{"id":125025,"date":"2026-06-18T09:52:24","date_gmt":"2026-06-18T07:52:24","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=125025"},"modified":"2026-06-18T09:52:30","modified_gmt":"2026-06-18T07:52:30","slug":"die-entfaltung-der-buergerlichen-gesellschaft-das-buergertum-als-traeger-eines-neuen-weltbilds-und-als-neuer-machtfaktor","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/die-entfaltung-der-buergerlichen-gesellschaft-das-buergertum-als-traeger-eines-neuen-weltbilds-und-als-neuer-machtfaktor\/","title":{"rendered":"The unfolding of bourgeois society"},"content":{"rendered":"<p>Auf die Frage, welcher historischen Epoche seine besondere Sympathie geh\u00f6re, z\u00f6gerte der Historiker Hans-Ulrich Wehler keinen Augenblick. Eine veritable Versuchung sah er in der Mitarbeit im B\u00fcro des Staatskanzlers Hardenberg. \u201e32 Millionen Hektar Land aus Feudalbesitz in privaten Eigentum um(zu)wandeln\u201c betrachtete der Autor der f\u00fcnfb\u00e4ndigen Gesellschaftsgeschichte als \u201eeine ungeheure Reformleistung\u201c, die er gerne mit vorangetrieben h\u00e4tte. Stellte sich mir diese Frage, w\u00fcrde ich mich wohl f\u00fcr dieselbe Zeit entscheiden, aber eine andere Lokalit\u00e4t w\u00e4hlen. Mir erscheinen die Salons an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert, sei es das Mansardenzimmer der Rahel Varnhagen in der Berliner J\u00e4gerstra\u00dfe oder die hochherrschaftliche Wohnung der Wiener Saloni\u00e8re Caroline Pichler, als besonders reizvolle Orte der Vergangenheit.<\/p>\n<p>Sowohl in der preu\u00dfischen Staatskanzlei als auch in den gro\u00dfst\u00e4dtischen Salons des fr\u00fchen 19. Jahrhunderts lag der Geist der Reform, der Geist der Erneuerung f\u00f6rmlich in der Luft. Hier wurden die Ideen einer gesellschaftlichen Neugestaltung entworfen, entwickelt, diskutiert und auf den Weg gebracht. Es ging darum, die Idee einer neuen Gesellschaftsordnung zu entfalten und \u00f6ffentlich zu machen.<\/p>\n<p>Das B\u00fcrgertum wirkte, obschon quantitativ eine Minderheit, in der Zeit zwischen der Franz\u00f6sischen Revolution und dem Erstem Weltkrieg so pr\u00e4gend, dass h\u00e4ufig vom \u201eb\u00fcrgerlichen\u201c 19. Jahrhundert gesprochen wird. 1851 schrieb der Volkskundler Wilhelm Heinrich Riehl in seinem mehrfach aufgelegten Bestseller \u201eDie b\u00fcrgerliche Gesellschaft\u201c: \u201eViele nehmen B\u00fcrgertum und moderne Gesellschaft f\u00fcr gleichbedeutend.\u201c Sp\u00e4testens mit der Mitte des 19. Jahrhundert hatte sich dieses Selbstbewusstsein, die Geschicke seiner Zeit entscheidend zu gestalten, weitgehend durchgesetzt. Die zwei Segmente des B\u00fcrgertums, das Bildungsb\u00fcrgertum auf der einen Seite und das Wirtschaftsb\u00fcrgertum auf der anderen Seite, hatten sich von dem alten Stadtb\u00fcrgertum emanzipiert. Je mehr die st\u00e4ndische Ordnung br\u00f6ckelte, desto gr\u00f6\u00dfer war die Durchsetzungskraft dieses neuen B\u00fcrgertums, sowohl bez\u00fcglich der Wertewelt als auch im Hinblick auf den politischen Einfluss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Das gemeinsame neue Weltbild<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu Beginn der historiographischen B\u00fcrgertumsforschung in den 1980er Jahren irritierten die Befunde: Einerseits sah man b\u00fcrgerliche Akteure an vielen Stellschrauben der \u201eModerne\u201c, andererseits war man d\u00fcpiert ob der gro\u00dfen Heterogenit\u00e4t dieser neu aufkommenden sozialen Klassen. Was hatten ein Londoner Bankier, ein Kaufmann aus Amsterdam, ein Pfarrer aus Westfalen, ein Advokat aus Paris oder ein Heidelberger Professor gemeinsam? Kaum den sozial-\u00f6konomischen Status, zu unterschiedlich waren die materiellen Ressourcen und der jeweilige Lebenszuschnitt. Gemeinsam war immerhin die prim\u00e4r st\u00e4dtische Orientierung, der Status des \u201eDritten Standes\u201c und damit auch das Selbstbewusstsein, zu wem man nicht geh\u00f6rte: n\u00e4mlich zum Adel, zur katholischen Geistlichkeit, zur Bauernschaft und zu den l\u00e4ndlichen und st\u00e4dtischen Unterschichten.<\/p>\n<p>Das waren eher \u00e4u\u00dferliche Gemeinsamkeiten. Als wesentlicheres Bindeglied entpuppte sich bei n\u00e4herem Hinsehen ein gemeinsames Wertgef\u00fcge und daraus erwachsendes Weltbild. Gro\u00dfe Einigkeit herrschte \u00fcber die Vorstellung, dass man sich seinen Platz in der Welt durch eigene Leistung, akademischer oder \u00f6konomischer Natur, errungen hatte und nicht wie der Adel durch Geburt und Erbe. Neben dem Prinzip der individuellen Leistung griff das B\u00fcrgertum auch andere Vorstellungen dieses neuen, in den Studierstuben aufkl\u00e4rerisch gesinnter Meisterdenker erdachten Gesellschaftsmodells auf, nahm es f\u00fcr sich an und trug zu ihrer Verbreitung bei. St\u00e4ndische Ungleichheit und absolutistische Staatsgewalt waren die Hauptangriffspunkte. Vordenker war der K\u00f6nigsberger Philosoph Immanuel Kant, der, ganz im Geiste der Urv\u00e4ter des Gedankens, eine Gemeinschaft freier und formal gleicher B\u00fcrger forderte, denen der \u201eAusgang\u201c aus der \u201eselbstverschuldeten Unm\u00fcndigkeit\u201c gelungen war.<\/p>\n<p>Die Vision einer von Vernunft, Individualit\u00e4t und Humanit\u00e4t bestimmten Gesellschaftsordnung, in der die staatliche Macht im Sinne des liberalen Rechts- und Verfassungsstaats einerseits begrenzt und andererseits \u00fcber \u00d6ffentlichkeit, Wahlen und Repr\u00e4sentationsorgane den Einfl\u00fcssen des m\u00fcndigen B\u00fcrgers unterstand, war das Fundament einer b\u00fcrgerlichen Gesellschaft. Lange bindende Traditionen wurden \u00fcberdacht, gewendet, gebrochen und verworfen. Nicht mehr das \u201eSchicksal\u201c bestimmte in den Augen des B\u00fcrgertums seine Gegenwart und Zukunft. Allein pers\u00f6nliche Tatkraft machte den B\u00fcrger zum Herren seiner selbst. Und zum Herren seiner Gesellschaft. Dieser B\u00fcrgerstolz beseelte viele Zeitgenossen. Edelm\u00fctig und anma\u00dfend zugleich war die Vorstellung, dass der eigene Wertehimmel und Gesellschaftsentwurf \u00fcber die Grenzen der eigenen sozialen Schicht ausstrahlen sollte, dass auf Dauer alle, unabh\u00e4ngig von Stand und Geschlecht, an den Wohltaten der \u201eb\u00fcrgerlichen Gesellschaft\u201c Anteil haben sollten. Selbstverst\u00e4ndlich war es f\u00fcr die b\u00fcrgerlichen Architekten dieses Programms \u00fcberdies, dass sie in dieser Gesellschaft die F\u00fchrung \u00fcbernehmen w\u00fcrden. Es war ein neues, weit weniger starres Weltbild als das des Ancien R\u00e9gime, das diese Ideen \u00fcberw\u00f6lbte. Und es war ein durch und durch optimistisches Programm \u2013 mit zweifellos utopischem Anstrich.<\/p>\n<p>Dennoch drang der Kern des Ideals bis ins Alltagsleben des B\u00fcrgertums vor und geriet zur Klammer dieser in vielen Bereichen so ausdifferenzierten Gesellschaftsformation. Es erwuchs daraus ein Ensemble von den Lebensstil pr\u00e4genden und die Wirklichkeit deutenden Werten und Vorstellungen. Mit anderen Worten: Eine spezifische \u201eb\u00fcrgerliche Kultur\u201c, die die Welt des B\u00fcrgertums im Innersten zusammenhielt. Meilensteine dieser \u201eb\u00fcrgerlichen Kultur\u201c waren eine positive Grundhaltung gegen\u00fcber selbstbestimmter, eigenverantwortlicher, regelm\u00e4\u00dfiger Arbeit und \u2013 damit eng verbunden \u2013 Tugenden wie Flei\u00df und Sorgfalt, Pflichterf\u00fcllung im beruflichen und privaten Alltag, die Neigung zur durchdachten Lebensf\u00fchrung, zum geplanten Tagesrhythmus, die Betonung von Erziehung und Bildung, Hochsch\u00e4tzung von Kunst und Wissenschaft und nicht zuletzt ein spezifisches b\u00fcrgerliches Familienideal.<\/p>\n<p>Auf Neigung gegr\u00fcndet und durch Liebe verbunden, in Absetzung von Wirtschaft und Politik, sollte die Familie eine Gegenwelt bieten, einen durch ausk\u00f6mmliches Einkommen des m\u00e4nnlichen Familienoberhauptes und Dienstboten freigesetzten Raum der Mu\u00dfe f\u00fcr Frau und Kinder, einen Ruhehafen im rastlosen Getriebe der b\u00fcrgerlichen Leistungsgesellschaft, die sie selbst durch die Erziehung der kleinen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger immer aufs Neue herzustellen half. Mit einer \u201eguten Kinderstube\u201c war die nachfolgende Generation ger\u00fcstet f\u00fcr das erfolgreiche Mitwirken auf der b\u00fcrgerlichen B\u00fchne, versorgt mit deren Spielregeln und Requisiten, die sich in einer bunten Palette symbolischer Formen \u00e4u\u00dferten: in Tischmanieren und Begr\u00fc\u00dfungsritualen, in Anredeformen und Konversationsregeln, in Konsumpraktiken und Dresscodes. Die Familie war nicht nur Herzst\u00fcck des B\u00fcrgertums, sondern auch einer der Hauptschaupl\u00e4tze, an denen die \u201eb\u00fcrgerliche Kultur\u201c gepr\u00e4gt und gepflegt, gef\u00f6rdert und bef\u00f6rdert wurde. Im Zuge des Abl\u00f6sungsprozesses der Agrarwirtschaft durch den Industriekapitalismus begann zun\u00e4chst im B\u00fcrgertum die r\u00e4umliche und personelle Einheit von Erwerbsst\u00e4tte und Familienhaushalt auseinanderzufallen. Damit entstand ein Schauplatz fern der Arbeitswelt, lediglich bev\u00f6lkert von Eltern und Kindern, auf dem die Frauen des B\u00fcrgertums Regie f\u00fchrten. W\u00e4hrend sich die m\u00e4nnlichen B\u00fcrger aufmachten, um sich der fordernden Arbeitswelt zu stellen, war es Aufgabe der B\u00fcrgerfrauen, die Familie als Erholungs- und Erziehungsst\u00e4tte bereit zu stellen. Hatten noch die Frauen und T\u00f6chter des alten Stadtb\u00fcrgertums hinter dem Ladentisch gestanden, die B\u00fccher gef\u00fchrt oder in der Werkstatt mit Hand angelegt, beschr\u00e4nkte sich das Bet\u00e4tigungsfeld der B\u00fcrgerfrau des 19. Jahrhunderts zunehmend auf die famili\u00e4ren vier W\u00e4nde. Hier oblag es ihr, ein b\u00fcrgerliches Ambiente zu schaffen, den Haushalt zu \u201emanagen\u201c, den Ehemann zu umsorgen und zu erbauen, die Autorit\u00e4t des Vaters zu festigen, den Kindern W\u00e4rme und Geborgenheit zu bieten, Konflikte zu schlichten und \u00fcberhaupt bei Kummer und Krisen zur Stelle zu sein.<\/p>\n<p>In regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden mussten diese M\u00fchen im Innern auch vor den kritischen Augen der \u00d6ffentlichkeit bestehen. Wenn die Familie regelm\u00e4\u00dfig zu Ausfl\u00fcgen zur Kultur und in die Natur aufbrach, in die Sommerfrische fuhr oder nach strikten gesellschaftlichen Ritualen G\u00e4ste bewirtete, galt es, mit geschmackvoll-gepflegter Kleidung, distinguiertem Umgangston, klavierspielenden T\u00f6chtern und h\u00f6flichen, als Matrosen gekleideten S\u00f6hnen, perfekten Dienstm\u00e4dchen, einem ausgekl\u00fcgelten Diner und einem gepflegten Ambiente den Nachweis zu erbringen, in der \u201eb\u00fcrgerlichen Kultur\u201c bewandert zu sein. Ihre besonderen weiblichen Eigenschaften, so die Argumentation der Zeitgenossen, bef\u00e4higte die B\u00fcrgerfrauen neben dieser Schaffung eines b\u00fcrgerlichen Rahmens vor allem f\u00fcr die immer mehr Bedeutung erlangende Erziehung der k\u00fcnftigen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger.<\/p>\n<p>Als Ende des 18. Jahrhunderts der Philosoph und P\u00e4dagoge Jean-Jacques Rousseau den Kindern eine \u201eeigene Art zu sehen, zu denken und zu f\u00fchlen\u201c zuerkannte, stie\u00df er mit dieser neuartigen Forderung vor allem im B\u00fcrgertum auf offene Ohren. Es entdeckte die Kindheit als Eigenwelt mit besonderen Rechten und Bed\u00fcrfnissen: Kinderstuben wurden eingerichtet, Kinderkleider entworfen, neue, phantasiebereichernde Kinderb\u00fccher verfasst. Auch die Spielzeugindustrie florierte. Kirchenfeste wurden zu Kinderfesten, Weihnachtsmann und Osterhase als Gabenbringer und Erziehungshelfer hielten Einzug in die B\u00fcrgerh\u00e4user. Mehr und mehr rankte sich das Familienleben um die Kinder, die Erziehungsverantwortung wuchs.<\/p>\n<p>Die Mutterrolle erfuhr eine enorme Aufwertung, doch gleichzeitig ging damit auch eine Einengung der weiblichen Aufgaben und Aussichten auf die \u201eweibliche Berufung\u201c einher. Die m\u00e4nnliche Berufswelt dagegen bot immer mehr Perspektiven. Je konsequenter sich diese Arbeitsteilung durchsetzte, desto weiter drifteten die m\u00e4nnlich und weiblich definierten Sph\u00e4ren auseinander \u2013 ein Polarisierungsprozess, der von zeitgen\u00f6ssischen Publizisten als \u201enat\u00fcrlich\u201c beschworen und den jeweiligen \u201eGeschlechtscharakteren\u201c des aktiv-vern\u00fcnftigen Mannes und der passiv-gef\u00fchlsbestimmten Frau entsprechend erkl\u00e4rt wurde.<\/p>\n<p>Schon die kleinen B\u00fcrgerinnen bekamen dies zu sp\u00fcren \u2013 durch fr\u00fchen Ausschluss von den Spielen der Jungen, durch eine k\u00fcrzere Schulzeit mit eingeschr\u00e4nktem Bildungskanon und durch lange verschlossene Ausbildungswege, die sich erst am Jahrhundertende langsam zu \u00f6ffnen begannen. Privatheit und \u00d6ffentlichkeit als vermeintlich strikt voneinander getrennte Sph\u00e4ren waren Teil des b\u00fcrgerlichen Familienideals. Beide Bereiche \u00fcbernahmen die Weitergabe der b\u00fcrgerlichen Kultur. Doch w\u00e4hrend innerhalb der Familie die B\u00fcrgerfrauen den hervorstechenden Part \u00fcbernahmen, galt die \u00d6ffentlichkeit als ein m\u00e4nnlich dominierter Bereich. Diese sich neu konstituierende b\u00fcrgerliche \u00d6ffentlichkeit, die die repr\u00e4sentative \u00d6ffentlichkeit nach und nach \u00fcberlagerte, war unabdingbar, um die Idee der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft zu verbreiten. Diese bildete sich im Laufe des 19. Jahrhunderts in rasantem Tempo heraus und differenzierte sich zunehmend.<\/p>\n<p>Da waren zun\u00e4chst die vielen Vereine, von Zeitgenossen auch \u201eAssoziationen\u201c genannt, die als Foren des Austauschs dienten. Kennzeichen dieser Vereine war die Freiwilligkeit des Beitritts, ihre selbstgew\u00e4hlten Satzungen und Regeln, die formale Gleichheit ihrer Mitglieder und die Bedeutung der Geselligkeit. Fern von Staat, Markt und Familie vergewisserte man sich im Kreise von Gleichgesinnten und Gleichgestimmten der gemeinsamen Wertewelt. Der Kern, um den sich die Vereine drehten, differierte: Es gab Lesegesellschaften und Logen, Musikvereine und Kunstvereine, Schiller-, Dante- und Goethegesellschaften, Natur-, Turn- und Nationalvereine. Das 19. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Vereine. Selbst wenn vornehmlich zur Kulturpflege konzipiert, erf\u00fcllte das regelm\u00e4\u00dfige Zusammenkommen auch einen Zweck, der deutlich dar\u00fcber hinausging: Gleichsam als Schulen der Zivilgesellschaft konnten hier Grundmuster der Mitbestimmung im Kleinen probiert, eine k\u00fcnftige liberale Gesellschaft antizipiert werden. Zun\u00e4chst vor allem B\u00fcrgerm\u00e4nner \u2013 Frauen wurden erst sp\u00e4ter geduldet \u2013 machten hier erste Erfahrungen mit demokratischen Praktiken: Man diskutierte frei, gab sich Verfassungen in Form von Vereinsstatuten, w\u00e4hlte seine Mitglieder, besetzte \u00c4mter und Aussch\u00fcsse, versuchte argumentativ zu \u00fcberzeugen, beachtete Regularien und Rituale, f\u00fchrte Protokoll, erstellte Jahresberichte und erfand sich eine Tradition, die es regelm\u00e4\u00dfig zu feiern galt. Hier konnte das Ideal politischer Gleichheitsnormen einer k\u00fcnftigen Gesellschaft einge\u00fcbt werden, konnte \u201eAufkl\u00e4rung gelebt\u201c werden.<\/p>\n<p>Zur gleichen Zeit wuchs europaweit auch die Zahl der Periodika, Zeitungen und Zeitschriften. Gemeinsam darin zu lesen und dar\u00fcber zu diskutieren geh\u00f6rte zur Hauptbesch\u00e4ftigung der b\u00fcrgerlichen Vereinsgeselligkeit. Aber auch \u00fcber die Vereinslandschaft hinaus wuchs die Zahl des lesef\u00e4higen und -hungrigen b\u00fcrgerlichen Publikums. Vor allem das Genre der Familienzeitschriften, die reich bebildert in b\u00fcrgerlichen Haushalten von Hand zu Hand gingen, erreichte das B\u00fcrgertum unabh\u00e4ngig von Alter und Geschlecht. Die in Deutschland so erfolgreiche \u201eGartenlaube\u201c hatte europaweit Pendants.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Das B\u00fcrgertum als Machfaktor<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch die Konzepte einer neuen Gesellschaftsordnung blieben nicht Theorie. Aus den Kopfgeburten, die an den unterschiedlichen St\u00e4tten b\u00fcrgerlicher \u00d6ffentlichkeiten diskutiert wurden, sollte auch \u2013 politisch \u2013 Realit\u00e4t werden. Nicht zuletzt um b\u00fcrgerlichen Werten staatlichen Schutz und allgemeine G\u00fcltigkeit zu verleihen, war dem B\u00fcrgertum auch zunehmend an direkter politischer Teilhabe gelegen. Das 19. Jahrhundert war gepr\u00e4gt von dem einmal mehr, einmal weniger erfolgreichen b\u00fcrgerlichen Bestreben, seinen Einfluss auch auf der politischen Ebene sukzessive zu erweitern.<\/p>\n<p>Vergleichsweise fr\u00fch Fu\u00df fassen konnte das B\u00fcrgertum vor allem auf kommunaler Ebene. \u201eIhnen eine t\u00e4tige Einwirkung auf die Verwaltung des Gemeinwesens beizulegen und durch die Teilnahme Gemeinsinn zu erregen und zu erhalten\u201c, war bereits erkl\u00e4rte Absicht der preu\u00dfischen St\u00e4dteordnung aus dem Jahr 1808. Auf kommunalem Terrain konnte in einem \u00fcberschaubaren Experimentierfeld <em>en miniature<\/em> ausprobiert werden, was die Vision der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft im Gro\u00dfen verhie\u00df. Schlie\u00dflich geh\u00f6rte es zu den b\u00fcrgerlichen Kardinaltugenden, \u201eGemeinsinn\u201c zu entwickeln und sich f\u00fcr das Gemeinwohl stark zu machen. Dies konnte man durch aktive Mitwirkung in der st\u00e4dtischen Selbstverwaltung unter Beweis stellen. Ideen, am Vereinsabend ersonnen, konnten hier Wirklichkeit werden. Im Vorm\u00e4rz nahmen die Chancen politischer Partizipation weiter zu, politische Vereine und Parteien griffen in Kommunalwahlk\u00e4mpfe ein, durch die Selbstverwaltungsorgane zogen sich Fraktionen entlang der Parteigrenzen. Nicht zuletzt schickten sich jetzt \u201eBerufspolitiker\u201c an, die vorherigen Honoratioren zu verdr\u00e4ngen. Doch dies war ein langsamer Prozess. Blickt man in die Stadtverwaltungen in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts, trifft man dort noch immer auf eine \u00e4hnlich zusammengesetzte Klientel vornehmlich b\u00fcrgerlicher Herkunft wie schon in den Dekaden zuvor. Und auch hier findet man mindestens zwei B\u00fcrgergesichter: Auf der einen Seite Haus- und Grundbesitzer, die ihre \u00f6konomischen Interessen selbst angesichts wuchernder Armenviertel rigoros durchsetzten. Auf der anderen Seite verantwortungsvolle B\u00fcrger, die sich sensibel zeigten f\u00fcr die N\u00f6te der Mitb\u00fcrgerinnen und Mitb\u00fcrger und, wenn auch mit patriarchalischem Gestus, beherzt eingriffen.<\/p>\n<p>Tr\u00e4ger der vielf\u00e4ltigen Modernisierungsleistungen in den St\u00e4dten, die aufgrund demographischer, sozialer und \u00f6konomischer Herausforderungen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Tagesordnung standen, war und blieb das B\u00fcrgertum. Einerseits in Gestalt der zutiefst b\u00fcrgerlich gepr\u00e4gten und an Einfluss gewinnenden Beamtenschaft. Abgesehen von den Oberb\u00fcrgermeistern, die als bereits andernorts bew\u00e4hrte und vielerorts umgarnte Pers\u00f6nlichkeiten das Prestige einer Stadt heben konnten, rekrutierte sich das Gros der Stadtbeamtenschaft aus dem n\u00e4heren Umkreis des st\u00e4dtischen B\u00fcrgertums. Aber auch der st\u00e4dtischen Honoratiorenschaft gelang es, weiterhin kr\u00e4ftig Einfluss zu \u00fcben. Beide Seiten, Beamte und Honoratioren, hatten ein gro\u00dfes Interesse daran, sich zu arrangieren. Mehr noch: Die gegenseitigen Abh\u00e4ngigkeiten machten beide Gruppierungen eher zu Verb\u00fcndeten als zu Gegnern.<\/p>\n<p>Auch au\u00dferhalb der Amtstuben und Gremien verkehrte man miteinander, lud sich gegenseitig ein, traf sich im Musikverein oder im Theater auch vor dem Traualtar oder dem Taufbecken. \u00dcberdies waren die Aktivit\u00e4ten der Berufspolitiker nicht immer unbedingt effektiver. Im Gegenteil konnte es sogar gegen ein verschleppendes Berufsbeamtentum schon im 19. Jahrhundert zu B\u00fcrgerinitiativen kommen, die auf Eis gelegte Projekte der kommunalen Daseinsvorsorge wie Kanalisation oder Gasbeleuchtungswerke vorantrieben oder die Beamtenschaft beim Bau eines Museums oder Gymnasiums unter Zugzwang setzten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Grenzen und Selbstbegrenzungen der Macht<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einen geh\u00f6rigen D\u00e4mpfer erhielten politisch engagierte B\u00fcrger jedoch im Laufe der Revolution von 1848. Zwar fiel mit den Ereignissen um die Revolution herum auch der Startschuss f\u00fcr eine moderne Parteienlandschaft in Deutschland und setzte sich, \u00fcber das B\u00fcrgertum hinaus, eine \u201eFundamentalpolitisierung\u201c der Gesellschaft durch. Politik war fortan, nicht nur f\u00fcr das Gros des B\u00fcrgertums, eine Herzensangelegenheit. Doch die Hauptforderung der Revolution nach einem Nationalstaat erf\u00fcllte sich erst mit der Reichsgr\u00fcndung am 18. Januar 1871. Auch die Verfassungsfrage wurde nun endg\u00fcltig entschieden. Einerseits zwar gegen die volle Parlamentarisierung und f\u00fcr die Bewahrung eines erheblichen Einflusses der alten Eliten und Institutionen. Andererseits, nicht zuletzt dank des liberalen B\u00fcrgertums, gegen die reaktion\u00e4ren Forderungen vieler Konservativer und zugunsten eines Verfassungsstaates mit durchaus liberaler Substanz und demokratischen Elementen. Und nicht zuletzt: Das allgemeine, gleiche und direkte M\u00e4nnerwahlrecht wurde fr\u00fcher als in den Nachbarl\u00e4ndern institutionalisiert. Vor allem die nunmehr erstarkten Liberalen trugen entscheidend dazu bei, dass weitere Weichen f\u00fcr das Projekt der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft gestellt wurden. Nicht zuf\u00e4llig sprachen schon die Zeitgenossen von der Zeit zwischen 1871 und 1878 von einer \u201eliberalen \u00c4ra\u201c, die sie als H\u00f6hepunkt b\u00fcrgerlicher Gestaltungskraft empfanden. Eine bereits in den 1840er Jahren begonnene Erfolgsgeschichte der Liberalen schien in der Zielgerade.<\/p>\n<p>Was machte den Liberalismus f\u00fcr weite Teile des B\u00fcrgertums so attraktiv? Es war nicht zuletzt der moderate Anspruch seiner Zukunftsvisionen in seiner f\u00fcr viele annehmbaren Mischung aus Traditionswahrung und Fortschrittsemphase, die ihn lange konkurrenzlos erscheinen lie\u00df. Die Konservativen hatten die Nation als politischen Bezugsrahmen noch nicht akzeptiert. Der politische Katholizismus, der sich in den 1870er Jahren mit dem \u201eZentrum\u201c zu organisieren begann, konnte sich, mit seinem Hauptziel vor Augen, seine innere Autonomie gegen den Staat zu verteidigen, noch nicht in die liberalen Rechtsstaatsforderungen einf\u00fcgen. Die Demokraten mit ihren dezidiert kompromisslosen politischen und sozialen Gleichheitsanspr\u00fcchen gingen in den Augen vieler B\u00fcrger zu hart mit dem Bestehenden ins Gericht und n\u00e4herten sich zu sehr den Ideen der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung an.<\/p>\n<p>Hinzu kam, dass nach der Jahrhundertmitte der deutsche Liberalismus nicht nur das Bildungsb\u00fcrgertum in seinen Bann zog, sondern auch f\u00fcr Wirtschaftsb\u00fcrger an Anziehungskraft gewann. Doch diese Allianz erwies sich als por\u00f6s. Als dem Gr\u00fcnderboom sehr bald der Gr\u00fcnderkrach folgte, zeichnete sich Zusammengehen zwischen Staat und Wirtschaftsb\u00fcrgertum ab, das langfristig die liberale Politik auf eine Zerrei\u00dfprobe stellen sollte. Der \u00dcbergang zur Schutzzollpolitik war nur ein Schritt einer \u201ekonservativen Wende\u201c. Unter einem erstarkten Wirtschaftsb\u00fcrgertum war es nun vor allem die als Bedrohung stilisierte Arbeiterschaft, von der man sich dezidiert absetzte und aus dem verachteten Adel einen neuen B\u00fcndnispartner machte. Liberale Bildungsb\u00fcrger erfuhren diesen Richtungswechsel als gravierende Z\u00e4sur, als Angriff auf die eigene Wertewelt. Der Schock \u00fcber das Ende der liberalen \u00c4ra drang in den deutschen Liberalismus so tief ein, weil man es gleichzeitig als das Ende einer bildungsb\u00fcrgerlich gepr\u00e4gten, liberalen politischen Kultur empfand. Langfristig wirkte dieser vom B\u00fcrgertum so hochgehaltene Nationalismus, dessen Schattenseiten durchaus auch in seiner Anfangsphase zu ahnen waren, immer weniger integrativ.<\/p>\n<p>Die Errichtung des Nationalstaates bef\u00f6rderte das nationale Wir-Gef\u00fchl. Gleichzeitig wurden zu Au\u00dfenseitern deklarierte, \u201einnere Reichsfeinde\u201c mehr und mehr ausgegrenzt. Nationalismus, best\u00e4rkt durch soziale Spannungen im Innern, geriet zu einer Ideologie mit intolerantem Absolutheitsanspruch. Die schrecklichen Folgen eines jeden Liberalismus entkleideten Nationalismus, die sich dann im 20. Jahrhunderts offenbarten, hatten auch weite Teile des B\u00fcrgertums mit zu verantworten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Grenzen des B\u00fcrgertums<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch nicht erst am Ende des 19. Jahrhunderts bewies das B\u00fcrgertum immer mal wieder einen eng begrenzten Horizont, der seinem eigenen Ma\u00dfstab an liberaler B\u00fcrgerlichkeit nicht gerecht wurde. Mit seinem st\u00e4ndigen Changieren zwischen utopischen Versprechungen und exklusiver Realit\u00e4t, zwischen Aufgeschlossenheit und Engstirnigkeit, zwischen Selbstverliebtheit und Selbstzweifel, zwischen Weitherzigkeit und Vorurteil trug das B\u00fcrgertum seit seinem Erstarken einen Januskopf mit dem Potential zur Selbstzerst\u00f6rung.<\/p>\n<p>Neben dem weiblichen B\u00fcrgertum waren es auch die unteren Schichten, aber auch Angeh\u00f6rigen unterschiedlicher Konfessionen, die man, ungeachtet aller Einbindungsversprechungen, letztlich immer wieder vor den Kopf stie\u00df und der b\u00fcrgerlichen Grenzen verwies. Doch es geh\u00f6rte auch zu den Eigenarten des B\u00fcrgertums, dass es dazu neigte, sich immer wieder neu zu erfinden, sich zu suchen und Foren zu schaffen, um sich selbst zu best\u00e4tigen \u2013 aber auch in Zweifel zu ziehen. Damit erzeugte sich das B\u00fcrgertum seine B\u00fcrgerkritik gleich mit. Vor allem in den letzten vier Dekaden des 19. Jahrhunderts kam Kritik von Angeh\u00f6rigen aus den eigenen Reihen, von denen man sie am wenigsten erwartet hatte. B\u00fcrgert\u00f6chter und -s\u00f6hne \u00fcbten, frauen- und jugendbewegt, den Aufstand, nahmen die Versprechungen der b\u00fcrgerlichen Utopie beim Wort und klagten sie ein. Doch auch andere gesellschaftliche Gruppierungen sahen ihre Partizipationsoptionen an der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft zunehmend schwinden. Bei aller S\u00e4kularisierungsneigung blieb es im B\u00fcrgertum erstaunlich wichtig, welcher Konfession man angeh\u00f6rte, nicht zuletzt bei der Partner-, Paten- und Umgangswahl. Religi\u00f6se Minderheiten hatten es hier bei einem \u00fcberwiegend protestantischen B\u00fcrgertum schwer.<\/p>\n<p>Max Webers These von der \u201eprotestantischen Ethik\u201c, die einen engen Zusammenhang zwischen den Herausforderungen des modernen Kapitalismus und dem protestantischen Habitus, durch unabl\u00e4ssiges Erwerbsstreben sich der au\u00dferweltlichen Erl\u00f6sung zu versichern, zu erkennen glaubte, stempelte mittelbar Angeh\u00f6rige anderer Konfessionen zu Au\u00dfenseitern. W\u00e4hrend Protestantismus und B\u00fcrgerlichkeit eine vermeintliche Wahlverwandtschaft verband, wurde es im Kaiserreich zunehmend prek\u00e4r, ein katholischer B\u00fcrger zu sein. Die Entwicklung des Katholizismus seit den 1870er Jahren hin zur p\u00e4pstlichen Unfehlbarkeitsvorstellung und zum Ultramontanismus konterkarierte das b\u00fcrgerliche Kulturideal der individuellen Selbstbestimmung.\u00a0 Auch wenn l\u00e4ngst nicht das Gros des katholischen B\u00fcrgertums diesen Schwenk mitmachte, verlor der Katholizismus nie den Ruch der Unvereinbarkeit mit den aufkl\u00e4rerisch gestimmten B\u00fcrgerwerten. Konfessionelle Spannungen durchzogen auch das Alltagsleben. Hatte es das interkonfessionelle Tauwetter noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlaubt, Kirchen und Friedh\u00f6fe gemeinsam zu nutzen, verschwand im der zweiten Jahrhunderth\u00e4lfte ein Simultaneum nach dem anderen. Konnte man schon nicht eintr\u00e4chtig den Kirchenraum teilen, galt dies erst recht f\u00fcr den privaten Verkehr.<\/p>\n<p>Solche Diskriminierungserfahrungen machten j\u00fcdische B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger gegen Ende des Jahrhunderts noch ungleich st\u00e4rker. Sie waren es, die die zunehmenden Exklusionen und Perversionen der real existierenden b\u00fcrgerlichen Gesellschaft besonders schmerzlich zu sp\u00fcren bekamen. Die zunehmende Abneigung, die ihnen entgegenschlug, war eine perfide Mischung aus konfessioneller \u00dcberheblichkeit und krudem Rassismus. Namentlich nach dem Gr\u00fcnderkrach gipfelte die Suche nach dem S\u00fcndenbock in immer krasseren Formen von unverhohlenem Antisemitismus, der bereits in den Schulen begann und sich in den Ausschlussmechanismus der vermeintlich so toleranten Vereine fortsetzte. Zwar blieben solche Ausw\u00fcchse auch im B\u00fcrgertum nicht unwidersprochen, doch im immer lauter werdenden Antisemitismus gerieten Gegenstimmen leicht in Gefahr, \u00fcbert\u00f6nt zu werden.<\/p>\n<p>Hier zeigte sich auch die Arroganz des Definitionsmacht beanspruchenden protestantischen B\u00fcrgertums, ein unverbr\u00fcchliches Selbstbewusstsein mit erzieherischem Gestus. Diesem waren nicht zuletzt die Unterschichten fr\u00fch ausgesetzt. Schon in den Arbeiterbildungsvereinen als wachsender Teil der reichen Vereinslandschaft gaben die b\u00fcrgerlichen Initiatoren den Ton an. Als die Arbeiterbewegung europaweit erstarkte, wuchsen hingegen die B\u00fcrger\u00e4ngste vor den vermeintlich z\u00fcgellosen Massen.<\/p>\n<p>Das ber\u00fchmte Gem\u00e4lde von Giuseppe Pellizza da Volpedo \u201eIl Quarto Stato\u201c, \u201eDer vierte Stand\u201c, goss mit dem Motiv einer wuchtigen, auf den Betrachter zustr\u00f6menden Arbeitermasse eben diese \u00c4ngste in \u00d6l. Die Pariser Kommune von 1871 war ein Fanal, das nirgendwo in Europa unbemerkt verhallte. Von diesen Erfahrungen aufgeschreckt, wechselte das B\u00fcrgertum die Fronten. Hatte vorher die klare Absetzung von den alten Eliten die b\u00fcrgerliche Kultur, Wirtschaftsweise und Politik gepr\u00e4gt, wurde sie nun \u00fcberlagert von der Abschottung gegen\u00fcber den unteren Schichten. Hatte man noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts voller B\u00fcrgerstolz jeglichen Adelsd\u00fcnkel mit Verachtung gestraft, schien jetzt f\u00fcr viele B\u00fcrger und B\u00fcrgerinnen eine Ann\u00e4herung an den Adel als Bollwerk gegen\u00fcber den erstarkenden und bedrohlichen Unterschichten opportun.<\/p>\n<p>Als Verrat an der b\u00fcrgerlichen Wertewelt hatten diesen Richtungsschwenk schon Zeitgenossen wie Max Weber gegei\u00dfelt, als negativen \u201eDeutschen Sonderweg\u201c dann vor allem Historiker der Nachkriegszeit. Sie machten namentlich in Deutschland ein Defizit an B\u00fcrgerlichkeit aus, das langfristig die Entwicklung einer liberalen Demokratie behinderte und den Aufstieg des Nationalsozialismus erleichterte. Die versp\u00e4tete Nationalstaatsgr\u00fcndung \u201evon oben\u201c, zunehmend anti-pluralistische Elemente der deutschen politischen Kultur und nicht zuletzt auch die Kontinuit\u00e4t der Macht der \u201ealten Eliten\u201c und die \u201eFeudalisierung des Gro\u00dfb\u00fcrgertums\u201c waren Grundmerkmale eines so verstandenen \u201eSonderwegs\u201c.<\/p>\n<p>Auch wenn die besondere Einflusskraft von B\u00fcrokratie und Beamtenschaft gepaart mit \u00fcberhohen Erwartungen an den Staat sicherlich in der deutschen B\u00fcrgergesellschaft besonders ausgepr\u00e4gt waren, war die \u201eFeudalisierung\u201c von Teilen des B\u00fcrgertums ein gesamteurop\u00e4isches Ph\u00e4nomen. Sowohl im Edwardianischen England, im Frankreich der 1860er Jahre, als auch im vorrevolution\u00e4ren Petersburg l\u00e4sst sich im ausgehenden 19. Jahrhundert eine ganz \u00e4hnliche Tendenz gro\u00dfb\u00fcrgerlicher Kreise beobachten, mit der Welt des Adels zu kokettieren. Diese Spuren einer Aristokratisierung zeigten sich nicht nur in einem politischen Schulterschluss, sondern auch in der Nachahmung und Annahme des adligen Lebensstils.<\/p>\n<p>Steingewordene B\u00fcrgertr\u00e4ume von Adelsschl\u00f6ssern anstelle schlichter b\u00fcrgerlicher Behausungen, das Lieb\u00e4ugeln mit adligen Schwiegers\u00f6hnen und -t\u00f6chtern und ein allen in allem auf \u00e4u\u00dfere Repr\u00e4sentation statt auf innere Werte schauender Habitus galten als Zeichen einer schrittweisen Aufgabe b\u00fcrgerlicher Ideale zugunsten aristokratischer Weltanschauungen und Daseinsformen. Angesichts der Bedrohung \u201evon unten\u201c z\u00e4hlten f\u00fcr die Spitzen der Gesellschaft offenbar gemeinsame Interessen und Erfahrungen mehr als alte Vorstellungen, die sie vordem entzweit hatten. Die noch zu Beginn des Jahrhunderts propagierte Offenheit war nun einer elit\u00e4ren Verschlossenheit gewichen.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte diese sich am Ende des 19. Jahrhunderts verst\u00e4rkenden Z\u00fcge von Intoleranz und Illiberalit\u00e4t, die die hehren Fixsterne am b\u00fcrgerlichen Wertehimmel verblassen lie\u00dfen, als Vorzeichen f\u00fcr das Ende des B\u00fcrgertums werten. Viele Zeitgenossen haben dies getan. Auch einige Historiker sahen bereits um die Jahrhundertwende, viele nach Ende des Ersten Weltkriegs, sp\u00e4testens aber nach 1945 klare Aufl\u00f6sungserscheinungen dieser im 19. Jahrhundert so pr\u00e4genden Gesellschaftsschicht. Auch wenn mittlerweile eine Reihe von Studien eher von einer Beharrungskraft eines gewandelten B\u00fcrgertums ausgehen, erscheint eines deutlich: Vieles, das das B\u00fcrgertum vor 200 Jahren in Gang setzte, hat bis heute noch starke Ausstrahlungskraft. Unsere Gesellschaft heute w\u00e4re eine g\u00e4nzlich andere, ohne die Ideen und Ideale von B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger vor mehr als 200 Jahren.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf die Frage, welcher historischen Epoche seine besondere Sympathie geh\u00f6re, z\u00f6gerte der Historiker Hans-Ulrich Wehler keinen Augenblick. 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