{"id":125027,"date":"2026-06-18T09:55:24","date_gmt":"2026-06-18T07:55:24","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=125027"},"modified":"2026-06-18T09:55:30","modified_gmt":"2026-06-18T07:55:30","slug":"die-soziale-frage-als-kernproblem-des-19-jahrhunderts-ursachen-problemlagen-loesungsansaetze","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/die-soziale-frage-als-kernproblem-des-19-jahrhunderts-ursachen-problemlagen-loesungsansaetze\/","title":{"rendered":"Die soziale Frage als Kernproblem des 19. Jahrhunderts"},"content":{"rendered":"<h3><strong> Vorgehensweise<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Themenformulierung gibt bereits die Gliederung vor, der Ursachen und Hintergr\u00fcnde, Problemlagen und Problemwahrnehmungen sowie L\u00f6sungsans\u00e4tze in jeweils eigenen Abschnitten behandeln wird. Allerdings ergibt sich aus dieser Verfahrensweise keine Dreigliederung, sondern vielmehr eine in sechs Abschnitte. Der Grund daf\u00fcr ist einfach: Bei diesem Thema wird man kaum von einer epochalen Einheit des 19. Jahrhunderts ausgehen d\u00fcrfen. Stattdessen sollen die erste und die zweite H\u00e4lfte des Jahrhunderts getrennt behandelt werden \u2013 mit einer \u00dcberlappungszone in den 1840er und 1850er Jahren.<\/p>\n<p>Das entspricht dem zeitgen\u00f6ssischen Sprachgebrauch. Denn die hier verhandelten Probleme wurden bis in die 1850er Jahre hinein als solche des Pauperismus bezeichnet. Davon hob sich die eigentliche soziale Frage ab \u2013 ein Begriff, der seit den 1840er Jahren Verbreitung fand, sich aber erst in der zweiten Jahrhunderth\u00e4lfte durchsetzte. Vor sechzig Jahren hat Werner Conze diese Differenz in seinem ber\u00fchmt gewordenen Aufsatz \u201eVom P\u00f6bel zum Proletariat\u201c auf den Begriff gebracht und dabei P\u00f6bel nicht pejorativ, sondern als summarische Beschreibung der unterst\u00e4ndischen Schichten gemeint.<\/p>\n<p>Da im Folgenden die deutsche Entwicklung ganz im Vordergrund stehen soll, sei nur am Beispiel der Begriffe deutlich gemacht, dass die deutsche Diskussion und Problemwahrnehmung in einem nationale Grenzen \u00fcberschreitenden Horizont standen. Von \u201epauperism\u201c war erstmals im Zusammenhang der Reform des englischen Armenrechts die Rede, die \u201equestion sociale\u201c hatte franz\u00f6sische Wurzeln, und den deutschen Zeitgenossen waren diese Semantiken wie die gesamteurop\u00e4ischen Problemlagen durchaus vertraut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Das Bev\u00f6lkerungswachstum des 19. Jahrhunderts<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den sechs Gliederungspunkten sei ein siebter vorgeschaltet, denn ohne einen Blick auf die Bev\u00f6lkerungsentwicklung des 19. Jahrhunderts ist das Thema nicht sinnvoll zu behandeln. Hier wie im Folgenden kann es nur um die wichtigsten Entwicklungslinien, nicht aber um deren Differenzierung gehen. Betont sei erstens, dass Deutschland im 19. Jahrhundert ein kr\u00e4ftiges Bev\u00f6lkerungswachstum erlebte. F\u00fcr 1816 wird die Zahl der Menschen auf dem Gebiet des sp\u00e4teren Deutschen Reichs auf etwa 25 Millionen gesch\u00e4tzt, am Vorabend des Ersten Weltkriegs waren es 68 Millionen. Da in diesem Zeitraum rund f\u00fcnf Millionen Deutsche \u2013 zumeist nach \u00dcbersee \u2013 auswanderten und die Einwanderung demgegen\u00fcber nicht ins Gewicht fiel, untersch\u00e4tzen die genannten Zahlen noch das nat\u00fcrliche Bev\u00f6lkerungswachstum, also den \u00dcberschuss der Geburten \u00fcber die Todesf\u00e4lle.<\/p>\n<p>Zweitens fiel dieses Bev\u00f6lkerungswachstum regional unterschiedlich, beispielsweise in S\u00fcddeutschland deutlich schw\u00e4cher aus. Gut ablesbar ist das daran, dass Bayern, W\u00fcrttemberg und Baden 1816 mehr als ein Viertel der deutschen Bev\u00f6lkerung stellten, 1910 nicht einmal mehr ein F\u00fcnftel.<\/p>\n<p>Drittens mag es hilfreich sein, das umstrittene Konzept der demographischen Transition einzuf\u00fchren, mit dem Demographen das starke Bev\u00f6lkerungswachstum des 19. Jahrhunderts zu erkl\u00e4ren suchen. Es geht davon aus, dass vorindustrielle wie industrielle Gesellschaften sich zumeist in einem demographischen Gleichgewichtszustand dergestalt befinden, dass die Zahl der Geburten und die der Todesf\u00e4lle pro Jahr nicht weit voneinander abweichen. W\u00e4hrend aber das vorindustrielle Gleichgewicht durch hohe Geburtenraten und hohe Sterbeziffern gekennzeichnet sein soll, weist das industrielle Gleichgewicht niedrige Geburtenraten und niedrige Sterbeziffern auf. Die dazwischen liegende und f\u00fcr Deutschland ins Kaiserreich zu datierende \u00dcbergangsphase ist nun nach den Annahmen dieses Modells deshalb von besonders starkem Bev\u00f6lkerungswachstum gepr\u00e4gt, weil das Absinken der Sterbeziffer dem Absinken der Geburtenrate vorangeht. Schon ein Blick auf die graphische Darstellung der j\u00e4hrlichen Geburtenrate und Sterbeziffer zeigt, dass die statistischen Daten und die Annahmen des Modells nur sehr unvollkommen zusammen passen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Im Zeichen des Pauperismus: Ursachen und Hintergr\u00fcnde<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gleichwohl \u2013 und das leitet zum ersten Hauptteil \u00fcber, der die erste H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts behandelt, und zu den Ursachen und Hintergr\u00fcnden gesellschaftlicher Problemlagen \u2013 ist das Modell instruktiv. Seine Gleichgewichtsannahmen entsprachen n\u00e4mlich zumindest f\u00fcr die vorindustrielle Zeit dem Denken der Zeitgenossen, das der preu\u00dfische Feldprediger und Statistiker Johann Peter S\u00fc\u00dfmilch um die Mitte des 18. Jahrhunderts anschaulich zusammenfasste: \u201eJedes Dorf hat seine abgemessene Flur und eine gewisse Zahl Ackerh\u00f6fe, wozu dann noch eine proportionierliche Zahl Tagel\u00f6hner und Handwerker geh\u00f6ren. Hat jedes Dorf so viel Menschen und Familien, als es braucht, so erlangt das Heiraten einen Stillstand. Die ledigen und erwachsenen Menschen k\u00f6nnen daher nicht heiraten, wenn sie wollen, sondern wenn der Tod Platz macht.\u201c<\/p>\n<p>Das Heiratsverhalten der Menschen war also der Transmissionsriemen, der sicherstellen sollte, dass die Geburten und die Sterbef\u00e4lle in der Balance blieben. Auch wenn das in S\u00fc\u00dfmilchs Formulierung nicht expliziert wird, liegt auf der Hand, dass sowohl das \u201eob\u201c als auch das \u201ewann\u201c des Heiratens f\u00fcr ein etwaiges Bev\u00f6lkerungswachstum wichtig waren. Um 1800 heirateten die Deutschen wie die westlich einer von Triest nach Danzig verlaufenden Linie lebenden Europ\u00e4er insgesamt vergleichsweise sp\u00e4t, deutlich sp\u00e4ter als die Menschen in den meisten anderen Weltregionen: Frauen im Durchschnitt mit 26, M\u00e4nner mit 28. Gro\u00dfe Unterschiede gab es sowohl regional wie sozial. Und das galt noch mehr f\u00fcr das \u201eob\u201c, also den mancherorts sehr hohen Anteil lebenslang unverheiratet Bleibender. In Teilen Bayerns etwa war im sp\u00e4ten 18. Jahrhundert ein Drittel der erwachsenen Bev\u00f6lkerung unverheiratet. Generell waren zwei Faktoren f\u00fcr hohe Unverheirateten-Anteile verantwortlich: Zun\u00e4chst und vor allem das Anerbenrecht, das daf\u00fcr sorgte, dass wenn, wie S\u00fc\u00dfmilch das formuliert hatte, \u201eder Tod Platz macht\u201c, er eben nur f\u00fcr den Hoferben und seine Frau Platz machte, nicht aber f\u00fcr die nichterbenden Geschwister.<\/p>\n<p>Sodann und in enger Verbindung mit dem Anerbenrecht waren es die funktionalen Bed\u00fcrfnisse der Viehwirtschaft, welche die Nichterben als ledige M\u00e4gde und Knechte an die H\u00f6fe insbesondere der alpinen Regionen banden. Dass hohe Ledigenquoten mit hohen Prozents\u00e4tzen unehelicher Geburten korrelierten, zeigt, dass diese ledigen M\u00e4gde und Knechte ihr Schicksal h\u00e4ufig als hart und ungerecht empfanden.<\/p>\n<p>Aber nicht nur wegen der nachlassenden Verbindlichkeit religi\u00f6ser Normen waren die Voraussetzungen einer Bindung von Heirat und Familiengr\u00fcndung an die \u00dcbernahme des elterlichen Hofes oder des v\u00e4terlichen Handwerksbetriebes um 1800 bereits weitgehend erodiert. Wichtiger war, dass sich zwei Alternativen zu selbst\u00e4ndigem landwirtschaftlichen Vollerwerb herausgebildet hatten, die breiten Bev\u00f6lkerungsschichten die Verheiratung erlaubten. Agrarkapitalismus und Protoindustrie sind die diesbez\u00fcglich einschl\u00e4gigen Ph\u00e4nomene: Unter Agrarkapitalismus versteht die Forschung die spezifische Form der Ausnutzung von Profitchancen, die der Weltmarkt den Getreideproduzenten Nordostdeutschlands auch wegen der N\u00e4he zu den H\u00e4fen der Ostsee bot. In diesen gutsherrschaftlich gepr\u00e4gten Regionen hatten die Gutsbesitzer traditionell dadurch von den steigenden Getreidepreisen zu profitieren gesucht, dass sie ihre Eigenwirtschaft intensivierten, die auf b\u00e4uerlichen Frondiensten aufruhte.<\/p>\n<p>Diese Eigenwirtschaft wurde seit der Mitte des 18. Jahrhunderts durch zwei Prozesse agrarkapitalistisch umgeformt: Zum einen entwickelte sich ein reger Handel mit Ritterg\u00fctern, deren rasch steigende Preise die von der anhaltend guten Agrarkonjunktur gespeisten Gewinnerwartungen vorwegnahmen. Davon ging zum anderen ein erheblicher Druck aus, mit den h\u00e4ufig hoch verschuldeten G\u00fctern h\u00f6here Gewinne zu erwirtschaften. Den Weg hatten die Dom\u00e4nenp\u00e4chter und andere b\u00fcrgerliche P\u00e4chter gewiesen, n\u00e4mlich die Abl\u00f6sung der \u00e4lteren Arbeitsverfassung, deren Aufruhen auf Fronarbeit und Spanndiensten \u00e4u\u00dferst ineffizient war, durch den Einsatz freier Lohnarbeit. Frei waren diese Tagel\u00f6hner vor allem, weil sie frei von Besitz waren, der sie der Notwendigkeit h\u00e4tte entheben k\u00f6nnen, Lohnarbeit zu verrichten.<\/p>\n<p>\u00dcberdies band sie die \u00dcberlassung eines kleinen St\u00fccks Land, das f\u00fcr den Eigenbedarf genutzt werden konnte, an das Gut, f\u00fcr das sie als B\u00fcdner, Einlieger oder Insten arbeiteten. Und schlie\u00dflich, das hat der Verweis auf die staatlichen Dom\u00e4nen indirekt bereits vorweggenommen, war die Durchsetzung des Agrarkapitalismus nord\u00f6stlich der Elbe eng verbunden mit den Agrarreformen, die auf den staatlichen Dom\u00e4nen besonders fr\u00fch die pers\u00f6nliche Freiheit der Bauern gebracht hatten, von deren Durchf\u00fchrung insgesamt aber die adligen Gutsbesitzer insofern die Hauptprofiteure waren, als ihnen immense Landfl\u00e4chen aus Abl\u00f6sungsverpflichtungen und Gemeinheitsteilungen zuwuchsen.<\/p>\n<p>Die agrarkapitalistische Transformation der ostelbischen Getreidewirtschaft, das sei als Zwischenergebnis festgehalten, durchschnitt also f\u00fcr einen erheblichen Teil der Bev\u00f6lkerung die Kette zwischen Erbe und Heirat. Wie wichtig das war, l\u00e4sst sich daran ablesen, dass der Nordosten Deutschlands in der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts das mit Abstand kr\u00e4ftigste Bev\u00f6lkerungswachstum aufwies. Solange die Getreidepreise stiegen \u2013 und das war \u00fcber die Jahrhundertmitte hinaus der Fall \u2013 galten diese Regionen indessen keineswegs als besondere Krisenregionen. Das war dort anders, wo die Protoindustrialisierung M\u00f6glichkeiten geschaffen hatte, auch ohne ausreichende eigene Landwirtschaft eine eigene Familie zu gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Allerdings muss gleich zu Beginn betont werden, dass zeitgen\u00f6ssische Klagen \u00fcber \u201efr\u00fche Ehen zwischen zwei Leuten, die zwar zwey Spinnr\u00e4der, aber kein Bett zusammenbringen\u201c statistisch nicht unterf\u00fcttert sind und die sich daran anschlie\u00dfende These, l\u00e4ndliche Heimgewerbetreibende h\u00e4tten besonders fr\u00fch geheiratet und seien an einer gro\u00dfen Kinderschar zwecks Einbeziehung in den Arbeitsprozess interessiert gewesen, als widerlegt gelten k\u00f6nnen. Konkret reichten die als Protoindustrien bezeichneten l\u00e4ndlichen Heimgewerbe von der Spielzeugfabrikation des Erzgebirges bis zur Uhrenproduktion im Schwarzwald. Zahlenm\u00e4\u00dfig waren indessen die Textilfabrikation und hier insbesondere das Leinengewerbe dominant. Zu finden waren sie vor allem in Mittelgebirgsregionen mit ihren typischerweise schlechten B\u00f6den, die fr\u00fch nebengewerbliche T\u00e4tigkeiten erzwungen hatten. Gro\u00dfe Unterschiede wiesen die Verbindungen zwischen agrarischer und gewerblicher Existenz auf, die bis zur Integration der letzteren in den b\u00e4uerlichen Betrieb reichen konnten, wenn dort eben Flachs angebaut, Garn gesponnen und Leinentuch gewebt wurde.<\/p>\n<p>Weit typischer war dagegen die Ausdifferenzierung dieser Arbeitsschritte, deren \u00dcbernahme in vielen F\u00e4llen nicht eine Existenz ohne jeden Landbesitz erm\u00f6glichte, sondern eine solche ohne ausreichenden Landbesitz. Denn die allermeisten protoindustriellen Gewerberegionen lagen in Realteilungsgebieten, in denen die gleichm\u00e4\u00dfige Aufteilung des Erbes unter allen oder h\u00e4ufiger unter allen m\u00e4nnlichen Kindern l\u00e4ngst zu einer extremen Schrumpfung der Anbaufl\u00e4chen gef\u00fchrt hatte. Insofern ordnet sich die Protoindustrialisierung einerseits ein in den Zwang zu nebengewerblicher T\u00e4tigkeit in \u00e4rmeren Realteilungsgebieten. Dieser lie\u00df zum Beispiel im Hohenzollernschen Jungingen die H\u00e4lfte der m\u00e4nnlichen Erwachsenen den gr\u00f6\u00dften Teil des Jahres als H\u00e4ndler und Hausierer au\u00dferhalb der Heimatgemeinde verbringen, wo ihre Ehefrauen die heimische Kleinlandwirtschaft betrieben. Andererseits waren die l\u00e4ndlichen Heimgewerbe sehr viel direkter mit dem Weltmarkt verbunden und von diesem abh\u00e4ngig. Von der schlesischen Leinenausfuhr zum Beispiel gingen in den vier Jahrzehnten vor der Franz\u00f6sischen Revolution stets zwischen 71 und 83 Prozent nach England, Holland, Frankreich, Spanien, Portugal, Westindien und andere Teile der Welt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Im Zeichen des Pauperismus: Problemlagen und Problemwahrnehmungen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kommen wir von den Ursachen und Hintergr\u00fcnden zu den Problemlagen. Fragt man zun\u00e4chst nach ihrer regionalen Verteilung, dann m\u00fcsste nach dem bisher Gesagten deutlich geworden sein, dass weder die von besonders starkem Bev\u00f6lkerungswachstum gekennzeichneten Gebiete gutsherrschaftlicher Getreidewirtschaft \u00f6stlich der Elbe dazu z\u00e4hlten noch die vom Anerbenrecht und den damit einhergehenden gr\u00f6\u00dferen Bauernwirtschaften gepr\u00e4gten Gebiete wie Bayern oder Westfalen dazu z\u00e4hlten.<\/p>\n<p>Allerdings sollten solche ohnehin allzu pauschalen Aussagen nicht dahingehend missverstanden werden, dort h\u00e4tten idyllische Verh\u00e4ltnisse geherrscht. Auch in Bayern und Westfalen waren die Gro\u00dfbauern eine kleine Minderheit, die an der Spitze einer hierarchisch streng gegliederten d\u00f6rflichen Gesellschaft stand, zu der die ledigen Knechte und M\u00e4gde nicht einmal hinzugerechnet wurden. Das Los der landlosen oder zumindest landarmen Tagel\u00f6hner des deutschen Nordostens war gleichfalls wenig beneidenswert, zumal die dortigen Gutsbesitzer die niedere Gerichtsbarkeit und die Polizei kontrollierten.<\/p>\n<p>Dennoch sind es vor allem die Realteilungsgebiete S\u00fcdwestdeutschlands und die von der Protoindustrie gepr\u00e4gten Regionen mit ihrem durchaus beachtlichen Bev\u00f6lkerungswachstum, die als Kernzonen des Pauperismus n\u00e4her betrachtet werden m\u00fcssen. Hinzu kommen noch die bislang au\u00dfer Acht gebliebenen St\u00e4dte, in denen zahlreiche Handwerkszweige nicht nur \u00fcbersetzt waren, sondern viele Schneider, Schreiner oder Schuhmacher auch in verlagsm\u00e4\u00dfige Abh\u00e4ngigkeit von Verlegern und H\u00e4ndlern geraten waren. Strukturell \u00e4hnelte ihre Lage der der l\u00e4ndlichen Heimgewerbetreibenden, wenngleich sie in aller Regel anders als diese nur f\u00fcr den lokalen Markt arbeiteten. Wie wichtig dieser Unterschied war, zeigte insbesondere die Krise des Leinengewerbes, die in den 1840er Jahren auf einen H\u00f6hepunkt zusteuerte. Wichtige Exportm\u00e4rkte waren bereits in der napoleonischen Zeit weggebrochen, doch standen die Heimgewerbetreibenden erst jetzt einer schier aussichtslosen Situation gegen\u00fcber. Drei Faktoren kamen dabei zusammen: Erstens konnten die deutschen Leinenproduzenten kaum noch mit der englischen und irischen Konkurrenz Schritt halten, die teils eine Konkurrenz von Leinenproduzenten war, vor allem aber die Markt\u00fcberlegenheit der billigen Baumwolle gegen\u00fcber dem Leinen dokumentierte. Zweitens lie\u00df das Maschinengarn keinen Platz f\u00fcr die so zahlreichen Handspinner, produzierte ein Maschinenarbeiter doch die 500-fache Menge an Garn. Viele dieser Handspinner dr\u00e4ngten deshalb drittens in die Leinenweberei, eine kaum erfolgversprechende Ausweichbewegung. Der preu\u00dfische Regierungsrat Bitter schrieb 1853 in seinem \u201eBericht \u00fcber den Nothstand in der Senne zwischen Bielefeld und Paderborn\u201c, also \u00fcber eine von der Handspinnerei gepr\u00e4gte Region, \u201edie jetzt wohl die ungl\u00fccklichsten Bewohner des einst so gewaltigen Westphalen(s) bev\u00f6lkern\u201c. \u00c4hnliche Berichte aus anderen Regionen lie\u00dfen sich m\u00fchelos anf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Dergleichen Elendsschilderungen gingen einher mit dem Bewusstsein von einer neuartigen Problemlage, die als Pauperismus bezeichnet wurde. Brockhaus\u2018 Real-Enzyklop\u00e4die definierte ihn 1846 als \u201eneuerfundenen Ausdruck f\u00fcr eine h\u00f6chst bedeutsame und unheilvolle Erscheinung, die man in Deutschland durch die Worte Massenarmut oder Armentum wiederzugeben versucht hat. Es handelt sich dabei nicht um die nat\u00fcrliche Armut, wie sie als Ausnahme infolge physischer, geistiger oder sittlicher Gebrechen oder zuf\u00e4lliger Ungl\u00fccksf\u00e4lle immerfort einzelne befallen mag; auch nicht um die vergleichsweise D\u00fcrftigkeit, bei der doch eine sichere Grundlage des Unterhalts bleibt. Der Pauperismus ist da vorhanden, wo eine zahlreiche Volksklasse sich durch die angestrengteste Arbeit h\u00f6chstens das notd\u00fcrftige Auskommen verdienen kann \u2026 und dabei immer noch sich in rei\u00dfender Schnelligkeit erg\u00e4nzt und vermehrt.\u201c<\/p>\n<p>Bev\u00f6lkerungsentwicklung und Nahrungsspielraum waren dieser Diagnose zufolge in einer Weise auseinandergetreten, die als skandal\u00f6s empfunden wurde. Das ist umso bemerkenswerter, als Armut traditionell ja nicht als anst\u00f6\u00dfig galt. Thomas Sokoll hat deshalb argumentiert, das eigentliche Skandalon des Pauperismus habe in der Differenzwahrnehmung zwischen den neuen Reicht\u00fcmern der Fr\u00fchindustrialisierung und der Massenarmut bestanden, es habe sich also \u2013 zugespitzt formuliert \u2013 nicht um ein neues Problem, sondern allein um eine neue Wahrnehmung gehandelt.<\/p>\n<p>Das scheint aus zwei Gr\u00fcnden plausibel: Zum einen machen die Quellen doch sehr deutlich, dass die Abh\u00e4ngigkeit von globalen und f\u00fcr die Betroffenen intransparenten M\u00e4rkten die Existenz auch der Arbeitsf\u00e4higen und Arbeitswilligen in neuer Weise bedrohte. Die daraus resultierende Hilflosigkeit kommt in der personalisierenden Ursachensuche zum Ausdruck, wie wir sie zum Beispiel in dem ber\u00fchmten Weberlied \u201eDas Blutgericht\u201c finden: \u201eIhr\u201c, so hei\u00dft es dort an die Verleger gerichtet, \u201eihr seid die Quelle aller Not, \/ Die hier den Armen dr\u00fccket, \/ Ihr seid\u2018s, die ihm das trockne Brot \/ Noch vor dem Mund wegr\u00fccket.\u201c Daran war aber nur so viel richtig, dass das Verlagssystem, dem ein Gro\u00dfteil der hier aufbegehrenden Weber unterlag, einen Gro\u00dfteil der Betriebskosten auf die daheim Arbeitenden abw\u00e4lzte. Denn die Weltm\u00e4rkte zu lenken, das vermochten auch die als Verleger t\u00e4tigen niederschlesischen Leinenkaufleute nicht. Viele hatten sich deshalb schon im fr\u00fchen 19. Jahrhundert aus dem als zu riskant empfundenen Gesch\u00e4ft zur\u00fcckgezogen. Zum anderen fand die in der Pauperismus-Definition des Brockhaus zum Ausdruck kommende Aussichtslosigkeit in der Auswanderung einen ganz unmittelbaren Niederschlag. Protoindustriell gepr\u00e4gte D\u00f6rfer wie das nieders\u00e4chsische Belm verloren ein Drittel ihrer Bev\u00f6lkerung. Zeitlich lag der Schwerpunkt zwischen 1842 und 1857. 1847 verlie\u00dfen 80.000 Menschen Deutschland, 1854 dann 239.000. Dieser vorl\u00e4ufige H\u00f6hepunkt wurde nicht zuf\u00e4llig in einem Jahr erreicht, in dem der Brotpreis, der seit der Erntekrise von 1846\/47 stetig angestiegen war, seinen H\u00f6chststand erreichte.<\/p>\n<p>Aus dieser Korrelation darf man nicht r\u00fcckschlie\u00dfen, es seien die \u00c4rmsten der Armen ausgewandert. Daf\u00fcr setzte die Auswanderung ein zu hohes Ma\u00df an Handlungsf\u00e4higkeit und nicht selten auch finanziellen Mitteln voraus. Aber es waren Kleinbauern und kleine Gewerbetreibende aus den Regionen, in denen die Krise des l\u00e4ndlichen Heimgewerbes und die Armut der dicht bev\u00f6lkerten Realteilungsgebiete ihnen und ihren Familien den Glauben an eine Existenzm\u00f6glichkeit in der Heimat nahmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Im Zeichen des Pauperismus: L\u00f6sungsans\u00e4tze<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei der Suche nach L\u00f6sungsans\u00e4tzen ist zun\u00e4chst an den obrigkeitlichen, das hei\u00dft prim\u00e4r den gemeindlichen Umgang mit den Problemen der Massenarmut zu erinnern. Jeglicher Anspruch auf Unterst\u00fctzung war an das Heimatrecht gebunden, nur in Preu\u00dfen war seit 1842 die gesetzliche M\u00f6glichkeit geschaffen, an einem vom Heimatort verschiedenen Wohnsitz einen Unterst\u00fctzungsanspruch zu erlangen. Die Gemeinden gingen aber nicht nur gegen\u00fcber Ortsfremden mit Zur\u00fcckweisung und Fortschaffung rigoros vor. In den s\u00fcddeutschen L\u00e4ndern verweigerten sie bis in die 1860er Jahre hinein armen Gemeindeangeh\u00f6rigen nicht selten den Ehekonsens, weil sie f\u00fcrchteten, die neugegr\u00fcndeten Familien k\u00f6nnten der Gemeindekasse zur Last fallen. Auf dem H\u00f6hepunkt der Krise in den 1840er und 1850er Jahren unterst\u00fctzten insbesondere badische Gemeinden wiederholt die Auswanderung ihrer B\u00fcrger, die daf\u00fcr auf ihr Heimatrecht und jeden zuk\u00fcnftigen Unterst\u00fctzungsanspruch verzichten mussten.<\/p>\n<p>Man mag diese rigide Armenpolitik s\u00fcddeutscher Gemeinden f\u00fcr engstirnig halten, muss aber sehen, dass sie durchaus dem zeitgen\u00f6ssischen Denken entsprach. So bedurfte in den fr\u00fchen 1830er Jahren f\u00fcr den gemeinhin als altliberal eingesch\u00e4tzten T\u00fcbinger Staatsrechtler Robert von Mohl das \u201eg\u00e4nzliche Verbot der Heiraten D\u00fcrftiger\u201c keiner weiteren Begr\u00fcndung, war doch die aus solchen Ehen hervorgehende Bev\u00f6lkerung f\u00fcr den Staat \u201egef\u00e4hrlich und nutzlos\u201c. Deshalb schloss er auch die Zwangsauswanderung nicht aus: \u201eSoweit nicht Freiwillige sich finden, wird hier das Loos entscheiden m\u00fcssen\u201c. Als Legitimation hierf\u00fcr f\u00fchrte er an: \u201eDie Mehrzahl der B\u00fcrger ist nicht schuldig, sich durch eine Minderzahl die M\u00f6glichkeit zu existieren rauben zu lassen, und kann also den \u00dcberflu\u00df der Bev\u00f6lkerung im Nothfalle mit Gewalt hinausschaffen\u201c.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber solch harschen Positionen in Praxis und Theorie hatte die christlich motivierte Wohlt\u00e4tigkeit menschenfreundlichere Angebote, wobei der \u2013 notgedrungen an ihre materiellen Grenzen sto\u00dfenden \u2013 Fortf\u00fchrung jahrhundertealter Praxis unmittelbar mehr Gewicht zugekommen sein d\u00fcrfte als der Fortentwicklung einer katholischen Soziallehre durch Franz Baader, Franz Buss oder Bischof Ketteler. Das katholische Sozialprogramm traf sich jenseits aller sonstigen Unterschiede mit seinem protestantischen Pendant in der \u00dcberzeugung, \u201edass die soziale Frage nur durch eine christliche Erneuerung der Gesellschaft l\u00f6sbar werde\u201c, dass, wie dies Johann Wichern der im Revolutionsjahr 1848 gegr\u00fcndeten Inneren Mission zur Aufgabe machte, der materielle Pauperismus nur durch die Beseitigung des geistigen Pauperismus behoben werden k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Etwas konkreter fielen die Vorschl\u00e4ge des Centralvereins f\u00fcr das Wohl der arbeitenden Klassen aus, der 1844 als Reaktion auf das durch den schlesischen Weberaufstand einer breiten \u00d6ffentlichkeit bewusst gewordene Elend gegr\u00fcndet worden war. Bemerkenswerter als die Begrenztheit der Vorschl\u00e4ge scheint im R\u00fcckblick, dass der Fluchtpunkt sozialreformerischen Denkens meist schon die moderne Fabrikarbeiterschaft war, auch wenn genossenschaftliche und volksbildnerische Initiativen die Handwerkerschaft durchaus mit einschlossen.<\/p>\n<p>Die Angesprochenen selbst machten sp\u00e4testens in der Revolution von 1848\/49, die ja auch und nicht zuletzt eine soziale Revolution war, deutlich, dass sie ihre Interessen selbst vertreten m\u00fcssten, dass es, wie Stephan Born, der popul\u00e4re Sprecher der Arbeiterverbr\u00fcderung sagte, ohne \u201eOrganisation der Arbeiter\u201c keine Fortschritte geben werde. Aufschlussreich ist, in welcher Richtung nach L\u00f6sungen gesucht wurde. Maschinenst\u00fcrmerische Proteste, die noch in den 1820er Jahren dominiert hatten und dem Weberaufstand von 1844 nicht g\u00e4nzlich fremd waren, spielten 1848\/49 kaum noch eine Rolle.<\/p>\n<p>Einen Ausweg aus der Krise aber suchten die sich in Gewerkschaften zusammenschlie\u00dfenden Buchdrucker und Zigarrenmacher ganz wie die Handwerksmeister durch den Ausschluss von Konkurrenz, zum Bespiel den der weiblichen Besch\u00e4ftigten der Tabakindustrie. Wo dagegen jenseits der kleinen Kreise um Marx und Engels sozialistische Visionen propagiert wurden, waren es solche des Handwerkersozialismus. Sie kreisten um die Idee der Produktivgenossenschaft, die den handwerklich-heimgewerblichen Produzenten den vom Verleger abgeschnittenen Weg zum Verbraucher kollektiv sichern sollte. Mit der Arbeiterfrage, nach der Jahrhundertmitte zunehmend synonym f\u00fcr die soziale Frage verwandt, hatten diese in der Praxis regelm\u00e4\u00dfig scheiternden Projekte wenig zu tun, denn die Arbeiterfrage war immer mehr eine der modernen Fabrikarbeiterschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die Arbeiterfrage: Ursachen und Hintergr\u00fcnde<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Arbeitertypus, den die Sozialreformer seit den 1840er Jahren zunehmend vor Augen hatten, war der Fabrikarbeiter oder nicht selten die Fabrikarbeiterin in der Textilindustrie. Berichte aus dem Ausland wie Friedrich Engels\u2018 Schreckensbild der Lage der Arbeiter in England waren hier ebenso pr\u00e4gend wie die Verh\u00e4ltnisse vor Ort. Namensgebungen wie Cromford f\u00fcr die schon in den 1780er Jahren von Johann Gottfried Br\u00fcgelmann gegr\u00fcndete erste deutsche mechanische Baumwollspinnerei oder die Rede von Chemnitz als dem deutschen Manchester bringen beide Str\u00e4nge zusammen. Solche Textilfabriken, die in den 1840er Jahren auch im niederschlesischen Peterswalde neben der zahlenm\u00e4\u00dfig wichtigeren Protoindustrie bestanden, waren stets Anlass f\u00fcr die \u201eCentralisation der Bev\u00f6lkerung\u201c, wie das 1845 der Fr\u00fchsozialist Moses Hess ausdr\u00fcckte.<\/p>\n<p>Von unternehmerischer Seite gewollt war eine solche Verst\u00e4dterung oft nicht. So tr\u00e4umte etwa Friedrich Wilhelm Harkort 1849: \u201eDie Eisenbahnnetze erlauben bei humaner Behandlung den unteren Klassen sich meilenweit um die St\u00e4dte zu zerstreuen. Wer in der Stadt 15 Silbergroschen gebraucht, kommt auf dem Land mit 10 aus. Als praktisch m\u00f6chte es sich herausstellen, wenn man Arbeiterkolonien durch eigene Pferdebahnen mit den Hauptst\u00e4dten verb\u00e4nde. Solche Vorst\u00e4dte br\u00e4chten der Hauptstadt keine Gefahr, die Leute w\u00e4ren gesund an Leib und Seele im Gegensatz zu der unterbesch\u00e4ftigten, darbenden Hefe des Volkes in den gro\u00dfen St\u00e4dten.\u201c<\/p>\n<p>Aber gleich, ob prim\u00e4r zum Zwecke der Lohnkostensenkung oder als Revolutionsprophylaxe gedacht, eine solche Dezentralisation lie\u00df sich mit der seit der Mitte der 1840er Jahre rasch voranschreitenden Industrialisierung nicht vereinbaren. Gerade von der in Deutschland entscheidenden Montanindustrie gingen starke st\u00e4dtebildende Impulse aus. Die vom Eisenbahnbau zu immer gr\u00f6\u00dferen Produktionsmengen getriebene Eisen- und Stahlindustrie musste sich insbesondere nach dem \u00dcbergang zum Kokshochofen in der unmittelbaren N\u00e4he der Kohlenlagerst\u00e4tten ansiedeln, um Transportkosten zu sparen. Ihnen allen stehen die daraus resultierenden Agglomerationen im Ruhrgebiet, in Oberschlesien oder auch im Saarland vor Augen. Diese von Bergbau und H\u00fcttenindustrie gepr\u00e4gten St\u00e4dte waren reine Arbeiterst\u00e4dte, die jedoch durchaus Wandlungspotential besa\u00dfen. Wie zuvor schon in der Textilstadt Chemnitz der Maschinenbau oder im Wuppertal die Farbenindustrie lagerten sich auch in manchen Zentren der Montanindustrie weitere Industrien an, die sich zun\u00e4chst an den Bed\u00fcrfnisseen der Zechen- und H\u00fcttenbetriebe orientierten, dann aber ihr Angebot diversifizierten.<\/p>\n<p>Die Schwerindustrie war der wichtigste, aber keineswegs der einzige Ansto\u00df zur Verst\u00e4dterung. Ihr Ausma\u00df war enorm und rechtfertigt hoffentlich, dass der Schwerpunkt \u2013 einmal mehr viel zu schematisch \u2013 in diesem zweiten Teil ganz auf der st\u00e4dtischen Welt liegt. Zur Zeit der Reichsgr\u00fcndung lebte lediglich ein Drittel der Bev\u00f6lkerung in Gemeinden mit mehr als 2000 Einwohnern, am Vorabend des Ersten Weltkriegs waren es 60 Prozent. Rein rechnerisch war das gesamte Bev\u00f6lkerungswachstum dieser Zeit \u2013 von etwa 41 auf 68 Millionen \u2013 den St\u00e4dten zugutegekommen.<\/p>\n<p>Dazu ist zweierlei zu sagen. Zum einen fiel der Schwerpunkt des Bev\u00f6lkerungswachstums des 19. Jahrhunderts in die Zeit des Kaiserreichs und das, obwohl an dessen Ende die zuvor angesprochene demographische Transition insofern zu ihrem Abschluss kam, als dass nach der Sterbeziffer auch die Geburtenzahl deutlich sank. Der Blick auf die durchschnittliche Kinderzahl je Frau macht das deutlicher als die Geburtenrate: F\u00fcr den Geburtsjahrgang 1856 lag sie noch \u00fcber f\u00fcnf, f\u00fcr den Geburtsjahrgang 1886 um zweieinhalb. Wirklich sp\u00fcrbar wurde die ver\u00e4nderte Familienplanung der um 1886 geborenen Frauen aber erst w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs und der Weimarer Republik. Zum anderen hatte das Wachstum der St\u00e4dte seine Ursache nicht darin, dass hier die Zahl der Geburten die der Todesf\u00e4lle bei Weitem \u00fcbertroffen h\u00e4tte. Das war lange \u00fcberhaupt nicht der Fall, was vor allem an den schlechten hygienischen Verh\u00e4ltnissen lag. St\u00e4dtewachstum war also lange Zeit auch und vor allem das Resultat von Zuwanderung, die dann ihrerseits das nat\u00fcrliche Bev\u00f6lkerungswachstum verst\u00e4rkte, weil Zuwanderer in der Regel junge Erwachsene waren, die oft erst am Zuwanderungsort Familien gr\u00fcndeten.<\/p>\n<p>Seit den 1870er Jahren waren die Arbeitsm\u00e4rkte des l\u00e4ndlichen Umfelds etwa des Ruhrgebiets bereits leergefegt, sodass neben die sonst dominante Nahwanderung die Fernwanderung treten musste. Dass sie oft ihren Ursprung in den polnisch-sprachigen Regionen des \u00f6stlichen Preu\u00dfen hatte, ist allgemein bekannt. Der agrarisch gepr\u00e4gte Nordosten wurde aber nicht nur zum Arbeitskr\u00e4ftereservoir der Industrieregionen des Landes, sondern zunehmend auch zum Schwerpunkt der \u00dcberseeauswanderung.<\/p>\n<p>Das lag nicht am Mangel an Nachfrage nach Landarbeitern, den vielmehr die Arbeitgeber mit dem Begriff der \u201eLeutenot\u201c dramatisierten. Eher erfasste wohl Max Weber die tieferliegenden Ursachen, als er 1895 meinte: \u201eZwischen den Gutskomplexen der Heimat giebt es f\u00fcr den Tagel\u00f6hner nur Herren und Knechte und f\u00fcr seine Nachfahren im fernsten Glied nur die Aussicht, nach der Gutsglocke auf fremdem Boden zu scharwerken. In dem dumpfen, halbbewu\u00dften Drang in die Ferne liegt ein Moment eines primitiven Idealismus verborgen. Wer es nicht zu entziffern vermag, der kennt den Zauber der Freiheit nicht.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die Arbeiterfrage: Problemlagen und Problemwahrnehmungen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun erwartete die Fortziehenden weder in den Vereinigten Staaten noch in den Industriemetropolen des deutschen Kaiserreichs ein Reich der Freiheit. Das f\u00fchrt zu den f\u00fcr die zweite Jahrhunderth\u00e4lfte typischen Problemlagen, die zum einen und vor allem solche der industriellen Arbeitswelt, zum anderen solche der st\u00e4dtischen Lebenswelt waren. Die wichtigste und allgemeinste der hier zu beobachtenden Entwicklungstendenzen war sicherlich, dass der Klassencharakter der Lohnarbeit immer klarer hervortrat und als Gemeinsamkeit proletarischer Existenz empfunden wurde. Damit ist zum einen gemeint, dass \u00e4ltere Formen, wie das im Handwerk \u00fcbliche Gew\u00e4hren von Kost und Logis f\u00fcr die Gesellen, die das Austauschverh\u00e4ltnis von Arbeit gegen Lohn verh\u00fcllten, an Bedeutung verloren. Das gilt auch f\u00fcr Existenzformen, die wir heute mit dem Etikett der Scheinselbst\u00e4ndigkeit belegen w\u00fcrden und die wir in der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts im l\u00e4ndlichen Heimgewerbe wie im st\u00e4dtischen Handwerk angetroffen haben. Zum anderen diktierten im rasch gr\u00f6\u00dfer werdenden Industriebetrieb zunehmend Maschinen den Rhythmus der immer st\u00e4rker arbeitsteiligen T\u00e4tigkeit. Diese war zudem r\u00e4umlich klarer denn je von anderen Lebensbereichen geschieden. Bilder von Ehefrauen, die in der Mittagspause ihren M\u00e4nnern eine Mahlzeit ans Werkstor bringen, zeigen, dass dies wie das neue Zeitregime der Fabrik als ungew\u00f6hnlich empfunden wurde. Das gibt dem Begriff der Entfremdung eine gewisse Plausibilit\u00e4t.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich trat der Herrschaftscharakter industrieller Lohnarbeit immer deutlicher hervor, teils, weil die Delegierung von Befehlsgewalt diese anonymisierte und fr\u00fchere Abmilderungen durch pers\u00f6nliche Vertrautheit verschwinden lie\u00df, teils, weil gerade Gro\u00dfunternehmer einen autorit\u00e4ren Herr-im-Hause-Standpunkt vertraten. Dieser von dem Industriesoziologen G\u00f6tz Briefs als Betriebsmilitarismus bezeichnete F\u00fchrungsstil verst\u00e4rkte ein Gef\u00fchl von Machtlosigkeit, das schon die staatliche Haltung gegen\u00fcber der Arbeiterschaft h\u00e4ufig hervorrief. Bei Streiks war wegen der Schw\u00e4che der Polizei die Schwelle zum Einsatz von Milit\u00e4r niedrig, als W\u00e4hler mussten sich die Arbeiter angesichts des plutokratischen Wahlrechts vor allem auf kommunaler Ebene diskriminiert f\u00fchlen, und auch das Gerichtswesen wurde nicht nur von sozialistischen Agitatoren als Klassenjustiz wahrgenommen.<\/p>\n<p>Erich M\u00fchsams Gedicht \u201eFiat justitia\u201c brachte das gut zum Ausdruck: \u201eWas tut man dem zubilligen, der einem Arbeitswilligen \/ Den Namen \u201aSchuft\u2018 erteilt? \/ Was gibt man dem, der in der Not \/ Ein Markst\u00fcck stiehlt und ein` Laib Brot, \/ wenn ihn das Recht ereilt? (\u2026) Ich wei\u00df es nicht! Ich wei\u00df es nicht! \/ Ich wei\u00df nur, da\u00df ein Strafgericht \/ gar schrecklich niederf\u00e4hrt! \/ Ich wei\u00df, da\u00df sich das Zuchthaus weit \/ stets \u00f6ffnet der Gerechtigkeit \/ und auf kein Mitleid h\u00f6rt. Nur wenn einmal ein Offizier \/ totschindet einen Musketier, dann h\u00e4lt man das f\u00fcr Quark! \/ Und pr\u00fcgelt ein Agrarier \/ tot einen Proletarier, \/ dann kost`s dreihundert Mark!\u201c<\/p>\n<p>Was schlie\u00dflich die proletarische Lebenserfahrung noch zunehmend einheitlicher werden lie\u00df, war ein spezifisch proletarischer Lebenszyklus, der Alter und Einkommen in der Weise zusammenbrachte, dass vergleichsweise gut verdienende junge Arbeiter eine Ansparphase f\u00fcr den sp\u00e4teren Hausstand erlebten, nach der Verheiratung und der Geburt der ersten Kinder, die in der Regel die Ehefrau an der Fortsetzung ihrer Berufst\u00e4tigkeit hinderten, eine erste Armutsphase durchmachten, aus der die proletarische Familie mit dem \u00c4lterwerden der Kinder wieder herauswuchs. Bei deren Auszug fehlte dann nicht nur ihr Beitrag zum Familieneinkommen, sondern der Ehemann hatte in aller Regel ein Alter jenseits der 40 erreicht, in welchem aufgrund nachlassender K\u00f6rperkraft seine Lohnh\u00f6he r\u00fcckl\u00e4ufig war.<\/p>\n<p>Den so notgedrungen ganz allgemein gefassten Tendenzen zur Homogenisierung der Lage der Arbeiterklasse standen durchaus gegenl\u00e4ufige Entwicklungen entgegen. Konfession und Sprache blieben Trennlinien, wie die Entstehung christlicher und teils auch polnischer Gewerkschaften belegt. Vor allem aber gab es enorme Unterschiede hinsichtlich der Qualifikation und des Lohnniveaus. Arbeiteraristokraten wie die hochqualifizierten Buchdrucker konnten leicht das F\u00fcnffache dessen verdienen, was eine Fabrikarbeiterin in der Textilindustrie nach Hause brachte. Umso bemerkenswerter und wichtigster Beleg f\u00fcr das behauptete gemeinsame Empfinden einer geteilten Klassenlage ist die Organisation der deutschen Arbeiterschaft in Branchengewerkschaften, die wie der Deutsche Metallarbeiterverband die Interessen aller in einer Industrie T\u00e4tigen vertraten und nicht wie die in England typischen kleinen Berufsgewerkschaften nur die Angeh\u00f6rigen eines besonderen Ausbildungsgangs. Dennoch waren mit den enormen Lohnunterschieden typische Ambitionen wie der Familienlohn verbunden, also die Vorstellung, der Lohn des m\u00e4nnlichen Familienoberhaupts m\u00fcsse f\u00fcr den Unterhalt der ganzen Familie ausreichen, aber auch Anspr\u00fcche ans Wohnen wie die vieldiskutierte \u201egute Stube\u201c, ein f\u00fcr repr\u00e4sentative Zwecke reserviertes Zimmer, dessen seltene Nutzung angesichts der sonstigen Enge der proletarischen Wohnverh\u00e4ltnisse das Kopfsch\u00fctteln b\u00fcrgerlicher Beobachter provozierte.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich wurden die proletarischen Wohnverh\u00e4ltnisse als defizit\u00e4r in zweierlei Hinsicht beschrieben: quantitativ und qualitativ. Bezeichnend f\u00fcr ersteres scheint, dass hinsichtlich der schieren Wohnungsversorgung die zeitgen\u00f6ssischen Statistiker von der \u00dcberf\u00fcllung einer Wohnung nur dann ausgingen, wenn auf ein heizbares Zimmer mehr als f\u00fcnf oder sechs Bewohner kamen. Dennoch waren etwa in Berlin-Mitte in den 1870er Jahren mehr als zehn Prozent aller Wohnungen \u00fcberf\u00fcllt. Die hier wie in zahllosen Kellerwohnungen un\u00fcbersehbare Enge lie\u00df Wohnungsreformer nach mehr Licht und mehr Luft rufen, da sie glaubten, nur Bel\u00fcftung und Sonnenschein k\u00f6nne bewirken, dass die Miasmen, gef\u00e4hrliche Ausd\u00fcnstungen, in denen sie den Ursprung der meisten Krankheiten erblickten, ausgetrocknet w\u00fcrden. Das war im Kaiserreich wissenschaftlich nicht mehr der neueste Stand, blieb aber bis zur Hamburger Cholera-Epidemie von 1892 einflussreich. Die Angst vor Seuchen und die daraus resultierenden hygienischen Bedenken wurden allm\u00e4hlich abgel\u00f6st von moralischen, die ihren Ursprung darin hatten, dass viele Arbeiterfamilien Schlafgelegenheiten an Familienfremde vermieteten, um so das karge Familieneinkommen aufzubessern. Die von b\u00fcrgerlichen Beobachtern gemalten Schreckensszenarien sexueller Beziehungen zwischen diesen Schlafg\u00e4ngern und den weiblichen Familienangeh\u00f6rigen waren sicherlich ma\u00dflos \u00fcberzogen, doch ist andererseits die von Franz-Josef Br\u00fcggemeier entwickelte These umstritten geblieben, aus dieser spezifischen Wohnform sei eine St\u00e4rkung proletarischer Solidarit\u00e4t erwachsen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die Arbeiterfrage: L\u00f6sungsans\u00e4tze<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fragt man abschlie\u00dfend nach L\u00f6sungsans\u00e4tzen, so sind solche im Bereich der Wohnungsversorgung am ehesten auf betrieblicher Ebene auszumachen. Die St\u00e4dte bauten allenfalls f\u00fcr ihre eigenen Bediensteten, und staatlicherseits wurde lediglich dergestalt Hilfe geleistet, dass den Landesversicherungsanstalten die Kreditfinanzierung genossenschaftlichen Bauens erlaubt wurde. Direkt aktiv wurden allein einige Betriebe gerade in den Montanregionen, die nur mithilfe von Betriebswohnungen meinten, Arbeitskr\u00e4fte anlocken und auf Dauer an sich binden zu k\u00f6nnen. Dass mit dem betrieblichen Wohnungsbau die Absicht einer Pazifizierung der Belegschaft einherging, \u00e4ndert nichts daran, dass dort, wo die Werkswohnungen einen nennenswerten Anteil hatten, die Wohnungsversorgung insgesamt \u00fcberdurchschnittlich ausfiel.<\/p>\n<p>Nun war die Wohnungsfrage nur insofern Teil der Arbeiterfrage, als sie Kleinwohnungs- beziehungsweise Arbeiterwohnungsfrage war. Von ungleich gr\u00f6\u00dferer Bedeutung war \u2013 gerade auch in l\u00e4ngerfristiger Perspektive \u2013 die Bismarck\u2018sche Sozialpolitik, die eben nicht mehr Armenpolitik war, sondern am Arbeitsverh\u00e4ltnis der von ihr erfassten Personen ansetzte und dabei nicht l\u00e4nger als die fr\u00fchere Arbeiterschutzpolitik allein auf besonders schutzbed\u00fcrftige Besch\u00e4ftigtengruppen wie Kinder und Frauen abzielte. Die systemstabilisierenden Intentionen Bismarcks, der etwa mit dem Alters- und Invalidengesetz am liebsten eine Gruppe beitragsfreier Staatsrentner geschaffen h\u00e4tte, sind gut bekannt. Er konnte sie nur partiell verwirklichen. Entscheidend aber war, dass zentrale Risiken der Arbeiterexistenz nun auf dem Wege der Versicherung abgefedert wurden, allen voran das Risiko der Invalidit\u00e4t und der Krankheit 1883\/84. Die Ausrichtung der Beitr\u00e4ge am Bruttolohn, die Heranziehung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu Beitr\u00e4gen und die Beteiligung beider an den Selbstverwaltungsorganen der Zwangskassen gem\u00e4\u00df ihres Beitragsanteils (1:2) \u2013 all das waren bis in die Gegenwart wirksame Regelungen, die am Vorabend des Ersten Weltkriegs mehr als sechzig Prozent der Bev\u00f6lkerung, also der gro\u00dfen Mehrheit der abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten zugutekamen.<\/p>\n<p>Sehr viel geringer war der Kreis der Nutznie\u00dfer der 1889 eingef\u00fchrten Alters- und Invalidit\u00e4tsversicherung, weil zum einen nur jeder f\u00fcnfte Mann und jede vierte Frau das zum Rentenbezug erforderliche Alter von 70 Jahren erreichte und zum anderen die Rentenh\u00f6he hinter dem Existenzminimum zur\u00fcckblieb. Und dennoch: Ans\u00e4tze zur Absicherung der wichtigsten Risiken proletarischer Existenz mit Ausnahme der Arbeitslosigkeit waren 1890 staatlicherseits gemacht. Erg\u00e4nzt wurden sie durch vielf\u00e4ltige kommunale Initiativen, die den franz\u00f6sischen Historiker Pierre Aycoberry so beeindruckt haben, dass er argumentiert hat, die deutschen Arbeiter seien 1914 auch zur Verteidigung der Errungenschaften der kommunalen Sozialpolitik in den Krieg gezogen.<\/p>\n<p>Das scheint \u00fcbertrieben. Deutlich ist indessen, dass die angesprochenen sozialpolitischen Innovationen von einer breiten sozialreformerischen Bewegung mit getragen wurden, deren von den \u00e4lteren F\u00fchrungsfiguren des Vereins f\u00fcr Socialpolitik verk\u00f6rperte Mainstream Bismarcks \u00dcberzeugung teilte, \u201eaber die soziale Frage l\u00f6sen kann nur der Staat\u201c. Die dar\u00fcber hinausdr\u00e4ngenden Bem\u00fchungen j\u00fcngerer Sozialwissenschaftler wie Werner Sombart oder Max Weber, denen es um die Integration von Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung ging, die eine Demokratisierung und Parlamentarisierung des Kaiserreichs vorausgesetzt h\u00e4tte, waren allenfalls teilweise erfolgreich. So fanden sich in der um die Jahrhundertwende gegr\u00fcndeten und zun\u00e4chst ma\u00dfgeblich von Sombart gepr\u00e4gten Gesellschaft f\u00fcr soziale Reform zwar neben Professoren und Ministerialbeamten auch die Vertreter der christlichen Gewerkschaften und der liberalen Gewerkvereine sowie f\u00fchrende Repr\u00e4sentanten des Sozialkatholizismus wie Franz Hitze oder des Sozialliberalismus wie Ernst Francke zusammen, aber die Einbeziehung zumindest von Teilen der Sozialdemokratie gelang nicht. Diese betrachtete nicht ohne Grund die beabsichtigte breite Reformkoalition mehrheitlich als Spaltungsversuch, der den rechten Fl\u00fcgel der Partei zur b\u00fcrgerlichen Linken hin\u00fcberziehen sollte.<\/p>\n<p>Allerdings wurzelte eine solche Spaltung der sozialistischen Linken insofern letztlich in der Sache selbst, als dem Glauben an einen v\u00f6lligen Umsturz eher mit der Zuspitzung bestehender Klassengegens\u00e4tze gedient war, w\u00e4hrend die kontinuierliche Arbeit an der Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen des Proletariats eine eher evolution\u00e4re Ver\u00e4nderung des Systems anstreben musste. Dass sich die Vertreter des zweiten, also des reformerischen Weges in der deutschen Sozialdemokratie bis 1914 nicht eindeutig durchsetzen konnten, war der massiven Ausgrenzung von Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung geschuldet, wie sie das Sozialistengesetz festgeschrieben hatte und wie sie vom preu\u00dfischen Dreiklassenwahlrecht bis in den Krieg hinein symbolisch festgehalten wurde.<\/p>\n<p>Insofern l\u00e4sst sich bilanzieren, dass die kommunale und staatliche Sozialpolitik gest\u00fctzt auf eine breite b\u00fcrgerliche und konfessionelle Reformkoalition bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs erhebliche Fortschritte bei der L\u00f6sung der sozialen Frage gemacht hatte, dass aber die politischen Blockierungen des Verfassungssystems verhinderten, dass diese Fortschritte einen breiten gesellschaftlichen Grundkonsens fundierten.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorgehensweise &nbsp; Die Themenformulierung gibt bereits die Gliederung vor, der Ursachen und Hintergr\u00fcnde, Problemlagen und Problemwahrnehmungen sowie L\u00f6sungsans\u00e4tze in jeweils eigenen Abschnitten behandeln wird. 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