{"id":120713,"date":"2026-03-20T11:22:48","date_gmt":"2026-03-20T10:22:48","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=120713"},"modified":"2026-03-20T11:22:51","modified_gmt":"2026-03-20T10:22:51","slug":"chlodwigs-taufe-die-bedeutung-des-frankenkoenigs-fuer-die-christianisierung-europas","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/chlodwigs-taufe-die-bedeutung-des-frankenkoenigs-fuer-die-christianisierung-europas\/","title":{"rendered":"Clovis' baptism"},"content":{"rendered":"<p>2016 j\u00e4hrt sich die Geburt des Merowingerk\u00f6nigs Chlodwig (466-511) zum 1550. Mal. Es gibt nur wenige Herrscher, \u00fcber die das historische Urteil so geteilt ist wie \u00fcber ihn. Vielen gilt er als Massenm\u00f6rder oder als <em>warlord<\/em>, der nur auf Krieg und Beute aus gewesen sei. Die Vergr\u00f6\u00dferung seines Reiches und auch seine religionspolitische Entscheidung zugunsten des Christentums seien sozusagen Mittel zum Zweck seiner agonalen Politik gewesen. Jede weitere politische oder gar kulturelle Ambition, die man seinem Zeitgenossen und Schwager Theoderich durchaus zubilligt \u2013 nicht ohne Grund hat er den Beinamen \u201eder Gro\u00dfe\u201c erhalten \u2013, wird Chlodwig abgesprochen. Wer ihn dagegen positiver beurteilt, blickt vor allem auf seine Bekehrung zum Christentum, genauer: zur katholischen Form des Christentums. In dieser Hinsicht gilt er als einer der Begr\u00fcnder des christlichen Abendlandes. In Frankreich wird er schlie\u00dflich als einer der Stammv\u00e4ter der franz\u00f6sischen Nation angesehen. All diese Urteile \u00fcber den Frankenk\u00f6nig sind allerdings problematisch, denn sie werden auf einer bemerkenswert schmalen Quellenbasis abgegeben. Aus seiner Zeit selbst haben sich nur wenige Quellen erhalten, in denen er direkt oder wenigstens mittelbar erw\u00e4hnt wird. Entscheidend f\u00fcr unser Bild von Chlodwig sind die \u201eDie zehn B\u00fccher Geschichten\u201c des Bischofs Gregor von Tours.<\/p>\n<p>Der englische Mittelalterhistoriker John Michael Wallace-Hadrill hat die Quellenlage mit folgenden Worten auf den Punkt gebracht: \u201eClovis is Gregory\u2019s Clovis, whether we like it or not (\u2026)!\u201c Dies gilt insbesondere f\u00fcr die bekannte Geschichte \u00fcber die Bekehrung Chlodwigs, die allein Gregor von Tours bezeugt. Demnach hing Chlodwig noch dem heidnischen Glauben der Franken an, w\u00e4hrend seine Gemahlin, die burgundische Prinzessin Chrodechilde, katholische Christin war. Sie wollte ihren Gemahl ebenfalls bekehren, hatte damit aber keinen Erfolg. Gegen seinen Willen lie\u00df sie sogar den ersten gemeinsamen Sohn taufen. Als das Kind bald darauf verstarb, machte Chlodwig seiner Frau heftige Vorw\u00fcrfe deswegen, lie\u00df aber zu, dass auch der zweite Sohn getauft wurde. Auch dieses Kind erkrankte, wurde aber durch die Gebete der K\u00f6nigin geheilt, so Gregor. Chlodwig habe am Glauben seiner V\u00e4ter festgehalten, bis es zu einem Krieg gegen die Alemannen kam. In der entscheidenden Schlacht sei Chlodwigs Heer beinahe besiegt worden. In seiner Verzweiflung habe Chlodwig sich mit der Bitte um Hilfe an Jesus Christus gewandt. Sogleich seien die Alemannen geflohen. Nach seiner R\u00fcckkehr habe Chlodwig Chrodechilde davon berichtet, woraufhin sie den Bischof Remigius von Reims holen lie\u00df. Auch dieser legte dem K\u00f6nig den Glaubenswechsel nahe \u2013 der Schlachtensieg allein hatte laut Gregor also den K\u00f6nig noch nicht ganz \u00fcberzeugt. Im Gespr\u00e4ch mit Remigius wies er auf einen entscheidenden Punkt hin: Sein Volk erlaube nicht, die alten G\u00f6tter zu verlassen; immerhin wolle er mit den Seinigen sprechen. Erst als diese sich spontan dem Christentum anschlossen, war die Entscheidung gefallen. Bischof Remigius lie\u00df das Taufbad bereiten, in dem Chlodwig sich wie ein neuer Konstantin vom \u201ealten Aussatz\u201c reinwusch. Danach wurde der K\u00f6nig getauft, und mit ihm angeblich 3.000 seiner Gefolgsleute.<\/p>\n<p>Die Stilisierung dieser Geschichte durch den Autor l\u00e4sst sich mit H\u00e4nden greifen. Gregor verfasste die Passagen \u00fcber Chlodwig mehr als 60 Jahre nach dessen Tod im Jahr 511, und seine Hauptquelle scheinen Erz\u00e4hlungen der K\u00f6nigin Chrodechilde gewesen zu sein, die ihre Witwenzeit bis zu ihrem Tod 544 in Tours verbrachte, also in der Stadt, in der Gregor noch einmal 30 Jahre sp\u00e4ter Bischof werden sollte. So mag die zentrale Rolle zu erkl\u00e4ren sein, welche die K\u00f6nigin in dieser Geschichte spielte. Auf diese ersten Passagen, die wohl auf Chrodechilde zur\u00fcckgehen, folgt ein Abschnitt, in denen Remigius von Reims im Mittelpunkt steht. Auch mit Reims war Gregor von Tours verbunden, sodass man die Traditionen dieser Stadt als zweite Quelle f\u00fcr seine Geschichte vermuten kann und mit entsprechenden Akzentuierungen rechnen kann: Dies gilt sicherlich auch f\u00fcr Gregors Anspielung auf die Taufe Konstantins des Gro\u00dfen durch Papst Silvester. Freilich hat auch dieser Bericht durchaus seinen Sitz im Leben, vor allem was die Rolle von Chlodwigs Gefolgsleuten angeht. Einsame Entscheidungen konnte ein K\u00f6nig in dieser Zeit nicht f\u00e4llen, weshalb die Beteiligung des Volkes \u2013 hier ein Synonym f\u00fcr die politische Elite \u2013 durchaus sinnvoll war.<\/p>\n<p>Gleichwohl bleibt es bei einem gewissen Unbehagen. Das gilt sowohl f\u00fcr die Chronologie von Chlodwigs Herrschaft als auch f\u00fcr den Stellenwert von Gregors Darstellung der Entscheidung des Frankenk\u00f6nigs f\u00fcr die katholische Form des Christentums: Hatte Gregor von Tours Chlodwig noch zu einem Vork\u00e4mpfer des Christentums stilisiert, so tritt dieses Bild in der j\u00fcngeren Forschung zunehmend zur\u00fcck bis hin zu der These, Chlodwig sei sogar w\u00e4hrend seines Krieges gegen die Westgoten wenige Jahre vor seinem Tod noch nicht getauft gewesen. Es gilt, diese Bilder zu \u00fcberpr\u00fcfen und zu fragen, was man einigerma\u00dfen zuverl\u00e4ssig \u00fcber Chlodwig sagen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Zu Chronologie und Quellenwert Gregors von Tours<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor allem die Frage nach der Glaubw\u00fcrdigkeit Gregors bez\u00fcglich des Datums von Chlodwigs Taufe wird von der Forschung zunehmend hinterfragt. Gregor datiert sie in das 15. Jahr von dessen Herrschaft und damit in das Jahr 496. Die alternativ vorgeschlagenen Zeitans\u00e4tze reichen von 495 bis 509. Mittlerweile betrifft die Kritik an Gregors Zeitangaben aber nicht mehr nur die Taufe Chlodwigs, sondern alle zentralen Daten seiner Herrschaft, sogar seine Regierungsdaten. Sowohl sein Herrschaftsantritt 481\/82 als auch sein Sterbejahr 511 werden angezweifelt. Davon betroffen w\u00e4re auch sein Geburtsjahr 466. Diese Unsicherheit h\u00e4ngt zun\u00e4chst einmal mit einer Eigenheit seiner Epoche zusammen: Es gab kein absolutes und allgemeing\u00fcltiges Datierungssystem, da die im R\u00f6mischen Reich \u00fcbliche Datierung nach den Konsuln nicht mehr vorgenommen wurde. Vielmehr datierte man nach Herrscher- oder Bischofsjahren, was zu einem Nebeneinader von verschiedenen Datierungssystemen f\u00fchrte. Dies stellte Gregor und andere Chronisten seiner Zeit vor gro\u00dfe Herausforderungen: Sie mussten mit den beschr\u00e4nkte Mitteln dieser Epoche die richtige Reihenfolge von Ereignissen feststellen und dann einem einheitlichen Datierungssystem zuordnen.<\/p>\n<p>Gregor teilte die Regierungszeit Chlodwigs in Abschnitte von f\u00fcnf Jahren ein. Dieses schematische Vorgehen ist verd\u00e4chtig und wurde als Argument benutzt, diese Chronologie als erfunden abzutun. Auf der anderen Seite war es in der Sp\u00e4tantike durchaus \u00fcblich, die Regierungszeit eines Herrschers in Quinquennien einzuteilen und entsprechende Jubil\u00e4en zu feiern. Der Ostgotenk\u00f6nig Theoderich der Gro\u00dfe etwa beging im Jahr 500 feierlich seine Tricennalien, die 30. Wiederkehr seines Regierungsantritts. Aus einem solchen Anlass wurden sicher auch die Siege und Erfolge eines Herrschers schriftlich festgehalten, zumindest die der vergangenen f\u00fcnf Jahre. Gregors Datierungsweise l\u00e4sst sich also durchaus mit Gepflogenheiten der Epoche Chlodwigs erkl\u00e4ren. Dazu kommt, dass die Angaben, die mit Hilfe anderer Quellen \u00fcberpr\u00fcft werden k\u00f6nnen, durchaus korrekt sind. Daher bleibt nur die Feststellung: Gregor hat seine chronologischen Angaben \u00fcber Chlodwig nach bestem Wissen und Gewissen gemacht. Die Tatsache, dass er tendenzi\u00f6s berichtete, berechtigt nicht dazu, seine Angaben in Bausch und Bogen abzulehnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Zur Ausgangslage<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schon lange vor dem formalen Ende Westroms 476 hatten diverse barbarische V\u00f6lker dessen Grenzen \u00fcberschritten. Sie errichteten eigene Reiche auf r\u00f6mischem Reichsboden und expandierten in alle Richtungen. Allgemein war eine Situation entstanden, die von Beutez\u00fcgen und Krieg gekennzeichnet war. Die neuen Machthaber waren vor allem darauf aus, ihre Gebiete zu arrondieren, gerade auch in Gallien, wo mehrere Reiche entstanden waren, allen voran das der Westgoten. Sie beherrschten ann\u00e4hernd das ganze Gebiet s\u00fcdlich und westlich der Loire, das auch als Aquitanien bezeichnet wird.<\/p>\n<p>Die Westgoten waren schon seit langem Christen, allerdings bekannten sie sich nicht zur katholischen Lehre, der die Mehrheit der r\u00f6mischen Reichsbev\u00f6lkerung anhing, sondern seit den Zeiten ihres vielleicht ersten Bischofs Wulfila (\u2020 383) zum Arianismus. Arius (\u2020 336) war ein Priester aus Alexandria gewesen. Seiner Lehre zufolge seien Gottvater und -sohn nicht wesensgleich, sondern lediglich wesens\u00e4hnlich, wobei der Sohn vom Vater erschaffen worden sei. Wie tiefgreifend dieser konfessionelle Gegensatz war, ist in der Forschung umstritten. Die jeweils andere Glaubensrichtung galt jedenfalls als h\u00e4retisch. Die an\u00e4mischen Vandalen in Nordafrika bedr\u00e4ngten ihre katholischen Untertanen und okkupierten etwa Kirchen f\u00fcr den eigenen Gottesdienst. Im Westgotenreich wurden zumindest katholische Bisch\u00f6fe eine Zeit lang drangsaliert. Der neueren Forschung zufolge gab es aber auch ruhigere Phasen im Zusammenleben von arianischen Westgoten und katholischen Gallo-R\u00f6mern. Gregor von Tours dagegen lehnte die Arianer rundweg ab. Gleich dreimal berichtete er vom pl\u00f6tzlichen Tod des Arius auf dem Abort \u2013 nach dem Motto: ein schlechter Tod charakterisiert den schlechten Menschen und dessen schlechten Glauben.<\/p>\n<p>Auch die Burgunder im s\u00fcd\u00f6stlichen Gallien bekannten sich zu dieser Glaubensrichtung. N\u00f6rdlich von ihnen siedelten die Alemannen, die damals noch Heiden waren und anders als Westgoten und Burgunder kein einheitliches K\u00f6nigtum kannten, sondern von einer Vielzahl von Lokalherrschern dominiert wurden. In Nordgallien existierte damals ein r\u00f6misches Herrschaftsgebilde. Es ging auf Aegidius zur\u00fcck, einen r\u00f6mischen Heermeister, der sich im Jahr 461 von Rom losgesagt hatte. Vermutlich konnte Aegidius seine Stellung an seinen Sohn Syagrius weitergeben, den Gregor von Tours <em>rex Romanorum<\/em>, K\u00f6nig der R\u00f6mer, nannte. Und dann waren da die Franken, die von mehreren K\u00f6nigen beherrscht wurden. Chlodwig war einer von ihnen und trat 481\/82 die Nachfolge seines Vaters Childerich an. Die Franken hingen damals noch der alten fr\u00e4nkischen Religion an, doch bestanden bereits enge Kontakte zu den gallo-r\u00f6mischen Vertretern der christlichen Religion; die Frage war nur, ob sie sich den Arianer oder den Katholiken anschlie\u00dfen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Erste milit\u00e4rische und diplomatische Erfolge<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Laut Gregor von Tours lie\u00df Chlodwigs erste Aktion als Herrscher nicht allzu lange auf sich warten. Im f\u00fcnften Jahr seiner Regierung, also 485 oder 486 habe er Syagrius herausgefordert. In nur einer Schlacht besiegte Chlodwig seinen Feind entscheidend. In den Jahren danach dehnte er seine Herrschaft weiter nach S\u00fcden aus, zun\u00e4chst bis zur Seine und dann allm\u00e4hlich bis zur Loire. Die Eroberung dieses Gebiets brachte f\u00fcr den Frankenk\u00f6nig auch eine erhebliche Verbesserung seiner milit\u00e4rischen Situation mit sich. Nach seinem ersten milit\u00e4rischen Erfolg von 485\/86 beherrschte Chlodwig also bereits gro\u00dfe Teile des n\u00f6rdlichen Gallien.<\/p>\n<p>Zu Beginn der 490er Jahre wurde Chlodwig in die gro\u00dfen Auseinandersetzungen der damaligen Zeit hineingezogen, was mit einer tiefgreifenden Ver\u00e4nderung der politischen Verh\u00e4ltnisse in Italien zusammenhing. Ab 488 k\u00e4mpfte dort der umstrittene K\u00f6nig Odoaker gegen die Ostgoten unter Theoderich dem Gro\u00dfen, der diesen in wechselvollen K\u00e4mpfen bis 493 besiegen konnte. Zwischenzeitlich hatte der Burgunderk\u00f6nig Gundobad Odoaker unterst\u00fctzt, sich jedoch bald wieder zur\u00fcckgezogen. Hier kommt Chlodwig ins Spiel. Er hatte das Reich der Burgunder angegriffen, als diese nach Italien gezogen waren. Vielleicht geschah das nur, um die Situation auszunutzen, vielleicht aber auch wegen eines B\u00fcndnisses Chlodwigs mit Theoderich dem Gro\u00dfen. F\u00fcr die zweite M\u00f6glichkeit spricht, dass dieser wohl im Jahr 493 Chlodwigs Schwester Audofleda geheiratet hat. Dies war nur ein Teil einer gro\u00dfangelegten Heiratsdiplomatie, in die Theoderich nach seinem Sieg \u00fcber Odoaker alle anderen Nachbarn der Ostgoten einband: neben den Franken die Westgoten, Burgunder und Vandalen. Damit war das Ostgotenreich in Italien bestens gegen\u00fcber Ostrom abgesichert, das Italien nur ungern aufgeben wollte. Eine weitere Ehe, so schien es, sollte Theoderichs B\u00fcndnissystem zus\u00e4tzlich st\u00e4rken: Chlodwig heiratete Chrodechilde, die Nichte des Burgunderk\u00f6nigs Gundobad.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Chlodwigs \u00dcbergang zum Christentum<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich kann Chlodwigs \u00dcbergang zum Christentum nicht ersch\u00f6pfend behandelt werden. Daher soll der politische Aspekt im Vordergrund stehen. Chlodwigs Gemahlin Chrodechilde war \u2013 wie eingangs erw\u00e4hnt \u2013 Katholikin. Ihr Onkel Gundobad hing dagegen der arianischen Lehre an, tolerierte aber die katholische Orientierung seiner Nichte. Auch selbst scheint er gewisse Tendenzen zum Katholizismus gehabt zu haben. Schlie\u00dflich waren seine gallo-r\u00f6mischen Untertanen ganz \u00fcberwiegend Anh\u00e4nger dieser Glaubensrichtung. In der R\u00fcckschau zeichnet Gregor von Tours den konfessionellen Gegensatz zwischen Katholiken und Arianern \u00e4u\u00dferst scharf, was aber der gallischen Situation im endenden 5. Jahrhundert nicht entsprochen haben d\u00fcrfte. Gleichwohl diente der konfessionelle Gegensatz auch dazu, R\u00f6mer und germanische Besatzer voneinander zu trennen. Schon fr\u00fcher hatten die r\u00f6mischen Kaiser etwa ein strenges Verbot von Heiraten zwischen Katholiken und Arianern erlassen, auf dessen Einhaltung auch die Germanenk\u00f6nige gro\u00dfen Wert legten \u2013 au\u00dfer bei politisch motivierten Ehen.<\/p>\n<p>Eine eindeutig politisch motivierte Ehe hat Chlodwig geschlossen, als er noch als Heide die katholische Burgunderin Chrodechilde heiratete. Damit wurden die politischen Spannungen zwischen Chlodwig und dem Burgunderk\u00f6nig Gundobad aus der Welt geschafft. Laut Gregor suchte Chrodechilde nun ihren heidnischen Gatten zur katholischen Richtung des Christentums zu bekehren. Was Gregor aber nur andeutet, ist, dass es an Chlodwigs Hof noch eine dritte M\u00f6glichkeit der religi\u00f6sen Orientierung gab: das arianische Bekenntnis. So war Chlodwigs Schwester Lantechilde zun\u00e4chst Arianerin. Sie wechselte anl\u00e4sslich von Chlodwigs Taufe jedoch zum katholischen Glauben. Die arianischen Tendenzen in Chlodwigs Umgebung sind sogar noch besser bezeugt. Der einzigen streng zeitgen\u00f6ssischen Quelle, dem Brief des katholischen Bischofs Avitus von Vienne an Chlodwig anl\u00e4sslich von dessen Taufe, ist zu entnehmen, dass es an Chlodwigs Hof \u201eAnh\u00e4nger gewisser schismatischer Ansichten\u201c gegeben habe, die den K\u00f6nig in die Irre gef\u00fchrt h\u00e4tten mit Behauptungen, die \u201ein ihrer Wahrheit bez\u00fcglich des christlichen Namens nichtig sind\u201c. Chlodwig, so wird man aus dieser Bemerkung schlie\u00dfen k\u00f6nnen, sollte also zum Arianismus bekehrt werden. Nach Lage der Dinge standen hinter diesen Bem\u00fchungen wohl seine arianischen Nachbarn \u2013 am ehesten Gundobad, vielleicht auch Theoderich der Gro\u00dfe.<\/p>\n<p>Am Ende hat Chlodwig sich anders entschieden, und man wird nach den Voraussetzungen und den Folgen dieser Entscheidung fragen m\u00fcssen. Vorbereitet wurde Chlodwigs Entschluss f\u00fcr die katholische Glaubensrichtung durch seinen intensiven Kontakt mit den Bisch\u00f6fen seines Reiches. Schon Jahre zuvor hatte ihm etwa Bischof Remigius von Reims brieflich zum Herrschaftsantritt gratuliert und ihn ermahnt, nach christlichen Ma\u00dfst\u00e4ben zu regieren. Bekannt ist, dass viele Franken, zumal im Nordosten Galliens und jenseits des Rheins, noch lange an ihrer paganen Religion oder zumindest synkretistischen Praktiken festgehalten haben. Tats\u00e4chlich erfahren wir aus unseren Quellen nicht viel \u00fcber m\u00f6glichen Widerstand von heidnischer Seite gegen Chlodwigs Entscheidung.<\/p>\n<p>Immerhin l\u00e4sst Avitus von Vienne erahnen, was ein Heide, oder besser, ein heidnischer K\u00f6nig mit seiner Entscheidung f\u00fcr das Christentum aufgegeben hat. Er deutet an, dass Chlodwig mit seiner Abkehr von der alten Religion nat\u00fcrlich auch Konflikte innerhalb seines eigenen Volkes provozierte. F\u00fcr den K\u00f6nig aber war der Sieg in der Schlacht der wichtigste Gesichtspunkt seines Handelns, und daf\u00fcr scheint der Christengott ein besserer Garant gewesen zu sein als die heidnischen G\u00f6tter \u2013 zumindest scheint dies eines der Argumente der christlichen Seite f\u00fcr ihre Religion gewesen zu sein. Dies erleichterte Chlodwig den Schritt, sich vom alten Glauben ab- und dem neuen zuzuwenden. Das Kriegsgl\u00fcck war Chlodwigs eigentliche Legitimation zu herrschen und berechtigte ihn auch, die Religion zu wechseln, ganz unabh\u00e4ngig von der Frage, ob er sich w\u00e4hrend einer bestimmten Schlacht dazu entschieden hatte.<\/p>\n<p>Eine Folge seines Schrittes war, dass Chlodwig sich zur gleichen Glaubensrichtung bekannte wie seine r\u00f6mischen Untertanen \u2013 und wie ein Gro\u00dfteil der Untertanen seiner Nachbark\u00f6nige. Damit hatte Chlodwig eine, aus Sicht dieser Herrscher, gef\u00e4hrliche Konstellation geschaffen. Mehr noch: Er wusste seine Entscheidung sofort zu instrumentalisierten. Denn Chlodwig verk\u00fcndete seine Entscheidung f\u00fcr das Christentum nicht an einem beliebigen Ort, sondern in Tours, das als Stadt des heiligen Martin das zentrale Wallfahrtsziel im damaligen Gallien gewesen ist. Es gab keinen besseren Ort, um die katholischen Gallo-Romanen \u00fcber seinen Glaubenswechsel zu unterrichten. Damit aber nicht genug: Chlodwig lie\u00df auch dem burgundischen Bischof Avitus eine Einladung zu seiner Tauffeier zukommen, wie wir aus dessen Brief an den K\u00f6nig erfahren. Avitus d\u00fcrfte nicht der einzige \u201anichtfr\u00e4nkische\u2018 Bischof gewesen sein, dem der vornehme T\u00e4ufling dieses Angebot gemacht hatte. Vielleicht hatte Chlodwig sogar alle Bisch\u00f6fe des Burgunderreiches und m\u00f6glicherweise sogar des Westgotenreiches zu seiner Tauffeier gebeten. Damit forderte er die betroffenen Nachbark\u00f6nige ganz deutlich heraus. Es verwundert daher nicht, dass Avitus sich dieser Einladung entzog und lieber seine guten Beziehungen zu K\u00f6nig Gundobad pflegte. Bei einer Konfrontation zwischen einem katholischen und einem arianischen K\u00f6nig gerieten die katholischen Bisch\u00f6fe jedoch sicherlich in einen Gewissenskonflikt. Das wussten wiederum die Arianer, die daher dem katholischen Episkopat umso misstrauischer gegen\u00fcbertraten. Nat\u00fcrlich war dies nicht in jedem Fall so, aber Chlodwig hatte mit seinem Bekenntnis zur katholischen Lehre einen Ansatzpunkt gefunden, um die Geschlossenheit seiner Nachbarn aufzubrechen.<\/p>\n<h4><\/h4>\n<h3>Weitere Expansion<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens 496 wurde deutlich, dass die Heirats- und B\u00fcndnispolitik Theoderichs die Franken und Westgoten nur sehr kurze Zeit von ihrer Rivalit\u00e4t um die Vorherrschaft in Gallien abgehalten hatte. In diesem Jahr drang Chlodwig tief in westgotisches Gebiet im s\u00fcdwestlichen Gallien vor, wurde zun\u00e4chst jedoch von Alarich II. zur\u00fcckgeschlagen. Seine Niederlage hing m\u00f6glicherweise damit zusammen, dass er 496 in einen Zweifrontenkrieg geraten war, denn die Schlacht gegen die Alemannen \u2013 die von Gregor erw\u00e4hnte Bekehrungsschlacht \u2013 fand wahrscheinlich auch 496 statt. Die K\u00e4mpfe gegen die Westgoten zogen sich dagegen wohl bis 498 hin und weiteten sich sogar noch weiter aus. Im Jahr 500 brach im benachbarten Burgunderreich ein Bruderkrieg aus, in den sowohl die Franken als auch die Westgoten eingriffen, wobei die Westgoten K\u00f6nig Gundobad auf dem Thron halten konnten, w\u00e4hrend Chlodwigs Pr\u00e4tendent scheiterte. Vorerst musste der Frankenk\u00f6nig seine Hoffnungen auf eine weitere Expansion seines Reiches begraben; feierlich schloss er im Jahr 502 Frieden mit Alarich II.<\/p>\n<p>Doch auch dieser Frieden w\u00e4hrte nicht lange. Zun\u00e4chst wandelten sich die Verh\u00e4ltnisse im Burgunderreich grundlegend. Die burgundisch-westgotische Allianz hielt nicht lange, wobei der konfessionelle Gegensatz erneut eine entscheidende Rolle spielte: Sigismund, der \u00e4lteste Sohn des Burgunderk\u00f6nigs Gundobad, trat wohl 501 oder 502 zum katholischen Bekenntnis \u00fcber. Damit bahnte sich auch ein politisches B\u00fcndnis zwischen Franken und Burgundern an. Tats\u00e4chlich kam es 506 erneut zu einem siegreichen Krieg der Franken gegen die Alemannen, bei dem die Burgunder Chlodwig unterst\u00fctzten. Zur Belohnung erhielten sie bislang alemannische Gebiete bis zum Hochrhein. Die Franken selbst sicherten sich das Elsa\u00df und einige rechtsrheinische Gebiete. Dieser Krieg rief heftige Reaktionen Theoderichs des Gro\u00dfen hervor, der die Reste der Alemannen vor den Franken sch\u00fctzte. Wahrscheinlich war ihm bewusst, dass Chlodwig sich nur den R\u00fccken f\u00fcr eine weitere Auseinandersetzung mit den Westgoten freihalten wollte.<\/p>\n<p>Schon ein Jahr sp\u00e4ter war es dann soweit: Chlodwig \u00fcberschritt die Loire. Neben den Burgundern stand ein weiterer fr\u00e4nkischer K\u00f6nig auf seiner Seite: Sigibert von K\u00f6ln, der wegen einer im Kampf gegen die Alemannen erlittenen Knieverletzung aber seine Truppen nicht pers\u00f6nlich anf\u00fchren konnte und daher von seinem Sohn Chloderich vertreten wurde. Au\u00dferdem suchte Chlodwig erneut, die katholischen Bisch\u00f6fe des Westgotenreiches auf seine Seite zu ziehen. Das zeigen nicht nur der legendenhaft ausgeschm\u00fcckte Bericht Gregors von Tours, sondern auch das einzige Zeugnis, das wir von Chlodwig selbst haben, ein Brief an die aquitanischen Bisch\u00f6fe. Wie gro\u00df der Erfolg seiner Bem\u00fchungen war, ist umstritten. In der Entscheidungsschlacht von Voulon 507 k\u00e4mpften die katholischen Bewohner der Auvergne jedenfalls auf Seiten der Westgoten. Dennoch blieb Chlodwig insgesamt siegreich, da Alarich II., angeblich durch Chlodwigs Hand, fiel. Damit war die Entscheidung gefallen und gro\u00dfe Gebiete s\u00fcdlich der Loire fielen endg\u00fcltig an den Frankenk\u00f6nig. Einen weiteren Erfolg errang Chlodwig, als er im Jahr 508 die kaiserliche Ernennung zum Patricius entgegennehmen konnte. Damit geh\u00f6rte er \u2013 wie auch Theoderich \u2013 der obersten Klasse der ostr\u00f6mischen \u00c4mterhierarchie an. Vor allem aber legitimierte der Kaiser damit Chlodwigs Herrschaft \u00fcber die Gebiete, die einst zum r\u00f6mischen Reich geh\u00f6rt hatten.<\/p>\n<p>Mit diesem Renommee ausgestattet, wollte Chlodwig sich die Herrschaft auch nicht mehr mit anderen fr\u00e4nkischen K\u00f6nigen teilen, wie bisher. Laut Gregor von Tours brachte er Chloderich dazu, dessen Vater Sigibert zu ermorden, um Chloderich dann kurz darauf ebenfalls beseitigen zu lassen. Damit konnte Chlodwig sein Reich bis an den Rhein ausdehnen. Vielleicht reagierte er mit dieser Politik auf eine ge\u00e4nderte politische Lage, denn der fr\u00e4nkisch-ostgotische Gegensatz bestimmte nach wie vor die gro\u00dfe Politik. Theoderich verheiratete damals seine Nichte Amalaberga mit dem Th\u00fcringerk\u00f6nig Herminafrid. Dieses B\u00fcndnis war sicher gegen Chlodwig gerichtet, und es war \u00e4u\u00dferst bedrohlich. Nach neuesten Forschungen erstreckte sich das Th\u00fcringerreich n\u00e4mlich von der Donau \u00fcber das heutige Th\u00fcringen bis an den Niederrhein, also bis an die Grenzen von Sigiberts Reich. M\u00f6glicherweise schien es Chlodwig angesichts dieser Bedrohung besser, selbst die Herrschaft am Rhein zu \u00fcbernehmen und dem neuen Feind entgegenzutreten.<\/p>\n<p>Neben den milit\u00e4rischen Erfolgen, die Chlodwig erzielt hatte, arbeitete er nun aber auch eng mit der Kirche zusammen und erf\u00fcllte damit seine Versprechungen, die er vor dem Krieg gegen die Westgoten gemacht hatte. Im Jahr 511 versammelte er in der Stadt Orl\u00e9ans zahlreiche Bisch\u00f6fe seines Reiches um sich. Hier wurde er als K\u00f6nig eines neuen, fast ganz Gallien umfassenden katholischen Gro\u00dfreichs gefeiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Conclusion<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Machen Personen Geschichte oder sind Strukturen entscheidend? Diese Frage treibt den Historiker immer wieder um, gerade wenn man sich intensiv mit der Geschichte einer Epoche des Umbruchs auseinandersetzt. Der Aufstieg Chlodwigs ist nur vor dem Hintergrund des untergehenden Imperium Romanum zu verstehen. Das machtpolitische Vakuum, welches das Imperium hinterlassen hat, erm\u00f6glichte es Chlodwig, seine Expansionspolitik unter Ausnutzung aktueller Entwicklungen zu betreiben. Ein wichtiger Faktor dabei war die Religion. Sicher spitzt unser wichtigster Gew\u00e4hrsmann Gregor von Tours den Gegensatz zwischen Katholiken und Arianern unzul\u00e4ssig zu und stilisiert Chlodwig zum Vork\u00e4mpfer f\u00fcr den katholischen Glauben. Bei allen Vorbehalten gegen seine Darstellung scheint er aber doch den Kern von Chlodwigs Strategie zu treffen. Der K\u00f6nig wollte sein katholisches Bekenntnis auch f\u00fcr seine Politik instrumentalisieren, oder, wenn man es vorsichtiger formulieren will: Diese Instrumentalisierung stellte sich gleichsam von selbst ein. Der konfessionelle Gegensatz zu den benachbarten K\u00f6nigen bei der gleichzeitigen Glaubensgemeinschaft mit deren gallo-r\u00f6mischen Untertanen s\u00e4te Misstrauen und untergrub die Geschlossenheit des Burgunder- und vor allem des Westgotenreiches. Der fr\u00e4nkische Sieg \u00fcber die Westgoten beseitigte den Gegensatz zwischen arianischen Eroberern und katholischen Gallo-R\u00f6mern auf Dauer. Damit war ein katholisches Gro\u00dfreich entstanden, in dem K\u00f6nig und Bisch\u00f6fe eng zusammenarbeiteten, wie das Konzil von Orl\u00e9ans von 511 zeigt. Unter Chlodwigs Nachfolgern sollte diese Kooperation zur st\u00e4ndigen Praxis werden.<\/p>\n<p>Das von Chlodwig in der Gunst des Augenblicks geschaffene Reich sollte sich auf Dauer als das stabilste auf dem Boden des einstigen R\u00f6mischen Reiches erweisen. Im Frankenreich entwickelten sich Strukturen wie die Grundherrschaft und die Vasallit\u00e4t, vor allem aber auch die enge Bindung von Staat und Kirche, welche die weitere Geschichte Westeuropas ma\u00dfgeblich bestimmen sollte. Das Frankenreich selbst \u00fcberstand viele Teilungen und blutige Bruderkriege und sollte rund 400 Jahre in der von Chlodwig geschaffenen Form bestehen. Seine Geschichte m\u00fcndet in gewisser Hinsicht in die Frankreichs und Deutschlands. Aber das ist ein anderes Thema.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2016 j\u00e4hrt sich die Geburt des Merowingerk\u00f6nigs Chlodwig (466-511) zum 1550. Mal. 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