{"id":120724,"date":"2026-03-20T11:46:48","date_gmt":"2026-03-20T10:46:48","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=120724"},"modified":"2026-03-20T11:46:48","modified_gmt":"2026-03-20T10:46:48","slug":"die-dominikaner-in-kairo-und-istanbul-geschichte-gegenwart-und-perspektiven","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/die-dominikaner-in-kairo-und-istanbul-geschichte-gegenwart-und-perspektiven\/","title":{"rendered":"Die Dominikaner in Kairo und Istanbul \u2013 Geschichte, Gegenwart und Perspektiven"},"content":{"rendered":"<p>Schon sehr fr\u00fch begann im Dominikanerorden (gegr\u00fcndet 1216) die Auseinandersetzung mit dem Islam. Raimund von Penyafort, der dritte Ordensmeister (+ 1275), gr\u00fcndete im 13. Jahrhundert in Toledo eine Sprachschule, an der Dominikaner Arabisch lernen sollten, um sich genauer mit dem Koran und den arabischen Quellen zu besch\u00e4ftigen. Der Islam galt bei einigen Gelehrten des Mittelalters als eine christliche H\u00e4resie, die man mittels der Vernunft und mit Vernunftgr\u00fcnden widerlegen k\u00f6nne. Allerdings waren die Kenntnisse \u00fcber den Islam und den Koran noch gering.<\/p>\n<p>Diese These vertrat auch Thomas von Aquin (1223-1274). Seine \u201eSumma contra gentiles\u201c kann auch als ein Versuch betrachtet werden, die Heiden (in diesem Fall die Muslime) von der Vern\u00fcnftigkeit der christlichen Lehre zu \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p>Diese lange Tradition der Besch\u00e4ftigung des Ordens mit dem Islam hatte immer ihre H\u00f6hen und Tiefen. Schon fr\u00fch zeigte sich, dass es in den christlich-islamischen Beziehungen nicht nur um theologische Probleme ging, sondern dass auch politische Interessen mitspielten und der \u201eDialog\u201c immer von der politischen \u201eWetterlage\u201c abh\u00e4ngig war.<\/p>\n<p>Gem\u00e4\u00df den Beschl\u00fcssen des Generalkapitels des Dominikanerordens aus dem Jahre 1986 in Avila geh\u00f6rt der Dialog mit anderen Religionen und Kulturen zu einer wesentlichen Aufgabe des Ordens. Dort hei\u00dft es zur heutigen Mission des Ordens: \u201eDer Dialog erfordert eine Grundhaltung des H\u00f6rens und ein Eingehen auf andere Kulturen, frei von jedem Kolonialismus, Imperialismus und Fanatismus.\u201c<\/p>\n<p>Die Dominikaner sind heute in vielen islamischen L\u00e4ndern pr\u00e4sent zum Beispiel in Iran, im Irak und in Pakistan. Im Folgenden soll jedoch besonders die Pr\u00e4senz in Kairo (\u00c4gypten) und Istanbul (T\u00fcrkei) in den Blick genommen werden, weil an beiden L\u00e4ndern die Schwierigkeiten des interreligi\u00f6sen Dialogs deutlich gemacht werden k\u00f6nnen. Trotz der Erfolge im Dialog scheinen im Moment die Schwierigkeiten zu \u00fcberwiegen, ja, mancherorts scheint gar das Scheitern dieses Prozesses offenkundig zu sein.<\/p>\n<p>Der Begriff des Dialogs ist nicht unproblematisch. Er impliziert ein Ergebnis, eine L\u00f6sung. Vielleicht w\u00e4re der Begriff \u201eBegegnung\u201c besser. Gegenseitiges Kennenlernen, Respekt vor dem Glauben des anderen und Anerkenntnis der Differenz der Religionen. Eine Theologie der Differenz, die die Frage aufgreift, warum es verschiedene Religionen gibt, k\u00f6nnte dabei hilfreich sein.<\/p>\n<p>Die schwierige Situation im Mittleren und Nahen Osten bedroht das christliche Leben in diesem Teil der Welt erheblich. Diese Situation ist nur in einer historischen Perspektive zu verstehen und vor diesem Hintergrund k\u00f6nnen m\u00f6gliche Perspektiven f\u00fcr die Zukunft des interreligi\u00f6sen Dialogs entwickelt werden, die sich nicht nur auf Europa richten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Kairo<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Anf\u00e4nge der Dominikaner in Kairo waren zun\u00e4chst gar nicht mit dem christlich-islamischen Dialog verbunden. Kairo wurde in gewisser Weise als Au\u00dfenstelle der \u00c9cole Biblique, die 1890 von P. Marie-Jospeh Lagrange OP im Dominikanerkonvent St. \u00c9tienne in Jerusalem gegr\u00fcndet wurde, geplant, um die biblischen und arch\u00e4ologischen Studien auszuweiten. Der Gr\u00fcnder des Konvents in Kairo, Antonin Jaussen (1871-1962), war Professor f\u00fcr biblische Arch\u00e4ologie und hatte hervorragende geographische Kenntnisse. Er unterrichtete an der \u00c9cole Biblique in Jerusalem und f\u00fchrte mit seinen Sch\u00fclern zahlreiche Exkursionen durch.<\/p>\n<p>An seiner Person k\u00f6nnte man die nationalreligi\u00f6se Orientierung der Katholischen Kirche und der Orden vor und w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs deutlich machen. Aufgrund seiner geographischen Kenntnisse arbeite Jaussen im Ersten Weltkrieg f\u00fcr den franz\u00f6sischen Geheimdienst. Er gab wertvolle Hinweise f\u00fcr die strategische Planung und erhielt einen hohen Orden der Franz\u00f6sischen Republik.<\/p>\n<p>Die Dominikaner in \u00c4gypten wurden \u2013 wie in vielen L\u00e4ndern der Levante \u2013 von Frankreich unterst\u00fctzt. Die strikte Trennung von Staat und Religion bezog sich eigentlich auf Frankreich selbst. In den dem franz\u00f6sischen Staat unterstellten Gebieten au\u00dferhalb Frankreichs \u2013 also nicht nur in den Kolonien: Algerien hatte ab 1875 einen besonderen Status, es gab dort franz\u00f6sische Staatsb\u00fcrger und franz\u00f6sische Untertanen ohne Staatsb\u00fcrgerschaft \u2013 galt diese strikte Trennung nicht. Die franz\u00f6sische Regierung setzte bewusst die Orden ein, um die franz\u00f6sische Sprache und Kultur in diesen L\u00e4ndern zu f\u00f6rdern und damit auf die Elite des Landes einzuwirken.<\/p>\n<p>Eine \u00e4hnliche Zusammenarbeit gab es auch zwischen der Anglikanischen Kirche und dem Vereinten K\u00f6nigreich, der Russisch-Orthodoxen Kirche und dem Zarenreich. Auch die Orientmission der deutschen Christen konnte sich der Unterst\u00fctzung des deutschen Kaiserreichs sicher sein.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcndung der Dormitio der Benediktiner in Jerusalem gelang nur durch die Unterst\u00fctzung und F\u00f6rderung durch Kaiser Wilhelm II. und katholischer Laienorganisationen. Man hielt eine deutsch-katholische Pr\u00e4senz f\u00fcr notwendig als Gegengewicht zum franz\u00f6sisch-katholischen Einfluss.<\/p>\n<p>Die Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg war durch diese \u201enationalreligi\u00f6se\u201c Orientierung bestimmt. Auch innerhalb der Katholischen Kirche, insbesondere in den Orden waren die Spannungen hinsichtlich des nationalen Einflusses sp\u00fcrbar. Diese Situation begann sich erst nach dem Krieg langsam zu entspannen.<\/p>\n<p>Der Weg von der Nationalkirche zur Weltkirche war und ist steinig: Neben den religi\u00f6sen Differenzen und Spannungen gab es zus\u00e4tzliche nationale und ethnische Spannungen. Europ\u00e4ische M\u00e4chte versuchten mittels ihrer jeweiligen christlichen Missionen Einfluss auf diese L\u00e4nder zu gewinnen. Man darf diesen Aspekt nicht ausblenden. Es sollen auf keinen Fall die Leistungen der religi\u00f6sen Institutionen im Bereich der Bildung, der Gesundheit und der sozialen Frage geringgesch\u00e4tzt werden. Die gro\u00dfe Leistung der Ordensschwestern ist hier nur zu nennen. Aber all diese F\u00fcrsorge war eben nicht nur uneigenn\u00fctzig und bestimmt durch die N\u00e4chstenliebe.<\/p>\n<p>Es ist gerade diese Verquickung von religi\u00f6sen und nationalen Anliegen, die die Situation und Stellung der Katholischen Kirche bis zum heutigen Tag in der Levante belastet und erschwert.<\/p>\n<p>Christliche Mission wird noch heute oft als eine Form der Kolonialisierung betrachtet. Der Vorwurf lautet, dass es nicht um die Verbreitung des Christentums geht, sondern um eine Verwestlichung dieser L\u00e4nder mit dem Ziel, sie wieder in die Abh\u00e4ngigkeit des Westens (einer Form von Neokolonialismus) zu bringen. Dieser Vorwurf ist historisch nicht unbegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Eine kritische Aufarbeitung der Geschichte der Orden in der Levante ist unabdingbar, damit nicht die gleichen Fehler wiederholt werden. Die Differenzen bestehen allerdings nicht nur zwischen \u201edem Islam\u201c und \u201edem Christentum\u201c, sondern die Situation ist wesentlich komplexer: Verschiedenen Rechtsschulen und theologische Richtungen des Islam stehen verschiedene christliche Kirchen und Glaubensrichtungen gegen\u00fcber. Es gab gro\u00dfe Spannungen zwischen der r\u00f6misch-katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen des Orients und den Kopten. Die katholische Mission diente nicht prim\u00e4r der Missionierung der Muslime, sondern man wollte orthodoxe Christen verschiedener Denominationen wieder mit Rom unieren.<\/p>\n<p>Die Komplexit\u00e4t dieser interreligi\u00f6sen und intrareligi\u00f6sen Spannungen sollte immer mit bedacht werden, um eine einseitige Darstellung zu vermeiden. Die einfache Annahme, \u201eder Islam\u201c stehe gegen \u201edas Christentum\u201c, ist historisch nicht haltbar, sondern es gibt immer wieder auch B\u00fcndnisse \u00fcber die Religions- und Konfessionsgrenzen hinaus.<\/p>\n<p>Im Mittelalter kommt es zu einem Austausch von theologischen und philosophischen Konzepten. Einige Werke der Antike sind erst \u00fcber den Umweg \u00fcber islamische L\u00e4nder in den Westen gelangt. Dieser Prozess der \u00dcberlieferung, \u00dcbersetzung und Weitergabe antiker Texte ist ein spannendes Kapitel der Geistesgeschichte und die Forschung auf diesem Gebiet bringt neue wichtige Kenntnisse zum Thema Ideentransfer. Nicht zu vergessen ist die Bedeutung j\u00fcdischer Gelehrter in diesem Prozess.<\/p>\n<p>Thomas von Aquin nennt den gro\u00dfen islamischen Philosophen Avveroes (Ibn-Rushd) in seinem Werk nur \u201eden Kommentator\u201c. Er las Aristoteles, den er wiederum nur \u201eden Philosophen\u201c nannte, mit Hilfe der Kommentare dieses gro\u00dfen islamischen Gelehrten.<\/p>\n<p>Dieser Zusammenhang ist von gro\u00dfer Bedeutung: Durch den Einfluss des bedeutenden Theologen Pater Marie-Dominique Chenu OP (1895-1990) \u00e4nderte sich in den drei\u00dfiger Jahren die Blickrichtung in Hinsicht auf den Standort Kairo. P. Chenu war Kenner der mittelalterlichen Philosophie und war sich der Bedeutung der islamischen Philosophie f\u00fcr das Abendland bewusst. Er war der Meinung, man k\u00f6nne in Kairo ein Zentrum gr\u00fcnden, das sich speziell dem Studium des Islam widmen sollte. Damit solle die oben genannte Tradition wieder aufgenommen werden. Durch seine Vermittlung konnten drei junge Dominikaner f\u00fcr ein Projekt in Kairo gewonnen werden, das der Erforschung des Islams, seiner Quellen, Geschichte und seiner Philosophie dienen sollte. Der Konvent in Kairo hatte damit seine eigentliche Aufgabe gefunden.<\/p>\n<p>Serge de Beaurecueil (1917-2005) geh\u00f6rte zu dieser Gruppe. Er blieb aber nur zeitweise in Kairo. Seine weiteren Studien zogen ihn nach Afghanistan, wo er viele Jahre lebte, lehrte und forschte. Er wurde zu einem Experten f\u00fcr den Mystiker Khawadja Abdallah Ansari. Er verband in seinem Leben die Theorie mit der Praxis. Er war \u00fcber Jahrzehnte der einzige katholische Priester in Afghanistan und k\u00fcmmerte sich dort auch um Waisenkinder. Jacque Jomier (1914-2008) besch\u00e4ftigte sich speziell mit dem Islam in \u00c4gypten. Er spezialisierte sich auf die Entwicklung des islamischen Denkens, besch\u00e4ftigte sich aber auch mit dem \u00e4gyptischen Volksislam.<\/p>\n<p>Der christlich-islamische Dialog war allerdings auch zu dieser Zeit kein rein theologischer oder theoretischer Dialog, sondern er war eingebettet in die geschichtliche, politische und gesellschaftliche Entwicklungen in \u00c4gypten. Dies k\u00f6nnte man am Leben und Wirken des \u00e4gyptischen Dominikanerpaters George Anawati deutlichen machen. Anawati (1905-1994) wurde noch w\u00e4hrend der Herrschaft der Khediven (so wurden die \u00e4gyptischen Vizek\u00f6nige genannt) geboren. In seine Lebenszeit fiel der Kampf um die Unabh\u00e4ngigkeit seines Landes. Dann folgte die Zeit des arabischen Nationalismus und Sozialismus, die Zeit von Gamal Abdel Nasser (1918-1970), das Scheitern dieser Entwicklung bis hin zum Erstarken der Muslimbruderschaft und der Wiederbelebung des Islams als politischer Kraft.<\/p>\n<p>Anawati wurde in Alexandria geboren, einer typischen Stadt der Levante, die sich durch verschiedene nationale und religi\u00f6se Bev\u00f6lkerungsgruppen gekennzeichnet war. Man sollte sich aber davor h\u00fcten, sich eine \u201emultikulturelle\u201c Idylle vorzustellen. Die religi\u00f6sen und ethnischen Gruppen wohnten zumeist in getrennten Stadtteilen. Man hatte wirtschaftlichen Kontakt und respektierte die Gewohnheiten und Sitten der anderen, aber gesellschaftlich lebte man zumeist getrennt voneinander.<\/p>\n<p>Der \u201einterreligi\u00f6se Dialog\u201c, der Versuch, den anderen in seinem Glauben kennenzulernen und zu verstehen, war in heutigen Worten ein \u201eEliteprojekt\u201c und begann auch erst sp\u00e4t. Die Sprache der Gebildeten war Franz\u00f6sisch und Anawati sprach diese Sprache flie\u00dfend. Sein Noviziat absolvierte er in Frankreich und der Abschied von \u00c4gypten fiel ihm nicht leicht. Aber er sollte ja bald zur\u00fcckkehren. Er widmete sich dem genauen Studium des Arabischen und der arabischen Philosophie und Theologie und schrieb zusammen mit Louis Gardet ein Standartwerk zu diesem Thema: \u201eIntroduction \u00e0 la th\u00e9ologie musulmane\u201c.<\/p>\n<p>Der interreligi\u00f6se Dialog lag Anawati sehr am Herzen. Er war \u00c4gypter, geboren und aufgewachsen in einem Land, das seit Jahrhunderten vom Islam gepr\u00e4gt war, aber eben nicht nur vom Islam. Die christliche Religion geh\u00f6rte ebenso zu diesem Land, nicht nur durch die Kopten, sondern auch durch andere christliche Kirchen und Denominationen. Sein Anliegen war aus dem \u201eNebeneinander\u201c ein \u201eMiteinander\u201c zu machen. Anawati suchte deshalb den Kontakt zur Al-Azhar Universit\u00e4t, einer der bedeutendsten Universit\u00e4ten der islamischen Welt. Allerdings bezogen sich die Gespr\u00e4che weniger auf Glaubensinhalte (Dogmen), sondern eher auf die Entwicklung der islamischen Philosophie und Glaubenslehre. Der Gro\u00dfscheich der Al-Azhar lehnte ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Grundfragen des Glaubens ab.<\/p>\n<p>Anawati ging es darum, Grundlagen zu kl\u00e4ren, Verst\u00e4ndigung zu schaffen und den Islam aus seinen Quellen und seiner Geschichte zu verstehen. Er wollte die \u201einnere Logik\u201c des Islams erfassen, um aus dieser Perspektive in den Dialog zu treten. Dar\u00fcber hinaus engagierte er sich auch in Gebetsgruppen und im Bereich der Pastoral.<\/p>\n<p>Die Nasser-Zeit war eine schwierige Zeit f\u00fcr die Dominikaner in Kairo. Sie unterlagen vielen Auflagen und Anawati wurde zeitweise mit einem Reiseverbot belegt. Erst in der Zeit nach Nasser entspannte sich die Situation wieder. Allerdings hatten viele Freunde und Bekannte Anawatis \u00c4gypten verlassen. In \u00c4gypten hatte ein gesellschaftlicher Wandel stattgefunden, der tiefgreifend war. In die Wohnungen des \u00e4gyptischen B\u00fcrgertums (die \u00c4gypten verlassen hatten) in der N\u00e4he des Tahir Platzes waren Menschen vom Land gezogen. Der soziologische Wandlungsprozess und die Zunahme der Bev\u00f6lkerung wirkten sich auch auf das \u00e4gyptische Bildungssystem aus. Die levantinische Vielfalt ging zunehmend verloren. Nicht nur Kairo und Alexandria, sondern alle St\u00e4dte in der Levante waren von diesem Prozess erfasst und er f\u00fchrte zu einer Verarmung der kulturellen und ethnischen Vielfalt. Im heutigen Kairo, in Alexandria oder Istanbul kann man die verlorene Vielfalt nur noch wenig sp\u00fcren. Die Dominikaner mussten sich also auf eine neue Situation einstellen. Einige Gespr\u00e4chspartner waren nicht mehr pr\u00e4sent und die Situation an der Al-Azhar Universit\u00e4t hatte sich gewandelt.<\/p>\n<p>Mit dem II. Vatikanischen Konzil begann eine neue Epoche der Kirchengeschichte. Es entwickelte sich eine ver\u00e4nderte Sichtweise auf andere Religionen \u2013 auch auf den Islam.<\/p>\n<p>Anawati spielte dabei eine bedeutende Rolle und war an der Erarbeitung der Erkl\u00e4rung \u201eNostra aetate\u201c beteiligt. Hierbei sollte man sich erinnern, dass nur kurze Zeit vor dem Konzil der algerische Unabh\u00e4ngigkeitskrieg gegen die franz\u00f6sische Kolonialmacht zu Ende gegangen war. Europa war im Nahen und Mittleren Osten lange Zeit als Kolonialmacht pr\u00e4sent. Die Entwicklung des politischen Islam ist auch als eine Gegenreaktion auf diese westliche Politik zu sehen. Wenn in \u201eNostra aetate\u201c von Hochachtung gesprochen wird, ist dies auch ein Reflex auf die koloniale Vergangenheit, in der Nichteurop\u00e4er als nicht gleichberechtigt, wenn nicht gar minderwertig angesehen wurden.<\/p>\n<p>Anawatis Bem\u00fchungen um den Dialog und ein besseres Verst\u00e4ndnis des Islam wurden zum Beispiel durch seinen Sch\u00fcler, den belgischen Dominikaner Emilio Platti, weitergef\u00fchrt. Er unterrichtete an der Universit\u00e4t L\u00f6wen und lebte immer wieder tempor\u00e4r in Kairo. Er ist in seinen Arbeiten bem\u00fcht, die innere \u201eLogik\u201c des Islam seinen Sch\u00fclern zu vermitteln. Man sollte zun\u00e4chst versuchen, den Islam in seinem eigenen Selbstverst\u00e4ndnis zu verstehen und nicht sofort christliche Kategorien und Sichtweisen auf den Islam zu \u00fcbertragen. Erst nach einer derartigen Arbeit kann man in ein fruchtbares Gespr\u00e4ch kommen. P. Emilio Platti OP hat zu diesem Bereich einige wichtige B\u00fccher geschrieben, die auch ins Deutsche \u00fcbersetzt wurden.<\/p>\n<p>Ein weiterer aktueller Schwerpunkt der Dominikaner in Kairo ist die Forschungsbibliothek. Sie gilt als eine der besten Bibliotheken f\u00fcr die Geschichte der islamischen Philosophie und Glaubenslehre. Sie steht Wissenschaftlern aus aller Welt zur Verf\u00fcgung, gerade auch \u00e4gyptische Studenten und Gelehrte k\u00f6nnen die Bibliothek nutzen.<\/p>\n<p>Die Bibliothek erm\u00f6glicht somit eine Begegnung und einen Austausch mit unterschiedlichen Menschen. Sie kann als Herzst\u00fcck der dominikanischen Pr\u00e4senz in Kairo bezeichnet werden.<\/p>\n<p>Erw\u00e4hnt sei hier auch der Dominikanerpater Josef Dreher, der fast 25 Jahre in Kairo gelebt hat und aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden nach Deutschland zur\u00fcckkehren musste. Er lebt heute im Dominikanerkonvent in M\u00fcnchen. Durch seine lange Arbeit in Kairo hat er einen n\u00fcchternen Blick auf die Entwicklung in diesen Jahren. Er war mit vielen ber\u00fchmten Islamwissenschaftlern bekannt. Prof. Dr. Tilman Nagel zum Beispiel war oft zu Gast im Kairoer Konvent.<\/p>\n<p>Neben dieser wissenschaftlichen Arbeit sind die Dominikaner auch in der Seelsorge und Weiterbildung engagiert. Derzeit leben sechs Mitbr\u00fcder im Kairoer Konvent und nach langen Jahren gibt es auch wieder einen \u00e4gyptischen Mitbruder. Die Entwicklung in \u00c4gypten ist in den letzten Jahren sehr wechselvoll und viele Erwartungen die mit dem \u201eArabischen Fr\u00fchling\u201c verbunden waren, sind leider an der \u201eRealpolitik\u201c gescheitert. Die Muslimbruderschaft ist als Terrororganisation eingestuft worden, ein innenpolitischer, innerislamischer Diskurs findet kaum statt. Ob sich die angespannte innenpolitische Situation in der n\u00e4chsten Zeit lockert ist fraglich. Aber die Pr\u00e4senz der Dominikaner bleibt ein Zeichen f\u00fcr die Hoffnung auf einen Wandel zu mehr Offenheit und Freiheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Istanbul<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch wenden wir uns nun einem anderen Ort dominikanischer Pr\u00e4senz zu, der ehemaligen Hauptstadt des Osmanischen Reichs. Die Dominikaner sind zur Zeit des Lateinischen Kaiserreichs (1204-1261) nach Istanbul gekommen. Ihre Aufgabe war die Predigt gegen die H\u00e4retiker (wie die Griechisch-Orthodoxe Kirche bis zum II. Vatikanischen Konzil genannt wurde). Nach dem Ende des Lateinischen Kaiserreichs waren die Dominikaner gezwungen, ihre Kirche aufzugeben und sind nach Galata gezogen, das zum damaligen Zeitpunkt eine genuesische Kolonie war. Dort erbauten sie die Kirche St. Peter und Paul.<\/p>\n<p>Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 durch die Osmanen und der Vertreibung der letzten Mauren aus Spanien, die sich nach Istanbul gefl\u00fcchtet hatten, wurde die Dominikanerkirche den spanischen Muslimen \u00fcbergeben, die von den Osmanen Araber genannt wurden. Daher kommt der Name \u201eArab Cami\u201c (Arabische Moschee) f\u00fcr die ehemalige Dominikanerkirche. Die Moschee kann man heute besichtigen und die Architektur zeigt deutlich eine Bettelordenskirche an. Die Dominikaner zogen danach zu einem anderen Grundst\u00fcck, das allerdings h\u00fcgelaufw\u00e4rts nur circa zehn Minuten davon entfernt ist.<\/p>\n<p>Die Dominikaner sind also seit dem 13. Jahrhundert ununterbrochen in Istanbul. Sie blicken auf eine lange und wechselvolle Geschichte zur\u00fcck. Die Archivbest\u00e4nde des Konvents sind allerdings nicht sehr umfangreich, da durch verschiedene Br\u00e4nde gro\u00dfe Teile vernichtet wurden. Bemerkenswert sind die Aufzeichnungen von P. Angelo Ellena OP, die er w\u00e4hrend der Zeit des I. Weltkriegs gemacht hat. Sie geben Einblick in die schwierige Situation der Katholiken in dieser Zeit. Er beschreibt aber auch die nationalen Spannungen innerhalb der Katholischen Kirche zwischen Anh\u00e4ngern der Mittelm\u00e4chte und der Entente.<\/p>\n<p>Der Schwerpunkt ihrer Arbeit lag jedoch nicht im \u201eDialog\u201c, sondern in der pastoralen Arbeit f\u00fcr italienischsprachige Gl\u00e4ubige. Sp\u00e4ter kamen auch griechischsprachige Italiener hinzu, die von den Orthodoxen von den griechischen Inseln vertrieben worden waren. Es fanden Gottesdienste in italienischer und griechischer Sprache statt. Jahrhunderte waren die Stadtteile Galata und Pera Orte europ\u00e4ischen Lebens, das praktisch parallel zur osmanischen und islamischen Gesellschaft gef\u00fchrt wurde. Auch die Kontakte zu den \u201eH\u00e4retiker\u201c waren begrenzt.<\/p>\n<p>Auch Istanbul war eine Stadt der Levante. Es gab eine gro\u00dfe ethnische und religi\u00f6se Vielfalt. Aber auch hier lebten die Menschen in getrennten Stadtteilen und es gab nur einen geringen gesellschaftlichen Kontakt zwischen den einzelnen Gruppen. Das Osmanische Reich war kein Nationalstaat, sondern ein multiethnischer und multireligi\u00f6ser islamischer Staat, in dem der Sultan als Herrscher Garant der Einheit und der Bewahrer des Islam war. Das Osmanische Reich als \u201etolerant\u201c zu bezeichnen verstellt den Blick auf die komplexe Herrschaftsstruktur. Untertanen im strengen Sinne waren nur Muslime; Christen und Juden standen unter dem Schutz des Sultans. Trotz aller Reformversuche gelang es nie, eine Rechtsgleichheit herzustellen. Urs\u00e4chlich daf\u00fcr war der Einfluss der islamischen Geistlichkeit und vieler Gl\u00e4ubigen, die dieses Konzept als westlich und unislamisch ablehnten.<\/p>\n<p>Der Begriff \u201eT\u00fcrke\u201c hatte im osmanischen Reich eine pejorative Bedeutung und man h\u00e4tte nicht gewagt, den Sultan als T\u00fcrken zu bezeichnen. Das Haus Osman stand \u00fcber einer nationalen oder ethnischen Beschr\u00e4nkung. Es galt als Garant der Einheit des Reichs und Bewahrer und H\u00fcter des Islam. Der Gedanke der Nation, der ethnischen Trennung und der nationaler Einheit ist kein islamisches Gedankengut. Der Islam kennt eigentlich keine Trennung in Nationen. Wer Muslim ist oder wird geh\u00f6rt der Umma an, der Gemeinschaft der Gl\u00e4ubigen, die sich (theoretisch) nicht in Ethnien oder \u201eNationen\u201c aufspalten darf.<\/p>\n<p>Der I. Weltkrieg beendete diese Situation. Das Osmanische Reich kollabierte und Mustafa Kemal Atat\u00fcrk gr\u00fcndete den modernen Staat: die Republik T\u00fcrkei. Eine Welle des Nationalismus erfasste die Region und in der Folge kam zu einem Bev\u00f6lkerungstausch zwischen Griechenland und der T\u00fcrkei. Das Ende des Osmanischen Reiches war der Anfang des Endes des lebhaften christlichen Lebens nicht nur in Istanbul und Izmir, sondern in vielen Regionen des neuen Staates. Anatolien wurde zum Kernland des neuen Staates. Man muss immer bedenken, dass die T\u00fcrkei aus einem Befreiungskrieg entstanden ist. Die Siegerm\u00e4chte wollten Anatolien aufteilen. Erst durch die Leistung Kemal Atat\u00fcrks (Atat\u00fcrk bedeutet \u201eVater der T\u00fcrken\u201c) und seiner Mitk\u00e4mpfer gelang es, die T\u00fcrkei als souver\u00e4nen Staat zu gr\u00fcnden. Daher die anhaltende gro\u00dfe Verehrung f\u00fcr Atat\u00fcrk in der T\u00fcrkei.<\/p>\n<p>Mit dem Ende des Osmanischen Reiches \u00e4nderte sich auch die Rechtslage der Christen. Die komplexe Frage der Besitzrechte kann hier nicht er\u00f6rtert werden. Nur so viel: Viele christliche Kirchen und Einrichtungen haben formaljuristisch keinen im Grundbuch eingetragen Besitzer. Sie sind auf das Wohlwollen des t\u00fcrkischen Staates angewiesen. Dies betrifft auch die Situation der Dominikaner in Istanbul. Eine \u00c4nderung dieser Rechtslage ist dringend notwendig.<\/p>\n<p>P. Benedetto Palazzo OP hat Jahrzehnte in Istanbul gelebt und sich intensiv mit der Geschichte der Dominikaner besch\u00e4ftigt. Er ver\u00f6ffentlichte in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts B\u00fccher zur Geschichte der Dominikaner in Istanbul und auch ein wichtiges Buch zur \u201eArab Cami\u201c, der oben erw\u00e4hnten Dominikanerkirche, die in eine Moschee umgewandelt worden war. Erst in den letzten Jahren mit der Ankunft von P. Claudio Monge OP und P. Alberto Ambrosio OP, die beide Islamwissenschaften studiert haben, hat sich ein neuer Schwerpunkt der Arbeit gebildet: P. Claudio besch\u00e4ftigt sich mit der Geschichte und der heutigen Situation der Christen in der T\u00fcrkei. P. Alberto besch\u00e4ftigt sich mit der Geschichte der Dominikaner in Istanbul und Izmir. Der eigentliche Schwerpunkt seiner Arbeit ist allerdings der Sufismus in seiner Geschichte und in seinen verschiedenen Auspr\u00e4gungen. Er versucht, den Sufismus mit der christlichen Mystik ins Gespr\u00e4ch zu bringen.<\/p>\n<p>Die pastorale Arbeit ist stark zur\u00fcckgegangen. Zur \u201eGemeinde\u201c geh\u00f6ren nur noch circa 20 \u00e4ltere Personen, Levantiner, die seit Jahren in Istanbul leben. Zu den Sonntagsmessen kommen immer wieder Touristen, die gerne die Kirche besichtigen. Die Bl\u00fctezeit ist vorbei und es m\u00fcssen nun neue Wege gefunden werden. Leider gibt es bei jungen Dominikanern nur wenig Interesse an Istanbul und auch an Kairo. Daher ist die personelle Situation an beiden Standorten angespannt. Die Kommunit\u00e4t in Istanbul umfasst leider nur noch f\u00fcnf Mitbr\u00fcder. Zwei davon leben allerdings nur noch zeitweise in der Kommunit\u00e4t, weil sie durch Lehrauftr\u00e4ge anderorts verpflichtet sind.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie in \u00c4gypten ist auch in der T\u00fcrkei die innenpolitische Lage angespannt. Hier steht eine s\u00e4kulare Richtung in der Tradition Kemal Atat\u00fcrks einer Richtung gegen\u00fcber, die st\u00e4rker das islamische Erbe betont und dies erneuern will. Der Islam ist in den letzten Jahren gerade in Istanbul wesentlich pr\u00e4senter geworden.<\/p>\n<p>Aber auch im islamischen Lager gibt es Konflikte. Der Streit um die G\u00fclen-Bewegung hat deutliche Spuren hinterlassen und zeigt, dass es eine einheitliche islamische Bewegung nicht gibt. Wie die s\u00e4kularen Kr\u00e4fte gespalten sind, so ist dies auch bei den religi\u00f6sen der Fall.<\/p>\n<p>Hinzu kommen Spannungen mit Teilen der kurdischen Bev\u00f6lkerung. Auch Erdogan ist es nach anf\u00e4nglicher Entspannung nicht gelungen, eine tragf\u00e4hige L\u00f6sung zu erarbeiten.<\/p>\n<p>Christen sind in der T\u00fcrkei mittlerweile zu einer kleinen Minderheit geworden. Einer Minderheit, die \u00fcberwiegend in Istanbul und Izmir lebt. Es ist f\u00fcr diese Minderheit schwierig, in dieser angespannten Situation zu leben und nicht in politische und gesellschaftliche Konflikte hineingezogen zu werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Outlook<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die christliche Pr\u00e4senz in vielen islamischen L\u00e4ndern wird zusehends schwieriger. Das hat verschiedene Gr\u00fcnde, die an politischen, gesellschaftlichen und historischen Faktoren liegen. Aber sie liegen eben auch im religi\u00f6sen Bereich. Dialog muss immer auch einen selbstkritischen, selbstreflektierenden Ansatz haben. Es ist zu einfach, den Glauben nur in seinem theoretischen System zu betrachten und die Faktizit\u00e4t des gelebten, real existierenden Glaubens zu vernachl\u00e4ssigen. Glauben ist kein System, sondern Lebenswirklichkeit, eine Deutung des Lebens.<\/p>\n<p>Durch die Pr\u00e4senz der Dominikaner in diesen L\u00e4ndern k\u00f6nnen wir viel vom Islam erfahren und dadurch helfen, Missverst\u00e4ndnisse abzubauen, neue Perspektiven zu \u00f6ffnen. Es geht bei dieser Pr\u00e4senz nicht um \u201eVerwestlichung\u201c, sondern darum, den Glauben an Christus gegenw\u00e4rtig zu halten und ein Gespr\u00e4ch \u00fcber den Glauben anzubieten.Gerade Dominikanerinnen halten durch ihr soziales und pastorales Wirken diesen Aspekt pr\u00e4sent. Sie zeigen, dass Glauben Lebenswirklichkeit bedeutet, Lebenswirklichkeit und Zeugnis in Blick auf Jesus Christus. Auch wenn Christen und Muslime in Fragen der Glaubensinhalte (Inkarnation; Trinit\u00e4t; Kreuzestod Christi) un\u00fcberbr\u00fcckbare Differenzen trennen, so gibt es doch im praktischen Handeln im Blick auf Gerechtigkeit und Verantwortung vor Gott \u00e4hnliche Sichtweisen.<\/p>\n<p>Orte dominikanischer Pr\u00e4senz in Kairo und Istanbul sind Orte des Angebots, in dieses Gespr\u00e4ch zu kommen und gemeinsam Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten zu entdecken. Die geschichtliche Betrachtung kann helfen, Fehler der Vergangenheit zu vermeiden und neue Wege aufzuzeigen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon sehr fr\u00fch begann im Dominikanerorden (gegr\u00fcndet 1216) die Auseinandersetzung mit dem Islam. Raimund von Penyafort, der dritte Ordensmeister (+ 1275), gr\u00fcndete im 13. Jahrhundert in Toledo eine Sprachschule, an der Dominikaner Arabisch lernen sollten, um sich genauer mit dem Koran und den arabischen Quellen zu besch\u00e4ftigen. 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