{"id":125037,"date":"2026-06-18T11:27:37","date_gmt":"2026-06-18T09:27:37","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=125037"},"modified":"2026-06-18T11:27:43","modified_gmt":"2026-06-18T09:27:43","slug":"konfrontation-mit-der-moderne-richtungskaempfe-in-katholischer-kirche-und-theologie","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/konfrontation-mit-der-moderne-richtungskaempfe-in-katholischer-kirche-und-theologie\/","title":{"rendered":"Confrontation with modernity"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kirchen- und Theologiegeschichte ist zu allen Zeiten bewegt gewesen, doch spricht Vieles daf\u00fcr, dass sich im langen 19. Jahrhundert besonders tiefgreifende Umbr\u00fcche vollzogen oder zumindest angebahnt haben: Die Bildung moderner Nationalstaaten, das Auseinandertreten von Staat und Gesellschaft und die beginnende Differenzierung relativ autonomer Kultursph\u00e4ren, die sich im Zeichen der Aufkl\u00e4rung weitgehend von kirchlichem oder staatlichem Einfluss emanzipieren. Diese Prozesse haben auch die kirchlichen Landschaften umgepfl\u00fcgt. In ihnen zerfallen nach und nach die Lebenswelten der Fr\u00fchen Neuzeit, in denen die christlichen Konfessionen unbestritten die Hauptrolle als gesellschaftliche Integrationsebene gespielt hatten. Ihre Riten und Lehrinhalte strukturierten zuvor die Lebenswelt und vermittelten letzten Sinn und Halt.<\/p>\n<p>Im 19. Jahrhundert muss das Christentum mit alternativen Integrationsideologien konkurrieren, vor allem mit dem Nationalismus, der nicht mehr das rechte Leben vor Gott, sondern die Nation als letzten Wert proklamierte. Vor diesem Hintergrund hat man die Zeit seit 1789, also das lange 19. Jahrhundert bis 1914, gerne im Sinne eines einlinigen S\u00e4kularisierungsprozesses beschrieben: In dieser Zeit sei die religi\u00f6se Weltdeutung gewisserma\u00dfen verdunstet und die Welt zunehmend rein weltlich, eben s\u00e4kular geworden.<\/p>\n<p>Das sahen das einige Intellektuelle auch schon im 19. Jahrhundert genauso: Als Beispiel sei ein Gedicht von Matthew Arnold genannt: Arnold war Anglikaner, Sohn des ber\u00fchmten Doktor Thomas Arnold, des \u201eheadmasters\u201c der Rugby School. Er war zun\u00e4chst t\u00e4tig als Schulinspektor und dann in Oxford als Professor of Poetry. Arnold sah die innere Aush\u00f6hlung des anglikanischen Christentums nicht zuletzt durch die moderne Wissenschaft, vor allem auch die historisch-kritische Bibelforschung im deutschen Protestantismus, die bis nach England wirkte und alte dogmatische Gewissheiten relativierte. Arnold bem\u00fchte sich, durch seine Bildungsarbeit wenigstens die moralisch-kulturellen Werte des Christentums zu retten, wenn sich schon seine historisch-dogmatische Grundlage scheinbar zusehends verfl\u00fcssigte.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt die Poesie sollte die Funktion der Religion \u00fcbernehmen, Religion also in Kultur \u00fcberf\u00fchrt werden. Arnolds poetische Beschreibung dieses Prozesses geh\u00f6rt zu den Klassikern englischer Dichtkunst. \u201eDover Beach\u201c von 1867 evoziert den Strand vor den Klippen von Dover, wo Arnold selbst 1851 seine Flitterwochen verbracht hatte. Auch das lyrische Ich des Gedichtes richtet seine Betrachtungen an seine Geliebte:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dover Beach (1867) von Matthew Arnold (1822\u201388)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>THE SEA is calm to-night.<\/p>\n<p>The tide is full, the moon lies fair<\/p>\n<p>Upon the straits;\u2014on the French coast the light<\/p>\n<p>Gleams and is gone; the cliffs of England stand,<\/p>\n<p>Glimmering and vast, out in the tranquil bay.<\/p>\n<p>Come to the window, sweet is the night-air!<\/p>\n<p>Only, from the long line of spray<\/p>\n<p>Where the sea meets the moon-blanch\u2019d sand,<\/p>\n<p>Listen! you hear the grating roar<\/p>\n<p>Of pebbles which the waves draw back, and fling,<\/p>\n<p>At their return, up the high strand,<\/p>\n<p>Begin, and cease, and then again begin,<\/p>\n<p>With tremulous cadence slow, and bring<\/p>\n<p>The eternal note of sadness in.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sophocles long ago<\/p>\n<p>Heard it on the \u00c6g\u00e6an, and it brought<\/p>\n<p>Into his mind the turbid ebb and flow<\/p>\n<p>Of human misery; we<\/p>\n<p>Find also in the sound a thought,<\/p>\n<p>Hearing it by this distant northern sea.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>The sea of faith<\/p>\n<p>Was once, too, at the full, and round earth\u2019s shore<\/p>\n<p>Lay like the folds of a bright girdle furl\u2019d.<\/p>\n<p>But now I only hear<\/p>\n<p>Its melancholy, long, withdrawing roar,<\/p>\n<p>Retreating, to the breath<\/p>\n<p>Of the night-winds, down the vast edges drear<\/p>\n<p>And naked shingles of the world.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ah, love, let us be true<\/p>\n<p>To one another! for the world, which seems<\/p>\n<p>To lie before us like a land of dreams,<\/p>\n<p>So various, so beautiful, so new,<\/p>\n<p>Hath really neither joy, nor love, nor light,<\/p>\n<p>Nor certitude, nor peace, nor help for pain;<\/p>\n<p>And we are here as on a darkling plain<\/p>\n<p>Swept with confus\u2019d alarms of struggle and flight,<\/p>\n<p>Where ignorant armies clash by night.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Obwohl Arnold die \u201eSee des Glaubens\u201c im R\u00fcckzug sah, wandte er sich in seinen sp\u00e4teren Lebensjahren immer mehr theologischen Schriften zu und erkannte, dass es ohne Religion doch nicht gehe \u2013 allerdings mit der Religion, die vorhanden war, auch nicht. Arnold wurde so zum Vorl\u00e4ufer des theologischen Modernismus im anglikanischen Christentum. Dieses Ph\u00e4nomen, dass sich in allen christlichen Konfessionen Tendenzen bilden, die das Christentum anschlussf\u00e4hig an die neue Zeit machen wollen, deutet schon darauf hin, dass die Analyse eines blo\u00dfen S\u00e4kularisierungsprozesses zu kurz greift. S\u00e4kularisierung geschieht zwar, doch gibt es zumal im 19. Jahrhundert starke gegenl\u00e4ufige Trends.<\/p>\n<p>Die neuere historische Forschung betont deshalb die Bedeutung des religi\u00f6sen Aufschwungs, des religious revival in seinen verschiedenen Auspr\u00e4gungen im 19. und 20. Jahrhundert. Die Kirchen verlieren zwar ihre Monopolstellung, mobilisieren daf\u00fcr aber st\u00e4rker als zuvor ihre Anh\u00e4nger. Dazu kommen viele neue freikirchliche Gruppen, Sekten und andere Transformationen des Religi\u00f6sen. So schwappt um 1900 eine Mystik-Welle \u00fcber Europa, die sich im internationalen Erfolg von B\u00fcchern wie Evelyn Underhills \u201eMysticism\u201c oder dem \u201eSanto\u201c von Antonio Fogazzaro widerspiegelt. Speziell im Katholizismus wird als \u201erevival\u201c besonderer Art dabei die ultramontane Bewegung des 19. Jahrhunderts genannt, die f\u00fcr eine kompromisslose Zentrierung der Kirche auf den Papst eintrat und effektiv an die Mittel der traditionalen Fr\u00f6mmigkeit ankn\u00fcpfte, um eine Mobilisierung der Gl\u00e4ubigen zu erreichen. Hatte die Aufkl\u00e4rung etwa das Wallfahrtswesen als unn\u00fctze \u00e4u\u00dferliche Form der Religiosit\u00e4t kritisiert, so belebten es die Ultramontanen neu und inszenierten mit der Trierer Heilig Rock-Wallfahrt von 1844 das gr\u00f6\u00dfte Massenereignis des Vorm\u00e4rz mit einer halben Million Teilnehmern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass gerade die r\u00f6misch-katholische Kirche im 19. Jahrhundert auch Aufschw\u00fcnge kannte, verdeutlicht das zweite englische Beispiel einer Person, die Matthew Arnold in Oxford \u00fcbrigens gut kannte: John Henry Newman bem\u00fchte sich als anglikanischer Theologe zun\u00e4chst darum, die englische, stark protestantisch gepr\u00e4gte Staatskirche wieder st\u00e4rker im Sinne des altchristlichen Vorbildes zu \u201ekatholisieren\u201c. 1845 zog Newman aber den Schluss, dass es die von ihm gew\u00fcnschte Kirche schon gebe: n\u00e4mlich in der r\u00f6misch-katholischen.<\/p>\n<p>Er konvertierte also und begr\u00fcndete dies in seiner \u201eApologia pro vita sua so\u201c: \u201eDie Hauptursache davon lag vermutlich in dem Gegensatz (zur anglikanischen Kirche), der sich mir in der katholischen Kirche darbot. Denn ich sah pl\u00f6tzlich eine Wirklichkeit vor mir, die etwas ganz Neues f\u00fcr mich war. Ich f\u00fchlte, dass ich mir nicht durch eigene Gedankenarbeit eine Kirche schaffen musste; ich brauchte keinen Akt des Glaubens an sie zu erwecken; ich musst mich nicht m\u00fchsam in eine Stellung hineinzwingen, sondern mein Geist fand Ruhe und Frieden, und ich staunte sie fast unt\u00e4tig an als eine gro\u00dfe objektive Tatsache. Ich betrachtete sie, \u2013 ihre Riten, Zeremonien und Geboten; und ich sagte: \u201aDas ist eine Religion\u2018, und wenn ich dann auf die arme anglikanische Kirche zur\u00fcckschaute, f\u00fcr die ich so viel gelitten hatte, und auf alles, was sie anging, und an unsere verschiedenen Versuche (im Oxford Movement) dachte, sie in der Lehre und Ethik zu heben, so schien sie mir wirklich ein Nichts zu sein.\u201c<\/p>\n<p>Gerade in der wachsenden Un\u00fcbersichtlichkeit der Moderne, in der die anglikanische Established Church als nationale Einrichtung langsam an Boden verlor, gewann die r\u00f6mische Kirche in ihrer vermeintlich geschlossenen Objektivit\u00e4t f\u00fcr Newman an Anziehungskraft. Freilich hatte er auch in dieser neuen religi\u00f6sen Heimat einiges zu leiden, zumal im Umkreis des Ersten Vatikanums, bis ihn Leo XIII. dann zum Kardinal machte.<\/p>\n<p>Die Zeit ab 1789 ist also gleicherma\u00dfen von S\u00e4kularisierung und religi\u00f6sen Aufbr\u00fcchen gekennzeichnet. Diese Prozesse sind dabei aber von den Rahmenbedingungen der Moderne gepr\u00e4gt. Die Art der Verh\u00e4ltnisbestimmung zur Moderne induziert auch spezifische Gruppenbildungen innerhalb der christlichen Konfessionen. Auf der einen Seite die limitiert Verst\u00e4ndigungsbereiten, die der Moderne aber durchaus nicht kritiklos gegen\u00fcberstehen: sie hei\u00dfen im Protestantismus vor allem \u201eLiberale Protestanten\u201c oder Kulturprotestanten, im Katholizismus nennt man sie katholische Sp\u00e4taufkl\u00e4rer, Liberale Katholiken, Reformkatholiken, Modernisten. Auf der anderen Seite die eher Konservativen, die eine Kontrastgesellschaft zur schlechten Moderne bilden wollen, also etwa konservative Lutheraner und Evangelikale, oder bei den Katholiken die Ultramontanen, die Antimodernisten und Integralisten. Doch selbst diese modernit\u00e4tskritischen Gruppen k\u00f6nnen sich den Wirkungen der Moderne nicht entziehen und nutzen zumindest deren strukturelle M\u00f6glichkeiten zur Durchsetzung ihrer Ziele und erreichen damit zum Teil ungewollt modernisierende Wirkungen, sind formal gesehen oft sogar \u201emoderner\u201c als die theologisch Liberalen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Konkretisieren wir diesen Befund anhand der kirchlich-theologischen Situation in Deutschland vor 1848. Welche Tendenzen waren hier pr\u00e4gend und standen in Spannung zueinander?<\/p>\n<p>Landl\u00e4ufig verbindet man mit Aufkl\u00e4rung eher die Kirchenkritik eines Voltaire mit seinem \u201eEcrasez l\u2019infame\u201c. Doch gab es gerade in Deutschland eine durchaus kirchlich gesinnte katholische Aufkl\u00e4rung, die sich schon zu Zeiten der Reichskirche Bahn brach und bis circa 1830 wirksam war. Diese \u201ekatholische Aufkl\u00e4rung\u201c pr\u00e4gte zun\u00e4chst ein irenisches Verh\u00e4ltnis zum Protestantismus, also ein Zur\u00fcckschrauben des Konfessionalismus, der die Katholische Kirche nach dem Konzil von Trient gepr\u00e4gt hatte. Theologisch kritisierte man die Scholastik, also die vor allem durch Thomas von Aquin gepr\u00e4gte mittelalterliche Schultheologie, die man als zu kompliziert und spitzfindig ansah. Man wollte wieder zur\u00fcck zu den Quellen und f\u00f6rderte das Studium der Bibel und der Kirchenv\u00e4ter. Allgemein wollte man die Bildung des Klerus heben, dem man das Ideal des Hirten der Pfarrgemeinde vor Augen stellte. Damit wurde im Grunde genommen auch eine Forderung des Konzils von Trient eingel\u00f6st, das aus den geistlichen Pfr\u00fcnde-Inhabern wieder wahre Seelsorger machen wollte. Die Pfarrgemeinde wurde deshalb nicht umsonst Zentrum einer katholisch-aufgekl\u00e4rten Kirchenreform. Auch in der Liturgie sann man auf Klarheit und Einfachheit: Die deutsche Sprache sollte einen m\u00f6glichst gro\u00dfen Raum einnehmen, der Ritus f\u00fcr das Volk verst\u00e4ndlich werden. Besonderen Wert legte man auf die Predigt, in der Glaubensverk\u00fcndigung und moralisch-p\u00e4dagogische F\u00fchrung des Volks verbunden wurden.<\/p>\n<p>Mit Misstrauen blickten die katholischen Aufkl\u00e4rer auf das hergebrachte Wallfahrtswesen des barocken Katholizismus, das sich in traditionalen Lebenswelten wie Oberschwaben oder dem M\u00fcnsterland hartn\u00e4ckig hielt. Nach Ansicht des aufgekl\u00e4rten Klerus sollten die Leute nicht st\u00e4ndig zu irgendwelchen Events an anderen Orten \u201eauslaufen\u201c, sondern sich Sonntag f\u00fcr Sonntag um ihren eigenen Hirten scharen und sich von ihm leiten lassen. Die volksfestartige Ausgestaltung der Wallfahrten sah man als Gef\u00e4hrdung der \u00f6ffentlichen Moralit\u00e4t an.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zur Aufkl\u00e4rung ist der religi\u00f6se Charakter der Romantik als allgemeiner geistiger Str\u00f6mung nie umstritten gewesen. Ihr Sinn f\u00fcr das \u00dcberrationale, das Unbewusste, das Geheimnis, ihre Hochsch\u00e4tzung von Tradition, Autorit\u00e4t und Gemeinschaft und schlie\u00dflich ihr Leitbild eines christlich-universalen Mittelalters haben ihr eine besondere Affinit\u00e4t zum Katholizismus verliehen. Dieser erschien als die organisch gewachsene Religion der Vorzeit, in der auch noch Wunder und mystische Erfahrung ihren Platz hatten.<\/p>\n<p>Dennoch war gerade im katholischen Raum zwischen 1800 und 1830 der \u00dcbergang von der Aufkl\u00e4rung zur Romantik flie\u00dfend, wie \u00fcberhaupt die scharfe Opposition von Aufkl\u00e4rung und Romantik fragw\u00fcrdig geworden ist. Letztere setzt die Erstere eben in einem umfassenden Sinne voraus. Das zeigt sich deutlich im bekannten M\u00fcnster\u2018schen Kreis um die F\u00fcrstin Gallitzin, in dem einerseits mit Franz von F\u00fcrstenberg eine gem\u00e4\u00dfigte, p\u00e4dagogisch-praktische Sp\u00e4taufkl\u00e4rung vertreten war und andererseits mit dem Konvertiten Grafen Stolberg und dem sp\u00e4teren Erzbischof Droste-Vischering auch eine romantisch-strengkirchliche Richtung. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr den bayerischen Kreis um den sp\u00e4teren Regensburger Bischof Johann Michael Sailer, der einerseits eine biblische und christozentrische, also durchaus aufgekl\u00e4rte Theologie vertrat, und doch zugleich eine romantische Innerlichkeit f\u00f6rderte, die fast pietistische Z\u00fcge aufwies.<\/p>\n<p>Eine bekannte und wichtige Gestalt dieses \u00dcberganges ist auch der T\u00fcbinger (dann noch kurzzeitig in M\u00fcnchen zum G\u00f6rres-Kreis geh\u00f6rige) Theologe Johann Adam M\u00f6hler, der gerade die Schriften der Kirchenv\u00e4ter f\u00fcr sein organisches Kirchenverst\u00e4ndnis heranzuziehen wusste. M\u00f6hler hat \u00e4hnlich wie Newman (den er nach den neuesten Forschungen von Kenneth Parker und Mike Shea st\u00e4rker beeinflusste, als bisher angenommen) einer ganzen Generation von Theologen eine neue intellektuelle Identifikationsm\u00f6glichkeit mit der katholischen Kirche vermittelt. M\u00f6hlers neues katholisches Selbstbewusstsein schlug sich etwa in solchen Formulierungen nieder: \u201eDie Katholische Kirche h\u00e4lt ihren Bekennern das geschichtlich Gegebene vor, um es in ihr Inneres zu verwandeln. Sie glaubt nicht, durch Irren erst zur Wahrheit kommen zu lernen. Das \u00fcberl\u00e4sst sie den H\u00e4retikern und h\u00e4lt es, wie es denn auch so ist, f\u00fcr einen Umweg. Der Protestant gelangt, wenn er den geschichtlichen Jesus erst erforschen zu m\u00fcssen glaubt, doch am Ende erst dort an, von wo der Katholik ausgegangen ist, wenn es jenem gut geht.\u201c<\/p>\n<p>Insgesamt zeichnete diese romantischen Kreise aber noch eine gro\u00dfe konfessionelle Duldsamkeit aus. Das k\u00e4mpferisch katholische, antiprotestantische und antiaufkl\u00e4rerische Element trat erst in der folgenden Generation, ab 1830 st\u00e4rker hervor und wurde auch kirchenpolitisch wirksam. Man bezeichnet diese neue Bewegung meist als die \u201eultramontane\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eUltra montes\u201c hei\u00dft \u201e\u00fcber die Berge hinweg (gerichtet)\u201c. Das sind nat\u00fcrlich die Alpen. Gemeint sind mit \u201eUltramontanen\u201c also jene Leute, die sich Orientierung aus Italien, genauer hin aus Rom, also vom Papst erhoffen. Der Begriff ist urspr\u00fcnglich ein polemischer, er wird dann aber auch zur trotzigen Selbstbezeichnung der \u201eUltramontanen\u201c. In der Forschung wird der Begriff heute mehr oder weniger wertfrei verwendet. Wer ihn nicht mag, spricht von \u201estrengkirchlich\u201c.<\/p>\n<p>Was denken nun also diese jungen Leute, Geistliche und Laien, die ab 1830 zunehmend den Ton im deutschen Katholizismus angeben? Eine Programmschrift, die dar\u00fcber Auskunft gibt, ist das Werk eines franz\u00f6sischen Laien, Joseph de Maistre, mit dem Titel \u201eDu pape\u201c (\u201eVom Papste\u201c) von 1819, das auch in Deutschland \u00fcbersetzt und breit rezipiert wurde. De Maistres Werk stand ganz unter dem Eindruck der verheerenden Folgen der franz\u00f6sischen Revolution. Das Papsttum, der Felsen Petri, war f\u00fcr ihn die einzige Macht, die sich in den St\u00fcrmen bew\u00e4hrt hatte. Von ihr erhoffte er sich f\u00fcr die Zeit der Restauration alles: Das unfehlbare Papsttum als geistliche Monarchie sollte die Grundlage jeder gesunden gesellschaftlichen Entwicklung darstellen. Gegen die gef\u00e4hrlichen Einfl\u00fcsse von Revolution und Aufkl\u00e4rung wurde die katholische Kirche als objektive Institution gesetzt.<\/p>\n<p>Was bedeutete dies konkret in Deutschland? Das kirchenpolitische Feindbild der Ultramontanen war hier klar: Es war das Staatskirchentum, das in die Rechte des Papstes und der Bisch\u00f6fe eingriff, und es war die \u201eseichte Aufkl\u00e4rung\u201c beziehungsweise die \u00e4ltere Generation im Klerus, die von ihr gepr\u00e4gt war und meist mit dem Staatskirchentum zusammenarbeitete. An die Stelle dieser unheiligen Allianz wollte man eine selbstbewusste, \u201efreie\u201c (freilich weiterhin staatlich privilegierte) katholische Kirche setzen. Theologisch suchte man \u00fcberwiegend die Neuscholastik durchzusetzen, also eine Theologie, die sich ganz an den gro\u00dfen Werken des Mittelalters, vor allem jenen Thomas von Aquins orientierte, und sich entschieden gegen jede Verst\u00e4ndigung mit der modernen Philosophie eines Kant oder Hegel verwahrte.<\/p>\n<p>Allerdings gab es hier keine einheitliche Linie. Manche Ultramontane wollten der neueren Philosophie und auch der historischen Forschung, die gerade unter dem Einfluss der Romantik einen gro\u00dfen Aufschwung nahm, einen weiteren Raum gew\u00e4hren. Das sollte zu sp\u00e4terem Streit und zur Spaltung der ultramontanen Bewegung Anlass geben. Hier reicht es, den Namen Ignaz von D\u00f6llinger zu nennen, der sich vom Muster-Ultramontanen vor 1848 zum exkommunizierten Post-Ultramontanen nach 1870 wandelte, auch weil er im Streit um die p\u00e4pstliche Unfehlbarkeit auf der historischen Dimension der Theologie beharrte.<\/p>\n<p>Die Ultramontanen verstanden es zugleich, sich einen R\u00fcckhalt im katholischen Volk zu verschaffen. Im Gegensatz zu den Theologen der Aufkl\u00e4rung f\u00f6rderten sie die traditionellen Formen der Volksfr\u00f6mmigkeit wie Wallfahrten und Marienverehrung und pr\u00e4gten sie zugleich in ihrem Sinne um. Im Hintergrund stand hier ein starkes, romantisches Interesse an der religi\u00f6sen Erfahrung, an der Mystik, von der man sich Sicherheit im Glauben und \u00fcbernat\u00fcrliche Leitung angesichts der Bedrohungen der Neuzeit erhoffte. Einige Ultramontane verfielen hierbei in einen \u201eungesunden\u201c Mystizismus (etwa der Fall Luise Beck, den Otto Wei\u00df rekonstruiert hat, und nat\u00fcrlich San Ambrogio, j\u00fcngst durch Hubert Wolf dargestellt worden).<\/p>\n<p>Einen paradigmatischen theologischen Fall in der \u00dcbergangszeit um 1830 stellt derjenige des katholischen Philosophen und Theologen Georg Hermes dar, der zun\u00e4chst in M\u00fcnster und dann von 1820 bis zu seinem Tod 1831 an der Bonner katholisch-theologischen Fakult\u00e4t wirkte. Hermes stand f\u00fcr ein doppeltes Programm: f\u00fcr die Vereinbarkeit von Vernunft und Glauben und f\u00fcr die Zusammenarbeit von (preu\u00dfischem) Staat und katholischer Kirche. Ersteres war f\u00fcr viele gebildete, b\u00fcrgerliche Katholiken im Zuge der Metaphysik-Kritik von Immanuel Kant schwierig geworden. Hermes suchte deshalb dem Kant\u2019schen Kritizismus auf philosophischer und theologischer Basis entgegenzutreten, was er vor allem in seiner \u201eEinleitung in die christkatholische Theologie\u201c leistete. Hermes lie\u00df sich dabei teilweise vom deutschen Idealismus inspirieren. \u201eHermes \u00fcbernahm vom sog. mittleren Fichte Anregungen, deren unbestechliches Ethos der Wahrheitssuche und der Verwirklichung der Menschenw\u00fcrde alte Ideale der Aufkl\u00e4rung mit denen der Restauration zu verbinden suchte\u201c (Herman H. Schwedt).<\/p>\n<p>Hermes pr\u00e4gte damit eine ganze Generation des rheinischen Klerus, setzte sich aber bereits zu Lebzeiten und noch mehr posthum zwischen alle St\u00fchle. Von seinem originellen Standpunkt aus bek\u00e4mpfte er nicht nur die rationalistischen Aufkl\u00e4rer, gegen die er auch den Z\u00f6libat verteidigte, sondern genauso den Fideismus des romantischen Gef\u00fchlsglaubens, der sich f\u00fcr ihn mit einer gef\u00e4hrlichen \u201eAftermystik\u201c verband. In den Augen der ultramontanen Theologen war Hermes dabei heterodox, weil er den Irrlehren Kants nicht einfach die reine Lehre des Thomas von Aquin entgegenhielt, sondern sich selbst in moderner Philosophie versuchte \u2013 ein Schicksal, das nach Hermes noch viele andere prominente katholische Theologen wie der T\u00fcbinger Johannes Evangelist von Kuhn erleiden sollten. Zugleich stie\u00dfen sich die Ultramontanen an seiner N\u00e4he zum preu\u00dfischen Staat, die Hermes mit dem irenischen K\u00f6lner Erzbischof Spiegel teilte, der ihn 1825 zum Domkapitular machte.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich wurden die Hauptwerke Hermes nach seinem Tod 1835 von Papst Gregor XVI. in der feierlichst m\u00f6glichen Form, n\u00e4mlich durch ein eigenes Breve mit dem Initium Dum acerbissimas auf den Index der verbotenen B\u00fccher gesetzt (1835). Hinter dieser Verurteilung, an die sich ein langwieriger Kampf gegen die Anh\u00e4nger des Hermes anschloss, stand eine interessante Kombination: zum einen die Anklage durch den hochultramontanen Pfarrer Anton Josef Binterim aus Bilk bei D\u00fcsseldorf, zum anderen eine direkte Intervention des \u00f6sterreichischen Staatskanzlers Metternich. Die Intervention des Restaurationspolitikers par excellence gegen den staatsfrommen Restaurationstheologen Hermes mag \u00fcberraschen. Doch f\u00fcr Metternich und seinen konservativen Berater Karl Ernst Jarcke untergrub Hermes\u2018 vermeintlicher Rationalismus und seine Betonung des vern\u00fcnftig-gl\u00e4ubigen sittlichen Subjekts die Grundlagen der katholischen Religion und war insofern subversiv.<\/p>\n<p>Metternich und Jarcke pr\u00e4ferierten dagegen den Fideismus eines Louis Bautain, bei dem der Gehorsam auch in Glaubensfragen, und nicht das Verstehen, im Vordergrund stand. Zugleich wollte man die kirchenfeindliche preu\u00dfische Regierung treffen. Papst und Indexkongregation liehen dieser ultramontan-reaktion\u00e4ren Allianz ihre Hand. Hermes wurde zum Prototyp des theologischen Rationalismus stilisiert, zum Vertreter des positiven Zweifels, ohne dass man diese Lehre in seinen Werken nachweisen konnte. Kein Glanzst\u00fcck des \u201er\u00f6mischen Lehramts\u201c, das zwar bald auch den Fideismus Bautains verurteilte, aber weiterhin eine autorit\u00e4re Achse mit Metternich bildete, die sich zum Beispiel im Fall Heinrich Heine bew\u00e4hrte. Ihn brachten Gregor XVI. und Metternich gemeinsam auf den kirchlichen und staatlichen Index (1836\/1845), weil sie in ihm den Anf\u00fchrer einer revolution\u00e4ren Sekte, n\u00e4mlich des \u201ejungen Deutschland\u201c, sahen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>V.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einen Vorfall von h\u00f6chster Bedeutung f\u00fcr die Durchsetzung der ultramontanen Bewegung in Deutschland ereignete sich 1837: Der K\u00f6lner Erzbischof Droste-Vischering, der weniger irenische Nachfolger Spiegels, den wir schon aus dem Gallitzin-Kreis kennen, wurde am 20. November auf Veranlassung des Oberpr\u00e4sidenten der Rheinprovinz festgenommen und in die Festung Minden abgef\u00fchrt. Hintergrund war ein konfessionspolitischer Streit um die Mischehen zwischen Protestanten und Katholiken. Vereinfacht gesagt wollte die preu\u00dfische Regierung durchsetzen, dass die Kinder aus konfessionsgemischten Ehen stets in der Konfession des Vaters getauft und erzogen w\u00fcrden, weil man sonst eine schleichende Katholisierung der Bev\u00f6lkerung bef\u00fcrchtete.<\/p>\n<p>Die r\u00f6mische Kurie und Droste-Vischering bestanden jedoch auf der ausschlie\u00dflich katholischen Kindererziehung. Drostes Vorg\u00e4nger, der Hermes-Freund Spiegel war kompromissbereiter gewesen, und hatte sich mit der Versicherung der \u201eGlaubenstreue\u201c von Seiten des katholischen Partners zufrieden gegeben. Droste war im Zeichen der neuen Kirchlichkeit zu solchen Kompromissen aber nicht mehr bereit und wurde zum M\u00e4rtyrer des Ultramontanismus: Die K\u00f6lner Bev\u00f6lkerung und das Domkapitel waren \u00fcber seine Verhaftung zwar nur m\u00e4\u00dfig erregt, aber Papst Gregor XVI. protestierte \u00f6ffentlich gegen die Festnahme Drostes und der Publizist Joseph G\u00f6rres verglich in seinem \u201eAthanasius\u201c den pers\u00f6nlich eher skurrilen Erzbischof mit dem Kirchenlehrer des vierten Jahrhunderts, der den r\u00f6mischen Kaisern widerstanden hatte.<\/p>\n<p>Erst das ungeheure \u00f6ffentliche Echo auf die Kampfschrift von G\u00f6rres erzeugte einen Schub der katholischen Bewusstseinsbildung. Die preu\u00dfische Regierung musste schlie\u00dflich unter K\u00f6nig Friedrich Wilhelm IV. den R\u00fcckzug antreten. Das K\u00f6lner Dombaufest besiegelte 1842 die Vers\u00f6hnung von Staat und ultramontaner Kirche und zugleich auch das Schicksal der noch verbliebenen Hermesianer. Das liberal-katholische B\u00fcrgertum im Rheinland (Thomas Mergel), und die ihm zugetanen aufgekl\u00e4rten Geistlichen sahen sich innerkirchlich durch diese Ultramontanisierung an den Rand gedr\u00e4ngt. Man muss hier aber mit Wertungen vorsichtig sein: Die Kirchliche Aufkl\u00e4rung stand zwar inhaltlich f\u00fcr moderne Optionen, f\u00fcr Rationalit\u00e4t, Individualit\u00e4t und Autonomie des Subjekts. Politisch gesehen hatte sie sich aber zumindest teilweise dem vormodernen Modell der Einheit von Kirche, Staat und Gesellschaft verschrieben.<\/p>\n<p>Die Ultramontanen in Deutschland hingegen hatten inhaltlich ein konservatives bis reaktion\u00e4res Programm. Ihre gesellschaftliche Organisationsform war aber formal moderner. Sie nutzten ab 1848 entschiedener als die Aufkl\u00e4rer das Instrument der Vereine und Parteien und deuteten so in die Richtung einer pluralen Gesellschaft, in der Konflikte zwischen verschiedenen Interessensgruppen offen ausgetragen werden (ohne dass sie diese liberale Gesellschaft aber im Grundsatz akzeptiert h\u00e4tten).<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Die Kirchen- und Theologiegeschichte ist zu allen Zeiten bewegt gewesen, doch spricht Vieles daf\u00fcr, dass sich im langen 19. 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