{"id":120685,"date":"2026-03-20T10:33:40","date_gmt":"2026-03-20T09:33:40","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=120685"},"modified":"2026-03-20T10:33:40","modified_gmt":"2026-03-20T09:33:40","slug":"im-gespraech-mit-bischof-erwin-kraeutler","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/im-gespraech-mit-bischof-erwin-kraeutler\/","title":{"rendered":"Im Gespr\u00e4ch mit Bischof Erwin Kr\u00e4utler"},"content":{"rendered":"<p><strong>Johannes Schie\u00dfl: <\/strong>Lieber Dom Erwin, Sie haben am Sonntag bei der Misereor-Fastenaktion der deutschen Katholiken mitgemacht, Sie waren gestern bei der deutschen Bischofskonferenz. Welchen Eindruck haben Sie von der deutschen Kirche, mal \u00fcber die P\u00fcnktlichkeit hinaus?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Erwin Kr\u00e4utler: <\/strong>Es ist sicher eine lebendige Kirche, daran zweifle ich keinen Augenblick. Man denkt immer, es sind weniger Leute geworden. Aber die, die da sind, die sind ja da! Und sie sind dazu noch aus \u00dcberzeugung da. Vielleicht ist fr\u00fcher jemand in die Kirche gegangen, weil das eben zum guten Ton geh\u00f6rt hat. Heute kommen die Leute aus einer tieferen \u00dcberzeugung. Das hei\u00dft jetzt nicht, dass ich \u00fcber unsere Vorfahren herziehe, aber ich w\u00fcrde das alles nicht so negativ sehen. Habt Mut!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Johannes Schie\u00dfl: <\/strong>Wir m\u00fcssen also nicht alle Lateinamerikaner werden?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Erwin Kr\u00e4utler: <\/strong>Auf keinen Fall. Sicher kommen von dr\u00fcben Impulse, die man akzeptieren kann. Aber man kann das auch nicht alles eins zu eins \u00fcbernehmen, denn in Deutschland und \u00d6sterreich sind die Leute ein bisschen anders als in Brasilien. Das ist klar. Aber es gibt Impulse: Beispielsweise, dass Laien viel mehr Verantwortung \u00fcbernehmen, und dass man nicht alles vom Pfarrer abh\u00e4ngig macht. Wir haben hier in Europa oft noch diese Einstellung: Der Pfarrer ist zust\u00e4ndig, und wir sind so etwas wie Konsumenten. So was ist nicht gut. Wir sollen mittun, und die Pfarrer sollen nat\u00fcrlich auch den Laien die M\u00f6glichkeit geben mitzutun, Entscheidungen zu f\u00e4llen. Die Leute k\u00f6nnen dann auch mehr beim Wort genommen werden. Sie haben ja mitentschieden. Wenn ich von oben herab entscheide, was zu tun und zu lassen ist, f\u00fchlen sich viele bevormundet. Aber wenn die Leute mitentscheiden k\u00f6nnen, dann schaut\u2019s ein bisschen anders aus. Meint ihr nicht auch?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Johannes Schie\u00dfl: <\/strong>Die Anwesenden werden es in der gro\u00dfen Mehrheit so \u00e4hnlich sehen. Aber jetzt w\u00fcrde ich gern noch einmal zur\u00fcckkommen zu Ihren Anf\u00e4ngen am Xingu. Sie sind 1965 als junger Missionar an den Xingu gekommen. Mich w\u00fcrde nochmal interessieren: Welche Kirche haben Sie da angetroffen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Erwin Kr\u00e4utler: <\/strong>Ich bin ein \u201eKonzilstheologe\u201c. Nicht in dem Sinn, dass ich an einer Universit\u00e4t Vorlesungen halte, sondern dass ich zur Zeit des Konzils Theologie studiert habe. Da war alles im Aufbruch. Aber die Folgen des Konzils sind erst sp\u00e4ter sp\u00fcrbar geworden. Erst 1970 kam beispielsweise das komplette neue Missale Romanum heraus. Damit geschah ein gigantischer Schritt in der Erneuerung der Liturgie. Ich habe 1965 bei meiner Primiz noch in lateinischer Sprache zelebriert, allerdings ein bisschen frech: zum Volk hin. Das war damals noch nicht so ganz erlaubt. Dann kam der Umschwung. Aber pl\u00f6tzlich ist unsere Kirche wieder zur\u00fcckgekrebst, und wir wurden alle irgendwie zur\u00fcckgepfiffen. Der jetzige Papst hingegen sagt: Wir m\u00fcssen das Konzil umsetzen. Das ist noch nicht vollst\u00e4ndig passiert. Es wurde eben leider zum R\u00fcckzug geblasen, wie das Buch meines Freundes, des emeritierten Wiener Weihbischofs Helmut Kr\u00e4tzl \u201eIm Sprung gehemmt\u201c aufzeigt. Aber ich glaube, mit Papst Franziskus ist die Situation heute eine andere.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Johannes Schie\u00dfl: <\/strong>Sie haben dann schon in Brasilien die gro\u00dfen lateinamerikanischen Bischofsversammlungen erlebt, angefangen mit Medell\u00edn 1968. K\u00f6nnen Sie noch etwas dazu sagen, wie das aus Ihrer Sicht die Lage in Lateinamerika ver\u00e4ndert hat?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Erwin Kr\u00e4utler: <\/strong>Medell\u00edn war der Versuch, das Konzil auf Lateinamerika zu \u00fcbertragen, sagen wir es einmal so, damit es Fu\u00df fasst. Man sprach auch pl\u00f6tzlich von Befreiung, und das hat man in Europa sehr oft missverstanden. Bei Befreiungstheologie haben manche gedacht: Da gibt es Priester, die geben den Leuten sogar Waffen die Hand. Befreiungstheologie ist aber eine zutiefst biblische Theologie, denn der liebe Gott war es, der seinem Volk gesagt hat: \u201eIch habe gesehen\u201c \u2013 zweimal sogar im Urtext \u2013 \u201eich habe gesehen das Elend meines Volkes, ich habe seinen Schrei geh\u00f6rt, ich kenne sein Leid. Darum bin ich herabgestiegen, um es aus der Sklavenh\u00fctte zu befreien\u201c (Exodus 3,7-8). Das spricht der liebe Gott auch zu unseren armen Leuten, die damals unter Milit\u00e4rdiktaturen und Ausbeutung furchtbar gelitten haben. Wir d\u00fcrfen die Befreiung nicht so verstehen, dass sie erst am seligen Ende, wenn uns der liebe Gott heimholt, Wirklichkeit wird. Die Leute wollen auch heute befreit sein, befreit von Strukturen, die von Menschen geschaffen sind und Arme immer \u00e4rmer machen und Reiche immer reicher, und dies auf Kosten der Armen. Dieser Ausdruck stammt nicht von mir, sondern von Papst Johannes Paul II.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Johannes Schie\u00dfl: <\/strong>Und jetzt ist die Befreiungstheologie auf dem Papstthron angekommen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Erwin Kr\u00e4utler: <\/strong>Papst Franziskus wird sich sicher nie als Befreiungstheologe outen. Aber er hat alle Anliegen der Befreiungstheologie \u00fcbernommen. Das hat er schon damals in Buenos Aires getan. Befreiungstheologie ist angewandte Theologie, das hei\u00dft, eine Theologie, die von der Situation, von der Realit\u00e4t der Menschen ausgeht und dann hinterfragt: Was will eigentlich der liebe Gott? Wir haben das schon fr\u00fcher bei Joseph Cardijn in der Christlichen Arbeiter-Jugend gelernt: Sehen, Urteilen, Handeln. Darum geht es. Ich kann die Menschen in ihrer oft grausamen Realit\u00e4t nicht nur so betrachten, wie man ein Foto anschaut. Man muss ihre Situation hinterfragen. Da kommt man pl\u00f6tzlich drauf, dass Armut kein Schicksal ist, sondern Armut gemacht wird. Jemand tr\u00e4gt Verantwortung daf\u00fcr. Wir m\u00f6chten uns also zusammentun und darum k\u00e4mpfen, dass wir auch hier in diesem Leben anst\u00e4ndig leben, w\u00fcrdig leben k\u00f6nnen. Das finde ich einfach wichtig. Das hei\u00dft jetzt nicht, dass wir nur eine diesseitige Erl\u00f6sung oder diesseitige Befreiung im Blick haben. Nein! Auf keinen Fall!<\/p>\n<p>Toten jedoch kann ich das Evangelium nicht mehr verk\u00fcnden, und beim Einsatz f\u00fcr die indigenen V\u00f6lker geht es wirklich um Leben und Tod. Wir sprechen in Brasilien von vier Dimensionen der Evangelisierung. Das Evangelium wird nicht nur verk\u00fcndet, sondern es soll Zeugnis daf\u00fcr abgelegt werden. Evangelisieren meint auch, in Dialog zu treten. Das hat das Zweite Vatikanische Konzil ganz besonders hervorgehoben. Der liebe Gott war schon vor uns da. Wir sind nicht diejenigen, die den lieben Gott den Leuten gebracht haben. Und deshalb hat auch Papst Johannes Paul II. in Indien gesagt: \u201eGott ist gegenw\u00e4rtig in den Kulturen Indiens.\u201c Da denke ich mir nat\u00fcrlich, wenn er in den Kulturen Indiens gegenw\u00e4rtig ist, dann ist er es wohl auch in den Kulturen der Indios. Und schlussendlich die Diakonie, der Dienst an diesem Volk: Das geh\u00f6rt genauso zum Evangelium, das wir verk\u00fcnden und leben wollen. Wir m\u00f6chten im Sinne der Fu\u00dfwaschung dienen, den Menschen helfen, damit sie leben k\u00f6nnen. Evangelisieren meint also: Verk\u00fcnden \u2013 Zeugnis ablegen \u2013 In Dialog treten \u2013 Dienen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Johannes Schie\u00dfl: <\/strong>Ich m\u00f6chte ankn\u00fcpfen an den Begriff Zeugnis. Im Jahr 1983, wenn ich mich recht entsinne, ist ein Bild um die Welt gegangen, wie Sie im Polizeigriff abgef\u00fchrt werden, weil Sie sich f\u00fcr Zuckerrohrpflanzer eingesetzt haben, denen man neun Monate den Lohn vorenthalten hat. Wie lebensgef\u00e4hrlich muss der Einsatz eines Christen sein?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Erwin Kr\u00e4utler: <\/strong>Ich wollte nie provozieren, willentlich provozieren. Aber in dem Augenblick, in dem ich mich auf die Seite dieser Menschen stelle, bin ich eben meist gegen die Interessen anderer. Wenn ich f\u00fcr die Indios eintrete, bin ich, ob ich das will oder nicht, gegen Gro\u00dfgrundbesitzer, Bergwerksgesellschaften, Holzfirmen, die da ran wollen. Wenn sich da jemand querlegt, dann wird das eben nicht akzeptiert, und es kommt zu unmissverst\u00e4ndlichen Drohungen. Wenn ich Frauen und M\u00e4dchen in ihrer W\u00fcrde verteidige, dann bin ich gegen den \u201eMachismo\u201c. Wenn ich mich einsetze f\u00fcr die Armen, dann bin ich gegen diejenigen, die Leute arm gemacht haben. Da wird es schwierig. Man bekommt ja Drohungen nicht, weil man so und so hei\u00dft. Ich stehe nicht unter Polizeischutz, weil ich Erwin hei\u00dfe, sondern eben auf Grund dieser Herausforderungen, bei denen ich als Bischof nicht anders kann. Ich habe mir das alles nicht ausgesucht.<\/p>\n<p>Damals, 1983, habe ich den Leuten auch nicht gesagt: Sperrt die Stra\u00dfe! Neun Monate haben sie den Lohn f\u00fcr die Erntearbeit nicht ausbezahlt bekommen. Am Pfingstsonntag \u2013 das hatte sicher mit dem Heiligen Geist etwas zu tun \u2013 haben sie beschlossen, die Stra\u00dfe zu sperren, und am Pfingstmontag bin ich hingefahren. Die Polizei hat sofort gemutma\u00dft: Der Bischof ist verantwortlich, der hat die Leute auf die Stra\u00dfe geschickt. Aber ich hatte mich nur entschlossen, bei und unter ihnen zu sein. Als Bischof kann ich nicht in einer Waldkapelle irgendwo abseits den Gottesdienst feiern, wenn mein Volk auf der Stra\u00dfe ist. Das hat mir dann den Polizeigriff und die Festnahme eingebracht.<\/p>\n<p>Das liegt nun schon einige Zeit zur\u00fcck. Als ich zum Bischof ernannt wurde, hatte ich \u2013 wie vorhin gesagt \u2013 eine Versammlung mit den Priestern, Ordensleuten und Laien, Frauen, M\u00e4nnern und Jugendlichen einberufen. Ich wollte von ihnen wissen, was sie sich vom neuen Bischof erwarten. Und die Laien haben mir vorgeschlagen: Ich soll rausgehen, damit ich am eigenen Leib erfahre, was sie erleben. Ich bin am 1. Juni 1983 vor meinen Leuten an der Transamazonica gedem\u00fctigt worden. Die Milit\u00e4rpolizei hat mich in den Dreck geschmissen mit der Nase nach vorn, und von hinten ziemlich unsanft behandelt. Aber dieses Ereignis hat auch eine ganz besondere Beziehung zu diesen Menschen geschaffen. Es war f\u00fcr mich so etwas wie eine zweite Bischofsweihe, denn als mich die Polizei verhaftet hat, haben die Menschen geschrien: \u201eLasst ihn los, das ist unser Bischof!\u201c Sie haben nicht geschrien: \u201eDas ist ein Bischof\u201c, sondern: \u201eDas ist unser Bischof\u201c. Das ist mir zu Herzen gegangen, gerade weil ich vor ihnen diese Dem\u00fctigung erleben musste. Es ist ja nicht unbedingt ein angenehmes Gef\u00fchl, wenn man vor dem versammelten Volk am Boden liegt, und einer haut einem hinten was drauf, und dann stellt er einen auf wie ein Stehaufmandl, und man wird dann abgef\u00fchrt, wie wenn man der gr\u00f6\u00dfte Verbrecher w\u00e4re. Ein Detail am Rande: Zehn Tage sp\u00e4ter haben die Zuckerrohrpflanzer das Geld f\u00fcr die abgelieferte Ernte ausbezahlt bekommen. Und sie haben zufrieden gel\u00e4chelt: \u201eUnser Bischof ist Gold wert, jetzt haben wir das Geld bekommen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Johannes Schie\u00dfl: <\/strong>Das war ein Beispiel, das zum Erfolg gef\u00fchrt hat. Beim Belo Monte-Staudamm f\u00fchrt es nicht zum Erfolg. Wie frustrierend ist das eigentlich, wenn das Engagement \u00fcber die Jahre und Jahrzehnte hin nicht zum gew\u00fcnschten Erfolg f\u00fchrt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Erwin Kr\u00e4utler:<\/strong> Als Bischof und als Priester, als Christinnen und Christen k\u00f6nnen wir uns ja nicht nur einsetzen, wenn wir von vornherein wissen, dass unser Einsatz zum Erfolg f\u00fchrt. Im Wirtschaftsjargon hie\u00dfe das so: Es muss erst eine Analyse zwischen Input und Output erstellt werden, und wenn der Output als positiv bewertet werden kann, also Profit garantiert ist, dann gibt es gr\u00fcnes Licht f\u00fcr den Input. Als Christinnen und Christen k\u00f6nnen wir nicht so denken. Wenn wir das Kreuz Jesu betrachten, ist das eigentlich nicht der gr\u00f6\u00dfte Misserfolg, den man sich \u00fcberhaupt vorstellen kann? Die gesamte Sendung Jesu, seine ganze Botschaft sollte zerst\u00f6rt werden. Und gerade vom Kreuz, von einem eklatanten Misserfolg sozusagen, ist die gr\u00f6\u00dfte Revolution aller Zeiten ausgegangen, die bis heute andauert. Als Christinnen und Christen k\u00f6nnen wir nicht nur dann etwas tun, wenn wir genau wissen, dass es positiv ausgeht. Und ich kann heute auch gar nicht absch\u00e4tzen, welche Folgen unser Einsatz f\u00fcr das n\u00e4chste Kraftwerk haben wird, das am Parallelfluss zum Xingu, dem Tapaj\u00f3s, gebaut werden soll. Ich bin nicht frustriert, ich f\u00fchle mich absolut nicht als Besiegter oder \u201eh\u00e4nge nun die Fu\u00dfballschuhe an den Nagel\u201c, wie man in Brasilien sagt. Auf keinen Fall! Die Leute sind mir das einfach wert gewesen und sind mir das immer noch wert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Johannes Schie\u00dfl: <\/strong>Um bei der \u00d6kologie zu bleiben: Sie haben in Ihrem Vortrag genau die Ziffern der Enzyklika benannt, in denen es um Amazonien und um die Indigenen geht. Manche haben Sie als \u201eGhostwriter des Papstes\u201c bezeichnet. Sie haben erz\u00e4hlt, dass sie in dieser Sache bei ihm waren. Wie funktioniert so ein \u201eGhostwriting\u201c, wie muss man sich das vorstellen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Erwin Kr\u00e4utler: <\/strong>Na ja, die Journalisten haben da ein bisschen \u00fcbertrieben. Es ist Folgendes passiert: Ich bin Sekret\u00e4r der bisch\u00f6flichen Kommission f\u00fcr Amazonien. Kardinal Claudio Hummes ist der Chef. Claudio Hummes kommt aus S\u00fcd-Brasilien und hat nie in Amazonien gearbeitet. Eines Tages sagte er zu mir: \u201eErwin, du musst mit dem Papst reden.\u201c Ich habe ihm geantwortet: \u201eNa, ich werde wohl kaum zum Papst vordringen k\u00f6nnen, ich bin ja nur ein Bischof aus der Peripherie.\u201c L\u00e4chelnd gab er mir zur\u00fcck: \u201eDas mache ich schon.\u201c Er ist ja Kardinal und ist auch derjenige gewesen, der dem Papst zugefl\u00fcstert hat: \u201eVergiss die Armen nicht!\u201c Auf einmal bekomme ich von einem Erzbischof mit einem deutschem Familiennamen \u2013 er stammt aus dem Schwarzwald \u2013 ein Fax und ich lese: \u201ePapst Franziskus m\u00f6chte Sie am 4. April 2014 um 12 Uhr mittags empfangen.\u201c Da habe ich selbstverst\u00e4ndlich sofort alles unternommen, um zeitgerecht r\u00fcber zu kommen. Ich war dann in der Casa Santa Marta untergebracht, in dem Haus also, in dem der Papst wohnt. So konnte ich ihn auch aus der N\u00e4he kennenlernen.<\/p>\n<p>Beim Treffen mit dem Papst habe ich von den Indios gesprochen, von den eucharistielosen Gemeinden und nat\u00fcrlich von Amazonien insgesamt. Und dann sagt der Papst ganz freundlich: \u201eJa, ich bin daran, eine \u00d6ko-Enzyklika zu schreiben.\u201c Und pr\u00e4zisiert, er m\u00f6chte von der \u201eEcologia humana\u201c reden, also von der menschlichen, humanen \u00d6kologie. Da habe ich geantwortet: \u201eGut, da darf aber Amazonien auf keinen Fall fehlen, und die indigenen V\u00f6lker m\u00fcssen da auch hinein.\u201c Darauf verriet mir Papst Franziskus, er habe Kardinal Turkson \u2013 den aus dem afrikanischen Ghana stammenden Pr\u00e4sidenten des P\u00e4pstlichen Rates Iustitita et Pax \u2013 beauftragt, einen \u201eborrador\u201c \u2013 so etwas wie ein Arbeitspapier \u2013 zu schaffen. Ich k\u00f6nnte mit dem ja mal reden. Da antwortete ich: \u201eDas habe ich bereits getan.\u201c Am Vortag war ich n\u00e4mlich mit Kardinal Turkson beim Abendessen \u2013 inkognito \u2013 in einer Trattoria im Zentrum von Rom. Da waren auch Paulo Suess mit dabei und Josef Sayer, der fr\u00fchere Chef von Misereor,<\/p>\n<p>Ein Father Michael hat mir dann eine E-Mail geschickt: Damit nicht erst eine \u00dcbersetzung angefertigt werden muss, soll ich meine Vorschl\u00e4ge gleich in englischer Sprache verfassen. Und zwar \u201eas soon as possible\u201c! Na gut, am 19. Juni 2014 habe ich meinen Beitrag geschickt, und am 18. Juni 2015, also fast genau ein Jahr darauf, kam die Enzyklika heraus. Ich sa\u00df bei einer Versammlung des Rates f\u00fcr indigene V\u00f6lker, als mir Paulo Suess eine Mail mit dem Text der Enzyklika sandte. Das Erste, was ich tat, war, das Stichwort Amazonien einzugeben, und da fand ich auch gleich Amazonien unter der Nummer 38! Und dann habe ich \u201eindigen\u201c eingegeben und war im ersten Moment entt\u00e4uscht \u2013 denn da gab es keinen Hinweis. Der Papst hat n\u00e4mlich den Ausdruck \u201eAborigines\u201c verwendet. In Brasilien nennen wir die Ureinwohner \u201eInd\u00edgenas\u201c, aber die Ureinwohner Afrikas, zum Beispiel, oder in Australien werden als \u201eAborigines\u201c bezeichnet. Deshalb hat er also diesen umfassenderen Begriff gew\u00e4hlt. Und f\u00fcr die Aborigines gibt es gleich zwei Abs\u00e4tze in der Enzyklika: 146 und 179.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Johannes Schie\u00dfl: <\/strong>Und Sie haben Ihre S\u00e4tze wiedererkannt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Erwin Kr\u00e4utler: <\/strong>Ja, sofort habe ich sie wiedererkannt. Und dann habe ich auch gelesen, wie die Enzyklika hei\u00dft: <em>Laudato si\u2018.<\/em> Dieser Titel hat mich begeistert und ist wirklich wunderbar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Johannes Schie\u00dfl: <\/strong>Sie haben schon den Rat f\u00fcr indigene V\u00f6lker angesprochen. CIMI ist die Abk\u00fcrzung f\u00fcr Indianermissionsrat. Dieses Wort Mission h\u00f6rt sich bei uns schwierig an. Sie haben ausgef\u00fchrt, worum es der Kirche gehen muss bei den Indigenen, um deren Kultur, darum, sie zu erhalten. Aber ist das alles an Mission, oder m\u00fcsste Mission nicht doch mehr sein?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Erwin Kr\u00e4utler: <\/strong>Das Wort Mission hat f\u00fcr europ\u00e4ischen Ohren den bitteren Nebengeschmack, dass jemand in ein anderes Land reist, um die Kirche in europ\u00e4ischem Gewand dorthin zu verpflanzen, ohne R\u00fccksicht auf einheimische Kulturen, also ohne jede \u201eInkulturation\u201c. Deswegen nimmt man hier eigentlich das Wort Mission nicht mehr gern in den Mund. Aber Mission kommt ja von \u201emissio\u201c, dem lateinischen Wort f\u00fcr \u201eSendung\u201c. Im Missionsdekret des Zweiten Vatikanum \u201eAd gentes\u201c gibt es eine wunderbare Stelle, die mich schon als junger Priester beeindruckt hat. Da steht n\u00e4mlich: \u201eDie Kirche hat den Auftrag\u201c \u2013 und Auftrag bedeutet eben auch Sendung \u2013 \u201edie Liebe Gottes allen Menschen zu verk\u00fcnden und mitzuteilen\u201c (Ad gentes 10). Da stehen also die zwei Verben, zwei Zeitw\u00f6rter: verk\u00fcnden und mitteilen. Wie schaut das konkret aus? Wie kann ich die Liebe Gottes den Indios oder den Flussbewohnern, den Frauen, den Kindern oder wem immer, wie kann ich ihnen die Liebe Gottes verk\u00fcnden und mitteilen? Ich muss nicht gleich ein fest verschn\u00fcrtes Glaubenspaket \u00fcbergeben, sondern f\u00fcr diese Menschen erst einmal da sein, auf sie zugehen, sie dort abholen, wo sie sind. Und ihnen zur Seite stehen in der samaritanischen Dimension, aber auch in der prophetischen, in der geschwisterlichen und in der kontemplativen Dimension. Das ist recht verstandenes Evangelisieren und echte Mission.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher hat man mich manchmal gefragt: \u201eWas tust du denn eigentlich bei den Indios?\u201c und mir gleich auch den Rat erteilt: \u201eTu sie doch zivilisieren!\u201c Damit wollte man sagen. Wir sind die Zivilisierten, und die Indios, das sind die Wilden. Als ich einmal von einem Indiodorf zur\u00fcckkam, haben mich die Leute gefragt: \u201eHast du denn keine Angst vor den Indios?\u201c Und ich habe geantwortet: \u201eNein, Angst habe ich vor den Wei\u00dfen, nicht vor den Indios. Die haben mich herzlich empfangen, ja sogar als ihren <em>parente<\/em>, ihren Verwandten aufgenommen. Die Frau des Kaziken hat mich dazu noch adoptiert \u2013 wunderbar!\u201c Die Indios machen Unterschiede zwischen Wei\u00df und Wei\u00df. Die \u201eWei\u00dfen\u201c sind immer die Nicht-Indigenen, die k\u00f6nnen auch schwarz sein oder dunkler Hautfarbe. Aber sie unterscheiden genau zwischen denjenigen, die sie ausbeuten wollen oder diskriminieren, und die anderen, die f\u00fcr sie da sind. Ich meine, \u201ef\u00fcr sie da zu sein\u201c, das ist im Sinne Jesu doch die Ur-Form der Evangelisierung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Johannes Schie\u00dfl: <\/strong>Aber dieses Dasein ist ja nicht so ganz einfach, wie Sie gesagt haben. Die Zahlen kann man ruhig noch einmal wiederholen: 30 Priester, 40 Ordensfrauen f\u00fcr eine halbe Million Menschen auf einem Gebiet so gro\u00df wie die Bundesrepublik oder sogar noch etwas gr\u00f6\u00dfer. Sie sind viel unterwegs, beschreiben Sie es doch einmal, wie Sie unterwegs sind, mit welchen Verkehrsmitteln\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Erwin Kr\u00e4utler: <\/strong>Zu Land, zu Wasser und in der Luft! Das vierte Element ist das Feuer, und ich hoffe, dass das Feuer des Heiligen Geistes jedes Mal auch mit unterwegs war und ist. Zu Land: Wir haben 10.000 Kilometer Stra\u00dfe, und davon sind heute vielleicht 400 oder 500 asphaltiert. Der Rest ist naturbelassen, also in der Trockenzeit gibt es eine Staubwolke nach der anderen, und in der Regenzeit sinkt man beinahe ein im Schlamm. Dann die Flussreisen: Da lebe ich auf dem Schiffchen, 12, 14 Tage, wenn ich Gemeinden besuche. Da entstehen auch manchmal meine Vortr\u00e4ge oder B\u00fccher, denn es sind oft viele Stunden von einer Gemeinde zur anderen, und wenn der Fluss ruhig ist, habe ich Zeit zu beten, zu meditieren, zu schreiben. Und der Xingu ist ein ganz lieber Fluss, man schafft es, etwas zu Papier zu bringen.<\/p>\n<p>Ich komme am Abend in eine Gemeinde. Die Leute sind gl\u00fccklich. Ich werde umarmt und gek\u00fcsst, die Kinder singen etwas, alle freuen sich. Dann ist gleich am Abend die erste Versammlung. Da habe ich kaum etwas zu sagen. Ich kann Fragen stellen. Die Leute sind vorn, und ich sitze auf einem Sessel. Sie wollen erz\u00e4hlen, wie es ihnen geht, und das ist ihr gutes Recht. Ich h\u00f6re zu, ich muss mich nicht heiser reden, sondern ich muss mich erst einmal heiser h\u00f6ren. Die Leute wollen das sagen, was ihnen auf der Seele brennt und am Herzen liegt. Da am n\u00e4chsten Tag meist Firmung ist, nehme ich den Firmlingen die Beichte ab. Sie wollen beim Bischof beichten. Das sind sehr liebe Begegnungen mit jungen und weniger jungen Leuten, aber die Beichtgespr\u00e4che dauern eben oft bis sp\u00e4t in die Nacht. Am n\u00e4chsten Tag ist dann die Eucharistiefeier mit Firmung. Nachher gibt es noch einmal eine Versammlung, und da bin dann ich \u201eauf der B\u00fchne\u201c. Und die Gemeindemitglieder verhalten sich dann genauso wie ihr hier und stellen Fragen. Ob ich das geh\u00f6rt habe, im Radio sei dieses und jenes gekommen, und wie es dem Papst gehe, und was ich f\u00fcr Vorstellungen von Belo Monte habe, ich soll ihnen davon erz\u00e4hlen. Und wie geht es den Indios, welche Probleme und L\u00f6sungen gibt es in anderen Gemeinden, was ist in der Stadt los usw.? So geht das. Darauf folgt das gemeinsame Mittagessen, und dann leider der Abschied. Dabei kommt jedes Mal die bange Frage: \u201eUnd wann kommst du wieder?\u201c \u201eSo bald als m\u00f6glich\u201c, sage ich. Abschied ist immer herzergreifend. Wir sind so wenige Priester und Ordensleute. Ich liebe diese Menschen, und sie sind gl\u00fccklich, wenn ich komme, ganz f\u00fcr sie da bin, wenn ich auf sie zugehe und ihnen zeige, dass ich sie mag. Beim Friedensgru\u00df, das k\u00f6nnt ihr euch kaum vorstellen: Wenn die liturgische Farbe wei\u00df ist, trage ich nat\u00fcrlich auch eine wei\u00dfe Stola. Die ist nachher voll von \u2013 Lippenstift! Das ist ja auch keine Schande, oder?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Johannes Schie\u00dfl: <\/strong>Aber die Eucharistie wird eben nur selten gefeiert, wie Sie gesagt haben, ein paarmal im Jahr vielleicht. Sie haben nun den Vorschlag gemacht, Z\u00f6libat und Eucharistie zu entkoppeln, und gleichzeitig die \u201eviri probati\u201c bei Seite geschoben. Was w\u00e4re denn eine L\u00f6sung, wenn auch zun\u00e4chst vielleicht eine regionale?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Erwin Kr\u00e4utler: <\/strong>Es gibt sicher verschiedene Ans\u00e4tze. Ich kann euch auch verraten: Als die deutschen Bisch\u00f6fe jetzt beim Papst waren, hat einer von ihnen auch dieses Thema angesprochen. Ein besonders interessanter L\u00f6sungsvorschlag stammt von einem emeritierten deutschen Bischof, der in S\u00fcdafrika gewirkt hat. Er hei\u00dft Fritz Lobinger und hat ein paar B\u00fcchlein geschrieben. Er spricht nicht von \u201eviri probati\u201c oder so etwas, sondern er spricht von einem \u201eteam of elders\u201c. Ich wei\u00df nicht, wie man das richtig \u00fcbersetzen kann \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Johannes Schie\u00dfl: <\/strong>\u2026 \u00c4ltestenrat vielleicht \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Erwin Kr\u00e4utler: <\/strong>Aber \u00c4lteste soll eben nicht hei\u00dfen, dass sie uralt sind. Es sind einfach Leute, die Verantwortung in der Gemeinde tragen, eventuell drei, die beauftragt werden und auch die Weihe dazu bekommen. Niemand darf der Eucharistiefeier in eigener Regie vorstehen. Ich glaube an das Weihepriestertum. Seit der Apostelgeschichte gibt es die Beauftragung f\u00fcr eine konkrete Gemeinde und die Handauflegung. Diese Beauftragten und Geweihten gehen nicht von Ort zu Ort, sondern feiern mit ihrer Gemeinde an Sonn- und Feiertagen Eucharistie. Und am Montag oder nach dem Feiertag gehen sie wieder in ihrem Zivilberuf nach. Wieso soll das nicht m\u00f6glich sein? Wie war es denn fr\u00fcher, zur Zeit des Apostels Paulus? Also \u201eback to the roots\u201c, zur\u00fcck zu den Wurzeln! Wir k\u00f6nnen und sollen hier weiterdenken. Wir m\u00fcssen den Mut haben, \u201ealte\u201c Wege neu zu entdecken.<\/p>\n<p>Der Papst hat mir auch gesagt: Er erwartet sich von den Bisch\u00f6fen und von den Bischofskonferenzen konkrete und mutige Vorschl\u00e4ge. Es h\u00e4ngt also auch an den Bisch\u00f6fen. Der Papst wird nicht im Alleingang entscheiden. Das habe ich auch bei der deutschen Bischofskonferenz ganz klar deponiert: \u201eWir m\u00fcssen dar\u00fcber reden.\u201c Bitte sagt jetzt aber nicht, der Bischof Kr\u00e4utler ist gegen den Z\u00f6libat. Es geht mir um die Eucharistiefeier in diesen Gemeinden. Z\u00f6libat\u00e4re Priester soll es immer geben. Da ist doch kein Mensch dagegen, im Gegenteil. Aber wir sollen doch die Eucharistiefeier, die Jesus nicht empfohlen, sondern angeordnet hat, davon abh\u00e4ngig machen, ob zuf\u00e4llig ein z\u00f6libat\u00e4rer Mann als Priester vorhanden ist. Und es gibt nur ein paar Mal im Jahr Eucharistie! Da stimmt doch etwas nicht!\u00a0 Manchmal behauptet jemand: Wer solche Vorschl\u00e4ge macht, der m\u00f6chte im Grunde einfach heiraten! Aber, ich kann Sie beruhigen: Mit 76 Jahren habe ich das nicht mehr im Sinn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Johannes Schie\u00dfl: <\/strong>Eine letzte Frage noch \u00e0 propos 76 Jahre: Wo und wie werden Sie Ihren Ruhestand verbringen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Erwin Kr\u00e4utler: <\/strong>Erstens einmal zum Ruhestand: Ein Journalist hat geschrieben, ich sei in den Unruhestand bef\u00f6rdert worden. Vorl\u00e4ufig bin ich noch gar nicht im Ruhestand. Das hei\u00dft, ich habe einen Nachfolger: Ein Franziskanerpater aus einem Nachbarstaat, dunkler Hautfarbe. Ich kannte ihn nicht, aber bei der letzten regionalen Bischofskonferenz war er dabei, und da habe ich gemerkt, das ist ein richtiger Pfundskerl, oder wie man in Deutschland sagen w\u00fcrde: Ein fitter Kerl \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Johannes Schie\u00dfl: <\/strong>\u2026 na ja, eher in Norddeutschland \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Erwin Kr\u00e4utler: <\/strong>\u2026 ja, die Bayern sprechen doch manchmal eine andere Sprache als das restliche Deutschland! Liege ich da falsch? Der zum Bischof vom Xingu erw\u00e4hlte Franziskanerpater hat mich eingeladen, ihm die Bischofsweihe zu spenden. Er h\u00e4tte einen Kardinal oder einen Erzbischof einladen k\u00f6nnen oder gar den Nuntius. Das hat er nicht getan. Er hat seinen Vorg\u00e4nger eingeladen, und das bin ich. Ich meine, das ist eine sch\u00f6ne, symbolische Geste meines Nachfolgers. Ich habe zwar noch nie einen Bischof geweiht, aber die anderen Bisch\u00f6fe haben mir gesagt: Mach dir keine Sorgen, im Pontificale Romanum steht alles genau drin. Am 5. M\u00e4rz 2016 ist die Bischofsweihe, und am 3. April wird die Amts\u00fcbergabe sein. Ab diesem Datum, dem Wei\u00dfen Sonntag oder Sonntag der Barmherzigkeit bin ich dann Bischof \u201eEmeritus\u201c. Das hei\u00dft jedoch nicht, dass ich das Handtuch werfe. Die Anliegen, die ich bis jetzt vertreten habe, werde ich auch weiterhin vertreten. Alle Projekte und Initiativen gehen ja weiter, und da m\u00f6chte ich dem neuen Bischof zur Seite stehen. Ich m\u00f6chte ihn aber sicher nicht in den Schatten stellen.<\/p>\n<p>Seit 35 Jahren bin ich schon Bischof vom Xingu. Die Leute werden sich dran gew\u00f6hnen m\u00fcssen, dass jetzt ein junger da ist. Manche haben mich nat\u00fcrlich gefragt: Kommst du dann nie mehr in unsere Gemeinden, wirst du nie mehr mit uns Eucharistie feiern? Logisch werde ich das tun. Ich h\u00f6re ja nicht auf, Priester und Bischof zu sein. Ich werde immer noch jeden Tag zelebrieren, wo auch immer. Der neue Bischof wird die Geschicke der Pr\u00e4latur leiten, und da w\u00fcnsche ich ihm alles Gute und Gottes Segen. Und er kann sicher mit mir rechnen. Zudem werde ich in Europa mit guten Menschen, die bis jetzt geholfen haben, auch weiterhin in Kontakt bleiben und sie bitten, die Projekte und Initiativen auch in Zukunft zu unterst\u00fctzen. Mein Nachfolger hat gesagt: Ich gehe an den Xingu, um meine Mitarbeit anzubieten. Und es ist gut, dass jetzt ein Brasilianer, also einer, der dort geboren ist, Bischof wird. Als ich zum Bischof ernannt worden bin, gab es keinen einzigen einheimischen Priester in unserer Gegend. Wir alle geh\u00f6rten der Kongregation der Missionare vom Kostbaren Blut an, die ja aus Europa stammt. Aber jetzt bin ich ein bisschen vom Thema abgekommen \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Johannes Schie\u00dfl: <\/strong>Gar nicht. Aber gelegentlich kommen Sie dann auch heim nach Koblach \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Erwin Kr\u00e4utler: <\/strong>Grunds\u00e4tzlich werde ich schon dr\u00fcben bleiben. Einen alten Baum soll man nicht ausrei\u00dfen und verpflanzen. Wenn jemand seit 50 Jahren vor Ort ist, soll er jetzt einfach die Koffer packen und seine sieben Sachen da hineinwerfen, ein paar B\u00fccher mitnehmen, und einfach Tschau sagen? Und weg ist er\u2026? Na, das bring\u2018 ich nicht \u00fcbers Herz. Ich werde schon nach Europa kommen, so wie ich heute hier bin, aber die Verbindung mit dem Xingu abzubrechen, das bringe ich nicht \u00fcbers Herz. Wenn man einen 50 Jahre alten Baum verpflanzt, dann fallen bald einmal die Bl\u00e4tter ab, und dann stirbt er. Und das habe ich noch nicht im Sinn.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johannes Schie\u00dfl: Lieber Dom Erwin, Sie haben am Sonntag bei der Misereor-Fastenaktion der deutschen Katholiken mitgemacht, Sie waren gestern bei der deutschen Bischofskonferenz. Welchen Eindruck haben Sie von der deutschen Kirche, mal \u00fcber die P\u00fcnktlichkeit hinaus? &nbsp; Erwin Kr\u00e4utler: Es ist sicher eine lebendige Kirche, daran zweifle ich keinen Augenblick. 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