{"id":120947,"date":"2026-03-23T11:31:49","date_gmt":"2026-03-23T10:31:49","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=120947"},"modified":"2026-03-23T11:31:52","modified_gmt":"2026-03-23T10:31:52","slug":"es-liegt-nur-an-uns-selbst-das-glueck-in-der-stoa-und-bei-epikur","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/es-liegt-nur-an-uns-selbst-das-glueck-in-der-stoa-und-bei-epikur\/","title":{"rendered":"Es liegt nur an uns selbst"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Frage, wie Leben gelingen kann, ist heute wieder bedeutend geworden, wie ein beliebiger Blick in das Feuilleton oder in diverse Lebensratgeber belegt. Sie besch\u00e4ftigt inzwischen aber auch zunehmend \u00d6konomen (mir gel\u00e4ufig sind vor allem Arbeiten von Bruno S. Frey, an der Tagung hier kommt mit Ronnie Sch\u00f6b ein anderer Experte auf diesem Feld zu Wort) und bisweilen auch wieder Philosophen, wie etwa das Generalthema des Philosophicums in Lech von 2011 bezeugt. In der modernen Philosophie war ja sp\u00e4testens seit Kant die Frage nach dem Gl\u00fcck im menschlichen Leben kaum noch gestellt worden, w\u00e4hrend sie in der antiken Philosophie zu den zentralen geh\u00f6rte. Schon deshalb lohnt sich ein Blick auf die damaligen L\u00f6sungsans\u00e4tze, zumal sie durchaus fundamentale und damit zeitenthobene Elemente enthalten.<\/p>\n<p>Das Nachdenken \u00fcber die Mittel und Wege zu einem gelingenden Leben wird erst in der hellenistischen Philosophie zentral, ist aber auch vorher schon Thema. Da es eine Grundfrage des Menschen ber\u00fchrt, ist es wohl allen Zeiten gemein und auch in den Texten der Griechen von Anfang an feststellbar. Explizit wird es dort allerdings erst im Zuge der sokratischen Wende, in der die Ethik und mit ihr die Frage nach der richtigen Lebensf\u00fchrung in das Zentrum philosophischer Bem\u00fchung r\u00fcckt. Insofern kann man die hier zur Debatte stehenden Gl\u00fcckslehren der Stoa und Epikurs\u2018 durchaus als Fortf\u00fchrung sokratisch\/platonischen Denkens ansehen und teilweise stellen sich deren Vertreter und Adepten selbst in diese Tradition. Dazu kommen noch zwei spezielle Vorl\u00e4ufer, Heraklit f\u00fcr die Stoa und Demokrit f\u00fcr Epikur.<\/p>\n<p>Beide dieser Vorl\u00e4ufer repr\u00e4sentieren auch einen Grundzug antiker Gl\u00fccksphilosophie: Sie steht nahezu immer in einem philosophischen Gesamtkontext, ist eng verbunden mit beziehungsweise erw\u00e4chst aus den Anschauungen der jeweiligen Denkrichtungen zu Erkenntnistheorie, Physik, Psychologie oder Theologie. Bei beiden Vorl\u00e4ufern erschwert allerdings die \u00fcberaus fragmentarische \u00dcberlieferung ihrer Lehre die Rekonstruktion eines geschlossenen Denksystems.<\/p>\n<p>Von Heraklit scheinen die Stoiker insbesondere in ihrer Vorstellung von der Macht und dem Wirken des Logos angeregt worden zu sein, den Epikureern wiederum diente die Atomlehre Demokrits als physikalische Basis zur Beseitigung der dem Gl\u00fcck abtr\u00e4glichen G\u00f6tter- und Todesfurcht. Beide Vorsokratiker wirkten auch durch Detailkonzepte anregend, insbesondere hat Demokrit, der sp\u00e4ter als der \u201elachende Philosoph\u201c bezeichnet wurde (erstmals fassbar bei Horaz), mit seiner lebensbejahenden Einstellung stark auf Epikurs Hedonismus gewirkt, w\u00e4hrend Heraklit (analog dazu dann der \u201eweinende Philosoph\u201c genannt) die stoische Auffassung vom Anteil der menschlichen Seele am Logos und die daraus erwachsenden epistemischen und ethischen Konsequenzen vorgepr\u00e4gt hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Stoa ist wie Platons Akademie und der aristotelische Peripatos nach dem Ort benannt, an dem sich ihre Adepten trafen: die \u201estoa poikile\u201c, die \u201ebunte (S\u00e4ulen)halle\u201c, vom ber\u00fchmten Polygnot bemalt und von Zenon kurz vor 300 v. Chr. als St\u00e4tte seiner Lehre besiedelt, die sich von den Sokratikern und den Kynikern herleitet. Erst das dritte Schulhaupt, Chrysipp, soll der Schule mit einem Riesenwerk an Schriften systematische Geschlossenheit gegeben haben. Erhalten sind uns aus dieser Gr\u00fcnderzeit nur wenige Textfragmente, ausgiebigere schriftliche Fassungen der stoischen Lehre haben wir erst aus viel sp\u00e4terer Zeit, von Cicero vor allem, der in \u201eDe finibus bonorum et malorum\u201c die stoische (ebenso wie die epikureische) Ethik referiert und von Diogenes Laertios, dem Verfasser einer Philosophiegeschichte aus dem 3. Jahrhundert n. Chr., mit ausf\u00fchrlichen w\u00f6rtlichen Zitaten fr\u00fcherer Lehrschriften. Mit ihm befinden wir uns bereits in der Sp\u00e4tantike, in der auch die Stoa nochmals eine Bl\u00fcte erlebt, mit Epiktet (1.\/2. Jahrhundert n. Chr.) und Kaiser Marc Aurel (2. Jahrhundert n. Chr.) als bekanntesten Vertretern.<\/p>\n<p>Auch Seneca, in der ersten H\u00e4lfte des ersten Jahrhunderts n. Chr. schreibend, kann man in einem weiteren Sinn zur kaiserzeitlichen Stoa rechnen, wenngleich er den gerade die Stoiker oft kennzeichnenden Dogmatismus nicht teilte und einer eklektischen (aus den verschiedenen Schulen ausw\u00e4hlenden) Richtung angeh\u00f6rte, die schon die mittlere Stoa im zweiten und ersten Jahrhundert v. Chr. eingenommen hatte. Er schrieb einen ganzen Traktat \u201eDe vita beata\u201c (\u201e\u00dcber das gl\u00fcckliche Leben\u201c), in dem er die stoische Maxime \u201esecundum naturam vivere\u201c (\u201enach der Natur leben\u201c) vertritt. Das ist eine w\u00f6rtliche \u00dcbersetzung des fr\u00fchstoischen Prinzips von einem \u201eLeben in \u00dcbereinstimmung mit der Natur\u201c, welches wiederum einem Grundzug stoischer Lehre entspricht, wonach die Natur (\u201ephysis\u201c) eine Richtschnur unseres Denkens und Lebens sein m\u00fcsse. Wenn wir so leben, erreichen wir das ethische Ziel, n\u00e4mlich den \u201eWohlfluss des Lebens\u201c.<\/p>\n<p>Was so einfach und \u201enat\u00fcrlich\u201c klingt, wird bei genauerer Betrachtung zu einer komplexen und sehr fordernden Sittenlehre, deren vollkommene Erf\u00fcllung nahezu unm\u00f6glich scheint. Deswegen sehen die Stoiker auch schon das Bem\u00fchen um sie und das Vorankommen in ihr als ausreichend. Einen solchen Anh\u00e4nger ihrer Philosophie, der also auf dem Weg zur Weisheit und Tugend vorankommt, nennen sie \u201eprokopton\u201c, also einen, der sich \u201efortschmiedet\u201c, eine Metapher, die man am ehesten versteht, wenn man das Handwerk, aus dem sie stammt, aus eigener Anschauung kennt: Beim Schmieden kann n\u00e4mlich ein gl\u00fchend hei\u00dfes Eisen durch rasches H\u00e4mmern in die L\u00e4nge gezogen und geformt werden, wobei sich dadurch auch die Qualit\u00e4t des Eisen verbessert.<\/p>\n<p>Diese Natur, nach der wir also leben sollen, sehen die Stoiker durch ein oberstes Prinzip durchformt und gelenkt, den \u201elogos\u201c. Wir kennen den Begriff aus dem Beginn des Johannesevangeliums, \u201eam Anfang war der Logos\u201c, den Hieronymus mit \u201everbum\u201c und wir danach mit \u201eWort\u201c \u00fcbersetzen. Noch d\u00fcrfte vielen auch die ber\u00fchmte Stelle in Fausts \u201eStudierzimmer\u201c bekannt sein, wo sich dieser um eine treffendere \u00dcbersetzung des Begriffs bem\u00fcht und nacheinander \u201eSinn\u201c, \u201eKraft\u201c und \u201eTat\u201c erw\u00e4gt. Die Stoiker sind Materialisten, kennen also nichts rein Geistiges, sondern nur Materie. Ihr Logos ist feinste Materie und durchdringt damit den gesamten Kosmos lenkend und gestaltend. Man kann ihm somit das Attribut \u201eg\u00f6ttlich\u201c zuschreiben und die stoische Theologie als pantheistisch bezeichnen (\u201ealles\u201c, griechisch \u201epan\u201c, ist von \u201eGott\u201c, griechisch \u201etheos\u201c, durchwaltet). Damit geschieht im Kosmos nichts ohne Zutun des Logos, nichts ist Zufall, alles ist Plan, alles von der \u201eheimarmene\u201c (zu \u201emeiromai\u201c, \u201eich erhalte Anteil an etwas\u201c, lateinisch \u201efatum\u201c, \u201eSchicksal\u201c) verh\u00e4ngt und durch eine Abfolge von Ursachen bewirkt. Damit aber ist alles Geschehen immer auch richtig und gut, denn es unterliegt ja der g\u00f6ttlichen Vorsorge und Vorsehung.<\/p>\n<p>Daraus wiederum ergibt sich als zwingende ethische Folgerung, dass man gut daran tut, sich dieser g\u00f6ttliche F\u00fcgung, weil einerseits unausweichlich, andererseits aber auch letztlich gut, nicht zu widersetzen, sondern sie freudig anzunehmen und sich nach ihr auszurichten. \u201eDucunt volentem fata, nolentem trahunt\u201c sagt Seneca in seiner f\u00fcr ihn typischen Zuspitzung und im Anschluss an eine Formulierung aus dem Zeushymnus des Stoikers Kleanthes: \u201eWer zustimmt, den lenkt das Schicksal, mit sich fort rei\u00dft es den, der sich str\u00e4ubt\u201c, oder, in seiner Trag\u00f6die \u201e\u00d6dipus\u201c: \u201eFatis agimur, cedite fatis\u201c, \u201evom Schicksal werden wir getrieben, gebt nach dem Schicksal\u201c.<\/p>\n<p>Fazit aus dieser Anschauung ist f\u00fcr die Stoiker nun aber nicht ein passiver Fatalismus, sondern eine sehr aktive und anstrengende Tugendlehre, deren Befolgung denn auch das Leben gelingen und gl\u00fccklich werden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die wichtigsten Konzepte dazu sind eine stimmige Wertehierarchie, ein folgerichtiger Umgang mit den eigenen Affekten und ein treffender Zugang zum Ich und seiner Gemeinschaft mit anderen.<\/p>\n<p>Wichtig und moralisch relevant ist f\u00fcr den Stoiker nur das, was in seiner Macht steht, wof\u00fcr er also Verantwortung hat. Nur das betrifft ihn und seine \u201eTugend\u201c, alles andere \u201emacht\u201c f\u00fcr ihn selbst \u201ekeinen Unterschied\u201c, ist also \u201eindifferent\u201c, ist, in wurzelgleicher griechischer Terminologie, ein \u201eadiaphoron\u201c. Zu solchen Adiaphora geh\u00f6ren zum Beispiel sein von der Geburt her gegebenes k\u00f6rperliches Aussehen, seine Herkunft, aber auch alles andere, was von au\u00dfen auf ihn zukommt. Entscheidend ist jeweils nur, was er von innen dazu beitr\u00e4gt und wie er sich dazu verh\u00e4lt. Das gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr \u00fcblicherweise als schwer empfundene Schicksalsschl\u00e4ge wie zum Beispiel den Tod von Nahestehenden, wo eine solche Haltung nur mit gr\u00f6\u00dfter M\u00fche einzunehmen ist. Die Forderung nach ihr hat wohl auch zum Begriff der \u201estoischen Ruhe\u201c gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine stimmigere Handhabung dieses Konzepts und wohl einfach auch, um diesen un- beziehungsweise \u00fcbermenschlichen Rigorismus ein wenig abzumildern, haben die Stoiker die Unterscheidung von \u201ebevorzugten\u201c und \u201ezur\u00fcckgesetzten\u201c Adiaphora eingef\u00fchrt sowie eine dritte, weder der ersten noch der zweiten zugeh\u00f6rigen Gruppe. Bevorzugt sind demnach Dinge, die einen (Teil-)Wert haben und zum einzig relevanten Wert, n\u00e4mlich einem tugendhaften Leben, das zugleich das gl\u00fcckselige ist, einen Beitrag leisten k\u00f6nnen, also zum Beispiel eine gute Naturanlage oder ein scharfer Verstand, aber auch \u00e4u\u00dferliche wie ein gutes Elternhaus oder ma\u00dfvoller Besitz.<\/p>\n<p>Um sich eine solche Wertehaltung zu eigen zu machen, bedarf der auf stoischem Weg Voranschreitende nat\u00fcrlich einer entsprechend kr\u00e4ftigen und stabilen psychischen Ausstattung. Zu diesem Zweck wurde eine ausgefeilte Lehre von den Affekten und dem richtigen Umgang mit ihnen entwickelt.<\/p>\n<p>Affekte sind der Stoa ein \u00dcbel, weil sie die \u00dcbereinstimmung von Wollen und K\u00f6nnen st\u00f6ren und Spannungszust\u00e4nde erzeugen, die einem gl\u00fccklichen Leben entgegenstehen. Ziel ist daher die vollst\u00e4ndige Kontrolle der Affekte oder, noch besser, das v\u00f6llige Freisein von ihnen, also \u201eapathia\u201c. Um diese zu erreichen, entwickelt sie eine ausgefeilte Psychologie beziehungsweise Handlungstheorie, in der den Verstandes- und Willenskr\u00e4ften die M\u00f6glichkeit der Kontrolle \u00fcber die Affekte zugeschrieben wird.<\/p>\n<p>Bevor wir eine Handlung setzen, haben wir eine Vorstellung davon und einen Antrieb zu deren Ausf\u00fchrung. Gesetzt wird die Handlung selbst allerdings erst, wenn die Vernunft zustimmt. Affekte kommen demnach erst zur Geltung, wenn die Vernunft aufgrund eines falschen Werturteils einem Trieb Raum gibt und ihn wuchern l\u00e4sst. Letztlich m\u00fcndet die stoische Affekt- und Handlungstheorie im selben Ziel wie die Lehre von den Adiaphora: Wenn die Vernunft die Triebe vollst\u00e4ndig kontrolliert, wird sie sich wiederum nur erreichbare Handlungsziele setzen, also solche, die in der Macht des Individuums stehen. Nur so erh\u00e4lt sich dieses seine Souver\u00e4nit\u00e4t und die Harmonie von Wollen und K\u00f6nnen, die zu Ausgeglichenheit und Gelassenheit, also zum Gl\u00fcck f\u00fchren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die bisherigen Ausf\u00fchrungen k\u00f6nnten den Eindruck erwecken, dass sich die stoische Gl\u00fcckslehre ausschlie\u00dflich um das Wohlergehen des Einzelnen und nur um sein Seelenheil k\u00fcmmere. Das entspr\u00e4che auch der oft ge\u00e4u\u00dferten Meinung, dass mit dem Ende der autonomen griechischen Stadtstaaten nach der Macht\u00fcbernahme der Makedonen sich eine starke Wendung weg von der Polisgemeinschaft und hin zum Individuum abzeichne. Das trifft nur teilweise zu, denn weder verschwindet die Polisstruktur v\u00f6llig (viele ihrer Einrichtungen bestehen durch die ganze Antike hindurch und \u00fcberdauern sie sogar), noch hat die hellenistische Philosophie nur das Individuum im Blick.<\/p>\n<p>Es ist reizvoll zu sehen, wie in der Stoa Individual- und Soziallehre sich auch hier mit der Seinslehre zu einem Gesamtkonzept verbinden. Jedes Lebewesen ist von Anfang an mit einem Trieb zur Selbsterhaltung ausgestattet, der beim Menschen in der sp\u00e4teren Kindheit zu einer von der Vernunft bestimmten \u201eZueignung\u201c wird. Die Griechen nannten diese \u201eoikeiosis\u201c, nach oikos, \u201eHaus\u201c oder \u201eoikeion\u201c, \u201eEigenes\u201c. Diese Liebe zu sich selbst, von der modernen Psychologie als wichtige Basis einer gelingenden Pers\u00f6nlichkeitsbildung erkannt, dehnen die Stoiker mit Folgerichtigkeit auf die Familie und auf gr\u00f6\u00dfere menschliche Gesellschaften bis hin zur menschlichen Gemeinschaft insgesamt aus. Im Familienverband zeigt sich auch bei vielen Tierarten diese nat\u00fcrliche Verbundenheit offensichtlich, dar\u00fcber hinaus wird sie mit dem nat\u00fcrlichen Geselligkeitstrieb begr\u00fcndet, f\u00fcr die Weltgemeinschaft mit der Teilhabe aller Menschen am g\u00f6ttlichen Logos. Von daher kommen die Stoiker nicht nur zu ihrem Kosmopolitismus, sondern auch zur Auffassung von der grunds\u00e4tzlichen Gleichheit aller Menschen, was f\u00fcr die von starken Standesunterschieden und Sklaverei gepr\u00e4gte patriarchale antike Gesellschaft durchaus revolution\u00e4r war. Manche Texte bei Seneca oder Epiktet legen davon sch\u00f6nes Zeugnis ab und m\u00f6glicherweise ist die analoge fr\u00fchchristliche Auffassung durch die Stoa mitverursacht.<\/p>\n<p>Diese N\u00e4he der Stoa zum Christentum \u2013 sichtbarer Ausdruck daf\u00fcr ist ein apokrypher Briefwechsel zwischen Seneca und dem Apostel Paulus \u2013 verkehrt sich bei Epikur ins Gegenteil: Keine andere philosophische Richtung der Antike stand dem Christentum ferner, die Ursachen daf\u00fcr liegen in der stark divergierenden Theologie, Ontologie und eben auch Ethik, die auch bei Epikur schl\u00fcssig in das philosophische Gesamtsystem eingebettet ist.<\/p>\n<p>Anders als bei der Stoa haben wir bei Epikur zumindest ein paar l\u00e4ngere Texte des Schulgr\u00fcnders, in Form dreier Lehrbriefe, von denen einer, der Brief an Menoikeus, die epikureische Ethik enth\u00e4lt. Weiters sind von Epikur vierzig kurze Lehrs\u00e4tze erhalten. Dazu treten das Lehrgedicht des Lukrez, \u201eDe rerum natura\u201c, verfasst um die Mitte des ersten Jahrhunderts v. Chr. in Rom, eine l\u00e4ngere, nur bruchst\u00fcckhaft erhaltene Inschrift eines Diogenes von Oinoanda, deren Datierung nicht ganz sicher ist (evtl. 2. oder 3. Jahrhundert n. Chr., vielleicht auch fr\u00fcher) und die immer noch neue Textfragmente freigibt. Weitere Bruchst\u00fccke kommen aus einer beim ber\u00fchmten Vesuvausbruch des Jahres 79 n. Chr. verbrannten Villa, aus der verkohlte, aber teilweise entzifferbare Schriftrollen einer epikureischen Bibliothek geborgen wurden. Ansonsten entspricht die \u00dcberlieferungslage in etwa der stoischen.<\/p>\n<p>Epikur war, obwohl auf der Insel Samos geboren, B\u00fcrger Athens und gr\u00fcndete kurz vor 300 v. Chr. dort seine Schule, die man, wie die drei anderen dominierenden in Griechenland (Platons Akademie, Peripatos des Aristoteles, Stoa) auch, bisweilen nach ihrem Standort benannte, nach dem Garten seines Hauses, in dem sich die Adepten versammelten.<\/p>\n<p>H\u00f6chstes Gut und damit Ziel des Lebens ist f\u00fcr Epikur die \u201ehedone\u201c, die man meist mit \u201eLust\u201c \u00fcbersetzt findet, eine sehr ungen\u00fcgende \u00dcbersetzung, wie die weiteren Ausf\u00fchrungen zeigen werden. Bisweilen findet man in den Quellen das nahezu gleichrangige Ziel der \u201eataraxia\u201c, w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt die \u201eUnersch\u00fcttertheit\u201c, g\u00e4ngiger etwa die \u201eSeelenruhe\u201c, nach der lateinischen \u00dcbersetzung \u201etranquillitas animi\u201c. Mit diesem zweiten Ziel fassen wir bereits eine Bestimmung des ersten, der Hedone. Sie besteht f\u00fcr Epikur im Wesentlichen im Freisein von Unlust beziehungsweise Schmerz.<\/p>\n<p>Angesiedelt werden alle diese Zust\u00e4nde des Menschen ausschlie\u00dflich im k\u00f6rperlichen Bereich, denn die Epikureer sind wie die Stoiker Materialisten. Einzige Instanz unserer Erkenntnis sind die Wahrnehmungen durch unsere Sinne. Nur was wir durch sie erfahren existiert, somit ist jegliche Hedone letztlich sinnlich bedingt. Auch wenn wir uns an sie als vergangene erinnern oder auf sie als zuk\u00fcnftige freuen, beziehen wir uns jeweils auf sinnliche, also k\u00f6rperliche Erfahrungen. Gleichwohl k\u00f6nnen wir unsere Denkkraft einsetzen, um zu diesem h\u00f6chsten Ziel der Hedone zu gelangen.<\/p>\n<p>So gilt es vor allem, die wesentlichen Quellen von Schmerz beziehungswise Unlust auszumachen und zu vermeiden. Epikur unterscheidet drei solcher Quellen: Furcht, Begierde und Schmerz. Die wichtigsten Erscheinungsformen der Furcht sind die Furcht vor den G\u00f6ttern und die vor dem Tod. Um sie zu eliminieren, greift Epikur auf die bereits vorliegende Atomphysik des schattenhaften Leukipp und des etwas bekannteren Demokrit zur\u00fcck, dessen Atomlehre er wohl in seiner Ausbildungszeit in Teos an der ionischen K\u00fcste beim Demokriteer Nausiphanes kennengelernt hatte.<\/p>\n<p>Mit Hilfe dieser Lehre kann er alle Naturph\u00e4nomene, die man \u00fcblicherweise auf g\u00f6ttliche Einwirkung zur\u00fcckf\u00fchrte (Zeus schickt den Blitz, Poseidon w\u00fchlt das Meer auf, Demeter l\u00e4sst das Getreide wachsen), als Folge atomarer Prozesse erkl\u00e4ren. Die Existenz von G\u00f6ttern bestreitet er allerdings nicht, sehr wohl aber ihre Einwirkung auf unsere Welt. Wie die Stoiker Pantheisten, so sind die Epikureer Deisten. In ihrer Vorstellung leben die G\u00f6tter unbehelligt und unbek\u00fcmmert von menschlichen Angelegenheiten selig in irgendwelchen Intermundien (\u201eZwischenwelten\u201c) und geben so das Muster eines idealen Lebens ab. Insbesondere Lukrez macht seinen Ahnherrn mit dieser Position zu einem aufkl\u00e4rerischen Befreier des Menschen von der ihn drangsalierenden Religion und tr\u00e4gt damit wesentlich zur Aversion der Christen gegen die epikureische Lehre bei.<\/p>\n<p>Auch die Furcht vor dem Tod beseitigt Epikur mit Hilfe seiner Physik und seiner Erkenntnistheorie: Da auch der Mensch, wie alles Seiende, aus einer Zusammenballung von Atomen besteht und mit seinem Tod wieder in diese zerf\u00e4llt, betrifft ihn der Tod nicht: Solange er existiert, gibt es jenen nicht, wenn jener eintritt, existiert der Mensch nicht mehr. Auch endet mit dem Tod jegliche sinnliche Wahrnehmung, die allein ja f\u00fcr unsere Schmerzempfindung relevant w\u00e4re.<\/p>\n<p>Diesen Argumenten kann man zwar generelle Wirkungsmacht, kaum aber eine gewisse Plausibilit\u00e4t absprechen. Wesentlich schw\u00e4cher fallen Epikurs Versuche aus, die beiden anderen Quellen von Unlust, n\u00e4mlich Begierde und Schmerz, weg zu argumentieren.<\/p>\n<p>Bei den Begierden versucht er es durch eine Unterscheidung in notwendige, nat\u00fcrliche und andere. Die notwendigen Begierden, zum Beispiel nach Nahrung oder Kleidung, seien durch die F\u00fclle der Natur leicht zu stillen. Die nat\u00fcrlichen Begierden, zum Beispiel nach Liebesgenuss, sind ebenfalls nicht schwer zu erf\u00fcllen. Hier mahnen andere Epikureer zu Ma\u00df und Vorsicht, vor allem Lukrez verbreitet sich in einer langen Tirade gegen unkontrollierten Liebeswahn. Die weder notwendigen noch nat\u00fcrlichen Begierden sind per definitionem leer und eitel und daher zu meiden.<\/p>\n<p>Der Schmerz kann einmal ein Weg zur Wiedergewinnung von Hedone sein, zum Beispiel wenn er von einem Arzt zugef\u00fcgt wird. Er kann verdr\u00e4ngt oder durch eine Lust \u00fcberspielt werden und, wenn das alles nicht mehr hilft, durch folgende Erfahrung wenigstens erleichtert werden, die Cicero in die pr\u00e4gnante Formel fasst: \u201eWenn schwer, kurz\u201c, \u201ewenn lang, leicht\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>V.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jenseits solcher Verstiegenheit, die uns vielleicht auch wegen unserer kulturellen Distanz zur Antike krasser scheint, als sie es damals war, haben Epikur und seine Schule eine F\u00fclle praktischer Rezepte bereit, um zu einem gelingendem Leben nach seinem Ideal der Schmerzfreiheit zu kommen. Viele davon lassen sich Stichw\u00f6rtern wie Gelassenheit, Bescheidung oder kluge Abw\u00e4gung zuordnen. Die auch von Aristoteles hoch gesch\u00e4tzte \u201ephronesis\u201c, die man etwas salopp auch mit \u201eHausverstand\u201c wiedergeben k\u00f6nnte, geh\u00f6rte daher zu den Haupttugenden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich setzt die von Epikur entworfene Lebensform eine von materiellen Sorgen weitgehend freie Adelsgesellschaft voraus, manches kann aber auch unabh\u00e4ngig davon erw\u00e4genswert sein, etwa keine allzu gro\u00dfe Beschwernis durch Zukunfts\u00e4ngste, das Genie\u00dfen des gerade Gegenw\u00e4rtigen (ber\u00fchmt ist das Dictum des Horaz, der sich selbst dieser Philosophie zurechnet: \u201ecarpe diem\u201c, \u201epfl\u00fccke den Tag\u201c) oder der \u00fcberragende Wert von Freundschaft. Die entscheidende Bedeutung der inneren Einstellung und das Bem\u00fchen um Souver\u00e4nit\u00e4t gegen\u00fcber \u00c4u\u00dferlichkeiten n\u00e4hert Epikur hier der Stoa an, seine Warnung vor sorgenbringendem politischem Engagement (bekannt ist das Gebot \u201elathe biosas\u201c, \u201elebe im Verborgenen\u201c) entfernt ihn wieder von ihr, wie \u00fcberhaupt sein humaner Realismus gegen\u00fcber dem stoischen Tugendrigorismus den Anschein gr\u00f6\u00dferer Umsetzungswahrscheinlichkeit auch f\u00fcr die heutige Zeit hat.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Die Frage, wie Leben gelingen kann, ist heute wieder bedeutend geworden, wie ein beliebiger Blick in das Feuilleton oder in diverse Lebensratgeber belegt. Sie besch\u00e4ftigt inzwischen aber auch zunehmend \u00d6konomen (mir gel\u00e4ufig sind vor allem Arbeiten von Bruno S. 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