{"id":121750,"date":"2026-04-13T10:31:55","date_gmt":"2026-04-13T08:31:55","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=121750"},"modified":"2026-04-13T10:31:58","modified_gmt":"2026-04-13T08:31:58","slug":"glaubensspaltung-religioese-gewalt-und-krise-des-koenigtums-die-franzoesischen-religionskriege-und-ihre-ueberwindung","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/glaubensspaltung-religioese-gewalt-und-krise-des-koenigtums-die-franzoesischen-religionskriege-und-ihre-ueberwindung\/","title":{"rendered":"Glaubensspaltung, religi\u00f6se Gewalt und Krise des K\u00f6nigtums"},"content":{"rendered":"<p class=\"fliess-ERSTER\"><span class=\"Initiale CharOverride-28\">U<\/span>nd der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstra\u00dfen und an die Z\u00e4une und n\u00f6tige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde\u201c (Lk 14, 23). Wie viele Bibelstellen ist dieser Satz, den Theologen in der Regel mit dem im Mittelpunkt stehenden Imperativ in lateinischer Sprache <span class=\"Minion-Italic\">compelle intrare<\/span> aufrufen, vielfach deutbar. In der Geschichte indes war eine Deutung vorherrschend. So hat dieser Satz \u201eunter den theologischen Begr\u00fcndungen f\u00fcr Gewalt in Religionssachen [\u2026] zurecht die gr\u00f6\u00dfte Ber\u00fchmtheit erlangt\u201c (Maier 2008, 57).<\/p>\n<p class=\"fliess\">Im Gefolge der Reformation wurde das Gleichnis von weiten Teilen des katholischen Klerus als Aufforderung gedeutet, Protestanten mithilfe staatlicher Gewalt zu verfolgen und zur\u00fcck in den Scho\u00df der Kirche zu f\u00fchren. Auch die Reformatoren r\u00fcckten von dieser Lesart nicht ab. Huldrych Zwingli dr\u00e4ngte schon in den 1520er Jahren darauf, milit\u00e4risch sicherzustellen, dass alle Schweizer Kantone die Reformation einf\u00fchrten. So kam es 1529 und 1531 zu den beiden Kappeler Kriegen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">In den folgenden etwa 120 Jahren sind in Europa zahlreiche \u201eReligionskriege\u201c zu verzeichnen. Die Forschung hat diesen zeitgen\u00f6ssischen Begriff \u00fcbernommen, obwohl es pr\u00e4ziser w\u00e4re, von Konfessionskriegen oder konfessionellen B\u00fcrgerkriegen zu sprechen. Denn es k\u00e4mpften \u2013 anders als bei den \u201eT\u00fcrkenkriegen\u201c \u2013 nicht Angeh\u00f6rige verschiedener Religionen gegeneinander, sondern Christen unterschiedlicher Bekenntnisse. Der gemeinsame christliche Glaube hinderte sie freilich nicht an exzessiver Gewalt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">In keinem europ\u00e4ischen \u201eReligionskrieg\u201c wurde ausschlie\u00dflich um die religi\u00f6se \u201eWahrheit\u201c gek\u00e4mpft. Der Kampf um die Konfession war vielmehr stets verkn\u00fcpft mit Konflikten um Machtver-<br \/>\nteilung und \u201eVerfassung\u201c im Innern der betroffenen Gemeinwesen \u2013 hier standen (meist katholische) Monarchen (meist protestantischen) Adligen bzw. \u201eSt\u00e4nden\u201c gegen\u00fcber. H\u00e4ufig kam insofern eine weitere Konfliktebene hinzu, als ausw\u00e4rtige M\u00e4chte die inneren Konflikte um Konfession und Verfassung nutzten, um ihrerseits einzugreifen \u2013 wobei konfessionelle Belange nicht selten hinter dynastisch-machtpolitischen Interessen zur\u00fcckstanden. So wichtig es ist, auch die s\u00e4kularen Faktoren \u201eHeiliger Kriege\u201c in die Analyse einzubeziehen, so fraglos ist andererseits, dass die religi\u00f6se Aufladung beigetragen hat zu besonderer Gewaltsamkeit. Die Religionskriege, die Frankreich in den Jahren 1562 bis 1598 heimsuchten, stellen also keinen Einzelfall dar, sondern sind Auspr\u00e4gungen eines epochenspezifischen Konflikttyps.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Der vorliegende Beitrag bietet keine kleinteilige Ereignisgeschichte der acht franz\u00f6sischen Religionskriege. Vielmehr wird zun\u00e4chst am Beispiel des franz\u00f6sischen K\u00f6nigtums die enge Verquickung von Religion und Politik illustriert (2), ehe Ursachen und Ausbruch der Religionskriege zu Beginn der 1560er Jahre behandelt werden (3). Nach einem Blick auf die in der Bartholom\u00e4usnacht kulminierende Krise der fr\u00fchen 1570er Jahre (4) werden sodann der letzte und l\u00e4ngste Religionskrieg des 16. Jahrhunderts und dessen Beendung durch das Edikt von Nantes in den Blick genommen (5). Den Abschluss bilden Fazit und Ausblick (6).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Keine Herrschaft ohne Religion: der K\u00f6nig von Frankreich als \u201eallerchristlichster\u201c K\u00f6nig<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Wie untrennbar Religion und Politik im Frankreich der Vormoderne miteinander verkn\u00fcpft waren, verdeutlich ein Blick auf das sakrale Verst\u00e4ndnis des K\u00f6nigtums, das im 16. Jahrhundert auch die Spielr\u00e4ume der Krone gegen\u00fcber den Protestanten mitbestimmte. Seit dem im 13. Jahrhundert gef\u00fchrten \u201eKreuzzug\u201c gegen christliche Herrschaften in Okzitanien bildete der Kampf gegen jegliche \u201eKetzerei\u201c einen (auch im Kr\u00f6nungseid verankerten) zentralen Bestandteil des Selbstverst\u00e4ndnisses des franz\u00f6sischen K\u00f6nigtums.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Zudem beanspruchten die franz\u00f6sischen K\u00f6nige eine religi\u00f6se Vorrangstellung vor allen anderen christlichen F\u00fcrsten. Dabei beriefen sie sich u. a. auf einen Titel, der dem Merowingerk\u00f6nig Chlodwig angeblich bei seiner Taufe verliehen worden war. Der franz\u00f6sische K\u00f6nig war demnach \u201e\u00e4ltester Sohn der Kirche\u201c und \u201eallerchristlichster K\u00f6nig\u201c \u2013 Titel, die \u00f6stlich des Rheins in Vergessenheit geraten waren, w\u00e4hrend sie von den franz\u00f6sischen K\u00f6nigen im Sinne einer sakralen \u00dcberh\u00f6hung ihres Amts gedeutet wurden. Am sinnf\u00e4lligsten zutage trat der religi\u00f6s-sakrale Anspruch bei der Kr\u00f6nung der K\u00f6nige in Reims. Im Mittelpunkt stand dabei die Salbung mit dem Salb\u00f6l aus der angeblich bei der Taufe Chlodwigs vom Himmel gesandten \u201eHeiligen Ampulle\u201c. Im Anschluss an den \u201esacre\u201c und bei anderen feierlichen Anl\u00e4ssen \u201eheilte\u201c der K\u00f6nig Personen, die an Skrofeln, einer tuberkul\u00f6s-allergischen Erkrankung, litten. Der Mythos des wundert\u00e4tigen K\u00f6nigs blieb bis zur Franz\u00f6sischen Revolution lebendig.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Seit dem Sp\u00e4tmittelalter wurde zudem auf die Sakralit\u00e4t des K\u00f6nigs verwiesen, um seine dominante Stellung in der franz\u00f6sischen Kirche zu begr\u00fcnden. Nachdem der Versuch, das Papsttum in Avignon unter franz\u00f6sische Kuratel zu stellen, 1377 gescheitert war, beschnitten Krone und Klerus den p\u00e4pstlichen Einfluss auf die franz\u00f6sische Kirche, die fortan \u201egallikanische Freiheiten\u201c f\u00fcr sich reklamierte. Diese \u201eFreiheiten\u201c sicherte Franz I. 1516 durch ein Konkordat mit Papst Leo X. ab. Das dort verankerte Pr\u00e4sentationsrecht des K\u00f6nigs auf hohe geistliche Pfr\u00fcnden bot der Krone ein wirkungsvolles Instrument zur Sicherung der Loyalit\u00e4t ihrer adligen Eliten und die Chance, die Strukturen der Kirche f\u00fcr die Herrschaft in der Fl\u00e4che zu nutzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Glaubensspaltung und Krise des K\u00f6nigtums \u2013 Ausbruch und Grundkonstellation der Religionskriege<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Anders als im Heiligen R\u00f6mischen Reich erfuhr die Reformationsbewegung in Frankreich erst in den 1550er Jahren breiteren Zulauf; um 1560 waren etwa 10% der franz\u00f6sischen Bev\u00f6lkerung \u201eHugenotten\u201c \u2013 angeblich eine Verballhornung des Wortes \u201eEidgenossen\u201c, in Anspielung auf die Verbindungen der franz\u00f6sischen Protestanten in die Westschweiz. Tats\u00e4chlich folgten die Hugenotten in Theologie und Kirchenverst\u00e4ndnis dem Genfer Reformator Jean Calvin.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Aus Sicht der Krone problematisch war weniger die Zahl der Hugenotten als die Politisierung der Reformationsbewegung. Zumal im Adel verquickte sich die Hinwendung zur Reformation mit politischer Opposition gegen die Krone. Dass sich das franz\u00f6sische K\u00f6nigtum von der katholischen Kirche abwenden w\u00fcrde, war unwahrscheinlich. Denn die sakrale \u00dcberh\u00f6hung der Monarchie war mit Calvins Lehren nicht vereinbar. Zugriff auf Ressourcen der Kirche hatten sich die franz\u00f6sischen K\u00f6nige auch ohne Reformation bereits gesichert.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Es ist m\u00fc\u00dfig zu spekulieren, wie ein erfahrener K\u00f6nig die Herausforderung durch die Reformation gemeistert h\u00e4tte. Denn K\u00f6nig Heinrich\u00a0II. starb im Sommer 1559 an den Folgen eines Turnierunfalls. Immerhin: der Vierzigj\u00e4hrige hinterlie\u00df sieben eheliche Kinder, darunter vier S\u00f6hne. Die Thronfolge schien gesichert. Und doch zeigte sich bald, wie wenig auch in einer gefestigten Monarchie von der Person des K\u00f6nigs abgesehen werden konnte. Heinrichs \u00e4ltester Sohn, Franz II., verheiratet mit Maria Stuart von Schottland, war 1559 15 Jahre alt. Er galt damit nach franz\u00f6sischem Thronfolgerecht als vollj\u00e4hrig, war aber kaum f\u00e4hig, allein zu regieren. Er band sich an die sich als Verteidiger des katholischen Glaubens profilierenden Herz\u00f6ge von Guise, die gro\u00dfen Teilen des franz\u00f6sischen Adels verhasst waren. Als Franz II. im Folgejahr starb, gelangte mit Karl IX. ein minderj\u00e4hriger K\u00f6nig auf den Thron. Seine Mutter, Katharina von Medici, \u00fcbernahm die Regentschaft \u2013 Regentschaften aber waren in der Kapetingermonarchie stets Krisenzeiten.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Katharinas Regentschaft war besonders umstritten. Sie sah sich als \u201eItalienerin\u201c und Frau der Ablehnung weiter Teile des Adels gegen\u00fcber \u2013 nicht zuletzt der sogenannten \u201ePrinzen von Gebl\u00fct\u201c, m\u00e4nnlicher Angeh\u00f6riger der K\u00f6nigsfamilie, die f\u00fcr sich selbst die Regentschaft reklamierten. Um die Schw\u00e4che ihrer Position wissend, verfolgte Katharina von Medici, unterst\u00fctzt von dem humanistisch gepr\u00e4gten Kanzler Michel de l\u2019Hospital, eine auf Ausgleich abzielende Politik.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Anfang 1562 wurde das \u201eJanuaredikt\u201c erlassen, das den Hugenotten au\u00dferhalb der St\u00e4dte freie Religionsaus\u00fcbung zusicherte. Nach l\u2019Hospitals Ansatz sollten weltliche und religi\u00f6se Ordnung unterschieden werden. Anstatt den Untertanen ihren Glauben vorzuschreiben, untersagte der K\u00f6nig ihnen, sich \u00fcber Glaubensfragen zu zerstreiten. Doch dieser Ansatz scheiterte, weil die Krone zu schwach war, ihn durchzusetzen. So weigerten sich die kompromisslos katholischen Obergerichte, das Edikt zu registrieren und es damit in Kraft zu setzen. Ihr Argument: Der K\u00f6nig habe im Kr\u00f6nungseid geschworen, Ketzer zu verfolgen. Ein Edikt, das Ketzern die Aus\u00fcbung ihres Kults gew\u00e4hre, k\u00f6nne vom K\u00f6nig nicht gewollt sein. Dies wiederum ermutigte die<br \/>\nGuise, gegen Protestanten vorzugehen. Am 1. M\u00e4rz 1562 ver\u00fcbten Truppen des Herzogs Franz von Guise in Vassy ein Massaker an einer protestantischen Gemeinde. Nun griffen die Hugenotten zu den Waffen. Es folgten acht sich bis 1598 hinziehende Religionskriege.<\/p>\n<p class=\"fliess\">In diesen Kriegen tobte sich die in den Kriegen gegen das Haus Habsburg gewachsene Gewaltbereitschaft des Adels nun im Innern Frankreichs aus. Hunderttausende Franzosen starben von der Hand ihrer Landsleute, weil die Krone zur Befriedung ihres Herrschaftsverbands nicht in der Lage war. Neben der Unerfahrenheit und pers\u00f6nlichen Schw\u00e4che der letzten Valois-K\u00f6nige und der sich wegen deren Kinderlosigkeit abzeichnenden dynastischen Krise trug auch die durch die vorangegangenen Kriege bedingte Finanznot zum Autorit\u00e4tsverlust der Krone bei. Denn je weniger die letzten Valois-K\u00f6nige in der Lage waren, als Patrone \u00c4mter und andere Gnadenerweise zu verteilen, desto mehr entwickelten sich die Klientelverb\u00e4nde des Hochadels zu untereinander rivalisierenden Parteien.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die Grundkonstellation blieb jahrzehntelang gleich. Die beiden einflussreichsten Parteien beriefen sich auf religi\u00f6se \u00dcberzeugungen, obschon sie in ihrer sozialen Organisation nichts Anderes waren als Klientelverb\u00e4nde. An der Spitze der katholischen Partei standen bis 1589 die bereits erw\u00e4hnten Mitglieder des lothringischen Herzogsgeschlechts der Guise. Sie hatten sich ein dezidiert antiprotestantisches Profil zugelegt \u2013 auch deshalb, weil ihre wichtigsten Konkurrenten sich als Hugenotten bekannten oder mit ihnen sympathisierten. Ihr konfessionelles Profil verschaffte den zun\u00e4chst weithin unbeliebten Guise nicht nur die Unterst\u00fctzung der Obergerichte, sondern nach und nach auch eine breite Anh\u00e4ngerschaft im Adel und in den St\u00e4dten, die sie in den 1570er und 1580er Jahren im Rahmen einer \u201eHeiligen\u201c Liga organisierten. Unterst\u00fctzung fand die katholische Partei nicht nur in Frankreich, sondern auch seitens der Kurie und Spaniens, das den konfessionellen Konflikt nutzte, um den m\u00e4chtepolitischen Rivalen zu schw\u00e4chen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Auch die Hugenotten wurden von Hochadligen gef\u00fchrt. An ihrer Spitze standen Prinzen von Gebl\u00fct aus dem Haus Bourbon-Cond\u00e9, seit Anfang der 1570er Jahre Heinrich, K\u00f6nig von Navarra. Sie verf\u00fcgten ebenfalls \u00fcber ein gro\u00dfes Klientelnetzwerk, dem vor allem Adlige und Amtstr\u00e4ger aus dem S\u00fcdwesten Frankreichs angeh\u00f6rten. Und auch sie unterhielten europaweite Verbindungen, zumal in die Niederlande, die Eidgenossenschaft, das Reich und England. So griffen zeitweise protestantische Reichsf\u00fcrsten und die englische K\u00f6nigin in die Religionskriege ein, die auch Schauplatz europ\u00e4ischer M\u00e4chtekonflikte waren.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Zwischen diesen beiden Bl\u00f6cken bildeten sich zeitweise weitere Gruppierungen, die vermittelnde Positionen einnahmen, wie in den 1570er Jahren die hochadligen \u201eMalcontents\u201c, ferner die \u201ePolitiques\u201c, denen auch einflussreiche Juristen zugerechnet wurden. Doch obsiegte immer wieder die konfessionell legitimierte, machtpolitisch unterf\u00fctterte Intransigenz der beiden Hauptgegner. Dazwischen stand, meist lavierend, das K\u00f6nigshaus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Vom Fest der Vers\u00f6hnung zum Blutrausch im Namen des Herrn: die Bartholom\u00e4usnacht<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Wie schwer es war, dauerhaft zu einem Frieden zu gelangen, wurde in den fr\u00fchen 1570er Jahren deutlich. Das zentrale Ereignis dieser Jahre, die \u201eBartholom\u00e4usnacht\u201c, hat sich als Signum der Epoche und Sinnbild f\u00fcr den Zusammenhang von Religion und Gewalt tief ins kollektive Ged\u00e4chtnis Europas eingebrannt. Nicht umsonst geh\u00f6rt das Gem\u00e4lde von Fran\u00e7ois Dubois zu den bekanntesten Ereignisdarstellungen der Fr\u00fchen Neuzeit.<\/p>\n<p class=\"fliess\">1570 hatte Frankreich bereits drei Religionskriege hinter sich, die nur deshalb beendet worden waren, weil beide Seiten ersch\u00f6pft waren. Die Friedensschl\u00fcsse hatten im Wesentlichen die Bestimmungen des Januaredikts wiederholt \u2013 waren ohne Bereitschaft zur Auss\u00f6hnung aber jeweils nur kurz wirksam gewesen. Dass keine Seite ein \u00dcbergewicht erringen konnte, war der (trotz Vollj\u00e4hrigkeit ihres Sohnes) weiterhin einflussreichen K\u00f6niginmutter Katharina nicht unrecht, weil sie der Krone die Chance er\u00f6ffnete, als \u201eZ\u00fcnglein\u201c an der Waage zu fungieren.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Nun schien sich die Chance zu bieten, aus dem Teufelskreis auszubrechen. Denn seit 1568 lehnten sich (zun\u00e4chst die gesamten) Niederlande gegen Spanien auf. Der Eintritt in einen Krieg gegen Spanien erschien einigen als Chance, die spanische Herrschaft an der franz\u00f6sischen Nordgrenze zu beenden, die spanisch-portugiesische Dominanz in den Kolonien zu brechen und Aggressionen nach au\u00dfen abzuf\u00fchren, um das Land im Innern zu einigen. Aus hugenottischer Sicht kam die Aussicht hinzu, den Glaubensgenossen in den n\u00f6rdlichen Niederlanden zu helfen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Ma\u00dfgeblicher Verfechter einer Intervention in den Niederlanden war der protestantische Heerf\u00fchrer Gaspard de Coligny. Sein Ziel war es, die Hugenotten als Partei zu etablieren, die \u2013 anders als die Guise-Partei \u2013 konsequent die (antispanischen) Interessen Frankreichs vertrat. Dieser Plan trug dazu bei, dass die hugenottische Partei ernsthaft an einer Auss\u00f6hnung der konfessionellen Lager interessiert war. Coligny gelang es, K\u00f6nig Karl IX. zu \u00fcberzeugen, sich f\u00fcr eine Ann\u00e4herung der Konfessionsparteien einzusetzen. In diesem Punkt waren sich die beiden auch mit Katharina von Medici einig, die ebenfalls einen konfessionellen Ausgleich w\u00fcnschte, um den Einfluss der Guise zu begrenzen. In diesem Kontext lancierte die K\u00f6niginmutter den Plan, ihre Tochter Margarete mit Heinrich von Navarra zu verheiraten. Die Idee war insofern plausibel, als Heinrich in der Thronfolge unmittelbar hinter den S\u00f6hnen Katharinas und Heinrichs II. rangierte, so dass es geraten erschien, ihn an die eigene Familie zu binden.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Jedenfalls f\u00fchrten die beiden K\u00f6niginnen von Frankreich und Navarra, Katharina von Medici und Johanna von Albret, Anfang 1572 Verhandlungen \u00fcber die Verehelichung ihrer Kinder, bei denen Johanna durchsetzte, dass die Hochzeitszeremonie vor \u201eNotre Dame\u201c stattfand und vom Kardinal-Erzbischof von Rouen, einem Onkel des Br\u00e4utigams, geleitet wurde. Katharina wiederum setzte durch, dass Margarete nicht zum neuen Glauben \u00fcbertreten musste. Im Gegenzug wurde ihr eine gro\u00dfz\u00fcgige Mitgift gew\u00e4hrt. Papst Gregor XIII. verweigerte zwar die Zustimmung zu der konfessionsverschiedenen Ehe, doch schien dies aus Katharinas Sicht verschmerzbar.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Zur Trauung am 18. August 1572 kamen aus Navarra ca. 1.000 und aus Frankreich mindestens 3.000 hugenottische Gefolgsleute des Br\u00e4utigams nach Paris \u2013 deutlich erkennbar an ihrer schlichten schwarzen Kleidung, die sie von den opulent und farbenpr\u00e4chtig gekleideten katholischen Hochzeitsg\u00e4sten unterschied.<\/p>\n<p class=\"fliess\">W\u00e4hrend in der Stadt noch gefeiert wurde, trat am 22. August erstmals wieder der k\u00f6nigliche Rat zusammen. Erneut brachte Admiral Coligny das Projekt einer Intervention in den Niederlanden zur Sprache, ohne damit (abgesehen vom K\u00f6nig) auf gr\u00f6\u00dfere Resonanz zu sto\u00dfen. Als Coligny gemeinsam mit Adligen seines Gefolges den Louvre verlie\u00df, peitschten zwei Sch\u00fcsse durch die Gasse. Es ist nie gelungen, den T\u00e4ter zu identifizieren; sicher ist nur, dass er im Haus eines den Guise eng verbundenen Klerikers verschwand. Coligny wurde nicht schwer verletzt. Der sofort gerufene Leibarzt des K\u00f6nigs amputierte den Zeigefinger und schnitt die Kugel heraus.<\/p>\n<p class=\"fliess\">In der Stadt verbreitete sich die Nachricht vom Anschlag wie ein Lauffeuer. Die Stimmung war seit Wochen gepr\u00e4gt durch Misstrauen, Ger\u00fcchte und \u00c4ngste. Paris war die \u201ekatholischste\u201c Stadt des K\u00f6nigreichs. Entsprechend gro\u00df waren die Vorbehalte gegen die k\u00f6nigliche Hochzeit \u2013 erst recht, als Tausende (bewaffnete) protestantische Adlige in die Stadt kamen. Immer neue Ger\u00fcchte \u00fcber Anschlag- und Umsturzpl\u00e4ne wurden nur zu gerne geglaubt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Angesichts dieser gespannten Lage entschlossen sich der K\u00f6nig, Katharina von Medici und einige weitere Mitglieder des k\u00f6niglichen Rates, Coligny noch am Nachmittag des 22. August einen Besuch abzustatten. Dem K\u00f6nig war der Besuch ein Anliegen, denn er hing an seinem erfahrenen, politisch k\u00fchnen und pers\u00f6nlich integren Berater. Am Krankenbett sagte er: \u201e\u2026 ich schw\u00f6re bei meinem Seelenheil, dass ich so grausam Rache \u00fcben werde, dass die Erinnerung daran nie erl\u00f6schen wird\u201c. War dies tats\u00e4chlich die Absicht des K\u00f6nigs? Hatte er dazu die Mittel? Ersteres scheint plausibel, Letzteres war offensichtlich nicht der Fall. Eindeutig beantworten k\u00f6nnen wir diese Fragen nicht. Denn dar\u00fcber, was am Samstag, dem 23. August, beraten und entschieden wurde, wissen wir nur unzureichend Bescheid.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Sicher ist, dass Colignys Leute nach dem Anschlag eine Wache f\u00fcr Colignys Domizil anforderten. Karl IX. \u00fcbertrug diese Aufgabe dem Kommandeur seiner Palastwache. Der aber war unbedingter Gefolgsmann der Guise. Als dann am 24. August, dem Tag des Heiligen Bartholom\u00e4us, kurz vor Morgengrauen Bewaffnete vor Colignys Domizil auftauchten, war niemand da, sie am Eindringen zu hindern. Sie st\u00fcrmten in Colignys Schlafzimmer, stie\u00dfen ihm einen Degen in den Leib und warfen ihn auf die Stra\u00dfe. Dort soll Heinrich von Guise gewartet haben. Er soll dem Toten das Blut aus dem Gesicht gewischt, ihm ins Gesicht getreten und seinen Leuten zugeschrien haben: \u201eIch kenne ihn \/ er ist es \/ m\u00e4nnlich ihr Soldaten \/ wir haben gl\u00fccklich angefangen \/ nun wollen wir an die \u00fcbrigen (&#8230;)\u201c. So hei\u00dft es jedenfalls in einer 1614 erschienen Ausgabe der <span class=\"Minion-Italic\">Cosmographey<\/span> Sebastian M\u00fcnsters \u2013 \u201eschwarze\u201c Legendenbildung ist hier freilich keineswegs ausgeschlossen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Sicher ist hingegen, dass ein unbeschreibliches Blutbad folgte. Bewaffnete Trupps durchk\u00e4mmten die Unterk\u00fcnfte der hugenottischen Hochzeitsg\u00e4ste, um diese abzuschlachten. Bald waren die von den Guise und anderen adligen katholischen Ultras gebildeten M\u00f6rdertrupps nicht mehr allein. Teile der Pariser Bev\u00f6lkerung sowie zunehmend auch Kriminelle st\u00fcrmten die Wohnungen ihnen bekannter Hugenotten, ermordeten sie und pl\u00fcnderten. Dabei machten sie auch vor Frauen und Kindern nicht halt. Die Terrorgruppen brachten auch katholische Kaufleute, Amtstr\u00e4ger, Handwerksmeister und andere wohlhabende Personen um. Hier entluden sich vielerlei Ressentiments, die aus bef\u00fcrchteter oder schon erlebter sozialer R\u00fcckstufung, aus Existenzangst, Neid- und Rachegef\u00fchlen gespeist waren, gegen alle, die als potentielle Verursacher oder Profiteure der eigenen Misere in Frage kamen. Die Leichen wurden zu Hunderten entkleidet, zur Seine geschleift und in den Fluss geworfen. Es dauerte mehrere Tage, bis sich der Pariser Mob ausgetobt hatte. 2.000 bis 4.000 Menschen waren ihm schlie\u00dflich zum Opfer gefallen. Doch damit war das Blutvergie\u00dfen nicht vorbei. Denn in vielen Provinzst\u00e4dten kam es zu \u00e4hnlichen \u00dcbergriffen, als dort die Nachricht von den Pariser Ereignissen ankam. Insgesamt d\u00fcrfte sich die Zahl der Opfer in der Provinz noch einmal auf 5.000 bis 10.000 Personen belaufen haben.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Nur zwei Hugenotten wurden ausdr\u00fccklich geschont: Heinrich von Navarra und sein Cousin Heinrich von Cond\u00e9, die beide im Louvre \u00fcbernachtet hatten. W\u00e4hrend ihre gesamte Umgebung niedergemetzelt wurde, nahm man sie in Schutzhaft, denn sie waren k\u00f6niglichen Gebl\u00fcts. Beide mussten konvertieren und blieben drei Jahre in Haft, ehe sie fliehen konnten und ihren fr\u00fcheren \u00ad<br \/>\nGlauben wieder annahmen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Bleibt die Frage, wer f\u00fcr das Massaker verantwortlich war. Auf den ersten Blick erscheint die Antwort einfach. Denn zwei Tage nach dem Bartholom\u00e4ustag erschien der K\u00f6nig zu einem \u201elit de justice\u201c, einer \u201eK\u00f6nigssitzung\u201c im Pariser Obergericht, um \u00f6ffentlich zu erkl\u00e4ren, er habe die Ausschaltung der Hugenotten befohlen, da sie einen Umsturz geplant h\u00e4tten. Damit \u00fcbernahm Karl IX. die Verantwortung f\u00fcr die erste Phase des Massakers.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Bis in die 1990er Jahre wurde diese \u201eoffizielle\u201c Darstellung von der Forschung mehrheitlich f\u00fcr zutreffend erachtet. Der K\u00f6nig sei schlie\u00dflich davon \u00fcberzeugt gewesen, dass ein Staatstreich drohe, und habe den Schlag (nicht zuletzt als k\u00f6nigliche Machtdemonstration) angeordnet. Die j\u00fcngere Forschung hingegen bezweifelt, dass Karl IX. eine treibende Rolle in diesem Prozess gespielt hat. Die Bartholom\u00e4usnacht erscheint in dieser Perspektive nicht als lange geplante Machtdemonstration, sondern als Ergebnis eines vor\u00fcbergehenden Zusammenbruchs der k\u00f6niglichen Gewalt. Irgendwann in der Nacht vom 23. zum 24. August muss der K\u00f6nig demnach (wom\u00f6glich unter dem Eindruck der bereits angelaufenen \u00dcbergriffe) einem Ultimatum der Guise-Partei nachgegeben und die Ermordung der Hugenottenf\u00fchrer zugestanden haben. Dass er sich dann zwei Tage sp\u00e4ter zu einem Akt bekannte, f\u00fcr den er nur mittelbar verantwortlich war, erkl\u00e4rt die j\u00fcngere Forschung damit, dass ein K\u00f6nig, der eingestanden h\u00e4tte, dass ihm die Macht entglitten war, kaum Chancen gehabt h\u00e4tte, sie jemals wiederzuerlangen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Folgt man dieser Einsch\u00e4tzung, und ich neige ihr zu, lag die Hauptverantwortung f\u00fcr die ersten beiden Akte des Massakers bei den Herz\u00f6gen von Guise, mittelbar beim K\u00f6nig, der von einem bestimmten Moment an nicht mehr versuchte, sie zu verhindern. Doch auch damit ist nur zum Teil erkl\u00e4rt, was in Paris und in vielen Provinzst\u00e4dten geschah, zumal in jener Phase, als nicht mehr Soldaten, sondern das einfache Volk Hauptt\u00e4ter war.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Damit sind wir bei jenen T\u00e4tern, die wahrscheinlich niemanden erschlagen und nicht gepl\u00fcndert haben, ohne die aber nicht zu verstehen ist, was geschah. Denn ma\u00dfgeblich verantwortlich f\u00fcr das Massaker waren Vertreter der katholischen Kirche, die nicht m\u00fcde wurden, die N\u00f6te der Menschen als unmittelbare Folge der den g\u00f6ttlichen Zorn herausfordernden Duldung der \u201eKetzer\u201c zu deuten. Tats\u00e4chlich verband sich bei nicht wenigen Zeitgenossen die Angst vor dem Verlust der Gnade Gottes mit der Vorstellung eines nahen Weltendes zu gr\u00f6\u00dfter Gewaltbereitschaft. Denis Crouzet bezeichnete die von ihm untersuchten K\u00e4mpfer in den Franz\u00f6sischen Religionskriegen als \u201eGotteskrieger\u201c, die in dem Bewusstsein k\u00e4mpften, ihr Kampf sei die Vorstufe des blutigen Weltgerichts \u2013 eine endzeitliche Perspektive, die jede R\u00fccksichtnahme auf zivilisatorische Standards inopportun erscheinen lie\u00df.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Kaum von der Hand zu weisen ist andererseits, dass in den Jahren nach den grauenvollen Ereignissen der Bartholom\u00e4usnacht die politische und verfassungsrechtliche Diskussion in Frankreich ungeheuer ergiebig war. Die L\u00f6sungsans\u00e4tze gingen in zwei entgegengesetzte Richtungen. Unter den \u00fcberlebenden Protestanten bestand weithin Einigkeit, dass die Bartholom\u00e4usnacht nur m\u00f6glich gewesen war, weil niemand den K\u00f6nig daran hatte hindern k\u00f6nnen, seine Macht zu missbrauchen. Es galt also, jene \u201eabsolute\u201c Gewalt abzuschaffen, auf die sich der K\u00f6nig in seiner offiziellen Erkl\u00e4rung vom 26. August berufen hatte. Unmittelbar nach 1572 publizieren calvinistische Autoren mehrere \u201emonarchomachische\u201c Schriften, darunter ein anonymer Verfasser (wahrscheinlich Philippe Duplessis-Mornay) die <span class=\"Minion-Italic\">Vindiciae contra tyrannos<\/span>. Gemeinsam ist diesen Schriften die Forderung, die k\u00f6nigliche Gewalt zu kontrollieren und bei Missbrauch dieser Gewalt den Untertanen (oder zumindest den h\u00f6heren Amtstr\u00e4gern) ein Widerstandsrecht einzur\u00e4umen. Solche Pl\u00e4ne wurden in Frankreich bekanntlich nicht verwirklicht \u2013 und doch haben die \u00dcberlegungen der Monarchomachen sp\u00e4tere, auf Gewaltenteilung und -kontrolle abstellende Verfassungskonzeptionen stark beeinflusst.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Auf der anderen Seite gab es Autoren, die argumentierten, gerade die Beteiligungsanspr\u00fcche der Gro\u00dfen des Reichs, von St\u00e4nden und Korporationen (etwa Gerichten) f\u00fchrten angesichts der konfessionellen Spaltung fast unausweichlich in den B\u00fcrgerkrieg. Es m\u00fcsse deshalb eine \u00fcber den religi\u00f6sen Parteien stehende, mit uneingeschr\u00e4nkter Macht ausgestatte Instanz geben, die konfessionelle K\u00e4mpfe unterbinden k\u00f6nne \u2013 zur Not mit Gewalt. Eindringlich vertreten wurde diese Argumentation von dem Katholiken Jean Bodin in seinen \u201esechs B\u00fcchern vom Gemeinwesen\u201c (1576), in denen er das Ideal einer nach au\u00dfen und innen unabh\u00e4ngigen souver\u00e4nen Gewalt entwarf. Nur sie war nach Bodin in der Lage, die Ordnung und den Zusammenhalt des Gemeinwesens zu garantieren. Bodin ging es nicht um die Legitimierung eines Willk\u00fcrregiments. Der Monarch sollte das g\u00f6ttliche und nat\u00fcrliche Recht, das Gemeinwohl, die Prinzipien der Gerechtigkeit, der Vernunft und nach M\u00f6glichkeit auch die bestehende Rechtsordnung achten. Andererseits betonte Bodin, allein dem Souver\u00e4n stehe ein Urteil \u00fcber die Achtung dieser Prinzipien zu; niemand sei berechtigt, weshalb auch immer die Entscheidungen und Gesetze des Souver\u00e4ns zu missachten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Kein Friede ohne Krongewalt: die Schlussphase der Religionskriege und das Edikt von Nantes<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Kehren wir zur\u00fcck zu den Religionskriegen: Anders als von den T\u00e4tern erhofft, f\u00fchrte die Bartholom\u00e4usnacht nicht zur Zerschlagung der Hugenotten \u2013 im Gegenteil: Sie sagten sich vom K\u00f6nig los, verbesserten ihre Organisation und verst\u00e4rkten ihre Machtbasis in S\u00fcdwestfrankreich. So blieben sie ein Machtfaktor.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Was die Akteure angeht, hat K\u00f6nig Karl IX. die Bartholom\u00e4usnacht nie verwunden. Ohnehin kr\u00e4nklich, wurde er zunehmend depressiv, und sein K\u00f6rper setzte der Tuberkulose keinen Widerstand mehr entgegen. Er starb ohne Erben knapp zwei Jahre nach den Ereignissen, keine 24 Jahre alt. Nachfolger wurde sein j\u00fcngerer Bruder Heinrich. Brillant und eigenwillig, war auch er zu einer Fortsetzung der Schaukelpolitik zwischen den Konfessionsparteien gezwungen. Eine Wende trat ein, als 1584 der j\u00fcngste Bruder des kinderlosen K\u00f6nigs Heinrich III. starb. Thronfolger nach salischem Gesetz war nun Heinrich von Navarra. Angesichts der Aussicht, von einem \u201eh\u00e4retischen\u201c K\u00f6nig regiert zu werden, fand die katholische Liga nun auch bei der einfachen Bev\u00f6lkerung (besonders in Paris) breite Unterst\u00fctzung. Als die Liga 1585 einen neuen Religionskrieg er\u00f6ffnete, schloss sich der K\u00f6nig Heinrich III. ihr zun\u00e4chst an, sah sich aber schon bald von ihr st\u00e4rker bedroht als von den Hugenotten. Im Mai 1588 infolge eines radikalkatholischen Aufstands aus der Hauptstadt vertrieben, lie\u00df der K\u00f6nig wenig sp\u00e4ter Heinrich von Guise und dessen Bruder, Kardinal Ludwig von Lothringen, ermorden, was den Hass der katholischen Partei weiter steigerte. Nach einer beispiellosen, u. a. seine Kinderlosigkeit und seine angebliche Homosexualit\u00e4t gei\u00dfelnden Rufmordkampagne wurde Heinrich III. Anfang August 1589 beim Versuch, gemeinsam mit Heinrich von Navarra Paris zur\u00fcckzuerobern, von einem Dominikaner ermordet.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Nun war Heinrich von Navarra als Heinrich IV. K\u00f6nig. Er musste sein K\u00f6nigreich allerdings erobern \u2013 angesichts der milit\u00e4rischen Unterst\u00fctzung der Liga durch Spanien kein einfaches Unterfangen. Doch gro\u00dfe Teile der katholischen Eliten waren \u00fcber die Einmischung des m\u00e4chtigen Nachbarn entsetzt. Schlie\u00dflich trat Heinrich \u2013 angeblich mit dem Argument, Paris sei \u201eeine Messe wert\u201c \u2013 zum katholischen Glauben \u00fcber, was ihn f\u00fcr weite Teile der Bev\u00f6lkerung akzeptabel machte. Wenig sp\u00e4ter gelang es ihm, den konfessionellen Konflikt zumindest<br \/>\nf\u00fcr einige Jahre zu beenden.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Auch Heinrich IV. verf\u00fcgte \u00fcber keinen grundlegend neuen L\u00f6sungsansatz, sondern suchte wie Kanzler L\u2019Hospital den Konfessionskonflikt zu entpolitisieren und von der Frage des Gehorsams zu trennen. Dass dieses Konzept erst nach 36 Jahren Krieg durchgesetzt werden konnte, lag vor allem daran, dass die Autorit\u00e4t und Integrationskraft der letzten Valois-K\u00f6nige nicht ausgereicht hatte, um ohne religi\u00f6s-konfessionelle Einheit inneren Frieden zu stiften. Die Bestimmungen des Edikts von Nantes gingen kaum \u00fcber das hinaus, was die Krone den Hugenotten mehrfach zugestanden, unter dem Druck der katholischen Partei aber jeweils widerrufen hatte. Auch dieses Edikt regelte lediglich die Koexistenz von Katholiken und (als Angeh\u00f6rige der \u201eangeblich reformierten Religion\u201c bezeichneten) Protestanten. Konkret bedeutete dies Kultfreiheit in Adelssitzen, an den Sitzen bestimmter k\u00f6niglicher Amtstr\u00e4ger, ferner an jenen Pl\u00e4tzen, an denen in den Vorjahren hugenottische Gottesdienste gehalten worden waren \u2013 nicht aber in Paris. Hinzu kam die uneingeschr\u00e4nkte Rechtsf\u00e4higkeit der Hugenotten, ihr Zugang zu allen \u00c4mtern und die Einrichtung gemischtkonfessioneller Kammern an einigen Obergerichten.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Wie seit 1570 mehrfach praktiziert, r\u00e4umte auch Heinrich den Hugenotten 1598 zudem (zun\u00e4chst auf acht Jahre) 144 befestigte Sicherheitspl\u00e4tze unter hugenottischen Kommandanten ein. Neu war das Geschick, mit dem er der katholischen Partei den Wind aus den Segeln nahm. Nachdem er im Februar\/ M\u00e4rz 1594 zum K\u00f6nig gekr\u00f6nt und in Paris eingezogen war, erkl\u00e4rte er Spanien den Krieg, vermied die milit\u00e4rische Auseinandersetzung mit den verbliebenen inneren Gegnern und erkaufte stattdessen deren Loyalit\u00e4t durch Geldzahlungen. Als er dies erreicht hatte, tolerierte er<br \/>\nkeine Illoyalit\u00e4t mehr.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Heinrich hatte damit Erfolg, weil das Land des Mordens m\u00fcde war, weil g\u00fcnstige Wetterbedingungen und das Ende der Kriegshandlungen eine Belebung der Agrarkonjunktur erm\u00f6glichten und weil es ihm dank seines entschiedenen Auftretens und seiner Ausstrahlung gelang, Menschen f\u00fcr sich zu gewinnen, an sich zu binden und ihre Loyalit\u00e4t zu wahren. Heinrich IV. war fraglos ein starker K\u00f6nig, der mit Geschick und Gl\u00fcck seinen Gestaltungsspielraum ausweitete und seine Pr\u00e4rogative festigte. Er hat aber weder eine neue, wom\u00f6glich \u201eabsolutistische\u201c Verfassungsordnung geschaffen, noch hat er die konfessionelle Spaltung und ihre m\u00e4chtepolitische \u201eNutzung\u201c durch Spanien ausger\u00e4umt. Als er sich entschloss, wie schon Franz\u00a0I. und Heinrich\u00a0II. protestantische Reichsf\u00fcrsten am Niederrhein milit\u00e4risch zu unterst\u00fctzen, um dort eine Ausweitung des habsburgischen Einflusses zu verhindern, wurde er im Mai 1610 von einem katholischen Fanatiker \u2013 wahrscheinlich mit spanischen Hinterm\u00e4nnern \u2013 ermordet. Nach seinem Tod war f\u00fcr geraume Zeit niemand in der Lage, die L\u00fccke auszuf\u00fcllen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Fazit und Ausblick<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Ich habe die religi\u00f6se Dimension der franz\u00f6sischen Religionskriege in enger Verflechtung mit ihren sozialen, verfassungsrechtlichen und (m\u00e4chte)politischen Kontexten behandelt, um deutlich zu machen, dass \u201eheilige\u201c Kriege und Ligen nicht ohne weltliche Interessen und Motive zustande kamen, gef\u00fchrt wurden und verstanden werden k\u00f6nnen. Die Unterscheidung zwischen religi\u00f6sen und s\u00e4kularen Bedingungen und Wirkfaktoren ist analytisch sinnvoll und ergiebig, auch wenn vormodernen Gesellschaften diese Unterscheidung fremd war, weil sie Normen und Ordnungen als gottgewollt verstanden.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Besonders in ihrer Bedeutung f\u00fcr Ausbruch und Beendigung der Religionskriege hervorgehoben habe ich die Machtstellung, Handlungsf\u00e4higkeit und Integrationskraft der Krone. Deutlich d\u00fcrfte in diesem Zusammenhang geworden sein, dass der Ansatz, Religion und Politik zu entflechten, die religi\u00f6se Frage auszuklammern und erst einmal ein \u201epolitische\u201c L\u00f6sung zu finden, \u201ealternativlos\u201c war, solange nicht eine Partei eindeutig siegte. Er reichte aber f\u00fcr sich genommen nicht aus, denn er war f\u00fcr die meisten Zeitgenossen unzumutbar. Politik war ohne Adressierung der \u201eWahrheitsfrage\u201c (N. Luhmann) nicht imstande, Verbindlichkeit herzustellen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Heinrich IV. erweiterte den Ansatz insofern, als es ihm gelang, Religion in einer Weise zu adressieren, die Kompromisse nicht ausschloss. Im heilsgeschichtlich gegr\u00fcndeten Mythos der franz\u00f6sischen Monarchie, in der Rolle des die g\u00f6ttliche Bestimmung und die Einheit Frankreichs verk\u00f6rpernden und garantierenden K\u00f6nigs erkannte er die Chance, jenseits konfessioneller Festlegungen als Vollstrecker eines g\u00f6ttlichen Auftrags zu erscheinen. Als Tr\u00e4ger dieses heilsgeschichtlichen Auftrags stand er \u00fcber den Religionskriegern, schl\u00fcpfte ebenso selbstverst\u00e4ndlich in die Rolle des \u201e\u00e4ltesten Sohns der Kirche\u201c wie in jene des Herkules, der die Hydra der Liga besiegt hatte \u2013 nicht aus konfessionellen Gr\u00fcnden, sondern deshalb, weil sie Zwietracht ges\u00e4t hatte.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Nach Heinrichs Tod war die Autorit\u00e4t der Krone und zumal ihre F\u00e4higkeit, die Loyalit\u00e4t von Angeh\u00f6rigen beider Konfessionen an sich zu binden, erneut geschw\u00e4cht \u2013 zumal sie sich in den 1610er und 1620er Jahren zunehmend in die Niederungen des gegenreformatorischen Kampfs begab. Die Folge waren in den 1620er Jahren erneut zwei Religionskriege, in denen die Protestanten nun (anders als im 16. Jahrhundert) eindeutige Niederlagen hinnehmen mussten \u2013 mit dem Ergebnis, dass sie 1629 die ihnen von Heinrich IV. zugestandenen, mit Blick auf die Entflechtung von Religion und Politik nicht unproblematischen Sicherheitspl\u00e4tze verloren. Ihre Konfession und ihr Rechtsstatus blieben gleichwohl unangetastet. Ma\u00dfgeblich f\u00fcr letztere Entscheidung war ausgerechnet ein Kardinal der katholischen Kirche, Armand-Jean du Plessis, duc de Richelieu, der \u2013 obschon entschiedener Verfechter der katholischen Reform \u2013 die Auffassung vertrat, f\u00fcr die in seinen Augen unvermeidliche Bek\u00e4mpfung der spanischen Vormachtstellung in Europa sei innerer Friede in Frankreich unverzichtbar.<\/p>\n<p class=\"fliess\">In den 1680er Jahren, Spaniens europ\u00e4ische Machtstellung war l\u00e4ngst gebrochen, die Anzahl der Hugenotten zumal im Adel stark geschrumpft, hielt K\u00f6nig Ludwig XIV. derlei R\u00fccksichtnahme nicht l\u00e4nger f\u00fcr geboten, ging mit Zwangsma\u00dfnahmen gegen Protestanten vor und erlie\u00df schlie\u00dflich 1685 ein Verbot der \u201eangeblich reformierten Religion\u201c. Die Folge war der Exodus von 150.000 bis 200.000 Menschen \u2013 nicht aber das Ende des franz\u00f6sischen Protestantismus. <img decoding=\"async\" class=\"_idGenObjectAttribute-2\" src=\"file:\/\/\/C:\/Users\/bbockholt\/Katholische%20Akademie%20in%20Bayern\/Programm%20&amp;%20Dokumentation-Dokumentation%20-%20Dokumente\/1.%20zur%20debatte\/debatten%202026\/debatte%201-2026\/0%200%20fertige%20debatte\/debatte_1_2026_20_LINKS-web-resources\/image\/1.png\" alt=\"\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstra\u00dfen und an die Z\u00e4une und n\u00f6tige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde\u201c (Lk 14, 23). Wie viele Bibelstellen ist dieser Satz, den Theologen in der Regel mit dem im Mittelpunkt stehenden Imperativ in lateinischer Sprache compelle intrare aufrufen, vielfach deutbar. 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