{"id":120923,"date":"2026-03-23T10:59:15","date_gmt":"2026-03-23T09:59:15","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=120923"},"modified":"2026-03-23T11:02:56","modified_gmt":"2026-03-23T10:02:56","slug":"geht-hinaus-in-alle-welt","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/geht-hinaus-in-alle-welt\/","title":{"rendered":"\u201eGeht hinaus in alle Welt\u2026\u201c"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn wir des Zweiten Vatikanischen Konzils gedenken, tun wir gut daran, uns zun\u00e4chst zu fragen: Von woher kommen wir? Die Kirche wurde besonders im 19. Jahrhundert in eine schlimme Verteidigungsstellung gedr\u00e4ngt. Sie glaubte weitgehend, dass sie ihre Substanz und Sendung nur im Abgrenzen retten kann. Dies hat sie auch oft mit der Gefahr des Ghettos und mit \u00c4ngstlichkeit bezahlt. Auf der anderen Seite \u2013 dies muss man auch voll anerkennen \u2013 konnte sie bei allen Verlusten an gesellschaftlicher Stellung in der Tat ihre Botschaft lehrm\u00e4\u00dfig unversehrt erhalten, aber eben auch um den Preis, dass sie geistig von vielen lebendigen Prozessen abgeschnitten wurde und es mit nicht wenigen Kr\u00e4ften zu einem Abbruch der dialogischen Auseinandersetzung kam. Dies ist nach beiden Seiten nicht wenig, durchaus bedeutsam, aber eben auch belastend, wenn man an die Sendung der Kirche denkt. Der \u201eModernismus\u201c vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist wie auch andere Auseinandersetzungen daf\u00fcr exemplarisch.<\/p>\n<p>Die Kirche hat sich fast zwangsl\u00e4ufig und doch auch freiwillig in diese Situation hineinbegeben. Wie die immer gr\u00f6\u00dferen Konflikte zeigen, kam es hier auch in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts zu schwer ertr\u00e4glichen Spannungen, die durch die empfindlichen St\u00f6rungen von zwei Weltkriegen noch gesteigert wurden. Deswegen entstanden auch \u00fcberall kr\u00e4ftige Reformbewegungen mit einer theologischen, liturgischen und pastoralen Ausrichtung. In der Kirche fragten sich die Verantwortlichen zu verschiedenen Zeiten \u2013 nun mehr aus kirchenrechtlicher und kirchenpolitischer Perspektive \u2013, wann und wie das Erste Vatikanische Konzil abgeschlossen werden k\u00f6nnte, denn es war ja auch in inhaltlicher Hinsicht ein Torso geblieben.<\/p>\n<p>Es war trotz aller Spekulationen und Reformideen wie ein \u00fcberraschender Donnerschlag, als der greise Papst Johannes XXIII. am 25.01.1959 in der Basilika St. Paul vor den Mauern ein \u00d6kumenisches Konzil ank\u00fcndigte. Es waren gerade drei Monate nach seiner Wahl. Er stand im 78. Lebensjahr. Wer h\u00e4tte dies bei der Wahl gedacht? F\u00fcr Gottes Geist ist es nie zu sp\u00e4t, dies sollten wir Menschen und gerade wir Theologen stets bedenken. Wenige Monate vorher, unmittelbar nach der Wahl, waren wir \u00fcber einen so alten Nachfolger Petri sehr entt\u00e4uscht, und gingen nach der Wahl \u2013 ich erinnere mich noch \u2013 entt\u00e4uscht und gedr\u00fcckt nach Hause.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es war, was sich bald zeigen sollte, ein anderer Typ von Konzil, den Johannes XXIII. verfolgte. Als Kirchenhistoriker verstand er gut, die Zeichen der Zeit zu lesen. Bei aller Unterschiedlichkeit der Konzilstypen im Lauf der 20 Jahrhunderte war es ihnen doch gemeinsam, dass sie vor allem als Konzilien einberufen worden sind zur Heilung jener schweren Krisen der Lehre und der Disziplin, die lebensbedrohend waren. Der Papst erkl\u00e4rte am 25. Januar 1959, ein Konzil sei notwendig, da die Kirche in eine neue geschichtliche Phase von au\u00dfergew\u00f6hnlicher Tragweite eintrete. Sp\u00e4ter spricht er \u00f6fter von der \u201eGrenzlinie zu einer neuen Epoche\u201c. Es war ein Konzil f\u00fcr die Zukunft. Der Papst wollte bewusst den \u00dcbergang aus der nachtridentinischen Epoche und in gewissem Ma\u00df auch aus der jahrhundertelangen konstantinischen Zeit in eine neue Phase des Zeugnisses und der Verk\u00fcndigung. Dabei sollte auf die wichtigen und dauerhaften Elemente der Tradition zur\u00fcckgegriffen werden, wenn und sofern sie in der Lage waren, den wahrhaft evangelischen Charakter eines so schwierigen \u00dcbergangs zu befruchten und zu garantieren.<\/p>\n<p>Man kann nicht gen\u00fcgend hervorheben, dass dies kein fertiges Konzilskonzept war. Es wurde fortschreitend entworfen. Darum sind manche Akzente auch immer st\u00e4rker gesetzt worden, wie zum Beispiel die Bedeutung des Friedens, die Dringlichkeit \u00f6kumenischen Bem\u00fchens und die stetige R\u00fccksicht auf die Menschheit als Horizont und Adressat. Es bleibt noch zu erw\u00e4hnen, dass Johannes XXIII. sich dabei nach einem Wort von Yves Congar im Blick auf die Bisch\u00f6fe der Weltkirche und auch der Kurie in einer \u201einstitutionellen Einsamkeit\u201c befand. Kein Wunder, dass manche diesen Prozess als \u201ediffus\u201c empfunden haben. Dieses Konzil war von Anfang an \u201eProzess\u201c und \u201e\u00dcbergang\u201c. Vielleicht trifft dies mehr als \u201eaggiornamento\u201c oder Modernisierung.<\/p>\n<p>F\u00fcr diesen Weg gab es auch viele Erwartungen, manchmal auch Fiktionen und Utopien unter dem Stau, der sich \u2013 manchmal auch verborgen \u2013 erzeugt hatte. Es gab auch viele Reformanliegen: die liturgische Bewegung, viele Elemente aus der neuentdeckten Bibel, anregende Impulse in der Theologie der Kirchenv\u00e4ter, neue Denkformen aus der neuzeitlichen Philosophie, wie die Geschichte, Dialogik und Hermeneutik. Die schweren K\u00e4mpfe zum Beispiel um die historische Kritik und Methode in den Bibelwissenschaften waren noch bis Konzilsbeginn lebendig. Aber es war oft in aller Stille eben sehr viel vor- und aufbereitet. Sonst w\u00e4re das Konzil auch bei vielen einschneidenden Reformen, wie zum Beispiel der Liturgiereform, nicht so schnell und so gediegen vorw\u00e4rts gekommen. Verachten wir also nicht die \u00fcberaus wichtigen Impulse f\u00fcr alle Reformen \u2013 allem Anschein entgegen \u2013 aus der Historie.<\/p>\n<p>Vergessen wir auch nicht die M\u00fche des Prozesses. Am Anfang standen 72 Beratungsthemen, wohl alle auch mindestens teilweise ausgearbeitet, bis am Ende nach vielen Reduktionsprozessen 16 verbindliche Beschl\u00fcsse \u00fcbrig blieben. Johannes XXIII. betonte den \u201epastoralen\u201c Charakter und meinte damit eine umfassende Betrachtung der Erfordernisse des Lebens der Kirche in unserer Gegenwart und f\u00fcr die n\u00e4chste Zukunft. Die Kirche sollte bei Wahrung ihres verbindliches Erbes Bereitschaft und F\u00e4higkeit wieder zur\u00fcckgewinnen, um das Evangelium sachgerecht und zeitgerecht in das Heute einzubringen (\u201eaggiornamento\u201c = Heutigwerden).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Deutschland hat man zum 50-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um der Er\u00f6ffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils am 11. Oktober 2012 (1962) ein Sonderpostwertzeichen in Form eines Kreuzes in zwei Zweiergruppen herausgebracht und hat mit den folgenden Texten der wichtigsten Beschl\u00fcsse eine sehr einleuchtende und tragf\u00e4hige Struktur kreuzf\u00f6rmig angelegt, in die sich auch die anderen Verlautbarungen einzeichnen lassen. Ich verfolge im Sinne einer kleinen Zusammenfassung der wesentlichen Gehalte des Konzils diese Struktur.<\/p>\n<p>Der senkrechte L\u00e4ngsbalken erinnert an zwei Konstitutionen, die den Anfang und den Abschluss des Konzils markieren. Die Dogmatische Konstitution \u00fcber die g\u00f6ttliche Offenbarung \u201eDei verbum\u201c vom 18. November 1965 zeigt die fundamentale Gr\u00fcndung der Kirche in der g\u00f6ttlichen Offenbarung auf, in der sich Gott radikal der Welt und den Menschen zuwendet. Dies erfolgt von Anfang an im Wort der Heiligen Schrift und schlie\u00dflich in der Menschwerdung seines Sohnes Jesus Christus. Noch nie hat ein Konzil oder das h\u00f6chste Lehramt in der Kirche so intensiv und so ausf\u00fchrlich \u00fcber das Wort Gottes und die Heilige Schrift gesprochen. Das Ringen ging wirklich durch die ganze Konzilszeit. Der Gewinn f\u00fcr das \u00f6kumenische Gespr\u00e4ch ist auch heute noch gro\u00df. Leider ist dieser Text trotz mancher guter Arbeiten nicht so bekannt, wie er es verdient.<\/p>\n<p>Der glaubende Mensch antwortet auf diese Einladung Gottes selbst durch Dank, Bitte und Lobpreis im Gebet und im Gottesdienst der Kirche. Darum wird im L\u00e4ngsbalken diesem Offenbarungstext die Konstitution \u00fcber die heilige Liturgie \u201eSacrosanctum Concilium\u201c vom 4. Dezember 1963 zugeordnet. Es ist der erste Konzilsbeschluss. Dies hatte gute Gr\u00fcnde. Man konnte bei der Erarbeitung auf viele Vorschl\u00e4ge und Erfahrungen der Liturgischen Bewegung zur\u00fcckgreifen, die im Lauf des 20. Jahrhunderts in den mitteleurop\u00e4ischen L\u00e4ndern segensreiche Fr\u00fcchte brachte (einschlie\u00dflich der Bibelbewegung und der \u00f6kumenischen Bewegung). Vor allem wurden die oft in langer Zeit gewachsenen Riten und Formulare der Gottesdienste, besonders der Eucharistiefeier und der Sakramente, vereinfacht. Liturgiegeschichtliche Studien halfen bei der Erkenntnis von wenig sinnvollen \u00dcberlagerungen und Doppelungen im \u00fcberkommenen Text. Die Zulassung der Volkssprache in allen liturgischen Vollz\u00fcgen brachte eine neue N\u00e4he zu den Menschen und zum jeweiligen kulturellen Kontext. Es ist zwar bedauerlich, aber angesichts dieser sichtbaren \u00c4nderungen auch nicht sehr verwunderlich, dass nach dem Konzil mancher Streit bis heute \u00fcber diese Erneuerung ausbrach. Hier wurde die Reform f\u00fcr die meisten Menschen am meisten sichtbar. Leider gab es hier auch bedenkliche R\u00fcckschritte.<\/p>\n<p>Der k\u00fcrzere Querbalken kennzeichnet zwei recht verschiedene, aber doch zusammengeh\u00f6rende Texte. Aus der Mitteilung der g\u00f6ttlichen Offenbarung in Jesus Christus und ihrer Bezeugung in der Schrift und der sie auslegenden Tradition wird die Kirche geboren, im Konzil die Dogmatische Konstitution \u00fcber die Kirche \u201eLumen gentium\u201c. Damit ist nicht zuerst und allein die Kirche gemeint, sondern \u201eJesus Christus ist das Licht der V\u00f6lker\u201c. Der Text wurde am 21. November 1964 verabschiedet. Als \u201eDogmatische Konstitution\u201c will er \u2013 wie \u201eDei Verbum\u201c \u00fcber die Offenbarung \u2013 eine verpflichtende Lehraussage machen. Auch diese st\u00e4rker theologische Art zu sprechen fehlt also im Konzil nicht. Im Unterschied zur j\u00fcngeren Lehre von der Kirche wird diese vom Konzil in ihrer ganzen Vielfalt, in den vielen biblischen Bildern, in ihrer urspr\u00fcnglichen katholischen Weite und in ihrem differenzierten Verh\u00e4ltnis in sich selbst, zu den christlichen Nachbarkirchen, zum Judentum und zu den nichtchristlichen Religionen, ja sogar zum Atheismus umschrieben. Das Bischofsamt, besonders auch in seinem Verh\u00e4ltnis zum Papsttum, wird theologisch gekl\u00e4rt. Der St\u00e4ndige Diakonat verheirateter M\u00e4nner wird eingef\u00fchrt. \u201eLumen gentium\u201c ist ein ganz reicher Text, irgendwie schon so etwas wie die theologisch-spirituelle Mitte des Konzils.<\/p>\n<p>Damit sind wir auch fast von selbst bei der vierten (Pastoral-)Konstitution \u00fcber die Kirche in der Welt von heute \u201eGaudium et spes\u201c, \u201eFreude und Hoffnung\u201c, vom 7. Dezember 1965, dem letzten Tag des Konzils, angekommen. Der Titel hei\u00dft \u2013 ganz neu \u2013 \u201ePastoralkonstitution\u201c: also eine Verlautbarung mit sehr hoher Autorit\u00e4t, aber eben mit einer fundamentalen \u201epastoralen\u201c Zielsetzung. Gewiss sagt der Anfang dieses Textes am besten das Wichtigste \u00fcber sich selbst: \u201eFreude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedr\u00e4ngten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der J\u00fcnger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall f\u00e4nde.\u201c<\/p>\n<p>Dies ist das Konzil! In der Folge wurden neben einer konzentrierten Darlegung des christlichen Menschenbildes in dem mit Abstand umfangreichsten Text des Konzils, der eine ganz neue literarische Gattung kirchlicher Lehre darstellt, viele Aufgabenfelder in Gesellschaft und Kirche behandelt, die grundlegend unsere Welt bestimmen: die Menschenw\u00fcrde, die menschliche Gemeinschaft und ihre Baugesetze, die Arbeit des Menschen, Ehe und Familie, kultureller Fortschritt, das Wirtschaftsleben, die F\u00f6rderung des Friedens, der Staat, der Aufbau der V\u00f6lkergemeinschaft. Beeindruckend ist das oft \u00fcbersehene Schlusswort (Art. 91-93), das alles nochmals zusammenfasst.<\/p>\n<p>So zeigt sich wiederum im Verh\u00e4ltnis der vier gro\u00dfen Texte untereinander das Verst\u00e4ndnis von Kirche: Sie ist keine eigene, selbstst\u00e4ndige, abgeschlossene Gr\u00f6\u00dfe f\u00fcr sich, sondern als \u201eSakrament des Heils der Welt\u201c ausgespannt hin zum dreifaltigen Gott, der zu uns herabsteigt, und zugleich ausgestreckt zu den Menschen hin in aller Welt und zu allen Bedr\u00e4ngten (\u201eOption f\u00fcr Armen\u201c, \u201eKatakombenpakt\u201c).<\/p>\n<p>In dieses Koordinatenkreuz lassen sich alle anderen Aussagen des Konzils einbeziehen und tiefer verstehen: nach innen (Themen: Bisch\u00f6fe, Priester, Ordensleben, Laien, Erziehung) und nach au\u00dfen (Staat und V\u00f6lkerwelt, Medien, nichtchristliche Religionen, Judentum, \u00d6kumene in Ost und West, Religionsfreiheit, Mission). Die Texte bauen aufeinander auf und erg\u00e4nzen sich. Die sp\u00e4ter verabschiedeten Beschl\u00fcsse haben viel von den vorausgegangenen Verlautbarungen und den Erfahrungen des Konzils gelernt. Sie sind deshalb auch manchmal reifer.<\/p>\n<p>Das Sonderpostwertzeichen baut dies alles auf und strukturiert es in Kreuzesform. Die beiden Balken des Kreuzes, l\u00e4ngs und quer, erg\u00e4nzen sich und tragen sich gegenseitig. Sie treffen und kreuzen sich in der Mitte, die auch f\u00fcr das Herz des gekreuzigten Herrn steht, der f\u00fcr das Leben der Welt seine eigene Existenz hingibt. Daraus entsteht die Kirche. Diese \u201eHingabe\u201c (im Sinne des Wortfeldes des biblischen \u201eparadidonai\u201c) ist auch die Herzmitte des Konzils.<\/p>\n<p>Die Enden der Balken verbinden Himmel und Erde, Kirche und Welt. Aber wie schon f\u00fcr die Alte Kirche das Kreuz in alle Himmelsrichtungen zeigt und ihnen in ihrer Sendung folgt, so wollen die vier Konstitutionen auch allen N\u00f6ten und Bedr\u00e4ngnissen mit den Heilungschancen und Hilfen Gottes \u00fcberall in der Welt nachgehen. Er hat sein Leben hingegeben f\u00fcr alle.<\/p>\n<p>Darum ist f\u00fcr uns das Zweite Vatikanische Konzil in der Geschichte und vor allem in der Gegenwart der katholischen Kirche das wichtigste Ereignis, aber nicht nur f\u00fcr das Binnenleben der Kirche, sondern f\u00fcr ihre Sendung in alle Welt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Zeugnisse des Konzils haben in diesen 50 Jahren ungeheuer viel ausgel\u00f6st. Ich nenne nur einige Stichworte: die Umwandlung des Katholizismus im mittel- und s\u00fcdamerikanischen Halbkontinent mit den gro\u00dfen Versammlungen der Bisch\u00f6fe ab Medellin (1968), die unz\u00e4hligen \u00f6kumenischen Dokumente im bilateralen und multilateralen Austausch mit vielen Kirchen, die Dialoge mit dem Judentum und den nichtchristlichen Religionen. Dienst und Dialog betrachte ich als die zentralen Achsen des konziliaren Prozessen und nachkonziliaren Lebens. Es ist ganz selbstverst\u00e4ndlich, dass manches im Konzil weniger gelungen ist, auch weil es zum Beispiel zeitabh\u00e4ngiger war. Es gibt gro\u00dfe Errungenschaften, die wirklich epochemachend sind, jedoch in der Kirche sich immer noch etwas schwer tun: Entwicklung und wahrer Fortschritt, Friedensbem\u00fchungen, Menschenrechte, Religionsfreiheit und \u00d6kologie einschlie\u00dflich der Enzyklika des jetzigen Papstes Franziskus <em>Laudato si\u2018<\/em> vom 18. Juni 2015. Hier spielt nat\u00fcrlich auch der Zeit- und Geschichtsfaktor eine Rolle, denn die Schutzbed\u00fcrftigkeit der Sch\u00f6pfung etwa konnte man w\u00e4hrend der Erarbeitung von \u201eGaudium et spes\u201c noch nicht so deutlich sehen wie heute.<\/p>\n<p>Welches ist das gr\u00f6\u00dfte Rezeptionsdefizit nach 50 Jahren, hat man mich in diesen Tagen gefragt. Ich schaue weniger auf eine verlangsamte oder auch gar nicht stattgefundene Rezeption vielleicht auch peripherer Texte. Aber ich blicke nat\u00fcrlich auf die allgemeinen und gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen in den letzten 50 Jahren zur\u00fcck. Ich habe den Eindruck, dass in diesen 50 Jahren der Einbruch um die 1968er Jahre des letzten Jahrhunderts in die gesellschaftliche Gesamtsituation, wenn es so etwas gibt, am st\u00e4rksten ist: Eine gewisse Selbstverst\u00e4ndlichkeit der Rede von Gott verschwindet rasant, die Sensibilit\u00e4t f\u00fcr so etwas wie Transzendenz trocknet aus, der Hunger nach immer gr\u00f6\u00dferer, beinahe unbegrenzter Selbstbestimmung und Freiheit wird gr\u00f6\u00dfer. Der Verlust der Dimension des Heiligen ist riesig. Haben wir dies alles schon ausreichend bemerkt? Was tun wir dagegen?<\/p>\n<p>Brauchen wir ein Drittes Vatikanisches Konzil, auch das werde ich st\u00e4ndig gefragt. Ich wei\u00df es nicht. Ich bin aber zun\u00e4chst skeptisch, denn an der Verwirklichung des Zweiten Vatikanischen Konzils haben wir noch genug zu tun, und zwar wenn wir an Buchstaben und Geist dieses Konzils denken. Ich schaue aber auch auf ein anderes Element: Der weitsichtige, kluge Papst Paul VI., dem wir einen gro\u00dfen Reformernst besonders nach der Konzilszeit zubilligen m\u00fcssen, hat noch w\u00e4hrend des Konzils (15. September 1965) das Instrument der Bischofsynode verbindlich gemacht. Sie sucht immer noch nach ihrer g\u00fcnstigen Verwirklichung, wenngleich sie viele Formen entwickelt hat. Aber noch wichtiger ist das, was Papst Franziskus in dieser denkw\u00fcrdigen Erinnerung an die Einf\u00fchrung vor 50 Jahren am 17. Oktober 2015 gesagt hat, dass n\u00e4mlich die Kirche von Grund auf \u201esynodal\u201c ist. Er hat der Synode viel Ansehen und vor allem Freiheit zur\u00fcckgegeben. Dies gilt nicht nur f\u00fcr die Bischofssynode, sondern besonders auch f\u00fcr die Beteiligung von Laien an den kirchlichen Beratungen f\u00fcr die Zukunft des Glaubens. Diese Entfaltung eines echten synodalen Elementes, das ich selbst bei der Gemeinsamen Synode der Bist\u00fcmer der Di\u00f6zesen in der Bundesrepublik Deutschland (1971-1975) erfahren habe, ist mir wichtiger als ein vor diesem Hintergrund dann vielleicht einmal wichtiger werdendes Drittes Vatikanisches Konzil.<\/p>\n<p>Was ist mir sonst f\u00fcr die Zukunft f\u00fcr die Kirche und die Theologie wichtig? Die Kirche \u2013 und die sind wir alle \u2013 darf viel weniger um sich selbst kreisen, auch um Dinge, die wirklich wichtig sind, sondern sie muss sich immer selbst und vor allem auf Gott und die Menschen hin \u00fcbersteigen. Die missionarische Grunddimension von Kirche muss uns alle mehr inspirieren und in Pflicht nehmen. Darum endet das Matth\u00e4us-Evangelium mit einer \u00d6ffnung hin zur Welt: \u201eDarum geht hin und macht alle V\u00f6lker zu meinen J\u00fcngern. Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie alles zu halten, was ich euch geboten habe. Und siehe: Ich bin bei euch alle Tage, bis diese Weltzeit sich vollendet\u201c (Mt 28,19f., \u00dcbersetzung nach Ulrich Wilckens).<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Wenn wir des Zweiten Vatikanischen Konzils gedenken, tun wir gut daran, uns zun\u00e4chst zu fragen: Von woher kommen wir? Die Kirche wurde besonders im 19. Jahrhundert in eine schlimme Verteidigungsstellung gedr\u00e4ngt. Sie glaubte weitgehend, dass sie ihre Substanz und Sendung nur im Abgrenzen retten kann. 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