{"id":120943,"date":"2026-03-23T11:27:04","date_gmt":"2026-03-23T10:27:04","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=120943"},"modified":"2026-03-23T11:27:04","modified_gmt":"2026-03-23T10:27:04","slug":"eroeffnungsstatement-der-philosophischen-tage-2015","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/eroeffnungsstatement-der-philosophischen-tage-2015\/","title":{"rendered":"Er\u00f6ffnungsstatement der Philosophischen Tage 2015"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie kennen vermutlich alle den von mir \u00fcberaus gesch\u00e4tzten niederbayerischen Liedermacher Haindling. In einem seiner hintergr\u00fcndigen Lieder geht es um eine Dame namens \u201ePaula\u201c, die nur hinter dem lieben Geld her ist. In der zweiten Strophe findet sich aber folgende grunds\u00e4tzlichere \u00dcberlegung: \u201eWenn mer jemand frogt, wos wuist \u2013 Glick oder G\u00e4id, dann gibt&#8217;s f\u00fcr eahm nur oans, nur oans wos wirklich z\u00e4it\u201c Und das ist vermutlich, so legt es die Melodief\u00fchrung nahe: \u201ea G\u00e4id\u201c!<\/p>\n<p>Der Text ist absurd. Nat\u00fcrlich ist er absichtlich absurd, denn hier soll ja etwas kritisiert werden. Aber warum kommt er uns absurd vor? Nun, Geld wird gemeinhin als ein Mittel oder eine Voraussetzung zum Gl\u00fcck gesehen, aber nicht als das Ziel selber. Und die offensichtlich recht beg\u00fcterte Paula kommt einem arm vor, wenn sie Ziel und Mittel verwechselt.<\/p>\n<p>Aber interessant und irgendwie abenteuerlich ist der Grundgedanke, der dahintersteht: Kann das vielleicht doch sein, dass es im Leben letztlich um etwas anderes geht als um Gl\u00fcck? Dann w\u00e4re Paulas Lebensgestaltung nicht mehr so grunds\u00e4tzlich absurd, dann trifft sich Haindlings Paula n\u00e4mlich mit dem Diktum von Sigmund Freud: Dass der Mensch gl\u00fccklich werde, ist im Plan der Sch\u00f6pfung nicht vorgesehen. Manchmal wurden sogar Vorschl\u00e4ge gemacht, welche Alternativprogramme zur Gl\u00fcckssuche es geben k\u00f6nnte, wie in jenem Spruch, der bis ins 20. Jahrhundert auf deutsche Schultore gemei\u00dfelt war: \u201eDu bist nicht auf Erden, um gl\u00fccklich zu sein, sondern deine Pflicht zu tun!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Worauf will ich mit meinen Eingangs\u00fcberlegungen hinaus? Es sind mindestens drei Fragen zum Gl\u00fcck, die man klar auseinander halten sollte. Die erste ist strukturell, die zweite inhaltlich, die dritte lebenspraktisch.<\/p>\n<p>Die strukturelle Frage ist die: Ist Gl\u00fcck das zentrale Ziel im Leben, das, worum sich letztlich alles dreht \u2013 oder ist es eher etwas, das vielleicht dazukommt, das sich in manchen Leben zuf\u00e4llig einstellen mag, das aber \u2013 wie bei Paula \u2013 gar nicht das Wichtigste ist? Es gibt eine ganze Linie der Philosophiegeschichte, die das Gl\u00fcck als unwichtig oder sogar als irref\u00fchrende Vorstellung abweist. Aber es gibt eben auch diese aristotelisch inspirierte Tradition des Eudaimonismus, die im Gl\u00fcck das eigentliche Ziel im Leben sieht.<\/p>\n<p>Notabene, diese erste Frage war nur strukturell. Die zweite Frage ist davon zu unterscheiden: Selbst falls wir wirklich alle nach dem Gl\u00fcck streben, worin besteht denn dieses Gl\u00fcck inhaltlich? Darum drehten sich \u00fcber die Jahrtausende verschiedenste philosophische Antworten. Ist es zum Beispiel ein Zustand der Lustmaximierung, der Erkenntnis, der Ruhe, oder sonst etwas? Und aus christlicher Perspektive k\u00f6nnte man hier eine Frage einschieben: Ist Gl\u00fcck etwas Innerweltliches oder hat es mit dem Bezug zu Gott zu tun? Oder ist vielleicht beides denkbar, in etwa so: Wer in der Welt seine ethischen Hausaufgaben macht und sein Leben sinnvoll gestaltet, der wird einerseits sich und sein Umfeld gl\u00fccklich machen, und zugleich bewegt er sich so auf Gott hin.<\/p>\n<p>Die dritte Frage ist die lebenspraktische Frage: Wie kann man dem Gl\u00fcck n\u00e4her kommen, was kann man tun (soweit es an einem selbst liegt), um ein gl\u00fccklicher Mensch zu werden? Hat es zum Beispiel einen Sinn, dem Gl\u00fcck direkt nachzujagen? Wir sind ja heute eine Beratergesellschaft geworden, zahllose Websites und B\u00fccher geben scheinbar Handreichungen genau f\u00fcr das: Wege zum Gl\u00fcck. Aber besteht da nicht eher die Gefahr des Sich-Verbei\u00dfens und der noch gr\u00f6\u00dferen Entt\u00e4uschung, wenn sich der Gl\u00fcckserfolg nicht so recht einstellen will? Diese Mechanismen hat \u00fcbrigens Georg R\u00f6mpp k\u00fcrzlich in seinem Anti-Gl\u00fccks-Buch sch\u00f6n beschrieben. Ist es also eher so, dass man dem Gl\u00fcck am besten indirekt nachstrebt, indem man sich f\u00fcr etwas engagiert, das einem wertvoll und sinnvoll vorkommt? Dann, so die Idee, k\u00f6nnte sich das Gl\u00fcck von selber einstellen. Aldous Huxley hat es einmal so auf den Punkt gebracht: \u201eGl\u00fcck ist wie Koks: Es ist ein Nebenprodukt.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Deutschen wird der Nebel um das Gl\u00fcck nochmals dichter durch eine simple sprachliche Tatsache: Anders als in den meisten anderen Sprachen haben wir f\u00fcr zwei sehr verschiedene Dinge nur ein Wort: f\u00fcr \u201efortuna\u201c und \u201ebeatitudo\u201c, f\u00fcr \u201eluck\u201c und \u201ehappiness\u201c, f\u00fcr \u201echance\u201c und \u201ebonheur\u201c, f\u00fcr \u201eud\u00e1tscha\u201c und \u201esch\u00e1stje\u201c \u2013 wobei das Russische noch mehr Formulierungen kennt \u2013, f\u00fcr all das haben wir nur ein Wort: eben \u201eGl\u00fcck\u201c. Das Wort \u201eGl\u00fcck\u201c steht also einerseits f\u00fcr vorteilhafte Zuf\u00e4lle (\u201eluck\u201c), andererseits aber f\u00fcr diesen omin\u00f6sen Zustand von \u201ehappiness\u201c, also der Erf\u00fcllung, Zufriedenheit, Sinnerfahrung, Ausgeglichenheit und was man noch alles damit verbinden mag.<\/p>\n<p>Ich bin mir nicht sicher, was genau aus dieser sprachlichen Beobachtung folgt. Man k\u00f6nnte meinen, dass wir damit mehr als in anderen Sprachen vielleicht ein Bewusstsein daf\u00fcr haben, dass unkontrollierbare \u00e4u\u00dfere Faktoren unseren Gl\u00fcckszustand beeinflussen. Man k\u00f6nnte meinen, dass wir mehr der Gefahr der Verwechslung von \u201eluck\u201c und \u201ehappiness\u201c unterliegen, dass unsere Vorstellung vom Gl\u00fcckszustand also total aufgeladen sei mit dieser Komponente der Zuf\u00e4lligkeit und Unvorhersehbarkeit. Andererseits bin ich immer skeptisch gegen\u00fcber solchen Sprachrelativit\u00e4tsthesen. Dass das Gl\u00fcck als Zustand unsicher, anf\u00e4llig und zerbrechlich ist, das wissen n\u00e4mlich durchaus auch andere Kulturen. Der Volksmund ist hier (wie so oft) keine Hilfe, denn er h\u00e4lt Sprichw\u00f6rter in beide Richtungen bereit: Einerseits hei\u00dft es \u201eGl\u00fcck und Glas, wie leicht bricht das\u201c, und \u201edas Gl\u00fcck is a Vogerl\u201c, andererseits ist angeblich \u201ejeder seines Gl\u00fcckes Schmied\u201c und \u201edas Gl\u00fcck dem K\u00fchnen hold\u201c. Aus der Sprache allein ist also nicht viel zu entnehmen.<\/p>\n<p>Wie auch immer: Wir sollten diese beiden Bedeutungskomponenten von \u201eGl\u00fcck\u201c im Auge behalten, damit uns nicht die sprachliche Verhexung trifft, vor der Wittgenstein zu recht gewarnt hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Besonders anschaulich wird die semantische Gratwanderung zwischen \u201eluck\u201c und \u201ehappiness\u201c bei der traditionellen Exkursion. Heuer f\u00fchrt sie in die staatliche Lotterieverwaltung. In meiner Jugend wurde ganz \u00d6sterreich halbj\u00e4hrlich mit Werbefaltern von Lottokollekturen \u00fcberschwemmt. Die Grafikdesign-Linie erinnerte interessanterweise an Zirkusplakate, und diese Lottokollekturen hie\u00dfen ganz besonders interessanterweise \u201eGl\u00fccksstellen\u201c. Aber ich frage Sie, was sucht man eigentlich in einer solchen \u201eGl\u00fccksstelle\u201c? Zun\u00e4chst nat\u00fcrlich Anbieter von Gl\u00fccksspiel, Gl\u00fcck im Sinne von \u201eluck\u201c, \u201echance\u201c, \u201ehazard\u201c, \u201efortuna\u201c \u2013 aber die Werbefalter mit den breit lachenden Menschen in den dicken Autos vor dem neuen Einfamilienhaus suggerieren doch, dass hier letztlich \u201ehappiness\u201c, \u201ebeatitudo\u201c, \u201ebonheur\u201c abzuholen w\u00e4re. Die Werbefalter sind weniger geworden, wahrscheinlich sind sie ins Internet abgetaucht, aber die Lotterien gibt es noch, und Gl\u00fcck als \u201ehappiness\u201c wird immer noch versprochen, wenn man das Gl\u00fcck (als \u201eluck\u201c) nur mit hinreichenden Geldopfern g\u00fcnstig stimmt.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich haben Sie die kleine Ironie im Titel unserer Tagung bemerkt. Gl\u00fcck. Was die Philosophie dazu beitragen kann. Die ist nat\u00fcrlich bewusst. Prim\u00e4r bewegen wir uns als Philosophen ja auf der Metaebene: Es geht darum, was die Philosophie \u00fcber das Gl\u00fcck zu sagen hat kann, was sie nachdenkend \u00fcber das Gl\u00fcck herausfinden kann. Andererseits ist der Gedanke, dass Philosophieren auch direkt etwas zum Gl\u00fcck beitragen kann, oder zumindest das Gl\u00fccklichsein beg\u00fcnstigen kann, durchaus altehrw\u00fcrdig. Aristoteles h\u00e4tte ihn wohl sofort unterschrieben.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Sie kennen vermutlich alle den von mir \u00fcberaus gesch\u00e4tzten niederbayerischen Liedermacher Haindling. In einem seiner hintergr\u00fcndigen Lieder geht es um eine Dame namens \u201ePaula\u201c, die nur hinter dem lieben Geld her ist. 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