{"id":118370,"date":"2026-01-30T10:08:18","date_gmt":"2026-01-30T09:08:18","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118370"},"modified":"2026-01-30T10:08:21","modified_gmt":"2026-01-30T09:08:21","slug":"der-islamische-staat-struktur-strategie-und-ziele-einer-terrororganisation","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/der-islamische-staat-struktur-strategie-und-ziele-einer-terrororganisation\/","title":{"rendered":"Der Islamische Staat"},"content":{"rendered":"<p>Die Geschichte der Terrororganisation \u201eIslamischer Staat\u201c ist schon viele Male erz\u00e4hlt worden. Deswegen werde ich mich hier auf ein knappes Ger\u00fcst beschr\u00e4nken: von den Anf\u00e4ngen im n\u00f6rdlichen Irak noch in der Zeit starker US-amerikanischer Milit\u00e4rpr\u00e4senz in diesem Raum \u00fcber die Ausdehnung auf Syrien zu einem Zeitpunkt, da das dortige Assad-Regime nicht mehr in der Lage war, das gesamte Staatsgebiet unter seiner Kontrolle zu halten, eingeschlossen die verschiedenen Um- und Neubenennungen der Organisation bis zur gegenw\u00e4rtigen Lage, da der IS an allen Fronten in die Defensive gedr\u00e4ngt ist und im Begriff steht, immer mehr der von ihm eroberten und zeitweilig kontrollierten Gebiete zu verlieren. Aber auch eine Niederlage des IS in der Levante wird nicht, wie dies bei herk\u00f6mmlichen Formen der Kriegf\u00fchrung der Fall w\u00e4re, zum Ende des IS f\u00fchren, sondern er wird sich in eine Netzwerkorganisation zur\u00fcckverwandeln, um andernorts neue territoriale Verwurzelungen zu suchen. Libyen ist zurzeit daf\u00fcr der naheliegende Kandidat. Das alles ist weithin bekannt und muss nicht noch einmal im Detail ausgebreitet werden.<\/p>\n<p>Statt dessen werde ich mich auf die Konturierung des IS gegen al-Qaida konzentrieren, um Differenzen in der Struktur, der Strategie und den Zielen dieser beiden Terrororganisationen herauszuarbeiten, die zur gr\u00f6\u00dften Herausforderung \u201edes Westens\u201c seit dem Ende des Kalten Kriegs geworden sind. Das wird freilich nicht m\u00f6glich sein ohne einen Blick auf einige Spezifika unserer eigenen Gesellschaften, als deren wichtigste ich deren postheroischen Charakter herausstellen will. Erst vor diesem Hintergrund wird verst\u00e4ndlich, warum eine Gruppe von ein paar Tausend Personen eine Wirkung hat erzielen k\u00f6nnen, f\u00fcr die fr\u00fcher Koalitionen von Gro\u00dfm\u00e4chten vonn\u00f6ten gewesen w\u00e4ren. Das Ganze wird dann mit einem Blick in die n\u00e4here Zukunft abgeschlossen, und dabei wird weniger der Nahe Osten als vielmehr unser eigenes Land in der Mitte Europas eine zentrale Rolle spielen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>Die Geschichte des \u201eIslamischen Staats\u201c beginnt in einem US-amerikanischen Lager f\u00fcr Terrorverd\u00e4chtige im Irak, wo einige der Gefangenen radikalisiert werden und andere zueinander Vertrauensbeziehungen aufbauen, die sp\u00e4ter im IS eine zentrale Rolle spielen werden. Man kann deswegen nicht sagen, die USA h\u00e4tten den IS produziert, aber eine Reihe ihrer Handlungen hat ihn beziehungsweise seine Entstehung doch erheblich bef\u00f6rdert. Einen \u00e4hnlichen Effekt scheinen zurzeit im \u00dcbrigen in Europa Gef\u00e4ngnisse f\u00fcr Kriminelle zu haben, in denen der IS bemerkenswerte Rekrutierungserfolge erzielt. Das ist ein wichtiger Punkt, den wir festhalten wollen: Unsere Sortiermaschinen, in denen entweder T\u00e4ter von blo\u00df Verd\u00e4chtigen getrennt oder eines Verbrechens \u00dcberf\u00fchrte bestraft werden, sind von den Dschihadisten zum Rekrutierungsreservoir f\u00fcr ihre K\u00e4mpfer und zum Aufbau von Terrorzellen in Europa gemacht worden. Dort jedenfalls haben sie die gr\u00f6\u00dften Rekrutierungserfolge. Was auch immer das f\u00fcr unser eigenes Agieren hei\u00dft: Wir haben es mit einem Kontrahenten zu tun, der die bei uns \u00fcblichen Formen von Abwehr des Terrorismus und der Begrenzung von normaler Kriminalit\u00e4t in eine Schw\u00e4che verwandelt. Es geht also nicht um die Fehler der USA, die diese im Irak gemacht haben und auf die die Europ\u00e4er herabsehen, sondern es geht um strukturelle Faktoren, die man auch bei etwas mehr Geschick nicht vermeiden kann. Das ist die gro\u00dfe Herausforderung, auf die es bislang keine Antwort gibt. \u00dcberhaupt ist das ein charakteristisches Merkmal von Terroristen seit deren vermehrtem Aufkommen im 19. Jahrhundert: dass sie die Infrastruktur der von ihnen angegriffenen Gesellschaft f\u00fcr ihre eigene Zwecke nutzen und insofern keine eigene Infrastruktur aufbauen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Was den IS kennzeichnet ist sein virtuoses Changieren in Raum und Zeit, seine F\u00e4higkeit, sich bietende Gelegenheiten zu einer territorialen Verankerung in einem bestimmten Gebiet auch wieder mit strategischen Entscheidungen zur Entterritorialisierung zu verbinden. Sicherlich ist der Nahe Osten f\u00fcr alle Dschihadisten ein sakrafizierter Raum, der sich nicht beliebig gegen andere R\u00e4ume austauschen l\u00e4sst, aber die Struktur des IS ist nicht in der Weise an diesen Raum gebunden, dass dessen milit\u00e4rische Eroberung und administrative Kontrolle durch die Anti-IS-Koalition mit der Vernichtung des IS verbunden w\u00e4re, wie das in der klassischen Kriegf\u00fchrung der Fall ist. Wenn ein Land vom Gegner erobert und unter dessen Kontrolle gebracht worden ist, hatte im klassischen Krieg die Macht, die sich auf dieses Gebiet st\u00fctzte, den Krieg verloren. Das hei\u00dft, terroristische Organisationen haben aufgrund ihrer M\u00f6glichkeit, sich von einem territorialen Akteur auch wieder in ein Netzwerk zur\u00fcckzuverwandeln eine sehr viel h\u00f6here Resilienz gegen\u00fcber R\u00fcckschl\u00e4gen und Niederlagen als klassische staatliche Akteure, die im Fall der Besetzung ihres Territoriums kapitulieren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Nun hat sich der IS inzwischen nicht nur den Namen \u201eStaat\u201c zugelegt, sondern er hat auch Strukturen ausgebildet, die denen eines Staates \u00e4hnlich sind. Er hat sich damit verwundbarer gemacht, als er es w\u00e4re, wenn er eine reine Netzwerkorganisation geblieben w\u00e4re, die, wie das in Westeuropa, namentlich Frankreich und Belgien, der Fall ist, aus der Tiefe des sozialen Raums heraus operiert und nach den Anschl\u00e4gen in diesem sozialen Raum auch wieder verschwindet. Von daher die Frage: Worin besteht der Mehrwert, den der IS dadurch erlangt, dass er Staatsqualit\u00e4t angenommen hat?<\/p>\n<ul>\n<li>Da ist zun\u00e4chst die Sakralit\u00e4t des Raumes, in dem sich der IS territorialisiert hat, es ist ein kleiner Raum, der das Zentrum eines islamischen Kalifatsstaats sein soll. Es geht also um ein politisches Projekt, bei dem das Ziel sehr viel ambitionierter ist, als das sonst bei Terrororganisationen der Fall ist. Die Sakralit\u00e4t verband sich dabei offenbar mit den Opportunit\u00e4tsstrukturen infolge des Staatszerfalls im Irak und in Syrien.<\/li>\n<li>Dadurch erlangte der IS eine erhebliche Attraktivit\u00e4t gegen\u00fcber den global verstreuten Dschihadisten, die sich dem anschlie\u00dfen, der das politisch attraktivste und strategisch aussichtsreichste Projekt vertritt. Die verschiedenen islamistischen Organisationen konkurrieren um die K\u00e4mpfer und ihre Loyalit\u00e4t \u2013 und mit dem Kalifatsprojekt hat der IS gegen\u00fcber allen anderen Konkurrenten zweifellos einen gro\u00dfen Stich gemacht.<\/li>\n<li>Diese Realkonkurrenz islamistischer Akteure um milit\u00e4rische Arbeitskraft, konkret: um Todesvirtuosen, wird in der Regel bei der Analyse des Terrorismus zu wenig beachtet. Aber sie ist ein bestimmender Faktor bei der Anlage von Strategien, und diese zielen nicht nur auf den Feind, sondern haben auch die Funktion zur Mobilisierung des potentiellen Freundes.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Aber diese Territorialit\u00e4t hat den IS andererseits auch hochgradig verwundbar gemacht: Zun\u00e4chst verwundbar gegen\u00fcber Luftangriffen, denen die K\u00e4mpfer des IS und dessen Infrastruktur tendenziell wehrlos ausgeliefert ist. Was damit stattfindet, ist ein permanenter Aderlass der Terrororganisation. Im Prinzip spielt das den USA und deren Pr\u00e4ferenz f\u00fcr eine Bek\u00e4mpfung des IS aus der Luft in die H\u00e4nde, und vermutlich hat dies auch zu einer US-Entscheidung beigetragen, den IS durch permanente Luftangriffe langsam auszubluten und ihn nicht mit einem gro\u00dfen Schlag in eine Netzwerkorganisation zur\u00fcck zu verwandeln, die man dann nicht mehr in der \u201ebequemen Form\u201c von Luftangriffen bek\u00e4mpfen kann.<\/p>\n<p>Zwar haben die USA in der \u00c4ra Obama die Praxis entwickelt, Terrororganisationen, die wesentlich Netzwerkorganisationen geblieben sind oder allenfalls sporadisch Territorialit\u00e4t ausgebildet haben, mit bewaffneten Drohnen aus der Luft zu bek\u00e4mpfen, doch ist dies eine sehr viel aufw\u00e4ndigere und komplexere Form der Terrorismusbek\u00e4mpfung als dies die Luftangriffe auf Stellungen oder gr\u00f6\u00dfere Fahrzeugkolonnen des IS in den von ihm beherrschten Gebieten Syriens und des Nordirak sind. Das zeigt sich schon daran, wer die jeweiligen \u201eGegenangriffe\u201c operativ durchf\u00fchrt: W\u00e4hrend es bei Drohnenangriffen nur gelegentlich das Milit\u00e4r ist und f\u00fcr viele dieser Attacken der Geheimdienst verantwortlich zeichnet, von dem auch die Drohnen gesteuert und die Hellfire-Raketen abgefeuert werden, sind die Luftangriffe ausschlie\u00dflich eine Angelegenheit des Milit\u00e4rs, in diesem Fall der Luftwaffe. Der Kampf gegen den IS wird also in Form eines Krieges gef\u00fchrt, w\u00e4hrend die Bek\u00e4mpfung terroristischer Netzwerkorganisationen ohne ausgepr\u00e4gte territoriale Basis eine Zwischenform darstellt, die weder eindeutig als Kriegf\u00fchrung noch als Kriminalit\u00e4tsbek\u00e4mpfung zu rubrizieren ist.<\/p>\n<p>Mit dem Entschluss zum Aufbau eines Kalifatsstaates durch den IS war der Zwang zur Entwicklung einer administrativen und logistischen Infrastruktur verbunden, die erhebliche Kr\u00e4fte band und nach wie vor bindet und einen permanenten Zufluss finanzieller Ressourcen zur Voraussetzung hat. Das Projekt ist infolgedessen nicht nur verwundbarer, sondern auch teurer geworden, und der Verkauf von Kunstwerken aus dem besetzten Gebiet und von Erd\u00f6l, das dort gef\u00f6rdert wird, dient wesentlich dazu, diese Infrastruktur und die Bev\u00f6lkerung im IS-kontrollierten Gebiet versorgen zu k\u00f6nnen. Nat\u00fcrlich gibt es daneben auch die nach wie vor offensichtlich weiterflie\u00dfenden \u201eSpenden\u201c aus Teilen der arabischen Welt, die dem IS zugutekommen. W\u00e4hrend diese \u201eSpenden\u201c in der Regel ausreichen, um eine terroristische Netzwerkorganisation zu finanzieren, ist das bei dem IS, der f\u00fcr die Versorgung der Bev\u00f6lkerung verantwortlich ist, die in dem von ihm eroberten Gebieten geblieben ist, nicht der Fall. Sicherlich l\u00e4sst sich diese Bev\u00f6lkerung zun\u00e4chst einmal mit Steuern und Abgaben belasten, um auf diese Weise Zugriff auf die erforderlichen Ressourcen zu bekommen. Das ist auch in den vom IS kontrollierten Gebieten der Fall. Aber dabei handelt es sich eher um eine kurze Sicht funktionierende Raubwirtschaft als um eine mittelfristig funktionsf\u00e4hige \u00d6konomie, die den IS in die Lage versetzen w\u00fcrde, das von ihm gestartete Projekt \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum durchzuhalten.<\/p>\n<p>Das Projekt Kalifatsstaat hat den IS also unter einen Zeitdruck gesetzt, dem sich terroristische Netzwerkorganisationen sonst durch ihre Struktur entziehen. In der Regel gilt, dass die westlichen Terrorbek\u00e4mpfer unter Zeitdruck stehen und schnell erfolgreich sein m\u00fcssen, w\u00e4hrend die Terrorgruppen infolge ihrer Klandestinit\u00e4t \u00fcber erheblich mehr Zeit verf\u00fcgen. Dieser unterschiedliche Zugriff auf die Ressource Zeit ist eines der Kernelemente in der asymmetrischen Konfrontation, wie sie die terroristische Herausforderung f\u00fcr die Territorialstaaten nun einmal darstellt. Dieser Vorteile hat sich der IS durch den Entschluss zum Aufbau eines Kalifatsstaats begeben.<\/p>\n<p>Blicken wir zur\u00fcck auf die aufgeregte Kommentierung der Bodengewinne des IS, insbesondere im Jahre 2014 und auch noch in 2015, so erstaunt daran, wie wenig in ihr die gerade beschriebenen strategischen Dilemmata erkannt worden sind. In gro\u00dfem Ma\u00dfe handelte es sich dabei um hysterisches Gerede, das sich mehr mit den grausamen Hinrichtungsvideos des IS und seinen Gewalttaten gegen bestimmte Bev\u00f6lkerungsgruppen in den von ihm kontrollierten Gebieten besch\u00e4ftigte als mit der neuen Verwundbarkeit, in die sich die Gruppierung hineinman\u00f6vriert hatte. Retrospektiv kann man sagen, dass der IS in eine strategische Falle gelaufen ist, die sich aus der Nutzung von scheinbaren Opportunit\u00e4tsstrukturen ergeben hat. Er hat durch das f\u00fcr ihn scheinbar attraktive Projekt des Kalifatsstaats potentielle und wirkliche Dschihadisten aus aller Welt angezogen, die in Syrien und im Irak von den USA und deren Verb\u00fcndeten mit der Luftwaffe relativ leicht anzugreifen und zu t\u00f6ten waren \u2013 jedenfalls im Vergleich mit der aufw\u00e4ndigen Suche nach ihnen im Br\u00fcsseler Stadtteil Molenbeek.<\/p>\n<p>Das russische Eingreifen in den syrischen B\u00fcrgerkrieg hat die Konstellationen inzwischen fundamental ver\u00e4ndert; es kommt der Waffenstillstand hinzu, in den der IS und die al-Nusra-Front nicht einbezogen sind, so dass die zuvor stark verzettelten Kr\u00e4fte des Assad-Regimes gegen sie konzentriert werden konnten und ihnen auch am Boden eine Reihe von Niederlagen beigebracht haben. Wahrscheinlich wird 2016 oder 2017 das Ende des IS als Territorialakteur in der Levante kommen und zu seiner R\u00fcckverwandlung in ein Netzwerk f\u00fchren, das sich aber andernorts erneut territorialisieren kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>Vergleicht man die verschiedenen dschihadistischen Organisationen miteinander, so besteht eine der zentralen Differenzen zwischen al-Qaida und dem IS in der unterschiedlichen Beantwortung der Frage, wer der Feind ist beziehungsweise wer von den zahlreichen Feinden der Hauptfeind ist. F\u00fcr al-Qaida standen die USA und Israel hier ganz vorn. Das ist beim IS anders: An die Stelle der USA und Israels sind die Schiiten, bestimmte Regimes der arabischen Welt sowie die Europ\u00e4er getreten, die leicht zu attackieren sind.<\/p>\n<p>\u00dcber die divergente Definition des Hauptfeindes hinaus ergibt sich daraus eine unterschiedliche Strategie und Zielsetzung. Man kann die Feinderkl\u00e4rung des IS gegen\u00fcber den Schiiten aus den Erfahrungen mit der al-Maliki-Regierung im Irak erkl\u00e4ren, aber mindestens ebenso handelt es sich dabei um die fast zwangsl\u00e4ufige Folge der strategischen Konzentration auf einen sakralen\/heiligen Raum, der zun\u00e4chst von all denen \u201eges\u00e4ubert\u201c werden muss, die ihn durch ihre Anwesenheit kontaminieren: Christen, Schiiten, Aleviten, Jesiden usw. Das ist ein Vorteil f\u00fcr die USA, die damit in den Hintergrund der IS-Ziele getreten sind. Und zugleich ist es ein Nachteil f\u00fcr Europa, da die Europ\u00e4er leicht anzugreifen sind und sich hier auch entsprechende Rekrutierungsreservoirs f\u00fcr dschihadistische K\u00e4mpfer finden. Al-Qaida war in hohem Ma\u00dfe eine strategische Herausforderung f\u00fcr die USA, w\u00e4hrend der IS, jedenfalls was \u201eden Westen\u201c anbetrifft, eine strategische Herausforderung der Europ\u00e4er ist: durch die von ihm erzeugten Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me, die im Herbst und Winter 2015 \u00fcber die Balkanroute nach West- und Mitteleuropa gekommen sind und die EU an den Rand des Auseinanderbrechens gebracht haben, und nat\u00fcrlich durch die Anschl\u00e4ge von Paris und Br\u00fcssel, von denen die europ\u00e4ischen Gesellschaften in ihrem Kern getroffen worden sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>Nun ist Europa freilich nach dem gegen die USA gerichteten Terrorattacken vom 11. September 2001 ebenfalls durch Anschl\u00e4ge von al-Qaida nicht verschont geblieben. Zu nennen sind hier die Angriffe auf die Vorortz\u00fcge in Madrid und die auf Busse und U-Bahnen in London. Man k\u00f6nnte also auf den ersten Blick meinen, die Attacken von Paris im November 2015 und die von Br\u00fcssel im Fr\u00fchjahr 2016 w\u00fcrden nur etwas fortsetzen oder wieder aufnehmen, was schon zehn Jahre davor seinen Anfang genommen hat. Und doch gibt es bemerkenswerte Unterschiede: Die Anschl\u00e4ge von Madrid und London waren gegen die Verkehrsinfrastruktur europ\u00e4ischer Gro\u00dfst\u00e4dte gerichtet, sie hatten die Aufgabe, die dramatische Verwundbarkeit dieser Verkehrsinfrastruktur offenzulegen und dienten offensichtlich dazu, auf diese Weise Regierungshandeln zu beeinflussen, also die spanische und die britische Regierung zu einem Kurswechsel in deren Irakpolitik zu zwingen. Im spanischen Fall war das erfolgreich, im Fall der Briten nicht.<\/p>\n<p>Weitere Anschl\u00e4ge dieses Typs waren im \u00dcbrigen nicht erfolgt beziehungsweise konnten rechtzeitig verhindert werden. Die Chance zur Verhinderung solcher Anschl\u00e4ge ergab sich unter anderem daraus, dass Polizei und Geheimdienste der europ\u00e4ischen Staaten lernten, wie die Vorbereitung solcher Attacken erfolgte, wo die Terroristen Spuren hinterlie\u00dfen, wie und wann sie miteinander kommunizierten usw. Vereinfacht formuliert kann man sagen, dass solche Anschl\u00e4ge ein Komplexit\u00e4tsniveau hatten (und haben), das durch die F\u00fclle der dabei entstehenden Spuren ein erfolgreiches Gegenhandeln der Staatsorgane nicht nur m\u00f6glich machte, sondern auch zu einer relativ hohen Erfolgswahrscheinlichkeit f\u00fchrte. Jedenfalls kehrte nach einiger Zeit ein Sicherheitsempfinden zur\u00fcck, das die Voraussetzung f\u00fcr das reibungslose Funktionieren unserer Gesellschaften ist.<\/p>\n<p>Das ist bei den Anschl\u00e4gen auf Festveranstaltungen und sportliche Gro\u00dfereignisse ganz anders. Solche Attacken zielen nicht auf Regierungshandeln, sondern auf das Lebensgef\u00fchl der Zivilgesellschaft, und die Regierung hat in diesem Fall keine Chance, durch eine entsprechende Ver\u00e4nderung ihrer Politik die eigene Bev\u00f6lkerung als den am leichtesten verwundbaren Teil des politischen K\u00f6rpers aus dem Fokus der Angreifer zu nehmen. Und offensichtlich ist es f\u00fcr Polizei und Geheimdienste auch sehr viel schwerer, mit Handfeuerwaffen und Sprengstoffg\u00fcrteln durchgef\u00fchrte Attacken kleinster Zellen zu verhindern als Bombenanschl\u00e4ge auf die Verkehrsinfrastruktur eines Landes.<\/p>\n<p>Man kann die Entwicklung des Terrorismus in Europa seit den 1970er Jahren, als es sich wesentlich um einen sozialrevolution\u00e4ren Terrorismus (Rote Armee Fraktion, Brigate rosse) handelte, als einen Prozess beschreiben, bei denen die Anschlagsdurchf\u00fchrung immer einfacher wird, weil die Ziele immer beliebiger werden: Bestimmte Personen aus der gesellschaftlichen und politischen Elite eines Landes zu entf\u00fchren oder zu t\u00f6ten, hat ein hohes Ma\u00df an organisatorischer Leistung und Pr\u00e4zision bei der Anschlagsdurchf\u00fchrung vorausgesetzt. Das ist \u00fcberhaupt nicht der Fall, wenn an den Einlassstellen eines Fu\u00dfballstadions oder in einem Musikclub Bomben gez\u00fcndet oder auf die Anwesenden das Feuer aus Schnellfeuerwaffen er\u00f6ffnet wird. Das kann jeder, der den Entschluss dazu gefasst und sich in den Besitz einer automatischen Waffe gebracht hat.<\/p>\n<p>Und das ist es, was uns als eine postheroische Gesellschaft so \u00e4ngstigt. Worin das politische Ziel solcher Attacken besteht, l\u00e4sst sich nicht leicht sagen. Offenbar geht es wesentlich um die Erzeugung von Angst und Schrecken, also nicht um eine Einflussnahme auf die Politik eines Landes, sondern um die Zerst\u00f6rung seiner Gesellschaft. Auf solche Attacken werden sich die Europ\u00e4er vermehrt einstellen m\u00fcssen \u2013 zumal dann, wenn der Kalifatsstaat des IS in Syrien und im Irak zerschlagen sein wird.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte der Terrororganisation \u201eIslamischer Staat\u201c ist schon viele Male erz\u00e4hlt worden. 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