{"id":118396,"date":"2026-01-30T11:07:14","date_gmt":"2026-01-30T10:07:14","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118396"},"modified":"2026-01-30T11:07:17","modified_gmt":"2026-01-30T10:07:17","slug":"neubeginn-nach-dem-kulturkampf-die-deutschen-katholiken-um-1900","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/neubeginn-nach-dem-kulturkampf-die-deutschen-katholiken-um-1900\/","title":{"rendered":"Neubeginn nach dem Kulturkampf"},"content":{"rendered":"<h3><strong> Kulturkampf<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das 19. Jahrhundert war f\u00fcr die Katholiken in Deutschland eine verlustreiche Zeit. In der S\u00e4kularisation 1803-1815 b\u00fc\u00dften sie fast ihr gesamtes kl\u00f6sterliches Bildungswesen und einen gro\u00dfen Teil ihrer Hochschulen ein \u2013 die alte stiftische Kultur im S\u00fcden und Westen ging bis auf wenige Reste zugrunde. Ein halbes Jahrhundert sp\u00e4ter, 1866, verloren die Katholiken durch den Ausschluss \u00d6sterreichs aus dem k\u00fcnftigen Deutschen Reich ihre einstige politische und kulturelle Vormacht. Waren im Alten Reich bis 1806 Katholiken und Protestanten ungef\u00e4hr gleich stark gewesen, so geriet der katholische Volksteil im Bismarckstaat nach 1871 endg\u00fcltig in die Minorit\u00e4t. Die Katholiken \u2013 im kleindeutschen Reich ein rundes Drittel der Bev\u00f6lkerung \u2013 standen auf Dauer einer protestantischen Zweidrittelmehrheit gegen\u00fcber. Trotz starker absoluter Zunahme stieg der relative Bev\u00f6lkerungsanteil der Katholiken im Deutschen Reich in der Zeit von 1871-1945 nur unwesentlich an (H\u00f6chststand 1910: 36,7 Prozent).<\/p>\n<p>Zur Minorit\u00e4tssituation kam die politische Isolierung der Katholiken hinzu. Gro\u00dfe Teile der protestantischen Mehrheit verhielten sich ihnen gegen\u00fcber distanziert, teilweise sogar feindlich. Der Staat und die im Reichstag und im Preu\u00dfischen Abgeordnetenhaus dominierenden Liberalen f\u00fchrten nach 1871 gegen die Katholiken einen \u2013 regelrechten \u201eKulturkampf\u201c (das Wort wurde von dem nationalliberalen Arzt und Parlamentarier Rudolf Virchow gepr\u00e4gt). Der Kulturkampf, so urteilt die amerikanische Historikerin Margret Lavinia Anderson, war \u201eder Versuch der deutschen protestantischen Mehrheit, \u00fcber die Konfessionsgrenzen hinweg eine homogene Nationalkultur zu errichten und dabei die katholische Kultur (die immer als \u201aniedrig\u2019, als Volkskultur, verstanden wurde) gewaltsam an eine protestantische Hochkultur anzugleichen\u201c. Dem dienten unter anderem Ordensverbote, Ausweisungen, die Inhaftierung von Bisch\u00f6fen und Geistlichen, ein eigens geschaffener K\u00f6niglicher Gerichtshof f\u00fcr kirchliche Angelegenheiten \u2013 und die Einf\u00fchrung eines \u201eKulturexamens\u201c f\u00fcr angehende katholische Geistliche, in denen sie ihre Vertrautheit mit der Weimarer Klassik und dem Deutschen Idealismus unter Beweis stellen sollten.<\/p>\n<p>Katholiken wurden als \u201eReichsfeinde\u201c verd\u00e4chtigt, die einer \u201eausl\u00e4ndischen Macht\u201c (dem Vatikan) gehorchten. Bismarck f\u00fcrchtete eine \u201ekatholische Revanche-Koalition\u201c der Geschlagenen von 1866 und 1871, der \u00d6sterreicher und der Franzosen. In der Zentrumspartei, einer interkonfessionellen Volkspartei, die jedoch de facto nur von Katholiken gew\u00e4hlt wurde, sah er \u2013 durchaus richtig \u2013 den Kern einer demokratisch gest\u00fctzten parlamentarischen Opposition im Reichstag und im Preu\u00dfischen Abgeordnetenhaus. Die staatlichen Kampfma\u00dfnahmen griffen tief in die Glaubens- und Gewissensfreiheit der Katholiken ein. Es war ein klarer Fall von Religionsverfolgung. Die katholische Kirche in Deutschland hatte buchst\u00e4blich um ihre Existenz zu k\u00e4mpfen. Das rigorose Vorgehen von Gesetzgebung, Justiz und Polizei stie\u00df auf heftige Gegenwehr der Katholiken. Es erregte auch au\u00dferhalb Deutschlands Widerspruch und Abscheu. Der junge englische Lyriker Gerard Manley Hopkins widmete sein gro\u00dfes Gedicht \u201eDer Schiffbruch der Deutschland\u201c dem Andenken der f\u00fcnf Franziskanerinnen, die \u2013 durch die Kulturkampfgesetze aus Deutschland vertrieben \u2013 am 7. Dezember 1875 in der Themsem\u00fcndung ertranken. \u201eO Deutschland, double a desparate name! \/ O world wide of its good!\u201c<\/p>\n<p>Seine Ziele konnte Bismarck nicht erreichen \u2013 das Zentrum wurde st\u00e4rker statt schw\u00e4cher, Bisch\u00f6fe, Klerus und Kirchenvolk schlossen sich solidarisch zusammen, das Band mit Rom wurde enger gekn\u00fcpft als je zuvor. Theologieaspiranten weigerten sich, das Kulturexamen abzulegen, und nach wie vor lehnten es die meisten Katholiken ab, unter den gegebenen Umst\u00e4nden den Sedanstag und den Geburtstag des Kaisers als nationale Feste mitzufeiern.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich wandten sich auch zahlreiche konservativer gesonnene Evangelische gegen die mit dem Kulturkampf verbundenen S\u00e4kularisierungseffekte (Einf\u00fchrung der Zivilehe und standesamtlicher Funktionen des Staates 1874\/75). So brach Bismarck 1878 den Kulturkampf ab und suchte eine Verst\u00e4ndigung mit Rom, wo inzwischen ein Wechsel auf dem Papstthron erfolgt war. In Geheimverhandlungen mit dem Heiligen Stuhl \u2013 hinter dem R\u00fccken des Zentrums \u2013 verst\u00e4ndigten sich Bismarck und Leo XIII. nach langem Hin und Her 1887 auf einen Friedensschluss. Es kam zu pragmatischen Absprachen, wobei Bismarck seinen Kultusminister Falk, den Urheber der Kulturkampfgesetze, fallen lie\u00df, der preu\u00dfische Staat den Gerichtshof f\u00fcr kirchliche Angelegenheiten preisgab, Niederlassungen von Orden wieder gestattete (mit Ausnahme der Jesuiten), beschlagnahmtes Verm\u00f6gen freigab und die umstrittene Anzeigepflicht auf den Fall der dauernden \u00dcbertragung eines geistlichen Amtes beschr\u00e4nkte. Das Jesuitengesetz jedoch bestand bis 1917 weiter, und der Kanzelparagraph \u2013 im Dritten Reich ein willkommenes Werkzeug der Nationalsozialisten \u2013 reichte sogar noch bis in die Anf\u00e4nge der Bundesrepublik Deutschland hinein, er wurde erst 1953 aufgehoben. \u00dcbrigens wurde er auch von der DDR \u00fcbernommen und genutzt!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Wendungen um 1900<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Kulturkampf hatte sich die katholische Seite durch straffen Zusammenhalt und nachhaltigen Widerstand behauptet. Die konfessionelle Solidarit\u00e4t \u00fcberw\u00f6lbte die landschaftlichen und sozialen Unterschiede, die es im deutschen Katholizismus durchaus gab, die aber in der allgemeinen politischen Herausforderung zur\u00fccktraten. Die Katholiken hielten Distanz vom Staat, Distanz vom \u201eheiligen evangelischen Reich deutscher Nation\u201c \u2013 wie der Hofprediger Stoecker das Bismarckreich euphorisch nannte \u2013 und gewannen durch Volksn\u00e4he und durch parlamentarisch-publizistische Aktivit\u00e4ten einen Vorsprung in der Herausbildung moderner demokratischer Strukturen in Deutschland \u2013 ein Umstand, der sich sp\u00e4ter, nach 1918, als mit den Monarchien auch der f\u00fcrstliche Summepiskopat wegfiel und die Evangelische Kirche pl\u00f6tzlich ohne Verfassung dastand, auch interkonfessionell bew\u00e4hren sollte. (Die Erhaltung der \u00f6ffentlichen Stellung der Kirchen in der Weimarer Reichsverfassung war nur mit Hilfe des Zentrums m\u00f6glich, da die Evangelischen \u00fcber keine eigene politische Vertretung verf\u00fcgten. Sie hatten von 1970-1918 einfach \u201eim Regiment gesessen\u201c, gest\u00fctzt auf ihre Mehrheit und im Vertrauen auf das \u201eprotestantismusfreundliche\u201c Handeln der staatlichen Organe. Die Katholiken dagegen mussten sich als Minderheit im Zweiten Kaiserreich im \u00f6ffentlichen Leben erst einmal demokratisch \u201eneu erfinden\u201c.<\/p>\n<p>Freilich: der Kampf um die Selbstbehauptung hatte auch im Katholizismus tiefe Wunden hinterlassen. Zwar war eine Kirchenspaltung vermieden worden: Die Altkatholiken, die sich gegen das 1870 verk\u00fcndete Unfehlbarkeitsdogma gewandt hatten, verloren, nach anf\u00e4nglichem Auftrieb, seit den Achtzigerjahren massiv an Boden. Aber die zur Abwehr staatlicher \u00dcbergriffe n\u00f6tige Geschlossenheit verhinderte auch einen tiefergehenden innerkatholischen Dialog \u2013 und erst recht verstummte das interkonfessionelle Gespr\u00e4ch nach drau\u00dfen. Dass man sich gegen die \u00e4u\u00dfere \u00dcbermacht des Staates verteidigen, ja verschanzen musste, f\u00fchrte zu Verh\u00e4rtungen im Inneren der katholischen Welt. Man f\u00fchlte sich wie in einer belagerten Festung. Abwehr und Abgrenzung gegen\u00fcber allem Neuen, Ungewohnten breiteten sich aus.<\/p>\n<p>So hatten die Katholiken am Ende zwar ihre Eigenst\u00e4ndigkeit und Rechtgl\u00e4ubigkeit bewahrt \u2013 aber zugleich einen gro\u00dfen Teil ihrer Mitwirkungsm\u00f6glichkeiten im gesellschaftlichen Leben preisgegeben. Das Defizit machte sich besonders im kulturellen Feld bemerkbar, im Bereich von Erziehung und Wissenschaft, Literatur und Publizistik, und so war es kein Wunder, dass sich hier in den Achtziger- und Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts eine lebhafte innerkatholische Debatte entwickelte. Die Diskussion kreiste um zwei im \u00f6ffentlichen Leben und in der Literatur immer wieder angef\u00fchrte Begriffe: \u201eParit\u00e4t\u201c und \u201ekatholische Inferiorit\u00e4t\u201c.<\/p>\n<p>\u201eParit\u00e4t\u201c \u2013 das war ein alter Begriff des Reichsrechts. Das Wort war im Umkreis der Religionsfrieden entstanden und bezeichnete den Gleichrang, die Gleichbehandlung der Konfessionen im Rahmen der staatlichen Rechtsordnung. Die korporative Parit\u00e4t, bezogen auf die evangelischen und katholischen Corpora, war mit dem Untergang des Reiches 1806 dahingefallen. Doch im Zweiten Kaiserreich wurde die personenbezogene, die numerische Parit\u00e4t der Konfessionen erneut zum Thema der Politik; sie r\u00fcckte in den Mittelpunkt der Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken. Vor allem Zentrumspolitiker beklagten die eindeutige Imparit\u00e4t, die im Reich und in den katholischen Provinzen Preu\u00dfens, aber auch in vermeintlich \u201ekatholischen\u201c Staaten wie Bayern herrschte. Und in der Tat: Je h\u00f6her die Ebene der Regierung und Verwaltung lag, desto weniger Katholiken fand man dort. \u201e1888-1914 waren nach den Berechnungen Karl Bachems unter rund 90 Kanzlern, Staatssekret\u00e4ren und Ministern Preu\u00dfens und des Reichs nur sechs Katholiken. In der Reichskanzlei, der \u201aZentralregistratur des Reiches\u2019, betrug die konfessionelle Verteilung von 1900 bis 1918 25 Protestanten gegen\u00fcber 3 Katholiken. Eine f\u00fcr die Katholiken besonders verschlossene preu\u00dfische Bastion war das Innenministerium, in dem 1913 lediglich ein katholischer Hilfsarbeiter Dienst tat\u201c (Martin Baumeister).<\/p>\n<p>Auch in Bayern gab es \u201eImparit\u00e4ten\u201c \u2013 sie erregten nur weniger Aufsehen. Denn das \u201ekatholische Bayern\u201c behandelte seine evangelische Minderheit (rund 28 Prozent) weit gener\u00f6ser als Preu\u00dfen seine Katholiken. Die Behauptung, Bayern sei im 19. Jahrhundert von pf\u00e4lzischen, fr\u00e4nkischen und schw\u00e4bischen Protestanten regiert worden, ist zwar eine seit langem widerlegte \u00dcbertreibung. Tats\u00e4chlich ging aber der protestantische Anteil unter den bayerischen Beamten erheblich \u00fcber den numerischen Bev\u00f6lkerungsanteil hinaus; Sch\u00e4tzungen sprechen von einem \u00dcberschuss von mindestens 10 Prozent. Es gab im K\u00f6nigreich im 19. Jahrhundert zahlreiche evangelische Minister und insgesamt drei evangelische Ministerpr\u00e4sidenten (von der Pfordten, von Lutz, von Crailsheim). Es darf auch daran erinnert werden, dass die katholischen Bayernk\u00f6nige durch die Verehelichung mit drei protestantischen F\u00fcrstinnen \u2013 darunter Theresia von Sachsen-Hildburghausen, an die bis heute die Theresienwiese erinnert \u2013 ein besonderes Zeichen konfessioneller Offenheit im neuen K\u00f6nigreich gesetzt hatten (heute mag man darin sogar einen autokratischen Vorgriff auf eine k\u00fcnftige \u00d6kumene sehen). Im preu\u00dfischen Herrscherhaus, aber auch im orthodoxen Russland, in der protestantischen und orthodoxen Welt \u00fcberhaupt w\u00e4re eine \u00e4hnliche Gro\u00dfz\u00fcgigkeit gegen\u00fcber katholischen F\u00fcrstinnen g\u00e4nzlich undenkbar gewesen.<\/p>\n<p>Auch in Bayern kritisierte das Zentrum mit gutem Recht die bestehenden \u201eImparit\u00e4ten\u201c in der Staatsverwaltung. Am auff\u00e4lligsten waren sie bei den Beamten \u2013 und am st\u00e4rksten ausgepr\u00e4gt beim Heer. So meldeten sich f\u00fcr die Offizierslaufbahn in Bayern zwischen 1882 und 1894 durchschnittlich 43,2 Prozent protestantische Anw\u00e4rter. Im Gesamtoffizierskorps betrug der Anteil der Protestanten ungef\u00e4hr 40 Prozent. \u201eNoch im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wunderte sich der preu\u00dfische Generalstabsoffizier in M\u00fcnchen, dass von den drei kommandierenden Gener\u00e4len in Bayern zwei evangelisch waren\u201c (Martin Baumeister).<\/p>\n<p>Doch genau hier stellten sich neue Fragen: Lag die Minderzahl der Katholiken allein an der Voreingenommenheit der Verwaltung, die \u00fcberall Protestanten bevorzugte? Gab es denn auch ein zureichendes katholisches Angebot, standen genug katholische Kandidaten zur Verf\u00fcgung? Bei n\u00e4herem Zusehen zeigte sich: Die Katholiken, obwohl sie die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung stellten, verf\u00fcgten \u00fcber weniger Abiturienten als die Protestanten (das Abitur war aber die Eintrittsvoraussetzung f\u00fcr \u201eKriegssch\u00fcler\u201c). Das hatte seine Gr\u00fcnde: In den evangelischen Gebieten, vor allem in Franken, waren mehr h\u00f6here Schulen vorhanden als im katholisch-l\u00e4ndlichen Altbayern (das au\u00dferdem in der S\u00e4kularisation seine Klosterschulen eingeb\u00fc\u00dft hatte). Und wie beim Offizierskorps, so war es auch in anderen Bereichen: Selbst in den katholischen Regionen Preu\u00dfens, wo man zurecht \u00fcber die Diskriminierung der Katholiken klagte, begann man in den achtziger Jahren nach den Gr\u00fcnden f\u00fcr das unzweifelhaft bestehende katholische \u201eJuristendefizit\u201c zu fragen. Bald war zu erkennen: Nicht alle Zur\u00fccksetzung der Katholiken war das Ergebnis staatlicher Repression; nicht alles ging auf protestantische Selbstrekrutierung, auf bewusste Abschlie\u00dfung gegen\u00fcber den Katholiken zur\u00fcck. Offenkundig gab es auch Ursachen, die in der historischen Entwicklung des Katholizismus in den deutschsprachigen L\u00e4ndern lagen \u2013 in seiner religi\u00f6sen Eigenart, seinem Verh\u00e4ltnis zu Welt und Geist, Bildung und Individualit\u00e4t.<\/p>\n<p>In den achtziger und neunziger Jahren begann das katholische Aschenbr\u00f6del in sich zu gehen und nach den inneren Gr\u00fcnden f\u00fcr seine Zur\u00fccksetzung zu fragen. Nach wie vor und mit gutem Recht pochte man gegen\u00fcber den staatlichen Beh\u00f6rden auf \u201eParit\u00e4t\u201c \u2013 aber mit neu erwachter Intensit\u00e4t suchte man nun auch nach den Ursachen dessen, was Georg von Hertling 1896 das \u201eBildungsdefizit\u201c der Katholiken nannte und was von vielen Beobachtern als \u201ekatholische Inferiorit\u00e4t\u201c wahrgenommen wurde. Wer war f\u00fcr diese Inferiorit\u00e4t\u201c verantwortlich? Statistik, Politik und Publizistik wurden bem\u00fcht. Neben die Abwehr kulturk\u00e4mpferischer \u00dcbergriffe, den Kampf um die Parit\u00e4t trat immer mehr eine nach innen gewandte katholische Selbstkritik. Sie f\u00fchrte konsequenterweise zu Neubewertungen, zu einem Neubeginn \u2013 zu neuen Initiativen, die der Zeit vor und nach der Jahrhundertwende ihr Gepr\u00e4ge gaben. Man setzte sich intensiver mit dem auseinander, was in katholischen Kreisen lange Zeit als \u201eliberal\u201c, \u201efortschrittlich\u201c, \u201emodern\u201c bezeichnet \u2013 und oft genug abgelehnt und verketzert worden war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>\u201eKatholische Neugr\u00fcndungen\u201c<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich nenne aus einer Vielzahl von Neuaufbr\u00fcchen, Neugr\u00fcndungen in dieser Zeit nur die drei wichtigsten: die \u201eG\u00f6rres-Gesellschaft\u201c 1876, der \u201eVolksverein f\u00fcr das katholische Deutschland\u201c 1890 und die Zeitschrift \u201eHochland\u201c 1903.<\/p>\n<p>Die \u201eG\u00f6rres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland\u201c wurde am 25. Januar 1876, dem 100. Geburtstag von Joseph von G\u00f6rres, in dessen Geburtsstadt Koblenz von dem katholischen Philosophen Georg von Hertling ins Leben gerufen. Mitten im Kulturkampf gegr\u00fcndet, symbolisierte sie den Aufstand gegen die berufliche Benachteiligung und gesellschaftliche Isolation der Katholiken. Zugleich suchte sie einen Ausweg aus der von Hertling fr\u00fch erkannten \u201ekatholischen Inferiorit\u00e4t\u201c. Die neue Organisation \u2013 getragen von Privaten, gespeist durch Mitgliedsbeitr\u00e4ge \u2013 sollte unter den Katholiken das wissenschaftliche Leben anregen, den interdisziplin\u00e4ren Austausch bef\u00f6rdern und j\u00fcngeren Gelehrten materielle Hilfen bieten. Sie vermied von Anfang an die Festlegung auf einen exklusiv \u201ekatholischen Wissenschaftsbegriff\u201c. Dadurch blieb sie in Verbindung zu den interkonfessionell aufgeschlossenen unter den nichtkatholischen Forschern \u2013 und war anschlussf\u00e4hig an das Gesamt der wissenschaftlichen Welt au\u00dferhalb des kirchlichen Binnenraumes.<\/p>\n<p>Hertling erkannte: Der Vorteil der evangelischen Seite war nicht nur ihr zahlenm\u00e4\u00dfiges Gewicht, nicht nur der hinter ihr stehende Staat, sondern vor allem ein geistig-kultureller Vorsprung. Das war speziell im Feld der Geschichtswissenschaft zu sp\u00fcren, wo sich im Historismus ein methodisches Instrumentarium entwickelt hatte, das neue Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr die Forschung setzte. Nach Niebuhr und nach Ranke konnte man Geschichte eben nicht mehr so schreiben, wie sie noch G\u00f6rres und viele Autoren der \u201eHistorisch-politischen Bl\u00e4tter\u201c geschrieben hatten und schrieben, n\u00e4mlich unter breiter Einbeziehung von Geschichtsphilosophie und Geschichtstheologie und unter Berufung auf Erkenntnisse, die Forschern nur im Glauben zug\u00e4nglich waren. Grundlage der Geschichtswissenschaft wurden jetzt die in den Quellen enthaltenen Faktizit\u00e4ten. Die Ergebnisse der Forschung mussten intersubjektiv vermittelbar sein und einer rationalen Nachpr\u00fcfung standhalten. Was diesen Test nicht bestand, durfte sich nicht mehr Geschichtswissenschaft nennen. Geschichtstheologie und Geschichtsphilosophie schieden als legitimierende Instanzen f\u00fcr historische Urteile aus. In der Historie, in der Wissenschaft ganz allgemein, schienen nur zwei Dinge zu z\u00e4hlen: die allgemein zug\u00e4nglichen Tatsachen und der auf sie bezogene Konsens der Forscher.<\/p>\n<p>Die in der \u201eG\u00f6rres-Gesellschaft\u201c zusammengeschlossenen Forscher waren im Grund bereit, diese Prinzipien als Grundlage ihrer Arbeit zu akzeptieren \u2013 und damit einen Weg zu beschreiten, der auf die Dauer die Befreiung von aktuellen Diskriminierungen und den Anschluss an die Mehrheit der nichtkatholischen Kollegen versprach. Vor allem in der Geschichtswissenschaft traten Urkunden- und Akteneditionen in den Vordergrund; man bem\u00fchte sich um die Erschlie\u00dfung und Kl\u00e4rung der Fakten. Geschichtslegenden \u2013 auch nationalprotestantische \u2013 wurden durch historische Kritik zerst\u00f6rt (das reicht bis in die Gegenwart, bis zu Erwin Iserlohs Widerlegung der Faktizit\u00e4t des \u201eThesenanschlags\u201c von Martin Luther hinein). Die Arbeiten katholischer und evangelischer Historiker wurden auf diese Weise im Lauf der Zeit zunehmend \u00e4hnlicher. Geschichtstheologische Fragen traten zur\u00fcck, das Problem Offenbarung und Geschichte blieb in der Schwebe.<\/p>\n<p>Am Ende traten die Katholiken zwar nicht einfach auf den Boden der 1900 von Theodor Mommsen eingeforderten \u201eVoraussetzungslosigkeit\u201c; sie hielten gegen\u00fcber einem vordergr\u00fcndigen Positivismus richtigerweise daran fest, dass kein Faktum einfach deutungsfrei \u201egegeben\u201c sei. Aber sie bestimmten von da an ihr Proprium genauer und differenzierten es theologisch wie profangeschichtlich sorgf\u00e4ltiger; sie unterschieden sch\u00e4rfer, als es bis dahin \u00fcblich war, das historische Wissen vom Denken \u00fcber Geschichte.<\/p>\n<p>Die zweite Neugr\u00fcndung war der \u201eVolksverein f\u00fcr das katholische Deutschland\u201c, der am 24. Oktober 1890 in K\u00f6ln ins Leben trat und sp\u00e4ter seinen zentralen Ort in M\u00f6nchengladbach fand. Er wurde mit \u00fcber 800.000 Personen (seit 1908 auch Frauen) zur mitgliederst\u00e4rksten Organisation der deutschen Katholiken vor dem Ersten Weltkrieg. Auf Initiative von Ludwig Windthorst von dem Unternehmer Franz Brandts und dem Priester und Sozialpolitiker Franz Hitze gegr\u00fcndet, sammelte der Volksverein vor allem die katholischen Arbeiter, doch seine Bildungsarbeit reichte bis in b\u00fcrgerliche Kreise und in die Studentenschaft hinein. Die Sozialpolitik stand im Mittelpunkt der Arbeit. Es ging um den Ausbau der Arbeiterschutzgesetzgebung, die Beseitigung der Fabrikarbeit verheirateter Frauen, die F\u00f6rderung der genossenschaftlichen Selbsthilfe, die Sicherung des Koalitionsrechts und der Tarifautonomie \u2013 auch schon um erste Formen der Mitbestimmung. Zum Orientierungspunkt wurde seit 1891 die Sozialenzyklika \u201eRerum novarum\u201c Leos XIII. \u2013 \u00fcber die jedoch der Volksverein in seinen programmatischen Forderungen noch hinausging (Gotthart Klein).<\/p>\n<p>Neben die Sozialpolitik trat die Apologetik, festgeschrieben in einer \u201eapologetischen Abteilung\u201c, aus der unter anderem eine Pers\u00f6nlichkeit wie Carl Sonnenschein hervorging: Es galt, die katholischen Arbeiter f\u00fcr die Montagsgespr\u00e4che im Betrieb gegen die kulturk\u00e4mpferische Propaganda der Zeit zu wappnen. Vor allen galt es, langfristig F\u00fchrungskr\u00e4fte heranzubilden: durch Kurse, durch Lekt\u00fcre, durch Rechtsberatung, durch volkswirtschaftliche Schulung. Die F\u00fchrung der Arbeiterschaft sollte nicht allein der Sozialdemokratie \u00fcberlassen werden. Insofern hat Bernhard Hanssler sp\u00e4ter den Volksverein zurecht als \u201ezweiten Bildungsweg des deutschen Katholizismus\u201c bezeichnet. Philipp Funk sah in ihm \u201eeine Zentrale des katholischen Geisteslebens in Deutschland\u201c, und in der Tat nahm der Verein neben seiner Verlagsarbeit fr\u00fchzeitig auch moderne Medien in seinen Dienst, Lichtbilder, Filme, Schallplatten, und bem\u00fchte sich, in der sozialpolitischen Diskussion der Zeit christliche Grunds\u00e4tze zur Geltung zu bringen.<\/p>\n<p>Die dritte Gr\u00fcndung war die Zeitschrift \u201eHochland\u201c 1903 in M\u00fcnchen. Die Zeitschrift \u2013 eine \u201eMonatsschrift f\u00fcr alle Gebiete des Wissens, der Literatur und Kunst\u201c, wie sie sich mit einiger K\u00fchnheit nannte \u2013 erhob den Anspruch, das Kulturleben der Zeit aus katholisch-christlicher Sicht zu \u00fcberschauen, zu begleiten, zu w\u00fcrdigen \u2013 und nach M\u00f6glichkeit auch zu beeinflussen. Carl Muth verband diesen Anspruch mit einer tiefgreifenden katholischen Selbstkritik. Er hatte wenige Jahre zuvor den \u201eLiteraturstreit\u201c ausgel\u00f6st. Muth machte sichtbar, wie weit sich die Katholiken von der protestantisch-liberal dominierten Zeitkultur entfernt hatten, wie wenig sie imstande waren, die Diskussion auf gleicher Augenh\u00f6he, auf der \u201eH\u00f6he der Zeit\u201c, wie Muth sagte, aufzunehmen. Auch im Feld der Kultur, der Literatur waren \u201eImparit\u00e4ten\u201c entstanden. F\u00fcr die von Liberalismus und Fortschrittsglauben gepr\u00e4gte nationale Kultur geh\u00f6rte der Katholizismus, wie der \u201eKulturkampf\u201c gezeigt hatte, bereits der Vergangenheit an. Es galt der Satz: \u201eCatholica non leguntur\u201c. Katholische Autoren erhielten im K\u00fcrschner seit 1892 ein kleines \u271a oder \u201ek\u201c als warnenden Hinweis: Vorsicht, Sonderkultur!<\/p>\n<p>Das musste ge\u00e4ndert werden \u2013 so die \u00dcberzeugung der Reformer. Es ging um den Einlass katholischer Autoren von Rang in die deutsche Literatur. Wie schuf man ein g\u00fcnstiges Klima f\u00fcr solche Autoren? Dazu musste man zuerst einmal die Scheu vor \u201eWeimar\u201c \u00fcberwinden. Aus eigenem Antrieb \u2013 und nicht gen\u00f6tigt durch Kulturexamina \u2013 sollten die Katholiken sich mit der \u2013 weithin aus protestantischen Quellen erwachsenen \u2013 klassischen Literatur auseinandersetzen. Sie sollten sie beachten, studieren, sogar bewundern d\u00fcrfen \u2013 ohne den Stachel im Gem\u00fct, ob sie das denn auch guten Gewissens tun k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>\u201eKatholisch bleiben und deutsch sein\u201c<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die geschilderten Neuaufbr\u00fcche fielen in eine Zeit, die zu Hoffnungen Anlass gab. Der Kulturkampf lag Jahre zur\u00fcck. Das Kaiserreich hatte sich gefestigt, national und international. Der R\u00fccktritt Bismarcks 1890 und die vers\u00f6hnlichen \u00c4u\u00dferungen Wilhelms II. zu Beginn seiner Amtszeit verst\u00e4rkten das Gef\u00fchl, man befinde sich in einer Epochenwende. Das Vertrauen vieler Katholiken in den jungen Monarchen war ein neues Ph\u00e4nomen (ich habe einen sp\u00e4ten Nachhall noch nach 1945 bei Reinhold Schneider erlebt, der dem \u201egel\u00e4hmten M\u00e4chtigen\u201c in seinem Lebensbericht \u201eVerh\u00fcllter Tag\u201c ein einf\u00fchlsames Portr\u00e4t gewidmet hat \u2013 er schrieb \u00fcbrigens an einem Schreibtisch Friedrich Wilhelms IV., den ihm Wilhelm II. geschenkt hatte). Auch das Papsttum r\u00fcckte in den neunziger Jahren aus den Verzerrungen der Kulturkampfzeit heraus. Um die Jahrhundertwende wurde der greise Papst Leo XIII. von vielen Beobachtern, Katholiken wie Nichtkatholiken, verehrt, ja geradezu verkl\u00e4rt; der junge Stefan George feierte den \u201eDreigekr\u00f6nten, wirklichen Gesalbten\u201c in einem ber\u00fchmten Gedicht als \u201evorbild erhabnen prunks und g\u00f6ttlicher verwaltung\u201c: \u201eSo sinken wir als gl\u00e4ubige zu boden \/ verschmolzen mit der tausendk\u00f6pfigen menge \/ die sch\u00f6n wird wenn das wunder sie ergreift.\u201c<\/p>\n<p>Antonius Liedhegener hat die neue Lage pr\u00e4zise mit folgenden Worten umschrieben: \u201eDie Erben Windthorsts standen vor der Herausforderung, ihren in der kirchenpolitischen Konfrontation entwickelten politischen Grunds\u00e4tzen von Rechtsstaatlichkeit, F\u00f6deralismus und Eintreten f\u00fcr die Freiheit der katholischen Kirche treu zu bleiben. Zugleich mussten sie als Partei mit einer parlamentarischen Schl\u00fcsselstellung im Deutschen Reichstag Vorstellungen f\u00fcr eine gesellschaftsgestaltende Politik formulieren und diese \u2013 mit oder gegen die kaiserliche Regierung \u2013 umzusetzen versuchen. Auf institutioneller Ebene suchte die katholische Kirche selbst den Weg einer Integration in die Strukturen des Deutschen Reichs. Vor allem der preu\u00dfische Episkopat bem\u00fchte sich nach dem Abklingen des Kulturkampfs wiederholt und mit Erfolg um eine Unterst\u00fctzung der kirchlichen Finanzierung durch die Verwaltungsstrukturen eines modernen Industriestaats. Auf ein Gesetz zur R\u00fcckzahlung der im Kulturkampf beim preu\u00dfischen Staat angesammelten Sperrgelder und einer finanziellen Unterst\u00fctzung der Besoldung und Alterssicherung der katholischen Pfarrer staatlicherseits seit 1898 erfolgte zwischen 1903 und 1909 der schrittweise Aufbau einer Kirchensteuergesetzgebung, die die Kirchenfinanzen auf eine zukunftsorientierte Basis stellte.\u201c Auf den damals gefundenen L\u00f6sungen beruht \u00fcbrigens unser Kirchensteuerrecht bis heute!<\/p>\n<p>Was damals viele deutsche Katholiken empfanden, hat Philipp Funk 1927 in der Festgabe f\u00fcr Carl Muth als Mitlebender und Zeitzeuge auf die Formel gebracht, alles \u201eArbeiten und K\u00e4mpfen\u201c des katholischen Deutschland habe in den zwanzig Jahren vor dem Krieg \u201eunter dem Zeichen der Bem\u00fchung (gestanden), ein vollg\u00fcltiges, t\u00e4tiges, mitbauendes Glied der deutschen Volksgemeinschaft zu sein. Katholisch bleiben und deutsch sein wollten alle.\u201c Auch die Katholikentage dieser Zeit sind voll nationaler T\u00f6ne. Es ist bezeichnend, dass nach sechs Katholikentagen in \u00d6sterreich (f\u00fcnf davon noch unter dem Dach des Deutschen Bundes) seit 1867 keiner mehr in \u00d6sterreich stattgefunden hat (dagegen zwei im erweiterten Deutschen Reich, in Stra\u00dfburg 1905 und in Metz 1913).<\/p>\n<p>Zieht man ein Fazit, so wird man sagen k\u00f6nnen, dass das Zentrum die Frage der Parit\u00e4t im Deutschen Kaiserreich erfolgreich zu einem allgemeinen Thema gemacht hat, dem auch die protestantische F\u00fchrung nicht mehr ausweichen konnte. Die politische Selbstbehauptung schuf dabei zugleich Voraussetzungen f\u00fcr die wirtschaftliche und kulturelle Regeneration der katholischen Minderheit. Der \u201eHochland-Katholizismus\u201c, das neue Hervortreten einer katholischen Geistigkeit vor dem Ersten Weltkrieg, war in meinen Augen auch ein Ergebnis der erfolgreichen K\u00e4mpfe des politischen und sozialen Katholizismus, seiner Durchsetzung im \u00f6ffentlichen Leben \u2013 so wenig sich die Beteiligten dessen damals bewusst sein mochten. Ohne Bu\u00df, Ketteler, Windthorst, so denke ich, auch kein Carl Muth, Herman Schell, Max Scheler.<\/p>\n<p>Aber selbst in Kreisen des Zentrums wuchs bei vielen der \u00dcberdruss an der politischen Abschottung, an der konfessionsbezogenen Dauer-Opposition. So kam 1906 der Kampfruf \u201eWir m\u00fcssen aus dem Turm heraus!\u201c ausgerechnet von einem rheinischen Zentrumspolitiker, Julius Bachem. Mit seinem Eintreten f\u00fcr eine Zusammenarbeit mit den Protestanten und f\u00fcr eine \u00fcberkonfessionelle christliche Partei fand er ein weites Echo, aber auch heftigen Widerspruch in der \u00d6ffentlichkeit (die Diskussion, die sich anschloss, ging als \u201eZentrumsstreit\u201c in die Zeitgeschichte ein).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>\u201eAus dem Turm heraus\u201c \u2013 aber wohin?<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Jahrhundertwende war eine Zeit des \u00dcbergangs. Im Fin de si\u00e8cle breiteten sich Zweifel an der \u00fcberlieferten Kultur aus \u2013 aber auch Hoffnungen auf eine \u201eneue Zeit\u201c befl\u00fcgelten die Geister. Der deutsche Katholizismus bewegte sich, nachdem er den Kulturkampf erfolgreich \u00fcberstanden hatte, in eine neue Richtung. Er suchte nach Orientierung. Es war klar, man wollte aus dem Turm heraus \u2013 aber wohin sollte man sich wenden, wo war der angestammte eigene Platz?<\/p>\n<p>Viele Fragen blieben offen, mussten offen bleiben. Um nur die dringendsten zu nennen: Hielt die Klammer der religi\u00f6sen \u00dcberzeugung? Oder breiteten sich nach dem \u00fcberstandenen Kulturkampf die zur\u00fcckgedr\u00e4ngten sozialen und politischen Divergenzen im deutschen Katholizismus \u00fcberm\u00e4chtig aus? Galt es f\u00fcr die Zukunft die Leitbilder des nationalen Staates zu \u00fcbernehmen \u2013 oder f\u00fchlte man sich dem Erbe des Alten Reiches, seiner \u00dcbernationalit\u00e4t, verpflichtet? War ein exklusives deutsches Staatsrecht der letzte Horizont \u2013 oder blieb auch V\u00f6lkerrecht, Naturrecht in Geltung? Endlich: Wie war es mit \u00d6sterreich (nach wie vor f\u00fchlten und bezeichneten sich die \u00d6sterreicher auch nach 1866 als Deutsche)? Gab es Gemeinsamkeiten? Oder vertieften sich die Unterschiede? Und zu welchen k\u00fcnstlerischen und literarischen Ufern, zu welchen Traditionen sollte man sich hinwenden? Zur klassischen Dichtung und zur gegenw\u00e4rtigen Heimatkunst, wie Carl Muth es wollte? Zur barocken und mittelalterlichen \u00dcberlieferung, wie es Richard von Kralik in \u00d6sterreich vorschlug? Welchen \u201eHelden\u201c der Geschichte sollte man folgen: Arminius oder Bonifatius, Friedrich dem Gro\u00dfen oder Maria Theresia?<\/p>\n<p>In dem euphorischen Moment der Jahrhundertwende, im Vertrauen auf Wilhelm II. und Leo XIII. (nicht vergessen sei Kaiser Franz Joseph I. in \u00d6sterreich), schien alles nebeneinander, miteinander m\u00f6glich zu sein. Es war eine Zeit der Entspannung, des Ausgleichs. Aber bald traten die alten Gegens\u00e4tze wieder hervor, auch innerkatholisch: Die \u201eG\u00f6rres-Gesellschaft\u201c wurde von katholischen Integralisten bedr\u00e4ngt, die das eigentliche Kriterium der Geschichte nach wie vor im Offenbarungswissen sahen und jede Suche nach der Wahrheit, die sich mit Quellenanalysen und Dokumentationen zufriedengab, als Positivismus, ja als Verrat am Glauben schalten. Der Volksverein (und die ganze interkonfessionelle \u201eK\u00f6lner Richtung\u201c) stie\u00df auf den Widerstand der \u201eBerliner Richtung\u201c: Kardinal Kopp beklagte die \u201eVerseuchung des Westens\u201c und sprach von \u201ekrankhafter\u201c Interkonfessionalit\u00e4t. Und die Zeitschrift \u201eHochland\u201c, die ihre Spalten zum \u00c4rger Roms von Anfang an auch protestantischen Autoren ge\u00f6ffnet hatte, geriet schnell unter Modernismusverdacht und wurde am 5. Juni 1911 auf den Index gesetzt. Nur das Einschreiten des M\u00fcnchner Nuntius Fr\u00fchwirth verhinderte die Promulgation des Indizierungsdekrets, sodass die Zeitschrift weiter erscheinen konnte. Sie wurde nun, wie Otto Wei\u00df urteilt, \u201ezum Vehikel einer geachteten deutschen \u201akatholischen Nationalkultur\u2019, mit allen Sonnen- und Schattenseiten, die in einer solchen Bezeichnung mitklingen m\u00f6gen.\u201c<\/p>\n<p>So zeigt das Epochenjahr 1900 ambivalente Z\u00fcge. Es war ganz ohne Zweifel ein Neubeginn, es er\u00f6ffnete eine neue Zuwendung der deutschen Katholiken zur nationalen Kultur. Doch ans Ende kam der damit eingeleitete Prozess erst sehr viel sp\u00e4ter. In der wechselseitigen Ber\u00fchrung von Kirche und Kultur ver\u00e4nderte sich nicht nur der Katholizismus \u2013 auch die protestantische Nationalkultur verlor ihre alte Exklusivit\u00e4t und ihren kulturk\u00e4mpferischen Anspruch. Erst nach zwei Weltkriegen, nach dem Ende des klassischen Nationalstaats und nach dem durch das Zweite Vatikanum er\u00f6ffneten neuen Blick der Kirche auf die zeitgen\u00f6ssische Kultur sollte das Geschehen, das um 1900 begonnen hatte, zu einem vorl\u00e4ufigen Abschluss kommen.<\/p>\n<p>Mit dem Ende der Romantik hatte der Katholizismus in Deutschland seine kulturelle Ausdruckskraft im Bereich von Sprache und Dichtung weitgehend eingeb\u00fc\u00dft, wobei das Band zur Barockliteratur schon l\u00e4nger durchschnitten war. Die katholische Dichtung des 19. Jahrhunderts blieb in Deutschland erheblich schmaler in ihren Ausdrucksformen \u2013 und erst recht in ihrer Wirkung \u2013 als die aus Pietismus und Aufkl\u00e4rung hervorgegangene, \u00fcberwiegend von protestantischen Autoren gepr\u00e4gte Nationalliteratur. Sie wies besondere Akzente auf: Im Vordergrund standen Lyrik und Versepos als Nachklang der Romantik (Friedrich Wilhelm Webers \u201eDreizehnlinden\u201c), w\u00e4hrend die gro\u00dfen Prosaepiker der Zeit, Raabe, Keller, Fontane, Nichtkatholiken waren \u2013 den einzigen Stifter ausgenommen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kulturkampf &nbsp; Das 19. Jahrhundert war f\u00fcr die Katholiken in Deutschland eine verlustreiche Zeit. In der S\u00e4kularisation 1803-1815 b\u00fc\u00dften sie fast ihr gesamtes kl\u00f6sterliches Bildungswesen und einen gro\u00dfen Teil ihrer Hochschulen ein \u2013 die alte stiftische Kultur im S\u00fcden und Westen ging bis auf wenige Reste zugrunde. 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