{"id":120908,"date":"2026-03-23T10:37:04","date_gmt":"2026-03-23T09:37:04","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=120908"},"modified":"2026-03-23T10:37:04","modified_gmt":"2026-03-23T09:37:04","slug":"die-rolle-der-geschlechter-im-buddhismus","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/die-rolle-der-geschlechter-im-buddhismus\/","title":{"rendered":"Die Rolle der Geschlechter im Buddhismus"},"content":{"rendered":"<p>Ich m\u00f6chte meinen Vortrag mit drei Thesen, einer guten Nachricht und einer Frage beginnen.\u00a0 Erstens: Religionen sind so unreflektiert, naiv und m\u00e4nnerlastig oder so reflektiert und frauenfreundlich und offen f\u00fcr soziale und kulturelle Ver\u00e4nderungen und Zeitgeist wie das Gros der Frauen und M\u00e4nner, die ihr folgen und sie organisieren. Zweitens: Menschen sind konservativ und ver\u00e4ndern sich nur langsam. Drittens: Institutionen sind noch konservativer als Menschen und ver\u00e4ndern sich noch langsamer.<\/p>\n<p>Die gute Nachricht f\u00fcr alle, die unter bestimmten Vorstellungen und Bedingungen leiden: Es gibt Umbruchzeiten und Zeitfenster, wo vieles m\u00f6glich ist und sich manches ver\u00e4ndert. Allerdings kann man anderen neue Perspektiven nicht aufzwingen, sondern sie nur dazu inspirieren. Meine zentrale Frage zum Thema Geschlechterrollen: Welches Menschenmodell steht hinter allgemeinen und spezifischen Aussagen und Rollen, \u00dcbungen, Lehren und Ritualen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Das allgemeine Modell ist der Mann<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Eine erste Antwort auf diese Frage lautet: Das allgemeine Modell in Gesellschaft und Religion ist heute noch \u2013 meist der Mann.\u00a0 Der Mensch \u201ean sich\u201c ist m\u00e4nnlich. Wenn ich das dtv-Lexikon von 1995 (!) unter dem Stichwort Mensch aufschlage, finde ich zum Beispiel das anatomische Bild eines Mannes. Und unter dem Stichwort Frau werden die Unterschiede und Abweichungen zum m\u00e4nnlichen \u201eStandard\u201c-K\u00f6rper genannt. Das allgemeine Modell ist der Mann. In vielen Sprachen gibt es nur ein Wort f\u00fcr Mensch und Mann, so etwa im Englischen und Franz\u00f6sischen, engl. man, frz. l\u00b4homme, und selbst das deutsche Wort Mensch ist abgleitet vom Adjektiv \u201em\u00e4nnisch\u201c, also \u201em\u00e4nnlich\u201c.<\/p>\n<p>Das ist nicht nur eine kleine philologische Bemerkung, sondern das hat sehr gro\u00dfe soziale und politische Folgen. So dauerte es in der Franz\u00f6sischen Revolution einige Jahre, bis es auch den M\u00e4nnern auffiel, allerdings erst auf den nachdr\u00fccklichen Hinweis einer Frau, Olympe de Gouges, dass die Menschenrechte, les droits de l\u00b4homme, nur die Rechte der besitzenden M\u00e4nner formulierten und Frauen implizit und explizit genauso ausschlossen wie besitzlose M\u00e4nner.<\/p>\n<p>Sprache ist immer Ausdruck eines bestimmten Bewusstseins, und sie steht daher auch im Dienst der Ansichten \u00fcber die Rolle von M\u00e4nnern und Frauen. Im Deutschen lautet der grammatisch korrekte Plural einer Versammlung von 99 Lehrerinnen und einem Lehrer immer noch \u201eLehrer\u201c. Die Journalistin Luise F. Pusch schlug in den 1970ern vor, zum Ausgleich daf\u00fcr, einige Jahre prim\u00e4r den weiblichen Plural zu verwenden. Ein Echo dieser Forderung ist das gro\u00dfe I, mit dem in manchen Texten darauf hingewiesen wird, dass eine bestimmte Gruppe M\u00e4nner und Frauen umfasst. Es dauerte bis in die 1980er, bis sich der deutsche \u201eLehrerkalender\u201c in den \u201eKalender f\u00fcr Lehrerinnen und Lehrer\u201c verwandelte.<\/p>\n<p>Frauen kommen nat\u00fcrlich auch in Zeitungen und B\u00fcchern vor, aber immer noch eher als \u201edas Andere\u201c des Mannes, als seine \u201ebessere H\u00e4lfte\u201c, als Gehilfin beziehungsweise heute als seine Assistentin.<\/p>\n<p>Bei jeder allgemeinen Aussage \u00fcber Menschen, die mir auff\u00e4llt, ob in religi\u00f6sen oder weltlichen Beitr\u00e4gen in Film, Funk und Fernsehen, in Zeitungen, Zeitschriften oder B\u00fcchern, frage ich: \u201eWelches Menschenmodell steht dahinter?\u201c Bezogen auf die \u201eGeschlechterrollen in Christentum und Buddhismus\u201c stelle ich dieselbe Frage an buddhistische Texte, wenn sie allgemeine Aussagen \u00fcber Menschen formulieren, und ganz besonders an \u00dcbungen, die uns dabei unterst\u00fctzen wollen, unsere Ansichten \u00fcber uns und die Welt und unsere emotionalen Muster und Verhaltensweisen zu hinterfragen.<\/p>\n<p>Bevor ich unterschiedliche Perspektiven des Buddhismus auf die Rolle von Frauen und M\u00e4nnern zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen L\u00e4ndern beschreibe, m\u00f6chte ich meinen Weg zum Buddhismus und meine Haltung dazu kurz skizzieren. Denn ich geh\u00f6re zur \u201egolden generation\u201c, die in den sp\u00e4ten 1960er, 1970er und fr\u00fchen 1980er erwachsen wurde, als ein Zeitfenster f\u00fcr Ver\u00e4nderungen\u00a0 in vielen Bereichen des Lebens sperrangelweit offen stand.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Eine Feministin in Indien und Nepal<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich dem Buddhismus im Sommer 1977 im nordindischen Dharamsala \u2013 dem Sitz der tibetischen Exilregierung, in dem sich auch das Kloster des Dalai Lama befindet \u2013 begegnete, war ich 28 Jahre alt. Ich hatte drei Ideologien hinter mir: Katholizismus, linke Studentenbewegung ab 1968 und Frauenbewegung ab 1972. Meine ziemlich gl\u00fcckliche katholische Kindheit im liberalen S\u00fcdbaden endete nach einigen K\u00e4mpfen in der Pubert\u00e4t, da Religionslehrer und diverse Beichtv\u00e4ter mit meinen vielen Fragen wenig anfangen konnten. Ich konnte als aufgekl\u00e4rtes M\u00e4dchen mit 13, 14 Jahren weder daran glauben, dass Maria als Jungfrau schwanger werden konnte, noch dass die katholische Kirche den einzigen Weg zum Heil weisen k\u00f6nne. Schlie\u00dflich war meine Familie bis zu den Urgro\u00dfeltern \u201egemischt\u201c, und auch in unserem kleinen Schwarzwaldst\u00e4dtchen lebten Katholische und Evangelische friedlich zusammen. Jeder neue Priester oder Pfarrer, Vikar oder Kaplan musste au\u00dferdem akzeptieren, dass die alemannische \u201eFasent\u201c (Fastnacht, Karneval) die wichtigste Jahreszeit und das h\u00f6chste Fest des Jahres in unserer Gegend waren. Die einzige konsistente Antwort auf meine Fragen an die Vertreter der Kirche lautete damals: \u201eWenn du einen Stein aus dem Geb\u00e4ude der christlichen Lehren herausbrichst, bricht das ganze Geb\u00e4ude zusammen\u201c. Und genau so geschah es auch.<\/p>\n<p>Nach dem Abitur begann ich im Herbst 1968 (!) mit dem Studium in Heidelberg und ich habe nach meiner Erinnerung kein einziges Semester ohne studentische Streiks und selbstorganisierte Seminare erlebt. Ich fand es gut, dass sich meine Generation nicht nur f\u00fcr kritische Reflexion von Lehrinhalten, sondern auch f\u00fcr die Unterdr\u00fcckten und Benachteiligten einsetzten. Ich arbeitete ein paar Semester in der evangelischen Studentengemeinde mit, die zur Hausaufgabenbetreuung bei Kindern von Obdachlosen und randst\u00e4ndigen Familien einlud. Mit der Zeit ging mir allerdings die Arroganz und Besserwisserei der linken M\u00e4nner auf den Geist, die die Frauenfrage als Nebenwiderspruch abqualifizierten, und ich begann mich mit Gestalttherapie und Wilhelm Reich zu besch\u00e4ftigen, in der Hoffnung auf umfassendere und weniger patriarchale Befreiungsm\u00f6glichkeiten aus kulturellen und sozialen Zw\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Nach meinem Wechsel an die Freie Universit\u00e4t in Berlin zum Sommersemester 1972 hatte ich das Gl\u00fcck, der neuen Frauenbewegung zu begegnen. 1970\/71 hatte sich die letzte Rote Zelle der FU Berlin aufgel\u00f6st, die Rote Zelle Slawistik (RotZSlaw), und ich war im Sommersemester 1972 dabei, als sich die dritte Kraft neben DDR-orientierten ADSen und China-orientierten Maoisten konstituierte. Wir nannten uns Studentenkollektiv, und in dieser Gruppe der \u201estrickenden M\u00e4nner und starken Frauen\u201c, wie wir von den \u201ewahren\u201c Linken manchmal absch\u00e4tzig genannt wurden, war die Mehrzahl an einer kritischen Reflexion der Frauen- und M\u00e4nnerrolle interessiert.<\/p>\n<p>1975 schloss ich mein Studium f\u00fcr das Lehramt an Gymnasien in den F\u00e4chern Politik und Russisch ab, bekam aber keine Referendarstelle in Berlin. Statt an einem Gymnasium zu unterrichten gab ich Deutschkurse f\u00fcr Aussiedler aus dem \u201eOstblock\u201c, die nach dem Abschluss der Ostvertr\u00e4ge nach Berlin str\u00f6mten: Das waren vor allem Deutschpolen aus Oberschlesien, russische Juden und Siebenb\u00fcrger Sachsen aus Rum\u00e4nien. Die Mischung aus Sprachunterricht und Hilfe bei der Integration dieser Menschen in unser wildes Westberlin forderte mich sehr heraus und machte viel Spa\u00df.<\/p>\n<p>Ich bin dem Schicksal immer noch dankbar, dass ich damals keine Referendarstelle bekommen habe, und damit frei war, im Sommer 1977 nach Indien zu reisen. Der zentrale Grund daf\u00fcr war eine leise Unzufriedenheit mit meinem materiell und menschlich gelungenen Leben, mit einer interessanten Arbeit, preiswerter Altbauwohnung, guten Freundinnen und Freunden. Etwas fehlte in meinem Leben. Etwas, das ich erst nach meiner Begegnung mit dem Buddhismus in Dharamsala als die spirituelle, religi\u00f6se oder transzendente Dimension erkannte. Zum Gl\u00fcck lernte ich den Buddhismus in Indien und Nepal zu einer Zeit kennen, als sich zumindest einige tibetische Lamas in einem Umbruch befanden und nach neuen Wegen suchten, ihre alte und bew\u00e4hrte Religion neu zu formulieren. Ich begann mich mit Buddhismus zu befassen, als ein Zeitfenster weit ge\u00f6ffnet war. In mir, im Westen und in Indien.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Indien und Nepal<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da ich bereits drei Ideologien kennengelernt und sie als zu eng hinter mir gelassen hatte, war ich nicht auf der Suche nach einer neuen Ideologie, um sie gl\u00e4ubig zu \u00fcbernehmen. Meine tibetischen Lamas waren offen f\u00fcr alle, die etwas \u00fcber Buddhismus lernen wollten, auch f\u00fcr kritisches Hinterfragen und es gab keine Barrieren f\u00fcr Frauen, nicht im Lehren und Lernen und nicht f\u00fcr die \u00dcbernahmen von Aufgaben. Da ich nicht Nonne werden wollte, war die Frage nach der vollen Ordination f\u00fcr Frauen damals kein Thema f\u00fcr mich. Im Umfeld meines Lehrers Lama Thubten Yeshe (1935-1984) begegnete ich vielen starken Frauen, auch aus der westlichen Frauenbewegung, aus Deutschland, Australien und Neuseeland. Er hatte 1969 zusammen mit Thubten Zopa Rinpoche (geb.1946) und mit westlichen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern, darunter auch ein Schauspieler der Berliner Schaub\u00fchne, den ich 1980 in Berlin zuf\u00e4llig (!) kennenlernte, das Kloster Kopan in der N\u00e4he von Kathmandu gegr\u00fcndet. Es gab damals ein Zeitfenster f\u00fcr Frauen im Buddhismus, in Asien und im Westen, und ich war \u201eGott sei dank\u201c mittendrin dabei.<\/p>\n<p>Die Leitung seines ersten Zentrums im Westen, Chenrezig Institute in Australien, \u00fcbergab Lama Yeshe 1974 einer kanadischen Nonne, Ann McNeil (1933-2015), die sp\u00e4ter auch meine Lehrerin wurde. Anfang 1979 bat mich eine franz\u00f6sische Nonne bei Lama Yeshes allererstem Maha-Anuttara-Tantra-Kurs im Kloster Kopan zu meiner Lieblings-Buddha-Gestalt, der Gr\u00fcnen Tara, den Kurs zu begleiten und die Meditationen und Austauschgruppen anzuleiten. Das gab mir Gelegenheit zu vielen spannenden Gespr\u00e4chen mit Lama Yeshe auch \u00fcber die Rolle und Bedeutung von Frauen und weiblicher Buddhas auf dem Weg.<\/p>\n<p>Eineinhalb Jahre sp\u00e4ter, im Herbst 1980, ernannte er mich bei seinem zweiten Deutschland-Besuch \u2013 er war 1978 in der Schweiz gewesen und 1979 in der N\u00e4he von M\u00fcnchen \u2013 zur Direktorin seines ersten deutschen Zentrums im niederbayrischen J\u00e4gerndorf. 1984 wurde ich im zarten Alter von knapp 35 Jahren zur Vizepr\u00e4sidentin des buddhistischen Dachverbandes Deutsche Buddhistische Union (DBU e.V.) gew\u00e4hlt. Im M\u00e4rz 1993 durfte von meinen m\u00e4nnlichen Kollegen als explizit feministisch-buddhistische Lehrerin eingeladen, an der ersten Internationalen Konferenz westlicher Buddhistischer Lehrerinnen und Lehrer mit dem Dalai Lama in Dharamsala teilzunehmen. Dort leitete ich f\u00fcr den Dalai Lama und meine westlichen Kolleginnen und Kollegen eine Meditation an: \u201eStellen Sie sich vor, Sie sind ein Mann\u2026 und zwar in einer von Frauen dominierten buddhistischen Welt\u201c. Er staunte und meinte, so habe er das noch nie gesehen. Einige meiner m\u00e4nnlichen Kollegen sagten mir hinterher, jetzt verst\u00fcnden sie zum ersten Mal die vielen Fragen der Frauen nach der Bedeutung der Geschlechter in Religion und Gesellschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Ansichten und Meinungen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich wiederhole noch einmal meine Thesen vom Anfang: Erstens: Religionen sind so unreflektiert, naiv und m\u00e4nnerlastig oder so reflektiert und frauenfreundlich und offen f\u00fcr soziale und kulturelle Ver\u00e4nderungen und Zeitgeist wie das Gros der Frauen und M\u00e4nner, die ihr folgen und sie organisieren. Zweitens: Menschen sind konservativ und ver\u00e4ndern sich nur langsam. Drittens: Institutionen sind noch konservativer als Menschen und ver\u00e4ndern sich noch langsamer. Und die gute Nachricht: Es gibt Umbruchzeiten und Zeitfenster, wo vieles m\u00f6glich ist. Dazu vier Beispiele aus der Geschichte des Buddhismus in Indien, China und Tibet.<\/p>\n<p><strong>Die erste Frauendemonstration der Geschichte<\/strong>: Der fr\u00fche Buddhismus war in den ersten Jahren eine anziehende und anregende Religion\u00a0 vor allem f\u00fcr M\u00e4nner. M\u00e4nner aus allen Kasten lie\u00dfen sich ordinieren, und die Frauen blieben wie immer zu Hause und h\u00fcteten Haus und Herd, durchaus gesch\u00e4tzt als Laienanh\u00e4ngerinnen und gro\u00dfz\u00fcgige Sponsorinnen f\u00fcr die neuen Bettelm\u00f6nche. Und in diese Zeit f\u00e4llt die erste schriftlich dokumentierte Frauendemonstration der mir bekannten Geschichte, zu Lebzeiten des Buddha, im f\u00fcnften vorchristlichen Jahrhundert, in Indien (!).\u00a0 Das betonte \u2013 mit einem freundlichen Blick zu mir \u2013 der Nachfolger von Lama Anagarika Govinda, Advayavajra (Dr. Karl-Heinz Gottman) 1995 auf einer DBU-Tagung in M\u00fcnchen. Die Mutter des sp\u00e4teren Buddha, K\u00f6nigin Maya (w\u00f6rtlich Schein), war bei seiner Geburt gestorben, nach Ansicht einiger \u00f6stlicher und westlicher Buddhismus-Kenner vermutlich aus dem Grund, dass ein Scho\u00df, der einen geistlichen Weltenlehrer dieses Formats geboren hat, nicht von weiterem Geschlechtsverkehr befleckt werden darf. Eine interessante These, die mehr \u00fcber die Einstellungen dieser M\u00e4nner besagt als \u00fcber die Umst\u00e4nde der Geburt das Buddha.<\/p>\n<p>Die Schwester seiner Mutter zog Siddhartha Gautama, den sp\u00e4teren Buddha, auf, und diese Stiefmutter, Mahaprajapati, bat den Buddha um die Erlaubnis zur Ordination als Frau. Da er das ablehnte, wohl aus R\u00fccksicht auf die konservative Einstellung seiner M\u00f6nche und ihrer Zeitgenossen, fasste Mahaprajapati einen Entschluss mit gro\u00dfen Folgen f\u00fcr uns alle heute noch. Sie f\u00fchrte eine Gruppe von 500 Frauen an, die ebenfalls ordiniert werden wollten und sich alle in Roben gekleidet hatten, und wanderte mit ihnen zu Fu\u00df zu dem Ort, an dem sich der Buddha damals aufhielt. Dreimal bat sie ihn im Namen all dieser Frauen um die Erlaubnis zu Ordination. Nach altem indischem Brauch muss ein Lehrer, der dreimal ernsthaft um ein sinnvolles und ethisch verantwortbares Anliegen gebeten wird, dem zustimmen, und so geschah es. Der Buddha gab ihnen, nach einigem Z\u00f6gern, diese Erlaubnis, best\u00e4rkt durch die F\u00fcrsprache seines Cousins und Dieners Ananda f\u00fcr die Frauen.<\/p>\n<p>Es lohnt sich also f\u00fcr Frauen, wenn sie etwas wirklich wollen, dieses Ziel auch nachdr\u00fccklich und geduldig, kreativ, h\u00f6flich und mit heiliger Sturheit zu verfolgen. Das ist zwar noch keine Garantie f\u00fcr Erfolg, aber wenn der rechte Zeitpunkt gekommen ist und die notwendigen Bedingungen da sind, kann auch das scheinbar Unm\u00f6gliche Wirklichkeit werden. Man kann es zumindest immer wieder versuchen. Das ist meine erste Lehre aus der Geschichte des Buddhismus: Gemeinsam\u00a0 k\u00f6nnen wir etwas ver\u00e4ndern, wenn wir klug und h\u00f6flich, mitf\u00fchlend und mit heiliger Sturheit unsere Anliegen vertreten.<\/p>\n<p><strong>Mahayana eins: Naives Mitgef\u00fchl und kluge Frauen<\/strong>. Im chinesischen und japanischen Mahayana wird Amitabha Buddha, der Buddha des Westlichen Paradieses verehrt. Er verspricht in einem langen Wunschgebet mit vielen Versen, allen, die ihn mit seinem Mantra anrufen, eine Wiedergeburt in seinem Reinen Land. Ein Vers widmet sich dem Schicksal der Frauen und besagt, dass sein Reines Land so rein ist, dass es dort keine Frauen geben wird. Da Frauen auf Erden schwer benachteiligt sind, k\u00f6nnen sie allerdings f\u00fcr eine m\u00e4nnliche Wiedergeburt beten, und dann, ohne soziale und zus\u00e4tzliche spirituelle Probleme, die mit einer weiblichen Existenz verbunden sind, Erleuchtung erlangen.<\/p>\n<p>Hinter diesem guten Wunsch des Buddha Amitabha steht keineswegs Frauenverachtung, sondern tiefes Mitgef\u00fchl f\u00fcr das schwere Los der Frauen, in einer Region und einer Zeit, in der man sich soziale Ver\u00e4nderungen, die das Los der Frauen verbessern k\u00f6nnten, nicht vorstellen konnte. In S\u00fcdchina, wo es auch heute noch (!) Reste mutterrechtlicher Sozialstrukturen gibt, rezitierten chinesische Nonnen diesen Vers einfach nicht mehr. Sie machten keinen Aufstand, sondern h\u00f6rten auf, etwas f\u00fcr sie Unsinniges zu rezitieren. Ich interpretiere das als gro\u00dfe Klugheit. Sie erkannten die Zeitbedingtheit dieses Verses und wussten daher, dass ihr Geschlecht kein Hindernis f\u00fcr vollst\u00e4ndiges Erwachen ist. Sie zeigten mit ihrer klugen Haltung auch gro\u00dfes Mitgef\u00fchl f\u00fcr M\u00e4nner und Frauen in anderen Regionen Chinas, die Erbrecht und \u00f6ffentlichen Status f\u00fcr Frauen leider noch nicht oder nicht mehr kannten.<\/p>\n<p>Das ist meine zweite Lehre aus der Geschichte des Buddhismus: Wir m\u00fcssen unsinnige Aussagen nicht ernst nehmen, ihnen nicht glauben. Alle Aussagen sagen mehr \u00fcber die aus, die sie machen oder gemacht haben, als \u00fcber die Menschen und Umst\u00e4nden, \u00fcber die sie sprechen.<\/p>\n<p><strong>Mahayana zwei: M\u00e4nner lernen von Frauen<\/strong>. Im dritten Jahrhundert n. Chr. erscheint in S\u00fcdindien ein Sutra \u00fcber die M\u00f6glichkeit zu erwachen, \u00fcber Buddha-Natur, verfasst von K\u00f6nigin Srimala. Ihr Mann folgte der Religion der Verden, denn seine Untertanen waren Hindus. K\u00f6nigin Srimala hatte viel Freiraum, wandte sich dem Buddhismus zu, studierte, \u00fcbte und lehrte ihn und f\u00f6rderte die buddhistischen M\u00f6nche. Da nur M\u00f6nche damals Sutren schreiben konnten, geht die Buddhismus-Kennerin, Autorin und Lehrerin Shenpen Hookham davon aus, dass die M\u00f6nche die Lehren der K\u00f6nigin Srimala so sehr sch\u00e4tzen, dass sie das Sutra in ihrem Namen schrieben.<\/p>\n<p>Sehr viel bekannter als das Sutra der K\u00f6nigin Srimala ist in der indischen und tibetischen Tradition allerdings der Kommentar zu diesem Sutra von Maitreya, das Uttaratantrashastra, das Sutra des H\u00f6chsten Tantra. Immerhin konnte eine beliebte und geachtete K\u00f6nigin im dritten nachchristlichen Jahrhundert in S\u00fcdindien Buddhismus lehren und ihre Lehren wurden von M\u00f6nchen weiter verbreitet. Zum Gl\u00fcck wurden diese wunderbaren Lehren \u00fcberliefert. Das wird m\u00f6glich, wenn Frauen sich intensiv mit dem besch\u00e4ftigen, was ihnen am Herzen liegt, es lehren und Frauen und M\u00e4nner damit so inspirieren, dass einige dieser klugen und lernbereiten M\u00e4nner ihre Lehren wider aller sozialen Br\u00e4uche weitergeben. Frauen brauchen Mut, wenn sie neue Wege gehen, und sie brauchen auch Unterst\u00fctzung. Diese Unterst\u00fctzung bekommen sie eher, wenn sie freundlich, h\u00f6flich und mit heiliger Sturheit ihren Weg gehen.<\/p>\n<p>Das ist meine dritte Lehre aus der Geschichte des Buddhismus: Wenn sich Frauen mit etwas befassen, was ihnen am Herzen und was auch f\u00fcr andere gut ist, werden sie Unterst\u00fctzung finden, auch in schwierigen Zeiten und auch bei M\u00e4nnern ihrer Zeit.<\/p>\n<p><strong>Die Gr\u00fcne Tara und die Bedingtheit der Geschlechterrollen<\/strong>: Nach indischer und tibetischer \u00dcberlieferung lebte zur Zeit des Buddha Trommelklang eine indische Prinzessin mit dem Namen Mondengleiche Weisheit, Skrt. Jnana Chandra, tib. Yeshe Dawa. Sie f\u00f6rderte die buddhistischen M\u00f6nche mit unermesslich vielen Gaben und sammelt damit unendlich viele Verdienste an, die sie schlie\u00dflich bef\u00e4higten, ihre n\u00e4chste Wiedergeburt frei zu w\u00e4hlen. Sie unterlag daher nicht mehr den Zw\u00e4ngen ihres Karma, das uns nach indischer Auffassung alle in eine bestimmte Familie und Kultur schleudert, die zu unseren eingefahrenen Gewohnheiten passen. Damals wie heute machte diese frohe Botschaft schnell die Runde und eine Abordnung dankbarer M\u00f6nche kam zu ihrem Palast und begl\u00fcckw\u00fcnschte sie zu ihrer spirituellen Macht\u2013 und sie rieten ihr, sich f\u00fcr ein k\u00fcnftiges Leben als Mann zu entscheiden. Das lag in der Logik ihrer Lebenserfahrung, denn Frauen hatten es eindeutig schwerer in der Gesellschaft und die M\u00f6nche trauten Frauen nicht zu, Erleuchtung zu erlangen. Seit tausend Jahren wird in der tibetischen Tradition ihre \u00fcberraschende Antwort \u00fcberliefert, und als ich Taras Legende im Sommer 1977 in Dharamsala zum ersten Mal h\u00f6rte, \u00f6ffnete sich mein Herz f\u00fcr den Buddhismus.<\/p>\n<p>Prinzessin Mondengleiche Weisheit lehnte die Empfehlung der M\u00f6nche h\u00f6flich und freundlich ab, mit dem Hinweis auf die Leerheit aller Ph\u00e4nomene von allem, was wir dar\u00fcber denken. Sie wies darauf hin, dass auch die Geschlechterrollen und ihre Bewertung bedingt durch Umst\u00e4nde und Zeit entstehen und legte das Gel\u00fcbde ab, von nun an immer als Frau zu inkarnieren und als Frau zu erwachen. Als Vorbild und Inspiration f\u00fcr Frauen \u2013 und f\u00fcr M\u00e4nner. Um ihnen zu zeigen: Auch Frauen k\u00f6nnen erwachen. Und das tat sie der Legende nach auch. Sie wurde dann Tara genannt, die Befreite und die Befreierin, von Skrt. tri, urspr\u00fcnglich schwimmen, hin\u00fcberschwimmen, daher metaphorisch \u201eBefreiung erlangen\u201c und \u201ebefreien\u201c, denn wer befreit ist, kann auch andere zur Befreiung inspirieren. Ich \u00fcbersetze ihren Namen auch gerne mit \u201eFreie Frau\u201c.<\/p>\n<p>Was auch immer der historische Gehalt dieser Legende ist, sie ist ein Hinweis darauf, dass es wohl schon vor weit \u00fcber tausend Jahren in Indien Frauen gab, die die teilweise noch heute herrschenden Lehren von der Unf\u00e4higkeit der Frauen zu erwachen, in Frage stellten. Noch immer inspiriert die Legende der Gr\u00fcnen Tara viele Frauen. Auch im Westen.<\/p>\n<p>Das ist meine vierte Lehre aus der Geschichte des Buddhismus: Wenn wir selbst den Weg gehen und Einsichten gewinnen, haben wir auch das Selbstbewusstsein, enge Sichtweisen zu hinterfragen und die Klugheit, sie zu dekonstruieren, vielleicht sogar ihre Anh\u00e4nger zu einer neuen und offeneren Perspektive zu ermutigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Sechs Beziehungen und eine Einsicht<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch heute leben wir in einer Umbruchzeit, in der vieles m\u00f6glich ist. \u201eWenn Frauen wollen, dass sich etwas ver\u00e4ndert, m\u00fcssen sie es selber tun, das tut keiner f\u00fcr sie\u201c. So hat es 1989 die deutsche Nonne Ayya Khema formuliert, als ich sie f\u00fcr die buddhistische Zeitschrift \u201eLotosbl\u00e4tter\u201c interviewte (heute: Buddhismus Aktuell). Wir k\u00f6nnen einiges ver\u00e4ndern. Daf\u00fcr braucht es allerdings viel Humor, Selbstvertrauen \u2013 und noch viel mehr Geduld. Und sehr viel Mitgef\u00fchl f\u00fcr die M\u00e4nner, die nach tausenden Jahren des Patriarchats nicht mehr ungebrochen sozial privilegiert und von Frauen bewundert werden.<\/p>\n<p>Eine gro\u00dfe Hilfe auf diesem anspruchsvollen Weg, eigene Anliegen zu vertreten, mit Mitgef\u00fchl f\u00fcr die Anliegen von anderen sind gute Beziehungen zum eigenen und zum anderen Geschlecht und eine zentrale Einsicht. Die Einsicht, die die Prinzessin Mondengleiche Weisheit den M\u00f6nchen erl\u00e4uterte: Alle Ph\u00e4nomene, auch Geschlechterrollen, sind keine fixen ewigen Wahrheiten, sie sind leer von allen Zuschreibungen und entstehen bedingt in Zeit und Raum, in Abh\u00e4ngigkeit vom dem, was Frauen und M\u00e4nner erleben und was sie dar\u00fcber denken. Je tiefer wir verstehen, dass auch Geschlechterrollen zeitbedingt sind und keine ewigen Wahrheiten, desto mehr Mut fassen wir, Ver\u00e4nderungen wahrzunehmen, und zwar im doppelten Sinn: Wir erkennen und realisieren die Freiheit, die uns die Leerheit aller Ph\u00e4nomene von unseren Zuschreibungen und das bedingte Entstehen aller Ph\u00e4nomene schenken.<\/p>\n<p>Dabei k\u00f6nnen uns drei Arten von Beziehungen zum eigenen Geschlecht unterst\u00fctzen. Sie sind die Grundlage f\u00fcr gute Beziehungen zum anderen Geschlecht. Als Frauen brauchen wir horizontale Beziehungen zu anderen Frauen, auf Augenh\u00f6he, zu symbolischen Schwestern. Wir brauchen vertikale Beziehungen zu Frauen, zu symbolischen M\u00fcttern, Vorbildern und Lehrerinnen. Und schlie\u00dflich transzendentale Beziehungen zum eigenen Geschlecht: ein Bild der Transzendenz, des Erwachens, im eigenen Geschlecht. Im Buddhismus stehen daf\u00fcr zum Beispiel die gro\u00dfe Weisheit, Prajnaparamita, und die Gr\u00fcne Tara, und im Christentum steht daf\u00fcr vielleicht Sophia und im katholischen Christentum die \u201eMuttergottes\u201c und \u201eHimmelsk\u00f6nigin\u201c Maria. Auf der Basis gelungener Beziehungen zum eigenen Geschlecht k\u00f6nnen auch die Beziehungen zum anderen Geschlecht fruchtbar werden: zu symbolischen Br\u00fcdern und V\u00e4tern und zu einem m\u00e4nnlich gedachten Buddha, Gott, Propheten und dergleichen.<\/p>\n<p>Das gleiche gilt aus meiner Sicht auch f\u00fcr M\u00e4nner. Auch M\u00e4nner brauchen sechs Arten von Beziehungen zum eigenen und zum anderen Geschlecht, horizontal, vertikal und transzendental, und die tiefe Einsicht, dass alle Rollen, auch Geschlechterrollen bedingt und damit ver\u00e4nderbar sind. Dass das funktionieren kann, ist meine eigenen Erfahrung und die vieler Frauen und M\u00e4nner, die ich auf dem spirituellen Weg begleite.<\/p>\n<p>Das Modell der sechs Beziehungen zum eigenen und anderen im Kontext der Einsicht in die Bedingtheit aller Standpunkte und Perspektiven l\u00e4sst sich auch auf andere gro\u00dfe und bedeutsame Unterschiede anwenden, zum Beispiel im Bereich der Kultur und Religion, ja sogar auf unterschiedliche politische Ansichten und Weltanschauungen. Je stabiler wir im Eigenen verwurzelt sind, desto fruchtbarer werden Begegnungen mit anderen. Und die Begegnung mit anderen, mit \u201eMenschen im Plural\u201c (Arendt)\u00a0 sch\u00fctzt uns vor Sturheit und vor dem Schmoren im eigenen Saft. Daf\u00fcr ist auch diese wunderbare Dialog-Reihe \u201eBuddhismus und Christentum\u201c ein guter Ausdruck.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich m\u00f6chte meinen Vortrag mit drei Thesen, einer guten Nachricht und einer Frage beginnen.\u00a0 Erstens: Religionen sind so unreflektiert, naiv und m\u00e4nnerlastig oder so reflektiert und frauenfreundlich und offen f\u00fcr soziale und kulturelle Ver\u00e4nderungen und Zeitgeist wie das Gros der Frauen und M\u00e4nner, die ihr folgen und sie organisieren. 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