits schon gar nicht mit Hilfe des entgegengesetzten Verfahrens: Eine<\/p>\n<p>bestimmte ersch\u00fctternde Erfahrung dient als Anlass, ein brandaktuelles Thema \u00a0gewisserma\u00dfen an Land \u2013 ans Land der eigenen Schriftstellerei \u2013 zu ziehen und damit, wie es in einer Rezension des Buches hie\u00df, \u201eaufs saisonale Debattenkarussell aufzuspringen\u201c \u2013 und zwar so rasch als m\u00f6glich, damit in dem von Rivalit\u00e4t stigmatisierten literarischen Leben dem eigenen Unternehmen kein anderer zuvorkomme. Dieser Vorwurf ging schon deshalb ins Leere, weil der Vorgang, der dem Buch zugrunde liegt, in eine Zeit f\u00e4llt, in der das Fl\u00fcchtlingsproblem noch keineswegs<\/p>\n<p>die Ausma\u00dfe seiner seit dem letzten Herbst uns nur zu vertrauten Aktualit\u00e4t erreicht hatte. Und wer Jenny Erpenbecks B\u00fccher kennt, nicht nur die drei erw\u00e4hnten Romane, sondern auch ihre anderen B\u00fccher: \u201eDie Geschichte vom alten Kind\u201c, ihren Erstling von 1999, die Erz\u00e4hlungen \u201eTand\u201c, den aus Zeitungskolumnen hervorgegangenen Nachruf auf \u201eDinge, die verschwinden\u201c, und die sich hinter dem harmlos klingenden<\/p>\n<p>Titel \u201eW\u00f6rterbuch\u201c verbergende grauenhafte Geschichte eines M\u00e4dchens, das zu einer Wahrheit erwacht, die es zwingt, die Augen immer fester zu verschlie\u00dfen,\u2013 wer, sage ich, dieser h\u00f6chst bewundernswerten Schriftstellerin mit der Aufmerksamkeit, die sie verdient, zugeh\u00f6rt hat, der wei\u00df, in welchem grotesken Widerspruch zur Genauigkeit ihres Hinschauens die Behauptung jenes Rezensenten steht, hier habe es jemand besonders eilig gehabt, einen verkaufstr\u00e4chtigen Stoff aufzugreifen.<\/p>\n<p>Wie von ungef\u00e4hr wird der gerade emeritierte Altphilologe Richard in die Oranienplatz-Aff\u00e4re hineingezogen, besucht in dem Heim, in dem sie vorl\u00e4ufig untergebracht sind, einzelne Fl\u00fcchtlinge, wirbt geduldig um ihr Vertrauen und gewinnt es in einem Prozess langsamer Ann\u00e4herung. Einzelne bringt er zum Sprechen (jemanden zum Sprechen bringen, das ist doch ihm wie zu einer zweiten Geburt verhelfen), nimmt ihre Geschichten auf Tonband auf, setzt sich nach Kr\u00e4ften f\u00fcr ihre Sache ein. Als ein partieller Doppelg\u00e4nger der Erz\u00e4hlerin k\u00f6nnte dieser Richard den Appell an den Innensenator formuliert, auch eine Reportage seiner Eindr\u00fccke und Erkundungen verfasst haben, nicht aber den Roman, als dessen Protagonist er figuriert. Da liegt der gravierende Unterschied zur Autorin. Moralisches Engagement gen\u00fcgt beim besten Willen noch lange nicht zur Herstellung eines Kunstwerks; es ist eine unter Umst\u00e4nden<\/p>\n<p>notwendige, aber keineswegs hinreichende Voraussetzung. Erst der Dichter verwandelt den Einzelnen aus einer berechenbaren Summe von Daten in einen lebendigen Menschen, der in keiner administrativen Rechnung aufgeht. Nur durch die Kunst der Erz\u00e4hlung, die Kunst einer Jenny Erpenbeck wird den nordafrikanischen schwarzen M\u00e4nnern, die aus Libyen vertrieben wurden, das zuteil, was sie am dringendsten w\u00fcnschen: <em>to become visible<\/em>.<\/p>\n<p>Ich greife ein einziges Beispiel heraus. Der achtzehnj\u00e4hrige Osarobo, der mit f\u00fcnfzehn Jahren mitangesehen hat, wie man seinen Vater und seine Freunde erschlug, hat auf Richards Frage nach etwas, das er gern machen w\u00fcrde, \u00fcberraschend \u201eKlavierspielen\u201c geantwortet. Also l\u00e4dt ihn der Professor ein, in seine Wohnung zu kommen, was auch die Gelegenheit f\u00fcr einen wichtigen Integrationsfortschritt bedeutet: eine \u00dcbung im Zur\u00fccklegen gr\u00f6\u00dferer Entfernungen in der Riesenstadt. Es stellt sich heraus, dass Osarobo noch nie ein Klavier ber\u00fchrt hat. Aber das Klimpern und dann unter Richards Anleitung das Erlernen elementarer Handgriffe macht ihm Freude. Zutrauen stellt sich ein, etwas wie Freundschaft keimt. Einmal wird der Latinist aus seinem Ruhestand zu<\/p>\n<p>einem Vortrag \u00fcber Seneca nach Frankfurt eingeladen. Bei seiner R\u00fcckkehr stellt er fest, dass in der einzigen Nacht seiner Abwesenheit bei ihm eingebrochen worden ist. Ein paar Schmuckst\u00fccke seiner Mutter und seiner verstorbenen Frau fehlen. Nur \u00a0Osarobo wusste etwas von Richards Reise. Als Leser h\u00e4lt man den Atem an, d.h. ich hielt den Atem an angesichts der M\u00f6glichkeit, dass er&#8217;s gewesen sein k\u00f6nnte. Woher kommt diese Furcht? Nicht weil man f\u00fcrchtet, dass durch eine solche Tat dem<\/p>\n<p>Engagement des Professors ein R\u00fcckschlag versetzt w\u00fcrde. Es geht um den Jungen. Er ist einem durch die Vergegenw\u00e4rtigungskunst der Autorin so nahe gekommen, ich m\u00f6chte fast sagen: ans Herz gewachsen, dass der Verdacht eines solchen Vertrauensbruchs sich einfach nicht best\u00e4tigen darf. Schlie\u00dflich bleibt keine Alternative. Ach ja, nat\u00fcrlich war er der Einbrecher, auch wenn es gn\u00e4digerweise offen bleibt.<\/p>\n<p>Um so dankbarer l\u00e4sst man sich in den M\u00e4rchenschluss des Buches mitnehmen, der 147 der nach langem Hin und Her Abgeschobenen mit Schlafpl\u00e4tzen in Richards Bibliothek, Musikzimmer, Wohnzimmer, K\u00fcche, im Biotop von Freunden und Bekannten versorgt. Mit Karon, Yaya, Khalil, Raschid und Rufu sitzt man in festlicher Stimmung rings um das Feuer vor dem Haus des Wohlt\u00e4ters, das wie das Haus in der \u201eHeimsuchung\u201c an einem See liegt, und feiert die Utopie eines humanen Welt-Augenblicks.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dieser Akademie-Reihe gibt es nat\u00fcrlich nie einen unerw\u00fcnschten Gast. Aber es gibt erw\u00fcnschte, sehr erw\u00fcnschte, hocherw\u00fcnschte und h\u00f6chsterw\u00fcnschte G\u00e4ste. 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