{"id":120704,"date":"2026-03-20T11:04:05","date_gmt":"2026-03-20T10:04:05","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=120704"},"modified":"2026-03-20T11:04:05","modified_gmt":"2026-03-20T10:04:05","slug":"neue-perspektiven-durch-eine-hochschulische-pflegebildung","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/neue-perspektiven-durch-eine-hochschulische-pflegebildung\/","title":{"rendered":"Neue Perspektiven durch eine hochschulische Pflegebildung"},"content":{"rendered":"<p>Die Pflegebildung erlebt derzeit eine dynamische Entwicklung. Unter dem Stichwort Generalistik wird \u00fcber die Zusammenf\u00fchrung der drei bisherigen Ausbildungen, Gesundheits- und Krankenpflege, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege sowie Altenpflege, zu einer Ausbildung diskutiert, und das Pflegestudium wird mit dem neuen Pflegeberufegesetz zum Normalfall, wenn auch nicht zum Regelfall.<\/p>\n<p>Dieser Wandel wird angeregt durch die ver\u00e4nderten und wachsenden Anforderungen im Gesundheitswesen, durch den Mangel an qualifizierten Bewerbern in den Pflegeberufen und die notwendige Anschlussf\u00e4higkeit der Ausbildung an europ\u00e4ische Standards.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in der Diskussion zum neuen Pflegeberufegesetz \u00fcber die Generalistik gestritten wird, findet der zweite Teil des geplanten Gesetzes nur geringe Beachtung, obwohl es aus Sicht der Hochschulen ein Meilenstein ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Pflegestudium &#8211; Vom Modell zur Normalit\u00e4t<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pflegebezogene Studieng\u00e4nge haben in Deutschland eine mehr als f\u00fcnfzigj\u00e4hrige Tradition. Beginnend mit dem Jahr 1963, in dem an der Berliner Charit\u00e9 ein Studiengang Medizinp\u00e4dagogik und Diplomkrankenpflege startete, folgten in den 1990er Jahren die Diplomstudieng\u00e4nge Pflegemanagement und Pflegep\u00e4dagogik. Diese beiden Studienrichtungen mit ihrer Ausrichtung auf Management- und Lehrfunktionen sind auch heute noch an Hochschulen zu finden, inzwischen als Bachelor- und Masterangebote.<\/p>\n<p>Die Dominanz dieser pflegebezogenen Studieng\u00e4nge f\u00fchrt bis heute dazu, dass ein Pflegestudium als Ausstieg aus der \u201eeigentlichen Pflege\u201c, das hei\u00dft vom Umgang mit Patienten\/Bewohnern, verstanden wird. Kritiker eines Pflegestudiums sprechen sogar von einer \u201eAkademisierung als Bettflucht\u201c und argumentieren, dass dies keine L\u00f6sung des Personalmangels sein k\u00f6nne, da man schlie\u00dflich mehr \u201eIndianer und weniger H\u00e4uptlinge\u201c brauche. Mit dieser pauschalisierenden Sichtweise haben es auch die Studieng\u00e4nge schwer, die seit dem Jahr 2004 als Modellprojekte starteten und explizit f\u00fcr die Versorgung am \u201epoint of care\u201c qualifizieren, also beispielsweise f\u00fcr eine patienten- und bewohnerbezogene T\u00e4tigkeit im Krankenhaus, Altenheim oder in der h\u00e4uslichen Umgebung. Diese Studieng\u00e4nge wurden und werden meist in Kooperation mit Berufsfachschulen entwickelt.<\/p>\n<p>Wegen der nicht vollst\u00e4ndig kompatiblen berufe- und hochschulrechtlichen Anforderungen kamen kreative L\u00f6sungen zur Organisationform auf. So ist beispielsweise von dualen, berufsintegrierenden, praxisintegrierenden, additiven, berufsqualifizierenden, teil-integrierten, vollst\u00e4ndig integrierten und ausbildungsintegrierenden Studieng\u00e4ngen die Rede. Die Konzepte unterscheiden sich im Hinblick auf die Verantwortung f\u00fcr die einzelnen Lernorte (Praxis, Hochschule und\/oder Berufsfachhochschule) und die Dauer (3,5 bis 4,5 Jahre). Gemeinsamer Nenner ist, dass die Inhalte der Berufsausbildung (Gesundheits- und Krankenpflege, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege und\/oder Altenpflege) mit einem hochschulischen Abschluss (Bachelor) verbunden sind und dass durch das Studium ein vertieftes und verbreitertes Kompetenzprofil erworben werden.<\/p>\n<p>Derzeit sind knapp 50 solcher Pflegestudieng\u00e4nge bevorzugt an (Fach-)Hochschulen am Start, mit zunehmender Tendenz. Die hochschulische Pflegebildung, oft mit dem unscharfen Begriff der \u201eAkademisierung\u201c beschrieben, ist dabei nicht Selbstzweck f\u00fcr die Hochschulen, sondern begr\u00fcndet sich insbesondere in einem Wandel der Anforderungen im Handlungsfeld Pflege.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Anforderungswandel in den Pflegeberufen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Wissenschaftsrat hat im Jahr 2012 eine Quote an hochschulisch gebildeten Fachkr\u00e4ften im Gesundheitswesen von 10 bis 20 Prozent empfohlen. Von diesem Anspruch sind die Pflegeberufe mit einer derzeitigen Quote von 0,3 Prozent weit entfernt. Bei einem, Fortbestand der bisherigen Studienpl\u00e4tze ist die Quote von 10 bis 20 Prozent in diesem Jahrhundert nicht mehr erreichbar. Die Forderung der Wissenschaftsrates zu einem Ausbau der hochschulischen Pflegebildung, der sich viele medizinische und pflegerische Fachverb\u00e4nde angeschlossen haben, begr\u00fcnden sich in den ver\u00e4nderten quantitativen und qualitativen Anforderung des Gesundheitswesens.<\/p>\n<p>Das Erkrankungsspektrum wandelt sich, der medizinisch-technische Fortschritt steigt, und die Anzahl der Akteure und Einrichtungen ebenso. Mehr denn je sind ethische Kompetenzen notwendig, um bei schwierigen ethischen Entscheidungen beispielsweise mit anderen Berufsgruppen, Angeh\u00f6rigen und nicht zuletzt den Patienten selbst beraten, begleiten und Entscheidungen mit umsetzen zu k\u00f6nnen. An die Stelle einer rein somatischen Heilung (\u201eCure\u201c) treten bei Zunahme der Hochaltrigkeit und chronischer Erkrankungen vermehrt Versorgungskonzepte, die Autonomie, Teilhabe und eine hohe Lebensqualit\u00e4t (\u201eCare\u201c) f\u00f6rdern. Gleichzeitig werden mit dem Anspruch an eine starke Partizipation der Patienten und Bewohner neue Anforderungen an die Aufkl\u00e4rung, Beratung und Therapieplanung gestellt. Es werden verst\u00e4rkt Forschungskompetenzen ben\u00f6tigt, um wissenschaftliche Evidenz zu finden, zu bewerten und in die Praxis zu bringen.<\/p>\n<p>Im Jahr 2011 kam ein Lancet-Report zur globalen Bildung der Health Professionals zu dem Ergebnis, dass es eine fehlende Passung zwischen diesen Anforderungen und den derzeitigen Bildungssystemen und Bildungsinhalten gibt. Ein Pflegestudium bahnt genau die Kompetenzen an, die notwendig sind, um die ver\u00e4nderten Anforderungen besser bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen. Gleichzeitig erh\u00f6ht ein Studium auch die Berufsf\u00e4higkeit in vielen europ\u00e4ischen L\u00e4nder, in denen ein Bachelorstudium schon eine lange Tradition hat. Ein Pflegestudium erweitert die Karrierechance f\u00fcr Pflegende bis hin zur Promotion und tr\u00e4gt damit auch zur Bildungsgerechtigkeit gegen\u00fcber anderen Professionen bei. Weiterhin erh\u00f6ht es den Zustrom in den Pflegeberufe und verbessert das Image der Pflege.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Intendierte Kompetenzen des Pflegestudiums<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Trotz der gro\u00dfen Vielfalt an Kooperationsmodellen besteht hinsichtlich der intendierten Kompetenzen Einigkeit. Mit dem Pflegestudium soll wissenschaftliches Wissen vermehrt in die Praxis kommen und der Aufbau von Forschungsstrukturen gef\u00f6rdert werden. Ausgestattet mit st\u00e4rkerem theoretischem Wissen auch in den Bezugswissenschaften sind Studierende in der Lage, die individuelle Anspr\u00fcchen des Patienten\/Bewohners st\u00e4rker zu reflektieren, um so ein angemessenes Arbeitsb\u00fcndnis aufbauen zu k\u00f6nnen. Kirchliche Hochschulen haben den besonderen Auftrag, die ethische Entscheidungskompetenz der Studierenden zu f\u00f6rdern, mit denen sich Studierende beispielsweise in die klinische Ethikberatung einbringen und Patienten und Angeh\u00f6rige bei schwierigen Entscheidungen beraten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Durch das Hochschulstudium soll der interprofessionelle Dialog gef\u00f6rdert werden. Damit werden vielf\u00e4ltige Forderungen des Sachverst\u00e4ndigenrates im Gesundheitswesen und des Wissenschaftsrates umgesetzt, die anmahnen, dass zur Bew\u00e4ltigung gro\u00dfer gesellschaftlicher Herausforderungen Fachwissen aus allen Professionen zusammengef\u00fchrt werden muss und die gleichberechtigte Kooperation verst\u00e4rkt werden sollte. Wenn Pflegende st\u00e4rker als bisher Patienten durch das komplexe Gesundheitssystem lotsen sollen, dann sind auch umfangreiche Kenntnisse der sozialgesetzgeberischen Grundlagen und der Organisation des Gesundheitswesens notwendig. Auch diese Aspekte sind bundesweit Inhalte des Pflegestudiums.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Mehrwert des Pflegestudiums<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Werden diese Kompetenzziele aber auch erreicht? Antworten erm\u00f6glichen die f\u00fcr alle Modellstudieng\u00e4nge verpflichtenden Evaluationen und eine Vielzahl externer Evaluationen der Pflegestudieng\u00e4nge. Diese zeigen, dass durch das Pflegestudium erweiterte Kompetenzen aufgebaut werden, die in der klassischen Berufsausbildung nur unzureichend gef\u00f6rdert werden. Dass davon auch die Patienten profitieren, belegen umfangreiche methodisch hochwertige Studien aus anderen L\u00e4ndern. Mit einer steigenden Quote an hochschulisch gebildeten Pflegekr\u00e4ften sinkt das Risiko f\u00fcr Komplikationen (zum Beispiel Druckgeschw\u00fcre, Infektionen). Im Rahmen der Evaluation der Modellstudieng\u00e4nge in Nordrhein-Westfalen, die in Kooperation zwischen der Universit\u00e4t Bremen und der Katholischen Stiftungsfachhochschule durchgef\u00fchrt wurden, konnten wir zeigen, dass gerade bei komplexen und schwierigen F\u00e4llen, die nicht durch Routinen gel\u00f6st werden k\u00f6nnen, Pflegestudierende sehr personenorientiert die Anforderungen l\u00f6sen und so zu einer h\u00f6heren Patientenzufriedenheit und Lebensqualit\u00e4t beitragen. Neben der Vertiefung der Kompetenzen erm\u00f6glichen einige Studienstandorte auch die Verbreiterung der Kompetenzen, so werden beispielsweise an der Katholischen Stiftungsfachhochschule M\u00fcnchen die Studierenden auch als gerontopsychiatrische Fachkraft und als Praxisanleiter im Sinne des Pflege- und Wohnqualit\u00e4tsgesetzes anerkannt.<\/p>\n<p>Gleichzeitig, und das verwundert in Anbetracht des dargestellten Mehrwertes, f\u00e4llt es Personen ohne Hochschulstudium schwer, die Notwendigkeit der Akademisierung zu erkl\u00e4ren oder den Mehrwert des Studiums in Worte zu fassen. Es bedarf offensichtlich eines hochschulischen Blicks, um zu erkennen, wo der besondere Nutzen liegt. Eine Bewertung des Mehrwertes ist auch deshalb erschwert, weil die Kontaktm\u00f6glichkeiten mit Absolventen des Pflegestudiengang sehr gering sind. Den bisher knapp 6.500 Absolventen stehen knapp zwei Millionen Pflegende mit klassischer beruflicher Bildung gegen\u00fcber. F\u00fcr die berufliche Einm\u00fcndung erscheint es wichtig, deutlich zu machen, dass der Ausbau der hochschulischen Bildungsm\u00f6glichkeiten nicht die Verdr\u00e4ngung der Ausbildung bedeutet, sondern dass es sich um eine f\u00fcr die Versorgung der Patienten und Bewohner notwendige Kompetenzerweiterung handelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Chancen und Risken durch das neue Pflegeberufegesetz<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist auch aus Patientensicht ein Erfolg, dass mit dem geplanten Pflegeberufegesetz das Pflegestudium nun endlich zum Normalfall wird. Das Gesetz erm\u00f6glicht eine vollst\u00e4ndige Integration der Inhalte der Pflegeausbildung in das Studium und st\u00e4rkt die Verantwortung der Hochschule f\u00fcr die Pflegeausbildung in der Praxis. Die dazu dringend ben\u00f6tigte professorale Ausstattung ist eine der gro\u00dfen Aufgaben, die in den n\u00e4chsten Monaten zu l\u00f6sen ist.<\/p>\n<p>Eine weitere H\u00fcrde ist die noch immer unzureichende Anzahl an finanzierten Studienpl\u00e4tzen, die f\u00fcr die Wirkung in der Breite und die berufliche Einm\u00fcndung so wichtig sind. Zwar gibt es innovative Ans\u00e4tze, die akademischen Fachkr\u00e4fte zun\u00e4chst in einem Handlungsfeld zu b\u00fcndeln und deren Kompetenzen auch in der Ausbildung zu nutzen (zum Beispiel in dem Projekt \u201eWohnbereich f\u00fcr akademische Ausbildung\u201c (WABIA) in Garching), aber es bedarf einer \u201ekritischen Masse\u201c an Studienabsolventen, damit die Wirkung nicht nur in Evaluationsstudien, sondern in der t\u00e4glichen Praxis deutlich wird.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Pflegebildung erlebt derzeit eine dynamische Entwicklung. 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