{"id":120726,"date":"2026-03-20T11:49:35","date_gmt":"2026-03-20T10:49:35","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=120726"},"modified":"2026-03-20T11:49:38","modified_gmt":"2026-03-20T10:49:38","slug":"mit-hochachtung-voneinander-lernen-intertheologisches-studieren-im-geist-von-nostra-aetate","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/mit-hochachtung-voneinander-lernen-intertheologisches-studieren-im-geist-von-nostra-aetate\/","title":{"rendered":"\u201eMit Hochachtung\u201c voneinander lernen"},"content":{"rendered":"<h3><strong> Jerusalemer Erfahrung<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde gerne etwas mit Ihnen teilen, was ich in den letzten sechs Jahren gelernt habe; vier davon (2009-2013) habe ich in Jerusalem gelebt und dort das Theologische Studienjahr geleitet, ein \u00f6kumenisches Studienprogramm f\u00fcr Theologiestudierende der Evangelischen und Katholischen Theologie an der Dormition Abbey. Immer wieder haben mich Menschen gefragt, was ich in Jerusalem gelernt habe. Ich habe es f\u00fcr mich auf einen Begriff gebracht: gelernt habe ich vor allem vom Glauben der Anderen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte beginnen mit einer Schl\u00fcsselerfahrung, die ich am Fest des Heiligen Franziskus, am 4. Oktober 2012 hatte: Dort habe ich eine Frau kennen gelernt, deren Glaube f\u00fcr mich eine T\u00fcr ge\u00f6ffnet hat zu einem tieferen Verstehen des Evangeliums. Aus der Berichterstattung \u00fcber den Nahen Osten wissen Sie, dass es immer wieder zu religi\u00f6s aufgeladener oder instrumentalisierter, ideologisch motivierter Gewalt kommt, die sich gegen religi\u00f6se oder ethnische Gruppen und Minderheiten richtet. Das gibt es auch in Jerusalem und geh\u00f6rt zu den immer wieder verst\u00f6renden Erfahrungen in der \u201eHeiligen Stadt\u201c. Eines Morgens waren diffamierende Schmierereien auf der T\u00fcr des unserem Benediktinerkloster benachbarten Klosters der Franziskaner zu sehen, vermutlich aus der rechten Ecke der Siedlerbewegung. Am selben Tag \u2013 eben dem Fest des Heiligen Franziskus \u2013 rief mich eine j\u00fcdische Theologin an \u2013 Ruhama \u2013, die f\u00fcr eine israelische Zeitung regelm\u00e4\u00dfig einen Kommentar zum Wochenabschnitt der Tora verfasst. Sie hat sich vorgenommen, bei hassmotivierten Ausschreitungen zu den betroffenen Opfern zu gehen, um mit ihnen zusammen jeweils diese Bibelstelle zu lesen.<\/p>\n<p>Sie will sich ihre Heilige Schrift also von den \u201eOpfern\u201c ideologischer Gewalt auslegen lassen, und das \u00f6ffentlich in ihrer Zeitung. Das ist ein konkreter Akt der Vers\u00f6hnung von prophetischer Dimension: Sie beschuldigt nicht, verteidigt nicht, diskutiert nicht \u2013 sie geht hin, h\u00f6rt zu, und wartet ab, was geschieht. Sie l\u00e4sst die \u201eandern\u201c zu Wort kommen und \u00fcbt \u00f6ffentlich \u2013 mit ihren Leserinnen und Lesern \u2013 eine Haltung des H\u00f6rens gegen\u00fcber den \u201eFeinden\u201c ein. Dadurch entsteht eine neue Realit\u00e4t, die sich dem Hass, der Verachtung und der Angst entgegen stellt \u2013 eine Realit\u00e4t des Umdenkens, der Umkehr, der Konversio. Ruhama glaubt daran, dass die F\u00e4higkeit dazu in den Menschen da ist, auch in denen, die hassen. \u201eFrau, dein Glaube ist gro\u00df\u201c (Mt 15,28) \u2013 das kann ich nur mit den Worten Jesu zu ihr sagen. In unserem Fall f\u00fchrte das Gespr\u00e4ch dazu, dass ihre j\u00fcdischen und meine christlichen Studierenden einen gemeinsamen geistlichen Tag verbrachten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die erste Tat Jesu: eine Konversion<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Warum erz\u00e4hle ich das? Lassen Sie mich noch ein zweites Bild zeichnen, ein Jesus-Bild: Das erste \u00f6ffentliche Auftreten Jesu als erwachsener Mann geschieht den Synoptikern zufolge am Jordan. \u201eZusammen mit dem ganzen Volk\u201c, sagt Lukas (Lk 3,21), l\u00e4sst Jesus die Taufe der Umkehr an sich geschehen. Er zieht hinab an den Jordan und reiht sich inkognito mit den Menschen, den S\u00fcndern, in die wartende Menschenschlange vor dem T\u00e4ufer Johannes. Erstaunlich, eigentlich unglaublich: Die erste \u00f6ffentliche Tat des inkarnierten Logos ist ein Akt der Umkehr, der Konversion! In diesem prophetischen Gestus wird die Haltung deutlich, in der der Menschgewordene in die Welt eintritt: eine Haltung des mitgehenden H\u00f6rens.<\/p>\n<p>Kenosis, Selbstent\u00e4u\u00dferung, nennt die christliche Tradition nach Phil 2,7 dieses Hinabsteigen in die \u201econditio humana\u201c. Und dann, als er sich aus dieser solidarischen Beugung aufrichtet, h\u00f6rt Jesus die Stimme, die ihn als den geliebten Sohn anredet. Aus diesem doppelten H\u00f6ren \u2013 auf die Menschen in ihrer Sehnsucht nach Umkehr und Vergebung und auf die Stimme der wesenhaften Verbundenheit mit dem Vater \u2013 kommt der Ruf zur Konversion als sein erstes Wort, das er an die Menschen richtet: \u201eKehrt um und glaubt!\u201c (Mk 1,15)<\/p>\n<p>Diese Haltung Jesu habe ich in Ruhama wiedergefunden \u2013 oder besser gesagt: Durch sie habe ich Jesu Haltung der Umkehr oder Konversio, des mitgehenden H\u00f6rens \u00fcberhaupt erst verstanden, nicht nur als Exegetin begriffen: Konversio, Bekehrung, hat nichts damit zu tun, andere zu meiner Position oder meiner Religion zu bekehren. Die Grundbewegung der Konversio als Haltung gegen\u00fcber dem Willen Gottes ist nicht eine Abkehr von der Welt, sondern eine Hinkehr zu ihr \u2013 eine F\u00e4higkeit, sich nicht \u00fcber den andern, sondern mit seiner eigenen \u00dcberzeugung unter die anderen zu stellen in einer Haltung des H\u00f6rens. Erst dann, so sagt es das Geschehen am Jordan, bin ich bereit und f\u00e4hig, die Stimme Gottes zu h\u00f6ren und sein Wort zu empfangen. Umkehr, Konversio, ist somit ein Geschehen, das mich selber verwandelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Der Feuerwandler: Franz von Assisi und seine Begegnung mit den Muslimen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1.200 Jahre nach Christus: Franziskus, der \u201eandere Christus\u201c (alter Christus) des Mittelalters, reist in den Orient, gelangt zum Heer der Kreuzfahrer, die in Damiette im Nildelta eine Festung belagern. W\u00e4hrend einer Waffenruhe l\u00e4sst er sich auf die andere Seite des Nils \u00fcbersetzten und gefangen nehmen, um so vor den Sultan gef\u00fchrt zu werden. Die Begegnung 1219 ist historisch bezeugt: Die zahlreichen Quellen stellen ihre Darstellung nat\u00fcrlich alle in der einen oder anderen Weise in den Dienst ihrer hagiographischen Absicht. Es f\u00e4llt auf, wie viele der Quellen die Grausamkeit der Sarazenen ausmalen und die Leiden betonen, die Franziskus zu ertragen hatte und die fast einem Martyrium gleichkamen.<\/p>\n<p>Besonders ber\u00fchmt wurde der Bericht von Bonaventura aus dem Jahr 1262 oder 1263, der ebenfalls den Willen zum Martyrium ins Zentrum stellt. Bonaventura berichtet von der Feuerprobe, die Franziskus selbst dem Sultan vorschlug, um die Wahrheit des christlichen Glaubens zu erweisen. F\u00fcr den mittelalterlichen Theologen schien es klar zu sein, dass die Wahrheit des christlichen Glaubens, weil sie die Vernunft \u00fcbersteigt, nicht im Disput erwiesen werden kann und auch vom Islam nicht angenommen werden kann, weswegen nur die \u201eFeuerprobe\u201c, die leibliche Bezeugung, bleibt.<\/p>\n<p>Es ist historisch umstritten, ob und in welcher Weise Franziskus das Martyrium wirklich gesucht hat. In k\u00e4mpferischer Weise hat er es jedenfalls nicht angestrebt. Tatsache ist jedenfalls, dass ihm im Lager der Sarazenen nichts zu Leide geschah und der Sultan ihn sogar in Ehren entlie\u00df und versuchte, ihm Geschenke zu geben, die Franziskus allerdings nicht annahm. Was ist in dieser Begegnung des Heiligen mit dem Sultan, der ein politisch kluger, aber auch frommer und weiser Mann war, geschehen? Wie konnte der zerlumpte Bettler \u00fcberhaupt vor ihn gelangen? Es war vermutlich die \u00c4hnlichkeit mit den islamischen Sufis, den asketischen Gottbegeisterten, an die der Gottesmann in seinem einfachen Wollhabit \u201einnen und au\u00dfen geflickt, samt G\u00fcrtelstrick und Hosen\u201c (Franz von Assisi, Testament 16) und seiner dem\u00fctigen und friedfertigen Haltung den Sultan erinnerte. Die Armut des Franziskus ist vom asketischen Vorbild des \u00f6stlichen M\u00f6nchtums inspiriert, das auch die muslimischen Sufis beeinflusste. Er ist unter den christlichen Heiligen des Abendlands vielleicht derjenige, der am reinsten den Typus oder das Ideal des Gottesmannes verk\u00f6rpert, dessen absolute Armut von Gott mit seinem Reichtum erf\u00fcllt wurde, und dessen gl\u00fchende Gottesliebe selbst das Elend kreat\u00fcrlicher Armut in Friede und Freude verwandelt hatte. Das lassen die Zeugnisse erkennen und erscheint auch historisch plausibel.<\/p>\n<p>Es gibt eine einzige muslimische Quelle, die von manchen Forschern auf die Begegnung zwischen Franziskus und dem Sultan gedeutet wird: Auf dem Grabstein des geistlichen Beraters des Sultans al-K\u0101mil Mu\u1e25ammad al-Malik, des Fakhr ad-Din Mu\u1e25ammad ibn Ibrahim Farisi, der im Jahre 1224 starb, also f\u00fcnf Jahre nach dem Besuch des Franziskus, steht der folgende Satz: \u201eDieser hat eine Tugend, die allen bekannt ist, Sein Abenteuer mit Malek-al-Kamil und was mit ihm geschah aufgrund des M\u00f6nchs, ist sehr ber\u00fchmt.\u201c Ob dieser \u201eM\u00f6nch\u201c der christliche Bettler Franziskus oder ein Sufi-M\u00f6nch war, ist allerdings nicht sicher. Auch wissen wir nicht, was mit dem Berater des Sultan auf Grund der Begegnung geschah.<\/p>\n<p>Es ist f\u00fcr unseren Zusammenhang interessant zu sehen, wie die mittelalterlichen Quellen das Motiv der Konversion, der Bekehrung behandeln. Franziskus hat in der Begegnung mit dem Sultan selbstverst\u00e4ndlich den Willen, ihn zum Glauben an den christlichen Gott zu bekehren. Die Fioretti, der kurz vor 1400 entstandenen Legendenkranz, gehen sogar so weit, dass der Sultan den christlichen Glauben annehmen m\u00f6chte, dies jedoch nicht tut, um die Friedensmission des Franziskus nicht zu gef\u00e4hrden. Stattdessen verabreden sich die beiden M\u00e4nner \u00fcber den Tod hinaus: Der Heilige schickt nach seinem Tod, sozusagen vom Himmel aus, zwei Br\u00fcder ans Sterbebett des Sultans, dessen Seele auf diese Weise gerettet wird. Was mir an dieser Geschichte gef\u00e4llt ist, dass sie v\u00f6llig unblutig und gewaltlos vor sich geht. Insofern kann ich mir vorstellen, dass Franziskus sich solche L\u00f6sungen ertr\u00e4umt oder erbeten hat.<\/p>\n<p>Neuerdings hat Navid Kermani in seinen essayistischen Meditationen \u201eUngl\u00e4ubiges Staunen. \u00dcber das Christentum\u201c eine weitere sch\u00f6ne Quelle ins Spiel gebracht: In Assisi wird ein kostbarer Autograph des Heiligen aufbewahrt, die etwa postkartengro\u00dfe \u201eChartula\u201c aus Pergament, auf der Franziskus nach seiner Erfahrung der Verwundung durch eine Erscheinung des Gekreuzigten im September 1224, seiner Stigmatisation, den \u201eLobpreis von La Verna\u201c niederschrieb. Es handelt sich um eine Litanei der Namen Gottes, die immer wieder mit der muslimischen Tradition der 99 Namen Gottes in Verbindung gebracht wurde: \u201eDu bist die Sch\u00f6nheit. Du bist die Milde. Du bist der Besch\u00fctzer. Du bist der W\u00e4chter und Verteidiger. Du bist die St\u00e4rke. Du bist die Zuflucht\u201c, hei\u00dft es da unter anderem. Auf der R\u00fcckseite ist ein Segen zu lesen, der nach der Aufschrift auf dem Pergament selbst und nach dem fr\u00fchen Biographen Thomas von Celano Bruder Leo, dem Gef\u00e4hrten des Heiligen gegolten hat.<\/p>\n<p>Mit Bezug auf eine neuere Ver\u00f6ffentlichung des Franciscan Institute in St. Bonaventure in New York schl\u00e4gt Kermani vor, dass dieses Schriftst\u00fcck und auch der dazugeh\u00f6rige Segen nicht Bruder Leo, sondern dem muslimischen Sultan al-K\u0101mil Mu\u1e25ammad al-Malik gegolten habe, den Franziskus \u201eFreund\u201c nennt und mit den Worten des aaronitischen Segens (Num 6,24-26) segnet. Die Chartula w\u00e4re dann vielleicht das fr\u00fcheste Dokument der Freundschaft zwischen Christentum und Islam. Die Behauptung seiner Quelle, Franziskus habe auf den Autograph auch das b\u00e4rtige Gesicht des Sultans gezeichnet und aus dessen Mund das kreuz\u00e4hnliche \u201eTau\u201c als Segenszeichen aufragen lassen, will sich Kermani bei eingehender Besichtigung des kleinen Pergaments in Assisi zwar nicht best\u00e4tigen, aber dennoch: Sind es nicht die \u201eFioretti\u201c, jene liebevollen Legenden-Geschichten um den Heiligen, die oft tiefere Wahrheit enthalten als die historischen Berichte?<\/p>\n<p>So mag ich die Erz\u00e4hlung um das neu entdeckte Freundschaftsdokument gern in den Kreis der Fioretti aufnehmen. Was daran wahr ist, ist die kritische Haltung, die Franziskus gegen\u00fcber der Kreuzzugsideologie einnahm, und die sich am eindringlichsten in einem Passus seiner Nicht-bullierten Regel (NbR) niederschl\u00e4gt. Dort hei\u00dft es, dass die Br\u00fcder, \u201edie unter den Sarazenen wandeln \u2026 um Gottes willen jeder menschlichen Kreatur untertan sind und bekennen, dass sie Christen sind.\u201c Ein Leben unter der Herrschaft von Nicht-Christen \u2013 Juden wie Muslimen \u2013 war den Christen damals kirchenrechtlich untersagt. In solchen, dem Mainstream sich widersetzenden Anweisungen des Franziskus liegen die Urspr\u00fcnge eines Zusammenlebens in Freundschaft, die Kermani in der Chartula ausgedr\u00fcckt sehen will. K\u00f6nnte man vielleicht sogar in der Formulierung \u201eund bekennen, dass sie Christen sind\u201c einen Bezug auf Sure 5,82 erkennen? \u201eUnd Du wirst sicher finden, dass unter ihnen diejenigen, die den Gl\u00e4ubigen in Liebe am n\u00e4chsten stehen, die sind, welche sagen: \u201aWir sind Christen.\u2018 Dies deshalb, weil es unter ihnen Priester und M\u00f6nche gibt und weil sie nicht hochm\u00fctig sind.\u201c Dann w\u00e4re es die Regel, in der sich ein fr\u00fcher Hinweis auf einen Dialog des Heiligen mit Muslimen findet, den wir im Geist des Heiligen als freundschaftlich imaginieren.<\/p>\n<p>Kermani findet wundersch\u00f6ne Worte, um den Respekt, die Hochachtung und die aufkeimende Freundschaft zweier frommer und humaner M\u00e4nner zwischen den inhumanen und verblendeten Kreuzzugsfronten zu beschw\u00f6ren. Wenn er dagegen \u00fcber den Islam schreibt, zitiert er die Worte einer fast schw\u00e4rmerischen Franziskanerin. Auch darin sehe ich eine zeichenhafte Bedeutung, wie in der Schaffung einer neuen Franziskus-Legende: Den eigenen Glauben im Licht des Andern zu sehen und selber respektvolle Worte f\u00fcr den fremden Glauben zu finden. Dieser Geist spricht auch aus Kermanis Rede bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am 18. November 2015. Es ist dieser Geist der \u201eHochachtung\u201c, in dem die Katholische Kirche in ihrer Konzilserkl\u00e4rung \u201eNostra Aetate\u201c die Muslime betrachtet.<\/p>\n<p>Dass es Franziskus ernst war mit der Achtung vor der anderen Religion, zeigen noch zwei weitere Quellen: Als Franziskus aus dem Orient zur\u00fcckkam, schrieb er einen Brief an die Verantwortlichen seines Ordens sowie mit gro\u00dfer K\u00fchnheit einen weiteren an die \u201eLenker der V\u00f6lker\u201c, also an die Politiker. Darin schl\u00e4gt er, inspiriert von der Erfahrung des Gebetsrufs im Islam, so etwas wie einen gemeinsamen Aufruf zum Gebet der Gl\u00e4ubigen vor, den er sich wohl religions\u00fcbergreifend dachte: \u201eUnd m\u00f6get ihr doch unter dem euch anvertrauten Volk dem Herrn so gro\u00dfe Ehre bereiten, das an jedem Abend durch einen Herold oder sonst ein Zeichen dazu aufgerufen werde, vom gesamten Volk Gottes, dem allm\u00e4chtigen Herrn, Lobpreis und Dank zu erweisen.\u201c<\/p>\n<p>Das Anliegen verhallte ungeh\u00f6rt und bleibt prophetische Mahnung bis heute. Wie sehr Franziskus aus seiner Mystik des alleinigen und einzig guten Gottes Grenzen \u00fcberwinden konnte bezeugt wiederum sein Biograph Thomas von Celano, und es schmerzt heute fast, diesen alten Text zu lesen: \u201eAls ihn eines Tages ein Bruder fragte, warum er auch die Schriften der Heiden und solche, in denen der Name des Herrn nicht stand, so eifrig sammle, antwortete er: \u201aMein Sohn, weil in ihnen die Buchstaben vorkommen, aus denen man den glorw\u00fcrdigsten Namen des Herrn, unseres Gottes, zusammensetzen kann. Auch geh\u00f6rt das Gute, das sich dort findet, nicht den Heiden noch sonst irgendwelchen Menschen, sondern Gott allein, dem jegliches Gute zu Eigen geh\u00f6rt.\u2018\u201c<\/p>\n<p>Bei Franz von Assisi finde ich somit vorgebildet, was das Konzil 1965 in \u201eNostra Aetate\u201c als \u201eHochachtung\u201c gegen\u00fcber den Muslimen ausdr\u00fcckt. Und zwar ist diese Haltung bei Franziskus ganz klar von der Einzigkeit des allein guten Gottes her motiviert, nicht von allgemeiner Menschenfreundlichkeit. Wenn er seinen Br\u00fcdern dann gebietet, in ihrem Leben unter den Muslimen \u201ejeder menschlichen Kreatur untertan zu sein\u201c, so sehe ich darin auch die Haltung der Konversio vorgebildet, die ich eingangs bei Jesus beschrieben habe, die Haltung des mitgehenden H\u00f6rens, die sich nicht \u00fcber sondern unter den andern stellt. Die neueren franziskanischen Beispiele und Dokumente zur interreligi\u00f6sen Begegnung setzten diesen Geist fort.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Der Glaube der anderen: Begegnungen mit dem Glauben von Muslimen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und damit bin ich wieder in der Gegenwart angelangt. Aus den Erfahrungen in der Stadt Jerusalem als Ort interreligi\u00f6ser Aporie und gleichzeitig interreligi\u00f6sen Lernens erwuchs 2011 die Idee des Christlich-Islamischen Theologischen Werkstattseminars in Jerusalem. Der Hintergrund f\u00fcr diese neue M\u00f6glichkeit ist die Entwicklung in Deutschland, wo seit einigen Jahren Studienzentren sowohl islamischer als auch j\u00fcdischer Theologie an deutschen Universit\u00e4ten aufgebaut werden. Deshalb sind auch muslimischen Professorinnen und Professoren an diesem Projekt beteiligt und wir machten Erfahrung in Co-Teaching.<\/p>\n<p>Das Projekt \u201eChristlich-Muslimisches Werkstattseminar Jerusalem\u201c startete im Januar 2012: Wir luden f\u00fcr drei Wochen junge muslimische Theologinnen und Theologen ein, die an den Studienzentren f\u00fcr islamische Theologie an deutschen Universit\u00e4ten studieren oder promovieren, und die christlich-\u00f6kumenische Studiengemeinschaft der Stipendiatinnen und Stipendiaten des Theologischen Studienjahres auf dem Zionsberg erweiterte sich um ein Drittel zu einer interreligi\u00f6sen Lehr- und Lebensgemeinschaft auf Zeit.<\/p>\n<p>Thema der ersten Werkwochen 2012 waren die eschatologischen Vorstellungen in Christentum und Islam. Wir konnten von den konkreten Orten ausgehen, mit denen sich die Vollendungshoffnungen beider Religionen verbinden, und sie uns gegenseitig erschlie\u00dfen: \u00d6lberg und Kidrontal samt den Friedh\u00f6fen, Haram asch-Scharif mit Felsendom und Al-Aqsa, Auferstehungskirche und Heimgang-Mariens-Kirche (Dormitio). Im Lehrsaal studierte man die theologischen Lehren zur Eschatologie, unterwegs tauschte man sich dar\u00fcber aus, was die eigene Glaubenserziehung und -praxis dar\u00fcber beinhaltet. 2014 ging es dann im Seminar \u00fcber das Thema: \u201eStrafe, Pr\u00fcfung oder Preis der Freiheit? Was bedeutet die Erfahrung des Leids f\u00fcr unseren Glauben an Gott?\u201c Dieses Thema bot nicht nur den Anlass, kontrovers \u00fcber Differenzen zwischen beiden Religionen nachzudenken. Vielmehr ging es in dem intertheologischen Gespr\u00e4ch junger religi\u00f6ser Menschen auch darum, innerhalb der je eigenen theologischen und religi\u00f6sen Tradition ihre pers\u00f6nliche Entscheidung f\u00fcr den Glauben an Gott denkerisch zu durchdringen und gleichzeitig nach einer Sprache zu suchen, sie den Gl\u00e4ubigen der anderen Religion, aber auch Zweiflern und Nichtglaubenden in ihrer theologischen und existentiellen Relevanz zu vermitteln.<\/p>\n<p>Die Identit\u00e4ten der Studierenden des Werkstattseminars wurden immer wieder durcheinandergebracht. Jeder war in seiner eigenen Heiligen Stadt und erfuhr sich zugleich darin als Fremder oder Fremde. Evangelische und katholische Christen wurden nicht nur am Betreten von Moscheen gehindert, sondern erfuhren sich auch von orthodoxen einheimischen Christen im Gottesdienst ausgegrenzt. Muslime aus Deutschland wurden von pal\u00e4stinensischen Muslimen f\u00fcr Israelis gehalten und beschimpft, die Frauen wegen ihrer Hosen von Glaubensschwestern bedr\u00e4ngt (diese Erfahrung machten Christinnen und Musliminnen). Nach einem Tag voller Religion war man sich Abends einig: Bier oder Tee trinken ging man am liebsten in der s\u00e4kularen Jerusalemer Weststadt, in die israelischen Lieblingslokale der Studienjahrler mit der Musik, die alle gut fanden.<\/p>\n<p>Stoff f\u00fcr Diskussionen gab nat\u00fcrlich nicht nur die Religion, sondern auch die Politik. Unser gemeinsames Programm beinhaltete auch eine Exkursion entlang des Sicherheitszauns beziehungsweise der Mauer und eine nach Tel Aviv und Jafo. Die gelungensten Begegnungen waren die mit \u00fcberzeugenden Pers\u00f6nlichkeiten, die dem Nahostkonflikt ein Gesicht gaben. Unvergesslich war die Erfahrung, als solch gemischte Gruppe aus Deutschland in einer Synagoge willkommen gehei\u00dfen zu werden, sowie die rituelle Feier des Sabbat mit einer j\u00fcdischen Dozentin und Freundin im H\u00f6rsaal des Studienhauses, neben der kleinen improvisierten Moschee, die im Gemeinschaftsraum der Studierenden eingerichtet worden war.<\/p>\n<p>Nicht nur die Religion war es, die uns dabei ber\u00fchrte, sondern die gelebte Religiosit\u00e4t von Menschen. Die Entdeckung, gemeinsam, wenn auch auf unterschiedlichen Wegen zu dem Ziel unterwegs zu sein, in einer s\u00e4kularen und posts\u00e4kularen Welt die Gottesfrage wach zu halten, war eine von Freude begleitete geistliche \u00dcberraschung. Einer befreundeten Rabbinerin, der ich davon erz\u00e4hlte, bin ich besonders dankbar f\u00fcr ihr mutiges theologisches Wort, dass solchem Geschehen angesichts der wachsenden religi\u00f6sen Intoleranz eine \u201eerl\u00f6sende Dimension\u201c zukomme. Diese Perspektive blieb freilich oft genug eine Hoffnungsdimension, die es angesichts der nicht gelingenden oder verweigerten Begegnung aufrecht zu halten galt. Unduldsamkeit, Fanatisierung und ideologische Instrumentalisierung lassen das Gesicht des anderen Gl\u00e4ubigen verschwinden hinter der zum Feindbild gemachten Religion und entstellen das eigene Gesicht bis zur Unkenntlichkeit im Hass. Diese Entstellung der Religion habe ich oft genug gesehen. Gleichzeitig bin ich bisher noch nie so vielen unterschiedlichen Menschen begegnet, die sich der Logik der Gewalt in Denken und Handeln widersetzen.<\/p>\n<p>Wir Christen waren beeindruckt von der Konsequenz und Regelm\u00e4\u00dfigkeit, mit der die Muslime beteten, zur Not auch auf dem Busparkplatz bei der Exkursion. Als wir eines Abends in unserem kleinen Wohnzimmer, das den Muslimen tags\u00fcber als Gebetsraum diente, zusammensa\u00dfen und diskutierten, erklangen die Glocken der Abtei zum Nachtgebet, der Komplet. Darauf standen einige der christlichen Studierenden auf, um hin\u00fcber in die Kirche zu gehen \u2013 das Studienhaus liegt auf dem Gel\u00e4nde der Benediktinerabtei, die es beherbergt. Die Muslime verstanden nicht und fragten besorgt, ob sie in der Diskussion jemanden gekr\u00e4nkt h\u00e4tten. \u201eNein, die gehen nur beten\u201c, war die Antwort. Die Muslime hatten schon oft die Glocken geh\u00f6rt \u2013 aber noch nie gesehen, dass ein Christ tats\u00e4chlich aufstand, um dann zu beten.<\/p>\n<p>Ich erz\u00e4hle das deshalb, weil es eine durchg\u00e4ngige Erfahrung in der interreligi\u00f6sen Begegnung ist, dass die Religion trennt, die Religiosit\u00e4t jedoch verbinden kann. Nat\u00fcrlich stie\u00dfen wir immer wieder an Grenzen, an tiefe Unterschiede in unseren Religionen, die uns gerade nach langen theologischen Diskussionen umso ratloser zur\u00fccklie\u00dfen. Und auch die christlichen Studierenden waren keineswegs immer einer Meinung. Dankbar waren wir f\u00fcr die grundlegende Vorgabe des Zweiten Vatikanischen Konzils, das in der Dogmatischen Konstitution \u00fcber die Kirche \u201eLumen Gentium\u201c festh\u00e4lt, dass der Heilswille Gottes \u201eauch die (umfasst), welche den Sch\u00f6pfer anerkennen, unter ihnen besonders die Muslime, die sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am J\u00fcngsten Tag richten wird.\u201c Es ist der erlebte Glaube der Anderen, der es zum geistlichen Anliegen macht, f\u00fcr das Heil der Anderen gl\u00e4ubig zu hoffen und zu beten, und dies nicht leichtfertig, sondern in eschatologischem Ernst. Das habe ich bei Christen wie bei Muslimen so erlebt.<\/p>\n<p>Einige von Ihnen kennen vermutlich den Film \u201eVon Menschen und G\u00f6ttern\u201c, \u00fcber die franz\u00f6sischen Trappisten in Algerien, die 1996 get\u00f6tet wurden. Er zeigt auf eindringliche und unaufdringliche Weise ihren Dialog des Lebens, des Gebets, des Dienens und der Freundschaft im muslimischen Algerien, ihren tiefen Respekt vor dem Glauben des Islam, ihr Ringen mit der Angst in der wachsenden Bedrohung und ihr Hineinwachsen in die Bereitschaft, ihr Leben hinzugeben. Im Testament des Priors, Christian de Cherg\u00e9, dr\u00fcckt er seine Sehnsucht aus, mit dem Blick Gottes, des Vaters, \u201eseine Kinder aus dem Islam\u201c zu betrachten, \u201eund zwar so, wie er sie sieht: ganz erleuchtet von der Herrlichkeit Christi, auch sie Fr\u00fcchte seines Leidens, angetan mit den Gaben des Geistes, dessen tiefverborgene Freude immer die sein wird, die Gemeinschaft zu begr\u00fcnden und die \u00c4hnlichkeit wiederherzustellen, indem er mit all den Unterschieden unter den Menschen spielt.\u201c<\/p>\n<p>Diese S\u00e4tze gehen mir nach, seit ich sie zum ersten Mal las. Vor einiger Zeit hatte ich im Rahmen eines Austauschprogramms mit der \u201eUniversit\u00e4t der Religionen und Rechtsschulen\u201c (Adjan-Universit\u00e4t) in Qom im Iran die Gelegenheit, einen bedeutenden schiitischen Geistlichen und Gelehrten zu treffen. Ich hatte in unserem kurzen Gespr\u00e4ch den Eindruck, dass er ein weiser und gl\u00e4ubiger Mann sei und stellte ihm die Frage von Christan de Cherg\u00e9: Wie sieht Gott seine Kinder, die Christen und die Muslime? Er antwortete mir mit einer Prophetengeschichte: Ein Mann fragte den Propheten Mohammad, wie Gott sei. Wie ein Vater liebe er seine Kinder, und noch viel mehr, war die Antwort. Das unruhige Gewissen des Fragenden gab sich nicht zufrieden: Warum bestraft Gott seine Kinder dann? Bohrte er nach. Die Antwort, mit der die Geschichte offen schlie\u00dft: Wer hat gesagt, dass ich sie bestrafe?<\/p>\n<p>Ich war \u00fcberrascht und ber\u00fchrt: Im Kontext meiner Frage nach den Religionen konnte die Strafe nur die ewige Strafe meinen \u2013 die Unm\u00f6glichkeit, das Paradies erlangen zu k\u00f6nnen. Das hatte ich, im Blick auf Nicht-Muslime, auf fundamentalistischen Plakaten in Jerusalem nicht nur einmal gelesen. Nun sagte dieser Gelehrte dies mit Bedacht gerade nicht. Die Geschichte l\u00e4sst es vielmehr offen! Das erinnerte mich an Jesus, der ja auch auf die Frage, ob es nur wenige seien, die gerettet w\u00fcrden, keine Antwort gab, sondern seine J\u00fcnger auf ihren eigenen Weg verweist: M\u00fcht ihr euch mit allen Kr\u00e4ften, durch die enge Pforte zu kommen. Dieser Spur ist das Konzil gefolgt, wenn es die Frage des Heils f\u00fcr Nicht-Christen ausdr\u00fccklich \u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Zum Schluss bat der muslimische Geistliche mich, die ich als franziskanische Schwester besonders mit Gott verbunden sei, um mein Gebet. Das nehme ich seither ernst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Der Glaube der Anderen: das Zeichen der Zeit heute<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Glaube der Anderen \u2013 das Zeichen der Zeit heute. Christoph Theobald geht sogar noch einen Schritt weiter und bezieht nicht nur gl\u00e4ubige, sondern explizit auch die religionslosen, eventuell indifferenten Menschen in dieses Zeichen mit ein. Dem entspricht es, wenn im Friedensgebet in Assisi 2011 neben den Vertretern und Vertreterinnen der Weltreligionen auch vier Vertreterinnen und Vertreter der Nicht-Gl\u00e4ubigen und Indifferenten zu Wort kamen. F\u00fcr Theobald ist grunds\u00e4tzlich der \u201eGlaube des Anderen\u201c das Zeichen der Zeit, den es zu entdecken und zu deuten gilt: \u201eder Glaube des Anderen, in seiner dem B\u00f6sen sich widersetzenden und die Menschen zusammenbringenden Lebenskraft, die bewunderungsw\u00fcrdig ist.\u201c<\/p>\n<p>Dem ist nichts hinzuzuf\u00fcgen \u2013 au\u00dfer das Gebet, und dieses, wenn es geschenkt wird wie in der Paulskirche am 18. November 2015, auch gemeinsam.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jerusalemer Erfahrung &nbsp; Ich w\u00fcrde gerne etwas mit Ihnen teilen, was ich in den letzten sechs Jahren gelernt habe; vier davon (2009-2013) habe ich in Jerusalem gelebt und dort das Theologische Studienjahr geleitet, ein \u00f6kumenisches Studienprogramm f\u00fcr Theologiestudierende der Evangelischen und Katholischen Theologie an der Dormition Abbey. 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