{"id":120939,"date":"2026-03-23T11:13:16","date_gmt":"2026-03-23T10:13:16","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=120939"},"modified":"2026-03-23T11:21:01","modified_gmt":"2026-03-23T10:21:01","slug":"literarische-texte-im-religionsbuch-geschichtliche-wegmarken-und-aktuelle-tendenzen","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/literarische-texte-im-religionsbuch-geschichtliche-wegmarken-und-aktuelle-tendenzen\/","title":{"rendered":"Literarische Texte im Religionsbuch"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich freue mich \u00fcber die Anerkennung und m\u00f6chte mich f\u00fcr die Verleihung des Kardinal-Wetter-Preises ganz herzlich bedanken: bei der Katholischen Akademie in Bayern, namentlich bei Ihnen, Herr Dr. Schuller und Frau Dr. Schilling, sowie bei der Katholisch-Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Augsburg. Mein Dank gilt auch Ihnen, Herr Kardinal Wetter \u2013 daf\u00fcr, dass Sie den Weg hierher auf sich genommen haben und heute Abend dabei sind.<\/p>\n<p>Zugleich m\u00f6chte ich die Wertsch\u00e4tzung, die mir zuteil wird, gern weitergeben: an meine Eltern, die mich immer ermutigt haben diesen Weg zu gehen; an meinen Mann f\u00fcr alle Unterst\u00fctzung und Begleitung; an Professor Langenhorst f\u00fcr die intensive und motivierende Betreuung wie f\u00fcr den wertsch\u00e4tzenden Umgang; und an Professor Mendl f\u00fcr das Erstellen des Zweitgutachtens und f\u00fcr hilfreiche Ratschl\u00e4ge in der Promotionsendphase.<\/p>\n<p>Damit komme ich nun zur Arbeit selbst, aus der ich Ihnen einen kleinen Ausschnitt vorstellen m\u00f6chte: Wie wurde und wird im Religionsunterricht mit literarischen Werken \u2013 mit Gedichten, mit Ausz\u00fcgen aus Erz\u00e4hlungen und Romanen \u2013 gearbeitet? Dieser Frage bin ich in meiner Arbeit nachgegangen.<\/p>\n<p>Grundlage meiner Analysen war ein Medium, das viele von Ihnen sicherlich aus ihrer eigenen Schulzeit noch kennen und mit dem sie mehr, vielleicht auch weniger gute Erfahrungen verbinden: das Religionsbuch. Wie kein anderes Medium spiegelt gerade die Gattung \u201eReligionsbuch\u201c, die in den vierziger und f\u00fcnfziger Jahren des letzten Jahrhunderts den traditionellen Katechismus als Lehrbuch abl\u00f6ste, die religionsdidaktische Entwicklung der letzten sechzig Jahre wider. Die in den B\u00fcchern pr\u00e4senten Literaten und ihre Texte, dazugeh\u00f6rige Wertungen und Interpretationsans\u00e4tze sowie Aufgabenstellungen, die zur Erschlie\u00dfung und Erarbeitung im Unterricht auffordern, habe ich analysiert, um Grundtendenzen in der Entwicklung des literarisch-religi\u00f6sen Lernens aufzuzeigen.<\/p>\n<p>Anhand von zwei Schlaglichtern m\u00f6chte ich Ihnen zeigen, was sich in dem genannten Zeitraum auf diesem Feld getan hat \u2013 wie im Religionsunterricht vor sechzig Jahren und heute mit literarischen Werken gearbeitet wurde und wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erstes Schlaglicht: Rilke in den Religionsb\u00fcchern der vierziger und f\u00fcnfziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Vor den kulturellen und gesellschaftlichen Umbr\u00fcchen der sechziger Jahre zielte der Religionsunterricht vor allem auf eines: Seinem Selbstverst\u00e4ndnis als \u201eKirche in der Schule\u201c folgend ging es darum, Kinder und Jugendliche zu gl\u00e4ubigen Christinnen und Christen zu erziehen. Von dieser Intention ist auch der Umgang mit literarischen Werken bestimmt.<\/p>\n<p>In erster Linie sind dabei warnende Stimmen zu vernehmen, wenn es in den Unterrichtswerken um die Frage nach dem Umgang mit Literatur geht, wie das folgende Zitat belegt: \u201eDer schlimmste Feind des Glaubens ist das glaubensfeindliche Buch. Wenn man nach den tiefsten Gr\u00fcnden der Entchristlichung in den Familien und im \u00f6ffentlichen Leben fragt, wird man immer wieder das Wort best\u00e4tigt finden: <em>Calamus calamitatum auctor<\/em>, die Feder ist an allem Unheil schuld.\u201c<\/p>\n<p>Mit diesen Worten wird in der Sittenlehre des Religionsbuchs \u201eWandel im Licht\u201c, 1948 erschienen, vor einer der Gefahren gewarnt, die den Glauben bedrohen. Im Umgang mit den Werken der deutschen Klassik, die etwa im Deutschunterricht jener Zeit einen sehr hohen Stellenwert hatten, wird den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern folgender Rat gegeben: \u201eAuch die Besch\u00e4ftigung mit der deutschen klassischen Literatur kann Gefahren bergen; denn unsere Klassiker standen zum gr\u00f6\u00dften Teil dem katholischen Glauben fern. Hier gilt die Warnung, die der hl. Basilius einst an die Jugend \u00fcber den n\u00fctzlichen Gebrauch der Profanliteratur richtete: \u201aGanz nach dem Vorbilde der Bienen m\u00fc\u00dft ihr mit jenen Schriften umgehen. Diese fliegen ja nicht allen Blumen unterschiedslos zu, noch wollen sie die, die sie aufsuchen, ganz wegtragen, vielmehr nehmen sie nur so viel mit, als sie verarbeiten k\u00f6nnen, und lassen das andere gern zur\u00fcck. Wollen wir klug sein, dann eignen wir uns aus jenen Schriften auch nur das an, was der Wahrheit verwandt ist, und \u00fcbergehen das andere. Und wie wir beim Pfl\u00fccken der Rosen die Dornen vermeiden, so werden wir auch bei der Ben\u00fctzung jener Schriften vor dem Sch\u00e4dlichen auf der Hut sein.\u2018\u201c<\/p>\n<p>Diese Warnung, die der heilige Basilius (\u2020 379) vor mehr als 1.600 Jahren an die Heranwachsenden seiner Zeit richtete, scheint auch in der Mitte des 20. Jahrhunderts noch aktuell. Wie wirkungsvoll solche Ratschl\u00e4ge sind \u2013 oder ob sie nicht eher das Gegenteil erzielen, weil das \u201eVerbotene\u201c und \u201eKetzerische\u201c das eigentlich Reizvolle ist \u2013 sei dahingestellt. Auff\u00e4llig ist: Dieser Rat wird nicht nur den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern ans Herz gelegt, zugleich scheinen ihn die Unterrichtswerke selbst in Auswahl und Behandlung literarischer Texte zu befolgen.<\/p>\n<p>Entsprechend der Klassifizierung literarischer Werke nach Rosen und Dornen lassen sich dabei zwei Grundtendenzen ausmachen: Zum einen dienen literarische Texte dazu, die christliche Botschaft zu verk\u00fcnden und weiterzutragen. Die Unterrichtswerke setzen dabei auf die F\u00e4higkeit von Literatur, Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler in ihren Bann zu ziehen: Texte wie etwa der \u201eSonnengesang\u201c des Franziskus oder die hymnenartigen Gedichte Gertrud von le Forts sollen aufgrund ihrer sprachlichen Kraft zum Glauben hinf\u00fchren. Zum anderen wird die Eigenschaft von Literatur, den Menschen anzur\u00fchren, als Gefahr betrachtet: Literatur k\u00f6nne auch vom Glauben wegf\u00fchren und den Leser geradezu verf\u00fchren. Die Urheber solcher Werke werden als \u201efalsche Propheten\u201c \u201eentlarvt\u201c; ihre nicht-christliche Gottesvorstellung wird \u201eaufgedeckt\u201c.<\/p>\n<p>Exemplarisch f\u00fcr diese \u201efalschen Propheten\u201c, die den Religionsbuchautoren jener Zeit ein Dorn im Auge sind, steht Rainer Maria Rilke. Das Werk, auf das sich die Unterrichtswerke berufen, wenn auf die Religiosit\u00e4t oder das Gottesbild Rilkes Bezug genommen wird, ist dessen 1905 erschienenes \u201eStundenbuch\u201c. Die H\u00e4ufigkeit, in der insbesondere Ausz\u00fcge aus diesem Werk vorkommen, und die Vehemenz, mit der seine Gottesvorstellung in einigen Unterrichtswerken abgelehnt wird, lassen erahnen, wie einflussreich Rilke in der Nachkriegszeit, etwa zwanzig Jahre nach seinem Tod, gewesen ist.<\/p>\n<p>Beispielhaft hierf\u00fcr steht die Darstellung in einem Religionsbuch mit dem Titel \u201eLicht und Leben\u201c von 1954, wo das Gottesbild Rilkes wie folgt charakterisiert wird: \u201eRainer Maria Rilke (\u2020 1926) ist von dem romantischen Drang erf\u00fcllt, alles zu einer Einheit zusammenzufassen und klare Scheidungen zu vermeiden. Es bleibt f\u00fcr ihn in all seinen Entwicklungsperioden die \u00dcberzeugung bestehen: Gott und Sch\u00f6pfung sind so eng miteinander verbunden, da\u00df zwischen ihnen kein Abstand mehr besteht. Der Gott Rilkes ist in seinem Wesen eine unpers\u00f6nliche Naturgottheit. [\u2026] In seinem <em>Stundenbuch<\/em> \u00a0bezeichnet der Dichter Gott als ,gro\u00dfes Heimweh\u2019, ,Wald\u2019, ,Lied\u2019, ,dunkles Netz\u2019. Gott ist ihm ein anderer Name f\u00fcr das Leben.\u201c<\/p>\n<p>Im Rahmen dieser Ausf\u00fchrungen wird auf ein Gedicht Rilkes im Anhang verwiesen \u2013 ein Text, der belegen soll, dass der irdische Gott Rilkes \u201eden Gebrechen des irdischen Lebens\u201c unterliege. Die Verse lauten wie folgt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Du bist der Arme, Du der Mittellose,\u2026<br \/>\nDer Bettler mit verborgenem Gesicht;<br \/>\nDu bist der leise Heimatlose,<br \/>\nDer nicht mehr einging in die Welt\u2026<br \/>\nUnd alle Armen in den Nachtasylen,<br \/>\nWas sind sie gegen Dich und Deine Not?<br \/>\nDu bist so arm wie eines Keimes Kraft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese sieben Verse, die als zusammenh\u00e4ngendes Gedicht pr\u00e4sentiert werden, entstammen einem achtstrophigen Text, der insgesamt 39 Verse umfasst. Die steinbruchartige Textauswahl hat zur Folge, dass die in den ausgew\u00e4hlten Texten vorhandenen Metaphern f\u00fcr Gott aus ihrem gr\u00f6\u00dferen Kontext gerissen und als Definitionen fehlgedeutet werden.<\/p>\n<p>Dieser Umgang mit literarischen Texten zeigt: Zwei unterschiedliche Formen der Gottesrede prallen in den \u201eStundenbuch\u201c-Versen und in den Religionsb\u00fcchern dieser Zeit aufeinander. Auf der einen Seite \u2013 bei Rilke \u2013 steht die Suche nach Gott fernab kirchlich gepr\u00e4gter Sprachformen. Gerade das \u201eStundenbuch\u201c ist Ausdruck f\u00fcr die Befreiung von einer traditionellen katholischen Erziehung verbunden mit starren Ritualen und anerzogener Christusfr\u00f6mmigkeit, worunter der Dichter selbst gelitten hat. Mit der \u00dcberf\u00fclle von Bildern in seinen Gedichten schafft Rilke ein Bewusstsein daf\u00fcr, dass Gott durch kein Bild und keine Definition zu erfassen ist. Auf der anderen Seite steht die kirchlich-verk\u00fcndigende Sprache der Religionsb\u00fccher, die sich auch nach Abbruch des Katechismusunterrichts einer formalisierten Glaubenssprache bedienen. Auf Rilkes k\u00fchnen Versuch, sich Gott ohne vorgefertigte Sprachformen zu n\u00e4hern, lassen sich die Religionsb\u00fccher zu diesem Zeitpunkt noch nicht ein.<\/p>\n<p>So also gestaltet sich der Auftakt im Umgang mit literarischen Texten im Religionsbuch: Noch beh\u00e4lt eine streng formalisierte Sprache, die \u00fcber Jahrhunderte die Katechismen gekennzeichnet und religi\u00f6ses Lernen bestimmt hat, die Oberhand, zugleich findet jedoch eine erste Besinnung auf andere Sprachformen der Gottes- und Glaubensrede statt: Dazu geh\u00f6rt die biblische Gottesrede, aber eben auch das literarische Sprechen. Dieses soll die dogmatisch gepr\u00e4gte Sprache keineswegs ersetzen, wohl aber bereichern, wird doch erkannt, dass Literatur als Sprachform oftmals erfahrungsn\u00e4her ist und somit die Menschen vielfach besser erreicht. Das Sich-Einlassen darauf funktioniert allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt: Die Grenzen sind dann erreicht, wenn die Inhalte literarischer Texte in tats\u00e4chlicher oder vermeintlicher Opposition zur christlichen Offenbarung stehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zweites Schlaglicht: \u201eWir sind Helden\u201c und Huub Oosterhuis in einem Religionsbuch der Gegenwart. Bef\u00fcrchtungen, das Lesen der Werke Rilkes oder anderer \u201efalscher Propheten\u201c k\u00f6nne bei Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern einen Abfall vom Glauben bewirken, sind nicht gerade das, was Religionslehrer oder Religionsbuchautoren heute umtreibt. Was in einem verk\u00fcndigenden Religionsunterricht in einer Zeit lange vor dem Einsetzen des Pluralisierungs- und Individualisierungsschubs tragf\u00e4hig war, ist angesichts g\u00e4nzlich anderer Voraussetzungen l\u00e4ngst \u00fcberholt.<\/p>\n<p>Heute l\u00e4sst sich die Situation des Religionsunterrichts wie folgt skizzieren: Zusehends schwindet die Gruppe derer, die an einen personalen Gott glauben; im Zuge dessen w\u00e4chst gerade unter jungen Menschen eine gr\u00f6\u00dfere religi\u00f6se Heterogenit\u00e4t, die bei vielen zu einer Unsicherheit in Fragen des Glaubens f\u00fchrt. Parallel dazu ist bei einem Gro\u00dfteil der Jugendlichen eine Distanz zur Kirche zu verzeichnen; weite Teile werden durch sie gar nicht mehr erreicht; nur wenige f\u00fchlen sich der Kirche pers\u00f6nlich verbunden. Diese Kirchendistanz geht einher mit einer Distanz zur dort gesprochenen Sprache; Jugendliche sind keineswegs sprachlos, wenn es um Religiosit\u00e4t geht, jedoch sprechen sie eine andere \u2013 eher eine religi\u00f6se \u201eSuchsprache\u201c als eine \u201eBesitzsprache\u201c (Paul Konrad Kurz) \u2013 und lehnen die im kirchlichen Bereich gesprochene Sprache oftmals ab, da sie ihnen unverst\u00e4ndlich und erfahrungsfern ist.<\/p>\n<p>Wie angesichts dieser Situation literarisch-religi\u00f6ses Lernen aussehen kann, soll anhand des Umgangs mit zwei literarischen Werken in \u201esensus Religion\u201c, einem 2013 von Rita Burrichter und Josef Epping herausgegebenen Religionsbuches, aufgezeigt werden.<\/p>\n<p>Bereits f\u00fcr die \u00dcberschrift des Buchkapitels \u201eBitte gib mir nur ein Wort. Gottesbeziehung in Gebet und Schweigen\u201c wird auf den Liedtext \u201eNur ein Wort\u201c der Gruppe \u201eWir sind Helden\u201c zur\u00fcckgegriffen. Innerhalb des Kapitels wird dieser Popsong aus dem Jahr 2005 dem Kirchenlied \u201eIch steh vor dir\u201c (1969, dt. 1974) von Huub Oosterhuis in der deutschen \u00dcbersetzung von Lothar Zenetti gegen\u00fcbergestellt. Das Lied \u201eNur ein Wort\u201c beginnt mit folgenden Versen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich sehe, dass du denkst<br \/>\nIch denke, dass du f\u00fchlst<br \/>\nIch f\u00fchle, dass du willst<br \/>\nAber ich h\u00f6r dich nicht, ich<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hab mir ein W\u00f6rterbuch geliehen<br \/>\nDir A bis Z ins Ohr geschrieen<br \/>\nIch stapel tausend wirre Worte auf<br \/>\nDie dich am \u00c4rmel ziehen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und wo du hingehen willst<br \/>\nIch h\u00e4ng an deinen Beinen<br \/>\nWenn du schon auf den Mund fallen musst,<br \/>\nwarum dann nicht auf meinen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oh bitte gib mir nur ein Oh<br \/>\nBitte gib mir nur ein Oh<br \/>\nBitte gib mir nur ein<br \/>\nBitte gib mir nur ein Oh<br \/>\nBitte gib mir nur ein Oh<br \/>\nBitte gib mir nur ein<br \/>\nBitte bitte gib mir nur ein Wort<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Lied von Huub Oosterhuis, das sich auch im Neuen Gotteslob (Nr. 422) findet und vielen von Ihnen sicherlich bekannt ist, liest sich wie folgt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich steh vor dir<br \/>\nmit leeren H\u00e4nden, Herr;<br \/>\nfremd wie dein Name<br \/>\nsind mir deine Wege.<br \/>\nSeit Menschen leben,<br \/>\nrufen sie nach Gott;<br \/>\nmein Los ist Tod,<br \/>\nhast du nicht andern Segen?<br \/>\nBist du der Gott,<br \/>\nder Zukunft mir verhei\u00dft?<br \/>\nIch m\u00f6chte glauben,<br \/>\nkomm mir doch entgegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von Zweifeln<br \/>\nist mein Leben \u00fcbermannt,<br \/>\nmein Unverm\u00f6gen<br \/>\nh\u00e4lt mich ganz gefangen.<br \/>\nHast du mit Namen mich<br \/>\nin deine Hand,<br \/>\nin dein Erbarmen<br \/>\nfest mich eingeschrieben?<br \/>\nNimmst du mich auf<br \/>\nin dein gelobtes Land?<br \/>\nWerd ich dich noch<br \/>\nmit neuen Augen sehen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sprich du das Wort,<br \/>\ndas tr\u00f6stet und befreit<br \/>\nund das mich f\u00fchrt<br \/>\nin deinen gro\u00dfen Frieden.<br \/>\nSchlie\u00df auf das Land,<br \/>\ndas keine Grenzen kennt,<br \/>\nund lass mich<br \/>\nunter deinen Kindern leben.<br \/>\nSei du mein t\u00e4glich Brot,<br \/>\nso wahr du lebst.<br \/>\nDu bist mein Atem,<br \/>\nwenn ich zu dir bete.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eBitte bitte gib mir nur ein Wort\u201c: das ist ein Flehen einer Verliebten danach, von dem Anderen wahrgenommen zu werden. \u201eSprich du das Wort, das tr\u00f6stet und befreit\u201c: das ist das Flehen eines Beters, der sich dem\u00fctig, zweifelnd und fragend an Gott wendet mit dem Wunsch, dieser m\u00f6ge sich zeigen. Die Wort-Metapher ist beiden Texten gemeinsam: Hinter dem Wunsch, der Andere \u2013 im einen Fall ein menschliches Gegen\u00fcber, im anderen Fall Gott \u2013 m\u00f6ge ein Wort sagen, steckt die Sehnsucht, wahr- und angenommen zu werden. Beide, die Verliebte und der Betende, machen die Erfahrung, dass der Angesprochene schweigt, und warten auf eine Antwort.<\/p>\n<p>Als Form der Auseinandersetzung mit beiden Werken ermuntert ein Impuls in \u201esensus Religion\u201c dazu, die Texte umzuschreiben: sie so zu ver\u00e4ndern, \u201edass ,Nur ein Wort\u2019 zum Gebet und ,Ich steh vor dir\u2019 zum Lovesong wird\u201c. Dadurch k\u00f6nnen die Parallelen zwischen der Situation des Betenden und der Verliebten zutage treten, zugleich wird so bewusst, wo diese Parallelsetzung an ihre Grenzen ger\u00e4t. Der gewichtigste Unterschied: Das Flehen der Verliebten kann erh\u00f6rt werden, es f\u00e4llt weg, sobald der Angesprochene sein Schweigen bricht; das an Gott gerichtete Gebet dagegen ist letztlich nicht \u00fcberholbar (\u201eSeit Menschen leben, \/ rufen sie nach Gott; \/ mein Los ist Tod, \/ hast du nicht andern Segen?\u201c).<\/p>\n<p>Literarische Werke wie diese beiden Lieder werden eingesetzt, um Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sprachf\u00e4hig zu machen: Sie sollen lernen, literarische Ausdrucksformen zu verstehen und ihrer eigenen Religiosit\u00e4t, ihrem Glauben, ihrer Suche, ihrem Zweifel oder Nicht-Glauben eine Sprache zu geben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Ringen um eine angemessene Gottesrede \u2013 Ein Beispiel aus der Praxis. Zu welchen Ergebnissen ein solch kreativer Umgang mit Literatur f\u00fchren kann, zeigt das Beispiel einer sechzehnj\u00e4hrigen Sch\u00fclerin, die das Lied \u201eNur ein Wort\u201c in einen Gebetstext umgewandelt hat, den ich Ihnen vorstellen m\u00f6chte, um dann zum Schluss zu kommen. Die Sch\u00fclerin schreibt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich seh nicht, dass du denkst,<br \/>\nich denk nicht, dass du f\u00fchlst,<br \/>\nich f\u00fchl nicht, dass du willst,<br \/>\noft ist das schon okay<br \/>\nund doch gibt es Momente,<br \/>\nda tut das ganz sch\u00f6n weh.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich hab Gebete gelernt,<br \/>\nsie aufgesagt, ohne zu verstehen,<br \/>\nheute stammle ich unverst\u00e4ndliche Worte<br \/>\nin der Hoffnung, du kannst sie h\u00f6ren und mich sehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wo ich auch hingehen will,<br \/>\nich sp\u00fcr nicht deine N\u00e4he,<br \/>\nwarum machst du\u2019s nicht m\u00f6glich,<br \/>\ndass ich fest glaube und dich sehe?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bitte gib mir nur dein Wort,<br \/>\ngib mir dein Wort,<br \/>\nbitte, bitte gib mir dein Wort.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(Vielleicht w\u00e4re das Leben dann ein bisschen leichter. Vielleicht.)<\/p>\n<p>Diese Sch\u00fclerverse zeugen sowohl von einer sehr pers\u00f6nlichen und intensiven Suche nach Gott, die zugleich von starken Zweifeln begleitet ist, als auch von einem Ringen um die rechten Worte f\u00fcr die Rede zu Gott. Die Besch\u00e4ftigung mit den beiden literarischen Werken bietet also die M\u00f6glichkeit, die eigene Gottesbeziehung zu reflektieren und ihr \u2013 im R\u00fcckgriff auf die spezifische Sprachform der Literatur \u2013 Ausdruck zu verleihen.<\/p>\n<p>Damit \u2013 so denke ich \u2013 stimmt dieses Beispiel optimistisch, dass die Arbeit mit Literatur in religi\u00f6sen Lernprozessen auch weiterhin zu einer fruchtbaren Auseinandersetzung mit Glaube und Religion beitragen kann. Es deutet an, dass die Geschichte eines religionsdidaktischen Umgangs mit Literatur l\u00e4ngst nicht zu Ende geschrieben ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Ich freue mich \u00fcber die Anerkennung und m\u00f6chte mich f\u00fcr die Verleihung des Kardinal-Wetter-Preises ganz herzlich bedanken: bei der Katholischen Akademie in Bayern, namentlich bei Ihnen, Herr Dr. Schuller und Frau Dr. Schilling, sowie bei der Katholisch-Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Augsburg. 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