{"id":120693,"date":"2026-03-20T10:42:43","date_gmt":"2026-03-20T09:42:43","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=120693"},"modified":"2026-03-20T10:42:43","modified_gmt":"2026-03-20T09:42:43","slug":"jesus-christus","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/jesus-christus\/","title":{"rendered":"Jesus Christus"},"content":{"rendered":"<h3><strong> Die Frage nach dem historischen Jesus<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Thema der Veranstaltung \u201eBuddha und Jesus: Die Bedeutung der Stifterfigur\u201c bedarf zun\u00e4chst einer Korrektur. Denn hier werden zwei Ebenen vermischt. \u201eBuddha\u201c ist ein Ehrentitel oder ein Hoheitstitel, w\u00e4hrend \u201eJesus\u201c sich auf eine geschichtliche Gestalt bezieht. Wir m\u00fcssen also sagen: Gautama Siddhartha und Jesus oder Gautama Buddha und Jesus Christus. Fragen wir nach den Religionsgr\u00fcndern, dann steht der historische Aspekt im Vordergrund.<\/p>\n<p>Suchen wir nach dem historischen Jesus, folgen wir einer bestimmten Sichtweise. Es ist das neuzeitliche, aufgekl\u00e4rte Denken in Europa, das diese Frage hervorbrachte. Der Auftakt war Hermann Samuel Reimarus (1694-1768), ein Professor f\u00fcr orientalische Sprachen in Hamburg. Seine Aufzeichnungen wurden posthum von Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) herausgegeben und entfalteten eine breite Wirkung, die bis heute anh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Reimarus entwickelte die Grundlagen der historisch-kritischen Methode der Bibelauslegung, die bis heute einen breiten Raum in der Exegese alt- und neutestamentlicher Schriften einnimmt. Der Historismus des 19. Jahrhunderts stellt eigentlich dieselben Forderungen f\u00fcr die Geschichtsschreibung auf. Es geht darum, Geschichtsschreibung nicht auf vage Konzepte, sondern auf gesicherte Quellen zu gr\u00fcnden. Wenn wir das auf Jesus \u00fcbertragen, stellen sich die Fragen: Was sind tats\u00e4chlich historische Nachrichten und was hat die \u00dcberlieferung zwischen den unmittelbaren Zeitgenossen und den Hagiographen des NT ver\u00e4ndert? Was haben Glaube und Tradition neu interpretiert? Vom historischen Jesus unterscheiden wir dann den Christus des Glaubens. Mit \u201eJesus Christus\u201c ist schon ein Glaubensbekenntnis ausgesprochen, weil es den \u201evor\u00f6sterlichen\u201c Jesus mit dem Auferstandenen verbindet und in dem Hoheitstitel \u201eChristus\u201c, \u201eder Gesalbte\u201c, zum Ausdruck bringt.<\/p>\n<p>Was wir von diesem Jesus, der der Christus genannt wird, historisch gesichert wissen, ist recht wenig. Die einzige Quelle, die deutlich mehr als seine Existenz verr\u00e4t, ist das NT. Da es sich um eine geschlossene Einheit handelt und manche Autoren auch noch voneinander abh\u00e4ngig sind, ist der historische Wert gering. Wir haben im NT Glaubenszeugnisse vor uns und die Verk\u00fcndigung Jesu Christi (<em>genitivus subiectivus<\/em> and <em>genitivus obiectivus<\/em>).<\/p>\n<p>Walter Kasper fasst die Problemlage in seinem Werk \u201eJesus der Christus\u201c kurz und pr\u00e4gnant zusammen: Die einzige Spur Jesu ist der Glaube seiner J\u00fcnger. Und im Zeugnis dieser J\u00fcnger sind der vor\u00f6sterliche und der nach\u00f6sterliche Jesus Christus nicht zu trennen. Die Erz\u00e4hlungen im NT gelten dem nach\u00f6sterlichen, in dem die J\u00fcnger den vor\u00f6sterlichen wiedererkannten. Ihnen ging es nicht um eine exakte Biographie im Sinne exakter historischer Forschung. Ihnen ging es um Verk\u00fcndigung des Glaubens. Was sie erfahren hatten, wollten sie weitergeben. Und diese Erfahrung endete nicht mit dem Tod ihres Meisters. Vielmehr gewann sie durch das, was sie danach erlebten, eine tiefere Bedeutung. Das G\u00f6ttliche zog sich nicht einfach wieder zur\u00fcck in seinen Bereich. Es offenbarte sich und blieb in der Welt.<\/p>\n<p>In den Evangelien erfahren wir vom Leben Jesu wenig. Ein \u201etheologischer\u201c Stammbaum bei Mt, eine Kindheitsgeschichte bei Lk, dann eine L\u00fccke von 20 Jahren, wenige Jahre seiner Verk\u00fcndigung und dann eine Anklage, Verurteilung, Leidensweg und Tod. Die neutestamentlichen und au\u00dferbiblischen Quellen lassen uns seine Lebensdaten rekonstruieren: Das Geburtsjahr liegt wahrscheinlich in den letzten Jahren der Regierung des Herodes, also vor dem Fr\u00fchjahr 4 v. Chr. und sein Sterben wahrscheinlich 30 n. Chr. Dass wir so wenige Daten haben, mag entt\u00e4uschen. Aber selbst wenn wir genaueste Aufzeichnungen \u00fcber sein Leben h\u00e4tten oder sogar Videoaufnahmen, w\u00fcrde das nichts an seiner Botschaft \u00e4ndern. Und die ist uns \u00fcberliefert. Die Texte, die wir im NT haben, sprechen den Leser beziehungsweise H\u00f6rer an. Sie fordern ihn heraus, stellen ihn in Frage. Genau das tat Jesus nach den Berichten der Evangelien mit seinen Zeitgenossen. Und er tut es mit uns.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Jesus, der Christus<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit Jesus bezeichnen wir den historischen Jesus, der in Israel gelebt und gewirkt hat. \u201eChristus\u201c, griechisch \u201echristos\u201c, bedeutet der \u201eGesalbte\u201c, der \u201eMessias\u201c. Es ist ein Hoheitstitel, der Jesus verliehen wurde, obwohl er nach den Berichten im NT nie zum K\u00f6nig oder Propheten gesalbt wurde. Er wird vielmehr von Johannes dem T\u00e4ufer getauft. Warum wird er der \u201eGesalbte\u201c genannt? Weil die ersten \u201eChristen\u201c, die durchweg Juden waren, die Erfahrungen mit Jesus aus ihrer Tradition heraus interpretierten. Und dort war der Messias verhei\u00dfen.<\/p>\n<p>Zwar spielt im Tanach (der heiligen Schrift der Juden, die nur im hebr\u00e4ischen Anteil mit unserem AT \u00fcbereinstimmt; um Redundanzen zu vermeiden, spreche ich im Folgenden vereinfachend vom AT) der Messias-Gedanke eine wichtige Rolle, aber er steht nicht so im Mittelpunkt, wie es das NT vermuten lassen k\u00f6nnte. Es gab zu allen Zeiten Messias-Pr\u00e4tendenten, so auch zur Zeit Jesu und danach. Der Messias galt als von Gott \u201eBevollm\u00e4chtigter\u201c. Dass einer wirklich der Messias ist, muss er dadurch beweisen, dass er das alte Davidische Gro\u00dfreich wieder aufrichtet.<\/p>\n<p>Eine Neudeutung von Salbung finden wir zum Beispiel in Apg 10,38: \u201eWie Gott Jesus von Nazaret gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft\u201c. Das unterstreicht noch einmal die Bevollm\u00e4chtigung und Autorit\u00e4t Jesu Christi.<\/p>\n<p>Was die J\u00fcnger erlebt haben, das sahen sie nach Jesu Tod und Auferstehung durch eine andere Brille. Vieles erschloss sich ihnen erst im R\u00fcckblick. Das steckt in Redewendungen wie \u201emusste der Messias nicht\u201c (Lk 24,26). Und diesen R\u00fcckblick bew\u00e4ltigten sie nur, indem sie auf ihre heilige Schrift zur\u00fcckgriffen und ihre Erfahrungen mit Jesus auf diesem Hintergrund interpretierten. Das lag nahe, denn diese Heilige Schrift war auch die Heilige Schrift Jesu von Nazareth, die er zitierte. Von ihrer Botschaft sagte er, dass er sie nicht aufheben wolle, sondern vollenden.<\/p>\n<p>Die Hoffnung, dass Jesus sich als der Messias erweisen w\u00fcrde, wurde zunichte. Er wurde verurteilt und starb den schmachvollen Tod am Kreuz. Damit war eigentlich erwiesen, dass er nicht der erwartete Messias war. Trotzdem blieb der Eindruck seiner J\u00fcnger so stark, dass sie ihn nur als Messias beziehungsweise Christos, den \u201eGesalbten\u201c, bezeichnen konnten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Geschichtsdenken<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Messias-Gedanken selbst steckt ein geschichtliches Moment. Mit dem Kommen des Messias beginnt ein neues Zeitalter. Die Frage nach der Geschichte und dem Sinn der Geschichte schl\u00e4gt eine Br\u00fccke zwischen AT und NT. Die sich entwickelnde christliche Theologie entfaltete bald den Gedanken, dass mit dem Kommen Jesu ein weltgeschichtlich bedeutsames Ereignis eingetreten ist. Sie f\u00fchrt damit ein Denken, das sie vom Judentum \u00fcbernommen hat, weiter und dehnt es aus.<\/p>\n<p>Die Juden beziehungsweise Israeliten dachten immer schon \u201egeschichtlich\u201c, wenn auch in einem anderen Sinne als wir heute. Geschichte bedeutete f\u00fcr die alten Israeliten das Wirken Gottes in der Welt. Dieser Gott ist im AT als ein dialogischer Gott beschrieben, der mit den Menschen, genauer mit seinem erw\u00e4hlten Volk, in Kontakt tritt, einen Bund mit ihm schlie\u00dft. Sein Wirken zeigt sich in der Geschichte des Volkes Israel, das zusammen mit Jahwe Geschichte gestaltet. Die Propheten treten auf als Mahner, Rufer zur Umkehr, wenn das Volk seinen Bund mit Gott vergisst oder missachtet.<\/p>\n<p>Der Beginn dieser Geschichte ist die Sch\u00f6pfung, wie sie im AT gleich zweimal erz\u00e4hlt wird, Gen 1 und 2. Das erste Ziel dieser Geschichte ist das gelobte Land, zu dem Mose das Volk f\u00fchrt. Dieses Land erreicht unter David seine gr\u00f6\u00dfte Ausdehnung als politisches Reich. Nach der Zerst\u00f6rung des ersten Tempels und im babylonischen Exil wird dieses Land ein zweites Mal Ziel der Geschichte des Volkes.<\/p>\n<p>Der Gedanke, dass ein neues Zeitalter anbricht, passt in dieses Geschichtsdenken. Wir finden ihn im NT wieder. Schon Johannes der T\u00e4ufer mahnt zur Umkehr, weil mit dem neuen Zeitalter ein Entscheidung verbunden ist: \u201eKehrt um! Denn das K\u00f6nigreich der Himmel ist nahe.\u201c (Mt 3,2). Einzig diese Umkehr l\u00e4sst im kommenden Gericht \u00fcberleben. Johannes dem T\u00e4ufer: \u201eSchon ist die Axt an die Wurzel der B\u00e4ume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.\u201c (Mt 3,10 par. Lk 3,9) Jesus \u00fcbernimmt diesen Ruf zur Umkehr des Johannes w\u00f6rtlich: \u201eKehrt um! Denn das K\u00f6nigreich der Himmel ist nahe.\u201c (Mt 4,17) Die Bedeutung dieses K\u00f6nigreichs wird im NT nirgends erkl\u00e4rt. Es muss also f\u00fcr die Zeitgenossen Jesu eine bekannte Gr\u00f6\u00dfe gewesen sein.<\/p>\n<p>Es ist eine entscheidende Wendung in der Geschichte, die hier aufleuchtet. Im \u00e4ltesten Text des NT, dem ersten Thessalonicherbrief (1 Thess 4,13-18) geht Paulus noch einen Schritt weiter: Er beschreibt eine \u201eApokalypse\u201c, die das Ende der Geschichte bedeutet. Gerettet werden nach Paulus die, die \u201ein Christus\u201c sind. Es wird deutlich: Das Kommen Jesu Christi und seine erwartete Wiederkunft werden verbunden mit dem Ende der Geschichte. Anfang und Ende der Sch\u00f6pfung korrespondieren. Paulus erweitert diesen Gedanken in 2 Kor 5,17: \u201eWenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Sch\u00f6pfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.\u201c Ende der Geschichte und ein neuer Anfang fallen dann zusammen \u2013 mit der Einschr\u00e4nkung, dass nicht alle gerettet werden.<\/p>\n<p>Paulus und die fr\u00fchen Christen lebten in der Gewissheit, dass sie das Ende der Geschichte, die Wiederkunft Christi miterleben w\u00fcrden, es also unmittelbar bevorstehe. Nachdem diese Wiederkunft ausblieb, fand ein Umdenken statt. Die \u201eeschata\u201c, die letzten Dinge, wurden nach wie vor den \u201eprota\u201c, den ersten Dingen, das hei\u00dft der Sch\u00f6pfung, gegen\u00fcbergestellt. Aber die \u201eletzten Dinge\u201c wurden in eine unbestimmte Zukunft hinaus verlegt als \u201eletzter Tag\u201c, an dem das Endgericht stattfinde. Dieser letzte Tag wurde und wird heute noch verstanden als das Ende der Weltgeschichte.<\/p>\n<p>Wir sehen hier eine entscheidende \u00c4nderung dem j\u00fcdischen Denken gegen\u00fcber: Es geht nicht mehr nur um das auserw\u00e4hlte Volk, sondern um die Welt insgesamt. Ein \u00e4hnlicher Gedanke taucht in der Sintfluterz\u00e4hlung auf. Der entscheidende Wendepunkt in dieser Weltgeschichte ist das Kommen Jesu Christi, in dem Gott Mensch geworden ist. Durch seine Menschwerdung und sein Leiden hat Jesus Christus die alte Schuld Adams getilgt und dem Menschen, das meint aus christlicher Sicht allen Menschen, den Weg zum Heil erst wieder er\u00f6ffnet. Am Ende der Zeiten wird Christus wiederkommen als der Weltenrichter. Das Johannesevangelium geht einen Schritt weiter: Der Prolog spricht in Ankn\u00fcpfung an Gen 1 von der Sch\u00f6pfung durch den \u201elogos\u201c, das \u201eWort\u201c, das jetzt mit Jesus Christus identifiziert wird. Christus ist also der Sch\u00f6pfungsmittler am Anfang der Weltgeschichte.<\/p>\n<p>Mit diesen Gedanken haben wir in mehrfacher Hinsicht weit \u00fcber den historischen Jesus hinausgegriffen. Es ist hier nicht nur von Jesus die Rede, sondern von \u201eJesus Christus\u201c oder \u201eJesus, dem Christus\u201c. Der Messias-Pr\u00e4tendent Jesus ist gescheitert, was kulminiert in den letzten Worten Jesu am Kreuz: \u201eMein Gott, warum hast Du mich verlassen?\u201c (Mk 15,34, Mt 27,46 \u2013 Lk 23,46 berichtet es anders: \u201eVater, in deine H\u00e4nde lege ich meinen Geist.\u201c)<\/p>\n<p>Durch die Auferstehung und die Erscheinungen des Auferstandenen l\u00f6st sich dieses Dilemma. Aber Leiden und Tod Jesu bleiben ein zentrales Thema, das eine Erkl\u00e4rung fordert. Die Erkl\u00e4rung geschieht wieder im R\u00fcckgriff auf das AT. Es ist ein stellvertretendes Leiden, das die S\u00fcnden der Menschen auf sich nimmt. Um das zu tun, muss der Messias selbst s\u00fcndenfrei sein und dieses Leiden freiwillig auf sich nehmen.<\/p>\n<p>Mit der Auferstehung h\u00e4ngt auch die Geistaussendung zusammen: In der Apostelgeschichte kommt der Geist, besser das \u201epneuma\u201c, auf die J\u00fcnger herab, nachdem Jesus vor ihren Augen in den Himmel erhoben wurde. Dieser Geist, und zwar der Heilige Geist, das \u201epneuma hagion\u201c, erweist sich in der Apostelgeschichte als das Merkmal daf\u00fcr, dass einer kein Zauberer oder Scharlatan ist. Der Geist kommt durch Handauflegung durch die Apostel (Apg 8,17) auf einen Menschen herab oder durch das Gebet der Gemeinde (Apg 4,31), durch das H\u00f6ren des Wortes der Apostel (Apg 10,44). Und Gott hat ihn allen verliehen, die ihm gehorchen (Apg 5,32).<\/p>\n<p>Was hier berichtet wird, sind nach\u00f6sterliche Erfahrungen. Aber sie werden gesehen im Licht des Jesus von Nazareth und seiner \u201evor\u00f6sterlichen\u201c Botschaft. Was war diese?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die Lehre von Jesus, dem Christus<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn wir an die Reden Jesu denken, fallen zun\u00e4chst die Gleichnisse auf. Wir finden auch prophetische Worte, Mahnreden und dergleichen mehr. Man kann sich fragen, warum er Gleichnisse verwendet und nicht deutlich sagt, was er meint. Auf der einen Seite regen die Gleichnisse zum Nachdenken an, andererseits versto\u00dfen sie gegen das, was wir erwarten und f\u00fcr vern\u00fcnftig halten. Beispielsweise die gleichm\u00e4\u00dfige Entlohnung der Arbeiter, ob sie nun eine Stunde oder einen ganzen Tag gearbeitet haben. Sollen wir also besser den Verstand ausschalten, um die Gleichnisse zu verstehen?<\/p>\n<p>Verstandesm\u00e4\u00dfiges Verstehen ist nicht ausgeschlossen. Der Verstand ist herausgefordert, muss aber am Ende seine Beschr\u00e4nktheit anerkennen. Es geht in erster Linie darum, das Ideal im Leben anzustreben, das Jesus uns vorgelebt hat. Damit ist nicht die Kreuzesnachfolge allein gemeint, sondern das Leben Jesu davor und danach. Gottes- und N\u00e4chstenliebe sind das Ziel. Wer der N\u00e4chste ist, sagt Jesus nicht. Es kann jeder sein. Also l\u00e4uft es darauf hinaus: \u201eLiebe die ganze Menschheit wie dich selbst.\u201c Folgen wir der Enzyklika Laudato s\u00ed von Papst Franziskus, so sind auch alle Tiere und Pflanzen einbezogen!<\/p>\n<p>Die grunds\u00e4tzliche Botschaft Jesu ist das Gebot der Gottes- und der N\u00e4chstenliebe. Das AT formulierte es schon vor: \u201eDarum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben und dein Leben lang auf seine Dienstordnung, auf seine Gesetze, Rechtsvorschriften und Gebote achten\u201c (Dtn 11,1; vgl. Dtn 6,5). Dieses Grundwort erh\u00e4lt noch eine Vertiefung, Erl\u00e4uterung. Jesus nimmt es auf und modifiziert einen wesentlichen Aspekt. Es geht ihm nicht um die skrupul\u00f6se Befolgung von 624 Geboten und Verboten, wie sie in der Thora stehen, sondern er fasst diese Ge- und Verbote zusammen: \u201eAlles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten\u201c (Mt 7,12). Das Gesetz und die Propheten behalten ihre Bedeutung: \u201eDenkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erf\u00fcllen\u201c (Mt 5,17). Jesus sieht keinen Bruch zwischen seiner Lehre und der Tradition. \u201eDu sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen N\u00e4chsten sollst du lieben wie dich selbst\u201c (Lk 10,26). Das Gebot der N\u00e4chstenliebe gilt uneingeschr\u00e4nkt. Deshalb muss es auch in der Begegnung mit anderen Religionen Anwendung finden. Die Bergpredigt ist sozusagen die Langfassung dieser Formel.<\/p>\n<p>Der Glaube ist das Zweite der zentralen Inhalte der Botschaft Jesu. Bei vielen Heilungen sagt Jesus: \u201eDein Glaube hat dir geholfen.\u201c Der Glaube, der nur so gro\u00df ist wie ein Senfkorn, kann Berge versetzen.<\/p>\n<p>Mit der Botschaft Jesu scheinen Zeichen und Wunder innig verbunden zu sein. Doch das Entscheidende an seiner Botschaft sind sie nicht. Die Zuh\u00f6rer Jesu sp\u00fcrten, dass hier einer mit einem besonderen Hintergrund spricht \u2013 oder anders ausgedr\u00fcckt: in g\u00f6ttlicher Vollmacht. Die einen sind beeindruckt, ja \u00fcberw\u00e4ltigt, von dieser \u201eexusia\u201c. In Lk 4,32 hei\u00dft es: \u201eSie waren sehr betroffen von seiner Lehre, denn er redete mit (g\u00f6ttlicher) Vollmacht.\u201c Die anderen, seine Gegner, fordern gerade einen Beweis f\u00fcr diese Vollmacht: \u201eWelches Zeichen tust du, damit wir es sehen und glauben?\u201c (Joh 6,30).<\/p>\n<p>Die Wunder Jesu sind Zeichen seiner \u201eexusia\u201c, seiner Bevollm\u00e4chtigung durch Gott. Das Johannesevangelium spricht von den Wundern als \u201eZeichen\u201c, \u201esemeia\u201c. Die Zeichen f\u00fchren viele zum Glauben an ihn und doch d\u00fcrfen die Wunder nicht der Grund zum Glauben bleiben: \u201eWenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, glaubt ihr nicht\u201c (Joh 4,48).<\/p>\n<p>Wunder als Zeichen haben Verweischarakter, sie deuten von sich weg auf etwas anderes hin. Viele aber \u2013 Juden und Heiden \u2013 bleiben beim Vordergr\u00fcndigen stehen: Sie wollen zum Beispiel das Brot der Brotvermehrung immer, damit sie nicht mehr selbst Brot backen m\u00fcssen. Dabei \u00fcbersehen, \u00fcberh\u00f6ren sie Jesu Wort, das er das Brot des Lebens ist (Joh 6). Es geht also nicht um die Wundertaten selbst, sondern um die transzendente Wirklichkeit, die sich darin kundtut.<\/p>\n<p>Der Verweischarakter gilt letztlich auch f\u00fcr Tod und Auferstehung Jesu Christi. Tod und Auferstehung geh\u00f6ren zu der \u201eVerk\u00fcndigung\u201c in dem Sinne, als die J\u00fcnger den historischen Jesus danach durch die Brille des Gekreuzigten und Auferstandenen sahen. Zum anderen verwirklichte Jesus in der Annahme des Leidens und Sterbens seine Lehre durch die Tat.<\/p>\n<p>Sowohl Lehre als auch Tod und Auferstehung Jesu weisen \u00fcber ihn hinaus. Die Wirklichkeit jenseits der Wunder ist Gott selbst. Ihn spricht Jesus als \u201eVater\u201c an. Er sieht sich nicht nur als dessen Bote, sondern als Sohn. Seinen Willen verwirklicht Jesus. Mit diesem Vater wei\u00df er sich eins.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Verstehen der Botschaft Jesu?<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So einfach auf der einen Seite die Botschaft Jesu ist, so schwer ist sie auf der anderen Seite zu verstehen. Sogar die J\u00fcnger scheitern: an den Gleichnisreden, den Wundern, selbst an der Verkl\u00e4rung Jesu am Tabor. Wer Jesus ist, wissen scheinbar zun\u00e4chst nur die D\u00e4monen.<\/p>\n<p>L\u00e4sst sich die Botschaft Jesu verstehen? Rein verstandesm\u00e4\u00dfig nicht. Sie st\u00f6\u00dft uns immer wieder vor den Kopf. Deswegen m\u00fcssen wir einen anderen Zugang finden. Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung w\u00e4re die These von Rudolf Bultmann, einem evangelischen Theologen und einem der wichtigsten Exegeten des 20. Jahrhunderts. Er interpretierte es so, dass Jesus die Menschen, die ihm begegneten (und das geschieht nach dem katholischen Exegeten Alois Stimpfle jetzt in der Begegnung mit dem Text des Evangeliums), in die \u201ekrisis\u201c f\u00fchrte \u2013 das hei\u00dft: vor die Entscheidung stellte. Sie mussten Stellung beziehen, mussten sich entscheiden: f\u00fcr oder gegen den Offenbarer. Es ist eine \u201epr\u00e4sentische Eschatologie\u201c: Das Endgericht findet hier und jetzt statt.<\/p>\n<p>Aber die Entscheidung ist \u2013 wenn wir es genauer betrachten \u2013 erst der erste Schritt. Damit ist zun\u00e4chst nur ein grunds\u00e4tzlicher Neuanfang gemacht. Daran muss sich das \u201eUmdenken\u201c, die \u201emetanoia\u201c anschlie\u00dfen. Und beides, Entscheidung und Umdenken, gen\u00fcgen nicht nur einmal. Wir sind immer von neuem dazu aufgefordert. Die Entscheidung ist also nicht ein Ersatz f\u00fcr das Denken.<\/p>\n<p>Wir sollen das Denken nicht ausschalten! Sondern wir m\u00fcssen \u2013 wie Platon schon forderte \u2013 uns \u201eRechenschaft geben\u201c \u00fcber das, was wir denken. Denn in der Regel handeln wir aus irgendwelchen \u00dcberlegungen heraus. Das k\u00f6nnen auch Emotionen sein, Gef\u00fchle oder Neigungen. Wir sollen uns klar machen, welche Motive und Ziele wir verfolgen. Denn diese sind die Basis f\u00fcr unsere Entscheidungen. Und diese Motive und Ziele gilt es als Erstes zu korrigieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>\u00dcberforderung<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit der Frage, ob wir das leben, wozu Jesu Botschaft uns auffordert, sind die meisten von uns blo\u00dfgestellt. Wir sind gnadenlos \u00fcberfordert. Wer zum Beispiel verkauft schon seinen ganzen Besitz und gibt den Erl\u00f6s den Armen? Franziskus von Assisi war einer, der das radikal umgesetzt hat. Er hat bewiesen, dass es m\u00f6glich ist. Aber k\u00f6nnen oder sollen wir alle so leben wie Franziskus? Die meisten von uns w\u00fcrden dankend ablehnen.<\/p>\n<p>Wenn es aber scheinbar nicht lebbar ist, was geht es uns dann \u00fcberhaupt an? D\u00fcrfen wir die Botschaft so zurechtschleifen, dass sie uns nicht mehr \u00fcberfordert? Ich glaube nicht. Aber was dann? \u201eMetanoeite!\u201c \u2013 \u201eDenkt um!\u201c Diese Aufforderung meint unsere Gedanken und unsere innere Haltung. Paulus in der Einleitung zum Philipper-Hymnus spricht in eine ganz \u00e4hnliche Richtung: \u201eSeid so gesinnt, wie (es sich f\u00fcr ein Leben) in Christus (geh\u00f6rt)\u201c (Phil 2,5).<\/p>\n<p>Was als \u00dcberforderung erscheint, k\u00f6nnte man als Zielvorgabe lesen. Dann l\u00e4ge darin die Aufforderung, uns zu diesem hohen Ziel weiterzuentwickeln. Dann m\u00fcssen wir uns dieser \u00dcberforderung immer wieder stellen, immer wieder unsere Schw\u00e4che eingestehen, und immer wieder versuchen, dem Ziel einen Schritt n\u00e4her zu kommen. Dann ist die Botschaft Jesu nicht eine \u00dcberforderung, die man am besten ignoriert, sondern eine Orientierung, die uns hilft, indem wir uns je neu daran ausrichten. Es muss sich etwas mit uns ereignen. Wir m\u00fcssen uns ver\u00e4ndern und diese Ver\u00e4nderung auch bewusst wahrnehmen. Oder anders gesagt: Wir m\u00fcssen Erfahrungen machen und daraus leben.<\/p>\n<p>Diese Aufforderung k\u00f6nnen wir bedenken, theologisch erforschen, aber eigentlich m\u00fcssen wir sie in die Tat umsetzen. Deswegen entzieht sich dieser Jesus auch als historische Person unserem Zugriff. Es geht nicht um historische Fakten. Die sind auch interessant und geh\u00f6ren zu unseren Ann\u00e4herungsversuchen. Aber dahinter, dar\u00fcber geht es um das Verwirklichen dieser Botschaft im Leben. \u201eWer mein J\u00fcnger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach\u201c (Mt 16,24; Mk 8,34; Lk 9,23).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Erfahrung<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erfahrung scheint mir der Schl\u00fcssel zu den Texten des NT zu sein. Intellektuell sind wir angesichts dieser Texte am Ende. Die Gleichnisse lassen sich nicht \u201everstehen\u201c. Oft sind sie paradox: \u201eLasst alles wachsen bis zur Ernte.\u201c Das bedeutet: Noch mehr Unkraut verbreiten. Versuchen wir, die Wunder zu verstehen, so entziehen sie sich unserem naturwissenschaftlich gepr\u00e4gten Denken.<\/p>\n<p>Die Texte des NT erschlie\u00dfen sich nur, wenn wir sie mit Erfahrung f\u00fcllen, wenn wir eine Erfahrung damit verbinden k\u00f6nnen, die wir selbst gemacht haben. Wir sind also auf uns selbst verwiesen, jeder und jede f\u00fcr sich. Erfahrung kann man nur selbst machen. Sie ist nicht eigentlich mitteilbar. Dies gelingt nur auf Umwegen, vornehmlich in Form einer Erz\u00e4hlung oder in Form von Gleichnissen.<\/p>\n<p>Die Evangelien vermitteln scheinbar nur Jesu Botschaft, nicht ihn. Es ist, als tr\u00e4te Jesus hinter seiner Botschaft zur\u00fcck, als lie\u00dfe er einen anderen durch sich sprechen. Und doch scheint gerade im Johannesevangelium der Offenbarer nicht von der Offenbarung zu trennen zu sein. Offenbarung und Offenbarer sind eins. Deswegen begegnen wir in dem Text auch Jesus selbst. Umso wichtiger ist es, auf die Botschaft zu h\u00f6ren und zu versuchen, sie in unserem Leben umzusetzen.<\/p>\n<p>Lassen wir uns darauf ein, so machen wir Erfahrungen. Oder wir finden unsere Erfahrungen in den Texten wieder. Erfahrung ist der einzige Zugang zu einem Verst\u00e4ndnis dieser Texte. Als Beleg m\u00f6ge ein Hinweis auf das Mk- und Joh-Evangelium gen\u00fcgen. In ihnen versteht keiner die Botschaft, weder die Zuh\u00f6rer, auch die, die die Wunder erlebt haben, noch die J\u00fcnger, die ja noch einmal nachfragen und Erkl\u00e4rungen bekommen. Verstehen als Verstandesleistung ist also zun\u00e4chst zur\u00fcckgewiesen. Es bleibt nur das \u201eVerstehen\u201c aus eigener Erfahrung.<\/p>\n<p>Erfahrung kann, muss aber nicht positive, sch\u00f6ne Erfahrung sein. Zu dem weiten Feld der Erfahrungen geh\u00f6ren auch Erfahrungen von Leid, Krankheit und Tod. Und davon hat das NT wie das AT genug zu berichten. Es ist nicht nur eine sch\u00f6ne Welt, die hier gezeichnet wird. Trotzdem geht es um eine besondere Erfahrung, n\u00e4mlich um eine Gotteserfahrung. Und die muss im Letzten positiv, erf\u00fcllend sein.<\/p>\n<p>Eine Best\u00e4tigung f\u00fcr diesen Interpretationsansatz finden wir bei Karl Rahner. Er formuliert den Gedanken etwas anders, als eine Aufforderung an die Christen: \u201eDer Fromme von morgen wird ein \u201eMystiker\u201c sein, einer der etwas \u201eerfahren\u201c hat, oder er wird nicht mehr sein.\u201c Dies gilt nicht nur f\u00fcr besonders begabte oder au\u00dfergew\u00f6hnliche Menschen, sondern f\u00fcr alle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Entscheidendes Kriterium<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen als Christen von heute nicht zum Urchristentum zur\u00fcckkehren. Wir haben nicht nur die Heilige Schrift, wir leben auch aus einer Tradition. Wenn wir zur\u00fcckschauen, tun wir das immer durch die Brille(n) dieser Tradition. Das d\u00fcrfen wir nie vergessen. Das entscheidende Kriterium aber ist und bleibt das NT und das AT. Letztlich haben wir uns immer wieder an diesen zu orientieren und auszurichten. Die Tradition hilft uns, diese Texte zu verstehen, gibt uns Verstehensmuster vor.<\/p>\n<p>Philosophisch gesehen ist Verstehen ein Prozess, der als Denkakt nicht abschlie\u00dfbar und endg\u00fcltig ist. Auch hier bleiben Glauben und Denken aufeinander angewiesen. Und beide leben aus den Erfahrungen, die wir machen, und f\u00fchren zu neuen, tieferen Erfahrungen. Das Ziel ist, die Erfahrung, und hier ist die Gotteserfahrung gemeint, so zu vertiefen, dass sie das ganze Leben durchwirkt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frage nach dem historischen Jesus &nbsp; Das Thema der Veranstaltung \u201eBuddha und Jesus: Die Bedeutung der Stifterfigur\u201c bedarf zun\u00e4chst einer Korrektur. Denn hier werden zwei Ebenen vermischt. \u201eBuddha\u201c ist ein Ehrentitel oder ein Hoheitstitel, w\u00e4hrend \u201eJesus\u201c sich auf eine geschichtliche Gestalt bezieht. 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