{"id":121762,"date":"2026-04-13T11:07:14","date_gmt":"2026-04-13T09:07:14","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=121762"},"modified":"2026-04-13T11:07:17","modified_gmt":"2026-04-13T09:07:17","slug":"ein-katholischer-herrscher-praegungen-konzepte-und-politik","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/ein-katholischer-herrscher-praegungen-konzepte-und-politik\/","title":{"rendered":"Ein katholischer Herrscher"},"content":{"rendered":"<p class=\"fliess-ERSTER\"><span class=\"Initiale CharOverride-28\">A<\/span>ls 1852, nach dem R\u00fccktritt und schweren pers\u00f6nlichen Krisenjahren sein Sohn Otto von Griechenland K\u00f6nig Ludwig I., fragte, wie er sich seine \u201eLebensfrische\u201c erhalte, sagte er: <span class=\"Minion-Italic\">\u201eSich nicht zu gr\u00e4men \u00fcber das, was ist, durchdrungen zu seyn von des Irdischen Verg\u00e4nglichkeit, sich nicht daran zu ketten, dem Willen Gottes sich ergeben. M\u00e4ssig seyn in allem, die Besch\u00e4ftigungen sich nicht schwer vorstellen\u201c.<\/span><\/p>\n<p class=\"fliess\">Diese Lebensmaxime spiegelt gut die gro\u00dfe Bedeutung des Glaubens f\u00fcr Ludwig: Lebenslang fand er darin Trost und St\u00e4rkung. Er schilderte in seinen Tageb\u00fcchern intensive religi\u00f6se Erlebnisse, nahm die Ohrenbeichte sehr ernst und seine h\u00f6chst umf\u00e4ngliche pers\u00f6nliche Caritas war ebenfalls religi\u00f6s motiviert.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Doch pers\u00f6nliche Religiosit\u00e4t allein war es nicht: Das katholische Altbayern stand im politischen Spannungsfeld zwischen dem katholischen \u00d6sterreich einerseits und den eigenen evangelischen Landesteilen sowie dem protestantischen Preu\u00dfen andererseits. Diese Spannung auszutarieren gelang zeitweise besser, zeitweise schlechter: Maximilian von Montgelas\u2019 Reformprozesse, die Religions\u00adedikte sowie die Verfassung von 1818 hatten nach der Kulturrevolution der S\u00e4kularisation von 1803 die Ausgangsbasis f\u00fcr Toleranz zwischen den Bekenntnissen geschaffen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Doch Ludwigs Klostergr\u00fcndungen und seine katholische Politik stie\u00dfen auf scharfen Widerspruch der Liberalen und als nach 1837 Karl von Abel Innenminister wurde, ver\u00e4rgerte die zunehmende Rekatholisierung Bayerns die evangelischen B\u00fcrger im K\u00f6nigsreich wie im Rest des Deutschen Bundes. Ludwig wurde zur Gallionsfigur des deutschen Katholizismus. Im Kontext der Lola-Montez-Aff\u00e4re bekam er zu sp\u00fcren, dass die \u201ekatholische Partei\u201c, wie sie bald genannt wurde, nicht bereit war, die Macht wieder aus der Hand zu geben und f\u00fcr den Machterhalt auch in Kauf nahm, den K\u00f6nig schwer zu besch\u00e4digen. Das wurde zwar dann zum Ausl\u00f6ser f\u00fcr Karl von Abels Entlassung, aber auch zur Geburtsstunde des \u201epolitischen Katholizismus\u201c, der bis 1912 darum rang, in Bayern wieder gegen liberale, oft protestantische Minister an die Macht zu kommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Ein Schreibender: Tageb\u00fccher, Briefe und Notizen<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Ludwig, 1786 geboren, war als Kind, als Heranwachsender und als junger Mann von den Kriegen in Folge der Franz\u00f6sischen Revolution und vor allem jenen Napoleons gepr\u00e4gt. Ludwig startete \u00fcberdies mit etlichen Handicaps ins Leben: Er kam mit einem Sprachfehler auf die Welt, der nie ganz verschwand und bei dem <span class=\"GELB\">Zehnj\u00e4hrigen<\/span> verschlechterte sich das Geh\u00f6r. Er musste also mit k\u00f6rperlichen Beeintr\u00e4chtigungen zurechtkommen. Vor allem sein schlechtes H\u00f6ren und sein damit verbundenes \u00fcberlautes Sprechen bereiteten ihm viele Peinlichkeiten. Doch er behauptete sich trotz der Handicaps mutig und selbstbewusst in der Gesellschaft: So mussten ihm sp\u00e4ter seine Mitarbeiter alle Vorlagen zun\u00e4chst schriftlich einreichen, damit er nicht auf den m\u00fcndlichen Vortrag angewiesen war.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Da er schlecht h\u00f6rte, wurde er ein Augenmensch, da er schlecht sprach, ein Schreibender. Er hinterlie\u00df rund 65.000 Seiten Tageb\u00fccher und begleitende Notizen, rund 600 Seiten handschriftliche Memoiren, ein Traumtagebuch mit rund 400 Tr\u00e4umen, 4.600 Gedichte, drei Schauspiele sowie umf\u00e4ngliche Briefwechsel. Fast 3.000 Briefe gingen allein an die geliebte Marchesa Marianna Florenzi in Perugia. Er korrespondierte jedoch mit unz\u00e4hligen Personen. Allein im Privatnachlass findet sich eine schwindelerregend umf\u00e4ngliche Dokumentenf\u00fclle. Hinzu kommt die dienstliche Korrespondenz: Von seinen weit \u00fcber 100.000 Aktenvermerken, den Signaten, sind etwa 3000 gedruckt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Katholische Erziehung und tiefe Gl\u00e4ubigkeit bestimmten lebenslang Ludwigs Wertesystem, seine Moralvorstellungen, sein Menschenbild. Eine gro\u00dfe Rolle f\u00fcr diese Pr\u00e4gungen spielte der Priester Joseph Sambuga. Ludwigs Hofmeister Joseph Kirschbaum gelang es nicht, seinen Z\u00f6gling f\u00fcr sich zu gewinnen, es war ein z\u00e4hes Ringen von zw\u00f6lf Jahren bis zur Abl\u00f6sung des Mannes, der jeden Schritt des jungen Prinzen kontrollierte. Sambuga hingegen nahm Ludwig ernst, forderte ihn und f\u00f6rderte ihn, er war Vermittler und Vertrauter, bei ihm konnte sich der Junge auch ausweinen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Er war jedoch, wie Kirschbaum, amusisch und h\u00f6chst konservativ; er propagierte das Gottesgnadentum der F\u00fcrsten, einen \u201ef\u00fcrstlichen Sinn\u201c mit \u201elebhaftem Standesgef\u00fchl\u201c, geistige Gr\u00f6\u00dfe und Religiosit\u00e4t, Liebe zur Wahrheit und Gerechtigkeit, Selbst\u00e4ndigkeit gegen\u00fcber anderen, die der F\u00fcrst zwar anh\u00f6ren solle, die Entscheidungen habe er aber allein zu treffen: Er d\u00fcrfe nicht zum Sklaven seiner R\u00e4te werden. Sambugas Ideal war der christlich-patriarchalische Absolutismus.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Von Sambugas Lehren und ihrer Wirkung auf sein weiteres Leben berichtete Ludwig in seinen Erinnerungen von 1839 nichts.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Das ist nat\u00fcrlich kein hinreichender Grund, seinen Einfluss auf Ludwig zu bezweifeln. Sicher empfand Ludwig gro\u00dfe Sympathie f\u00fcr Sambuga und es war Sambuga, der ihn zur Religion als Mitte der Pers\u00f6nlichkeit und als Zentrum eines christlichen Staates hinf\u00fchrte. Dies ist viel und war f\u00fcr Ludwigs sp\u00e4teres Wirken von gro\u00dfer Bedeutung. Doch es zeigt sich auch deutlich Sambugas Begrenztheit. Er hatte keinen Zugang zur Phantasie oder zur Begeisterungsf\u00e4higkeit seines Sch\u00fclers, versuchte kindliche Spontaneit\u00e4t als unpassend zu z\u00fcgeln, war pr\u00fcde und verklemmt.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Sambugas Abneigung gegen Schauspiel und Oper hielten den Prinzen jedoch nicht davon ab, sich daf\u00fcr zu begeistern, ebenso wenig wirksam war Sambugas \u00dcberzeugung, ein F\u00fcrst d\u00fcrfe nicht aus Staatseinnahmen Bauten errichten, die nur der Kunst dienten: Die bildende Kunst sollte nach Sambugas Meinung nur der moralischen und sittlichen Erziehung dienen. Diese Maximen hatten, wie wir wissen, keinen nachhaltigen Einfluss auf seinen Sch\u00fcler.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Doch Ludwig lernte von Sambuga die Gewissenserforschung und das Gebet. Auch der regelm\u00e4\u00dfige Besuch der Messe war ihm ein gro\u00dfes Anliegen. Vor allem in der Kronprinzenzeit, als dieser aktive Mann in den besten Jahren zur politischen Unt\u00e4tigkeit verdammt war, erhielt das Gebet f\u00fcr ihn gro\u00dfe Bedeutung. Vor der \u00f6sterlichen Beichte ging es an die ernsthafte Gewissenserforschung.<\/p>\n<p class=\"fliess\"><span class=\"Minion-Italic\">\u201eUm 5 Uhr mich zu wecken hatte ich gesagt. Auf meinem Bethschemel kniend Vater unser und Gegr\u00fc\u00dfet seist du Maria verrichtet. Gewissenserforschung angestellt, um nichts zu vergessen, gleich schriftlich vermerkt. Um 7 Uhr begab ich mich zu Sutner in Herzogmax, beichtete. (Wie man in jedem Gegenstand ges\u00fcndigt, geh\u00f6ret dazu, wie wird dieses oft nicht beachtet, die Handlungen als privat, nicht als Herrscher \u00addarunter ziehend, die viel eingreifender). [\u2026] Aber in meinem Gebethebuche lesend kam mir die Meinung, ich w\u00fcrde das Abendmahl unw\u00fcrdig einnehmen, die behielt ich. [\u2026] gieng zu Sutner, um getr\u00f6stet zu werden, der mich bat, beruhigt zu sein, unter vielen w\u00e4ren wenige zum heiligen Abendmal so w\u00fcrdig, wie ich gegangen.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"fliess\">Nebenbei korrigieren solche Eintr\u00e4ge auch die Behauptung Max Spindlers, der als Herausgeber der Signate des K\u00f6nigs schrieb, Ludwig sei immer mitten im Strom und in den Wellen gestanden und habe dabei keine Zeit f\u00fcr Reflexionen gehabt: Die Signate zeigen den handelnden und regierenden K\u00f6nig, die Tageb\u00fccher und Gedichte die reflektierende und f\u00fchlende Person dahinter.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Als Kind seiner Zeit hatte Ludwig einen romantisch gesch\u00e4rften Blick auf die Natur. Auch im Religi\u00f6sen erlebte er vielfach das Gef\u00fchl, \u201eergriffen\u201c zu sein. In einer Schilderung aus Salzburg 1816 verbindet sich das Religi\u00f6se mit dem Romantischen: <span class=\"Minion-Italic\">\u201eAls ich angekleidet an das Fenster getreten, sah ich vor dem Kloster auf dem Kapuzinerberge das Kreuz von der Morgenr\u00f6the umgeben, ein hoher Augenblik, ich kniete zu bethen (wie romantisch, sch\u00f6n, ist der Augenblick aus diesem Fenster des Eckzimmers meines lichten Arbeitsgemachs. Anblick jenes Kreuzes, wie erwecktest du in mir Religi\u00f6ses Gef\u00fchl).<\/span>\u201c<\/p>\n<p class=\"fliess\">In Rom besuchte er Gottesdienste im Petersdom: \u201ewohnte, auf dem Marmorboden knieend, dem Ende einer und der folgenden Messe ganz bei: Gott will es, da\u00df ich nicht s\u00fcndige, darf also nicht die Frage sein; ergreifend empfand ich seliges Gef\u00fchl und seliges Gef\u00fchl.\u201c Er erlebte auch Ostern in der Peterskirche: \u201edes Papstes Segen ergriff mich m\u00e4chtig mit sch\u00f6nem Gef\u00fchl\u201c. Religiosit\u00e4t und religi\u00f6ses Erleben waren bei Ludwig tief verankert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Wiedergutmachung: die Renaissance der Kl\u00f6ster in Bayern<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Dies war dann auch Ausgangspunkt f\u00fcr etliche Aktionen des K\u00f6nigs, die als eminent politisch begriffen wurden. F\u00fcr ihn bildete sein Glaube zun\u00e4chst keinen Gegensatz zu seiner von der Romantik bestimmten hohen Emotionalit\u00e4t, seiner Liebe zur Antike oder seinen Freiheitsidealen. Seine liberalen Ideen standen jedoch von Beginn an neben seinem Wunsch, die Kirche f\u00fcr die Verluste der S\u00e4kularisation zu entsch\u00e4digen, er wollte beides: Pressefreiheit einf\u00fchren und Kl\u00f6ster wieder begr\u00fcnden, Fortschritt und Tradition vers\u00f6hnen. Ludwigs sp\u00e4terer Innenminister und Dichterfreund Eduard von Schenk bezeichnete es als des K\u00f6nigs Linie, dass \u201eReligion und Freiheit, Glauben und Wissen Hand in Hand gehen k\u00f6nnten\u201c, vers\u00f6hnt durch das monarchische Prinzip. Doch seinen Zeitgenossen erschien dies als nicht l\u00f6sbarer Widerspruch.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Vor allem die Neu- bzw. Wiederbegr\u00fcndungen von 1803 s\u00e4kularisierten Kl\u00f6stern waren vielen liberalen Zeitgenossen ein Dorn im Auge. Ludwig sah dies jedoch als Wiedergutmachung f\u00fcr die vielfach barbarischen Eingriffe der S\u00e4kularisation und er kannte die Verluste, die daraus f\u00fcr Bayern entstanden waren: im religi\u00f6sen, aber auch im kulturellen Bereich, bei der F\u00fcrsorge f\u00fcr Bed\u00fcrftige, im Schulwesen. Er wollte vor allem die t\u00e4tigen Orden wieder in Bayern etablieren, die Benediktiner an erster Stelle.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Bereits im Februar 1826 ging er mit Schenk die m\u00f6glichen Kl\u00f6ster durch: <span class=\"Minion-Italic\">\u201eBenedictboyern wird wieder Abtei: Eberbach, Waldsassen sind dazu bestimmt, Ottoboyern eine zu bleiben (neu begr\u00fcndet zu werden), vielleicht, da\u00df ich Scheyern stifte [\u2026], vielleicht wird Weltenburg zu einer wieder, an Weltenburg dachte Schenk.\u201c<\/span> Ludwig war ungeduldig, die Abteien wieder zu besiedeln und schrieb an Schenk: <span class=\"Minion-Italic\">\u201eWann wird endlich Metten von den Benedictinern bezogen? Da\u00df solches doch recht bald geschehe, dies liegt mir sehr nahe und schon jezo den Monat mit Sicherheit zu wissen.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"fliess\">Er wollte den Kl\u00f6stern auch wieder Schulen \u00fcbertragen. Etliche Vertreter der B\u00fcrokratie waren davon nicht begeistert. Doch Ludwig ging es um eine Verbesserung der Schulverh\u00e4ltnisse im katholischen Sinne und um Krankenpflege; so etablierte er 1832 den Orden der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul, der sich bereits 1836 w\u00e4hrend der M\u00fcnchner Cholera-Epidemie Verdienste erwarb. Doch Ludwig protegierte auch Bettelorden, was besonders auf Widerstand stie\u00df.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Es war zun\u00e4chst gar nicht einfach, f\u00fcr alle diese Kl\u00f6ster wieder Insassen zu finden und man musste sie regelrecht aus dem Ausland anwerben. Dennoch wurden in Bayern zwischen 1826 und 1848 insgesamt 132 Kl\u00f6ster neu etabliert oder wiederbelebt. Nach Ludwigs R\u00fccktritt entstanden noch St. Bonifaz in M\u00fcnchen und Kloster Sch\u00e4ftlarn. Damit schuf Ludwig eine wichtige Grundlage f\u00fcr die Entfaltung des politischen Katholizismus im 19. und 20. Jahrhundert. Neben den Kl\u00f6stern protegierte er auch Wallfahrten, Bittg\u00e4nge, Passionsspiele und andere katholisch gepr\u00e4gter Volkskultur, die er als wichtigen Teil der Identit\u00e4t der einfachen Volksschichten ansah.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Seine gro\u00dfen Kirchenneubauten beeindruckten selbst den \u00f6sterreichischen Staatskanzler Klemens F\u00fcrst Metternich, der im Juli 1836 nach M\u00fcnchen kam: \u201eWas man da in M\u00fcnchen sieht, \u00fcbersteigt selbst die ausschweifendste Einbildungskraft. Man begreift nicht, wie ein Mann kalten Blutes die Idee fassen kann, all das zugleich zu unternehmen, was der K\u00f6nig bauen und tun l\u00e4\u00dft. [\u2026] Man baut in diesem Augenblick das Palais, die Bibliothek, die Universit\u00e4t, ich wei\u00df nicht wieviel andere Geb\u00e4ude und vier ungeheure Kirchen. Dabei sind das nicht etwa kleine Unternehmungen, alles ist gewaltig gro\u00df.\u201c<\/p>\n<p class=\"fliess\">Doch 1838 schrieb Ludwig in sein Tagebuch: <span class=\"Minion-Italic\">\u201eSchon vor geraumer Zeit wollte ich in dies Tagebuch aufzeichnen, dass ich Kirchen baue, Kl\u00f6ster stifte, dies aber nichts n\u00fctzt, wenn nicht Gottes Gebothe ich erf\u00fclle.<\/span>\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Einfluss des Ministers: vom Liberalen zum Konservativen<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Diese \u00dcberzeugung festigte sich bei Ludwig zunehmend 1836\/1837. Daher bedeutete der Stabswechsel im Innenministerium von Ludwig von Oettingen-Wallerstein zu Karl von Abel im Jahr 1837 einen Einschnitt: Der Standesherr, Kunstkenner und Grandseigneur Oettingen-Wallerstein entstammte dem europ\u00e4ischen Hochadel, er war im Milieu und Wertesystem dieser Welt sozialisiert. Seine Auffassungen von Staat und Gesellschaft hatten sich zunehmend liberalisiert und er sah in einem kommunikativen Austausch mit den neuen Kr\u00e4ften der Gesellschaft den Weg<br \/>\nder Monarchie in die Zukunft.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Der 1788 geborene Karl August Abel dagegen, ab 1830 Karl Ritter von Abel, entstammte einer protestantischen Advokatenfamilie in Wetzlar, studierte Jura und durchlief eine klassische bayerische Beamtenlaufbahn. Er war als Karrierebeamter der bayerischen B\u00fcrokratie grundlegend anders sozialisiert als Oettingen-Wallerstein und als Vertreter der Beamtenschaft wie viele seiner Kollegen antifeudal und urspr\u00fcnglich auch antiklerikal eingestellt. Ma\u00dfgeblich f\u00fcr seine Karriere war sein scharfer juristischer Verstand. Einen entscheidenden Karriereschub erfuhr er seit 1836 durch seine Konversion zum Katholizismus. Nun wurde aus dem liberalen Protestanten ein konservativer Katholik.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Diesen Wandel betrachteten viele Kollegen mit Misstrauen, sie sahen seine Konversion als Folge grenzenlosen Ehrgeizes. Der preu\u00dfische Gesandte Bernstorff bezeichnete Abel als \u201edurchtriebenen Heuchler\u201c. Selbst Bischof Melchior Diepenbrock schrieb, ihm sei Abels Wesen \u201eein widerw\u00e4rtiges, unheimliches\u201c und der Oppositionsf\u00fchrer Herbert von Rotenhan nannte Abel einen \u201eherzlosen, falschen, unwahren, heftigen, reizbaren Mann\u201c. Jedenfalls wurde die neue Haltung nun konsequent zur Richtlinie von Abels Politik, durch die er sich dem K\u00f6nig empfahl. Karl von Abel umgab sich fortan demonstrativ mit M\u00e4nnern der katholischen Restauration.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die Ernennung von Abel war nicht zuletzt auf Intrigen von Staatskanzler Metternich zur\u00fcckzuf\u00fchren, der im Geheimen jahrelang mit Feldmarschall Wrede korrespondierte. Wrede verstand es immer wieder geschickt, den liberalen Oettingen-Wallerstein zu diskreditieren und letztlich Abel als den gegebenen Retter aus dem Hut zu zaubern. Dieser Abel begleitete den K\u00f6nig dann durch die kommenden zehn Jahre und durch die Landtage von 1840, 1843 und 1846. Die Rolle Abels f\u00fcr die Rekatholisierung Bayerns ist nicht hoch genug einzusch\u00e4tzen: Er trieb Ludwig immer weiter in die ultramontane Richtung und gewann auch gro\u00dfen Einfluss auf Ludwigs Bischofsernennungen, bis ihn Bischof Melchior Diepenbrock auf diesem Feld verdr\u00e4ngte.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Einen wichtigen Einschnitt in der vorbehaltlosen F\u00f6rderung der katholischen Sache bedeutete f\u00fcr Ludwig die Beisetzung der evangelischen K\u00f6niginwitwe Karoline im November 1841 in M\u00fcnchen. Ludwig hatte zwar zu seiner Stiefmutter kein besonders enges Verh\u00e4ltnis, doch die Art, wie der katholische Klerus mit Abels Einverst\u00e4ndnis der ehemaligen K\u00f6nigin die letzten Ehren verweigerte, emp\u00f6rte ihn: Er sah es als Verletzung des Respekts vor dem K\u00f6nigshaus an. Besonders peinlich war dies, da der preu\u00dfische K\u00f6nig Friedrich Wilhelm IV. und seine Frau, Ludwigs Halbschwester Elisabeth, anwesend waren, stand doch die Verlobung des Kronprinzen mit der preu\u00dfischen Prinzessin Marie bevor.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die Geistlichkeit erschien bei der Beisetzung von Karoline nicht im Chorrock, sondern in Zivil. Der Sarg wurde ohne jede Feierlichkeit vor den Toren der Theatinerkirche den katholischen Geistlichen \u00fcbergeben, die ihn ohne Gebete oder Orgelspiel durch die dunkle Kirche in die Gruft trugen. Ein Prediger der Hofkirche stellte der Verstorbenen sogar das Strafgericht Gottes in Aussicht. Ludwig sagte dem \u00f6sterreichischen Gesandten: \u201eIch werde die W\u00fcrde und die Pr\u00e4rogative der Krone zu verteidigen wissen.\u201c Abel hatte den Eklat nicht verhindert. Am 5. Dezember hielt ihm Ludwig eine Standpauke und versicherte ihm, in kirchlichen Fragen kein Vertrauen mehr in ihn zu setzen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Doch Ludwig duldete und bef\u00f6rderte die Rekatholisierung, Abel lieferte nur die Vorlagen. Es ist daher zu fragen, warum sich Ludwig auf diesen neuen Kurs einlie\u00df. Daf\u00fcr ist ein Blick auf den Wandel der inneren Positionierungen n\u00f6tig. Religion und Sittlichkeit galten Ludwig als Grundlage seines christlichen Staates und das monarchische Prinzip lebte insgesamt von der Synthese aus Thron und Altar, gleichzeitig f\u00fcrchtete Ludwig Bigotterie und die Einmischung der Kirche und des Klerus in die Staatsgesch\u00e4fte.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Gem\u00e4\u00df dem Religionsedikt von 1818 sah er sich als Haupt der katholischen Kirche Bayerns, mit weitreichenden Rechten bei der Bischofseinsetzung. Die ultramontane Partei, der Abel nahestand, war hingegen auf den Papst und Rom bezogen, was nicht zu Ludwigs landeskirchlichen Vorstellungen passte. Dennoch war er um ein gutes Verh\u00e4ltnis zum jeweiligen Papst bem\u00fcht, den er als Haupt der Christenheit verehrte. F\u00fcr Ludwig stand die katholische Kirche im Mittelpunkt seiner Welt, die Protestanten duldete er, wie er es in der Verfassung beschworen hatte.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Gegen\u00fcber den Orden waren seine Sympathien ungleich verteilt: Von Jugend an f\u00fcrchtete er die Jesuiten. Abel schloss sich jedoch einer Gruppe an, die 1839 f\u00fcr eine Wiederzulassung der Jesuiten agitierte, was Ludwig ablehnte. Die Benediktiner hingegen liebte er, wie er bei einem Besuch in Kremsm\u00fcnster niederschrieb: <span class=\"Minion-Italic\">\u201eHeiterer Sinn bei dem Benedictiner, sie sehen einem ins Gesicht, die Jesuiten gegen den Boden, sind ernst. Nicht als f\u00fcr Alle geltend soll dieses gesagt sein.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"fliess\">Es fehlte in religi\u00f6sen Belangen nicht an Konfliktfeldern. Die Geistlichen sahen sich immer wieder in Ludwigs Staatskirchensystem eingebunden, sie mussten bei ihm den Eid leisten, Rechenschaft ablegen, um Urlaub nachsuchen. Nach der Berufung Abels 1837 setzte sich Ludwig, von Abel unterst\u00fctzt und animiert, f\u00fcr viele kirchliche Interessen ein, so auch \u00fcber den Ludwig-Missionsverein f\u00fcr Missionen in Nordamerika. Das Spektrum von Ludwigs Stiftungen f\u00fcr religi\u00f6se Zwecke ist enorm. Er gab f\u00fcr pers\u00f6nliche Caritas gro\u00dfe Summen aus; da es sich um viele kleine Unterst\u00fctzungen handelte, bedeutete das auch einen gro\u00dfen Arbeitsaufwand und zeigt, dass dieser Kunstk\u00f6nig keineswegs die Sorgen und N\u00f6te der einfachen Leute aus dem Blick verloren hatte.<\/p>\n<p class=\"fliess\">F\u00fcr die Behandlung gemischtkonfessioneller Ehen erreichte Ludwig 1834 in Bayern eine L\u00f6sung. Immerhin war er mit einer Protestantin verheiratet und die Diffamierung von Kindern aus gemischtkonfessionellen Ehen als \u201eBastarde\u201c traf auch ihn selbst. In den \u201eK\u00f6lner Wirren\u201c erwarb sich Ludwig gro\u00dfe Verdienste als Vermittler: Im protestantischen Preu\u00dfen kam es 1837 zum Eklat, als der Erzbischof von K\u00f6ln erkl\u00e4rte, er akzeptiere die Staatsgewalt nur in weltlichen, aber nicht als Instanz in kirchlichen Fragen; Erzbischof Clemens August Droste zu Vischering griff auch in die universit\u00e4re Lehre ein und positionierte sich gegen die preu\u00dfischen Verordnungen zur Kindererziehung in gemischtkonfessionellen Ehen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Der preu\u00dfische K\u00f6nig Friedrich Wilhelm III. lie\u00df den Erzbischof daher am 20. November 1837 in seinem Bistum verhaften und ins Gef\u00e4ngnis bringen. Dies l\u00f6ste gro\u00dfe Unruhe im katholischen Deutschland aus. Der Eichst\u00e4tter Bischof Karl August von Reisach und Karl von Abel gewannen Ludwig f\u00fcr die kirchenoffizielle Position, und er gab f\u00fcr die Berichterstattung die Pressezensur frei. In M\u00fcnchen entfachte daraufhin vor allem Joseph G\u00f6rres im Januar 1838 mit seiner Streitschrift \u201eAthanasius\u201c eine polemische Diskussion und auch andere Publikationsorgane fuhren einen scharf antipreu\u00dfischen Kurs. Preu\u00dfen beschwerte sich am Bundestag \u00fcber Bayern. Erst als in Preu\u00dfen 1840 Ludwigs Schwager Friedrich Wilhelm IV. auf den Thron kam, konnte hier Einvernehmen erreicht werden.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Vor allem der <span class=\"Minion-Italic\">Kniebeugeerlass<\/span> von 1838 f\u00fchrte zu gro\u00dfer Aufregung. Vor 1837 und damit vor der Installierung Abels als Innenminister hatte es keine derartigen Konflikte mit den Protestanten gegeben. Nun signierte Ludwig Anfang Juli 1838, bei den katholischen Milit\u00e4r-Gottesdiensten sollten Soldaten vor dem Allerheiligsten niederknieen. Am 14. August wurde das dann so weitergegeben, das gelte nicht nur f\u00fcr Gottesdienste, sondern auch bei der Fronleichnamsprozession und auf der Wache<span class=\"Minion-Italic\">.<\/span> Das war f\u00fcr protestantische Soldaten eine Provokation, galt doch f\u00fcr Protestanten das Niederknien vor der Monstranz als gottlose Anbetung.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Die Linienoffiziere blieben hier weitgehend indifferent, doch die protestantischen Landwehroffiziere in Regensburg und Augsburg ersuchten darum, von der Kniebeugung entbunden zu werden; der K\u00f6nig lehnte dies ab. Die Frage emp\u00f6rte die n\u00e4chsten Jahre weiterhin die evangelische \u00d6ffentlichkeit. Erst 1845 wurde der Erlass aufgehoben. Es l\u00e4sst sich an diesem Beispiel zeigen, wie Abel dem K\u00f6nig nicht abriet, sondern ihn best\u00e4rkte, wie er als Oberzensor daf\u00fcr sorgte, dass Kritik an dem Erlass in der Presse nicht erw\u00e4hnt und auch in evangelischen Generalsynoden nicht beraten werden durfte. Die Diskussion um den Erlass schadete Ludwigs Ansehen im protestantischen Deutschland sehr.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Was an dem katholisch-ultramontanen Kurs Ludwigs eigenen Ideen entsprang und zu was ihm Abel riet, ist nicht genau auszumachen. Abel verstand es offenbar, Ludwig argumentativ auf bestimmte Themen einzustimmen und dessen Entscheidungen dann so konsequent durchzuf\u00fchren, dass er damit gro\u00dfe Irritationen ausl\u00f6ste. Abels Bedeutung als \u201eMeisterjurist\u201c wird vor allem von Heinz Gollwitzer gelobt, der f\u00fcr diese Jahre auch den Begriff der \u201e\u00c4ra Abel\u201c pr\u00e4gte. Ludwig \u00e4rgerte sich nach seiner Thronentsagung immer wieder dar\u00fcber, wenn jemand von der \u201eRegierungszeit\u201c Abels sprach \u2013 Abel habe nie \u201eregiert\u201c. Gollwitzers Kritik an Ludwigs Weg, selbst zu regieren, sein eigener Ministerpr\u00e4sident zu sein, geht davon aus, ein Mann wie Abel w\u00e4re wohl ein viel besserer Regent gewesen und h\u00e4tte diese Position unter einem \u00adschw\u00e4cheren K\u00f6nig auch erhalten.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Dies erscheint mit Blick auf Abel \u00fcberraschend, bedenkt man, wie sehr Abels Positionierungen den K\u00f6nig in den 1840er Jahren schwerer Kritik aussetzten. Dazu geh\u00f6rte auch das Verbot des evangelischen Gustav-Adolf-Vereins zur F\u00f6rderung evangelischer Gemeindearbeit im Februar 1844, zu dem Abel Ludwig nachdr\u00fccklich riet. Ludwig behauptete nach Informationen Abels, der Verein arbeite \u201egegen Teutschlands Einigkeit\u201c. Ludwigs Schwager, der preu\u00dfische K\u00f6nig, schrieb ihm 1844: <span class=\"Minion-Italic\">\u201eDu hast keinen Begriff davon, wie in diesen Zonen Deine Gesinnungen gegen die Evangelischen verd\u00e4chtigt werden, in welch furchtbaren Verruf Herrn Abels Verwaltungsgrunds\u00e4tze hier stehen [\u2026]. Das ungescheute Walten der demagogisch katholischen Presse, das Terraingewinnen der ultramontanen, das hei\u00dft der undeutschen katholischen Parthei, tr\u00fcbte seitdem das sch\u00f6ne Bild. Du wei\u00dft nur zu gut, welchen Staub \u201adie Kniebeugung\u2018 und das Verbot des Gustav-Adolf-Vereins aufger\u00fchrt haben. [\u2026] Jetzt ist die Aufregung der Evangelischen in und au\u00dfer Bayern erschrecklich und tief betr\u00fcbend.<\/span>\u201c Es regierte der K\u00f6nig, dadurch stand auch er in der Kritik; doch sein Berater Abel befeuerte als Anf\u00fchrer der Ultramontanen die k\u00f6niglichen Aktionen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Ludwig begab sich damit auf einen gef\u00e4hrlichen Weg der konfessionellen Spaltung seines Landes. Eben diese Gegens\u00e4tze hatte das Reformwerk von Montgelas zu \u00fcberbr\u00fccken versucht. Es ging um erneute konfessionelle Trennung in den Schulen und sogar in Haftanstalten, Ludwig stellte sich gegen protestantische Gemeindegr\u00fcndungen in katholischen Gebieten wie Niederbayern. Bayern galt immer mehr als Hort des Katholizismus, Ludwig als dessen Garant. Noch im Juni 1846 schrieb Abel dem K\u00f6nig: <span class=\"Minion-Italic\">\u201eAuch wird wohl einer katholischen Regierung, selbst auf dem politischen Standpunkt, nicht verargt werden k\u00f6nnen, wenn sie in dem katholischen Elemente die einzige B\u00fcrgschaft f\u00fcr den Sieg des erhaltenden Prinzips und den einzigen Damm gegen zerst\u00f6rerische Wogen des Radikalismus und der liberalen Ideen der Jetztzeit erblickt.<\/span>\u201c Die \u201eRettung\u201c aus dem Unheil der Gegenwart k\u00f6nne nur durch die katholische Kirche erfolgen, so Abel. In einem wusste sich der K\u00f6nig seit dem Umschwung seiner Politik 1837 mit dem Klerus einig: Es ging um die Abwehr liberaler Zeitstr\u00f6mungen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Man kann Abel vor diesem Hintergrund auch ebenso als \u201eb\u00f6sen Geist\u201c dieser Jahre bezeichnen. Als Abel 1847 von Ludwig entlassen wurde, jubelten Ludwigs Kinder, endlich sei \u201eKains Bruder\u201c gest\u00fcrzt. Wenn Gollwitzer Ludwig in der Lola-Montez-Zeit \u201eauf fatalem Kurs\u201c sieht, so l\u00e4sst sich dies mit ebensolcher Berechtigung f\u00fcr diese Jahre unter Innenminister Abel behaupten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Lola Montez: das Ende von Ludwigs Regierung<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Vor diesem Hintergrund ist zu fragen, ob Ludwigs zun\u00e4chst ganz unpolitische Liebe zu der angeblichen spanischen T\u00e4nzerin Lola Montez ohne katholische Skandalisierung \u00fcberhaupt zu einer Staatsaff\u00e4re geworden w\u00e4re. Bisher wird diese Geschichte meist so erz\u00e4hlt: Der K\u00f6nig habe mit der verrufenen Lola Montez eine Aff\u00e4re begonnen, ihr die bayerische Staatsb\u00fcrgerschaft und einen Grafentitel versprochen, dem widersetzen sich die tapferen Minister, die daraufhin entlassen worden seien.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Lola Montez, eine geb\u00fcrtige Irin, war am 5. Oktober 1846 nach M\u00fcnchen gekommen und trat nach einer Audienz beim K\u00f6nig einmal im Hoftheater auf. Die exotische Sch\u00f6nheit blieb 16 Monate in M\u00fcnchen und wurde immer mehr zur Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr Fremdenhass, <span class=\"GELB\">Frauenfeindlichkeit<\/span> und Sozialneid. Die Bevorzugung der T\u00e4nzerin, die als Freigeist und Abgesandte der Freimaurer galt, wurde von der katholischen Seite als Bedrohung des religi\u00f6sen Friedens und der Machtstellung der Kirche gesehen. Ludwig sch\u00e4tzte die Entschlossenheit der katholischen Seite zum Machterhalt falsch ein; er konnte sich nicht vorstellen, dass sein Innenminister Abel im Verbund mit dem Regierungspr\u00e4sidenten sowie dem M\u00fcnchner Polizeidirektor und in Absprache mit dem \u00f6sterreichischen Gesandten eine gro\u00dfangelegte Intrige gegen diese neue Liebe spinnen, dass Pfarrer gegen sie predigen und katholische Adelige einen Boykott beschlie\u00dfen w\u00fcrden. Doch so entwickelte sich aus seiner Verliebtheit eine Staatsaff\u00e4re, und als im Februar 1847 die Regierung st\u00fcrzte, ein international wahrgenommener Skandal.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Weitere Faktoren heizten die Kritik an: Europa wurde in den Jahren 1846 und 1847 von der letzten gro\u00dfen vorindustriellen Hungerkrise heimgesucht. Klimatisch bedingte Missernten f\u00fchrten zu Verteuerungen. Im Fr\u00fchjahr 1847 kam es in den meisten deutschen L\u00e4ndern zu Protestaktionen, in Berlin wurden B\u00e4ckereien gepl\u00fcndert, in Stuttgart musste das Milit\u00e4r die Unruhen beenden. Auch in Bayern gerieten H\u00e4ndler, B\u00e4cker und Brauer in die Kritik. Vor diesem Hintergrund l\u00f6sten Ger\u00fcchte um die Gelder, die Ludwig f\u00fcr \u201edie Spanierin\u201c ausgab, gro\u00dfe Erbitterung aus. Es trafen also mehrere Faktoren zusammen, die dann auch als Katalysatoren im Vorfeld der Revolution von 1848 wirkten.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Lange verstand Ludwig nicht, wieso seine Liebe zu Lola solche Wellen schlug. Er versicherte den Bisch\u00f6fen, es handle sich um eine platonische Beziehung und dachte gar nicht daran, Lola politischen Einfluss zu geben. Erst durch Abel und die katholische Partei wurde die Lola-Aff\u00e4re \u00f6ffentlich diskutiert und skandalisiert. Lola trug in den Folgemonaten dann kr\u00e4ftig dazu bei, den Skandal zu befeuern, der im Februar 1848 mit ihrer Vertreibung aus M\u00fcnchen endete. Es traf zutiefst Ludwigs \u201eK\u00f6nigssinn\u201c, dass er sie nicht sch\u00fctzen konnte, er war verletzt und ging wie bet\u00e4ubt durch die n\u00e4chsten Wochen. Anfang M\u00e4rz sprang der Funke der erneuten Revolution in Frankreich auf Bayern \u00fcber und der K\u00f6nig sah sich am 6. M\u00e4rz gezwungen, den \u201eM\u00e4rzforderungen\u201c zuzustimmen. Zwei Wochen sp\u00e4ter trat er aus eigener Entscheidung zur\u00fcck.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Dass sich 1847\/48 das private Drama seiner Liebe zu Lola Montez mit ihrer Vertreibung aus M\u00fcnchen und das politische Drama der M\u00e4rzrevolution so verdichteten, dass sich dieser gro\u00dfe K\u00f6nig dem Druck von au\u00dfen und innen nicht mehr gewachsen sah und zur\u00fccktrat, war f\u00fcr ihn zun\u00e4chst eine Erleichterung, der jedoch lebenslanges Bedauern folgte. Der R\u00fccktritt wurde als Blaupause des Klischees vom K\u00f6nig und der T\u00e4nzerin immer wieder aufgegriffen und verdunkelt Ludwigs Lebensleistung bis heute.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"ZWISCHEN\">Im Ruhestand: ohne Macht \u2013 mit viel Einfluss<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"fliess-ohne-EZG\">Ludwig lebte nach seinem R\u00fccktritt noch 20 Jahre als K\u00f6nig ohne Regierungsaufgaben, ohne offizielle Macht und Herrscherkompetenzen. Der leidenschaftliche Alleinherrscher, der zwei Dutzend Jahre in Bayern alles bestimmt hatte, musste sich neu erfinden. Der Blick auf seinen Umgang mit dieser neuen Lebenssituation, die er zwar selbst herbeigef\u00fchrt hatte, die ihm aber ungemein viel abverlangte, zeigt seine inneren Ressourcen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Seine pers\u00f6nliche Krise nach dem R\u00fccktritt dauerte noch bis 1851, solange brauchte er, um seine tiefe Liebe zu Lola Montez zu \u00fcberwinden. Dann begann er sich in seinem neuen Leben besser einzurichten. Ludwig trafen in diesen Jahren viele Schicksalsschl\u00e4ge. Diese reichten vom Tod seiner Schwester Auguste 1851 und seiner Frau Therese an der Cholera 1854 bis zum Tod vier seiner Kinder. Ludwig fand jedoch auch durch seinen Glauben immer wieder Wege, nicht zu verbittern, Unab\u00e4nderliches zu akzeptieren und sich seelisch wieder ins Gleichgewicht zu bringen.<\/p>\n<p class=\"fliess\">Auch als \u201eK\u00f6nig au\u00dfer Dienst\u201c blieb er ein wichtiger politischer Gespr\u00e4chspartner der Minister und der Gesandten, dies umso mehr, als bald die schwierige Pers\u00f6nlichkeit des neuen bayerischen K\u00f6nigs Max II. deutlich wurden. Ludwig war ein zutiefst politischer Mensch, doch seine Gestaltungsm\u00f6glichkeiten hatten sich grundlegend ver\u00e4ndert: Aus dem machtvollen Alleinherrscher war nun ein \u201eElder Statesman\u201c geworden, der nur noch beraten und indirekt Einfluss nehmen konnte. In der Krise des Jahres 1866, die seinen unerfahrenen Enkel Ludwig II. v\u00f6llig \u00fcberforderte, wurde er erneut politisch aktiv.<\/p>\n<p class=\"fliess\">In den Jahren nach seinem Thronverzicht konnte Ludwig in mancher Hinsicht die Ernte seiner Kunstpolitik einfahren. Bereits im Oktober 1850 wurde die Aufstellung der Bavaria auf der Theresienh\u00f6he zu einem gro\u00dfen Huldigungsfest f\u00fcr Ludwig; es w\u00e4re gleichzeitig sein silbernes Thronjubil\u00e4um gewesen. Auch bei anderen Gelegenheiten feierten ihn die K\u00fcnstler. Da solche Feste im \u00f6ffentlichen Raum und unter Beteiligung der \u00d6ffentlichkeit stattfanden, waren sie keineswegs \u201eprivat\u201c, genauso wenig, wie Ludwigs Bauten und seine Kunstf\u00f6rderung privat waren, sondern Teil seiner Politik mit Hilfe von Kunst. Als \u201eKunstk\u00f6nig\u201c war Ludwig also weiterhin \u201eim Dienst\u201c, auch wenn er als politischer Herrscher abgedankt hatte.<\/p>\n<p class=\"fliess\">\u00dcber die vielen \u00fcberlieferten Ego-Dokumente treten wir an diesen Ludwig sehr nah heran: Ein politisch handelnder K\u00f6nig wird zum liebenden, bedr\u00e4ngten, planenden, tr\u00e4umenden Menschen. Er selbst hat all diese sehr pers\u00f6nlichen und intimen Dokumente bewusst \u00fcberliefert und damit den Blick auf diese Facetten seiner Person erm\u00f6glicht. Diesen enormen Kosmos zu durchschreiten, erm\u00f6glicht es uns, an diesen \u201eanderen\u201c Ludwig nahe heranzutreten, der dieses Bayern gepr\u00e4gt hat wie kaum ein zweiter.<img decoding=\"async\" class=\"_idGenObjectAttribute-2\" src=\"file:\/\/\/C:\/Users\/bbockholt\/Katholische%20Akademie%20in%20Bayern\/Programm%20&amp;%20Dokumentation-Dokumentation%20-%20Dokumente\/1.%20zur%20debatte\/debatten%202026\/debatte%201-2026\/0%200%20fertige%20debatte\/debatte_1_2026_20_LINKS-web-resources\/image\/1.png\" alt=\"\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als 1852, nach dem R\u00fccktritt und schweren pers\u00f6nlichen Krisenjahren sein Sohn Otto von Griechenland K\u00f6nig Ludwig I., fragte, wie er sich seine \u201eLebensfrische\u201c erhalte, sagte er: \u201eSich nicht zu gr\u00e4men \u00fcber das, was ist, durchdrungen zu seyn von des Irdischen Verg\u00e4nglichkeit, sich nicht daran zu ketten, dem Willen Gottes sich ergeben. 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