{"id":118402,"date":"2026-01-30T11:12:14","date_gmt":"2026-01-30T10:12:14","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118402"},"modified":"2026-01-30T11:12:14","modified_gmt":"2026-01-30T10:12:14","slug":"georg-grupp-1861-1922-ein-katholischer-priester-als-kulturhistoriker","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/georg-grupp-1861-1922-ein-katholischer-priester-als-kulturhistoriker\/","title":{"rendered":"Georg Grupp (1861-1922) \u2013 Ein katholischer Priester als Kulturhistoriker"},"content":{"rendered":"<p>Es war ein fundamentaler gesamtgesellschaftlicher Umbruch, der innerhalb nur weniger Jahrzehnte Kirche und Religion \u2013 zumal aber den Katholizismus \u2013 ins Abseits man\u00f6vrierte: Auf die S\u00e4kularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts und die damit verbundene politische, institutionelle und wirtschaftliche Entmachtung der Kirche war alsbald auch deren gesellschaftliche Marginalisierung gefolgt. Die Logik und die Mechanismen einer staatlich-b\u00fcrokratischen Kulturpolitik mehrheitlich protestantischer Pr\u00e4gung \u2013 verbunden mit grunds\u00e4tzlichen Vorbehalten gegen die Wissenschaftsf\u00e4higkeit gl\u00e4ubiger Katholiken \u2013 f\u00fchrten nicht nur zu einem tiefgehenden Bildungsdefizit der Katholiken, sondern auch zu einer weitgehenden Abschottung der h\u00f6heren Bildungseinrichtungen und der gehobenen Beamtenschaft. Zudem f\u00fchrten nach der Reichsgr\u00fcndung unter preu\u00dfisch-protestantischer Flagge die propagandistischen Wirkungen des \u201eKulturprotestantismus\u201c den Katholizismus alsbald in neue \u201eKulturk\u00e4mpfe\u201c, die ihn nicht nur seiner nationalen Identit\u00e4t zu berauben suchten, sondern ihm \u00fcberhaupt jede lebensgestaltende und somit \u201eKultur\u201c hervorbringende Leistungsf\u00e4higkeit absprachen.<\/p>\n<p>Auch auf weltanschaulichem Gebiet erwuchsen dem Katholizismus im Laufe des Jahrhunderts neue Konkurrenzen: Neben einen zunehmend nationalistisch kontaminierten \u201eLiberalismus\u201c traten immer massiver \u201eSozialismus\u201c und \u201eKommunismus\u201c, die der Kirche weite Teile der Arbeiterschaft entfremdeten. Parallel dazu kam es, nicht zuletzt infolge eines enormen technisch-industriellen Fortschritts in der zweiten Jahrhunderth\u00e4lfte, zu einem Siegeszug des materialistischen Denkens. Er ver\u00e4nderte Lebensr\u00e4ume und Lebensweisen der Menschen nachhaltig. Die explosionsartige Expansion des natur- und lebenswissenschaftlichen Wissens, Darwins Evolutionstheorie \u2013 in Deutschland von Ernst Haeckel mit einem extrem antireligi\u00f6sen, kulturk\u00e4mpferischen Impetus popularisiert \u2013 stellte den christlichen Glauben als solchen in Frage, w\u00e4hrend neue Erkenntnisse und Entdeckungen eine Wissensrevolution bislang nicht gekannten Ausma\u00dfes freisetzten, die nun auch breiteste Bev\u00f6lkerungsschichten mit bislang fremden Kulturen und Religionen konfrontierte.<\/p>\n<p>Der Paradigmenwechsel war radikal: Die lebensbestimmenden, kulturschaffenden M\u00e4chte und Kr\u00e4fte waren offenkundig nicht mehr religi\u00f6ser Art, sondern lie\u00dfen sich vor allem in den Kategorien des Materiellen, Biologischen, jedenfalls aber rein Immanenten fassen. War die bisherige \u2013 vor allem geistig oder religi\u00f6s gepr\u00e4gte \u2013 Welt- und Geschichtsauffassung also eine T\u00e4uschung, eine Fiktion, eine Verkennung der wahren Tatsachen gewesen? Musste die Genese der Welt, der menschlichen Kultur und Geschichte neu geschrieben werden?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Hoch-Zeit der Kulturgeschichtsschreibung<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor diesem \u2013 f\u00fcr die Katholiken \u2013 traumatisch zu nennenden Erfahrungshintergrund erlebte eine neue Art von Geschichtserfassung einen kometenhaften Aufstieg: Nicht als ob die \u201eKulturgeschichte\u201c erst jetzt entdeckt worden w\u00e4re. Bereits im 18. Jahrhundert gab es Versuche, die Geschichte nicht mehr nur als Chronologie der K\u00f6nige, Kriege und Schlachten zu erz\u00e4hlen, sondern als Geschichte der Menschheit, ihrer Sprachlichkeit und Soziali\u00e4t, und dabei das gesamte empirische Material der Vergangenheit zu ber\u00fccksichtigen. Nach den \u201eBefreiungskriegen\u201c hatte sich diese Art der Geschichtsschreibung allerdings verengt zu einer Darstellung der \u201evaterl\u00e4ndischen Geschichte\u201c, der Geschichte des Volkes, seiner Kultur und Bildung. Geschichts- und Altertumsvereine, die allenthalben aus dem Boden schossen, f\u00f6rderten ein Bewusstsein f\u00fcr die eigene, b\u00fcrgerliche Geschichte, trugen \u2013 jenseits der etablierten Herrschaftsarchive \u2013 Akten, Urkunden und Sachquellen zusammen, berichteten von Neuerwerbungen und publizierten die Ergebnisse ihrer Forschungen. Es entstanden nicht nur beachtliche Sammlungen, vielmehr trugen diese Vereine auch ma\u00dfgeblich zur Popularisierung der kulturgeschichtlichen Perspektive bei. Engagiert war hier das gehobene B\u00fcrgertum: Gebildete, Journalisten, Bibliothekare, Lehrer, die mitunter in deutlicher Distanz zum politischen Katholizismus standen, aber <em>auch<\/em> auffallend viele Geistliche. Sie reagierten auf ein breites Publikumsinteresse und befeuerten dieses zugleich. Sie suchten dem dilettantischen Sammeln eine wissenschaftliche Form zu geben und spielten so eine entscheidende Rolle bei der Formierung und Institutionalisierung der \u201eKulturgeschichte\u201c.<\/p>\n<p>Neben der Spezialisierung und methodologischen Verfeinerung, die die Geschichtswissenschaft im Zuge des Historismus erfuhr, geriet die universalistisch orientierte Kulturgeschichtsschreibung allerdings rasch in den Ruf des Dilettantismus \u2013 zumal nach der Reichsgr\u00fcndung, als der Staat zum h\u00f6chsten Ideal der Kultur avancierte und es zu einer neuen Verengung der etablierten Geschichtswissenschaft zur politischen Geschichte kam. \u201eJe popul\u00e4rer die Kulturgeschichte wurde, desto sch\u00e4rfer grenzte sich die Universit\u00e4tshistorie gegen dieses bunte Treiben ab\u201c. Versuche, die Kulturgeschichte zu einer universit\u00e4tsf\u00e4higen Disziplin zu machen, scheiterten. Gleichwohl war der Siegeszug der Kulturgeschichtsschreibung nicht zu bremsen. Aus einer Vielzahl entsprechender Publikationen ragen die gro\u00dfen Darstellungen von \u2013 als Beispiele \u2013 Otto Henne am Rhyn, Johannes Scherr, Karl Biedermann, Albert Richter und Georg Steinhausen heraus.<\/p>\n<p>Die Frage dr\u00e4ngt sich auf: Wo hatte in dieser Aufbruchsstimmung der Kulturgeschichtsschreibung zwischen 1880 und 1918 der <em>Katholizismus<\/em> seinen Ort? Wie wurde er, der zur gleichen Zeit in die Defensive gedr\u00e4ngte und (zumindest theoretisch und propagandistisch) seiner kulturschaffenden Macht beraubt wurde, historisch wahrgenommen? Und inwieweit hatten katholische Wissenschaftler Anteil an der kulturhistorischen<em> Reformulierung<\/em> der Vergangenheit?<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sind die Katholiken unter den Kulturhistorikern an einer Hand abzuz\u00e4hlen: Es gab Au\u00dfenseiter wie den Diplomaten Alfred von Reumont (1808-1887), der sich mit der italienischen Kultur besch\u00e4ftigte. Johannes Janssen (1829-1891), der bekannte Frankfurter Gymnasiallehrer, hatte in seiner <em>Deutschen Geschichte<\/em> (1876-1888) immerhin gro\u00dfe kulturgeschichtliche Kapitel bzw. B\u00e4nde integriert. Und der Innsbrucker Jesuit Emil Michael (1852-1917) schrieb gar f\u00fcnf B\u00e4nde \u00fcber die <em>Kulturzust\u00e4nde des deutschen Volkes im 13. Jahrhundert<\/em>. Auch der Jurist Franz von L\u00f6her (1818-1892), der seit 1859 in M\u00fcnchen ein Ordinariat f\u00fcr L\u00e4nder- und V\u00f6lkerkunde sowie Allgemeine Literaturgeschichte innehatte, verfasste eine <em>Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter<\/em>, die dem religi\u00f6sen Leben und den religi\u00f6s kirchlichen Zust\u00e4nden durchaus Raum gab. Und schlie\u00dflich legte der Breslauer Neutestamentler Johannes Nikel (1863-1924) im Auftrag des Sch\u00f6ningh-Verlags 1895 eine <em>Allgemeine Kulturgeschichte<\/em> vor, die als katholisches Gegengewicht gegen die zahlreichen protestantischen oder \u201edarwinistischen\u201c Konkurrenzwerke gedacht war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Werdegang eines Kulturhistorikers<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den Band hatte urspr\u00fcnglich ein anderer schreiben sollen: Georg Grupp, w\u00fcrttembergischer Priester und Bibliothekar in Diensten des F\u00fcrsten von Oettingen-Wallerstein, war 1861 auf dem rauen Boden des schw\u00e4bischen Albbruchs, in B\u00f6hmenkirch, als Enkel eines ehemaligen Dorfschullehrers geboren. Grupps Vater ist namentlich nicht bekannt. Seine Jugend schildert Grupp in seiner (noch unver\u00f6ffentlichten) Autobiographie als freud- und lieblos, sich selbst als ernst, verschlossen und schwerm\u00fctig. Der Familie schlug im Dorf eine gewisse Abneigung entgegen. Als erhebend empfand der Junge allein das kirchliche Leben, auch wenn es von dem extremen Ultramontanismus eines Ortspfarrers gepr\u00e4gt war, dessen Gunst Grupp seines Gro\u00dfvaters wegen, mit dem sich der Pfarrer \u00fcberworfen hatte, nicht erlangen konnte.<\/p>\n<p>Mit elf Jahren entkam Grupp dieser herben, abgeschlossenen Welt, und damit auch dem tiefen Gef\u00fchl der Weltverlassenheit. Auf Betreiben eines Onkels, der als Kanzleibeamter am Landgericht in Rottweil war, wurde er aufs dortige Gymnasium geschickt.<\/p>\n<p>Den \u00dcbergang zur Rottweiler Schulzeit charakterisierte Grupp als den eigentlichen Wendepunkt seines Lebens. Die heitere Umgebung des fruchtbaren Neckartals, die mit der \u201ed\u00fcsteren, unfruchtbaren\u201c, \u201eg\u00e4hnenden Ein\u00f6de B\u00f6hmenkirchs\u201c scharf kontrastierende geistige Weite, die anziehenden Formen des religi\u00f6sen Lebens bei gleichzeitiger kirchlicher und politischer Liberalit\u00e4t, die anregenden Unterrichtsinhalte und f\u00f6rdernde Lehrer f\u00fchrten \u2013 so Grupp \u2013 \u201ezu einem g\u00e4nzlichen Umschwung und eine Erhebung zu h\u00f6herem Dasein und h\u00f6heren Zielen\u201c. M\u00f6glich, dass das Erleben der Kontraste den sensiblen, feinnervigen, zeichnerisch und lyrisch begabten und zugleich tr\u00e4umerisch aber wissbegierig veranlagten Knaben eine besondere Beobachtungsgabe f\u00fcr die inneren Zusammenh\u00e4nge entwickeln lie\u00df, die dem sp\u00e4teren Kulturhistoriker zugutekam. Das stete Sich-Messen an Mitsch\u00fclern, die \u2013 finanziell bessergestellt \u2013 auch charakterlich, religi\u00f6s und politisch anders gepr\u00e4gt waren, d\u00fcrfte Grupp einen Blick f\u00fcr das Unterscheidende und damit ein Gesp\u00fcr f\u00fcr die tieferen Zusammenh\u00e4nge von materiellen, sozialen und geistigen Rahmenbedingungen, Chancen und Gefahren vermittelt haben.<\/p>\n<p>Abseits der Schule interessierte sich Grupp f\u00fcr alles und jedes, und \u201everzettelte\u201c sich. Er trieb Naturstudien, las Dichtungen und Romane, vertiefte sich in die Philosophie, studierte theologische Schriften, wobei ihn die apologetischen und aszetischen besonders faszinierten. Vor allem aber besch\u00e4ftigte er sich mit der Geschichte \u2013 vielleicht angeregt durch das allt\u00e4gliche Erleben der historisch gepr\u00e4gten Stadt, in der sich bereits 1831 der erste \u201eGeschichts- und Altertumsverein\u201c W\u00fcrttembergs gegr\u00fcndet hatte.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich zogen Grupp von Anfang an weniger die Schlachten und Helden an, als das kulturhistorische Detail. Mit Hei\u00dfhunger verschlang er den ersten Band von Janssens \u201eDeutscher Geschichte\u201c. Grupp fragte vor allem danach, wie es dem <em>Volk<\/em> in vergangenen Zeiten ergangen war. Das \u201et\u00e4gliche Tun und Treiben\u201c wollte er sich anschaulich machen.<\/p>\n<p>\u00dcber seinen Onkel, der als Korrespondent mehrere Zeitungen bediente, kam der Gymnasiast fr\u00fch mit der Publizistik in Ber\u00fchrung. Half er anfangs bei der Umarbeitung von Artikeln, so hatte er bald auch eigene Artikel zu \u00fcbernehmen: Wetterartikel, Berichte \u00fcber Vortr\u00e4ge in Gewerbevereinen und landwirtschaftlichen Ausstellungen, Artikel zu K\u00f6nigsfesten und politische Berichte. Auch in dieser publizistischen T\u00e4tigkeit zu allen m\u00f6glichen Themen wird man eine gewisse Vorbereitung f\u00fcr die sp\u00e4tere kulturgeschichtliche Arbeit erkennen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Seine Gymnasialzeit beendete Grupp 1881 mit dem ersten Platz beim \u201eKonkursexamen\u201c der w\u00fcrttembergischen Gymnasien und studierte daraufhin \u2013 in der Absicht, Priester zu werden \u2013 an der Universit\u00e4t T\u00fcbingen. Die Stadt, ihr geistiges und gesellschaftliches Leben, wirkte auf Grupp jedoch \u201eerk\u00e4ltend\u201c. Das Philosophiestudium, auf das sich Grupp gefreut hatte, stie\u00df ihn ab, weil ihm die \u201eK\u00e4lte und der Hochmut der freien Wissenschaft\u201c entgegenschlug, deren zerst\u00f6rerische Kraft er f\u00fchlte. \u201eDie ganze Atmosph\u00e4re der Universit\u00e4t atmete Kritik und wieder Kritik\u201c. Sie trieb Grupp in die Arme der Scholastik. Auch die theologischen Vorlesungen hatten etwas \u201eStarres, Fremdes\u201c an sich. Die Kirchengeschichte bei Franz Xaver Funk (1840-1907) machte auf Grupp zwar einen sehr soliden, gr\u00fcndlichen und zuverl\u00e4ssigen Eindruck. Aber auch ihr fehlte \u201edie W\u00e4rme, die Idee\u201c; die historische Kritik Funks stie\u00df ihn durch ihre Sch\u00e4rfe und Schroffheit ab. Eine Anziehungskraft ging hingegen von den apologetischen Vortr\u00e4gen von Paul Schanz (1841-1905) aus, zumal dieser ein reiches naturwissenschaftliches und bibelkritisches Wissen ausbreitete. Weil es den Priesteramtskandidaten verboten war, fachfremde Vorlesungen zu h\u00f6ren \u2013 Mathematik, Physik, Astronomie und Anatomie h\u00e4tten Grupp interessiert \u2013 besuchte er die allein erlaubte National\u00f6konomie, wo er sich mit der Zinsfrage im Rahmen der antiken Wirtschaftsgeschichte besch\u00e4ftigte.<\/p>\n<p>\u201eDer Hauptfehler des damaligen Universit\u00e4tsstudiums\u201c \u2013 so bemerkt Grupp in seinen autobiographischen Aufzeichnungen \u2013 \u201ewar der g\u00e4nzliche Mangel einer Wirtschaftsgeschichte, in weiterem Betrachte der Mangel an kulturhistorischen Vorlesungen. Nicht einmal die Kunstgeschichte wurde in halbwegs ertr\u00e4glicher Weise vorgetragen. T\u00fcbingen blieb in dieser Hinsicht weit hinter anderen Universit\u00e4ten zur\u00fcck, verschloss sich jedem Fortschritte und blieb im geschichtlichen aber auch im philosophischen Betriebe auf seinem veralteten Standpunkte stehen. H\u00e4tte damals schon eine fortschrittlichere Richtung geherrscht, so w\u00e4ren meine Studien viel fr\u00fcher auf ein einheitliches Ziel konzentriert worden und in gleichm\u00e4\u00dfigerer Richtung verlaufen. [\u2026] Ich war \u00fcberzeugt, dass viel weniger die politischen Fragen, als die materiellen und die religi\u00f6sen Interessen die geschichtliche Bewegung bedingen, und habe, soweit ich Geschichte studierte, immer sozialen und rechtlichen Bewegungen nachgesp\u00fcrt\u201c.<\/p>\n<p>1884\/1885 machte sich Grupp an die L\u00f6sung einer Preisaufgabe, die darin bestand, die neuere Staatstheorie seit der Reformation unter Ber\u00fccksichtigung der Zeitverh\u00e4ltnisse darzustellen und ihren Beitrag zur Bildung des modernen Staatsbegriffs aufzuzeigen. Nach anf\u00e4nglichen Bedenken, weil die moderne Entwicklung des Staatsbegriffes im konstitutionell-liberalen Kulturstaat m\u00fcndete, der die Kirche nur als eine seiner Anstalten begriff, stellte sich Grupp der Aufgabe. \u201eDamals brach das Eis, das sich mir beim Eintritt in T\u00fcbingen in der Brust gebildet. [\u2026] Die Kunst verband sich mit der Philosophie, die Dichtung mit dem Denken. Die ganze Wirklichkeit wurde lichtumflossen und alles strahlte in einem h\u00f6heren bezaubernden Glanze. [\u2026] Auf dem alten Boden, wo ich in frommer Religiosit\u00e4t geschwelgt, schwelgte ich jetzt in der Verkl\u00e4rung der Wirklichkeit der menschlichen Gesellschaft, des Staates. Es schien mir eine Fortsetzung des alten Lebens in h\u00f6herer Sph\u00e4re, in breiterer F\u00fclle, in realistischerer und vollerer Form. Einen Gegensatz, einen Konflikt mit dem Glauben empfand ich damals noch nicht in mir, ich glaubte an eine Vers\u00f6hnung und jedenfalls hoffte ich, den Standpunkt des methodischen Zweifels, den man als erlaubt hingestellt hatte, nicht zu \u00fcberschreiten. Ich suchte den Traditionalismus zu verbinden mit dem Hegelianismus durch das Mittel der Romantik\u201c. Der erste Preis ging zwar an einen Konkurrenten, den evangelischen Theologen und sp\u00e4teren w\u00fcrttembergischen Staatspr\u00e4sidenten Johannes Hieber (1862-1951), doch erhielt Grupp einen zweiten au\u00dferordentlichen Preis und wurde aufgrund seiner Studie noch vor seinem theologischen Examen zum Dr. phil. promoviert.<\/p>\n<p>Die letzten Studienjahre entfremdeten Grupp der Theologie. Er erwog eine Laufbahn als Bibliothekar oder Archivar in M\u00fcnchen, ging politisch auf Distanz zur Zentrumspolitik, sympathisierte mit dem \u201eliberalen Katholizismus\u201c. Als er in einem Zeitungsartikel die Bismarckspende zum 70. Geburtstag des Reichskanzlers verteidigte, fiel er bei seinen kirchlichen Oberen in Ungnade. Gleichwohl machte Grupp 1885 sein theologisches Examen, bezog das Priesterseminar und wurde 1886 zum Priester geweiht.<\/p>\n<p>Die sich anschlie\u00dfende Vikarszeit wurde zur Qual. Man hatte Grupp in ein abgelegenes Dorf geschickt, was er als Strafe f\u00fcr seinen politischen Liberalismus empfand. Berechtigte Hoffnungen auf eine wissenschaftliche Weiterbildung \u2013 als Repetent am T\u00fcbinger Wilhelmsstift \u2013 zerschlugen sich aufgrund von Intrigen. Ein Ausweg er\u00f6ffnete sich, als 1887 die Stelle eines Benefiziaten und Kustos der kunst- und wissenschaftlichen Sammlungen des F\u00fcrsten von Oettingen-Wallerstein in Maihingen ausgeschrieben wurde. Grupp bewarb sich und erhielt die Stelle. 1891 wurde er selbst\u00e4ndiger Leiter der Sammlungen und Bibliothekar, 1910 F\u00fcrstlicher Rat. Damit hatte Grupp seine Lebensstellung gefunden; sie gab ihm Gelegenheit und Anregung zur wissenschaftlichen Arbeit.<\/p>\n<p>Damals besch\u00e4ftigte ihn stark die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Glaube und Ethos, Dogma und Moral. Aus dieser Besch\u00e4ftigung erwuchs eine Studie \u00fcber die Erscheinungsformen des Gewissens, in der er das spekulative, metaphysische Problem \u00fcber den Sitz und die Quelle des Gewissens ins Konkrete erweiterte, indem er Andeutungen und stillschweigenden Aussagen heranzog, die das \u201eVolksbewusstsein\u201c in Urteilen und Spr\u00fcchen formuliert hatte. Zunehmend dehnte er das Problem weiter ins Historische aus, suchte sich die geschichtlichen Erscheinungsformen des Ethos in der Aufeinanderfolge der V\u00f6lkerkulturen zu vergegenw\u00e4rtigen und ihre verschiedenen Werte gegeneinander abzuw\u00e4gen. Damit hatte er den entscheidenden Schritt zur Kulturgeschichte und Kulturphilosophie getan.<\/p>\n<p>In seiner Autobiographie beschreibt Grupp diesen inneren Werdegang: \u201eNoch weiter wollte ich in der Aufeinanderfolge der modernen Philosophien den tieferen Gehalt herausheben und den Fortschritt des modernen Gedankens dem Fortschritt der gl\u00e4ubigen Philosophie zur Seite stellen. Aus dem einen Plane ergaben sich meine kulturhistorischen, aus dem zweiten meine apologiegeschichtlichen Studien. Es waren zwei \u00c4ste, die aus einem Baume gewachsen sind. Nat\u00fcrlich haben sich im Verlauf der Arbeit die anf\u00e4nglichen Pl\u00e4ne etwas einschr\u00e4nken und anpassen lassen m\u00fcssen. Die beiden Pl\u00e4ne liefen bald sehr stark auseinander und zuletzt brachte sie die schroffe Scheidung des urspr\u00fcnglichen Theologen in einen Philosophen und Historiker. Auf dem einen Aste des gemeinsamen Stammes erwuchs zuerst die Abhandlung \u00fcber die Anf\u00e4nge der Kultur [\u2026]. Der zweite Teil, welcher \u00fcber die geistige Kultur der Vorzeit handelte, gelangte erst sp\u00e4ter zur Ausarbeitung, nachdem ich zwischenhinein [\u2026] den Aufsatz \u201aZur Geschichte des Conflikts zwischen Glauben und Denken und seinen L\u00f6sungsversuchen\u2019 ausgearbeitet hatte. [\u2026] Der Versuch, die apologiegeschichtlichen Studien zu einer Geschichte der Apologie oder gar der Philosophie zu erweitern, hat mich in dem Jahre 1889\/90 zu dem Aufsatz \u00fcber Motive des Glaubens in der Lehre Jesu, der Apostel und apostolischen V\u00e4ter [\u2026] und zu den Beitr\u00e4gen zur alten und neuen Philosophie [\u2026] gef\u00fchrt, aber der Gesamtplan kam nicht zur Ausf\u00fchrung\u201c.<\/p>\n<p>Die Aufs\u00e4tze flossen sp\u00e4ter in Grupps gro\u00dfem Werk \u201eSystem und Geschichte der Kultur\u201c (1891\/1892) zusammen. Es war eine geordnete Wiederspiegelung der ihn bedr\u00e4ngenden Gedankenwelt langer Jahre. \u201eMan hat mit Recht gesagt, es sei alles M\u00f6gliche darin zu finden: Philosophie und Theologie, Rechts- und Staatsphilosophie, Apologie, Geschichte, Kunst und Literatur. Alles das besch\u00e4ftigte mich in hervorragendem Grade\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>\u00a0<\/strong><strong>In der Kritik<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nahezu 40 Jahre kulturgeschichtlicher Arbeit waren Grupp verg\u00f6nnt. Seine \u00fcber 100 Aufs\u00e4tze, seine Editionen (etwa die Oettingischen Regesten in drei B\u00e4nden), vor allem aber elf Monographien von teils enormem Umfang machten Grupp weit \u00fcber Landes-, Konfessions- und Milieugrenzen hinaus bekannt. Er schrieb unter anderem \u00fcber die <em>Kultur der alten Kelten und Germanen<\/em> (1905), \u00fcber den <em>Deutsche[n] Volks- und Stammescharakter im Lichte der Vergangenheit<\/em> (1906), verfasste eine zweib\u00e4ndige <em>Kulturgeschichte der r\u00f6mischen Kaiserzeit<\/em> (1903\/4). Als Hauptwerk gilt seine <em>Kulturgeschichte des Mittelalters<\/em>, die zun\u00e4chst in zwei B\u00e4nden erschien (1894\/1895) und bei seinem \u00fcberraschenden Tod in der sechsb\u00e4ndigen dritten Auflage (1921-1925) steckte.<\/p>\n<p>Die vielen Rezensionen zur <em>Kulturgeschichte des Mittelalters<\/em> \u2013 quer durch alle Lager \u2013 anerkennen Grupp als einen der belesensten und flei\u00dfigsten Kulturhistoriker, dessen Studien immer eine Menge neuen und interessantesten Materials boten. Die Rezensionen zeigen aber auch, wie unterschiedlich damals die Vorstellungen von der Anlage und vor allem vom methodischen Zugriff der Kulturgeschichtsschreibung waren.<\/p>\n<p>Da gab es jene, die nach einem systematischen, im Grunde synthetisierten, konstruierten Gesamtentwurf strebten und nach den zugrundeliegenden Ideen suchten, die aber auch in der Gefahr standen, das Spezielle im Allgemeinen aufgehen zu lassen und so ein vereinheitlichtes, letztlich vielleicht spekulatives, unrealistisches Bild zu zeichnen. F\u00fcr diese Art von Kulturgeschichte stand etwa Georg Steinhausen (1866-1933), ein vielseitig begabter Schriftsteller und Wissenschaftsorganisator, nicht zuletzt aber Herausgeber der <em>Zeitschrift f\u00fcr Kulturgeschichte<\/em>. In diesem Leitorgan wurden Grupps Publikationen durchgehend tendenzi\u00f6s und abwertend besprochen. Gleichwohl konnte selbst Steinhausen \u2013 zu dessen erst 1910 erschienen\u00a0 \u201eKulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter\u201c das Gruppsche Werk in direkter Konkurrenz stand \u2013 nicht umhin, diesem Respekt zollen: Er lobte die \u201esorgf\u00e4ltigere Durcharbeitung des Stoffes\u201c, die reichen Quellenbelege und literarischen Nachweise; das Werk habe \u201eunzweifelhaft seinen Wert\u201c. Gr\u00f6\u00dfere Bedeutung wollte er ihm aber nicht zuschreiben. Dass Grupp \u201eauch manches Neue\u201c zu sagen habe und \u201eneue Gesichtspunkte aufstelle\u201c, m\u00fcsse man von einem Werk, das \u201enicht ganz popul\u00e4r und kompilatorisch\u201c gehalten sei, ja erwarten. Doch gehe ihm \u201e\u00fcberhaupt das Gro\u00dfz\u00fcgige\u201c ab. Dem Verfasser fehlt aber vor allem \u201eh\u00f6heres Dispositionstalent\u201c: Grupp \u201estellt einzelne Kapitel oft unvermittelt oder unpassend nebeneinander. [\u2026] Das Ganze oder gr\u00f6\u00dfere Teile beherrschende Gesichtspunkte kommen, soweit sie \u00fcberhaupt vorhanden sind, dem Leser kaum zum Bewu\u00dftsein. Gerade der nichtfachm\u00e4nnische Leser, f\u00fcr den Grupp] doch namentlich schreibt, wird h\u00e4ufig im einzelnen gefesselt werden, aber vom Ganzen kein v\u00f6llig klares Bild gewinnen\u201c. Und \u00fcberhaupt: Grupp sei \u201eein eigensinniger Kopf\u201c. Immerhin sei er als einer der wenigen auf dem Feld der Kulturgeschichte T\u00e4tigen wegen seiner F\u00f6rderung dieses Gebiets und seiner ernsthaften Natur anerkennen. Die vielen Einzelausf\u00fchrungen, die durchweg auf Quellen gr\u00fcndeten, und die Ber\u00fccksichtigung \u201emancher den meisten Historikern ferner liegenden Materien und Erscheinungen des christlich-kirchlichen Lebens\u201c sicherten dem Werk auch f\u00fcr nichtkatholische Leser einen \u201ehervorgehobenen Wert\u201c.<\/p>\n<p>Andere sahen gerade in den von Steinhausen hervorgehobenen M\u00e4ngeln des Werkes dessen eigentlichen Wert. Gegen den immer wieder erhobenen Vorwurf, Grupp h\u00e4ufe lediglich interessantes Material an, meinte ein Rezensent im <em>Staats-Anzeiger f\u00fcr W\u00fcrttemberg<\/em>, in dem Werk werde nicht einfach nur \u201eein ungeheurer Stoff\u201c vorgef\u00fchrt, sondern in \u201everarbeiteter\u201c Form! Dabei k\u00f6nne der Leser immer wieder mit Befriedigung feststellen, dass \u201eder Verfasser den <em>wichtigen Fortschritt<\/em> vom konstruktiven Denken zum empirischen, vom idealistisch-spekulativen zum realistischen f\u00fcr seine Person gr\u00fcndlich vollzogen\u201c habe. Ausdr\u00fccklich anerkannt wurde zudem die \u201eechte Wissenschaftlichkeit\u201c und \u201evollkommene Vorurteilslosigkeit\u201c, mit der Grupp die Dinge so darzustellen suche, wie sie den Zeitgenossen erschienen seien. Gerade deswegen sei es so wertvoll, dass Grupp Anh\u00e4nger und Gegner in reicher Zahl zu Wort kommen lasse.<\/p>\n<p>Den methodologischen Konflikt brachte 1913 ein Rezensent auf den Punkt: \u201eSchwieriger ist die Frage, ob wir im vorliegenden Bande das Ideal einer kulturgeschichtlichen Darstellung zu erblicken haben. Wer der Kulturgeschichte als einem Zweige historischen Forschens und Gestaltens die Aufgabe zuweist, das Leben vergangener Zeiten in der schier un\u00fcbersehbaren Masse einzelner \u00c4u\u00dferungen religi\u00f6ser, k\u00fcnstlerischer, wissenschaftlicher, wirtschaftlicher, rechtlicher Art zu verdeutlichen, wer ein buntes Mosaik von \u00fcberall her zusammengetragener Quellenstellen, Erz\u00e4hlungen, Urteilen usw. f\u00fcr das geeignete Mittel h\u00e4lt, um mittelalterliche Einzelmenschen, Genossenschaften, St\u00e4nde und Verb\u00e4nde dem Leser nahe zu bringen, wird bei G[rupp] unzweifelhaft auf seine Rechnung kommen. Wer hingegen die Universalit\u00e4t von Kulturerscheinungen ins Auge fa\u00dft und in ihr gleichwohl nationale Differenzierungen am Werke sieht, deren St\u00e4rke und Wechselwirkung abgesch\u00e4tzt werden mu\u00df, damit ein Gesamturteil \u00fcber sie alle und das sie umhegende Haus der supranationalen Kulturgleichheit gef\u00e4llt werden kann, ein solcher Leser wird \u2013 es mu\u00df offen ausgesprochen werden \u2013 bei G[rupp] nicht sein Gen\u00fcgen finden, obwohl dieser Abschnitte \u00fcber die Normannen, Byzantiner und Araber seinem Buche einverleibt hat. G[rupp] gleicht einem Maler, der in seinem Gem\u00e4lde Einzeldinge stark betont und daher jenen Totaleindruck seines Kunstwerkes nicht erzeugt, den der Beschauer doch haben will und mu\u00df, um in den Geist des Bildes einzudringen. G[rupp] selbst f\u00fchrt aus, da\u00df die Masse der Einzelheiten einer Eingliederung widerstrebe; \u201anur wenn man entschlossen darauf verzichtet, das wirklichen Leben in seiner Mannigfaltigkeit sich genau widerspiegeln zu lassen, gelingt es zur Not, logische und psychologische Zusammenordnungen zu gewinnen; gewi\u00df tauchen in der Geschichte Ideen auf und nieder, und ich habe nicht vers\u00e4umt darauf aufmerksam zu machen, wo sie sich von selbst aufdr\u00e4ngen, aber allumfassende Schemata hat man bis jetzt nicht entdeckt. Man mu\u00df die Tatsachen vergewaltigen, wenn man sie alle unter einen Nenner bringen, und die Charaktere verzwingen, wenn man sie in eine Uniform stecken will. Am ehesten geht es noch bei der Wirtschaftsgeschichte. Daher waren auch Wirtschaftshistoriker die Erfinder der sich in der Geschichte scheinbar abl\u00f6senden Gef\u00fchlstypen; sie haben aber bei der \u00e4lteren idealistischen Richtung wenig Beifall gefunden, besonders wenig auf der dem Verfasser befreundeten Seite\u2018\u201c.<\/p>\n<p>Deutlich unterschiedliche Einsch\u00e4tzungen gab es auch hinsichtlich der Objektivit\u00e4t des Verfassers. Dabei spielte immer wieder das religi\u00f6s-konfessionelle Moment eine gro\u00dfe Rolle. Dass Grupp nicht mit verdeckten Karten spielte, sondern seinen christlichen \u2013 und dazuhin auch noch katholischen \u2013 Standpunkt von vornherein klarmachte, war f\u00fcr viele Rezensenten ein bequemes Argument, seine Kulturgeschichte als minder wertvoll zu charakterisieren. Noch zu den gerechteren Rezensionen z\u00e4hlen in dieser Hinsicht jene von August Werminghoff (1869-1923). Die von Grupp dargestellte Periode \u2013 so meinte dieser \u2013 stelle an den Bearbeiter \u201ehohe Anforderungen hinsichtlich der Kritik und Wertung\u201c, denn es handle sich meist um kirchliche Quellen, aus denen gesch\u00f6pft werde. \u201eGeistliche sind Berichterstatter, also nur ein Bruchteil der Bev\u00f6lkerung, die \u00fcberdies einer fremden Sprache sich bedienen und ein eigenes geistiges Leben f\u00fchren. F\u00fcr die Erkenntnis des laikalen Wesens versagen die literarischen Quellen keineswegs, aber ihr eben hervorgehobener [\u2026] Charakter bedingt leicht eine nicht geringe Einseitigkeit in Urteil und Schilderung\u201c. Grupp sei sich dieser prim\u00e4ren Schwierigkeit \u201enicht \u00fcberall bewu\u00dft\u201c, doch habe er immerhin den Versuch gemacht, auch in \u201edie materielle Kultur\u201c einzudringen. Grupps Darstellung der Kultur auf deutschem Boden sei \u201esicherlich eine bessere als die Hennes am Rhyn\u201c, k\u00f6nne aber mit der Steinhausens nicht auf eine Stufe gestellt werden. Denn: Von diesen beiden trenne ihn \u201eeine Weltanschauung, die wir achten, ohne sie uns zu eigen machen zu k\u00f6nnen\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>\u201eKatholische\u201c Kritik im <em>Hochland<\/em><\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1903 wurde Grupp von Karl Muth (1867-1944) eingeladen, sich als Autor an der von ihm neu gegr\u00fcndeten \u201eKulturzeitschrift\u201c zu beteiligen. Es f\u00e4llt auf, dass es nur zu einem einzigen kleinen Beitrag (\u201eNeues \u00fcber Nordamerika\u201c) kam, den Grupp noch im selben Jahr 1903 ins <em>Hochland<\/em> lieferte. Weshalb er dem Organ fortan fernblieb, wissen wir (noch) nicht. Vielleicht wollte er den <em>Historisch-politischen Bl\u00e4ttern<\/em> treu bleiben, die er damals bereits seit vielen Jahren flei\u00dfig belieferte, und denen mit dem <em>Hochland<\/em> eine gewaltige Konkurrenz erwachsen war.<\/p>\n<p>Doch die kulturgeschichtlichen Monographien Grupps wurden auch im <em>Hochland<\/em> besprochen \u2013 und zwar durchgehend positiv. Eine Ausnahme macht eine Sammelrezension des M\u00fcnsteraner Historikers Alois Meister (1866-1925) zur <em>Kulturgeschichte des Mittelalters<\/em>: Grupp habe \u201eLesefr\u00fcchte\u201c zusammengetragen und biete eine \u201ereiche Materialsammlung\u201c, die vom Laien als \u201eunterhaltsam\u201c begr\u00fc\u00dft werde und \u201edem Forscher gute Dienste\u201c leiste. Indirekt wurde Grupp abgesprochen, Forscher zu sein, sein Werk wurde zum Steinbruch abqualifiziert, aus dem man sich nur zu bedienen brauche. Unversch\u00e4mt auch nett verpackte S\u00e4tze: Grupp h\u00e4tten sich \u201ebei seinem langj\u00e4hrigen Sammeln Fragen und Vergleiche aufgedr\u00e4ngt\u201c, deren Er\u00f6rterung durchaus \u201ewillkommen\u201c sei. Der Anschluss an bereits vorhandene Spezialforschungen sei nicht \u00fcberall gegl\u00fcckt, wo Grupp sich aber auf unbekanntem Terrain bewege, sei \u2013 so wird gnadenhaft zugestanden \u2013 \u201ealles wertvoll, was er zusammenbringt\u201c. Zweischneidig auch das Lob f\u00fcr Grupps eingehende Ber\u00fccksichtigung der mittelalterlichen Sittengeschichte. Grupp weise auf Kleidermoden des 12. Jahrhunderts hin, die ganz der skandal\u00f6sen Frauenmode von 1914 gleiche: \u201aenganliegende, durchsichtige Stoffe\u2018, allem Anscheine nach mit \u201awohlberechneten Schlitzen\u2018. Dann aber meint der Rezensent: \u201e\u00dcberhaupt w\u00e4re das Material, das Grupp \u00fcber Laster und Ausschweifungen beibringt, \u00e4u\u00dferst gravierend, wenn nicht gegen\u00fcber der Verwendung von pikanten Anekdoten als Geschichtsquellen ein berechtigtes methodisches Bedenken am Platze w\u00e4re. Sind denn alle diese Dinge glaubw\u00fcrdig? Darf man sie verallgemeinern? Berechtigen sie uns, einen so gro\u00dfen Tiefstand beispielweise des deutschen Frauenlebens anzunehmen? Durch wiederholte Verarbeitung eines und desselben schl\u00fcpfrigen Erz\u00e4hlungsmotivs kann noch nicht ohne Weiteres auf die weite Verbreitung eines Lasters geschlossen werden, sondern nur auf die Wanderung des Erz\u00e4hlungsstoffes und auf eine gewisse Geschmacksdisposition\u201c. Grupp habe, wie er selbst sage, \u201eentschlossen darauf verzichtet, das wirkliche Leben in seiner Mannigfaltigkeit sich genau widerspiegeln zu lassen\u201c.<\/p>\n<p>Grupp protestierte gegen diese \u201ekatholische\u201c Kritik: Das Gegenteil des Behaupteten sei wahr. Er habe nicht \u201eentschlossen darauf verzichtete, das wirkliche Leben in seiner Mannigfaltigkeit sich genau widerspiegeln zu lassen\u201c, sondern habe solches gerade jenen vorgeworfen, die \u201edie Vielheit der Erscheinungen in Schablonen\u201c pressten. Ein solches Vorgehen lehne er entschieden ab. Auch den Vorwurf der unkritischen Anh\u00e4ufung von Pikanterien wies Grupp zur\u00fcck. Wiederholt habe er betont, dass es sich um Ausnahmen handle, habe \u201edas Schlimmste nur angedeutet\u201c und darauf hingewiesen, dass \u201eviele Schwankmotive weit zur\u00fcckreichten\u201c. Sein Schlussurteil sei sogar so g\u00fcnstig ausgefallen, dass ihm die evangelische <em>Theologische Literaturzeitung<\/em> daraus einen Vorwurf gemacht habe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Ein \u201eJanuskopf\u201c seiner Zeit<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Georg Grupp stand \u2013 als Vorreiter einer Kulturgeschichte aus katholischer Sicht \u2013 in der vordersten Front, und sa\u00df doch zwischen allen St\u00fchlen. \u201eHistoriographisch ganz im Gefolge Janssens, aber doch schon im Wegstreben von der apologetischen Position begriffen, einer Objektivit\u00e4t zugewendet, die sich mehr oder weniger stark im Banne des allgemeinen Historizismus einer zur Neige gehenden Kultur zeigt, mit starken soziologischen und sozialethischen Interessen, aber auch wieder systemfreudig, grunds\u00e4tzlich in einem Sinne, der den Taktikern der achtziger und neunziger Jahre widersprach, halb naturalistisch, halb mystisch, in den tiefer wurzelnden Erzeugnissen etwas widerspruchsvoll\u201c \u2013 so Philipp Funk (1884-1937). Grupp geh\u00f6rte zu den Vertretern einer \u201eliberalen\u201c katholischen Wissenschaft, aber \u201ees w\u00e4re in Wahrheit ungerecht, sie im eigentlichen Sinne des Wortes liberal zu nennen. Sie waren zwei Welten zugewandt, der beharrenden und der fortschrittlichen, der rationalen und der gl\u00e4ubigen. Unter diese Gestalten geh\u00f6rte auch Georg Grupp, der eine Zeit lang seinen Platz im Gefolge der Kraus und Schell suchte\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war ein fundamentaler gesamtgesellschaftlicher Umbruch, der innerhalb nur weniger Jahrzehnte Kirche und Religion \u2013 zumal aber den Katholizismus \u2013 ins Abseits man\u00f6vrierte: Auf die S\u00e4kularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts und die damit verbundene politische, institutionelle und wirtschaftliche Entmachtung der Kirche war alsbald auch deren gesellschaftliche Marginalisierung gefolgt. 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