{"id":118408,"date":"2026-01-30T11:22:07","date_gmt":"2026-01-30T10:22:07","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118408"},"modified":"2026-01-30T11:22:10","modified_gmt":"2026-01-30T10:22:10","slug":"ein-feiertag-fuer-eucharistie-neutestamentliche-gedanken-zum-fronleichnamsfest","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/ein-feiertag-fuer-eucharistie-neutestamentliche-gedanken-zum-fronleichnamsfest\/","title":{"rendered":"Ein Feiertag f\u00fcr Eucharistie?"},"content":{"rendered":"<p>Im Thema dieses Vortrags knirscht es etwas: das Neue Testament und das Fronleichnamsfest. Beides geht nicht leicht zusammen: das 1. Jahrhundert und ein Fest, das aus dem 13. Jahrhundert stammt, das auf die Vision der Augustinernonne Juliana von L\u00fcttich zur\u00fcckgeht und von Papst Urban IV. zum allgemeinen kirchlichen Fest erhoben wurde. Dazwischen liegt viel Zeit, liegen Jahrhunderte an Fr\u00f6mmigkeitsgeschichte, Entwicklungen, Weichenstellungen und Wendepunkte. Es ist ein enorm gro\u00dfer Sprung \u00fcber einen garstig breiten Graben: vom Neuen Testament zum Fronleichnamsfest.<\/p>\n<p>In der Vorbereitung aber habe ich diesen Sprung als sehr facettenreich erlebt. Es ist so spannend wie aufschlussreich, das Fronleichnamsfest einmal aus der Zeit des Neuen Testaments heraus zu betrachten \u2013 wie mit einem Fernglas, das \u00fcber Jahrhunderte reicht. Was sich daraus ergab, sind sechs kurze Gedanken aus der Entstehungszeit des Christentums, die ich um dieses Fest aus der Hochzeit des Mittelalters winden m\u00f6chte; sechs kurze Gedanken \u2013 manchmal wie Girlanden, zum Schmuck und zur Verdeutlichung, manchmal aber auch wie Bleigewichte, um f\u00fcr Bodenhaftung zu sorgen, damit nichts abhebt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Prozessionen pr\u00e4gen Fronleichnam. Auch die fr\u00fchen Christen kannten Prozessionen, aber nur als Zuschauer und Au\u00dfenseiter. Sie verfolgen die Prozessionen zu Ehren der r\u00f6mischen G\u00f6tter, bei Festen und organisierten Spielen zu Ehren des Kaisers. Aber in die Huldigung der G\u00f6tter, in die Jubelrufe f\u00fcr den Kaiser k\u00f6nnen sie nicht einstimmen. Sie bleiben abseits und stehen am Rand. Sie treffen sich in Hauskirchen. Sie laufen nicht mit. Sie verehren ja einen anderen \u201edominus et deus noster\u201c.<\/p>\n<p>Die Zeiten haben sich ge\u00e4ndert. Die fr\u00fchen Christen w\u00e4ren sehr erstaunt. Pl\u00f6tzlich marschieren wir in aller \u00d6ffentlichkeit! Wir haben noch staatliche Feiertage, genie\u00dfen Schutz und F\u00f6rderung. Wir treten in der \u00d6ffentlichkeit auf. Bei aller Freude \u00fcber die damit verbundenen Chancen, die Leichtigkeit und das Polster, ob nicht die Autoren des Neuen Testaments die Stirn runzeln und uns an ein urchristliche Existenzial erinnern w\u00fcrden? Ich denke an jenes Selbstverst\u00e4ndnis, das breitfl\u00e4chig im Neuen Testament \u2013 von Jesu (Lk 10,20), \u00fcber Paulus (Phil 3,20) bis zum Hebr\u00e4erbrief (Hebr 13,14) \u2013 bezeugt ist: Bedenkt, bei aller \u00d6ffentlichkeit, dass ihr Fremdlinge seid, Pilger, die ihre eigentliche Heimat im Himmel, aber hier auf Erden keine Bleibeperspektive haben.<\/p>\n<p>Aus dieser Warte des Neuen Testaments heraus m\u00fcssten Fronleichnamsprozessionen immer auch einer etwas scheuen und tastenden Pilgerreise gleichen und keiner Inbesitznahme, einem Durchzug und keinem Bad, einem Marsch von Gastarbeitern und nicht von Gro\u00dfgrundbesitzern. \u201eEs ist gerade die versprochene Heimat\u201c, so formulierte Dorothee S\u00f6lle einmal, \u201edie heimatlos macht.\u201c Die Fronleichnamsprozession bildet einen Pilgerweg ab. Die Eucharistie tragen wir als Wegzehrung mit uns.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Zeit, in der das Neue Testament aufw\u00e4chst, ist eine Zeit der Denkm\u00e4ler und der Triumphzeichen. Die Domus Aurea, der Titusbogen und das Amphitheater der Flavier in Rom, Postamente und Kultst\u00e4tten in den Provinzen, ob in Ephesus oder Pergamon: G\u00f6tter werden kultisch verehrt, Feldherrn gefeiert und Kaiser mit Kunstwerken bedacht. Man schreitet auf dem Forum Romanum \u00fcber die Via Sacra nach Feldz\u00fcgen und Eroberungen, treibt die Gefangenen vor sich her, stellt die Beute zur Schau und verewigt sich in Denkm\u00e4lern.<\/p>\n<p>Wie anders ist dagegen dieses Denkmal Jesu! Was zeigt Fronleichnam? Ein St\u00fcck Brot. Den Schauder und die Best\u00fcrzung dar\u00fcber sollte man nicht verlernen und auch nicht gleich vergolden oder mit Brokat bedecken. Es ist doch ein Denkmal ganz anderer Art, das in der Mitte des Fronleichnamsfestes steht. Die einen setzten sich ein Denkmal, weil sie siegten und andere daf\u00fcr draufgehen lie\u00dfen. Hier wird einer gefeiert, der sich f\u00fcr andere verzehren und aufreiben lie\u00df! Dieser Tag, das Brot in der Mitte, feiert eine g\u00e4nzlich andere Logik, eine andere Denke und einen anderen Lebensstil: nicht Selbstverwirklichung und Ellbogen, nicht brachiale Gewalt und Durchsetzungsverm\u00f6gen. Fronleichnam setzt dem eucharistischen Brot ein Denkmal und damit einer Liebe, von der du leben kannst, die nicht auf sich, sondern auf andere schaut, von der du dir f\u00f6rmlich ein St\u00fcck abbei\u00dfen kannst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An Fronleichnam tragen wir die Eucharistie, den Herrn durch die Stra\u00dfen. Doch von den neutestamentlichen Evangelien her gedacht, geht das nicht, gibt es das nicht: Christus muss nicht gef\u00fchrt und nicht getragen werden. Er tr\u00e4gt uns. Er f\u00fchrt uns. Mit dem Osterevangelium formuliert: \u201eEr geht euch voraus.\u201c (Mk 16,7) Er beruft in die Nachfolge. Er bahnt den Weg und ist der Anf\u00fchrer des Glaubens (Hebr 12,2). Als Petrus ihm einmal vorausgehen, ihn in eine andere Richtung, weg vom Kreuz dr\u00e4ngen will, weist ihn Jesus wieder ein: \u201eHinter mich!\u201c (Mk 8,33) In den Fu\u00dfspuren Jesu ist der Weg des J\u00fcngers.<\/p>\n<p>So m\u00fcsste man Fronleichnam im Licht des Neuen Testaments verstehen: Nicht wir tragen ihn, sondern er f\u00fchrt uns hinaus aus dem <em>Fanum<\/em>, dem Heiligtum, ins Profane! Er, der zeit seines Lebens unterwegs war, rei\u00dft an Fronleichnam die Kirchent\u00fcren auf und zeigt uns die Welt drau\u00dfen: die H\u00e4rten, die Umrisse, den Staub der Stra\u00dfen und die Leidensgeschichten hinter den T\u00fcren. Diese frische Luft tut einer Gemeinde gut. Wenigstens einmal im Jahr ruft uns die Liturgie nicht zentripetal zusammen, sondern greift sie zentrifugal aus. Fronleichnam ist ein Wegweiser, der von den Elfenbeint\u00fcrmen und Museen weg und hinaus ins Leben zeigt. Fronleichnam ruft in die Nachfolge eines Herrn, der unter freiem Himmel Mensch wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Neue Testament betont stets, dass die Eucharistie kein abgeschlossenes Ereignis, keine nur \u00e4sthetische Inszenierung ist. Eucharistie und Diakonie, die Feier des Herrenmahls und das soziale Leben der Gemeinde geh\u00f6ren zusammen. So hat auch Fronleichnam die sozialen, ethischen, pastoralen und ekklesialen Implikationen dessen zu bedenken, was wir feiern.<\/p>\n<p>Sehr deutlich unterstreicht dies das Johannesevangelium. Anstelle eines Berichts \u00fcber das letzte Abendmahl wird von der Fu\u00dfwaschung erz\u00e4hlt und damit die Kehrseite ein und derselben Medaille beleuchtet. \u201eMein Leib f\u00fcr euch\u201c (1 Kor 11,24) \u00fcbersetzt das Johannesevangelium mit dem Satz: \u201eIch habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.\u201c (Joh 13,15) Da ist dieses eindr\u00fcckliche Portrait von der Urgemeinde in der Apostelgeschichte. Die Christen feiern das Herrenmahl und brechen das Brot (Apg 2,42). Sie teilen miteinander (Apg 2,44-45; 4,32-35), aber auch mit den Armen (Apg 6,1-7). Da ist dieser scharfe Vorwurf von Paulus an die korinthische Gemeinde: \u201eWas ihr bei euren Zusammenk\u00fcnften tut, ist keine Feier des Herrenmahls mehr!\u201c (1 Kor 11,20) Es geht nicht an, der Hingabe Jesu zu gedenken und sich gleichzeitig selbsts\u00fcchtig und asozial zu verhalten (1 Kor 11,21-22). Eucharistie und Leben, die Feier des Herrenmahls und die soziale Praxis bilden eine untrennbare Einheit.<\/p>\n<p>Fronleichnam zeigt mir den \u201eHall-Raum\u201c der Eucharistie: Welt und Leben, Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze. Dort seid oder werdet, was ihr empfangt: Leib Christi. Die Ostkirche nennt die Diakonie \u201edie Liturgie nach der Liturgie\u201c. Fronleichnam k\u00f6nnte eine Br\u00fccke sein von einer Liturgie zur anderen, von der Eucharistie zur Diakonie. Fronleichnam zeigt uns die Welt und erinnert uns an die Pflicht, in die uns die Eucharistie nimmt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>V.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn im Neuen Testament von der Eucharistie die Rede ist, ist das Thema der Einheit nie weit entfernt. Das \u00e4lteste schriftliche Zeugnis zum letzten Abendmahl Jesu (1 Kor 11,23-26) ist uns wohl nur deshalb \u00fcberliefert, weil es gerade an der Einheit der Gemeinde von Korinth haperte. Angesichts von Parteiungen und Streit erinnert Paulus an die Einheit, zu der die Feier des Herrenmahls die Christen f\u00fchren soll: \u201eEin Brot ist es, darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot.\u201c (1 Kor 10,17) Aber auch das letzte Abendmahl Jesu ist vom Gedanken an die Einheit durchdrungen. Eigens wird erw\u00e4hnt, dass die Zw\u00f6lf zu Tisch sitzen (Mk 14,17). Sie repr\u00e4sentieren das geeinte St\u00e4mmevolk und das Anliegen Jesu, zusammenzuf\u00fchren, was sich getrennt hat. Im Zeichen der Einheit stehen auch alle Mahlgemeinschaften, die das gesamte Leben Jesu pr\u00e4gen. Die Zeitgenossen nehmen diese Tischgemeinschaften geradezu als Alleinstellungsmerkmal Jesu wahr, an dem sich die Geister scheiden: \u201eEr gibt sich mit S\u00fcndern ab und isst sogar mit ihnen!\u201c (Lk 15,2) Im Mahl stiftet Jesus Einheit. Er f\u00fchrt Menschen zusammen \u2013unterschiedlichste Menschen: S\u00fcnder, Z\u00f6llner, hungerleidende Habenichtse und Nachteulen aller Art.<\/p>\n<p>Wichtig scheint mir dabei: Die Einheit ist nicht die Voraussetzung f\u00fcr das Mahl, nicht das Eintrittsticket, keine Zulassungsbedingung. In Korinth w\u00e4ren ja nicht mehr viele am Tisch gesessen, wenn die Einheit wirklich die Voraussetzung f\u00fcr das Mahl gewesen w\u00e4re. Auch im Abendmahlssaal streiten die J\u00fcnger noch ganz einheitslos \u00fcber Wichtigkeit und Gr\u00f6\u00dfe und Prominenz (Lk 22,24). Die Einheit ist nicht die Voraussetzung f\u00fcr das Mahl. Das Mahl ist Nahrung f\u00fcr die Einheit, das Fundament und der Baustoff der Einheit. Oder anders: Die Einheit ist die erhoffte Wirkung des Mahls.<\/p>\n<p>Ob wir diese einheitsstiftende Funktion und Dimension der Eucharistie wohl auch verstanden haben? Das Neue Testament denkt nicht so sehr \u00fcber Zulassungsbedingungen nach. Es ist an den Folgen und Wirkungen interessiert. Die Konsequenzen, die sich aus dem Mahl ergeben, k\u00f6nnen unw\u00fcrdig sein: wenn die Eucharistie nicht zu einer sozialen Umgangsform f\u00fchrt; wenn das Mahl der Einheit die Teilnehmer nicht zusammenschwei\u00dft; wenn nach dem Mahl noch Mauern bleiben, die der Gastgeber mit dem Mahl eigentlich niederrei\u00dfen wollte. Die Folgen und Wirkungen sollten uns sehr interessieren! Die Auswahl der G\u00e4ste ist nicht unsere vorrangige Aufgabe. Das Mahl an sich ist gratis, gnadenhaft. Der Preis f\u00fcr das Mahl ist schon bezahlt. Der Gastgeber hat das so entschieden \u2013 er, der Freund der Z\u00f6llner und S\u00fcnder.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>VI.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den Schriften des Neuen Testament wird die Eucharistie von verschiedenen Seiten beleuchtet: von der Opferpraxis und dem Opfergedanken her im Hebr\u00e4erbrief, in sozialer Hinsicht in der Apostelgeschichte, in gruppenbildender Hinsicht im 1. Korintherbrief oder als Zusammenfassung von Wesen, Sendung und Botschaft Jesu in den Evangelien. Gleichzeitig buchstabieren verschiedene Gattungen und Erz\u00e4hlformen die Bedeutung und den Facettenreichtum der Eucharistie aus: die Ich-bin-Worte Jesu (Joh 6,35.51), die Wundererz\u00e4hlungen der Brotvermehrung (Mk 6,35-44; Joh 6,1-14) oder die \u00f6sterlichen Mahlszenen am See von Tiberias (Joh 21,1-14) und im Haus des Kleopas in Emmaus (Lk 24,13-35). Die Eucharistie ist kein Thema unter \u201eferner liefen\u201c. Die Vielzahl der Aussagen und der Erz\u00e4hlformen unterstreicht die Bedeutung und den Inhaltsreichtum des Themas.<\/p>\n<p>Fronleichnam: ein Feiertag f\u00fcr Eucharistie! Das neutestamentliche Herz macht einen Freudensprung. Endlich ist \u2013 einen ganzen Feiertag lang \u2013 Zeit, um diesem zentralen Thema der neutestamentlichen \u00dcberlieferung nachzugehen. Endlich ist Zeit zum Nachdenken, zum Nachfragen und zur Besinnung. Sicherlich ist die Eucharistie auch sonst Thema: T\u00e4glich, an den 52 Sonntagen des Jahres und an den Hochfesten feiern wir Eucharistie. Aber Fronleichnam k\u00f6nnte eine eigene Gelegenheit sein, eine chancenreiche Tabula rasa, ein Fest nur f\u00fcr dieses Zentraldatum des Neuen Testaments.<\/p>\n<p>Noch dazu stehen Wirtschaft und Kommerz diesem Fest hilflos gegen\u00fcber: keine Geschenke, kein Drumherum in den Kaufh\u00e4usern, keine andere Etikette oder \u00dcberfrachtung. Einfach nur ein Feiertag f\u00fcr die Eucharistie. Fronleichnam liefert optimale Startbedingungen. Wenn uns das gel\u00e4nge, diesen Tag inhaltlich zu f\u00fcllen und als Grundkurs des Christseins zu begreifen, wir w\u00fcrden eine kr\u00e4ftige Melodie im Neuen Testament zum Klingen bringen. Der heutige Abend und die Communio hier in der Akademie sind zu dieser Melodie ein so wundervoller wie passender Akkord.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Thema dieses Vortrags knirscht es etwas: das Neue Testament und das Fronleichnamsfest. Beides geht nicht leicht zusammen: das 1. Jahrhundert und ein Fest, das aus dem 13. Jahrhundert stammt, das auf die Vision der Augustinernonne Juliana von L\u00fcttich zur\u00fcckgeht und von Papst Urban IV. zum allgemeinen kirchlichen Fest erhoben wurde. 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