{"id":120945,"date":"2026-03-23T11:30:01","date_gmt":"2026-03-23T10:30:01","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=120945"},"modified":"2026-03-23T11:30:04","modified_gmt":"2026-03-23T10:30:04","slug":"wunschlos-gluecklich-die-sehnsucht-nach-ewiger-seligkeit","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/wunschlos-gluecklich-die-sehnsucht-nach-ewiger-seligkeit\/","title":{"rendered":"Wunschlos gl\u00fccklich"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt zahllose Spielarten des Gl\u00fccks \u2013 und Unmengen an Definitionsversuchen, die von vornherein daran scheitern, dass mit Gl\u00fcck etwas gemeint ist, das im Begriff nicht aufgeht. Vom Gl\u00fcck kann man eigentlich nur erz\u00e4hlen, in Alltagsgeschichten, Anekdoten und Gespr\u00e4chen davon berichten, wie jemand sein Gl\u00fcck gefunden, gemacht oder verfehlt hat, wo er Gl\u00fcck hatte oder wodurch er ungl\u00fccklich geworden ist. Das mit Gl\u00fcck Gemeinte ist zu gro\u00df, als dass es in einer knappen Begriffsbestimmung auf den Punkt gebracht werden k\u00f6nnte. Sein \u00dcberfluss kann nur narrativ aufgefangen werden, aber auch tausendundeine Nacht reichen nicht aus, um die Vielfalt von Gl\u00fccksereignissen, Gl\u00fccksg\u00fctern und Gl\u00fccksempfindungen zu dokumentieren.<\/p>\n<p>Wir Menschen sind sterbliche Wesen und existieren unter Raum-Zeit-Bedingungen. Daher m\u00f6chte ich mich der Frage nach dem Gl\u00fcck aus der r\u00e4umlichen Perspektive einerseits, der zeitlichen andererseits n\u00e4hern. Beginnen wir mit der Frage, wo das Gl\u00fcck zu Hause ist. Sie f\u00fchrt uns zum Auftakt an Orte, die mit dem Gl\u00fcck in Zusammenhang gebracht werden, an K\u00f6rperorte und an geographische Orte. Bei der k\u00f6rperlichen Verortung des Gl\u00fccks fange ich mit dem Kopf an. \u201eHeureka\u201c (ich hab\u2019s gefunden) soll Archimedes gejubelt haben, als er bei einer Untersuchung des Goldgehalts einer Krone das Gesetz des spezifischen Gewichts entdeckte. Anschlie\u00dfend habe er sich in \u00fcberm\u00fctiger Freude seiner Kleider entledigt und sei splitternackt nach Hause gelaufen. Das durch den Ausruf \u201eHeureka\u201c mitgeteilte Finder- oder Erfindergl\u00fcck wird im Kopf erzeugt. Hypothesen, Gedankenexperimente, Beweismethoden und Testverfahren sind Teile eines Probleml\u00f6sungsverfahrens, f\u00fcr das der Kopf seine logischen und argumentativen Denkressourcen bereitstellt. Das intellektuelle Gl\u00fcck, das sich einstellt, wenn das Gesuchte gefunden ist, erstreckt sich vom Kopf aus auf den ganzen K\u00f6rper, was bei Archimedes seinen Ausdruck in dessen Nacktheit findet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Nacktheit scheint mir ein Hinweis darauf zu sein, dass Archimedes sich wie neu geboren f\u00fchlt, wobei sein Gl\u00fcck daraus resultiert, dass er sich als Erfinder \u2013 durch eigene Leistung \u2013 selbst auf die Welt gebracht hat. Die Vorstellung, dass auch M\u00e4nner geb\u00e4ren k\u00f6nnen, indem sie sich in einer Art Kopfgeburt reproduzieren, l\u00e4sst erkennen, dass der Mann die Frauen um ihre Geb\u00e4rf\u00e4higkeit zwar beneidet, seine geistige Kreativit\u00e4t jedoch als der nat\u00fcrlichen Fortpflanzungsf\u00e4higkeit \u00fcberlegen behauptet. So hat schon Sokrates, der den Erfolg seiner philosophischen Gespr\u00e4che auf seine als Hebamment\u00e4tigkeit bezeichnete Dialogf\u00fchrung zur\u00fcckf\u00fchrte, seine Lehrbem\u00fchungen als Maieutiker, als Geburtshelfer, so beschrieben, dass er den mit ihren selbst erzeugten Gedanken schwangeren Sch\u00fclern bei der Entbindung von ihren Kopfgeburten behilflich ist. Friedrich Nietzsche hat die \u201egeistige Schwangerschaft\u201c f\u00fcr eine h\u00f6herrangige Form von Kreativit\u00e4t erkl\u00e4rt als die nat\u00fcrlich-biologische Produktivit\u00e4t der Frauen und damit das intellektuelle Gl\u00fcck, dessen nur M\u00e4nner teilhaftig werden k\u00f6nnen, an die Spitze der Gl\u00fccksskala ger\u00fcckt. In \u201eAlso sprach Zarathustra\u201c gibt er daf\u00fcr die lapidare Begr\u00fcndung: \u201eDas Gl\u00fcck des Mannes heisst: ich will. Das Gl\u00fcck des Weibes heisst: er will.\u201c<\/p>\n<p>Der zweite K\u00f6rperort des Gl\u00fccks ist das Herz. Hier sind die Gef\u00fchle zu Hause, insbesondere die Gl\u00fccksgef\u00fchle, die sich vor allem in zwischenmenschlichen Beziehungen einstellen. Das h\u00f6chste dieser Gef\u00fchle findet seinen Ausdruck im \u201eIch liebe dich\u201c und erf\u00e4hrt noch eine Steigerung, wenn das Gegen\u00fcber die Liebe erwidert. Das emotionale Gl\u00fcck findet sich aber noch in einer Reihe anderer Beziehungsmuster, die das Sprichwort best\u00e4tigen: Geteiltes Gl\u00fcck ist doppeltes Gl\u00fcck. Wer anderen in einer Notlage uneigenn\u00fctzig hilft, Solidarit\u00e4t mit gef\u00e4hrdeten Mitmenschen bekundet, macht damit nicht nur die Betroffenen gl\u00fccklich, sondern auch sich selbst. In der Schweiz hei\u00dft das Spendenkonto, f\u00fcr das bei Katastrophen um Geld zur Unterst\u00fctzung der Opfer geworben wird, \u201eGl\u00fcckskette\u201c. Albert Camus hat seinerzeit von einer \u201eSolidarit\u00e4t der Kette\u201c gesprochen. Das Bild der Kette symbolisiert jenen Halt, den die Menschen in einer Solidargemeinschaft einander geben, wenn jedes Mit-Glied sich in ein anderes Glied der Kette einhakt und damit f\u00fcr den inneren Zusammenhalt sorgt, der das Ungl\u00fcck au\u00dfen vor h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Aber auch dort, wo keine Gegenliebe zu erwarten ist, in der Liebe zur Natur etwa oder zu Tieren, die von Ausrottung bedroht sind, stellen sich Gl\u00fccksgef\u00fchle ein, wenn man sich an Ma\u00dfnahmen zum Erhalt des Bestehenden beteiligt \u2013 auch unter Ber\u00fccksichtigung der nach uns kommenden Generationen, denen wir diese Gl\u00fcckserfahrungen nicht vorenthalten wollen.<\/p>\n<p>Kommen wir zum dritten K\u00f6rperort des Gl\u00fccks: zum Bauch. Hier haben wir es mit dem affektiven Gl\u00fcck zu tun, das sich in einem simplen \u201eMir schmeckt\u2019s\u201c \u00e4u\u00dfern kann und als Auswuchs im Gegr\u00f6le der besoffenen Studenten zu Tage tritt, die in Auerbachs Keller br\u00fcllen: \u201eMir ist ganz kannibalisch wohl als wie f\u00fcnfhundert S\u00e4uen.\u201c W\u00e4hrend Faust zu Beginn des Dramas sein Ungl\u00fcck beklagt, dass er trotz lebenslanger Bem\u00fchungen nicht herausgefunden hat, was die Welt im Innersten zusammenh\u00e4lt, dass ihm also das hei\u00df erstrebte intellektuelle Gl\u00fcck, das \u201eHeureka\u201c, versagt blieb, m\u00fchen sich die Studenten gar nicht mehr erst ab mit den Wissenschaften, sondern suchen ihr Gl\u00fcck im hemmungslosen Ausleben alkoholischer Gen\u00fcsse. John Stuart Mill hat entsprechend zwei Typen von Menschen unterschieden: Auf die eine Seite stellt er den Typus des ewig unzufriedenen Sokrates, auf die andere den des gut gen\u00e4hrten, wohlig grunzenden Schweins. W\u00e4hrend der eine sein Gl\u00fcck in der kritischen Anprangerung einer vollst\u00e4ndigen affektiven Vereinnahmung findet, gibt der andere sich z\u00fcgellos seinen Affekten hin.<\/p>\n<p>Das affektive Gl\u00fcck ist vor allem Konsumgl\u00fcck. Die Palette der auf diese Weise Gl\u00fccklichen reicht in Bezug auf die Zuf\u00fchrung von Nahrungsmitteln vom stillen Genie\u00dfer \u00fcber den Feinschmecker bis hin zum Vielfra\u00df \u2013 vom Gourmet bis zum Gourmand. Neben dem Geschmackssinn als Indikator der Genussfreuden ist f\u00fcr die Intensit\u00e4t des affektiven Gl\u00fccks der Status der Bed\u00fcrftigkeit, des Mangels, der Entbehrung entscheidend. Extremer Hunger und Durst wollen gestillt werden, auch wenn dazu nur Wasser und Brot zur Verf\u00fcgung stehen. Der Feinschmecker hingegen verh\u00e4lt sich w\u00e4hlerisch, sch\u00e4rft in der Vorfreude auf den erwarteten Genuss schon einmal seine Geschmacksknospen und gibt sich dann ganz seiner Lust an ausgesuchten Speisen, Getr\u00e4nken und Rauchwaren hin.<\/p>\n<p>Das Gl\u00fcck des Bauches beschr\u00e4nkt sich nicht auf das Eingeweidegl\u00fcck, sondern erstreckt sich in erheblichem Ma\u00df auch auf die Geschlechtsorgane. In deren Brennpunkt stellen sich sexuelle Gl\u00fcckserlebnisse ein, die von beiden Geschlechtern mit zu den intensivsten Lustempfindungen gez\u00e4hlt werden.<\/p>\n<p>Das Konsumgl\u00fcck insgesamt h\u00e4ngt eng mit dem Habenwollen, dem Besitzstreben zusammen. Materielle Gl\u00fccksg\u00fcter sollen das Leben angenehm machen und zum k\u00f6rperlich-seelisch-geistigen Wohlbefinden beitragen. Getragen von der \u00dcberzeugung, dass auch die Anerkennung der Mitmenschen w\u00e4chst, je mehr man hat, sind Reichtum, Ruhm und Ehre seit Platons und Aristoteles\u2019 Zeiten allgemein begehrte Gl\u00fccksg\u00fcter, obwohl sie oft Gier und Geiz als unerw\u00fcnschte Nebenwirkungen erzeugen.<\/p>\n<p>Kommen wir nach Kopf, Herz und Bauch zum vierten K\u00f6rperteil, an dem das Gl\u00fcck verortet wird: zur Hand. Wenn wir von einer gl\u00fccklichen Hand sprechen, meinen wir mehr als nur eine gewisse Fingerfertigkeit oder handwerkliche Geschicklichkeit. Das manuelle Gl\u00fcck verdankt sich mindestens ebenso sehr einem k\u00fcnstlerisch-gestalterischen Talent. Wer zum Beispiel einen gr\u00fcnen Daumen besitzt, versteht es, Blumen, G\u00e4rten und Parkanlagen nicht nur zum Bl\u00fchen zu bringen, sondern auch \u00e4sthetisch zu arrangieren. Eine gl\u00fcckliche Hand schreibt man weiterhin Menschen zu, die komplizierte Apparate so zusammenbauen k\u00f6nnen, dass sie optimal funktionieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die vier verschiedenen Gl\u00fccksorte, die ich am menschlichen K\u00f6rper ausgemacht habe \u2013 Kopf, Herz, Bauch und Hand \u2013, lassen sich noch erg\u00e4nzen durch die f\u00fcnf Sinne. Vom Geschmackssinn war schon im Kontext des Bauchgl\u00fccks die Rede. Dass auch die Augen ein Gl\u00fccksort sind, l\u00e4sst uns Lynkeus, der Turmw\u00e4chter in Goethes \u201eFaust II\u201c, im 3. Akt wissen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum Sehen geboren,<br \/>\nZum Schauen bestellt,<br \/>\nDem Turme geschworen,<br \/>\nGef\u00e4llt mir die Welt.<br \/>\nIch blick\u2019 in die Ferne,<br \/>\nIch seh\u2019 in der N\u00e4h<br \/>\nDen Mond und die Sterne,<br \/>\nDen Wald und das Reh.<br \/>\nSo seh\u2019 ich in allen<br \/>\nDie ewige Zier,<br \/>\nUnd wie mir\u2019s gefallen,<br \/>\nGefall\u2019 ich auch mir.<br \/>\nIhr gl\u00fccklichen Augen,<br \/>\nWas ihr je geseh\u2019n,<br \/>\nEs sei, wie es wolle,<br \/>\nEs war doch so sch\u00f6n!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Augen als Einfallstor f\u00fcr die Sch\u00f6nheit des Universums sind ebenso ein Hort des Gl\u00fccks wie die Ohren, wenn sie etwas zu h\u00f6ren bekommen, das sie begl\u00fcckt, als sch\u00f6n empfundene Klang- und Sprachgebilde. Eine gl\u00fcckliche Nase ist erf\u00fcllt mit Wohlger\u00fcchen, und ein gl\u00fccklicher Tastsinn erf\u00fchlt einen Gegenstand, dessen Oberfl\u00e4che ihn entz\u00fcckt.<\/p>\n<p>Die k\u00f6rperbezogenen Gl\u00fccksorte sind de facto nicht so voneinander getrennt, wie ich sie dargestellt habe. Da sie Teile eines Organismus sind, sind sie miteinander vernetzt, was eine Intensivierung der isoliert aufgelisteten Gl\u00fcckserlebnisse nach sich ziehen kann. So erg\u00e4nzen sich zum Beispiel intellektuelles und manuelles Gl\u00fcck, wenn ein theoretisch entwickeltes Konzept erfolgreich in der Praxis umgesetzt wird. Emotionales und affektives Gl\u00fcck verst\u00e4rken sich gegenseitig, wenn in der Liebe das Herz und der Unterleib sich miteinander verbinden. Der Bauch profitiert vom Kopf, wenn er dessen Appelle beherzigt, Ma\u00df zu halten. Je mehr K\u00f6rperorte zusammenwirken, desto ganzheitlicher ist das Gl\u00fcckserlebnis. Der K\u00f6rper ist dann ganz vom Gl\u00fcck durchdrungen, und wir empfinden eine ungeteilte Freude.<\/p>\n<p>Ein extremes Beispiel f\u00fcr eine solche ganzheitliche Gl\u00fcckserfahrung findet sich in Albert Camus\u2019 Deutung des Sisyphos-Mythos. Camus\u2019 gleichnamiger Essay endet mit dem Satz \u201eWir m\u00fcssen uns Sisyphos als einen gl\u00fccklichen Menschen vorstellen.\u201c Diese Behauptung scheint absurd, wenn man das schreckliche Schicksal des Sisyphos betrachtet. Er hatte den Tod in Ketten gelegt, um die Menschen vor dem Sterbenm\u00fcssen zu bewahren. Daf\u00fcr wurde er von den G\u00f6ttern grausam bestraft. Sisyphos musste unabl\u00e4ssig einen Felsbrocken einen Berg hinauf w\u00e4lzen. Kaum auf dem Gipfel angekommen, rollte der Stein wieder zur\u00fcck ins Tal, und die m\u00fchselige Plackerei begann von Neuem \u2013 ohne dass ein Ende absehbar war, denn als Halbgott ist Sisyphos unsterblich.<\/p>\n<p>Nichts macht ungl\u00fccklicher, so denkt man, als eine den vollen Krafteinsatz erfordernde T\u00e4tigkeit, von der man von vornherein wei\u00df, dass sie vergeblich und damit sinnlos ist. Sisyphos wei\u00df, dass der Stein nie oben liegen bleiben wird. Seinem Tun wird kein Erfolg beschieden sein. Das ist ein Grund f\u00fcr Hoffnungslosigkeit und tiefste Verzweiflung. Wieso kann Camus dann behaupten, dass Sisyphos ein gl\u00fccklicher Mensch sei? Mir scheint die Plausibilit\u00e4t dieser These damit zusammenzuh\u00e4ngen, dass es Sisyphos gelingt, alle seine K\u00f6rperorte des Gl\u00fccks so zu mobilisieren, dass sie das Problem gemeinsam bew\u00e4ltigen. Fangen wir mit dem Kopf an. Die T\u00fccke der Strafe lag darin, dass die G\u00f6tter dem Str\u00e4fling suggerierten, Ziel seines Handelns sei der Berggipfel, auf dem der Felsblock liegen bleiben m\u00fcsse. Zugleich verhinderten sie jeweils im letzten Moment das Erreichen dieses Ziels.<\/p>\n<p>Sisyphos hat w\u00e4hrend des Abstiegs vom Berg eine Atempause, in der er \u00fcber die Sinnlosigkeit seines Lebens nachdenkt. Ihm wird klar, dass sein Ungl\u00fcck mit der von den G\u00f6ttern vorgegebenen Zielsetzung zusammenh\u00e4ngt. Davon muss er sich unabh\u00e4ngig machen, aber wie? Seine existenzielle Grundsituation konnte er nicht \u00e4ndern, aber konnte er sich nicht innerhalb der ihm unverf\u00fcgbaren festen Rahmenbedingungen ein eigenes Ziel setzen, ein Ziel, das nicht mehr auf dem Berggipfel lag, sondern anderswo? Vielleicht in ihm selbst? Als er gr\u00fcndlicher nachdachte, kamen ihm sein Herz und sein Bauch zu Hilfe, die seine leidenschaftliche Liebe zum Leben und seinen Hass auf die Unmenschlichkeit der G\u00f6tter sch\u00fcrten, die ihm eine solch grausame Strafe auferlegt hatten. Sie verdienten den Namen Gott nicht und waren es deshalb nicht wert, als sein Leben bestimmende Instanzen beachtet zu werden. Voller Verachtung strich er die G\u00f6tter und mit ihnen deren Zielvorgabe aus seinen \u00dcberlegungen.<\/p>\n<p>In einem zweiten Schritt dachte Sisyphos \u00fcber sich selbst und seine M\u00f6glichkeit, trotz aller Widrigkeiten ein gegl\u00fccktes Leben zu f\u00fchren, nach. Er begriff, dass das Ziel, das er selbst bestimmen konnte, vor seinen F\u00fc\u00dfen lag. Der Weg war sein Ziel, nicht der Berggipfel. Jeder Schritt, mit dem er seine Last voran brachte, war ein erfolgreich zur\u00fcckgelegtes St\u00fcck Weg. Und Sisyphos wurde klar, dass er damit seine Autonomie, die Verf\u00fcgungsmacht \u00fcber sein Leben wieder an sich gerissen hatte, indem er sich das Gehen des Weges zum Ziel setzte. Genau dies, dass er den Berggipfel nicht als Endpunkt, sondern als blo\u00dfe Durchgangspassage bestimmte, durchkreuzte die perfide Strategie der G\u00f6tter. Er war wieder Herr seiner selbst. Zwar blieb seine absurde Situation unver\u00e4ndert, aber daf\u00fcr war er nicht verantwortlich.<\/p>\n<p>Wie sehr sich jedoch f\u00fcr ihn seine Lebensqualit\u00e4t ver\u00e4ndert hatte, nachdem er seinem Handeln nicht mehr eine lineare, sondern eine zirkul\u00e4re Struktur zugrunde legte, der zufolge jeder Punkt auf dem Kreis des von ihm nach oben und nach unten zur\u00fcckgelegten Weges zugleich Ausgangs- und Zielpunkt war, l\u00e4sst sich daran ermessen, wie er den Einsatz seiner K\u00f6rperkr\u00e4fte steuert. Camus schreibt: \u201eWir sehen das verzerrte Gesicht, die Wange, die sich an den Stein presst, sehen, wie eine Schulter den erdbedeckten Koloss abst\u00fctzt, wie ein Fu\u00df sich gegen ihn stemmt und der Arm die Bewegung aufnimmt, wir erleben die ganz menschliche Sicherheit zweier erdbeschmutzter H\u00e4nde.\u201c Der ganze K\u00f6rper arbeitet mit, um den Stein zu wuchten, fast als handle es sich um eine Umarmung, eine Verschmelzung gar mit dem Felsbrocken, der Sisyphos eigentlich als Feind zugedacht worden war.<\/p>\n<p>Die Koordination und Kooperation von Kopf, Herz, Bauch und Hand macht ihn gl\u00fccklich. \u201eDarin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal geh\u00f6rt ihm. Sein Fels ist seine Sache.\u201c Mit seiner Lebensfreude kehrt auch die Aufmerksamkeit seiner Sinne zur\u00fcck, die unter der gewaltigen Belastung abgestorben waren. Er sieht pl\u00f6tzlich seine Umgebung, den Berg, das Tal, mit neuen Augen, nimmt ihre Lebendigkeit und ihre Sch\u00f6nheit wahr. Seine Ohren vernehmen wieder \u201edie tausend kleinen, h\u00f6chst verwunderten Stimmen der Erde\u201c. Kurz: Sisyphos hat es geschafft, seine k\u00f6rperlichen Gl\u00fccksorte wieder zu beleben und mit deren Unterst\u00fctzung seinem Leben neuen Sinn zu geben, einen Sinn, der das ganze Universum mit einschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Die Gl\u00fccksorte des K\u00f6rpers verwandeln sich jedoch rasch in Ungl\u00fccksorte, wenn sie sich nicht mehr ganzheitlich vernetzen, sondern jeweils mit einem absoluten Geltungsanspruch auftreten. So folgt aus einer Verabsolutierung des intellektuellen Gl\u00fccks eine Herabsetzung des emotionalen Gl\u00fccks und eine Ver\u00e4chtlichmachung des affektiven Gl\u00fccks. Wo nur der Kopf das Sagen hat, terrorisiert er Herz und Bauch, unterdr\u00fcckt deren Gl\u00fccksanspr\u00fcche und l\u00e4sst allein die Hand als Instrument f\u00fcr die Umsetzung seiner Denkkonstrukte zu. Bei einer Verabsolutierung des Herzens werden Kopf und Bauch mit Leidenschaften \u00fcberschwemmt, die im Zuge irrationaler Gef\u00fchligkeit alle Einw\u00e4nde seitens der Vernunft hinwegfegen. Wird der Bauch verabsolutiert, endet alles im Konsumrausch, dem jegliches Ma\u00df abhandengekommen ist. Und wird schlie\u00dflich die Hand verabsolutiert, folgt daraus, dass alles Machbare gemacht wird, ohne dass die Konsequenzen einer durchgehenden Technisierung der Welt und unserer Lebensvollz\u00fcge bedacht werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von den K\u00f6rperorten gehen wir weiter zu den geographischen Gl\u00fccksorten. Schon die \u00e4ltesten uns bekannten Dokumente kontrastieren zwei diametral entgegengesetzte Orte, einen guten und einen schlechten, einen gl\u00fccklichen und einen ungl\u00fccklichen Ort. So beschreibt etwa Platon im Schlussmythos seines Dialogs \u201ePoliteia\u201c die Wanderung der Seelen nach dem Tod des K\u00f6rpers zu dem Ort, der als Belohnung oder Strafe f\u00fcr sie vorgesehen ist, je nachdem, wie sie ihr irdisches Leben gef\u00fchrt haben. Es gibt zwei endg\u00fcltige Aufenthaltsorte: f\u00fcr die guten Seelen die Insel der Seligen oberhalb des Uranos, f\u00fcr die durch und durch verdorbenen den Tartaros im Erdinneren. W\u00e4hrend die guten Seelen in den Genuss des Umgangs mit den G\u00f6ttern gelangen und eines un\u00fcberbietbaren Gl\u00fccks teilhaftig werden, erleiden die verdorbenen Seelen uns\u00e4gliche Qualen, von denen es keine Erl\u00f6sung gibt.<\/p>\n<p>Die weitaus gr\u00f6\u00dfte Zahl der Seelen jedoch hat ein gemischtes Leben gef\u00fchrt, mit guten und mit schlechten Taten. Sie m\u00fcssen sich erneut verk\u00f6rpern und in einem neuen, selbst gew\u00e4hlten Leben bew\u00e4hren. Nur wenn es ihnen gelingt, sich durch ein anst\u00e4ndiges Leben um ihr Gl\u00fcck verdient zu machen, bekommen sie noch einmal die Chance, nach dem Tod auf die Inseln der Seligen zu gelangen und dort in alle Ewigkeit zu bleiben.<\/p>\n<p>Die christliche Version von Himmel und H\u00f6lle als Aufenthaltsorte f\u00fcr die Guten einerseits, die Verdammten andererseits klingt \u00e4hnlich. Und auch hier gibt es einen mittleren Ort, das Fegefeuer, in dem man durch Reue von seinen schlechten Handlungen Abstand nehmen und sich von seinen S\u00fcnden reinigen kann. Dies w\u00e4re allerdings eine spirituelle, keine leibliche Wiedergeburt der Seele.<\/p>\n<p>Die Frage ist nat\u00fcrlich, ob die Art von Gl\u00fcck, die man auf den Inseln der Seligen oder im Himmel erlebt, wirklich befriedigt. Jedenfalls ist Aloysius, den Ludwig Thoma in seiner Geschichte \u201eDer M\u00fcnchner im Himmel\u201c erz\u00e4hlt, vom ewigen Halleluja-Singen und Manna-Essen so genervt, dass er sich wieder auf die Erde zur\u00fcck sehnt und erst wieder gl\u00fccklich ist, als er mit g\u00f6ttlichem Segen im Hofbr\u00e4uhaus sein Bier trinken kann. Zwar ist dieses Gl\u00fcck verg\u00e4nglich und schlie\u00dft ungl\u00fcckliche Phasen nicht aus. Aber Aloysius wei\u00df, dass auf ein Tief wieder ein Hoch folgt und die Langeweile des Immergleichen ein Ende hat. F\u00fcr Aloysius ist die Erde der gl\u00fccklichste Aufenthaltsort im Universum, da kann der Himmel mit seinen Gl\u00fccksangeboten bei Weitem nicht mithalten.<\/p>\n<p>Die Bibel schildert bekanntlich das Paradies als den Gl\u00fccksort schlechthin. Im Garten Eden lebten die ersten Menschen in Gemeinschaft mit ihrem Sch\u00f6pfer in einem \u00f6kologischen Umfeld, von dem wir heute nur tr\u00e4umen k\u00f6nnen. Die Geschichte vom S\u00fcndenfall berichtet \u00fcber die Gr\u00fcnde, warum Adam und Eva diese in jeder Hinsicht optimale Region verlassen und von nun an ihr Leben unter unwirtlichen Bedingungen f\u00fchren mussten. Vielleicht gibt es eine kleine, spekulative Parallele zum M\u00fcnchner im Himmel, wenn man unterstellt, dass auch die ersten Menschen sich in einer perfekten Umgebung zu langweilen begannen und deshalb anf\u00e4llig f\u00fcr die Verf\u00fchrungsk\u00fcnste der Schlange wurden. Allerdings hatten sie \u2013 anders als Aloysius \u2013 keine Vorstellung von einem anderen, zeitgebundenen und nur phasenweise erf\u00fcllten Gl\u00fcck. Sie wollten sein wie Gott, indem sie gegen dessen Gebot verstie\u00dfen. Dieses Vergehen wog ungleich schwerer als das \u00fcberm\u00e4chtige Verlangen des M\u00fcnchners im Himmel nach seinem Stammplatz im Bierhaus. Entsprechend wurden sie mit dem Entzug des Paradieses bestraft, des einzigen Gl\u00fccksortes, den sie kannten und nach der Vertreibung nur in ihrer Erinnerung wiederfanden. Es war das gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Ungl\u00fcck, das den ersten Menschen widerfuhr. Entsprechend m\u00e4chtig war ihr Verlangen nach einem neuen Gl\u00fcck. Obwohl ihnen eine R\u00fcckkehr ins Paradies verwehrt war, wollten sie wenigstens alles daran setzen, ihre Lebensbedingungen so zu verbessern, dass das Gl\u00fcck zu ihnen zur\u00fcckkehrte, wenn auch in anderer Form.<\/p>\n<p>Der Topos der Insel der Gl\u00fcckseligkeit und der Mythos des Paradieses, die von einem un\u00fcberbietbaren Gl\u00fccksort der Menschen erz\u00e4hlen, kehren wieder in den Utopien. W\u00e4hrend in den klassischen Utopien der Renaissance Modelle einer idealen Gesellschaft entwickelt wurden, deren Ziel ein friedliches Zusammenleben aller Mitglieder der Gemeinschaft ist, geht es in den schwarzen Utopien des 20. Jahrhunderts um die Herstellung des gr\u00f6\u00dften Gl\u00fccks der gr\u00f6\u00dften Zahl. Gemeinsam ist beiden utopischen Projektarten der Ausgangspunkt, n\u00e4mlich die empirische Feststellung, dass die Menschheit auf ihren Untergang zusteuert, weil die sich zusehends verschlimmernde Lebenssituation die Mehrheit der Erdenbewohner ins Ungl\u00fcck st\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Nun wird durch das Wort Utopie bereits signalisiert, dass der beschriebene Gl\u00fccksort nicht existiert. U-Topos bedeutet so viel wie: kein Ort, nirgends. Zwar geben vage Andeutungen geographische Hinweise auf irgendeine Insel in einem fernen Ozean, wo der angepriesene Idealstaat angeblich verwirklicht ist, aber in der Wirklichkeit gibt es ihn noch nicht, er dient vorab nur als Vorbild, nach dem die bestehenden Staaten umgebaut werden sollen. Der Unterschied zwischen den klassischen und den modernen Utopien besteht in den Methoden, mittels deren die Neugestaltung der Staaten erfolgen soll, damit sich am Ende die Erde insgesamt in einen Gl\u00fccksort verwandelt. In den Utopien der Renaissance setzt man auf die Erziehung der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger zur Tugend, in den modernen Utopien auf Verbesserung des Menschenmaterials durch genetische Eingriffe und soziale Manipulationen. Der Preis f\u00fcr das Gelingen des jeweiligen Gl\u00fccks-Projekts ist in beiden F\u00e4llen die Eliminierung individueller Freiheit.<\/p>\n<p>In Thomas Morus\u2019 \u201eUtopia\u201c betrachtet man die Lust als \u201eEndzweck und das eigentliche Gl\u00fcck\u201c. Schaut man jedoch genauer hin, so beziehen sich die W\u00f6rter Lust und Gl\u00fcck auf das soziale Gesamtwohl, nicht jedoch auf die Empfindungen des Einzelnen. Dessen Wohlverhalten wird erzwungen durch rigide Verhaltensregeln, die verhindern sollen, dass jemand seine eigene Befindlichkeit zum Ma\u00dfstab seines Handelns macht. Die Abrichtung zur Tugend, zur Gemeinschaftstauglichkeit wird unterst\u00fctzt durch die \u00e4u\u00dfere Zurschaustellung strikter Gleichheit. Alle tragen unterschiedslos die gleichen schlichten Kleider, nehmen ihre Mahlzeiten in \u00f6ffentlichen Speiseh\u00e4usern ein, haben keinerlei Eigentum und keine Privatsph\u00e4re. Niemand wird bevorzugt oder benachteiligt, ganz gleich, welche Funktion er im Staat aus\u00fcbt. Da fast alle Verrichtungen \u00f6ffentlich geschehen und damit der Kontrolle der Mitb\u00fcrger ausgesetzt sind, hat der Einzelne als Einzelner gar keine M\u00f6glichkeit, pers\u00f6nliche Interessen und Neigungen zu entwickeln, die m\u00f6glicherweise auf ein anderes Gl\u00fcck abzielen, als das vom Staat vorgeschriebene Sozialwohl. Das Ich wird vollst\u00e4ndig vereinnahmt durch das Wir.<\/p>\n<p>Francis Bacons \u201eUtopie Nova Atlantis\u201c ist auf einer Insel namens Bensalem angesiedelt. Die Mitglieder dieses Staates leben, so hei\u00dft es, als \u201efast unbekanntes Volk im Scho\u00dfe Gottes\u201c, was bereits darauf hinweist, dass es sich um eine religi\u00f6se Gemeinschaft handelt. Dieses angeblich \u201egl\u00fccklichste aller L\u00e4nder\u201c verdankt sein Wohlergehen einerseits \u2013 wie bei Thomas Morus \u2013 der Tugendhaftigkeit seiner B\u00fcrger, andererseits seinen Regenten, die sich als das Haus Salomons bezeichnen oder als das Kollegium der Werke der sechs Tage. Dieser religi\u00f6se Orden besteht aus M\u00e4nnern, die sowohl Priester als auch Wissenschaftler sind. Sie k\u00fcmmern sich um das Gl\u00fcck der B\u00fcrger in doppelter Hinsicht: Zum einen f\u00f6rdern sie das Sozialwohl durch Regeln, die den Untertanen strikten Gehorsam abverlangen, der mit der Verleihung von Ehrengaben belohnt wird. Zum Anderen sorgen sie durch wissenschaftliche Forschung und technische Errungenschaften f\u00fcr Fortschritte, die das Leben erleichtern.<\/p>\n<p>Auch in dieser Zweiklassengesellschaft hat der Einzelne keine M\u00f6glichkeit, eigene Gl\u00fccksvorstellungen zu entwickeln und die staatlich vorgegebenen Handlungsanweisungen hinsichtlich ihrer Berechtigung zu \u00fcberpr\u00fcfen. Das Individuum hat an und f\u00fcr sich selber keinen Wert, es z\u00e4hlt nur als Gattungsexemplar hinsichtlich seines sozialen Nutzens. Nicht einmal die Mitglieder des Ordens haben ein pers\u00f6nliches Profil. Sie verstehen sich als Instrumente Gottes, in dessen Auftrag sie die Natur und das Weltall erforschen, um die Ergebnisse zum Besten der Gemeinschaft anzuwenden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>V.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den modernen Utopien setzt man nicht mehr auf die Erziehung zur Tugend, um das Gl\u00fcck aller zu gew\u00e4hrleisten. Die Erfahrung hat gelehrt, dass selbst die Aus\u00fcbung von Zwang zur Einhaltung allgemein verbindlicher Regeln das Freiheitsbed\u00fcrfnis nicht g\u00e4nzlich zu unterdr\u00fccken vermag, sodass einzelne die Mitmenschen mit ihren Gl\u00fccksvisionen anstecken und das reibungslose Funktionieren des Sozialverbands sabotieren k\u00f6nnen. Um auch den letzten Rest individueller Freiheit auszumerzen, l\u00e4sst Aldous Huxley in seiner Utopie \u201eSch\u00f6ne neue Welt\u201c die k\u00fcnftigen Mitglieder der Weltgesellschaft in Retorten herstellen und nach ihrer Entkorkung einem rigiden Verhaltenstraining unterziehen, das ihnen ihre k\u00fcnftige Funktion buchst\u00e4blich auf den Leib und in die Seele schreibt.<\/p>\n<p>Die Menschen werden je nach Bedarf k\u00fcnstlich erzeugt und im Hinblick auf ihre k\u00fcnftigen Aufgaben programmiert, wobei die Skala von den hoch intelligenten Alphas, die f\u00fcr Wissenschaft und Technik vorgesehen sind, bis hin zu den schwachsinnigen Epsilons reicht, die als Fabrikbelegschaft oder als Polizeitruppe ihren Beitrag zum Allgemeinwohl leisten. \u201eJeder ist heutzutage gl\u00fccklich\u201c, verk\u00fcndet der Weltaufsichtsrat, dabei handle es sich keineswegs um ein fl\u00fcchtiges Gl\u00fcck, sondern um \u201eein Gl\u00fcck, das alle Tage anh\u00e4lt\u201c. Die Stabilit\u00e4t dieses Gl\u00fccks verdankt sich in erster Linie der Tatsache, dass alle B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger ohne jede Ausnahme Sklaven ihrer Normierung sind, die sie nicht ausmerzen k\u00f6nnen. Sie stellen fest, wie bequem es ist, dass sie \u2013 jeder f\u00fcr sich \u2013 lebenslang wie auf Schienen fahren und keinerlei Weichen stellen m\u00fcssen. Ein weiterer Pluspunkt f\u00fcr ein dauerhaftes Gl\u00fcck besteht darin, dass es trotz der Klassenunterschiede keinen Grund f\u00fcr Unzufriedenheit gibt, weil den Zugeh\u00f6rigen jeder Klasse in den Normierungsprozessen ein Selbstbewusstsein eingeimpft wird, das sie stolz macht, gerade durch ihre T\u00e4tigkeit das Allgemeinwohl zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Das Gl\u00fcck der Mitglieder des Staates hat sein Fundament in der Gleichheit aller. Niemand wird unzul\u00e4ssig bevorzugt oder benachteiligt. Sie alle sind k\u00fcnstlich erzeugt worden, ohne Eltern aufgewachsen, und sterben an ihrem 60. Geburtstag. Sie kennen von Kind an den Tag ihres Todes, an dem die euphorisierende Droge Soma sie gl\u00fccklich ins Jenseits bef\u00f6rdern wird, und entsprechend angstfrei denken sie an ihr Ende. Sie konnten ein konfliktfreies, friedvolles, erf\u00fclltes Leben im Dienst der Allgemeinheit f\u00fchren. Dabei haben sie nichts verpasst und alles, was sie begehrten, bekommen. Ein anderes, vielleicht gr\u00f6\u00dferes als dieses ihnen suggerierte Gl\u00fcck ist f\u00fcr sie nicht vorstellbar.<\/p>\n<p>Die utopischen Gl\u00fccksorte sind aus unserer heutigen Sicht eher Un-Orte, ja Ungl\u00fccksorte, ganz gleich, ob man die klassischen oder die modernen Utopien heranzieht. F\u00fcr uns, die wir im Zuge der Aufkl\u00e4rung Individualismus und Pluralismus als Errungenschaften der Freiheit hoch sch\u00e4tzen, sind die geschilderten Lebensformen mit erheblichen Gl\u00fcckseinbu\u00dfen verbunden. Zwar w\u00fcnschen auch wir uns angesichts der schlimmen Zust\u00e4nde, die Millionen von Menschen um Leib und Leben f\u00fcrchten lassen, eine friedliche Weltgesellschaft, in der alle miteinander kooperieren, anstatt danach zu trachten, sich gegenseitig umzubringen: aus Hass, aus Neid, aus ideologischen und rassistischen Gr\u00fcnden. Doch wenn eine solche Weltgesellschaft erkauft ist mit dem Gl\u00fcck der Individuen, die um des kollektiven Gl\u00fccks willen ihres Selbstbestimmungsrechts und damit ihrer Entscheidungsfreiheit beraubt sind, wird die Erde als unser Lebensraum zu einem Un-Ort, weil der K\u00f6der des kollektiven Gl\u00fccks nicht \u00fcber den Verlust der pers\u00f6nlichen Freiheit hinweg zu t\u00e4uschen vermag.<\/p>\n<p>Weg von der Gro\u00dfr\u00e4umigkeit der Gl\u00fccksutopien f\u00fchren bescheidenere, kleine Gl\u00fccksorte, die gleichwohl ein intensives Gl\u00fcck vermitteln k\u00f6nnen. Der Pferder\u00fccken zum Beispiel kann f\u00fcr passionierte Reiter ein Gl\u00fccksort sein: Das Gl\u00fcck liegt n\u00e4mlich \u2013 vorzugsweise in Gro\u00dfbritannien, aber nicht nur dort \u2013 auf dem R\u00fccken der Pferde, wie es sprichw\u00f6rtlich hei\u00dft. Dies erst recht, wenn es als Fluchtinstrument begehrt wird, wie von Richard III., der ein K\u00f6nigreich f\u00fcr ein Pferd anbot, um gl\u00fccklich zu entkommen. Ein anderer kleiner Gl\u00fccksort ist der Winkel, in dem man beschaulich und ungest\u00f6rt ein zufriedenes Leben f\u00fchren kann. Manche bezeichnen das Gl\u00fcck im stillen oder trauten Winkel allerdings als Spie\u00dfergl\u00fcck, dem sie ein abenteuerliches Leben vorziehen, auch wenn es mehr Risiko und damit jederzeit die M\u00f6glichkeit von Ungl\u00fcck in sich birgt.<\/p>\n<p>Einen letzten Gl\u00fccksort, der sich jedoch einer genauen Bestimmung entzieht, m\u00f6chte ich noch erw\u00e4hnen. Er geh\u00f6rt eigentlich zu den mythologischen Gl\u00fccksvorstellungen, nimmt aber eine Sonderstellung unter ihnen ein. Ich beziehe mich auf die G\u00f6ttin Fortuna, die ihr mit Gl\u00fccksg\u00fctern aller Art best\u00fccktes F\u00fcllhorn \u00fcber den Menschen auszuleeren pflegt. Da sie dies jedoch nicht nach Absicht und Verdienst, sondern v\u00f6llig willk\u00fcrlich tut, kennt man nicht im Voraus den Ort, an den man sich begeben muss, um zu den Beg\u00fcnstigten zu geh\u00f6ren. Fortuna \u00f6ffnet ihr F\u00fcllhorn, wann es ihr gef\u00e4llt, und so ist es blo\u00dfer Zufall, ob ich mich gerade dort befinde, wo sich ihr Segen ergie\u00dft. Deshalb meinen wir auch, wenn wir sagen, wir h\u00e4tten Gl\u00fcck gehabt, dass es reiner Zufall war, dem wir es verdanken. Die Redeweise, dass das Schicksal es gut mit uns gemeint habe, f\u00fchrt schon in die Irre, weil damit unterstellt wird, irgendeine Instanz h\u00e4tte sich pers\u00f6nlich um mein besonderes Wohlergehen gek\u00fcmmert.<\/p>\n<p>Das Fortuna-Gl\u00fcck ist ein vagabundierendes Gl\u00fcck, auf das man sich nicht verlassen kann und das man deshalb auch nicht suchen, sondern allenfalls erhoffen kann. Wenn es einem zuf\u00e4llt, freut man sich, aber das eigentliche Gl\u00fcck h\u00e4ngt dann davon ab, wie man damit umgeht, was man etwa mit einem Lottogewinn anf\u00e4ngt, oder welche Konsequenzen man aus einer Katastrophe zieht, der man gl\u00fccklich entronnen ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>VI.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich habe versucht, das Gl\u00fcck in verschiedenen Dimensionen des Raums zu verorten: empirisch, geographisch, mythologisch, utopisch. Erg\u00e4nzend m\u00f6chte ich zum Abschluss noch auf die Zeit zu sprechen kommen, die f\u00fcr das Gl\u00fccksempfinden eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Schon die Sprichw\u00f6rter halten fest, dass f\u00fcr einen gl\u00fccklichen Menschen die Zeit gleichsam still steht. \u201eDie Uhr schl\u00e4gt keinem Gl\u00fccklichen\u201c oder \u201eDem Gl\u00fccklichen schl\u00e4gt keine Stunde\u201c sind Redensarten, die einen Zustand des Aus-der-Zeit-Gefallenseins beschreiben. Dass wir endliche, verg\u00e4ngliche Wesen sind, die Raum-Zeit-Bedingungen unterworfen sind, spielt dann keine Rolle mehr. Ein Hauch von Unsterblichkeit scheint den Gl\u00fccklichen immun zu machen gegen Zerfallsprozesse aller Art.<\/p>\n<p>Aber auch diese der Zeit enthobenen Gl\u00fccksphasen haben ein Ende. Der Alltag mit all seinen ungl\u00fccklich machenden Zumutungen holt uns wieder zur\u00fcck in die Zeit. Doch die Erinnerung an das erlebte Gl\u00fcck weckt die Sehnsucht nach einem dauerhaften Gl\u00fcck, nach einer ewigen Seligkeit. Friedrich Nietzsche hat dieses Ewigkeitsbed\u00fcrfnis aus dem Wesen des Gl\u00fccks selber abgeleitet, das sich gegen\u00fcber allem Weh und Herzeleid durchzusetzen trachtet: \u201ealle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit\u201c, so hei\u00dft es in \u201eAlso sprach Zarathustra\u201c. Lust, verstanden als k\u00f6rperlich-seelisch-geistige Hochstimmung, ist f\u00fcr Nietzsche die h\u00f6chste Form von Gl\u00fcck. Ein Gl\u00fcck, das in un\u00fcberbietbarer F\u00fclle den Menschen bis in seine H\u00f6hen und Tiefen durchdringt, so dass die Grenzen zwischen Kopf, Herz, Bauch und Hand verschwimmen. Dieses Gl\u00fcck l\u00e4sst sich mit Worten kaum mehr beschreiben und am angemessensten musikalisch einfangen. Nietzsche liebte Venedig, und das Gl\u00fcck, das ihm dort zuteilwurde, vermittelt uns Nietzsches \u201eGondellied\u201c:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An der Br\u00fccke stand<br \/>\nj\u00fcngst ich in brauner Nacht.<br \/>\nFernher kam Gesang:<br \/>\ngoldener Tropfen quoll\u2019s<br \/>\n\u00dcber die zitternde Fl\u00e4che weg.<br \/>\nGondeln, Lichter, Musik \u2013<br \/>\ntrunken schwamm\u2019s in die D\u00e4mmerung hinaus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meine Seele, ein Saitenspiel<br \/>\nsang sich, unsichtbar ber\u00fchrt,<br \/>\nheimlich ein Gondellied dazu,<br \/>\nzitternd vor bunter Seligkeit.<br \/>\nH\u00f6rte jemand ihr zu?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von einer ewigen Dauer des Gl\u00fccks erz\u00e4hlen auch die M\u00e4rchen. Viele davon schlie\u00dfen mit dem Satz: \u201eUnd sie lebten gl\u00fccklich bis ans Ende ihrer Tage.\u201c Das vorangegangene Leben war gepr\u00e4gt durch viel Ungl\u00fcck, Schmerz und Leid. Daf\u00fcr soll nun im k\u00fcnftigen Leben kein Platz mehr sein, vorausgesetzt, es gelingt, dem Happy End eine Fortsetzung in der noch verbleibenden Lebenszeit zu verschaffen.<\/p>\n<p>Es bleibt die Frage, was mit Ewigkeit gemeint ist. Was w\u00e4re ein ewiges Gl\u00fcck, im Unterschied zum zeitlich begrenzten Gl\u00fcck? Ununterbrochen gl\u00fccklich zu sein \u2013 kann das \u00fcberhaupt erstrebenswert sein, wenn wir uns an Aloysius im Himmel und seine Sehnsucht nach dem Diesseits erinnern. Die Frage nach der ewigen Seligkeit war f\u00fcr den d\u00e4nischen Philosophen S\u00f8ren Kierkegaard ein zentrales Thema. Er hat drei Lebensformen daraufhin untersucht, welche Art von Gl\u00fcck darin favorisiert wird und wie langfristig man gl\u00fccklich ist. Den Auftakt macht er in seiner Schrift \u201eEntweder\/Oder\u201c mit der \u00e4sthetischen Lebensform, die das Gl\u00fcck am sinnlichen Genuss festmacht, der auch die Freude an der eigenen Exzellenz mit einschlie\u00dft. Die Sinnlichkeit, so Kierkegaard, ist zweifellos ein Quell des Gl\u00fccks. Aber ein Quell, der zwischenzeitlich immer wieder versiegt und mit betr\u00e4chtlichem Aufwand erneut zum Sprudeln gebracht werden muss. Das Gl\u00fcck, das der \u00c4sthetiker als Genussmensch und K\u00fcnstler ersehnt, jedoch nicht erlangt, ist von einer anderen Qualit\u00e4t. Es m\u00fcsste unabh\u00e4ngig von der Zeit sein, ein \u00fcbergeschichtliches, dauerhaftes, ewiges Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>Die zweite, die ethische Lebensform scheint dieser Vorstellung eines gl\u00fccklichen, erf\u00fcllten Lebens schon ein St\u00fcck n\u00e4her zu kommen. Sie r\u00fcckt soziale Bindungen in den Mittelpunkt und verweist auf Ehe, Freundschaft und Beruf als ausgezeichnete Gl\u00fccksspender. In Beziehungen, die auf Dauer angelegt sind, stellt sich eine andere Art Gl\u00fcck ein, das nicht so fl\u00fcchtig und br\u00fcchig ist wie die durch Genuss erzielten Freuden. Man muss zwar auch die Beziehungen, aus denen sich das Gl\u00fcck speist, pflegen, um ihm Dauer zu verleihen, aber diese Investitionen in eine Beziehung beruhen auf einem st\u00e4ndigen Geben und Nehmen, w\u00e4hrend sie beim Genussmenschen einzig dem Nehmen dienen.<\/p>\n<p>Allerdings ist auch die ethisch-soziale Lebensform vor Ungl\u00fcck nicht gefeit. Beziehungen erfordern Anstrengungen auf beiden Seiten. Die Verh\u00e4ltnisse und mit ihnen die Menschen k\u00f6nnen sich \u00e4ndern, die Pflichterf\u00fcllung im Beruf kann zur Qual werden, der Lebensplan insgesamt kann scheitern. Auch das Gl\u00fcck im zwischenmenschlichen Bereich ist daher, obwohl dauerhafter als das \u00e4sthetische, auf Genuss basierende Gl\u00fcck, gef\u00e4hrdet und h\u00e4lt nicht ewig. Eine langfristig verl\u00e4ssliche Beziehung ist nach Kierkegaard nur in einer religi\u00f6sen Lebensform m\u00f6glich, in der Beziehung zu einem Gott, der sich im Unterschied zu den Menschen und den Umst\u00e4nden nicht \u00e4ndert, sondern unersch\u00fctterlich er selbst bleibt und damit dem Individuum die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnet, sein Gl\u00fcck in einem religi\u00f6sen Glauben auf absolut sicherem Boden zu gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Kierkegaard siedelt daher die ewige Seligkeit nicht in einem statischen Dauerzustand nach der Zeit an, sondern zieht das Ewige in die Zeit hinein. Dort wird es unter Raum-Zeit-Bedingungen gelebt, je und je im erf\u00fcllten Augenblick, dem Kairos, der zwar ein Zeitmoment ist, aber die Qualit\u00e4t ewiger G\u00fcltigkeit besitzt.<\/p>\n<p>Ein kurzes Fazit: Wunschlos gl\u00fccklich zu sein, ist f\u00fcr Menschen als raum-zeitlich existierende Lebewesen nicht erstrebenswert, weil dies einen Stillstand bedeutet; es fehlt der Anreiz, sich weiter zu entwickeln. Ewige Seligkeit ist ebenfalls nicht erstrebenswert; denn auch damit wird ein Dauerzustand assoziiert, den zu verlassen kein Bed\u00fcrfnis mehr besteht. Wunschloses Gl\u00fcck und ewige Seligkeit k\u00f6nnen keine Letztziele sein, da sie die Zeit ausblenden. Zwar zehren wir von gl\u00fccklichen Augenblicken und wollen m\u00f6glichst viele davon erleben, indem wir in bunter Reihenfolge unsere Gl\u00fccksorte aktivieren. 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