{"id":120949,"date":"2026-03-23T11:35:15","date_gmt":"2026-03-23T10:35:15","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=120949"},"modified":"2026-03-23T11:35:18","modified_gmt":"2026-03-23T10:35:18","slug":"was-wir-letztlich-wollen-das-glueck-bei-aristoteles-und-thomas-von-aquin","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/was-wir-letztlich-wollen-das-glueck-bei-aristoteles-und-thomas-von-aquin\/","title":{"rendered":"Was wir letztlich wollen"},"content":{"rendered":"<p>Eines der besten und bis heute aktuellen B\u00fccher zur Ethik ist die \u201eNikomachische Ethik\u201c (EN) des griechischen Philosophen Aristoteles, der zwischen 384 und 322 v. Chr. lebte. Seit ihrer Entstehung bis zum heutigen Tag wird sie mit Gewinn gelesen und kommentiert. Auch der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin (1225-1274) schrieb einen Kommentar zur EN und legte sie dem allgemeinen moraltheologischen Teil seiner \u201eSumma Theologiae\u201c zugrunde. In diesem Vortrag werde ich Teile aus dem ersten und zehnten Buch der EN, in denen es um das Gl\u00fcck geht, vorstellen und mit Erl\u00e4uterungen und Weiterf\u00fchrungen von Thomas von Aquin erg\u00e4nzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Spezifisch menschliches T\u00e4tigsein<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aristoteles geht vom menschlichen Handeln aus. Wenn wir Menschen etwas herstellen oder etwas wissenschaftlich untersuchen, wenn wir handeln oder Entscheidungen treffen, so zielen wir auf ein Gut ab. \u201eGut\u201c ist hier ganz allgemein gemeint: etwas, das uns unter irgendeiner R\u00fccksicht als gut erscheint. In dem Sinn verfolgt auch der Dieb ein Gut, n\u00e4mlich den Besitz der Millionen, die im Safe gelagert sind. Solches zielbezogenes Tun ist der Ausgangspunkt. Dieses \u201eTun\u201c muss man weit genug fassen, sodass auch innere T\u00e4tigkeiten darunterfallen, wie etwa Entscheidungen zu treffen.<\/p>\n<p>Wenn zum Beispiel jemand sieht, wie die Tante gef\u00e4hrlich st\u00fcrzt, wie sie bewusstlos daliegt, Blut aus ihrem Kopf rinnt, und keine Hilfe leistet oder holt, weil er hofft, dass sie endlich stirbt \u2013 er ist schlie\u00dflich der Erbe \u2013, dann ist auch dies eine Entscheidung, aus der eine Unterlassung resultiert. Freilich darf man das \u201eTun\u201c auch nicht zu weit fassen. Wer schnarcht oder gedankenverloren den Bart kratzt, \u201etut\u201c auch etwas, aber nicht in dem hier gemeinten Sinn. Daher unterscheidet Thomas im Kommentar und in der \u201eSumma Theologiae\u201c: Es geht nicht um alles, was der Mensch irgendwie tut, sondern nur darum, was er tut, wenn er freiwillig um eines Zieles willen t\u00e4tig ist; wenn er aus einem \u00fcberlegten Willen heraus t\u00e4tig ist. Wie kommt man nun aber vom Begriff des zielbezogenen Tuns zum Gl\u00fcck?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Vom zielbezogenen Tun zum Gl\u00fcck<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte den Eindruck gewinnen, bei Aristoteles entgleise der Zug, bevor er den Bahnhof verl\u00e4sst. Nachdem er im ersten Satz der EN feststellt, dass alle menschlichen T\u00e4tigkeiten nach einem Gut streben, schreibt er: \u201eDeshalb hat man das Gute treffend als das bezeichnet, wonach alles strebt.\u201c (EN 1094 a 3) Hat Aristoteles hier einen logischen Fehler begangen? Sagt er: Alle Handlungen zielen auf ein Gut. Also gibt es ein Gut, auf das alle Handlungen zielen? Alle Wege f\u00fchren zu irgendeinem Ort. Also gibt es einen Ort \u2013 Rom vielleicht \u2013 zu dem alle Wege f\u00fchren? Hat Aristoteles einen solchen kapitalen Fehlschluss gezogen? Ich glaube nicht. Und auch Thomas sagt im Kommentar: \u201eEs ist aber nicht ein einziges Gut, auf das alle hinzielen. Daher beschreibt er hier nicht ein (einziges) Gut, sondern Gut allgemein verstanden.\u201c (EN 1, 1) Aristoteles sagt also lediglich, dass der Ausdruck \u201egut\u201c von den Leuten \u2013 vermutlich Platonikern \u2013 treffend erl\u00e4utert wurde, die sagten: \u201eGut ist das, wonach alles strebt.\u201c<\/p>\n<p>Also: Jedes Handeln strebt auf ein Ziel oder Gut. Nun wissen wir, dass Ziele aufeinander hingeordnet sein k\u00f6nnen. Es ist ein vertrautes Bild. Ich laufe zum Bahnhof. Ein Bekannter sieht mich, h\u00e4lt mich auf und fragt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Warum rennst du?<br \/>\nIch: Weil ich den Zug nach M\u00fcnchen erreichen will.<br \/>\nEr: Warum willst Du nach M\u00fcnchen?<br \/>\nIch: Weil ich dort in der Katholischen Akademie Bayern einen Vortrag \u00fcber das Gl\u00fcck halten werde.<br \/>\nEr: Warum willst du dort einen Vortrag halten?<br \/>\nIch: Gute Frage. Aber ich muss weiter, sonst vers\u00e4ume ich wirklich noch den Zug.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt also ganze Zielketten. Wir wollen das eine um des anderen willen und das andere um wieder eines anderen willen. Aber wohin geht das? Manche meinen, es gehe im Kreis, ungef\u00e4hr so:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er: Warum willst du in der Katholischen Akademie Bayern einen Vortrag halten?<br \/>\nIch: Weil ich ber\u00fchmt werden will. Ein Vortrag in dieser Akademie kann mich in die Reihe der <em>intellectual celebrities<\/em> katapultieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er: Aber warum willst du ber\u00fchmt werden?<br \/>\nIch: Damit ich viel Geld verdiene.<br \/>\nEr: Und warum willst du viel Geld verdienen?<br \/>\nIch: Damit ich mir teure Urlaube leisten kann.<br \/>\nEr: Und warum willst du Urlaub?<br \/>\nIch: Damit ich wieder gut arbeiten kann. Im Urlaub fallen mir neue Ideen f\u00fcr neue Vortr\u00e4ge ein, die ich halten k\u00f6nnte.<br \/>\nEr: Aha, du h\u00e4ltst also Vortr\u00e4ge, um Vortr\u00e4ge zu halten; du arbeitest, um zu arbeiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da bei\u00dft sich die Katze in den Schwanz. Es geht im Kreis. Andere meinen, die Kette gehe ins Unendliche: Wir tun das eine um des anderen willen und das andere um wieder eines anderen willen und so weiter und so fort. Nun k\u00f6nnte man entgegnen: Wir leben nicht unendlich, zumindest nicht hier auf Erden. Die Kette unserer Ziele ist also nicht unendlich. Eines Tages holt uns der Tod ein, und dann ist die Zielkette auch zu Ende. Die Kette w\u00e4re also endlich, h\u00e4tte aber keine Richtung.<\/p>\n<p>Aristoteles hingegen meint: \u201eWenn es nun ein Ziel des Handelns gibt, das wir seiner selbst wegen wollen, und das andere nur um seinetwillen, und wenn wir nicht alles wegen eines anderen uns zum Zwecke setzen \u2013 denn da ginge die Sache ins Unendliche fort, und das menschliche Begehren w\u00e4re leer und eitel \u2013 so muss ein solches Ziel offenbar das Gute und das Beste sein.\u201c (EN 1094 a 18-23)<\/p>\n<p>Eine Kette von Zielen, die ins Unendliche geht, einen Regress ins Unendliche, wie man philosophisch sagt, scheint Aristoteles auszuschlie\u00dfen. Thomas erl\u00e4utert dies und sagt: In einer Ordnung von Zielen, wo das eine nicht ohne das andere bestehen kann, muss es ein erstes Glied geben. Dies betrifft beim Handeln sowohl die Absichtsordnung als auch die Ausf\u00fchrungsordnung. G\u00e4be es in der Absichtsordnung kein erstes beziehungsweise letztes Ziel, dann w\u00fcrde das Streben nicht bewegt. Wir w\u00fcrden nichts anstreben. G\u00e4be es in der Ausf\u00fchrungsordnung kein erstes beziehungsweise letztes Glied, so k\u00f6nnten wir nie mit der Ausf\u00fchrung der Handlung beginnen. Ohne letztes Ziel, so Thomas, w\u00fcrde man nichts anstreben und keine Handlung ausf\u00fchren k\u00f6nnen. (Summa Theologiae I-II, 1, 4) Eine Frage lautet: Wollte Aristoteles bereits an dieser Stelle und mit diesem Argument beweisen, dass es ein letztes Ziel allen menschlichen Handelns gibt oder gar geben muss? Der Satz beginnt hypothetisch: \u201eWenn es ein Ziel menschlichen Handelns gibt\u2026\u201c. Es scheint also noch nicht bewiesen zu sein, dass es ein einziges letztes Ziel allen menschlichen Handelns gibt; auch nicht, dass es ein einziges letztes Ziel gibt, auf das hin jede einzelne Person ihr gesamtes Planen und Handeln hinordnet. Was mit dem Regressargument nahegelegt wird, scheint die viel moderatere Behauptung: Jede Handlung hat ein je eigenes Endziel.<\/p>\n<p>Diese Behauptung ist plausibel. Ich f\u00fchle mich krank und gehe zum Arzt. Warum? Weil ich gesund werden will. Warum will ich gesund werden? Dumme Frage \u2013 k\u00f6nnte man sagen. Gesund zu sein ist ein grundlegendes Ziel. Oder: Ich fahre nach Wien. Warum? Um in der Staatsoper \u201eLa Traviata\u201c zu sehen. Warum? Weil mir das Vergn\u00fcgen bereitet. Warum will ich Vergn\u00fcgen? Dumme Frage. Das will man um seiner selbst willen. So ist es plausibel anzunehmen, dass unsere Handlungsketten bei solchen grundlegenden Zielen oder G\u00fctern enden. Aristoteles schlie\u00dft zun\u00e4chst nicht aus, dass es mehrere davon geben k\u00f6nnte. Thomas aber meint, Aristoteles habe bereits an dieser Stelle bewiesen, dass es ein einziges letztes Ziel allen menschlichen Handelns geben muss.<\/p>\n<p>Wie dem auch sei, sicher ist, dass Aristoteles im ersten Buch der EN doch nach dem letzten Ziel und dem h\u00f6chsten Gut im Singular fragt. Mit dem oben zitierten, hypothetischen Satz hat er \u2013 unter anderem \u2013 eine Bedingung formuliert, die er sp\u00e4ter noch ausf\u00fchrt, eine Bedingung, welche ein Kandidat, der Letztziel sein soll, erf\u00fcllen muss: Es muss ein Gut sein, das immer um seiner selbst willen und niemals um eines anderen willen gewollt wird. Dahinter steckt folgendes Wertprinzip: Wenn x um y willen gewollt wird, dann ist y wertvoller als x. Das Beste muss also etwas sein, das niemals um eines anderen willen gewollt wird, sondern um dessentwillen alles andere gewollt wird. Eine zweite Bedingung schlie\u00dft an: Es muss ein Gut sein, das sich selbst gen\u00fcgt, genauer: \u201edas f\u00fcr sich allein das Leben begehrenswert macht, so dass es keines weiteren bedarf.\u201c (EN 1097 b 14-16) Dies ist die Bedingung der Autarkie. Etwas, das diese beiden Bedingungen erf\u00fcllt, ist das letzte Ziel.<\/p>\n<p>Nun lautet die Frage: Gibt es etwas, das diese beiden Bedingungen erf\u00fcllt? Freilich. Es ist das, was auf Griechisch \u201eeudaimonia\u201c, auf Latein \u201ebeatitudo\u201c genannt und auf Deutsch oft mit \u201eGl\u00fcck\u201c oder \u201eGl\u00fcckseligkeit\u201c \u00fcbersetzt wird. Man k\u00f6nnte es auch \u201egelingendes Leben\u201c nennen. Aristoteles schreibt: \u201eAlso: die Gl\u00fcckseligkeit stellt sich dar als ein Vollendetes und sich selbst Gen\u00fcgendes, da sie das Endziel allen Handelns ist.\u201c (EN 1097 b 21) Was wollen wir also letztlich und im Ganzen unseres Lebens? Gl\u00fccklich sein, erf\u00fcllt leben, ein gelingendes Leben f\u00fchren. Das ist das letzte Ziel all unseren Handelns. Gl\u00fccklich sein wollen wir, nicht um anderes zu erreichen, sondern um seiner selbst willen. Und: Ein gl\u00fcckliches, gelingendes Leben gen\u00fcgt sich selbst. Es bedarf keines Zusatzes. Man kann zum Gl\u00fcck nichts auf solche Weise hinzuf\u00fcgen, dass es vergr\u00f6\u00dfert wird. Wenn man \u201eGl\u00fcck\u201c superlativisch versteht, dann vertr\u00e4gt es auch keinen Zusatz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Worin das Gl\u00fcck besteht<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gl\u00fccklich sein wollen wir letztlich. Aber mit dieser Erkenntnis ist wenig gewonnen. Das gibt ja eh fast jeder zu, das ist quasi eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Die schwierige Frage kommt erst: Worin besteht das Gl\u00fcck? Im Besitz von Reichtum? Im Erleben von Lust? Darin, ber\u00fchmt zu sein oder geehrt zu werden? Da scheiden sich die Geister. Thomas bringt gut auf den Punkt, worin alle \u00fcbereinkommen und wor\u00fcber es Meinungsverschiedenheit gibt. Er schreibt: \u201eWir k\u00f6nnen vom letzten Ziel auf zweifache Weise reden: erstens, indem wir uns auf den Begriff des letzten Ziels beziehen, zweitens, indem wir uns auf das beziehen, was den Begriff des letzten Ziels erf\u00fcllt. Was den Begriff des letzten Ziels betrifft, so kommen alle im Streben nach dem letzten Ziel \u00fcberein, denn alle streben danach, ihre je eigene Vollendung zu erreichen. Aber bez\u00fcglich dessen, was diesen Begriff erf\u00fcllt, kommen nicht alle Menschen im letzten Ziel \u00fcberein, denn manche streben nach Reicht\u00fcmern als vollendetem Gut, manche aber nach der Lust, wieder andere nach irgend etwas anderem.\u201c (Summa Theologiae I-II, 1, 7)<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte man meinen: F\u00fcr die Frage, worin das Gl\u00fcck besteht, gibt es keine allgemeing\u00fcltige Antwort. Man setzt sich ein letztes Ziel, es liegt nicht einfach vor. Um es mit dem preu\u00dfischen K\u00f6nig Friedrich II. zu sagen: \u201eJeder soll nach seiner Fa\u00e7on selig werden.\u201c Es ist eine weltanschauliche Frage, so etwas wie eine Frage des Geschmacks. Da ist Argumentation nicht mehr m\u00f6glich. \u201eDe gustibus non est disputandum.\u201c Tats\u00e4chlich d\u00fcrften auch heute viele diesen relativistischen Standpunkt teilen. Aristoteles und Thomas teilen ihn aber nicht. Selbst beim Geschmack gibt es guten und schlechten Geschmack. Bei Geschmacksfragen, so Thomas, richtet man sich nach dem, der den besten Geschmack hat. Und so sei es auch bei der Frage, worin das Gl\u00fcck besteht: Aus der Tatsache, dass die Menschen verschiedene Auffassungen dar\u00fcber haben, was das Letzte oder Wichtigste im Leben ist, folgt nicht, dass es auch der Sache nach eine solche Vielfalt gibt. Nach Thomas muss jenes Gut das Vollendetste sein, wonach jene streben, die eine gut disponierte Emotionalit\u00e4t haben. (Summa Theologiae I-II, 1, 7)<\/p>\n<p>Wir kennen es vielleicht auch aus eigener Erfahrung, dass unsere Vorstellungen vom Gl\u00fcck manchmal entt\u00e4uscht werden. Wir sagen: Bis jetzt habe ich geglaubt, das Wichtigste sei, ber\u00fchmt zu werden. Seit ich aber an einer gef\u00e4hrlichen Krankheit leide, sehe ich, dass dies ein schn\u00f6des Ziel ist. Das Wichtigste und Beste im Leben ist etwas anderes.<\/p>\n<p>Auch Aristoteles glaubt, dass es eine richtige Antwort auf die Frage gibt, worin das Gl\u00fcck besteht. Um diese Antwort zu finden, stellt er \u00dcberlegungen dar\u00fcber an, was wir Menschen im Wesentlichen sind. Das Gl\u00fcck, so meint er, muss darin bestehen, dass wir uns als Menschen verwirklichen, das hei\u00dft dass wir jene F\u00e4higkeiten, die spezifisch menschlich sind, zur Entfaltung bringen und gut aus\u00fcben. Zu dieser Auffassung kommt er mit Hilfe einer \u00dcberlegung, die als \u201eErgon-Argument\u201c bekannt ist. \u201eErgon\u201c hei\u00dft: T\u00e4tigkeit, Werk. Dinge haben ein f\u00fcr sie charakteristisches Werk, oder sagen wir besser: eine f\u00fcr sie typische Funktion. Werkzeuge beispielsweise haben ein bestimmtes Werk, eine bestimmte Funktion. Das Werk des Messers ist das Schneiden. Das Werk der S\u00e4ge ist das S\u00e4gen. Auch einzelnen Organen wird ein ihnen spezifisches Werk zugeschrieben. Das Werk der Augen ist das Sehen, das Werk des Geh\u00f6rs ist das H\u00f6ren, das Werk des Herzens besteht darin, Blut in den K\u00f6rper zu pumpen. Auch der Kitharaspieler hat, insofern er Kitharaspieler ist, ein f\u00fcr ihn spezifisches Werk: das Kitharaspielen.<\/p>\n<p>Nun kann ein Messer f\u00fcr sein Werk besser geeignet sein als ein anderes. Beide haben zwar das gleiche Werk, unterscheiden sich aber in der Qualit\u00e4t. Ebenso kann ein Auge besser sehen als ein anderes und ein Kitharaspieler besser spielen als ein anderer. Ein hervorragendes Messer ist eines, welches sein Werk hervorragend erf\u00fcllt. Es hat das, was Aristoteles \u201earet\u0113\u201c nennt, auf Deutsch k\u00f6nnte man sagen: Gutsein, Vortrefflichkeit, Exzellenz, Tugend. Die \u201earet\u0113\u201c des Messers macht das Messer und sein Werk gut; die \u201earet\u0113\u201c des Auges macht das Auge und sein Werk gut; die \u201earet\u0113\u201c des Kitharaspielers macht den Kitharaspieler als solchen und sein Werk gut.<\/p>\n<p>So ist es naheliegend zu fragen: Hat auch der Mensch ein Werk, das ihm als Mensch zukommt? Gibt es eine spezifisch menschliche Funktion? Und kann der Mensch besser oder schlechter beschaffen sein, um sein spezifisches Werk auszu\u00fcben? Aristoteles antwortet mit ja. Das Werk des Menschen ist der Lebensvollzug dessen, der Vernunft, \u00dcberlegung (\u201elogos\u201c) hat. Das spezifisch Menschliche besteht in der Vernunftbegabtheit. Das Vernunftverm\u00f6gen kann in guter oder schlechter Verfassung sein. Die guten Verfassungen des Vernunftverm\u00f6gens werden entsprechend dem oben Gesagten \u201eTugenden\u201c genannt. Sein Werk gut verrichten hei\u00dft, es gem\u00e4\u00df der entsprechenden Tugend verrichten. Aristoteles schreibt: \u201edas menschliche Gut ist der Tugend gem\u00e4\u00dfe T\u00e4tigkeit der Seele, und gibt es mehrere Tugenden: der besten und am meisten vollendeten Tugend gem\u00e4\u00dfe T\u00e4tigkeit. Dazu muss aber noch kommen, dass dies ein volles Leben hindurch dauert; denn wie eine Schwalbe und ein Tag noch keinen Fr\u00fchling macht, so macht auch ein Tag oder eine kurze Zeit noch niemanden gl\u00fccklich und selig.\u201c (EN 1098a16-21) Das Gl\u00fcck besteht also in einer T\u00e4tigkeit der Seele. Das besteht darin, sein Menschsein auf vollendete Weise zu verwirklichen.<\/p>\n<p>Es ist klar, dass es mehrere Tugenden gibt. Aristoteles unterscheidet zwei Arten von Tugenden: ethische Tugenden, welche uns dazu bef\u00e4higen, in einer Situation emotional angemessen zu reagieren und aufgrund richtiger \u00dcberlegung richtig zu handeln (dazu geh\u00f6ren Tapferkeit, Ma\u00df, Gerechtigkeit, Freigebigkeit, Umg\u00e4nglichkeit, Freundlichkeit); und dianoetische Tugenden, welche uns bef\u00e4higen, die Wahrheit herauszufinden und einzusehen (Know-How, Wissen, Verstehen, Weisheit). Zu den dianoetischen Tugenden geh\u00f6rt auch die Klugheit. Sie hat eine besondere Stellung inne. Sie bef\u00e4higt uns, einerseits Wahrheiten herauszufinden. Daher ist sie eine dianoetische Tugend. Andererseits: Die Wahrheiten, die wir durch die Klugheit herausfinden, betreffen das, was wir in konkreten Situationen tun sollen. Insofern hat sie es mit unserem Handeln zu tun, und niemand kann die ethischen Tugenden haben, ohne klug zu sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>In welchen T\u00e4tigkeiten das Gl\u00fcck besteht<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun fragt man sich freilich: Welche von den vielen T\u00e4tigkeiten, die den verschiedenen Tugenden entsprechen, macht gl\u00fccklich? Besteht das Gl\u00fcck in nur einer Art von T\u00e4tigkeit, oder in verschiedenen Arten von T\u00e4tigkeiten? Ist das Gl\u00fcck eine dominante Gr\u00f6\u00dfe oder ist es eine inklusive Gr\u00f6\u00dfe, zu der eine Reihe aufeinander nicht reduzierbarer Arten von T\u00e4tigkeiten geh\u00f6ren? Aristoteles scheint die Meinung zu vertreten, das Gl\u00fcck bestehe in einer Art von T\u00e4tigkeit: in der T\u00e4tigkeit, die der besten und vollkommensten Tugend gem\u00e4\u00df ist. Das h\u00f6chste Verm\u00f6gen des Menschen ist sein Verstand, die F\u00e4higkeit, Wahrheiten einzusehen. Das Gl\u00fcck muss also in der Vollendung und Aus\u00fcbung dieser F\u00e4higkeit bestehen, in einem Leben der \u201etheoria\u201c: der Schau, der Einsicht, der Betrachtung, der Kontemplation der h\u00f6chsten Wahrheiten. Da die Weisheit die h\u00f6chsten Wahrheiten zum Gegenstand hat, besteht also das Gl\u00fcck in der Aus\u00fcbung dieser dianoetischen Tugend.<\/p>\n<p>Das griechische Wort f\u00fcr Weisheit ist \u201esophia\u201c \u2013 und hier deutet sich an, was nach Aristoteles die Philosophie, also die Freundschaft zur Weisheit, zum Gl\u00fcck beitr\u00e4gt. Gl\u00fccklich ist, wer Weisheit aus\u00fcbt, wer also die h\u00f6chsten Wahrheiten betrachtet. Mit \u201eBetrachtung\u201c ist nicht die Untersuchung gemeint, mit der wir solche Wahrheiten entdecken. Denn die Untersuchung geschieht ja, um eines anderen Zieles willen, n\u00e4mlich diese Wahrheiten zu erfassen, und erf\u00fcllt daher eine notwendige Bedingung f\u00fcr das Letztziel nicht. Gemeint ist das Betrachten von Wahrheiten, die man bereits erkannt hat. Aristoteles res\u00fcmiert: \u201eWenn andererseits gilt, dass sich die T\u00e4tigkeit des Verstandes als eine betrachtende durch ihre Ernsthaftigkeit auszeichnet, dass sie nach keinem weiteren Ziel au\u00dfer ihr selbst strebt, dass sie eine ihr eigent\u00fcmliche Lust besitzt, welche die T\u00e4tigkeit verst\u00e4rkt, dass ferner die Autarkie sowie die Mu\u00dfe und das Freisein von M\u00fche, soweit es dem Menschen m\u00f6glich ist, und alles andere, was dem Gl\u00fcckseligen zugeschrieben wird, offensichtlich mit dieser T\u00e4tigkeit verbunden sind \u2013 wenn das so ist, dann wird das vollkommene Gl\u00fcck des Menschen also diese T\u00e4tigkeit sein, falls sie die vollst\u00e4ndige L\u00e4nge eines Lebens einnimmt; denn nichts, was zum Gl\u00fcck geh\u00f6rt, ist unvollst\u00e4ndig\u201c. (EN 1177 b 18-26)<\/p>\n<p>Aristoteles f\u00fcgt allerdings hinzu, dass dieses Gl\u00fcck f\u00fcr den Menschen als Menschen zu hoch sei. Er kann es nur leben, insofern er etwas G\u00f6ttliches in sich hat. Damit ist der Verstand gemeint. Wenn der Verstand \u2013 im Vergleich mit dem Menschen als aus Leib und Seele zusammengesetztem Wesen \u2013 g\u00f6ttlich ist, dann ist auch die Bet\u00e4tigung des Verstandes im Vergleich mit den anderen Lebensvollz\u00fcgen des Menschen g\u00f6ttlich. Wir nehmen an, dass die G\u00f6tter oder Gott im h\u00f6chsten Ma\u00df selig oder gl\u00fccklich sind, sagt Aristoteles am Ende des zehnten Buches der EN. Welche T\u00e4tigkeit soll man ihnen zuschreiben? Die T\u00e4tigkeit des Gottes, die an Seligkeit herausragt, ist eine betrachtende T\u00e4tigkeit (\u201etheoria\u201c), so Aristoteles. \u201eAuch unter den menschlichen T\u00e4tigkeiten wird also diejenige, die dieser am n\u00e4chsten verwandt ist, das gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcck mit sich bringen\u201c. (EN 1178 b 22-23)<\/p>\n<p>Am Ende seines anderen Ethikbuches, der \u201eEudemischen Ethik\u201c, wird Aristoteles ebenfalls theologisch. Das Kriterium f\u00fcr unsere Entscheidungen ist die Frage: Was hilft uns, den Gott zu verehren und zu betrachten und was ist daf\u00fcr hinderlich? Er schreibt: \u201eJene Wahl nun und jene Erwerbung der nat\u00fcrlichen G\u00fcter, seien es k\u00f6rperliche oder Geld oder Freunde oder die sonstigen G\u00fcter, welche am meisten die Betrachtung Gottes erm\u00f6glicht, die ist die beste und dieser Ma\u00dfstab ist der sch\u00f6nste. Jedwede andere Form aber, welche durch Mangel oder \u00dcberma\u00df (in Wahl und Besitz der G\u00fcter) daran hindert, dem Gott zu dienen und der Schau zu leben, die ist schlecht.\u201c<\/p>\n<p>Da der Mensch im gesellschaftlichen Raum lebt und ein soziales Lebewesen ist, bedarf er aber auch der ethischen Tugenden und der Klugheit, die ihn bef\u00e4higt, herauszufinden, was hier und jetzt zu tun richtig ist. Das Gl\u00fcck \u201ean zweiter Stelle\u201c besteht also in der Aus\u00fcbung dieser Tugenden. Dar\u00fcber, wie Aristoteles das Verh\u00e4ltnis dieser beiden Lebensformen \u2013 der theoretischen auf der einen und der praktischen auf der anderen Seite \u2013 gesehen hat, wird unter den Exegeten ger\u00e4tselt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Christliche Deutung<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Thomas und viele Theologen des Mittelalters deuten das Verh\u00e4ltnis im christlichen Sinn. Sie unterscheiden zwischen vollendetem und unvollendetem Gl\u00fcck. Das vollendete Gl\u00fcck besteht in der Schau des Wesens Gottes. Wir sehnen uns danach zwar von Natur aus, aber es ist zu hoch f\u00fcr uns. Mit unseren eigenen, nat\u00fcrlichen Verm\u00f6gen allein k\u00f6nnen wir es nicht erreichen. Es bedarf daher des G\u00f6ttlichen in uns: Tugenden, die von Gott eingegossen sind (die theologischen Tugenden), n\u00e4mlich Glaube, Hoffnung und Liebe. Der Glaube bef\u00e4higt uns, Wahrheiten \u00fcber Gott und den Weg zu ihm f\u00fcr wahr zu halten, die weder von sich aus einleuchten noch strikt beweisbar sind. Die Hoffnung bef\u00e4higt uns, die Schau Gottes als ein Gut zu erfassen, das wir mit Gottes Hilfe erreichen k\u00f6nnen. Die Liebe bef\u00e4higt uns, jetzt schon Gott freundschaftlich verbunden zu sein und ihn um seiner selbst willen zu lieben. Mit diesen Tugenden beginnt das ewige Leben in uns, das in der himmlischen Heimat, vollendet wird in der Schau des Wesens Gottes. Das unvollendete Gl\u00fcck hingegen, das in der Aus\u00fcbung der Klugheit und der moralischen Tugenden besteht, ist hier auf Erden m\u00f6glich und f\u00fcr alle Menschen erreichbar.<\/p>\n<p>Dass das Gl\u00fcck einerseits in einer T\u00e4tigkeit der Seele, andererseits in Gott besteht, ist f\u00fcr Thomas kein Widerspruch. Er unterscheidet zwischen der Sache selbst, die zu erreichen wir uns sehnen, und dem Erreichen dieser Sache. Was die Sache selbst betrifft, so kann nur Gott letztes Ziel sein. Was hingegen das Erreichen der Sache betrifft, ist es freilich eine T\u00e4tigkeit der Seele, n\u00e4mlich unsere Schau. (Summa Theologiae I-II, 2, 7)<\/p>\n<p>Das vollendete Gl\u00fcck besteht letztlich in der Schau des g\u00f6ttlichen Wesens. Thomas begr\u00fcndet diese These in zwei Schritten. Erstens: Der Mensch ist nicht vollst\u00e4ndig gl\u00fccklich, solange f\u00fcr ihn noch etwas zu ersehnen und zu suchen bleibt. Zweitens: Menschen wollen nicht nur wissen, dass etwas der Fall ist, sie wollen auch erkennen, warum es der Fall ist. Wenn sie etwas beobachten, so wollen sie herausfinden, warum es so ist. Sie wollen die Ursachen erkennen, oder genauer: das Wesen dieser Ursachen.<\/p>\n<p>Thomas bringt folgendes Beispiel: Wir beobachten eine Sonnenfinsternis, fangen an zu staunen und fragen: Warum ist das so? Wir denken, dass es daf\u00fcr eine Ursache geben muss. Damit sind wir aber noch nicht zufriedengestellt. Wir wollen wissen, warum sich die Sonne verfinstert, wir wollen eine Erkl\u00e4rung. Aus der Einsicht in das Wesen der Dinge wollen wir erfassen, warum sich die Sonne verfinstert. Und solange wir das nicht erfassen, bleibt ein Suchen und Fragen und Sehnen offen. Der Verstand ist noch nicht zufriedengestellt. Denn der Verstand ist die F\u00e4higkeit, das Wesen der Dinge zu erfassen, und vollendet ist er nur, wenn er von einer Sache tats\u00e4chlich erfasst, was sie wesentlich ist. Man will die Wirkungen aus dem Wesen der Ursachen erkl\u00e4ren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>So verh\u00e4lt es sich auch bez\u00fcglich Gott. Aus Beobachtungen der Welt und ihrer Eigenschaften kommen wir zusammen mit einigen metaphysischen Annahmen zum Schluss, dass es eine Ursache daf\u00fcr geben muss: Gott. Die ber\u00fchmten \u201eF\u00fcnf Wege\u201c sind nach Thomas Beweise daf\u00fcr, dass es eine erste Ursache von allem geben muss, die Gott genannt wird. Aber damit ist der Verstand nicht zufriedengestellt. Wir wollen nicht nur wissen, dass Gott ist, sondern auch, was Gott ist. Solange dies nicht eingesehen ist, sind wir nicht vollends gl\u00fccklich. Es bleibt etwas, das wir ersehnen und suchen. Das vollendete Gl\u00fcck kann also nur in der Schau des Wesens der ersten Ursache aller Dinge bestehen, in der Schau des Wesens Gottes.<\/p>\n<p>Nun sind Sie vielleicht von diesen Thesen entt\u00e4uscht. Sie werden sagen: Das Gl\u00fcck soll in einer so strohtrockenen intellektuellen T\u00e4tigkeit bestehen? Wo bleibt der Lustfaktor, wo bleiben andere erfreuliche Zust\u00e4nde? Das Gl\u00fcck muss doch etwas mit Genuss, Freude, Frieden, Liebe zu tun haben! Viele Menschen \u2013 Utilitaristen und andere Hedonisten zum Beispiel \u2013 glauben ja, Gl\u00fcck bestehe in nichts anderem als im Erleben von Lust. Keine Sorge!<\/p>\n<p>Aristoteles und Thomas haben die Lust beziehungsweise den Genuss nicht vergessen. Sie gelangen aber aufgrund einer bestimmten Auffassung von Lust zu einem etwas anderen Ergebnis als Hedonisten. Lust ist nach Thomas eine Art Befriedigung des Willens. Erreichen wir das, was wir wollen, dann ist das Wollen befriedigt \u2013 und dieses Befriedigtsein ist die Lust. Die Frage ist: Was wollen wir eigentlich, wenn wir etwas wollen? Die Sache beziehungsweise T\u00e4tigkeit oder die Lust? Angenommen, Sie wollen Klavier spielen. Was wollen sie dann: Klavier spielen oder Lust? Thomas w\u00fcrde sagen: Klavier spielen. Lust stellt sich ein, wenn Sie erreichen, was Sie wollen. Er schreibt: \u201eDer Genuss wird dadurch verursacht, dass das Streben im erreichten Gut zur Ruhe kommt. Da das Gl\u00fcck nichts anderes als das Erreichen des h\u00f6chsten Guts ist, kann es Gl\u00fcck ohne begleitenden Genuss nicht geben\u201c. (Summa Theologiae I-II, 4, 1) Genuss ist ein Akt des Strebens ebenso wie Friede und Liebe. All diese Akte des Strebens setzen voraus, dass wir den Gegenstand des W\u00fcnschens erreicht haben. So unterscheidet Thomas also zwischen dem Wesen des Gl\u00fccks, das ihm zufolge in der Schau Gottes besteht, und dem, was sich daraus ergibt: Liebe, Friede, Freude, Genuss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Einige Fragen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die aristotelisch-thomistischen Vorstellungen vom Gl\u00fcck scheinen manchen zu abgehoben, zu individualistisch und nicht ethiktauglich. Schauen wir uns diese drei Einw\u00e4nde etwas n\u00e4her an.<\/p>\n<ol>\n<li>Diese Vorstellung vom Gl\u00fcck ist abgehoben, intellektualistisch, weltfremd, ja elit\u00e4r: Wer w\u00fcrde das Gl\u00fcck darin sehen, stundenlang die h\u00f6chsten und ewigen Wahrheiten zu betrachten? Vielleicht einige Philosophen, falls sie an solche Wahrheiten glauben und eine Ahnung davon haben, wie man es anstellt, sie zu betrachten. Eine winzige Zahl. Aber was ist mit den Milliarden normaler Menschen, die tagt\u00e4glich ihrer Arbeit nachgehen und sich um ihre Familie k\u00fcmmern?<br \/>\nAn diesem Einwand zeigt sich, wie wichtig es ist, die Beziehung zwischen den beiden Lebensformen n\u00e4her zu kl\u00e4ren. Es erscheint unwahrscheinlich, dass Aristoteles geglaubt hat, das Gl\u00fcck bestehe nur in der Betrachtung ewiger Wahrheiten. Wen unter den B\u00fcrgern Athens seiner Zeit h\u00e4tte man da gl\u00fccklich nennen k\u00f6nnen? Ein paar Naturphilosophen, Metaphysiker und Mathematiker von Zeit zu Zeit. Wahrscheinlicher ist, dass er geglaubt hat, das Gl\u00fcck bestehe im guten Leben in der Polis, das hei\u00dft in der klugen Aus\u00fcbung der ethischen Tugenden. Wer dar\u00fcber hinaus auch noch Einblick in das Wesen des Guten hat, wer versteht, warum sich alles so verh\u00e4lt, wie es sich verh\u00e4lt, und die Freizeit mit der Betrachtung dieser Erkl\u00e4rungen verbringt, muss g\u00e4nzlich gl\u00fccklich sein. Wir Menschen stellen letzte Warum-Fragen, und es erf\u00fcllt uns mit Zufriedenheit, wenn wir Zusammenh\u00e4nge verstehen. Ferner spricht Aristoteles auch von anderen G\u00fctern, die man braucht, um gl\u00fccklich zu sein: \u00e4u\u00dfere g\u00fcnstige Umst\u00e4nde, Gesundheit, Nahrung und dergleichen mehr. Er ist also nicht g\u00e4nzlich weltfremd.<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"2\">\n<li>Das Betrachten von ewigen Wahrheiten ist eine individualistische Angelegenheit. Aber wir sind doch soziale Wesen: Sollten nicht gute Beziehungen, Freundschaften, Liebe zum Gl\u00fcck geh\u00f6ren?<br \/>\nSicher w\u00e4re das blo\u00dfe Betrachten von ewigen Wahrheiten keine gesellige T\u00e4tigkeit. Versteht man aber das Verh\u00e4ltnis der beiden Lebensformen so, wie ich es gerade angedeutet habe, dann ergibt sich dieses Problem nicht mehr. Gelingendes Leben des Einzelnen setzt immer auch eine funktionierende Gemeinschaft voraus. Dem Thema Freundschaft widmet Aristoteles zwei B\u00fccher seiner EN. Auch f\u00fcr Thomas ist es fraglos, dass wir f\u00fcr das unvollendete Gl\u00fcck hier auf Erden der ethischen Tugenden in einer funktionierenden Gemeinschaft bed\u00fcrfen. Und obwohl uns seiner Meinung nach nur Gott ganz erf\u00fcllen kann, geh\u00f6rt auch im Jenseits zum Gutsein des Gl\u00fccks (\u201ebene esse beatitudinis\u201c) die himmlische Gemeinschaft. (Summa Theologiae I-II, 4, 8)<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"3\">\n<li>Diese Vorstellung von Gl\u00fcck gibt f\u00fcr eine Begr\u00fcndung der Ethik nichts her: Aristoteles war sich bewusst, dass er eine Ethik nur in groben Z\u00fcgen zeichnen und kaum materiale Inhalte liefern kann. Dennoch gibt seine Vorstellung vom Gl\u00fcck etwas f\u00fcr ethisches Nachdenken her. Denn mit seinem Ergon-Argument weist er darauf hin, dass Ethik etwas mit dem zu tun haben muss, was wir Menschen wesentlich sind. Wissen \u00fcber den Menschen, \u00fcber seine Funktionsweisen, dar\u00fcber, wie er tickt, sollte Aufschluss dar\u00fcber geben, wie der Mensch sowohl sich selbst als auch andere Menschen richtig behandelt.<\/li>\n<\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines der besten und bis heute aktuellen B\u00fccher zur Ethik ist die \u201eNikomachische Ethik\u201c (EN) des griechischen Philosophen Aristoteles, der zwischen 384 und 322 v. Chr. lebte. 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