{"id":120700,"date":"2026-03-20T11:00:44","date_gmt":"2026-03-20T10:00:44","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=120700"},"modified":"2026-03-20T11:01:38","modified_gmt":"2026-03-20T10:01:38","slug":"wohin-gehen-die-pflegeberufe-zur-aktuellen-und-zukuenftigen-gesetzeslage","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/wohin-gehen-die-pflegeberufe-zur-aktuellen-und-zukuenftigen-gesetzeslage\/","title":{"rendered":"Wohin gehen die Pflegeberufe?"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Katholische Akademie Bayern und das SZ-Forum haben uns heute Abend eine brandaktuelle Frage in den Raum gestellt: Wer soll uns pflegen? Auf dem Einladungsflyer stimmen uns eindrucksvolle Zahlen auf das Thema ein: 2030 werden voraussichtlich 3,5 Millionen Menschen in Deutschland pflegebed\u00fcrftig sein. Einer Umfrage im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums zufolge w\u00fcrden sich rund ein Viertel der Deutschen von einem Roboter pflegen lassen. Eine enorme Zahl.<\/p>\n<p>Aber was ist mit den anderen Drei Vierteln? Die Familien alleine werden diese Aufgabe nicht stemmen k\u00f6nnen. Es braucht gut ausgebildete Fachkr\u00e4fte. Dieser Aufgabe m\u00fcssen wir uns alle stellen. Es handelt sich um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Politik bedeutet das vor allem: Der Pflegeberuf muss attraktiver werden, damit junge Menschen sich daf\u00fcr entscheiden, die Ausbildung muss Nachwuchskr\u00e4fte in Theorie und Praxis hinreichend auf die zuk\u00fcnftige Aufgabe vorbereiten und schlie\u00dflich muss das Berufsbild ie Besch\u00e4ftigten auf Dauer zufrieden stellen. Sonst werden sie ihrem Beruf wieder den R\u00fccken kehren.<\/p>\n<p>Deshalb die Idee, die Pflegeausbildung im Sinne einer generalistischen Ausbildung von Grund auf zu reformieren und die Zukunft der Pflege flexibler zu gestalten. So steht es im Koalitionsvertrag des Bundes \u2013 doch eins nach dem anderen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Wo kommen wir her? Derzeit haben wir drei Pflegeberufe: Krankenpflege, Kinderkrankenpflege und Altenpflege. Sie sind in zwei unterschiedlichen Gesetzen geregelt, dem Krankenpflegegesetz und dem Altenpflegegesetz.<\/p>\n<p>In Bayern haben wir im letzten Schuljahr insgesamt mehr als 18.000 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler in den Pflegeberufen ausgebildet, davon 9.573 in der Krankenpflege, 1.229 in der Kinderkrankenpflege und 7.641 in der Altenpflege. Alle drei Berufe umfassen eine dreij\u00e4hrige Ausbildung mit theoretischem und praktischem Unterricht und einer praktische Ausbildung von 2.500 Stunden. Alle drei Ausbildungsg\u00e4nge schlie\u00dfen mit einer staatlichen Pr\u00fcfung ab.<\/p>\n<p>Derzeit gibt es in Bayern 103 Kranken- und 25 Kinderkrankenpflegeschulen und 86 Altenpflegeschulen.<\/p>\n<p>Wo wollen wir hin? Die Antwort liefert das Stichwort Generalistik. Entsprechend soll ein Pflegeberufsgesetz verabschiedet werden, das ein einheitliches Berufsbild etabliert. Es soll eine gemeinsame Ausbildung mit Schwerpunktbildung f\u00fcr die Kranken- und Kinderkranken- und die Altenpflege stattfinden. Es soll ein Profil entstehen, das grunds\u00e4tzlich zur Pflege und Betreuung aller Altersgruppen bef\u00e4higt. Neben den generalistischen Ausbildungsinhalten wird es aber auch zuk\u00fcnftig eine Spezialisierung f\u00fcr einen Pflegebereich geben. Die Spezialisierung soll innerhalb der dreij\u00e4hrigen Ausbildung durch entsprechende Vertiefungseins\u00e4tze erfolgen.<\/p>\n<p>Meiner Meinung ist der Schritt hin zur Generalistik der absolut richtige und erforderliche Schritt in die Zukunft. Wir sind uns jedoch bewusst: Das Pflegeberufsgesetz und seine Umsetzung sind alles andere als trivial.<\/p>\n<p>Die Alten- und Krankenpflegeschulen m\u00fcssen sich neu strukturieren und Kooperationen mit Einrichtungen aus allen Bereichen der Pflege eingehen, um den Anforderungen einer generalistischen Ausbildung gerecht werden zu k\u00f6nnen. Das wird eine Herausforderung, der sich die Pflegeschulen stellen m\u00fcssen und auch k\u00f6nnen. Das zeigt der seit 2010 laufende Schulversuch zur Generalistik, der auch an bayerischen Altenpflegeschulen stattfindet.<\/p>\n<p>Und die Einrichtungstr\u00e4ger werden mehr gefordert sein als bisher, f\u00fcr angemessene Bezahlung, vern\u00fcnftige Arbeitszeiten und Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu sorgen. Denn: Den umfassend ausgebildeten Pflegefachkr\u00e4ften steht grunds\u00e4tzlich jeder Bereich der Pflege als Einsatzm\u00f6glichkeit offen.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung einer einheitlichen Ausbildung wird aber die Zusammenf\u00fchrung der bisher v\u00f6llig verschiedenen Finanzierungssysteme in der Kranken- und Altenpflege sein. Die Finanzierung soll nach den bisher bekannten \u00dcberlegungen der Bundesregierung zuk\u00fcnftig \u00fcber einen Ausgleichsfonds auf Landesebene nach bundeseinheitlichen Grunds\u00e4tzen erfolgen, wobei sich auch mehrere L\u00e4nder zusammenschlie\u00dfen k\u00f6nnen. Dabei werden alle derzeitigen Kostentr\u00e4ger der Pflegeberufeausbildungen \u2013 auf der Grundlage des Bundesdurchschnitts \u2013 entsprechend ihrem bisherigen Anteil an den gesamten Ausbildungskosten in den Fonds einzahlen.<\/p>\n<p>Bei allen Schwierigkeiten ist eines klar: Wir brauchen mehr Attraktivit\u00e4t f\u00fcr die Berufe in der Pflege! Und: Bei der Etablierung einer neuen und attraktiveren Pflegeausbildung, eines neuen attraktiveren Pflegeberufs kann nicht an den alten Gegebenheiten \u2013 ich m\u00f6chte fast sagen: Gewohnheiten \u2013 festgehalten werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt ein ganzes B\u00fcndel an Argumenten, die f\u00fcr die generalistische Pflegeausbildung, einen generalistischen Pflegeberuf sprechen: An der qualitativen Weiterentwicklung der Pflegeausbildung f\u00fchrt kein Weg vorbei, Stichwort Fachkr\u00e4ftemangel. Heutzutage erfordert der Berufsalltag in der Pflege eine \u00fcbergreifende Expertise.<\/p>\n<p>Im internationalen Vergleich sind Pflegeausbildungen mit generalistischem Profil au\u00dferdem schon g\u00e4ngige Praxis. Dabei erwerben die k\u00fcnftigen Auszubildenden ein umfassendes Kompetenzprofil, das die verschiedensten Einsatz- und Entwicklungsm\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnet. Dadurch kann die Berufszufriedenheit \u00fcber die ganze Laufbahn hinweg gesteigert werden.<\/p>\n<p>Das Berufsbild wird flexibler, breiter aufgestellt, durchl\u00e4ssiger, einheitlich, auch in der Wertigkeit. Au\u00dferdem steht der weiteren Spezialisierung im Anschluss an die Ausbildung nichts im Weg. Und die generalistische Ausbildung ist genauso gut in drei Jahren m\u00f6glich. Schulversuche haben das gezeigt. Denn: Ein Gro\u00dfteil der Inhalte ist heute schon identisch.<\/p>\n<p>Deshalb bef\u00fcrworten wir die Einf\u00fchrung der generalistischen Ausbildung. Dass alle drei Berufsbilder bei der inhaltlichen Ausgestaltung ad\u00e4quat ber\u00fccksichtigt werden, darauf schauen wir nat\u00fcrlich genau! Und auch die spezielle Bef\u00fcrchtung, der Altenpflegeberuf k\u00f6nne bei der Generalistik zu kurz kommen, ist uns bekannt. Allerdings: Mit der Generalistik kann die Altenpflege in der Wertigkeit mit der Krankenpflege gleichziehen und attraktiver werden. Das spezielle Fachwissen und die Praxiserfahrung der Altenpflege gehen nicht verloren, sondern sind umfassender eingebettet.<\/p>\n<p>Ich sehe auch nicht die Gefahr, dass alle Azubis danach grunds\u00e4tzlich lieber im Krankenhaus arbeiten wollen. Die Zahl der Auszubildenden in der Altenpflege ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Diese jungen Menschen haben sich bewusst f\u00fcr die Altenpflege entschieden. Es wird heute wie morgen jeder Auszubildende den Bereich w\u00e4hlen, der ihm am besten gef\u00e4llt. Im Gegensatz zur bisherigen Situation in der Altenpflege werden zuk\u00fcnftig ohnehin alle Einrichtungen an der Finanzierung der Ausbildung beteiligt sein. Die Belastung wird dadurch auf mehr Schultern verteilt.<\/p>\n<p>Auch das Argument, dass Hauptsch\u00fclern zuk\u00fcnftig der Einstieg in die Pflegeausbildung erschwert wird, ist so nicht richtig. Auch heute schon er\u00f6ffnet der Hauptschulabschluss in der Regel nur bei nachgewiesenen Zusatzqualifikationen den Zugang zur Altenpflegeausbildung. Daf\u00fcr k\u00f6nnen durch die M\u00f6glichkeit einer akademischen Pflegeausbildung zuk\u00fcnftig mehr Abiturientinnen und Abiturienten auf das Berufsbild aufmerksam gemacht werden. Im Hinblick auf die stetig komplexere wissenschaftliche Entwicklung im Gesundheitsbereich und der Medizin ist die Akademisierung eines (kleineren) Teils der Berufsangeh\u00f6rigen auch sinnvoll und notwendig. Es werden immer mehr Fachkr\u00e4fte ben\u00f6tigt, die wissenschaftlich fundierte Entscheidungen treffen, um Patienten ad\u00e4quat zu behandeln.<\/p>\n<p>Aus all den Gr\u00fcnden bin ich davon \u00fcberzeugt, dass die Altenpflege durch die Generalistik an Attraktivit\u00e4t gewinnen kann. Und das sollte sie tun.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Derweil unterst\u00fctzen wir in Bayern mit einem 5 Punkte-Plan die Ausbildung in der Altenpflege. Wir werben mit unserer HERZWERKER-Kampagne f\u00fcr mehr junge Menschen in Pflegeberufen, k\u00fcmmern uns um die Entb\u00fcrokratisierung der Pflegedokumentation, um eine fundierte Praxisanleitung und haben ein Projekt zum Stopp von Ausbildungsabbr\u00fcchen gestartet. Zu unserem Plan geh\u00f6rt auch ein konkretes Konzept f\u00fcr eine Ausbildungsumlage. Ende September hat sich die Arbeitsgruppe Ausbildung bereits mit konkreten Eckpunkten daf\u00fcr auseinandergesetzt. Mit Blick auf das Pflegeberufsgesetz versuchen wir hier, Reibungsverluste bestm\u00f6glich zu vermeiden.<\/p>\n<p>Ein modernes Berufsbild f\u00fcr selbstbewusste Pflegerinnen und Pfleger, das passt auch gut in unser bayerisches Konzept f\u00fcr eine Interessenvertretung f\u00fcr die Pflege. Eine repr\u00e4sentative Umfrage im Jahr 2013 unter den beruflich Pflegenden in Bayern hatte folgendes Ergebnis: 50 Prozent der Umfrageteilnehmer haben sich f\u00fcr die Errichtung einer Pflegekammer ausgesprochen, 34 Prozent dagegen und 16 Prozent haben keine eindeutige Aussage gemacht. 51 Prozent beziehungsweise 48 Prozent der befragten Pflegekr\u00e4fte unterst\u00fctzen zwar den Gedanken einer Berufsvertretung, lehnen aber eine Kammer mit Pflichtmitgliedschaft beziehungsweise eine Beitragspflicht ab.<\/p>\n<p>Im Jahr 2014 beriet eine Fach-Arbeitsgruppe m\u00f6gliche L\u00f6sungen f\u00fcr eine starke Berufs- und Interessenvertretung der Pflegenden. Externe Sachverst\u00e4ndige sowie Vertreter der Pflegeverb\u00e4nde und Einrichtungstr\u00e4ger waren mit dabei, konnten aber keinen Konsens finden.<\/p>\n<p>Staatsministerin Melanie Huml hat jetzt mit dem Modell f\u00fcr eine Interessenvertretung der Pflegenden einen weiteren Aufschlag gemacht. Kammerbef\u00fcrworter und Kammergegner k\u00f6nnen sich darin wiederfinden.<\/p>\n<p>Auch nach unserem Modell soll eine K\u00f6rperschaft des \u00f6ffentlichen Rechts entstehen. Pflegekr\u00e4fte und ihre Berufsverb\u00e4nde k\u00f6nnen darin freiwillig Mitglied werden \u2013 keine Pflichtmitgliedschaft, keine Pflichtbeitr\u00e4ge! Diese K\u00f6rperschaft erh\u00e4lt die gleiche Rechtsform wie die Heilberufekammern und wird auf gleicher Augenh\u00f6he agieren. Den beruflich Pflegenden in Bayern kann die K\u00f6rperschaft damit eine starke Stimme geben und selbstbewusst ihre Interessen gegen\u00fcber Politik und Gesellschaft vertreten. Sie soll Qualit\u00e4t in der Pflege weiter entwickeln und an Gesetzgebungsvorhaben mitwirken. Staatliche Vollzugsaufgaben, etwa im Bereich der Fort- und Weiterbildung, k\u00f6nnen auf die K\u00f6rperschaft \u00fcbertragen werden.<\/p>\n<p>Wir stellen uns die Organisation dieser Interessenvertretung so vor: An der Spitze steht ein ehrenamtliches Pr\u00e4sidium, das die K\u00f6rperschaft nach au\u00dfen vertritt. Eine Gesch\u00e4ftsstelle mit hauptamtlichen Mitarbeitern verwaltet sie. Die Mitglieder werden durch eine Vollversammlung repr\u00e4sentiert, die \u00fcber die grundlegenden Angelegenheiten der K\u00f6rperschaft<\/p>\n<p>beschlie\u00dft. \u00dcber einen Beirat k\u00f6nnten zus\u00e4tzlich Vertreter von Pflegeeinrichtungen in definierten Bereichen an Entscheidungen der K\u00f6rperschaft mitwirken, wenn sie die Interessen der Einrichtungen essenziell tangieren. Der Beirat ist weder Organ noch Kontrollgremium. Finanziert wird die K\u00f6rperschaft aus dem Staatshaushalt.<\/p>\n<p>Ein aktuelles Meinungsbild: Vier von f\u00fcnf Wohlfahrtsverb\u00e4nden, die Gewerkschaft ver.di und die meisten Einrichtungstr\u00e4ger unterst\u00fctzen dieses Konzept. Die in der BAY.ARGE zusammengeschlossenen Pflegeverb\u00e4nde wollen dagegen nach wie vor die klassische Pflegekammer. Der Ministerrat hat in seiner Sitzung am 30. Juni 2015 beschlossen, den Weg des Alternativkonzepts weiterzugehen.<\/p>\n<p>Anfang 2016 soll es mit der Einberufung einer \u201eGr\u00fcndungskonferenz\u201c losgehen. Sie begleitet die Arbeit an den gesetzlichen Grundlagen f\u00fcr die K\u00f6rperschaft und soll sie aus der Taufe heben. Wenn das notwendige Gesetzgebungsverfahren im Jahr 2016 gut vorankommt, kann die Interessenvertretung bereits 2017 ihre Stimme f\u00fcr die Pflegenden erheben! Gemeinsam werden wir den Pflegeberuf attraktiver gestalten.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Die Katholische Akademie Bayern und das SZ-Forum haben uns heute Abend eine brandaktuelle Frage in den Raum gestellt: Wer soll uns pflegen? Auf dem Einladungsflyer stimmen uns eindrucksvolle Zahlen auf das Thema ein: 2030 werden voraussichtlich 3,5 Millionen Menschen in Deutschland pflegebed\u00fcrftig sein. 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