{"id":120711,"date":"2026-03-20T11:14:21","date_gmt":"2026-03-20T10:14:21","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=120711"},"modified":"2026-03-20T11:14:21","modified_gmt":"2026-03-20T10:14:21","slug":"mensch-bleiben-im-krankenhaus","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/mensch-bleiben-im-krankenhaus\/","title":{"rendered":"Mensch bleiben im Krankenhaus"},"content":{"rendered":"<h3><strong> Zwei Beispiele als Vorbemerkung<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Havi Carel ist eine englisch-israelische Philosophin und Krebspatientin, die 2008 das Buch \u201eIllness\u201c geschrieben hat, worin sie zwei Jahre nach der Diagnose berichtet \u00fcber ihre Erfahrungen mit der Erkrankung hat, einerseits als Philosophin und andererseits als betroffene Krebspatientin. Das Buch wurde 2013 noch einmal aufgelegt, und eine der bemerkenswertesten Passagen in diesem Buch ist diese Schilderung: Drei Monate nach der Erstdiagnose kommt Havi Carel zur\u00fcck ins Krankenhaus, um die Lungenwerte feststellen zu lassen. Die Werte haben sich so sehr verschlechtert, dass sie glaubt, in wenigen Monaten schon \u00fcberhaupt nicht mehr atmen zu k\u00f6nnen, und sie beginnt zu weinen. Die behandelnde \u00c4rztin reagiert \u00fcberhaupt nicht. Carel weint weiter und wei\u00df, dass sie damit gegen die Patientinnen-Rollenerwartung versto\u00dfen hat, das, was Talcott Parsons \u201eThe patient\u2019s script\u201c genannt hat: Patienten und Patientinnen weinen nicht, sie sind souver\u00e4n in ihrer Krebserkrankung. Die \u00c4rztin hat ihr dann, als sie um ein Glas Wasser gebeten hat, einen Pappbecher hingeknallt, und Carel hat dann darauf reflektiert und gesagt: Wenn es im Krankenhaus ein karges Gut gibt, das am allerwertvollsten w\u00e4re, so ist es Empathie. Und sie meinte: Nie hat jemand im Krankenhaus zu mir gesagt, es tut mir leid, dass Sie diese Krankheit haben. Das h\u00e4tte nichts an ihrer Diagnose ge\u00e4ndert, es h\u00e4tte wahrscheinlich auch nichts ge\u00e4ndert an den \u201eprospects\u201c, ihrer Zukunft, aber es h\u00e4tte dieses Moment von Empathie und \u201eMensch bleiben im Krankenhaus\u201c in die Situation hineingebracht.<\/p>\n<p>Zweites Beispiel: Ben Watt. Das ist ein, wie er selber sagt, wehleidiger Musiker und K\u00fcnstler, der an einer eigenartigen Autoimmun-Erkrankung litt, die man l\u00e4nger nicht diagnostizieren konnte und das in seinem Buch \u201ePatient\u201c beschrieben hat. Darin beschreibt er, wie er als erwachsener Mann eingesch\u00fcchtert wurde durch die Mitgift der Institution. Ich war dreimal bei Papst Benedikt XVI. in Castel Gandolfo, und bis du den Papst siehst, bist du schon so eingesch\u00fcchtert, dass du vergessen hast, dass du in bestimmten Kontexten eigentlich Grund hast zu glauben, jemand zu sein. Und \u00e4hnlich bei Watt: \u201eBis ich im Krankenhaus angekommen bin und im Untersuchungszimmer anlangte, war ich schon so klein, regrediert wie ein Kind, und habe mich hingelegt und gesagt: Behandelt mich, wickelt mich, macht alles mit mir. Ich erkannte mich selbst nicht wieder\u201c \u2013 tragischerweise erkannten ihn selbst seine Frau und seine Eltern nicht mehr. Das sind die Herausforderungen: Mensch bleiben im Krankenhaus, die m\u00fcndige Patientin, das empathiefreudige Krankenhaus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>\u00d6konomie<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aristoteles hat sich \u00fcberlegt, ob man die \u00d6konomie als Teil der Politik, als Teil der Technik oder als Teil der Ethik sehen sollte. Das waren die drei Angebote, die er uns damals gab. \u00d6konomie als Teil der Politik w\u00fcrde \u00d6konomie zu einer Machtfrage, Distributionsfrage reduzieren. \u00d6konomie als Form der Technik ist eine Frage der klugen Allokation, Strategien, \u201etools\u201c, \u201ebalance score cards\u201c und all diese wunderbaren teuren und letztlich immer noch teurer werdenden Dinge. Ethik ist das, wor\u00fcber ich heute sprechen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Aristoteles hat sich daf\u00fcr ausgesprochen, die \u00d6konomie als Teil der Ethik zu sehen. Nicht die Ethik als Teil der \u00d6konomie, sondern die \u00d6konomie als Teil der Ethik. Warum ist das so? Wenn Sie ein Lehrbuch \u00fcber \u00d6konomie aufschlagen, finden Sie vielleicht die Definition \u201eWirtschaften: planvolles Handeln zur Befriedigung menschlicher Bed\u00fcrfnisse mit knappen G\u00fctern\u201c. Da sind zumindest zwei intensiv wertgeladene Vokabeln enthalten. Einerseits Bed\u00fcrfnisse: Was sind \u201eneeds\u201c versus \u201edesires\u201c, was sind Bed\u00fcrfnisse im Unterschied zu W\u00fcnschen? Und zweitens G\u00fcter: Was ist ein Gut? Wir Philosophen schlagen manchmal vor, X ist ein Gut f\u00fcr mich, wenn ich eine Situation, in der X vorkommt, einer Situation, in der X nicht vorkommt, vorziehe. Deswegen ist in einer Vortragssituation diese Uhr f\u00fcr mich ein Gut, denn ich ziehe es vor, \u00fcber eine Uhr zu verf\u00fcgen und Ihnen den Zwischenstand durchzugeben, 19.56 Uhr, als eine Situation zu haben, in der ich nicht \u00fcber eine Uhr verf\u00fcge. Es kann etwas ein Gut sein, auch wenn es nicht immer w\u00fcnschenswert ist, dass es anwesend ist. Ich habe drei Kinder, zwei davon in der Pubert\u00e4t, und ich bin sehr froh, dass sie jetzt nicht anwesend sind, auch wenn das unter den Begriff eines Gutes f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Jetzt ist es sehr wichtig zu sehen: \u00d6konomie stellt G\u00fcter her, die auf Bed\u00fcrfnisse der Menschen antworten. \u00d6konomie hat also eine responsive Struktur. Manfred Sauer ist ein bekannter deutscher Unternehmer, der nach einem Unfall auf den Rollstuhl angewiesen ist. Er hat herausgefunden, dass es keine Mode f\u00fcr Menschen gibt, die im Rollstuhl sitzen. Wenn man ein normales Sakko von der Stange kauft, dann schaut es, wie er selber sagt, im Rollstuhl ein bisschen ungl\u00fccklich aus. Es wirft Falten, das schaut nicht gut aus, und deshalb hat Sauer eine Produktlinie mit Mode f\u00fcr Rollstuhlfahrer entwickelt. Responsive Struktur! Menschen haben ein Bed\u00fcrfnis, einen Wunsch, und die \u00d6konomie antwortet darauf. Das nennen wir werteorientiertes Handeln.<\/p>\n<p>Werte sind \u201econceptions of the desirable\u201c, wie manche Philosophen sagen. Ein Wert ist also das, was es sich lohnt anzustreben, und die \u00d6konomie antwortet auf das, was es sich lohnt anzustreben, hat also eine responsive Struktur. Deswegen ist es vern\u00fcnftig, \u00d6konomie als Teil der Ethik zu sehen und die Frage nach dem guten Leben und das, was ein echtes Bed\u00fcrfnis und ein echtes Gut ist, nicht von \u00f6konomischen \u00dcberlegungen abzutrennen.<\/p>\n<p>Damit bin ich bei meinem dritten Punkt zur \u00d6konomie: \u00d6konomie soll G\u00fcter produzieren. Welches Gut soll ein Krankenhaus produzieren, oder welche G\u00fcter? Alasdair MacIntyre hat in \u201eAfter Virtue\u201c den Begriff der menschlichen Praxis definiert. Praxis ist demnach \u201eeine kooperative, komplexe, koh\u00e4rente, sozial etablierte menschliche T\u00e4tigkeit, die darauf ausgerichtet ist, G\u00fcter hervorzubringen, die dieser T\u00e4tigkeit inh\u00e4rent sind, nach Standards der Exzellenz\u201c. Das hei\u00dft: Eine Praxis bringt etwas hervor, was ihr innewohnt. Was ist das Gut, das die Praxis oder die Praktiken im Krankenhaus hervorbringen sollen? Um welche G\u00fcter geht es? Ich selbst frage mich zum Beispiel auch, welche G\u00fcter \u2013 es kann ja mehr als eines sein \u2013das Unterrichten hervorbringen soll. Geht es darum, Studierende zufrieden zu machen, oder nicht besser, unzufrieden zu machen? Geht es darum, sich im Dienste der Sache unbeliebt zu machen oder im Dienste der Studierenden beliebt zu machen? Das sind verschiedene Kandidaten.<\/p>\n<p>Im Fu\u00dfball \u2013 angenommen, Sie m\u00f6gen Fu\u00dfball \u2013 gibt es verschiedene \u00dcberlegungen, was die Praxis des Fu\u00dfballspiels generieren kann: m\u00f6glichst wenig Tore bekommen, m\u00f6glichst viele Tore erzielen, gewinnen, sch\u00f6n spielen und das Publikum begeistern, m\u00f6glichst viel Geld verdienen und die Marke st\u00e4rken. Das sind unterschiedliche G\u00fcter, und die Trainingsstile der verschiedenen Trainer und Trainerinnen spiegeln das wieder. Also, zur\u00fcck zum Krankenhaus: Was sind die G\u00fcter, die ein Krankenhaus hervorbringen soll? Man k\u00f6nnte vorschlagen: Nun, ein Krankenhaus ist ein Gesundheitshaus und soll das Gut der Gesundheit hervorbringen. Was aber ist Gesundheit? Leonard Nortenfeld hat vorgeschlagen, Gesundheit als F\u00e4higkeit zweiter Ordnung zu verstehen. Gesundheit ist die F\u00e4higkeit zweiter Ordnung, mit eigenen F\u00e4higkeiten und Begrenzungen so umzugehen, dass das Erreichen wichtiger Lebensziele nach wie vor m\u00f6glich ist. Gesundheit ist also die F\u00e4higkeit zweiter Ordnung, die es mir m\u00f6glich macht, mit meinen eigenen F\u00e4higkeiten und Begrenzungen so umzugehen, dass wichtige Lebensziele von mir nach wie vor erreicht werden k\u00f6nnen. Ich bin kurzsichtig. Nach diesem Gesundheitsbegriff geht es nicht darum, die Kurzsichtigkeit wegzubringen, sondern darum, mich in einen Zustand zu versetzen, dass ich trotz der Kurzsichtigkeit wichtige Lebensziele noch erreichen kann.<\/p>\n<p>Da haben Sie zwei M\u00f6glichkeiten: Sie k\u00f6nnen meinen Zustand heben oder meine Lebensziele absenken. Die Rolle des Patienten \u2013 ich sage das nicht zynisch \u2013 und der Patientin hat wesentlich auch damit zu tun, einzusehen, dass Lebensziele auch abgesenkt werden m\u00fcssen, wenn bestimmte Konstellationen vorliegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Institutionenethik<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eMensch bleiben im Krankenhaus\u201c: Was w\u00fcrde das in Bezug auf die Anforderungen, die ich an eine Institution herantrage, bedeuten? Ich meine viererlei: nicht-toxisch, anst\u00e4ndig, mitf\u00fchlend und gl\u00fccklich \u2013 da meine ich das englische Wort \u201ehappy\u201c. Also \u201enon toxic, decent, compassionate and happy\u201c; diese vier Eigenschaften sollte eine Institution wie gerade auch ein Krankenhaus aufweisen, wenn es ein menschenfreundliches sein will.<\/p>\n<p>Was hei\u00dft nicht-toxisch? Bowan Paulle hat seine Erfahrungen in zwei schwierigen Schulen in der Bronx beziehungsweise in Amsterdam beschrieben, wo ein st\u00e4ndiges \u201estress level\u201c herrschte: hohe Gewaltrate der Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen untereinander, Suizid w\u00e4hrend des Unterrichts, die Lehrerin und der Lehrer werden mit Steinen beworfen, also st\u00e4ndiges \u201estress level\u201c. Er hat das als toxisch beschrieben, weil man nie wei\u00df, was im n\u00e4chsten Moment passiert. Eine nicht-toxische Institution ist eine solche, die die Toxizit\u00e4tsniveaus absenkt, indem sie Verl\u00e4sslichkeit, Berechenbarkeit und Klarheit schafft. Es ist f\u00fcr uns alle gut zu wissen: Wie lange muss ich noch im Krankenhaus bleiben? Was passiert als n\u00e4chstes? Wann werde ich operiert? Was k\u00f6nnte passieren? Das senkt die Toxizit\u00e4t.<\/p>\n<p>Eine M\u00f6glichkeit, das \u201estress level\u201c zu senken, sind \u201eInseln der Integrit\u00e4t\u201c. In der Korruptionsforschung sagt man, dass man ein Bundesland wie K\u00e4rnten nicht von heute auf morgen und auch nicht in den n\u00e4chsten hundert Jahren korruptionsfrei machen kann. Aber man kann Inseln der Integrit\u00e4t schaffen, das hei\u00dft bestimmte \u201epockets of the region\u201c, wo man sagt: Hier gibt es keine Korruption. Analog: In einem Pflegeheim herrscht Personalmangel und Stress. Man kann nicht erwarten, dass sie sich in allem Zeit lassen, aber man kann Inseln der Integrit\u00e4t schaffen: zum Beispiel das einmal in der Woche stattfindende Baden nicht in 20 Minuten abwickeln, vom Bett ins Bett, sondern eine ganze Stunde heranziehen. Dann herrscht unter der Woche vielleicht Stress, aber zugleich ist eine Insel der Integrit\u00e4t geschaffen. Und so leben wir unser Familienleben: Unter der Woche Stress, und am Wochenende tun wir gar nichts.<\/p>\n<p>Einer meiner Lieblingsphilosophen ist Avischai Margalit, demzufolge eine anst\u00e4ndige Institution Menschen nicht dem\u00fctigt. Menschen haben einen Grund, sich gedem\u00fctigt zu f\u00fchlen, wenn sie in ihrer Selbstachtung verletzt werden. Im Jahr 2012 haben wir zwanzig Interviews mit Patienten und Patientinnen gemacht und sie gefragt, wo sie Eintrittsstellen f\u00fcr Dem\u00fctigung in einem Krankenhaus sehen, wo sie das erleben. Das hat auch etwas Subjektives. Da sind vor allem drei Punkte gekommen, drei Dem\u00fctigungseintrittsstellen. Erstens: k\u00f6rperbezogene Scham. Vor wem muss ich mich wie weit, wie lange nackt ausziehen? Wenn ich Migr\u00e4ne habe, und man sagt mir: Ziehen Sie sich nackt aus, wir schauen uns das an. Dann w\u00fcrden manche sagen, das ist unn\u00f6tigerweise dem\u00fctigend.<\/p>\n<p>Zweitens: Mangel an Intimsph\u00e4re. Mehrbettzimmer und ein Nasszellenbereich, der nicht schalldicht ist; das gro\u00dfe Gesch\u00e4ft mit der Angst zu verrichten, alle h\u00f6ren mit, was drinnen passiert. Eine Eintrittsstelle f\u00fcr Dem\u00fctigung, so wurde das wahrgenommen. Drittens: Objektivierung im Sinne von: Du hast hier eine Wunde, und bei der Visite wird der Blick konzentriert auf diese Oberschenkelwunde \u2013 du hast Gl\u00fcck, wenn sie am Oberschenkel ist. Dass hier ein Kopf ist und, wie Katholiken glauben, eine Seele ist, geht ein bisschen verloren.<\/p>\n<p>Ich sage nicht, dass ein Krankenhaus das alles abschaffen kann. Man wird die Visite nicht abschaffen k\u00f6nnen, wollen. Aber sensibel zu sein f\u00fcr Eintrittsstellen f\u00fcr Dem\u00fctigung, und nicht nur gegen\u00fcber Patientinnen und Patienten, sondern auch bei Chefarzt und Chef\u00e4rztin. Und \u00fcberlegen, wie man damit umgehen kann, wenn reale Eintrittsstellen f\u00fcr Dem\u00fctigung gegeben sind. Ein menschliches oder ein menschenfreundliches Krankenhaus ist also nicht nur nicht-toxisch, sondern es ist auch anst\u00e4ndig in Magalits\u2018 Sinne und dem\u00fctigt Menschen nach M\u00f6glichkeit nicht.<\/p>\n<p>Ein menschenfreundliches Krankenhaus hat au\u00dferdem auch Strukturen einer \u201ecompassionate institution\u201c, einer mitf\u00fchlenden Institution. Das hei\u00dft dreierlei: Erstens ist eine mitf\u00fchlende Institution charakterisiert durch eine mitf\u00fchlende Sprache. Kassel hat einmal den Preis f\u00fcr die b\u00fcrgerfreundlichste Sprache Deutschlands bekommen, weil sich die Stadtverwaltung ernsthaft bem\u00fcht hat, Formulare, offizielle Mitteilungen in einer Sprache abzufassen, die Menschen auch verstehen k\u00f6nnen. Ich sehe das als gro\u00dfe Herausforderung beispielsweise f\u00fcr Finanz\u00e4mter an. Das ist das eine. Das zweite ist: Details machen einen gro\u00dfen Unterschied. Es gibt Studien, wie gro\u00df der Frust bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist, wenn die Kaffeemaschine nicht funktioniert und nicht repariert wird, oder wie frustriert Patientinnen und Patienten werden, wenn der Bildschirm flimmert oder das Telefon nicht funktioniert. Details machen einen Unterschied, der sich durchaus auch in Kosten auswirken kann.<\/p>\n<p>Und drittens: Eine \u201ecompassionate institution\u201c k\u00f6nnte dem Modell einer therapeutischen Gemeinschaft n\u00e4her kommen. Der Begriff einer \u201etherapeutic community\u201c kam in den 1940er Jahren in Birmingham im Northfield Hospital auf, als in einem psychiatrischen M\u00e4nnerspital der Chefpsychiater keine Lust mehr hatte, f\u00fcr 30 M\u00e4nner zust\u00e4ndig zu sein. Er sagte: Ihr seid ab heute mitverantwortlich f\u00fcr euch selbst und f\u00fcr alle anderen. Am Anfang ist es eskaliert: Vandalismus, Alkoholismus. Er wurde entlassen, aber die Geburtsstunde der \u201etherapeutic community\u201c war da im Sinne einer Gemeinschaft von Menschen, in der sich jeder und jede mitverantwortlich f\u00fchlt f\u00fcr alle anderen. Das l\u00e4sst sich auch auf einen Unterrichtskontext \u00fcbertragen: Klassenzimmer, 30 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, eine Lehrerin. Die Lehrerin wird sagen: Ihr seid alle mitverantwortlich f\u00fcr euch selbst und f\u00fcr die Mitsch\u00fcler und Mitsch\u00fclerinnen. Ich nenne das Mitverantwortung der Patienten und Patientinnen f\u00fcr sich selbst, \u201ecompliance\u201c, aber auch f\u00fcr das Wohl der anderen Patienten und Patientinnen.<\/p>\n<p>Ein menschenfreundliches Krankenhaus sei nicht nur nicht-toxisch, anst\u00e4ndig und mitf\u00fchlend, sondern auch \u201ehappy\u201c. \u201eHappy hospitals\u201c ist ein bisschen weit gegriffen. In London gibt es den \u201ehappiness at work index\u201c, der j\u00e4hrlich erstellt wird und der ungef\u00e4hr tausend Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen befragt, die in Institutionen arbeiten, die mehr als hundert \u201eemployees\u201c haben. Da sind die wichtigsten Punkte ziemlich konstant. Zufriedenheit am Arbeitsplatz, Stichwort \u201ehappy hospital\u201c, wird erzeugt durch ein gutes, vertrauensvolles Klima, durch anspruchsvolle, abwechslungsreiche T\u00e4tigkeiten und eine \u201ework-life-balance\u201c. Die gr\u00f6\u00dften \u201edissatisfiers\u201c, was die \u201ehappiness\u201c am Arbeitsplatz am st\u00e4rksten reduziert, sind \u201epoor communication\u201c, \u201epoor recognition\u201c, \u201epoor boss\u201c: keine Kultur der Kommunikation, keine Kultur der Anerkennung und eine Flasche als Chef oder Chefin. Das sind zusammenh\u00e4ngende Faktoren, an denen man arbeiten kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Reduktionsethik<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nehmen wir nun noch einmal zur Kenntnis, dass die Kosten nicht geringer werden, sondern steigen, ohne dass Wachstum inkludiert ist. Personalkosten um 3,8 und Sachkosten um 3,7 Prozent, aber das Geld wird nicht wirklich mehr. Das hei\u00dft: Man muss reduzieren. In irgendeiner Form, irgendwo muss man reduzieren. und an den Krankenh\u00e4usern wird ja auch schon reduziert. Aber das sollte auch ethisch zugehen. Das nennen wir Reduktionsethik.<\/p>\n<p>Dabei schlage ich drei Strategien vor: Vom \u201eWas\u201c zum \u201eWie\u201c, vom \u201eWas\u201c zum \u201eWer\u201c, und vom \u201eWas\u201c zum \u201eWarum\u201c. Gedacht ist, wenn das \u201eWas\u201c, das man hat, sprich die Ressourcen, kleiner werden, muss eine Transformation eingeleitet werden in die Richtung, die den Schwerpunkt auf das \u201eWie\u201c, auf das \u201eWer\u201c und auf das \u201eWarum\u201c legt.<\/p>\n<p>Was hei\u00dft, den Schwerpunkt auf das \u201eWie\u201c zu legen? Die brillante englische Philosophin Onora O\u2019Neill hat schon in den sp\u00e4ten 1990er Jahren \u00fcber das englische Gesundheitssystem nachgedacht. Ihr Hauptanliegen ist: Das kostbarste Gut, das wir im Gesundheitssystem und in anderen Systemen haben, ist das Vertrauen, \u201etrust\u201c. In Bezug auf das Gesundheitssystem beschreibt sie eine zunehmende Kultur des Misstrauens, \u201eculture of suspicion\u201c. Das Gesundheitssystem reagiert mit einer \u201eculture of accountability\u201c, einer Kultur der Rechenschaftspflichtigkeit, in der Dokumentation, \u201emonitoring\u201c, und Evaluationsinstrumente eingef\u00fchrt werden. Die Dokumentation wird evaluiert und die Evaluation monitorisiert und so weiter.<\/p>\n<p>Das ist nicht schlecht. Wir alle haben gern einen \u201etrack record\u201c oder einen Aktenweg. Aber zu glauben, so Onora O\u2019Neill, dass durch diese Art einer \u201eculture of accountability\u201c das Vertrauen steigt, ist ein Irrtum. Ohne Grundvertrauen kann auch nicht der minimalste Vertrag abgeschlossen werden. Das hei\u00dft: Die ultimative Basis ist nicht der Vertrag, sondern das Vertrauen, das dem Vertrag zugrunde liegen muss. Wenn ein Vermieter \u00fcberhaupt kein Vertrauen in die Mieterin hat oder die Vermieterin \u00fcberhaupt kein Vertrauen in den Mieter, werden sie keinen Vertrag abschlie\u00dfen k\u00f6nnen, denn der Vertrag kann nicht alle Eventualit\u00e4ten ber\u00fccksichtigen und kein Vertrag kann seine eigene Anwendung regulieren. Die Basis, so das starke Argument, ist also das Vertrauen. Und das f\u00fchrt wieder zum \u201ehappiness index\u201c und dem Klima sowie den scheinbaren \u201esoft\u201c-Faktoren. Mit \u201esoft\u201c-Faktoren im Krankenhaus lassen sich hohe Folgekosten einsparen, weil die Klagebereitschaft der Patienten und Patientinnen in einem menschenfreundlichen Krankenhaus tendenziell sinkt.<\/p>\n<p>Onora O\u2019Neill hat sich auch Gedanken gemacht zu den Kriterien, die f\u00fcr die Evaluation herangezogen werden sollen. Sie zitiert einen leicht vertrottelten englischen Staatssekret\u00e4r f\u00fcr Gesundheit aus den sp\u00e4ten 1980er Jahren, der vorgeschlagen hat, als Kriterium f\u00fcr die Qualit\u00e4t eines Krankenhauses die Sterblichkeitsrate heranzuziehen. Je mehr Leute im Krankenhaus sterben, desto schlechter das Krankenhaus. Wenn ich da Klinikchef w\u00e4re \u2013 ich werde es nie sein \u2013, dann nehme ich bestimmte Leute gar nicht erst auf oder rolle sie auf die Stra\u00dfe hinaus, wenn es soweit ist. Das ist dieser Punkt, der schon angesprochen wurde: Nach welchen Kriterien machen wir die Evaluation, und welche Indikatoren haben wir f\u00fcr diese Kriterien? Das ist eine Wertfrage. Also, vom \u201eWas\u201c zum \u201eWie\u201c muss das Vertrauen tendenziell gest\u00e4rkt werden, wenn man schon zu reduzieren hat.<\/p>\n<p>Zweite Transformation: vom \u201eWas\u201c zum \u201eWer\u201c. Wenn man weniger Ressourcen hat, muss man in die handelnden Subjekte investieren. Da werden Faktoren wie Mitarbeiterinnen- und Mitarbeiter-Zufriedenheit, Rekrutierungsfragen, aber auch Patienten- und Patientinnen-M\u00fcndigkeit umso wichtiger. Wenn \u00c4rzte jemandem einreden, er habe ein Recht auf Gesundheit, und sagen: \u201eThey can fix the machine of my body\u201c, glaubt der Patient es irgendwann und kommt mit diesen Anspr\u00fcchen ins Krankenhaus \u2013 und mit der Klagebereitschaft. Da braucht es auch f\u00fcr uns Patienten und Patientinnen eine P\u00e4dagogik.<\/p>\n<p>Philosophen unterscheiden vier M\u00f6glichkeitsbegriffe. Etwas kann m\u00f6glich sein in einem metaphysischen Sinn, einem physischen Sinn, in einem moralischen Sinn und einem historischen Sinn. Ich schlage vor, wenn wir von bestm\u00f6glich sprechen, meinen wir m\u00f6glich in einem moralischen Sinn, nicht aber in einem historischen Sinn. Das hei\u00dft, ich muss etwas lernen. Das ist die Transformation vom \u201eWas\u201c zum \u201eWir\u201c, wenn die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen motiviert sind und wir Patientinnen und Patienten gelernt haben, von einem \u201eentitlement approach\u201c, von Perfektionsanspr\u00fcchen ein bisschen abzur\u00fccken. Dann werden wir uns mit Reduktionen leichter tun.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich die Transformation vom \u201eWas\u201c zum \u201eWarum\u201c. Friedrich Nietzsche zitiere ich zwar nur ungern, aber seit Papst Benedikt XVI. in seiner ersten Enzyklika die erste Fu\u00dfnote Friedrich Nietzsche gewidmet hat, steht er nicht mehr auf dem Index, und wir d\u00fcrfen ihn zitieren. Er hat einmal gesagt: Wer ein \u201eWarum\u201c zu leben hat, ertr\u00e4gt fast jedes \u201eWie\u201c. Menschen, so wie ich sie kenne, sind bereit, Reduktionen vornehmen zu lassen, wenn sie einen Grund haben. Viele Frauen verzichten in der Schwangerschaft auf Dinge, die ihnen zun\u00e4chst unverzichtbar schienen, aber sie haben ein klares \u201eWarum\u201c, und dann gibt es eine Reduktionsm\u00f6glichkeit. Wenn mein Kind oder eines meiner Kinder schwer krank wird, dann \u00fcberlege ich mir nicht: Wie viel Geld habe ich auf dem Konto, sondern dann wird investiert. Das ist ganz klar, da habe ich einen Grund. Wer ein \u201eWarum\u201c zu leben hat, vertr\u00e4gt fast jedes Wie. Das bedeutet, dass in einer reduktionsethisch sensiblen Zeit die Begr\u00fcndungsanforderungen steigen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Schlussbemerkung<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt eine interessante Studie von Bruno Frey und Emil Inauen \u00fcber Benediktinerkl\u00f6ster. Sie haben Benediktinerkl\u00f6ster im deutschsprachigen Raum allein in \u00f6konomischer Perspektive angesehen, 134 davon, und waren erstaunt, dass diese Benediktinerkl\u00f6ster \u00f6konomisch erstaunlich erfolgreich und in Krisenzeiten erstaunlich resilient waren. Das Stichwort, das sie gefunden haben, um das zu erkl\u00e4ren, war \u201egood governance\u201c. Benediktinerkl\u00f6ster sind \u00f6konomisch erfolgreich, weil sie in der F\u00fchrung arbeitsteilig vorgehen: Abt, Prior, Cellerar, Novizenmeister; weil sie externe Kontrolle zulassen: alle f\u00fcnf Jahre Visitation von au\u00dfen; weil sie in der Rekrutierung \u2013 in der guten alten Zeit hat man nicht jeden ins Kloster genommen \u2013 sehr vorsichtig sind: Die Kandidaten mussten sich jahrelang bew\u00e4hren; weil sie Mitsprache-M\u00f6glichkeiten einr\u00e4umten: Bei wichtigen Entscheidungen darf der j\u00fcngste M\u00f6nch als erster sprechen, steht in der \u201eRegula Benedicti\u201c; und weil sie eine Wertebasis haben. Denn \u201eRegula\u201c hei\u00dft ja nicht einfach Hausordnungsregel; das ist eine Lebensform, die sich alle im Kloster zu eigen gemacht haben, sodass es ihnen gar nicht mehr auff\u00e4llt. Man spart am allermeisten Geld mit der Einf\u00fchrung von institutionellen Gewohnheiten, die den Menschen so selbstverst\u00e4ndlich werden, dass es ihnen gar nicht mehr auff\u00e4llt, wie sie sich so verhalten, dass Sp\u00e4tkosten eingespart werden.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Beispiele als Vorbemerkung &nbsp; Havi Carel ist eine englisch-israelische Philosophin und Krebspatientin, die 2008 das Buch \u201eIllness\u201c geschrieben hat, worin sie zwei Jahre nach der Diagnose berichtet \u00fcber ihre Erfahrungen mit der Erkrankung hat, einerseits als Philosophin und andererseits als betroffene Krebspatientin. 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