{"id":121758,"date":"2026-04-13T10:47:31","date_gmt":"2026-04-13T08:47:31","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=121758"},"modified":"2026-04-13T10:47:34","modified_gmt":"2026-04-13T08:47:34","slug":"wenn-das-wachstum-endet-neue-perspektiven-fuer-religion-wirtschaft-und-gesellschaftlichkeit-2","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/wenn-das-wachstum-endet-neue-perspektiven-fuer-religion-wirtschaft-und-gesellschaftlichkeit-2\/","title":{"rendered":"Wenn das Wachstum endet"},"content":{"rendered":"<p class=\"fliess-ERSTER\"><span class=\"Initiale CharOverride-40\">D<\/span>as jahrzehntelange Credo, dass Wachstum alle Probleme l\u00f6st, hat ausgedient. Doch was tritt an seine Stelle? Wenn die Wachstumslogik an eine Grenze st\u00f6\u00dft, ist das mehr als eine wirtschaftliche Herausforderung \u2013 es ver\u00e4ndert unser Selbstverst\u00e4ndnis als Gesellschaft. Fortschritt bedeutete lange Zeit \u201emehr\u201c: mehr Wohlstand, mehr M\u00f6glichkeiten, mehr Sicherheit. Doch wenn dieser Pfad endet, welche neuen Formen des Wirtschaftens und Zusammenlebens k\u00f6nnten dann tragen? Was, wenn das Anerkennen unserer Grenzen \u2013 \u00f6konomisch, \u00f6kologisch, menschlich \u2013 nicht nur Verzicht bedeutet, sondern eine neue Freiheit? \u00dcber diese und viele weitere Fragen sowie neue Perspektiven f\u00fcr Religion, Wirtschaft und Gesellschaftlichkeit diskutierten am 1. Juli Christian Kopp, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern; Prof. Dr. Karin Pittel, Professorin f\u00fcr VWL an der LMU M\u00fcnchen und Leiterin des M\u00fcnchner Zentrums f\u00fcr Energie, Klima und Ressourcen am ifo Institut f\u00fcr Wirtschaftsforschung; und Simon Strau\u00df, Schriftsteller und Journalist, u. a. bei der FAZ, moderiert von Dr. Lukas Meyer, Pfarrer und Theologischer Referent im Bischofsb\u00fcro der ELKB.<\/p>\n<p class=\"fliess\">In einer \u201eZeit der Verluste\u201c (Daniel Schreiber) und eines wahrgenommenen kollektiven Trauerprozesses ohne Ort, bei dem es kein Anerkennen der Verluste gibt, stellte Moderator Lukas Meyer das Podiumsgespr\u00e4ch unter die drei Worte \u201eVerlieren\u201c, \u201eSuchen\u201c und \u201eFinden\u201c. Zun\u00e4chst fragte er nach der Verunsicherung des Wachstumscredos: ob das Ende des Wachstums tats\u00e4chlich das zentrale Problem sei? Karin Pittel antwortete, dass sie es f\u00fcr eine Fehleinsch\u00e4tzung halte, dass Wachstum ein Selbstzweck sei; es gehe um ein Wachstum des Wohlbefindens, nicht nur des materiellen Lebensstandards. Das Streben nach der gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Wohlfahrt sei f\u00fcr sie der Kern aller Dinge, nicht, wie es auch viele \u00d6konom:innen verwechselten, ein Mehr an Konsumm\u00f6glichkeiten. Und selbstverst\u00e4ndlich gebe es R\u00fcckwirkungen auf die nat\u00fcrliche Umwelt und Beziehunngen. Die \u00d6konomie der 1950er Jahre sei nach wie vor eine feste Referenzgr\u00f6\u00dfe in interdisziplin\u00e4ren Kontexten, auch wenn diese heute nicht mehr greife. Ziel sollte sein, dass alle unter Einhaltung der \u00f6kologischen Nebenbedingungen mit einem gewissen Ma\u00df an Koh\u00e4sion in der Gesellschaft leben k\u00f6nnten. Eigentlich seien die Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft bekannt und vorhanden, wir setzten sie nur nicht um.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Christian Kopp meinte, dass das Versprechen der Moderne \u201eIhr sollt es besser haben\u201c nicht mehr zu halten sei, die Fortschrittsversprechen \u00e4nderten sich; besonders die Armut sei \u00fcberall stark gewachsen. Simon Strau\u00df erl\u00e4uterte, dass eigentlich viel erreicht sei bez\u00fcglich Wohlstand und Fortschritt. Verluste w\u00fcrden heute sehr schnell registriert, dabei w\u00fcrde aber auch oft \u00fcbersehen, welch hohes Niveau wir bereits erreicht h\u00e4tten. Als in Ostdeutschland Lebender beobachte er, dass sich dort viele Menschen, die erst seit 35 Jahren das haben, was der Westen schon lange hatte, fragen, ob das Fortschrittsversprechen auch f\u00fcr ihre Kinder noch einl\u00f6sbar sei. Hier nehme er mentale Ver\u00e4nderungen wahr, dass die jetzige Generation merke, dass nicht mehr immer alles da sein wird.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Woher kommt die allgemein wahrgenommene Verunsicherung?, fragte Lukas Meyer weiter. Karin Pittel sagte, sie bemerke einen Kontrollverlust: Lange Zeit waren gewisse Rahmenbedingungen gegeben, der Westen hielt zusammen; jetzt breche Einiges auseinander. Auch durch die Sozialen Medien entwickle sich die Gesellschaft auseinander, es entst\u00fcnden Blasen, aufgrund derer man an manche Menschen nicht mehr herank\u00e4me. Die Blasen verdeckten Unsicherheiten und errichteten eine Welt, \u201ein der ich recht habe\u201c. Durch den gef\u00fchlten Kontrollverlust werde der Eigenbezug gr\u00f6\u00dfer und es habe sich ein ziemlich kurzfristiger Sicherheitsbegriff entwickelt; gerade in Bezug auf den Klimaschutz sei das ein gro\u00dfer R\u00fcckschritt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Christian Kopp sieht bei vielen Menschen die Aussagen \u201eIch sp\u00fcre mich nicht mehr\u201c oder \u201eIch sehe den Sinn nicht mehr\u201c; oft w\u00fcrden solche Leerstellen durch Fitness-Studios oder Tattoos gef\u00fcllt, um zumindest den eigenen K\u00f6rper wahrzunehmen und zu kontrollieren. Beim Suchen und Finden \u2013 das sei auch die Grundbotschaft Jesu \u2013 brauche es aber auch eine Bereitschaft, sich aufzumachen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Wo finden Menschen Zug\u00e4nge zur Religion? Wie findet gemeinschaftliches Suchen statt? Auf welche Weise k\u00f6nnen wir gegen eine zunehmende Fragmentierung arbeiten? So lauteten weitere Fragen von Lukas Meyer. Simon Strau\u00df antwortete, dass er wahrnehme, dass uns viel unterscheidet und es viele einzelne R\u00e4ume gebe; Nachbar:innen, die nur wenige Meter voneinander entfernt wohnten, w\u00fcrden sich nicht kennen und kein Interesse aneinander haben. Gleichzeitig sei die Politik keine Agentur zur Probleml\u00f6sung oder ein L\u00f6sungsbringer, man m\u00fcsse auch selbst etwas tun und z. B. Kontakt zu Anderen suchen. Vielleicht brauche es bestimmte Erlebnisse als T\u00fcr\u00f6ffner \u2013 er nahm das von Christian Kopp genannte Beispiel des Kerzenanz\u00fcndens in Kirchen auf \u2013 um einigende Momente zu finden. Es brauche ein Mindestma\u00df an Gemeinschaft, gemeinsame Erlebnisse seien wichtig; daf\u00fcr sei die Gesellschaft momentan aber etwas zu nerv\u00f6s. Zuh\u00f6ren und Mitgef\u00fchl seien gefragt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Zum Stichwort \u201eFinden\u201c fiel zun\u00e4chst der Buchtitel <span class=\"CharOverride-7\">Hoffnung f\u00fcr Verzweifelte. Wie wir als erste Generation die Erde zu einem besseren Ort machen<\/span> der jungen Wissenschaftlerin Hannah Ritchie. Zur Wirksamkeit \u00f6konomischer Ma\u00dfnahmen meinte Karin Pittel, dass eine konsequente CO<span class=\"CharOverride-41\">2<\/span>-Bepreisung zwar die konkreten wirtschaftlichen Aktivit\u00e4ten von Produkten abbilden k\u00f6nnte, damit aber keine soziale Gerechtigkeit zu erreichen sei, da \u00c4rmere dadurch h\u00f6her belastet w\u00fcrden. Bestimmte Verbote und Bepreisungen w\u00fcrden wirken, man brauche aber Alternativwahlm\u00f6glichkeiten. Zudem k\u00f6nnten einkommensgestaffelte Subventionen aus ihrer Sicht genauso gut wirken wie Steuererleichterungen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Simon Strau\u00df pl\u00e4dierte f\u00fcr eine neue Verantwortungsethik. Man habe nicht nur f\u00fcr sich selbst, sondern auch f\u00fcr Andere Verantwortung. Auch hier sei nicht die Politik die Gr\u00f6\u00dfe, die alles richten k\u00f6nne. Allerdings, so war sich das Podium letztlich einig, sei es schwer umsetzbar, die Gesellschaft in die Richtung eines Umdenkens zu einer solchen Verantwortungsethik zu bewegen. <img decoding=\"async\" class=\"_idGenObjectAttribute-2\" src=\"file:\/\/\/C:\/Users\/bbockholt\/Katholische%20Akademie%20in%20Bayern\/Programm%20&amp;%20Dokumentation-Dokumentation%20-%20Dokumente\/1.%20zur%20debatte\/debatten%202026\/debatte%201-2026\/0%200%20fertige%20debatte\/debatte_1_2026_20_LINKS-web-resources\/image\/9.png\" alt=\"\" \/><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das jahrzehntelange Credo, dass Wachstum alle Probleme l\u00f6st, hat ausgedient. Doch was tritt an seine Stelle? Wenn die Wachstumslogik an eine Grenze st\u00f6\u00dft, ist das mehr als eine wirtschaftliche Herausforderung \u2013 es ver\u00e4ndert unser Selbstverst\u00e4ndnis als Gesellschaft. Fortschritt bedeutete lange Zeit \u201emehr\u201c: mehr Wohlstand, mehr M\u00f6glichkeiten, mehr Sicherheit. 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