{"id":120953,"date":"2026-03-23T11:39:30","date_gmt":"2026-03-23T10:39:30","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=120953"},"modified":"2026-03-23T11:39:30","modified_gmt":"2026-03-23T10:39:30","slug":"oekonomie-und-glueck-die-oekonomische-gluecksforschung-auf-dem-pruefstand","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/oekonomie-und-glueck-die-oekonomische-gluecksforschung-auf-dem-pruefstand\/","title":{"rendered":"\u00d6konomie und Gl\u00fcck: Die \u00f6konomische Gl\u00fccksforschung auf dem Pr\u00fcfstand"},"content":{"rendered":"<h3><strong> Wie die \u00d6konomie zum Gl\u00fcck fand<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir leben nicht im Paradies, sondern in einer Welt, in der weder der Einzelne alle seine Bed\u00fcrfnisse stillen noch die Gesellschaft als Ganzes die Bed\u00fcrfnisse aller Menschen befriedigen kann. Wenn man nicht allen Anspr\u00fcchen gerecht werden kann, so muss man sich Gedanken machen, wie die knappen Ressourcen am besten verwendet werden sollten. Genau das tun \u00d6konomen. Sie besch\u00e4ftigen sich im Wesentlichen damit, wie es uns gelingen kann, durch geschickten Einsatz knapper Ressourcen und richtig gesetzten Anreizen Menschen besser zu stellen, damit das Knappheitsproblem zu entsch\u00e4rfen und die von Knappheit gepr\u00e4gte Welt insgesamt ein klein wenig besser zu machen. In diesem Sinne verstehen \u00d6konomen ihr Credo, dass mehr besser ist als weniger.<\/p>\n<p>Wenn nun der Einzelne mehr Ressourcen in Form von h\u00f6heren Einkommens erh\u00e4lt und genau wei\u00df, was gut f\u00fcr ihn ist, dann wird er dieses zus\u00e4tzliche Einkommen so einsetzen, dass es ihm besser geht und er ein klein wenig gl\u00fccklicher wird. Er kann sich ein gr\u00f6\u00dferes Auto anschaffen, \u00f6fter einmal in den Urlaub fahren, h\u00e4ufiger Freunde zu einem gemeinsamen Abendessen einladen und mit ihnen eine gute Flasche Rotwein leeren, etwas f\u00fcr das Alter oder schlechte Zeiten zur\u00fccklegen, sich ges\u00fcnder ern\u00e4hren. Er kann sich aber auch mehr Freizeit erkaufen, indem er sich entscheidet, fr\u00fcher in den Ruhestand zu gehen oder unbezahlten Urlaub zu nehmen. Und wenn es nicht seine eigenen Bed\u00fcrfnisse sind, die ihm Sorgen bereiten, so kann er das zus\u00e4tzliche Geld auch f\u00fcr karitative Zwecke spenden. Es ist also nicht wichtig, wie das zus\u00e4tzliche Einkommen verwendet wird beziehungsweise was genau den Einzelnen gl\u00fccklicher macht. \u00d6konomen gen\u00fcgt es zu wissen, dass die durch zus\u00e4tzliches Einkommen geschaffenen gr\u00f6\u00dferen Auswahlm\u00f6glichkeiten gl\u00fccklicher machen. Das ist der Grund, warum sich \u00d6konomen die Frage nach dem Wesen des Gl\u00fccks lange Zeit \u00fcberhaupt nicht gestellt haben.<\/p>\n<p>Das hat sich grundlegend ge\u00e4ndert \u2013 aufgrund einer bahnbrechenden Beobachtung. In Umfragen, in denen die Befragten Auskunft \u00fcber ihre wirtschaftliche Lage und ihre allgemeine Lebenszufriedenheit geben, zeigt sich weltweit ein relativ einheitliches Bild: Menschen werden in der Regel zufriedener, wenn ihr Einkommen steigt, und reichere Menschen sind im Durchschnitt zufriedener als \u00e4rmere Menschen. Das ist f\u00fcr \u00d6konomen nicht weiter \u00fcberraschend. \u00dcberraschend war jedoch, dass wir als Gesellschaft trotz steigenden Wohlstandes im Durchschnitt nicht oder kaum zufriedener geworden sind. Obwohl das Nationaleinkommen \u00fcber die Jahre steigt, bleibt die Zufriedenheit konstant. Dieser Widerspruch wird nach dem US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Richard Easterlin als Easterlin-Paradoxon bezeichnet. Wenn dem tats\u00e4chlich so ist, dann w\u00fcrde uns das \u00fcberm\u00e4\u00dfige Streben nach Reichtum \u00fcberhaupt nicht gl\u00fccklicher machen und Wirtschaftswachstum w\u00e4re sinnlos. Angesichts dieser radikalen Implikationen war klar, dass die \u00f6konomische Forschung das Gl\u00fcck und dabei insbesondere den Zusammenhang zum Einkommen viel st\u00e4rker unter die Lupe nehmen musste. Und in der Tat haben \u00d6konomen, unter tatkr\u00e4ftiger Mithilfe von Psychologen, in den vergangenen Jahren viele wichtige Erkenntnisse \u00fcber diesen Zusammenhang gewonnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Macht uns mehr Wohlstand wirklich gl\u00fccklich?<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine erste Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Easterlin-Paradoxon k\u00f6nnte sein, dass sich Menschen schnell an gr\u00f6\u00dferen Wohlstand gew\u00f6hnen. Die Begeisterung f\u00fcr einen Neuwagen verfliegt schnell und vornehm essen zu gehen ist schon bald nichts Besonderes mehr. Dagegen steht jedoch, dass ein sch\u00f6ner Abend mit Freunden oder ein gemeinsamer Familienausflug am Wochenende immer wieder aufs Neue gl\u00fccklich machen. Trotzdem: Je st\u00e4rker man sich an ein steigendes Einkommen gew\u00f6hnt, desto geringer ist der langfristige Einfluss wachsenden Wohlstandes auf unser Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>Eine zweite Erkl\u00e4rung ist der menschliche Hang, sich permanent mit anderen zu vergleichen. Es ist gar nicht so wichtig, dass man mehr Geld hat, viel wichtiger ist, dass man mehr Geld hat als der Nachbar, der Arbeitskollege oder der Schwager. Inwieweit dies auch auf einen selber zutrifft, kann man anhand eines kleinen Gedankenexperiments \u00fcberpr\u00fcfen. Stellen Sie sich einmal vor, Ihr Chef ruft Sie zu sich, lobt Ihre hervorragende Arbeit im vergangenen Jahr und gew\u00e4hrt Ihnen deshalb eine au\u00dferordentliche Gehaltserh\u00f6hung von f\u00fcnf Prozent. W\u00fcrden Sie da das B\u00fcro des Chefs nicht bestens gelaunt verlassen? Doch wie w\u00fcrde es Ihnen ergehen, wenn Ihr Kollege Sie kurz darauf fragt, ob Sie auch eine zehnprozentige Lohnerh\u00f6hung erhalten haben? Sie haben jetzt mehr Einkommen, aber im Vergleich zu Ihrem Kollegen nun weniger.<\/p>\n<p>Allerdings rechtfertigt die Tatsache, dass relative Vergleiche wichtig sind, noch lange nicht eine Abkehr vom Wirtschaftswachstum. Zun\u00e4chst einmal stellen neuere Studien mit besserem Datenmaterial die radikale Aussage des Easterlin-Paradoxons, dass zus\u00e4tzlicher Wohlstand wohlhabende Gesellschaften nicht gl\u00fccklicher machen k\u00f6nne, in Frage. Sie zeigen zwar, dass Einkommensvergleiche mit fr\u00fcherem Einkommen und dem Einkommen anderer in der Tat eine wichtige Rolle spielen, sie finden dar\u00fcber hinaus aber auch einen positiven Zusammenhang zwischen Lebenszufriedenheit und dem Sozialprodukt. Reichere Gesellschaften sind offenkundig zufriedener als \u00e4rmere Gesellschaften, wenngleich der Zuwachs an Lebenszufriedenheit mit steigendem Wohlstand immer kleiner ausf\u00e4llt.<\/p>\n<p>Vorsicht ist dar\u00fcber hinaus beim Vergleich der Antworten auf die Lebenszufriedenheitsfrage derselben Personen zu verschiedenen Zeiten angebracht. Wenn die Befragten ihre derzeitige Lebenszufriedenheit auf einer Skala von Null bis Zehn bewerten sollen, bleibt v\u00f6llig offen, wie der Einzelne die Null (vollkommen unzufrieden) und die Zehn (vollkommen zufrieden) definiert und inwieweit sich diese Bezugspunkte im Zeitablauf \u00e4ndern. Der Wirtschaftsnobelpreistr\u00e4ger Amartya Sen hat dies am Beispiel des \u201egl\u00fccklichen Sklaven\u201c anschaulich illustriert. Wenn ein Sklave permanent Entbehrungen ausgesetzt ist, stets hungert und keine Aussicht hat, dass sich seine Lebensumst\u00e4nde \u00e4ndern, dann kann f\u00fcr ihn schon eine s\u00e4ttigende Mahlzeit das gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcck auf Erden bedeuten. Entsprechend misst die Frage nach der Lebenszufriedenheit den Grad der Wunscherf\u00fcllung im Bereich des Vorstellbaren. Wenn sich im Zeitablauf aber unsere Idee von einem vollkommen zufriedenen Leben wandelt, dann ver\u00e4ndern sich auch unsere Bezugspunkte, mit denen wir unsere gegenw\u00e4rtige Lebenszufriedenheit vergleichen, und es l\u00e4sst sich wenig dar\u00fcber aussagen, was es bedeutet, wenn wir auf einer Skala von Null bis Zehn heute wie vor 20 Jahren jeweils die Acht angekreuzt haben.<\/p>\n<p>Wenn wir nur auf die durchschnittliche Lebenszufriedenheit schauen, blenden wir die Frage nach der Dauer des Gl\u00fccks vollkommen aus. Sollte ein Gl\u00fccksma\u00df uns nicht auch einen Zuwachs an Gl\u00fcck anzeigen, wenn wir die M\u00f6glichkeit bekommen, auf l\u00e4nger gl\u00fccklich zu leben? Der niederl\u00e4ndische Gl\u00fccksforscher Ruut Veenhoven entwickelte daher einen Gl\u00fccksindex, der Lebenszufriedenheit und Lebenserwartung miteinander kombiniert. Wer mit einer Zufriedenheit von Zehn ein Jahr l\u00e4nger lebt, das hei\u00dft ein vollkommen gl\u00fcckliches Lebensjahr \u201egewinnt\u201c, dessen Gl\u00fccksjahre-Index (Happy-Life-Year-Index) steigt um Eins. Wer f\u00fcr ein zus\u00e4tzliches Jahr auf einer Skala von Null bis Zehn eine \u201eSieben\u201c angekreuzt hat, f\u00fcr den erh\u00f6ht sich der Index entsprechend um 0,7 Gl\u00fccksjahre, und wer sieben Jahre lang anstatt einer \u201eSieben\u201c immer eine \u201eAcht\u201c angibt, f\u00fcr den steigt der Index ebenfalls um 0,7 Gl\u00fccksjahre. Die Lebenszufriedenheit steigt danach sowohl, wenn man l\u00e4nger gleich zufrieden ist oder im gleichen Zeitraum zufriedener wird. Hier kommt nun die Bedeutung wachsenden Wohlstands zum Tragen. Wohlstand hilft uns, immer \u00e4lter zu werden, und die durch unseren Reichtum finanzierte bessere Gesundheitsversorgung macht es m\u00f6glich, diese zus\u00e4tzliche Lebenszeit auch wirklich zu genie\u00dfen. Und so verzeichneten wir Europ\u00e4er in den vergangenen 30 Jahren einen Zuwachs von durchschnittlich mehr als sechs Gl\u00fccksjahren.<\/p>\n<p>Mit Verweis auf das Easterlin-Paradoxon wird immer wieder eine Abkehr vom Wirtschaftswachstum gefordert. So zielen einige Vorschl\u00e4ge zum Beispiel darauf ab, durch hohe Steuern auf h\u00f6here Einkommen oder striktere Arbeitszeitregelungen den Statuswettbewerb nach immer h\u00f6herem Einkommen zu verringern um uns damit Zeit f\u00fcr die Dinge des Lebens schaffen, die uns gl\u00fccklicher machen k\u00f6nnten. Solche Vorschl\u00e4ge \u00fcbersehen aber die Gefahr, dass sich der Statuswettbewerb dann nur verlagert, hin zu einem Wettbewerb um die meisten Freunde bei Facebook oder um die besten Marathonlaufzeiten. Wenn sich Statuswettbewerb gar nicht vermeiden l\u00e4sst, dann sollten wir denjenigen Statuswettbewerb beg\u00fcnstigen, der die meisten Vorteile mit sich bringt. Und da steht das Streben nach Einkommen ganz vorne, denn dieses Streben hilft uns, Knappheitsprobleme zu entsch\u00e4rfen. Die aus dem Streben nach privatem Wohlstand erwachsene Dynamik der Marktwirtschaft sorgt nicht nur beim Einzelnen f\u00fcr materielle Sicherheit, eine bessere Gesundheit und eine h\u00f6here Lebenserwartung. Der gestiegene Wohlstand erleichtert es einer Gesellschaft auch, f\u00fcr mehr soziale Sicherheit, gr\u00f6\u00dfere Chancengleichheit oder eine gerechtere Verteilung des Wohlstands zu sorgen. In diesem Sinne sieht sich das Credo der \u00d6konomen \u201eMehr ist besser als weniger\u201c durch die \u00f6konomische Gl\u00fccksforschung nicht widerlegt. Es ist eine andere Frage, was man aus dem Mehr an Chancen macht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Was k\u00f6nnen wir dar\u00fcber hinaus von der \u00f6konomischen Gl\u00fccksforschung lernen?<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abgesehen von der Untersuchung des Easterlin-Paradoxons hat sich die Analyse von Gl\u00fccksdaten mittlerweile auch in anderen Bereichen der \u00f6konomischen Forschung etabliert. Sie er\u00f6ffnet beispielsweise die M\u00f6glichkeit zu messen, was Menschen wollen und was ihr Wohlbefinden ausmacht, wenn ihr Verhalten dar\u00fcber keinen Aufschluss geben kann. Mit Gl\u00fccksdaten l\u00e4sst sich die Frage untersuchen, wie wichtig uns der Erhalt der Umwelt im Vergleich zu mehr Einkommen ist. Daraus k\u00f6nnen wir ableiten, wie viel wir als Gesellschaft bereit sind, in eine saubere Umwelt zu investieren. In der gleichen Weise k\u00f6nnen wir untersuchen, wie wichtig uns eine gerechtere Verteilung von Einkommen und Verm\u00f6gen ist, und welche Folgen, die \u00fcber die reinen Einkommens- und Produktionsausf\u00e4lle hinausgehen, die Arbeitslosigkeit f\u00fcr den einzelnen Arbeitslosen und die Gesellschaft insgesamt hat. Was die Gl\u00fccksforschung zur Beantwortung dieser Fragen beitragen kann, soll in einem letzten Punkt n\u00e4her erl\u00e4utert werden.<\/p>\n<p>Die Gl\u00fccksforschung belegt eindrucksvoll, dass Menschen stark unter der Arbeitslosigkeit leiden und auch dann noch mit ihrem Leben unzufriedener sind, wenn man den Einfluss des Einkommensverlustes herausrechnet. Sie definieren sich zu einem erheblichen Teil \u00fcber ihre Arbeit, und der Verlust eines Arbeitsplatzes nimmt ihnen die M\u00f6glichkeit, f\u00fcr sich selbst zu sorgen und selbst Verantwortung zu \u00fcbernehmen. Darunter leidet das Selbstwertgef\u00fchl ebenso wie die sozialen Kontakte, die sich durch und \u00fcber die Arbeit ergeben. Ferner verschlechtern sich die Zukunftsaussichten, der n\u00e4chste Arbeitsplatz wird wahrscheinlich schlechter entlohnt und man muss sich in der neuen Firma erst wieder hocharbeiten. Und wenn man einmal arbeitslos geworden ist, dann wird es auch wahrscheinlicher, wieder arbeitslos zu werden. All dies sind Faktoren, an die man sich auch nicht gew\u00f6hnt, wenn man l\u00e4nger arbeitslos bleibt. Doch welche der genannten Faktoren sind entscheidend? Die Beantwortung dieser Frage hat weitreichende Folgen f\u00fcr eine verbesserte Ausgestaltung arbeitsmarktpolitischer Ma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p>Fragt man nach der Lebenszufriedenheit, so nehmen die Befragten eine Bewertung ihres Lebens entsprechend ihrer eigenen Vorstellungen von einem guten Leben vor. Wenn man sich als Erwerbsf\u00e4higer stark mit der eigenen Arbeit identifiziert und feststellen muss, dass die Zukunftsaussichten alles andere als rosig sind, verwundert es nicht, wenn man als Arbeitsloser, der sein Leben bewerten soll, zu einer schlechteren Bewertung kommt als jemand, der in Lohn und Brot steht. Bedeutet das jedoch, dass Arbeitslose auch im Alltag an ihrer Arbeitslosigkeit leiden? Um diese Frage zu beantworten, muss man etwas \u00fcber das t\u00e4gliche emotionale Wohlbefinden herausfinden.<\/p>\n<p>Drei Kollegen und ich haben hierzu \u00fcber 1.000 Langzeitarbeitslose und Arbeitnehmer interviewt. In diesen Interviews baten wir die Befragten zun\u00e4chst, eine Art Tagebuch zu schreiben, in dem sie alle Aktivit\u00e4ten auff\u00fchren sollten, die zwischen Aufstehen und Zu-Bett-Gehen stattfanden, und dabei anzugeben, mit wem sie dabei gegebenenfalls zusammen waren. Au\u00dferdem sollten sie angeben, wie lange jede dieser Aktivit\u00e4ten gedauert hat. Im n\u00e4chsten Schritt fragten wird dann nach verschiedenen, in der jeweiligen Aktivit\u00e4t empfundenen positiven und negativen Emotionen. So wollten wir beispielsweise wissen, ob die Aktivit\u00e4t Spa\u00df gemacht hat, wie entspannt man in der Situation war oder ob ein Zusammentreffen angenehm verlief. Negative Gef\u00fchle wurden dadurch erfasst, dass wir fragten, ob man frustriert, depressiv, \u00e4rgerlich oder traurig war. Gemessen wird die Intensit\u00e4t jedes einzelnen Gef\u00fchls jeweils auf einer Skala von Null bis Zehn, wobei Null bedeutet, dass man das Gef\u00fchl \u00fcberhaupt nicht hatte, und Zehn, dass man es sehr intensiv empfunden hat. Diese Angaben lassen sich zu einem Ma\u00df des emotionalen Wohlbefindens f\u00fcr jede einzelne Episode zusammenfassen. So konnten wir zum Beispiel konkret vergleichen, ob Arbeitslose oder Besch\u00e4ftigte mehr Zeit f\u00fcr das Fr\u00fchst\u00fcck verwenden und welche Gruppe sich dabei im Durchschnitt besser f\u00fchlt. Wenn man dann die Ma\u00dfe f\u00fcr die einzelnen Aktivit\u00e4ten gewichtet und mit der Dauer der einzelnen Aktivit\u00e4t aufaddiert, so erh\u00e4lt man ein Ma\u00df, das das momentane Wohlbefinden w\u00e4hrend eines Tages widerspiegelt.<\/p>\n<p>Der Vergleich der befragten Arbeitslosen und vollzeitbesch\u00e4ftigten Arbeitnehmer brachte ein \u00fcberraschendes Ergebnis: W\u00e4hrend die Arbeitslosen, wie erwartet, im Vergleich zu den Besch\u00e4ftigten ihre Lebenszufriedenheit sehr niedrig bewerteten, fanden wir beim emotionalen Wohlbefinden keine Unterschiede. Offenbar hatten sich die Langzeitarbeitslosen an den ver\u00e4nderten Alltag gew\u00f6hnt, obwohl sie weiterhin mit ihrer Lebenssituation haderten. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr die allgemeine Unzufriedenheit der Langzeitarbeitslosen liegen daher vermutlich eher in der grunds\u00e4tzlichen Bewertung des eigenen Lebens als in konkreten Alltagserfahrungen. Sie leiden entweder an einem permanenten Verlust an Identit\u00e4t, weil sie ihrem eigenen Anspruch, \u201eerwerbst\u00e4tig\u201c zu sein, nicht mehr gerecht werden k\u00f6nnen, oder aber an den verschlechterten wirtschaftlichen Zukunftsaussichten \u2013 oder an beidem.<\/p>\n<p>Um das zu kl\u00e4ren, versuchten wir in einem weiteren Forschungsprojekt, den reinen Identit\u00e4tseffekt zu isolieren. Wir untersuchten hierzu, wie sich die Lebenszufriedenheit eines Arbeitslosen durch den Eintritt in die Rente ver\u00e4ndert. Hier \u00e4ndert sich nichts am Alltag der Betroffenen, und auch hinsichtlich der zuk\u00fcnftigen wirtschaftlichen Situation herrscht keine Unsicherheit mehr. Man wei\u00df mehr oder weniger genau, wie viel Rente man in der Zukunft bekommt. Sofern es also eine Ver\u00e4nderung gibt, so kann sie nur am Wechsel der Identit\u00e4t liegen. Tats\u00e4chlich fanden wir heraus, dass die durchschnittliche Lebenszufriedenheit der Arbeitslosen beim \u00dcbergang in die Rente deutlich ansteigt. Wir konnten statistisch ausschlie\u00dfen, dass etwaige Einkommens\u00e4nderungen daf\u00fcr verantwortlich sind.<\/p>\n<p>Der isolierte verbleibende Effekt ist nicht gerade klein. Er ist wesentlich gr\u00f6\u00dfer als der Anstieg der Lebenszufriedenheit aufgrund einer Hochzeit und h\u00e4lt anders als bei einer Hochzeit langfristig an. Dieses Ergebnis l\u00e4sst sich dadurch erkl\u00e4ren, dass man mit dem Renteneintritt die gesellschaftliche Gruppe, mit der man sich identifiziert, wechselt. W\u00e4hrend man als Arbeitsloser in der Gruppe der \u201eErwerbsf\u00e4higen\u201c die soziale Norm zu arbeiten verletzt hat, wechselt man als Rentner in die Gruppe der \u201eRuhest\u00e4ndler\u201c, von denen nicht mehr erwartet wird, dass sie berufst\u00e4tig sind. Dieses Ergebnis spricht daf\u00fcr, dass vor allem die psychologischen Kosten, wie der Identit\u00e4tsverlust durch die Arbeitslosigkeit, f\u00fcr das Leiden an der Arbeitslosigkeit verantwortlich sind und weniger die wirtschaftlichen Einbu\u00dfen. Entsprechend deutlich f\u00e4llt dementsprechend die arbeitsmarktpolitische Empfehlung aus, alles daran zu setzen, Arbeitslose wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren und sie nicht mit gro\u00dfz\u00fcgigen Sozialleistungen abzuspeisen oder in die Dauerarbeitslosigkeit abgleiten zu lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die \u00f6konomische Gl\u00fccksforschung auf dem Pr\u00fcfstand<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Diskussion um die Auswirkungen von wachsendem Wohlstand auf die Lebenszufriedenheit haben die Gl\u00fccksforschung und die wirtschaftswissenschaftliche Forschung auf fruchtbare Art und Weise zusammengebracht. Dabei hat die Gl\u00fccksforschung, anders als von vielen behauptet, keinesfalls einen Paradigmenwechsel in der \u00d6konomie eingel\u00e4utet und das \u00f6konomische Credo \u201eMehr ist besser als weniger\u201c auch nicht widerlegt. Sie hat aber einen wesentlichen Beitrag zu einer differenzierten Betrachtung dieses Glaubenssatzes geliefert. Zudem ist mit der \u00f6konomischen Gl\u00fccksforschung ein wichtiges neues Instrument in die \u00f6konomische Forschung eingef\u00fchrt worden, das es erlaubt, viele wirtschaftspolitische Fragen genauer zu beleuchten, die mit der klassischen \u00f6konomischen Forschung bislang nur stiefm\u00fctterlich behandelt werden konnten. Die Gl\u00fccksforschung wird daher auf lange Sicht einen festen Platz in der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung einnehmen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie die \u00d6konomie zum Gl\u00fcck fand &nbsp; Wir leben nicht im Paradies, sondern in einer Welt, in der weder der Einzelne alle seine Bed\u00fcrfnisse stillen noch die Gesellschaft als Ganzes die Bed\u00fcrfnisse aller Menschen befriedigen kann. 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