{"id":118406,"date":"2026-01-30T11:16:05","date_gmt":"2026-01-30T10:16:05","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118406"},"modified":"2026-01-30T11:16:08","modified_gmt":"2026-01-30T10:16:08","slug":"volksbildung-ist-volk-bildung-der-katholische-volkspaedagoge-leo-weismantel-1888-1964","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/volksbildung-ist-volk-bildung-der-katholische-volkspaedagoge-leo-weismantel-1888-1964\/","title":{"rendered":"\u201eVolksbildung ist Volk-Bildung\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Leo Weismantel erf\u00e4hrt bis heute eine verbl\u00fcffende Gegens\u00e4tzlichkeit der Urteile. Manchen erscheint er als \u201ekonservativ\u201c (A. Kl\u00f6nne), anderen als \u201eprogressiv\u201c (G. Wirth), manchen gilt er als Antifaschist (V. Kahl), anderen als Pr\u00e4faschist (D. Kerbs), anderen wiederum als weltoffener Katholik (G. Wirth) oder als Antisemit (G. Milzner). Sehen in ihm die einen einen gro\u00dfen Dichter (M. Dierks), so andere einen Vertreter von Heimatkunst und Kitsch (K. Deschner). Wom\u00f6glich enth\u00e4lt jedes dieser Urteile ein St\u00fcck Wahrheit. Weismantel ist nicht in ein Schema zu pressen, denn er war \u201enicht einseitig genug, um einhellig begriffen werden zu k\u00f6nnen\u201c (P. Rech).<\/p>\n<p>Im Folgenden sei versucht, etwas zum Verst\u00e4ndnis dieses umstrittenen Katholiken beizutragen. Im Fokus steht die Phase seines fr\u00fchen \u00f6ffentlichen Auftretens. Es ist dies die unmittelbare Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs, in der sich Weismantels Intentionen, seine volksp\u00e4dagogischen Ans\u00e4tze, sein Verst\u00e4ndnis der Rolle des katholischen Intellektuellen in der Gesellschaft allm\u00e4hlich herauskristallisierten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Eine kurze Biographie<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am 10. Juni 1888 als Sohn eines Kaufmanns in Obersinn\/Rh\u00f6n geboren, wuchs er in einer gl\u00e4ubigen katholischen Familie auf und besuchte ab seinem 12. Lebensjahr das humanistische Gymnasium der Augustiner in M\u00fcnnerstadt. Aufgrund einer Tuberkuloseerkrankung musste er die Schule vorzeitig und ohne Abitur verlassen und begann nach seiner Genesung 1908 ein Studium der Zahnmedizin in W\u00fcrzburg, wo er der katholischen Studentenverbindung \u201eCheruscia\u201c beitrat. Sp\u00e4ter holte er das Abitur nach, studierte Geographie und promovierte mit einer Arbeit \u00fcber die Ha\u00dfberge.<\/p>\n<p>Schon bald wurde sein Interesse an der Volksbildungsarbeit geweckt: Als an der W\u00fcrzburger Universit\u00e4t Akademische Arbeiter-Unterrichtskurse eingerichtet wurden, stellte er sich freiwillig als Lehrkraft f\u00fcr Geographie zur Verf\u00fcgung. Wegen seiner schwachen Gesundheit f\u00fcr kriegsdienstuntauglich befunden, wurde Weismantel nach dem Abschluss des p\u00e4dagogischen Examens im Fr\u00fchjahr 1915 als Lehrer f\u00fcr Deutsch, Geschichte und Geographie an einer privaten Handelsrealschule in W\u00fcrzburg zur Vertretung eingestellt.<\/p>\n<p>Die f\u00fcnfj\u00e4hrige Lehrert\u00e4tigkeit (1915-1919) gab ihm Anlass zu seinen ersten kritischen Reflexionen \u00fcber das Schulsystem und erm\u00f6glichte ihm auch erste eigene p\u00e4dagogische Experimente. Gleichzeitig arbeitete Weismantel an seinem ersten Rh\u00f6n-Roman \u201eMari Madlen\u201c, der 1917\/1918 in Hochland im Vorabdruck erschien und seinen Verfasser in breiteren Kreisen als Schriftsteller und Exponent der expressionistischen Generation bekannt machte. \u201eMari Madlen\u201c brachte ihm allerdings auch den ersten Konflikt mit dem katholischen Milieu, das auf die expressionistische Form des Romans, die darin enthaltenen erotischen Partien und die religi\u00f6s unklare Botschaft des r\u00e4tselhaften Schlusses emp\u00f6rt reagierte.<\/p>\n<p>In der unmittelbaren Nachkriegszeit und in der Weimarer Republik entfaltete Weismantel dann eine breitgef\u00e4cherte T\u00e4tigkeit als Schriftsteller und B\u00fchnendichter, mit der er in den Kreisen der katholischen Jugendbewegung Erfolg hatte. Weismantel entfaltete zugleich eine reiche kulturpolitische T\u00e4tigkeit und arbeitete in der Volksbildungsbewegung mit. Als Vertreter der \u201eNeuen Richtung\u201c innerhalb der Erwachsenenbildung wirkte er durch Vortragst\u00e4tigkeit und p\u00e4dagogische Schriften an der Verbreitung der gestaltenden beziehungsweise intensiven Volksbildung mit. So gab er den entscheidenden Impuls, dass sich die \u201eNeue Richtung\u201c 1919 auf der bildungspolitischen Tagung in Mohrkirch-Osterholz, die vom Ministerium f\u00fcr Wissenschaft, Kunst und Volksbildung einberufen wurde, durchsetzen konnte. Er wirkte im \u201eHohenrodter Bund\u201c mit, der die Erwachsenenbildungspolitik der Weimarer Zeit ma\u00dfgeblich beeinflusste. Und er engagierte sich f\u00fcr eine Reform des Schulwesens, als er von 1924 bis 1928 als Parteiloser f\u00fcr die christlich-soziale Volkspartei von Vitus Heller im Bayrischen Landtag sa\u00df.<\/p>\n<p>Inzwischen war Weismantel 1920 mit seiner Frau und den zwei Kindern nach Marktbreit umgezogen. Hier gr\u00fcndete er im M\u00e4rz 1928 ein p\u00e4dagogisches Lehr- und Forschungsinstitut, das er weitgehend aus eigenen Mitteln finanzierte: die \u201eSchule der Volkschaft f\u00fcr Volkskunde und Erziehungswesen\u201c. M\u00f6glicherweise war dies die Reaktion auf die Arbeit der Hohenrodter, die seiner Meinung nach in der abstrakten und akademischen Er\u00f6rterung von Volksbildungsfragen stecken blieben und die Praxis vernachl\u00e4ssigten. Die Marktbreiter \u201eSchule der Volkschaft\u201c erlangte nationale und internationale Bedeutung; ihre erste Tagung im August 1928 wurde sogar vom V\u00f6lkerbund finanziert.<\/p>\n<p>Obwohl Weismantels Name nach Hitlers Machtergreifung auf der Liste von 88 Schriftstellern stand, die das \u201eGel\u00f6bnis treuester Gefolgschaft\u201c unterschrieben, wurde er alsbald in seiner Schriftstellert\u00e4tigkeit behindert. 1936 wurde sein Marktbreiter Institut geschlossen. Weismantel kehrte nach W\u00fcrzburg zur\u00fcck und widmete sich nun ausschlie\u00dflich der Dichtung, verfasste insbesondere religi\u00f6se Schriften und K\u00fcnstlerromane. Nachdem er 1943 Schreibverbot erhalten hatte, zog sich Weismantel im Sommer 1944 in seine Heimatgemeinde Obersinn zur\u00fcck, um der Verfolgung durch die Gestapo, die ihn bereits zweimal verhaftet hatte, zu entkommen.<\/p>\n<p>1945 wurde Weismantel von der amerikanischen Milit\u00e4rregierung als kommissarischer Schulrat und Lehrerbildner f\u00fcr den Bezirk Gem\u00fcnden am Main eingesetzt. Die Beharrlichkeit, mit der er in diesen Funktionen seine Konzepte f\u00fcr eine Schulreform durchzusetzen versuchte, zog ihm allerdings bald die Gegnerschaft des bayrischen Kultusministeriums zu, das ihn 1947 seines Amtes enthob. Nach einigen Jahren als Leiter und Professor f\u00fcr Kunsterziehung und Deutsch am neugegr\u00fcndeten \u201eP\u00e4dagogischen Institut\u201c in Fulda wurde Weismantel 1951 in den vorzeitigen Ruhestand versetzt.<\/p>\n<p>Der Mut zum Einsatz gegen die Politik der Wiederbewaffnung und der atomaren Aufr\u00fcstung sowie f\u00fcr einen Dialog mit der DDR und mit Russland bedeutete f\u00fcr Weismantel den Weg in die zunehmende Isolation. Anerkennung und Ehrungen fehlten aber nicht: 1949 wurde Weismantel in die Deutsche Akademie f\u00fcr Sprache und Dichtung berufen, 1950 bekam er die Willibald-Pirckheimer-Plakette der Stadt N\u00fcrnberg, und 1963 verlieh ihm die Berliner Humboldt-Universit\u00e4t die Ehrendoktorw\u00fcrde. Im gleichen Jahr, ein Jahr vor seinem Tod, wurde er mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille geehrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Leo Weismantel und der Patmos-Kreis<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es war Carl Muth, der Weismantel die T\u00fcr zum Patmos-Kreis \u00f6ffnete, denn er vermittelte die erste Begegnung zwischen ihm und Eugen Rosenstock (1888-1973), dem \u201eHochland\u201c-Mitarbeiter, der Weismantel in das Netzwerk seiner Freunde und Bekannten einf\u00fchrte, aus dem der Patmos-Kreis entstand. 1919 geh\u00f6rten zu diesem Kreis au\u00dfer Weismantel und Rosenstock auch Hans und Rudolf Ehrenberg sowie Werner Picht.<\/p>\n<p>Der Rechtswissenschaftler Rosenstock, in einem gro\u00dfb\u00fcrgerlichen j\u00fcdischen Elternhaus in der Gro\u00dfstadt Berlin aufgewachsen und 1906 evangelisch geworden, war Chefredakteur der neugegr\u00fcndeten Daimler-Werkzeitung in Stuttgart. Werner Picht (1887-1965), ebenfalls evangelisch, war Referent f\u00fcr Volksbildungsfragen im Preu\u00dfischen Kultusministerium und stellte die Verbindung zwischen dem Patmos-Kreis und der Volksbildungsbewegung her. Hans Ehrenberg (1883-1932) war au\u00dferordentlicher Professor f\u00fcr Philosophie an der Universit\u00e4t Heidelberg und Mitglied der SPD, kam wie Rosenstock aus dem liberalen j\u00fcdischen Bildungsb\u00fcrgertum und war 1909 ebenfalls zum evangelischen Glauben konvertiert. Wie Rosenstock, war er mit Franz Rosenzweig und Karl Barth befreundet, die nur kurze Zeit dem Patmos-Kreis angeh\u00f6rten. Rudolf Ehrenberg (1884-1969), evangelisch getaufter Halbjude, Vetter von Hans Ehrenberg, wirkte als Privatdozent der Physiologie an der Universit\u00e4t G\u00f6ttingen, war aber auch Theologe und Dichter.<\/p>\n<p>Der Patmos-Kreis stellte somit einen konfessions\u00fcbergreifenden Kreis dar und erm\u00f6glichte dem Katholiken Weismantel einen regen Austausch mit Protestanten und Judenchristen. Der Name \u201ePatmos\u201c verweist auf den Ort der Visionen in der johanneischen Apokalypse und gab der Empfindung Ausdruck, in einer apokalyptischen Zeit zu leben. Zugleich dr\u00fcckte er das Bed\u00fcrfnis nach Zukunftsvisionen und den Glauben an die M\u00f6glichkeit ihrer Verwirklichung aus. Die Vision, die Weismantel, Rosenstock und Ehrenberg in ihrem Briefwechsel 1919 immer wieder heraufbeschworen, war die Vision der \u201eGemeinschaft\u201c, die sie im Patmos-Kreis im Kleinen bereits verwirklicht sahen. Die Freude \u00fcber die entdeckte Gemeinsamkeit des F\u00fchlens und Hoffens trotz der Verschiedenheit der Konfessionen und ihrer jeweiligen Wirkungsfelder ist aus ihren Korrespondenzen deutlich herauszuh\u00f6ren. Die Patmos-Freunde f\u00fchlten, dass sie \u201eeine neue Jugend\u201c erlebten.<\/p>\n<p>In seiner unver\u00f6ffentlichten Autobiographie von 1938 erl\u00e4utert Weismantel die Ziele des Kreises: \u201eWir glaubten, dass f\u00fcr dieses neue, dieses andere Deutschland neue, geistige Voraussetzungen zu schaffen w\u00e4ren, vornehmlich nach zwei Richtungen\u201c: Zum einen \u201eschien es uns unerl\u00e4sslich, die Grundlagen einer neuen einheitlichen Volkskultur zu schaffen. Ich pr\u00e4gte damals als Erster das Wort: \u201aVolksbildung ist gleich Volk-Bildung!\u2018\u201c Zum anderen ging es um \u201edie Bew\u00e4ltigung der sozialen Frage und einer neuen Volks-Ordnung.\u201c<\/p>\n<p>Wie Weismantel im Patmos-Kreis das Ziel einer neuen einheitlichen Volkskultur zu verwirklichen suchte, sei an zwei Beispielen er\u00f6rtert, in denen Weismantel eine tragende Rolle spielte: In seinem Einsatz um die Erneuerung der Universit\u00e4t und in der Gr\u00fcndung des Patmos-Verlags in W\u00fcrzburg. Beides f\u00e4llt in den nach-revolution\u00e4ren Sommer des Jahres 1919.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>F\u00fcr eine \u201echristliche Hochschule\u201c<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Ansto\u00df zu einer Besch\u00e4ftigung mit der Universit\u00e4t ging vom \u201eHochland\u201c aus. Im Mai 1919 ver\u00f6ffentlichte die Zeitschrift unter dem Pseudonym Doctor Libertus einen Aufsatz Rosenstocks mit dem Titel \u201eDie Krise der Universit\u00e4t\u201c, den die Redaktion ausdr\u00fccklich in eine Kontinuit\u00e4tslinie mit der eigenen, von Anfang an gepflegten kritischen Haltung zur modernen Bildung stellte. Sie wollte damit die katholischen Kreise zur Selbstbesinnung anregen.<\/p>\n<p>Rosenstock sah zwei Krisenerscheinungen der Universit\u00e4t: erstens die utilitaristische Degenerierung der Universit\u00e4t, weil die \u201eBrotstudenten\u201c, das hei\u00dft die vom Krieg heimgekehrten Studenten, im Studium prim\u00e4r ein Mittel sahen, um baldm\u00f6glichst zum Broterwerb zu gelangen; zweitens die fortgeschrittene Spezialisierung und positivistische Pr\u00e4gung der Geisteswissenschaften, die Rosenstock als \u201ewissenschaftlichen Materialismus\u201c ablehnte.<\/p>\n<p>Sein L\u00f6sungsvorschlag sah eine grunds\u00e4tzliche Ver\u00e4nderung der Lehrmethode vor sowie den Abschied von der Hochschule als \u201eFachschule\u201c. Konkret: Die Vorlesung sollte dem Gespr\u00e4ch des Professors mit den Studenten Platz machen und die strenge Abgrenzung der Wissensbereiche voneinander sollte zugunsten einer \u201eEinheit der Dozentenschaft in einem Geiste\u201c und einer \u201eeinheitlichen Anschauung der Geisteswelt\u201c aufgegeben werden. Die neue Hochschule stellte in diesem Konzept eine \u201egeistige Gemeinschaft\u201c dar. Rosenstock sprach auch von einem neuen Erkenntnisprinzip, das er als \u201edas Erlebthaben des inneren Gesichts\u201c bezeichnete, das zum \u201eneuen Wissen\u201c f\u00fchren sollte, das Rosenstock mit \u201echristlicher Anschauung\u201c gleichsetzte.<\/p>\n<p>Was ihm vorschwebte, erl\u00e4uterte er in einem mit Weismantel abgestimmten Vortrag, zu dem ihn der W\u00fcrzburger P\u00e4dagoge am 30. Juni nach W\u00fcrzburg eingeladen hatte und f\u00fcr den beide Freunde die innovative Form des \u201eGespr\u00e4chs vor Zeugen\u201c w\u00e4hlten. Rosenstock schrieb der Universit\u00e4t die Aufgabe zu, \u201eF\u00fchrer des Volkes\u201c zu erziehen, entsprechend seiner Vorstellung, dass die Erziehung des Volkes von der Erziehung der Erzieher auszugehen habe. Als Voraussetzung daf\u00fcr galt ihm, dass die Universit\u00e4t \u201eErlebnishochschule\u201c werde. Die \u201eF\u00fchrer des Volkes\u201c m\u00fcssten lernen, das Schicksal des ganzen deutschen Volkes in sich selbst zu erleben und den unteren Schichten am eigenen Beispiel zu zeigen, wie man sich durchringe. \u201eF\u00fchrer\u201c-Sein setzte demnach das \u201eGemeinschaftserleben\u201c mit dem Volk voraus.<\/p>\n<p>Diesem Gemeinschaftsdenken entsprach Rosenstocks Forderung nach einer \u201eneuen Volkswissenschaft\u201c als dem Kern einer neu zu gr\u00fcndenden \u201echristlichen Hochschule\u201c, \u201ein der es\u201c \u2013 so die Vision Rosenstocks in einem Brief an Weismantel \u2013 \u201ekeine juristische, theologische und philosophische Fakult\u00e4t in rohem Nebeneinander mehr gibt, sondern eine beherrschende Christliche Volkslehre\u201c. Der f\u00fcr die Moderne charakteristische Ausdifferenzierungs- und Spezialisierungsprozess sollte r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden. Rosenstock gab somit einer kulturkritischen Haltung Ausdruck, die seit der Jahrhundertwende \u2013 wie Dieter Langewiesche gezeigt hat \u2013 protestantischen Bildungsb\u00fcrgern und katholischen Gebildeten gemeinsam war, und die sie nun nach Kriegsende in der Vision des christlichen Abendlandes vereinigte.<\/p>\n<p>Rosenstock fasste die Krise der Universit\u00e4t als \u00fcbergreifendes geistiges Problem auf, als \u201eKulturkrise\u201c. Es f\u00e4llt auf, dass er sich nicht zu den aktuellen Bestrebungen der Studierenden nach Partizipation und Mitbestimmung \u00e4u\u00dferte, die in W\u00fcrzburg wie an anderen deutschen Universit\u00e4ten in vollem Gang waren. An einer Reform der Universit\u00e4t im Sinne einer Demokratisierung ihrer Strukturen zeigte er kein Interesse. Vielmehr ging es ihm um das Verh\u00e4ltnis der Universit\u00e4t zur au\u00dferuniversit\u00e4ren Welt. Insbesondere sprach Rosenstock den von der Akademikerschaft empfundenen Prestigeverlust, den Verlust ihres F\u00fchrungsanspruchs an. Seine Worte an die W\u00fcrzburger H\u00f6rer konnten in dieser Hinsicht nicht deutlicher sein: \u201eSie sind die geborenen F\u00fchrer; Sie haben Angst und m\u00fcssen Angst haben hier um diese F\u00fchrerrechte geprellt zu werden, weil heut das Volk seine Akademiker ausspeit.\u201c Rosenstocks Krisendiagnose und seine L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge erwuchsen also aus einem Konkurrenzstandpunkt zwischen Akademiker und Volk.<\/p>\n<p>Der Vortrag Rosenstocks gab nun Anlass sowohl zu einer \u00f6ffentlichen Diskussion, als auch zum privat ausgetragenen Disput zwischen Rosenstock, Weismantel, Ehrenberg und dem W\u00fcrzburger Theologieprofessor Georg Wunderle (1881-1950). Dieser griff im Fr\u00e4nkischen Volksblatt vom 5. Juli 1919 die \u201eUnverst\u00e4ndlichkeit\u201c und \u201eWillk\u00fcrlichkeiten\u201c des Vortrags an und bezeichnete Rosenstocks Losungswort der \u201eErlebnishochschule\u201c als \u201eGipfel der Verschwommenheit\u201c. Weismantel bedauerte Rosenstock gegen\u00fcber zwar den Ton von Wunderles Stellungnahme, machte seinen Freund jedoch seinerseits auf Probleme aufmerksam und zeigte sich dabei als Mann der Praxis: Sinn und Zweck ihres \u201eGespr\u00e4chs\u201c sei den Zuh\u00f6rern nicht klar geworden. Ein genaues Programm der neuen Hochschule sei ebenso notwendig, wie eine klare Formulierung der Schl\u00fcsselbegriffe \u201eErlebnis\u201c und \u201eWissenschaft\u201c. Im \u00dcbrigen berichtete Weismantel \u00fcber gro\u00dfe Erregung in W\u00fcrzburgs klerikalen Kreisen und forderte auf, \u201erestlose Klarheit\u201c zu schaffen, damit jene nicht \u201enach Rom laufen, uns unser Hochland verketzern und in St. Peter wider uns Sturm l\u00e4uten.\u201c Rosenstock aber lehnte Weismantels Forderung nach einem Programm der neuen Hochschule als \u201eMache\u201c ab.<\/p>\n<p>Weismantel hatte inzwischen eine Diskussion mit Wunderle gef\u00fchrt. Seinem Bericht ist zu entnehmen, worum es diesem ging. Wunderle bestand auf der Funktion der Universit\u00e4t als Berufsausbildungsst\u00e4tte der Akademiker. Einen Erziehungsanspruch, den er hinter Rosenstocks und Weismantels Projekt erkannte, wollte er nur der Kirche und von ihr zu gr\u00fcndenden Kreisen zuerkennen.<\/p>\n<p>Weismantel als katholischer Intellektueller stand \u2013 anders als Rosenstock \u2013 in dieser Auseinandersetzung in einem doppelten Konkurrenzverh\u00e4ltnis: zum \u201eVolk\u201c und zur katholischen Kirche. Sein Wunschbild der \u201eneuen Hochschule\u201c als einer geistigen Gemeinschaft war mit den kirchlichen Vorstellungen nicht zu vereinbaren, zumal Weismantel dabei noch wesentlich weiter ging als seine evangelischen Freunde: \u201eMir wird es immer klarer, dass wir selbst noch nicht die letzte Konsequenz gezogen haben. Eine \u201achristliche Hochschule\u2018 nach unserem Sinne schlie\u00dft aus der Gemeinschaft aus: die Jugend, welche noch nicht in der Universit\u00e4t ist, jene Elemente, die noch nicht Christen sind. Die letzte Gemeinschaft wird erst erzielt, wenn die moderne Hochschule das lebende Pantheon der Gegenwart w\u00e4re.\u201c<\/p>\n<p>Dieser \u201egrenzenlosen\u201c Vorstellung Weismantels widersprach Hans Ehrenberg, der bef\u00fcrchtete, dass die Hochschule damit zur \u201eKulturschule\u201c wurde. Die Hochschule durfte seiner Meinung nach aber nur \u201echristlich\u201c sein, denn nur so k\u00f6nne sie als \u201eMittelpunkt eines zuk\u00fcnftigen geistigen Lebens\u201c \u00fcber ihren eigenen Rahmen hinaus strahlen.<\/p>\n<p>Hans Ehrenberg bot Weismantel seine professorale Unterst\u00fctzung gegen den Kollegen Wunderle an. Doch Weismantel ergriff lieber selbst das Wort im Fr\u00e4nkischen Volksblatt, um Klarheit zu schaffen. In zwei \u201eoffenen Briefen\u201c vom Juli und vom September 1919 f\u00fchrte er die mit Rosenstock und Ehrenberg ausgetauschten Gedanken zusammen. Zugleich versuchte er, den Mangel eines klaren Programms mit konkreten p\u00e4dagogischen Vorschl\u00e4gen auszugleichen. Weismantel zeigte dabei wie Rosenstock kein Vertrauen in eine Reform der alten Strukturen, um die soziale und geistige Not der jungen Akademiker zu beseitigen. Wie Rosenstock \u00fcberh\u00f6hte er die Krise der Universit\u00e4t zur Krise der Menschheit. Rettung k\u00f6nne nur aus der \u201eSelbsthilfe\u201c des Einzelnen, und zwar aus seiner Mitarbeit am Aufbau der neuen Volksgemeinschaft kommen. Zu kl\u00e4ren sei jedoch \u201edie Frage unserer Einstellung vom Individualmenschen zum Gemeinschaftswesen\u201c.<\/p>\n<p>Eine erste Antwort versuchte Weismantel zu geben, indem er folgende Leitlinien der neuen Universit\u00e4t formulierte: 1) Ablehnung einer Universit\u00e4t, die auf Spezialforschungsinstituten gr\u00fcndet und in der die Professoren dem Selbstzweck der Wissenschaft verpflichtet sind; 2) Vorrang der neuen Rolle des Professors als \u201eBildner\u201c vor der Rolle des Forschers; 3) Bildung weniger im Sinne von Berufsausbildung, denn als Pers\u00f6nlichkeitsbildung; 4) Umgestaltung der Universit\u00e4t zur \u201eErlebnishochschule\u201c, die nicht blo\u00df Wissen, sondern F\u00e4higkeiten vermittelt; 5) Einzug einer Erlebnisp\u00e4dagogik, die auf \u201egelebtes Wissen\u201c und \u201eK\u00f6nnen\u201c statt auf \u201etotes\u201c Wissen setzt, vom inneren Erlebnis, von der sch\u00f6pferischen Kraft und der Pers\u00f6nlichkeit des Lernenden ausgeht.<\/p>\n<p>Seinen p\u00e4dagogischen Ansatz beschrieb er als eine \u201eBegegnung\u201c von Lehrern und Sch\u00fclern, an der beide als Gebende und Empfangende, als Lehrende und Lernende beteiligt sind. Die \u201eArbeits-Gemeinschaft\u201c \u2013 ein Schl\u00fcsselbegriff der intensiven Volksbildung \u2013 wurde zum Unterrichtsmodell.<\/p>\n<p>Ausdr\u00fccklich pl\u00e4dierte Weismantel f\u00fcr das Recht des Studenten, die Vorlesung jederzeit mit Zwischenfragen zu unterbrechen, und so den Hochschullehrer von seinem Katheder herunterzuholen. Stellte Weismantel damit hierarchische Strukturen, autoritatives Denken und Lehren im Rahmen der Hochschule in Frage? Forderte er durch die Hintert\u00fcr der Erlebnisp\u00e4dagogik gar eine Demokratisierung der Hochschule?<\/p>\n<p>Die Bilder, die Weismantel in seiner Argumentation bem\u00fcht, raten zur Vorsicht. Nach der Exemplifizierung seiner Erlebnisp\u00e4dagogik in einer Deutschstunde in der Schule schlie\u00dft er: \u201eJede Leistung war eine nat\u00fcrlich-wertvolle Ursache der Erscheinung: Dem Sch\u00fcler war die Schule zu seiner Werkstatt geworden, in der er als Geselle unter der F\u00fchrung des Meisters der Werkstatt seine Werke schuf. Er war eingestellt in die nat\u00fcrliche Gesellschaftsordnung der Schaffenden: des Bauern, des Handwerkers, des Kaufmanns \u2013 aus denen sich als aus dem allein nat\u00fcrlichen und gesunden Erdboden Wissenschaft und Kunst erhebt.\u201c<\/p>\n<p>Weismantel greift wiederholt auf das Bild der mittelalterlichen Werkstatt zur\u00fcck, in der es Meister, Gesellen und Lehrlinge gibt, eine klare Hierarchie, eine feste Ordnung, er evoziert das Erlebnis der Eingliederung in einer st\u00e4ndischen Gesellschaft, in der jeder seinem angeblich nat\u00fcrlichen Stand angeh\u00f6rt und seinen festen Platz hat. Und schlie\u00dflich: Weismantel l\u00e4sst zwar den Professor vom Katheder herabsteigen, aber er l\u00e4sst ihn auf der obersten Stufe sitzen, damit sich seine \u201eJ\u00fcnger\u201c \u2013 wie Weismantel sagt \u2013 um ihn gruppieren k\u00f6nnen. Der demonstrative Gestus des Verzichts auf die eigene privilegierte Stellung implizierte keineswegs den Verzicht auf den eigenen F\u00fchrungsanspruch.<\/p>\n<p>Was bewirkte Weismantels Engagement in der Hochschulfrage? In seiner unver\u00f6ffentlichten Autobiographie berichtet er, das Projekt sei von klerikalen Kreisen torpediert worden. Und er offenbart bei dieser Gelegenheit seinen eigenen Standort im Katholizismus der 1920er Jahre: \u201eDie katholische Akademikerschaft wurde [\u2026] abgelenkt auf innerkirchliche Erneuerungsbestrebungen der Liturgie eines m\u00f6nchisch orientierten Innenlebens und so wurde eine gro\u00dfe Einsatzm\u00f6glichkeit, welche die Kirche in jener Zeit in Deutschland gehabt h\u00e4tte, einer volks- und weltfremden Richtung in der Kirche geopfert. [\u2026] Bedeutsam war f\u00fcr mich in jener Zeit die Erfahrung, dass der Versuch, die katholische Akademikerschaft, die unter klerikaler F\u00fchrung stand, f\u00fcr einen solchen Einsatz neuer Volkwerdung zu gewinnen, an dieser F\u00fchrung scheiterte, und dass sich Tendenzen herausbildeten, die parallel zum politischen Parteiwesen auch die katholischen kulturellen Bestrebungen eng im Rahmen eines innerkirchlichen \u201aInteressenbereiches\u2018 hielten.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Der Patmos-Verlag<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weismantels Vorsto\u00df, ein \u201elebendes Pantheon der Gegenwart\u201c zu realisieren, fand im Gr\u00fcndungsplan des Patmos-Verlages Ausdruck, an dessen Entwurf Weismantel wesentlich beteiligt war. In einer Denkschrift versuchte er, f\u00fchrende Pers\u00f6nlichkeiten des deutschen Kulturlebens f\u00fcr das Projekt zu gewinnen. Mit Verweis auf den Namen \u201ePatmos\u201c stellte Weismantel den Verlag als Verlag der \u201eneuen zukunftschauenden Menschheit\u201c vor. Eine Vision Weismantels war dabei eine als Gegenprojekt zum V\u00f6lkerbund verstandene, alle V\u00f6lker umfassende \u201eGeistesgemeinschaft\u201c, zu welcher Deutschland durch sein Beispiel f\u00fchren sollte.<\/p>\n<p>Weismantel war davon \u00fcberzeugt, dass f\u00fcr die Bew\u00e4ltigung der Krisensituation am Ende des Krieges \u201eWeltanschauungsgemeinschaften\u201c eine zentrale Rolle spielen w\u00fcrden. Dem Patmos-Verlag sollte es obliegen, die zeitgen\u00f6ssischen geistig-kulturellen Str\u00f6mungen zu verfolgen und zu beeinflussen, indem er diesen \u201eGesinnungsgemeinschaften\u201c seine Tore \u00f6ffnete.<\/p>\n<p>Hinter diesem Plan stand eine verlegerische Strategie, die dem Verlag eine solide finanzielle Basis garantieren sollte. Ausgehend von der \u00dcberzeugung, dass die chaotische Gegenwart sich nach der \u201egro\u00dfen Pers\u00f6nlichkeit\u201c sehne, zielte der Verlag auf die Gewinnung f\u00fchrender Pers\u00f6nlichkeiten der jeweiligen geistigen Str\u00f6mungen, um durch sie ihre \u201eGefolgschaft\u201c und zugleich den Absatzgebiet f\u00fcr ihre Werke zu gewinnen. Die Schl\u00fcsselrolle innerhalb des Verlages war einem Direktor zugedacht, der allein \u00fcber die Bedeutsamkeit eines Werkes entscheiden sollte.<\/p>\n<p>Seinem Selbstverst\u00e4ndnis nach sollte sich der geplante Verlag von den \u201ekapitalistischen Verlagen\u201c dadurch abgrenzen, dass er dem Lesepublikum nicht bestimmte Werke aufdr\u00e4ngte, sondern sich in den Dienst der Gesinnungsgemeinschaften stellte. Seine Gestalt als \u201eKulturgemeinschaft\u201c diente auch der Verbesserung der Stellung der Verlagsautoren, die nicht mehr als Einzelne um ihre Gemeinden h\u00e4tten ringen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Weismantel pr\u00e4sentierte in diesem Zusammenhang \u00fcbrigens sich selbst als f\u00fchrende Pers\u00f6nlichkeit des deutschen Katholizismus und machte auf seine Einflussbereiche aufmerksam, etwa den Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine und den B\u00fchnenvolksbund. Er hegte den ambitionierten Plan, gemeinsam mit Carl Muth einen Zusammenschluss dieser Organisationen unter anderem mit dem Volksverein und der G\u00f6rres-Gesellschaft ins Leben zu rufen. Dem Patmos-Verlag stellte Weismantel seine B\u00fchnenst\u00fccke, sein Legendenwerk sowie seine f\u00fcr die Volkshochschulbewegung verfassten Lehrb\u00fccher zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Das Novum des geplanten Verlags lag aber woanders. Weismantels Denkschrift ist n\u00e4mlich zu entnehmen, dass er und seine Freunde drei Gesinnungsgemeinschaften f\u00fcr bedeutend hielten: die christliche, die \u201eheidnische\u201c und die j\u00fcdische, die sie als Ausdruck dreier \u201eMenschentypen\u201c, der Heiden, Christen und Juden, betrachteten. Der Plan sah demnach die Gr\u00fcndung einer Verlagsgruppe Neubau-Verlage vor, die einen Eleusis-Verlag f\u00fcr die \u201eheidnische\u201c Gruppe, einen Moriah-Verlag f\u00fcr die j\u00fcdische und den Patmos-Verlag f\u00fcr die Christen umfasste.<\/p>\n<p>Ob die Neubau-Verlage als Konkurrenzgr\u00fcndung zum Diederichs-Verlag gedacht waren, l\u00e4sst sich zwar nicht belegen, doch handelte sich offensichtlich um ein affines Unternehmen, und es wundert wenig, dass der 1920 gegr\u00fcndete Patmos-Verlag gerade in der bei Diederichs erscheinenden Zeitschrift \u201eDie Tat\u201c sein erstes Programm \u00f6ffentlich machte. Unter dem Titel \u201eDer B\u00fccher vom Kreuzweg erste Folge\u201c erschien das B\u00fchnenst\u00fcck \u201eDer W\u00e4chter\u201c unter dem Galgen von Weismantel sowie jeweils ein Werk von Hans Ehrenberg, Werner Picht, Eugen Rosenstock, Rudolf Ehrenberg und Karl Barth. Der Verlag gab also an erster Stelle der christlichen Gruppe Stimme, und das hatte nach Weismantel seinen Sinn: es ging zun\u00e4chst einmal darum, die Leiderfahrung des Krieges zu bew\u00e4ltigen: die christliche Gruppe ist \u201enaturgem\u00e4\u00df in der neuen Gemeinschaftsbewegung an der Spitze, weil sie eine Beziehung des Menschen zum Leid herzustellen vermag.\u201c<\/p>\n<p>Der Patmos-Verlag existierte zwei Jahre sp\u00e4ter nicht mehr, der Eleusis- und der Moriah-Verlag wurden nie realisiert, der Patmos-Kreis l\u00f6ste sich. In seiner Autobiographie berichtet Weismantel, die Schwierigkeiten der wachsenden Inflation h\u00e4tten das Projekt zunichte gemacht. Er habe zwar im K\u00f6sel-Verlag Unterst\u00fctzung gefunden, aber die bereits vollzogene Fusion sei auf innerkirchlichen Druck hin wieder aufgel\u00f6st worden. Der Patmos-Verlag wurde schlie\u00dflich vom B\u00fchnenvolksbund \u00fcbernommen. Weismantel spielte dort weiterhin eine tragende Rolle und konnte seine dramatischen Werke dort verlegen.<\/p>\n<p>Der Plan der \u201eNeubau-Verlage\u201c zeigt, dass Weismantel \u00fcber den interkonfessionellen Dialog hinausging, um eine interreligi\u00f6se Zusammenarbeit in der Volksbildung zu begr\u00fcnden. Hier liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen seinem Ansatz und jenem des Zentralbildungsausschusses der katholischen Verb\u00e4nde Deutschlands, der sich zwar auch dem Paradigma der \u201eVolksbildung als Volk-Bildung\u201c verschrieben hatte, aber \u201ebewu\u00dft milieu- und konfessionsbezogen\u201c (C. Herrmann\/J. Paulus) ausgerichtet war. Weismantel betrachtete damals das Judentum noch als Bestandteil des \u201eneuen geistigen Deutschland\u201c, 1938 glaubte er aber das Judentum als Bedrohung f\u00fcr die Volksgemeinschaft sehen zu m\u00fcssen. Ein Bekenntnis zum Dritten Reich war dies, wie seine Biographie zeigt, nicht. Inwieweit andererseits seine Volkserziehungsbestrebungen M\u00e4nnern wie Hitler in die H\u00e4nde gespielt haben, m\u00fcsste anhand seiner theoretischen Aussagen, seiner konkreten Praxis der Bildungsarbeit und seiner Dichtung differenziert untersucht werden.<\/p>\n<p>Betrachtet man Weismantels Konzepte f\u00fcr die Erneuerung der Universit\u00e4t und f\u00fcr den Patmos-Verlag, so kann man daran zweifeln, dass das F\u00fchrer-Gefolgschaft-Modell, das er auf Universit\u00e4t und Gesellschaft \u00fcbertrug, seine Beschw\u00f6rung einer vorindustriellen st\u00e4ndischen Gesellschaftsordnung, seine Betonung der Kr\u00e4fte des Sch\u00f6pferischen gegen jene der Ratio wirklich geeignet waren, m\u00fcndige Staatsb\u00fcrger zu erziehen, die die junge Demokratie tragen sollten. Und man kann sich auch fragen, ob die im historischen Kontext durchaus nachvollziehbare Sehnsucht nach Einheit, nach Gemeinschaft \u2013 gekoppelt mit der Vorrangstellung der \u201eGesinnung\u201c und einer (partei)politikfeindlichen Haltung \u2013 nicht vielleicht geeignet war, die Ans\u00e4tze eines toleranten, demokratischen Miteinanders im Keim zu ersticken.<\/p>\n<p>Weismantels bleibende Verdienste sind die Impulse, die er dem Katholizismus der 1920er Jahre gegeben hat: die Beachtung der Individualit\u00e4t des Einzelnen in der P\u00e4dagogik, die Aufwertung des Sch\u00f6pferischen im Menschen, die Dialogbereitschaft \u00fcber die religi\u00f6sen Grenzen hinweg und nicht zuletzt der Aufruf, den \u201eTurm\u201c zu verlassen, um Verantwortung in der Gesellschaft zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leo Weismantel erf\u00e4hrt bis heute eine verbl\u00fcffende Gegens\u00e4tzlichkeit der Urteile. Manchen erscheint er als \u201ekonservativ\u201c (A. 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