{"id":125041,"date":"2026-06-18T11:33:04","date_gmt":"2026-06-18T09:33:04","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=125041"},"modified":"2026-06-18T11:33:10","modified_gmt":"2026-06-18T09:33:10","slug":"geschichte-als-ersatzreligion-geschichtsschreibung-und-geschichtsdenken-im-19-jahrhundert","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/geschichte-als-ersatzreligion-geschichtsschreibung-und-geschichtsdenken-im-19-jahrhundert\/","title":{"rendered":"History as a substitute religion?"},"content":{"rendered":"<p>Unsere drei Tage hier in der Katholischen Akademie in Bayern, wo wir uns im Blick auf einen Gang durch das lange 19. Jahrhundert versammelt haben, entheben den Referenten der wortreichen Entschuldigung, dass nat\u00fcrlich das Reden \u00fcber die Geschichte als angebliche Ersatzreligion keinen umfassenden Zugriff auf eben dieses 19. Jahrhundert beinhaltet, sondern nur ein ganz spezifisches Segment herausgreift. Nat\u00fcrlich kann man dieses 19. Jahrhundert auch noch unter ganz anderen Blickwinkeln angehen, unter dem Blickwinkel des Eisenbahn- und Kanalbaus, des Aufschwungs der chemischen und der elektrischen Industrie oder der sozialen Bewegung oder des Marx&#8217;schen Kapitals.<\/p>\n<p>Im Anschluss an solche Selbstverst\u00e4ndlichkeiten sei es mir gestattet, neben dem mildernden Fragezeichen \u2013 \u201eGeschichte als Ersatzreligion?\u201c \u2013 die Konturierung meines Themas durch drei weitere Begriffe zu sch\u00e4rfen: \u201eGeschichte zwischen Dilettantismus, Wissenschaft und politischer Sinnstiftung\u201c. Hier wird beziehungsweise w\u00fcrde dann unmittelbar deutlich, wie gewaltig der Raum f\u00fcr alternative Deutungen dieses 19. Jahrhunderts doch ist: Hat die Intensivierung des Historischen, von der wir im Blick auf das 19. Jahrhundert wohl tats\u00e4chlich ausgehen d\u00fcrfen, hat diese Intensivierung etwas oder nichts zu tun mit dem Aufschwung des Verkehrswesens? Oder haben umgekehrt \u2013 was unmittelbar einsichtig erscheint \u2013 die Tendenzen zur Bewahrung des historischen Erbes gegen Ende des Jahrhunderts vielleicht etwas zu tun mit dem Zerst\u00f6rungspotential einer sich technisierenden Welt?<\/p>\n<p>Sie sehen selbst, zu welchen Kategorien man vorsto\u00dfen w\u00fcrde, wenn man das gestellte Thema seiner feuilletonistischen Gewandung entkleidet, es von der Sache und von den vielf\u00e4ltigen Differenzierungen her ernstnimmt. Ich darf Sie demgegen\u00fcber vorerst einladen gleichsam zu einem Spaziergang in die weiten Gefilde dieses Themas, nicht, um im Bild zu bleiben, nicht in dessen gef\u00e4hrlich eingeschnittene T\u00e4ler und nicht auf dessen schwindelerregende H\u00f6hen, sondern in die vor uns liegende Anschaulichkeit der Geschichtsbegeisterung, der Geschichtsverz\u00fccktheit, der Geschichtsverfallenheit des 19. Jahrhundert. Und insoweit Zeit und Kraft hinreichen, k\u00f6nnen wir uns nach diesem Spaziergang immer noch an der Analyse und der Deutung solcher Ph\u00e4nomenologie versuchen. Diese wird sich in erster Linie an den Verh\u00e4ltnissen im K\u00f6nigreich Bayern orientieren, ohne dass damit auch nur im entferntesten eine bayerische Sonderrolle unterstellt werden soll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Die deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts, um damit ganz unvermittelt zu beginnen, ist ein gewaltiges, vor uns aufgeschlagenes Geschichtsbuch und stellt Maria Stuart und Wallenstein, G\u00f6tz von Berlichingen und Agnes Bernauer, K\u00f6nig Ottokar und Danton, Robert Guiscard und Don Karlos auf die B\u00fchne. Im Bereich der Epik ist der Begriff des Historienromans weit \u00fcber die deutsche Literatur hinaus zum Gattungsnamen geworden: von Walter Scott bis Alessandro Manzoni, von Charles Dickens bis zu Viktor von Scheffel, von Adalbert Stifter bis zu Gustav Freytag, wobei sofort in den Sinn kommt, dass solche Tendenz nicht mit dem 19. Jahrhundert endet, im Gegenteil, wenn wir an Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Alfred D\u00f6blin oder Richarda Huch denken, im 20. Jahrhundert eine erneuerte Konjunktur erf\u00e4hrt, die bis in die Gegenwart anh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Neben das Drama und den Roman tritt \u2013 von Friedrich Schiller bis Theodor Fontane \u2013 die historische Ballade, neben die Literatur insgesamt die Welt der Oper, von Richard Wagners Meistersingern bis zu Verdis Aida. Es ist viel dar\u00fcber spekuliert worden, was dieser dichterische oder kompositorische Umgang mit der Vergangenheit, was diese beobachtbaren Formen der \u00c4sthetisierung der Geschichte f\u00fcr Konsequenzen hatten, inwieweit sie m\u00f6glicherweise zu mentalen Pr\u00e4gungen f\u00fchrten, die von einem rational und kognitiv gesteuerten Umgang mit der Geschichte gar nicht erzielt werden konnten, ob sich damit Haltungen der Dramatisierung und Personalisierung verbanden, die das Geschichtsbild breitester Kreise bestimmten und resistent machten f\u00fcr m\u00f6glicherweise ad\u00e4quatere Ann\u00e4herungsmodi an die Vergangenheit.<\/p>\n<p>Die Frage gewinnt an Sch\u00e4rfe, wenn wir den Blick auf die so bezeichnete Historienmalerei lenken, die \u2013 aufbauend auf \u00e4ltere Vorbilder und Ans\u00e4tze von Altdorfer bis Rubens \u2013 weithin die Malerei des 19. Jahrhunderts beherrscht, die sich als internationales Ph\u00e4nomen gerade mit franz\u00f6sischen und belgischen H\u00f6hepunkten darstellt, die, wenn wir an Peter von Cornelius, Wilhelm von Kaulbach oder Carl Theodor von Piloty denken, hier in M\u00fcnchen \u00fcberaus prominent vertreten ist. Allein ein \u00dcberblick \u00fcber das Werk des letzteren erscheint wie ein Gang durch die bayerische, die deutsche und die Weltgeschichte: der Tod Alexanders des Gro\u00dfen, die Ermordung C\u00e4sars, Thusnelda im Triumphzug des Germanicus, Nero auf den Tr\u00fcmmern Roms, Herzog Arnulf von Bayern, die Eroberung Jerusalems durch Gottfried von Bouillon, die Schlacht bei Ampfing, die Gr\u00fcndung Ettals, die Stiftung der Ingolst\u00e4dter Universit\u00e4t, Christoph Columbus, die Gr\u00fcndung der Katholischen Liga, die Schlacht am Wei\u00dfen Berg, Seni vor der Leiche Wallensteins.<\/p>\n<p>Dieser Typ von Malerei ist dabei gar nicht auf die Galerien und Museen beschr\u00e4nkt; denken Sie nur an den Historienzyklus in den Hofgartenarkaden im n\u00f6rdlichen Anschluss an die M\u00fcnchner Residenz, wo gleichsam ein Bilderbuch der bayerischen Geschichte in durchaus volksp\u00e4dagogischer Absicht pr\u00e4sentiert wurde, das die H\u00f6hepunkte der bayerischen-wittelsbachischen Geschichte wohlgemerkt jedermann \u2013 ohne Eintritt, ohne Aufsicht, ohne Bewachung \u2013 vor Augen stellen sollte: die Belehnung, um Beispiele zu nennen, die Belehnung Ottos von Wittelsbach mit dem Herzogtum Bayern von 1180, die Kaiserkr\u00f6nung Ludwigs des Bayern von 1328, das Primogeniturgesetz von 1506, die Erhebung Bayerns zum Kurf\u00fcrstentum 1623, Max Emanuel und die Erst\u00fcrmung Belgrads 1688, die Gr\u00fcndung der Akademie der Wissenschaften 1759, die bayerische Verfassung von 1818.<\/p>\n<p>Wenn ich meine Schrittgeschwindigkeit bei diesem Spaziergang beibehalte und all den anzusprechenden Historisierungsph\u00e4nomenen des 19. Jahrhunderts so viel Aufmerksamkeit zuwende, wie ich das bei der Literatur und der Malerei eben angedeutet habe, dann wird uns die Zeit jenseits der reinen Ph\u00e4nomenologie knapp geraten. Ich nenne deshalb nur weitere Stichworte: An den Wohnh\u00e4usern historischer Ber\u00fchmtheiten jedweder Art werden Gedenktafeln angebracht, um an die spezifischen Leistungen und Verdienste in der Vergangenheit zu erinnern. Eine verr\u00e4terische Terminologie spricht nicht von Literaturwissenschaft oder Biologie als akademischen und schulischen Disziplinen, sondern ausschlie\u00dflich von Literaturgeschichte und von Naturgeschichte. Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze in unseren St\u00e4dten werden nach historischen Ereignissen oder Figuren benannt. In der Architektur kommt es zu wahren Historisierungswellen, beschert uns hier in M\u00fcnchen die Neoromanik etwa die St.-Anna-Kirche im Lehel, die Neogotik die Pfarrkirche Hl. Kreuz in Giesing, die Neorenaissance den K\u00f6nigsbau der M\u00fcnchner Residenz oder der Neobarock den Justizpalast am Stachus. Im 19. Jahrhundert begegnet uns in ausgepr\u00e4gter Form der Kult der runden Zahl, die Etablierung einer Jubil\u00e4umskultur, die, ausgestattet mit einem reichen Formenkanon, an die Ereignisse einer mehr oder weniger weit zur\u00fcckliegenden Vergangenheit erinnert.<\/p>\n<p>Der Rang und die Attraktivit\u00e4t der Geschichte im 19. Jahrhundert \u2013 Stichworte m\u00fcssen gen\u00fcgen. Die genannte Jubil\u00e4umskultur kanonisiert die Form des historischen Festzugs; die poetische Verkl\u00e4rung des Mittelalters erlebt in der gem\u00fctvollen Hinwendung zum altdeutschen N\u00fcrnberg einen H\u00f6hepunkt; die Domfertigbauten von Regensburg bis K\u00f6ln spiegeln diese Mittelalterbegeisterung ebenso wider. Der Typus der historischen Biographie \u00fcberfl\u00fcgelt alle anderen Darstellungsformen an Popularit\u00e4t und Verbreitung. Das historische Argument findet Eingang in Thronreden und Landtagsdebatten.<\/p>\n<p>Und ferner: Das Fach Geschichte verl\u00e4sst im 19. Jahrhundert seine urspr\u00fcnglich im Kontext der Realienf\u00e4cher angesiedelte eher marginale Stellung und macht seine Karriere in einem deutschkundlich bestimmten Lehrplanumfeld. Die damit verbundene Professionalisierung verdankt sich in erster Linie dem Zuschnitt der Geschichtswissenschaft selbst, die vor allem in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts ein ganz neues Profil erringt. Die Gr\u00fcndung des Bayerischen Nationalmuseums, hervorgegangen aus einer Initiative K\u00f6nig Maximilians II., ist ein Paradebeispiel daf\u00fcr, wie man sich von der visuellen Pr\u00e4sentation der als ruhmreich definierten eigenen Geschichte Wirkungen hinein in die \u00d6ffentlichkeit erwartete, wie sich im Institut des Museums ein bildungsb\u00fcrgerliches Element mit einem systemstabilisierenden Faktor vermengen konnte, wie die Geschichte, n\u00e4herhin deren epochal angelegte Betrachtung zu einer zentralen Deutungsinstanz wird.<\/p>\n<p>In ihrer G\u00e4nze erfasst man die historisierende Dimension des 19. Jahrhunderts indes nur dann, wenn man den bislang erw\u00e4hnten Stichworten und Einzelheiten noch das Denkmal hinzuf\u00fcgt. Von der Ruhmeshalle, um sich allein auf M\u00fcnchner Beispiele zu beschr\u00e4nkten, von der Ruhmeshalle mit der Bavaria an der Theresienwiese \u00fcber die Feldherrnhalle am Odeonsplatz bis zum Siegestor, von den Denkm\u00e4lern f\u00fcr Kurf\u00fcrst Maximilian I. am Wittelsbacherplatz, f\u00fcr Max I. Joseph vor der Oper oder K\u00f6nig Maximilian II. in der Maximilianstra\u00dfe \u00fcber das monumentale Kaiser-Ludwig-Denkmal bis zur ganzen F\u00fclle von einzelnen Personendenkm\u00e4lern, die solche f\u00fcr Goethe und Schiller und Westenrieder einschlie\u00dfen: Die Denkm\u00e4ler des 19. Jahrhunderts sind angef\u00fcllt mit Deutungen der Vergangenheit, sie sind in erster Linie immer zu lesen als die steingewordene Intention des Auftraggebers, der Initiatoren, sie werden zu Gradmessern der historischen Bedeutungszuweisung, sie sind beides in einem: Erinnerung an die Vergangenheit und ihre Heroen, Erinnerungsstiftung f\u00fcr die Zukunft und die Nachgeborenen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich breche an dieser Stelle meinen als solchen bezeichneten Spaziergang durch die Gefilde der Anschaulichkeit des Historischen ab. Der Schritt von der Ph\u00e4nomenologie zu Analyse und Interpretation ist, um ein weiteres Mal die Spaziergangsmetapher zu bem\u00fchen, in diesem Fall besonders steinig. Wenn man aber f\u00fcr das 19. Jahrhundert ein Spezifikum von so herausragender Art registriert, das dieses Zeitalter <em>grosso modo<\/em> sowohl vom 18. wie vom 20. Jahrhundert separiert, dann ist doch wohl der Gedanke naheliegend, in erster Linie danach zu fragen, was denn \u00fcberhaupt neu ist an diesem 19. Jahrhundert, was denn der uns allen mehr oder weniger gel\u00e4ufige Umbruch vom 18. auf das 19. Jahrhundert an Innovationen bereith\u00e4lt und mit sich bringt. Ich darf mich in diesem Zusammenhang auf vier Hinweise beschr\u00e4nken:<\/p>\n<ol>\n<li>Am Beginn des 19. Jahrhunderts, enger gefasst im Jahre 1806, kollabiert das System des immer so bezeichneten Alten Reiches. Wenn man vom Interludium des Rheinbundes absieht, dann werden durch diesen Kollaps des Alten Reichs die deutschen Staaten in ihre eigenstaatliche Souver\u00e4nit\u00e4t entlassen, die seit 1815 dann \u00fcberw\u00f6lbt wird von der Konstruktion des Deutschen Bundes.<\/li>\n<li>Unabh\u00e4ngig von diesem Zusammenbruch des Alten Reiches \u2013 und diesem teilweise vorausgehend \u2013hatte der Vorgang der S\u00e4kularisation beziehungsweise der der Mediatisierung der geistlichen F\u00fcrstent\u00fcmer nur grundst\u00fcrzend zu nennende Ver\u00e4nderungen herbeigef\u00fchrt. Uns allen ist der Befund gel\u00e4ufig, dass aus der S\u00e4kularisation ein Prozess der lebensweltlichen S\u00e4kularisierung erwuchs, hervorging, der sich alternativen Orientierungsangeboten mehr oder weniger bereitwillig \u00f6ffnete.<\/li>\n<li>Die Verwerfungen der napoleonischen B\u00fcndnispolitik, der Zusammenbruch des Alten Reiches, milit\u00e4rische Siege und Niederlagen, die gl\u00fccklichen Zuf\u00e4lle von Allianzen und gel\u00f6sten B\u00fcndnissen waren die Voraussetzungen f\u00fcr einen territorialpolitischen Umbruch, der am Beginn des 19. Jahrhunderts die politische Landkarte Deutschlands v\u00f6llig ver\u00e4ndert. Dieser Umstand evozierte die Integrationsproblematik, die Herausforderung, die neu hinzugewonnenen Territorien zu integrieren.<\/li>\n<li>Trotz der Revolution von 1789 und der Umbr\u00fcche der napoleonischen Zeit \u00fcberlebt in den Staaten des Deutschen Bundes und noch des Deutschen Reiches die Monarchie als Staatsform. Und dennoch gilt: Es ist eine andere Monarchie, mit der wir es im 19. Jahrhundert zu tun haben. Die keinerlei Rechtfertigungsdruck ausgesetzte Selbstverst\u00e4ndlichkeit der monarchischen Idee des vorrevolution\u00e4ren Zeitalters ist vorbei, die Monarchie wird nunmehr an ihren Leistungen gemessen, sie ist, in Bayern schon seit 1818, an die Festlegungen einer Verfassung gebunden, sie muss als konstitutionelle Monarchie ihren Standort im Geflecht konkurrierender M\u00e4chte in Landtag und B\u00fcrokratie und Ministerium erst noch finden, sie ist der Fundamentalkritik republikanischer Visionen und dem Druck der nationalpolitischen Erregung ausgesetzt.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Unsere Sehweise des 19. Jahrhunderts ist h\u00e4ufig besetzt von gleichsam statischen Vorstellungswelten: wenn man so will von der Annahme einer biedermeierlichen Idylle im Vorm\u00e4rz bis zur Vorstellung einer selbstgef\u00e4lligen Saturiertheit des Wilhelminismus. Wenn man allerdings hinter diese Vordergr\u00fcndigkeit blickt, dann erhellt sich \u2013 allein schon bei einer Beschr\u00e4nkung auf die deutschen Verh\u00e4ltnisse \u2013 ein Panorama dramatischer Herausforderungen an Staat und Gesellschaft. Und diese Herausforderungen sind zu einem ganz erheblichen Teil unmittelbare Folgen beziehungsweise langfristige Fernwirkungen eben jener Problemlagen, die ich in meinen vier Stichpunkten eben angedeutet habe.<\/p>\n<p>Eine ganze Reihe dieser Herausforderungen \u2013 und hier sind wir nun unmittelbar bei unserem Thema \u2013glaubte man im 19. Jahrhundert in besonders effizienter Weise allein mit einem R\u00fcckgriff auf die Vergangenheit bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen. F\u00fcr solche Verwendungszusammenh\u00e4nge hat sich der Begriff Geschichtspolitik eingeb\u00fcrgert, und in der Tat kann man unter diesem Rubrum einen ganz erheblichen Teil der vorgef\u00fchrten Ph\u00e4nomenologie analysierend und interpretierend verstehen. Das l\u00e4sst sich anhand diverser Beispiele gerade auch aus der bayerischen Geschichte \u00fcberzeugend demonstrieren, was im Folgenden an zwei Details knapp zu veranschaulichen ist.<\/p>\n<p>Das erste Beispiel nimmt Bezug auf die neuen Realit\u00e4ten der monarchischen Ordnung. Die Verfassung von 1818 hatte ein System grundgelegt, das von einem M\u00e4chtedreieck, bestehend aus Monarch, Ministerium und Volksvertretung, gekennzeichnet war. In diesem M\u00e4chtedreieck, innerhalb dieser Konkurrenzsituation kam es f\u00fcr den Monarchen darauf an, ihm selbst und damit der monarchischen Idee Sympathien und Loyalit\u00e4ten zuzuf\u00fchren. Und als eine besonders erfolgversprechende Strategie der Sympathie- und Loyalit\u00e4tseinwerbung wurde von den Monarchen des 19. Jahrhunderts die Geschichte, die Erfolgsgeschichte des regierenden Hauses eingesch\u00e4tzt. Das gilt in extremer Weise f\u00fcr Bayern, n\u00e4herhin etwa f\u00fcr die Geschichtspolitik K\u00f6nig Ludwigs I.<\/p>\n<p>Bei meinem Spaziergang durch die Gefilde der Geschichtsbegeisterung des 19. Jahrhunderts war auch von den Fresken in den Hofgartenarkaden die Rede gewesen, auch davon, dass sie erkennbar einem volksp\u00e4dagogischen, mehr noch, einem hochgradig politischen Anliegen verpflichtet waren. Dieses Anliegen gilt es, im Sinne der hier angesteuerten Fragestellung, zu pr\u00e4zisieren. Bei einer genaueren Betrachtung der Themenauswahl wird n\u00e4mlich sehr schnell deutlich, dass der Rang des Hauses Wittelsbach im Kontext der deutschen Geschichte diese Themenauswahl nahezu ausschlie\u00dflich bestimmte.<\/p>\n<p>Im Sinne einer solchen Konzeption erkl\u00e4rt sich sowohl die Dominanz des monarchischen Elements wie auch die Tatsache, dass die Z\u00e4sur zwischen dem Kurf\u00fcrstentum und dem K\u00f6nigreich keine Ma\u00dfgabe f\u00fcr das Bildprogramm darstellen konnte. Vielmehr lebt die Stimmigkeit eines Bildprogramms, das dem Kriterium der dynastischen Dignit\u00e4t verpflichtet ist, von einem solchen Element der Kontinuit\u00e4t, die bis in die Gegenwart hinein aufgezeigt werden kann. Die beiden Fresken, die f\u00fcr das Neue Bayern des 19. Jahrhunderts stehen, beziehen sich auf die beiden zentralen Bereiche, in denen sich Leistung und Bedeutung einer deutschen Dynastie manifestieren k\u00f6nnen: auf die Vorbildhaftigkeit der inneren Ordnung und auf die nationale Zuverl\u00e4ssigkeit gegen\u00fcber dem \u00e4u\u00dferen Feind.<\/p>\n<p>Der Pr\u00e4sentation einer solchen Geschichtsdeutung im Medium des Historienzyklus wuchs aus der Sicht des Monarchen, Ludwigs I., die Aufgabe zu, \u00dcberzeugungsarbeit zu leisten. Das bayerische Volk sollte aus der demonstrierten Vorbildhaftigkeit monarchischen Handelns in der Vergangenheit die Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber der monarchischen Idee und dem Tr\u00e4ger des monarchischen Prinzips in der Gegenwart ableiten. Das meint Geschichtspolitik angesichts der Gef\u00e4hrdungen und M\u00f6glichkeiten der neuen konstitutionellen Ordnung.<\/p>\n<p>Zum zweiten Beispiel: Es war im Zusammenhang der Herausforderungen, die das 19. Jahrhundert f\u00fcr die bayerische Staatspolitik bereithielt, von der Integrationsproblematik die Rede, von den Zw\u00e4ngen, aus den altbayerischen und den neubayerischen Gebietsteilen des K\u00f6nigreichs Bayern eine homogene staatliche Einheit zu formen.<\/p>\n<p>K\u00f6nig Ludwig I. war \u00fcberzeugt davon, dass die Bewohner der neuen Provinzen umso eher bereit und willens waren, die Wirklichkeit des neuen Gesamtstaates anzuerkennen, je mehr dieser ihnen ihre regionalen und teilweise lokalen Traditionen belie\u00df. Diese \u00dcberzeugung setzte der K\u00f6nig in einer regionalistisch zu nennenden Geschichtspolitik um: Keinen der altbayerischen Erinnerungsbest\u00e4nde machte er f\u00fcr die Franken und Schwaben verpflichtend; die Augsburger erhalten vom K\u00f6nig vielmehr ein \u2013 man k\u00f6nnte sagen ihr \u2013 Fuggerdenkmal, die W\u00fcrzburger ein Denkmal f\u00fcr Julius Echter von Mespelbrunn, die Erlanger ein solches f\u00fcr Markgraf Friedrich von Brandenburg; die historische Vereinsarbeit wird auf der Ebene der einzelnen Kreise, der heutigen Regierungsbezirke, organisiert; und in der Ikonographie der gro\u00dfen M\u00fcnchner Denkm\u00e4ler sind immer alle acht Kreise des K\u00f6nigreichs pr\u00e4sent: Schauen Sie sich daraufhin einmal das Siegestor, die Fassade des Festsaalbaus der Residenz, die Dekorationen der Ruhmeshalle an!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Zuwendung zu dergestalt geb\u00fcndelten Sanierungsstrategien angesichts der Provokationen, denen die bayerische Politik im 19. Jahrhundert ausgesetzt war, ist zwar geeignet, die Frage nach den pr\u00e4zisen Anteilen der Geschichte innerhalb solcher Verbundsysteme zu beantworten, die Frage nach den tieferen Ursachen f\u00fcr den spezifischen Rang des Historischen in Politik und \u00d6ffentlichkeit des 19. Jahrhunderts indes bleibt auch nach dieser Pr\u00e4zisierung noch offen.<\/p>\n<p>Hier wird man gedanklich erst dann einen Schritt weiterkommen, wenn wir die Betrachtungsweise auf die deutschen Verh\u00e4ltnisse, auf das Szenario der so bezeichneten nationalen Frage ausdehnen. Zwar ist immer wieder mit guten Gr\u00fcnden darauf hingewiesen worden, dass die Unterscheidung, die Friedrich Meinecke in diese Debatte eingebracht hat, n\u00e4mlich diejenige zwischen Kultur- und Staatsnation, eher als ein idealtypisches Konstrukt denn als eine Abbildung der Wirklichkeit zu gelten habe. Aber wenn man sich jener, sicherlich zutreffenden, Beschr\u00e4nkung bewusst ist, dann ist es auch heute noch hilfreich, mit dieser Differenzierung zu laborieren.<\/p>\n<p>Und der Kern dieser Differenzierung besteht nach Friedrich Meinecke darin, dass es \u2013 wie etwa in den USA oder auch in Frankreich \u2013 nationale Ordnungen gibt, die sich prim\u00e4r \u00fcber ihre gemeinsame Staatlichkeit definieren und daneben solche, denen dies nur im R\u00fcckgriff auf die gemeinsame Sprache, auf die gemeinsame Kultur, auf die gemeinsame Geschichte gelingt. Solche Differenzierung zu Ende zu denken f\u00fchrt dann zu dem Befund, dass im mitteleurop\u00e4ischen Raum, der \u00fcber keine staatlich dimensionierten Kriterien f\u00fcr Nationalstaatsgr\u00fcndungen verf\u00fcgte, dass also im mitteleurop\u00e4ischen Raum unter Einschluss B\u00f6hmens und Italiens die gemeinsame Vergangenheit als identit\u00e4tsstiftende Mitte mit einer erheblichen gemeinschaftsbildenden Kraft in den Vordergrund trat. Wenn es bei uns hier um Bayern, um die Verh\u00e4ltnisse des K\u00f6nigreichs geht, dann wird ein weiterer Zusammenhang zentral: In dem Ma\u00dfe, in dem der Rang der Geschichte im Kontext der deutschen Nationalidee an Bedeutung gewann, verschaffte sie \u2013 die Geschichte \u2013 sich Bedeutung auch bei der Konstruktion eines konkurrierenden bayerischen Nationalbewusstseins. Man spricht ja wohl zu recht von zwei verschiedenen, wie gesagt miteinander konkurrierenden Formen des Nationalismus, von zwei verschiedenen Nationalideen, wenn man auf die deutschen Verh\u00e4ltnisse \u2013 und das noch weit \u00fcber die Jahrhundertmitte hinaus \u2013 schaut: Neben der deutschen Nationalidee, die auf die Schaffung eines gesamtdeutschen Nationalstaates abhob, stand die einzelstaatliche \u2013 etwa, besonders scharf ausgepr\u00e4gt, die bayerische \u2013 Nationalidee, der es gerade um die Bewahrung dieser einzelstaatlichen Souver\u00e4nit\u00e4t ging.<\/p>\n<p>So scharf diese beiden Nationalideen miteinander konkurrierten, in einem Punkte wiesen sie eine strukturelle \u00c4hnlichkeit auf. W\u00e4hrend die deutsche Nationalidee auf keinerlei staatliche Fundierung zur\u00fcckgreifen konnte und deswegen, wie wir gesehen haben, das gemeinsame deutsche Erbe ins Zentrum r\u00fcckte, konnte sich zwar der bayerische Nationalgeist \u2013 zumindest unter den Bedingungen des Deutschen Bundes \u2013 auf ein gleichsam geordnetes und stabiles Staatswesen, das K\u00f6nigreich Bayern eben, beziehen, das aber gleichwohl in seiner Legitimation von den national-deutschen Kr\u00e4ften au\u00dfer- wie innerhalb Bayerns massiv in Frage gestellt wurde. Angesichts solcher Infragestellung ging die bayerische Nationalidee eine \u00e4hnlich enge Bindung mit der bayerischen Geschichte ein, wie das im Falle der deutschen Nationalidee und ihrer Liaison mit der deutschen Geschichte zu beobachten ist.<\/p>\n<p>Ich stelle kurz den Zusammenhang her. Ausgangspunkt meiner \u00dcberlegungen war die Ph\u00e4nomenologie der Geschichtsbegeisterung des 19. Jahrhunderts. Um diese zu verstehen und erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen, erschien es sinnvoll, nach den grundst\u00fcrzenden Ver\u00e4nderungen am Beginn des 19. Jahrhunderts und nach den damit verbundenen Herausforderungen zu fragen. Dabei zeigte es sich, dass manche dieser Herausforderungen mittels geschichtspolitischer Strategien angegangen werden konnten, tats\u00e4chlich auch angegangen wurden. Und die tiefere Ursache, warum man angesichts politisch-gesellschaftlicher Problemstellungen an die Wirkungsmacht ausgerechnet der Geschichte glauben mochte, erkannten wir in der Struktur des deutschen beziehungsweise des bayerischen Nationalgedankens, der gem\u00e4\u00df der eigenen Wahrnehmung zur Stabilisierung seiner Konsistenz jeweils auf die Geschichte angewiesen war.<\/p>\n<p>Die politische Wirkungsm\u00e4chtigkeit des historischen Appells und die Erfolgsperspektiven einer staatlichen Geschichtspolitik lassen sich \u2013 soweit das bisherige Fazit \u2013 angesichts der nationalpolitischen Bedingungen in Deutschland bis zu einem gewissen Grad erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Der politisch motivierte Umgang mit der Geschichte zielt auf eine Verkn\u00fcpfung der Gegenwart mit der Vergangenheit, auf eine Stilisierung der immer wieder zitierten historischen Grundlagen als Basis der Gegenwart und hegt von daher die Hoffnung auf staatspolitische Wirkungen solcher Erinnerung.<\/p>\n<p>Wenn wir uns indes nochmals die ganze F\u00fclle der Geschichtsbegeisterung des 19. Jahrhunderts vor Augen halten und wenn wir registrieren, dass es dabei \u2013 in der Kunst, in der Literatur, auf der B\u00fchne, aber auch im individuellen Lebensstil \u2013 Ph\u00e4nomene zu beobachten gilt, bei denen man sich mit geschichtspolitischen Erkl\u00e4rungsmustern erkennbar schwer tut, dann haben wir es mit Zusammenh\u00e4ngen zu tun, die jenseits des staatlich-politisch-gesellschaftlichen Raumes angesiedelt sind und die m\u00f6glicherweise auf anthropologische oder philosophische Grundannahmen in der Perspektive des deutschen Idealismus und der romantischen Bewegung verweisen.<\/p>\n<p>Und doch ist es dann immer wieder die Sch\u00e4rfe der Z\u00e4sur um 1800, die in den Vordergrund tritt, was die \u00f6sterreichische Historikerin Grete Klingenstein vor Jahrzehnten in griffige Formulierungen goss: \u201eEs ist auch, als ob sie (die Herrscher und V\u00f6lker) durch die gemeinsame Erinnerung zu den Urspr\u00fcngen zur\u00fcckkehren wollten, wo sie das Wissen von Herkunft und Bestimmung aufbewahrt und den Kern des eigenen Wesens unverletzt glaubten. Als ob sie in der R\u00fcckkehr Halt und Best\u00e4ndigkeit suchten f\u00fcr Patriotismus und Nationalismus, f\u00fcr den neuen Gemeinschaftssinn, dem sie sich inbr\u00fcnstig hingaben, als im Geschiebe der Umbr\u00fcche um 1800 die alten Bande der sozialen Zuordnung und Zusammengeh\u00f6rigkeit in Stadt und Land rissig wurden.\u201c<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere drei Tage hier in der Katholischen Akademie in Bayern, wo wir uns im Blick auf einen Gang durch das lange 19. Jahrhundert versammelt haben, entheben den Referenten der wortreichen Entschuldigung, dass nat\u00fcrlich das Reden \u00fcber die Geschichte als angebliche Ersatzreligion keinen umfassenden Zugriff auf eben dieses 19. 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