{"id":125049,"date":"2026-06-18T11:50:10","date_gmt":"2026-06-18T09:50:10","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=125049"},"modified":"2026-06-18T11:50:16","modified_gmt":"2026-06-18T09:50:16","slug":"verheissung-und-gewalt-das-lange-19-jahrhundert-und-der-erste-weltkrieg","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/verheissung-und-gewalt-das-lange-19-jahrhundert-und-der-erste-weltkrieg\/","title":{"rendered":"Verhei\u00dfung und Gewalt"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Thomas Manns Roman \u201eDer Zauberberg\u201c, 1924 erschienen, war ein Zeitroman im doppelten Sinne: Er thematisierte zum einen das Ph\u00e4nomen der Zeit an sich, also die pathologische Zeiterfahrung der Protagonisten in der Welt des Lungensanatoriums Berghof, ihre Subjektivierung, ihre Aufsplitterung in konkurrierende Zeitkonzepte. Und zum anderen ging es ihm um die historische Zeit vor 1914 und um den Umbruch der Zeitumst\u00e4nde, um das, was die Zeitgenossen im Sommer 1914 als \u201eDonnerschlag\u201c erlebten. Denn im Augenblick des Kriegsausbruchs zerbrach die kosmopolitische Welt des Berghofs. An die Stelle der Weltl\u00e4ufigkeit traten die nationalen Antagonismen. Damit hing ein weiterer Aspekt zusammen: F\u00fcr den Schriftsteller Mann aus seiner Perspektive nach 1918 r\u00fchrte die \u201ehochgradige Verflossenheit\u201c der Geschichte vor 1914 daher, \u201edass sie vor einer gewissen Leben und Bewusstsein tief zerkl\u00fcftenden Wende und Grenze spielt\u201c, eben in der \u201eWelt vor dem gro\u00dfen Kriege, mit dessen Beginn so vieles begann, was zu beginnen wohl kaum schon aufgeh\u00f6rt hat.\u201c<\/p>\n<p>Was war der Erste Weltkrieg? Im Wissen um seine Konsequenzen erscheint er als Auftakt, als elementare Krise und Umbruch des noch jungen 20. Jahrhunderts. Er markierte nicht nur eine bisher ungeahnte quantitative und qualitative Gewaltsteigerung mit ann\u00e4hernd zehn Millionen get\u00f6teten Soldaten und fast sechs Millionen get\u00f6teten Zivilisten, eine bis dahin v\u00f6llig unbekannte Dimension von Opferzahlen, eine nie dagewesene Mobilisierung von Gesellschaften und Medien, von \u00d6konomien und Finanzen, von Deutungen und Rechtfertigungen, sondern auch einen tiefgreifenden Umbruch in der Bedeutung unterschiedlicher Weltregionen und zumal im Gewicht Europas in der Welt.<\/p>\n<p>Wer den Krieg verstehen will, muss nachvollziehen, auf welche Welt des langen 19. Jahrhunderts dieser Konflikt traf. William Gladstone, als liberaler Premierminister Gro\u00dfbritanniens eine der pr\u00e4genden Figuren des Viktorianischen Zeitalters, wurde 1809 geboren und starb 1898. Hatte er als Kind die Kanonensch\u00fcsse von Edinburgh Castle anl\u00e4sslich der Abdankung Napoleons geh\u00f6rt, so lauschte er am Ende seines Lebens seiner eigenen aufgezeichneten Stimme und lernte auch noch das neu erfundene Telefon als Kommunikationsmittel des 20. Jahrhunderts kennen. Die ungeheure Ver\u00e4nderungsdynamik und Spannung des 19. Jahrhunderts, die historische Br\u00fccke in die Zeit vor 1800 und in die Vorgeschichte der Gegenwart, war hier innerhalb eines Menschenlebens konzentriert. Wie l\u00e4sst sich dieses Erbe des langen 19. Jahrhunderts charakterisieren, und was bedeutete der Erste Weltkrieg f\u00fcr es?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Leitmotiv der Dynamik, der Mobilisierung und der Emanzipation bestimmte das 19. Jahrhundert. Sie pr\u00e4gte bei allen regionalen Unterschieden die Konsequenzen des demographischen Wachstums, indem immer gr\u00f6\u00dfere Bev\u00f6lkerungsteile mobilisiert wurden, indem sich die industriewirtschaftliche Produktionsweise durchsetzte und sich die auf Rechtsprivilegien beruhende St\u00e4ndegesellschaft in eine komplexe Klassengesellschaft verwandelte. Der soziale Ort des Individuums wurde immer st\u00e4rker durch soziale und wirtschaftliche Kriterien bestimmt. Zum Erbe des 19. Jahrhunderts geh\u00f6rten vor diesem Hintergrund die Erfahrung wirtschaftlichen Wachstums und das Ideal nicht nur der politischen Gleichheit als B\u00fcrger, sondern auch der sozialen Gleichheit, so etwa in den immer wieder aufflammenden Konflikten um die Durchsetzung einer Republik als Staatsordnung mit sozial definierten Teilhaberechten, wie dies 1848\/49 in Frankreich und auf der demokratischen Linken in Deutschland aufschien.<\/p>\n<p>Am Ende des Jahrhunderts war die Eigendynamik wirtschaftlicher und sozialer Differenzierung offenkundig, und sie stand im Gegensatz zur politisch-ideologischen Vorstellung eines elementaren Klassenkonflikts zwischen kapitalistischem B\u00fcrgertum und proletarischer Arbeiterklasse, der nur noch revolution\u00e4r gel\u00f6st werden k\u00f6nne. Vielmehr verdeckten solche Rhetoriken eine in der Praxis weitgehende soziale Nuancierung von europ\u00e4ischen Gesellschaften, die etwa in den neuen sozialen Gruppen wie Facharbeitern und Angestellten erkennbar wurde, aber auch in der Frage, ob man das Konzept der Revolution auf hochkomplexe Industriegesellschaften \u00fcberhaupt noch anwenden konnte. Die Konflikte innerhalb der Arbeiterparteien zwischen Anh\u00e4ngern einer proletarischen Revolution und Bef\u00fcrwortern eines evolution\u00e4ren Reformkurses spiegelten diese Dynamik wider.<\/p>\n<p>Im Ersten Weltkrieg sollten \u00fcberkommene soziale Rollen und Funktionen in Frage gestellt werden, es kam zu gesellschaftlichen Verschiebungen, neuen Schichtungen und Konstellationen mit Gewinnern und Verlierern. Vor allem wurde der Krieg zum Testfall f\u00fcr Gesellschaften und ihre F\u00e4higkeit zur Integration von sozialen, ethnisch und politisch unterschiedlichen Gruppen unter den Bedingungen eines langen Krieges, in dem die Heimatfront eine immer wichtigere Rolle f\u00fcr die Mobilisierung von Ressourcen spielte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Emanzipation und Mobilisierung hatten auch eine politische Dimension: Zu den wesentlichen Ergebnissen der europ\u00e4ischen Revolutionen zwischen 1789 und 1848\/49 geh\u00f6rte bei allen Unterschieden im Detail der \u00dcbergang von einer monarchisch-absoluten Herrschaftsform zu einer geregelten politischen Teilhabe durch einen Teil der Bev\u00f6lkerung. Politische Herrschaft konnte nicht mehr als Willk\u00fcrakt funktionieren, sondern wurde an \u00fcberpers\u00f6nliche Legitimation gebunden, an geschriebene Verfassungen, an die Prinzipien des Rechtsstaats und parlamentarischer Mitwirkung.<\/p>\n<p>In der Praxis bedeutete das ein breites Spektrum von konstitutionellen und parlamentarischen Monarchien bis hin zu republikanischen Verfassungen. In diesem Zusammenhang bildeten sich in den europ\u00e4ischen Gesellschaften auch jene ideologischen Bewegungen und politischen Parteien aus, die im Liberalismus, Konservatismus und Sozialismus die richtungweisenden politischen und sozialen Ordnungsentw\u00fcrfe entwickelten. Zum Erbe Europas aus dem langen 19. Jahrhundert geh\u00f6rte daher die Erfahrung des ideologischen Wettbewerbs und des politischen Konflikts, aber auch die Trias von Krise, Revolution und Reform: Europas Gesellschaften ver\u00e4nderten sich nicht allein durch revolution\u00e4re Umst\u00fcrze, sondern zumal durch Reformanst\u00f6\u00dfe, durch die man, wie etwa in Preu\u00dfen nach der Niederlage gegen Napoleon 1806, die gewaltsame Revolution wie in Frankreich verhindern wollte.<\/p>\n<p>Beim Kriegsausbruch 1914 erschien der Konflikt vielen Zeitgenossen auch den Gegensatz zwischen den von Frankreich und seiner revolution\u00e4ren Tradition bestimmten \u201eIdeen von 1789\u201c, \u00fcberhaupt einer westeurop\u00e4ischen Politiktradition, in die im weiteren Sinne auch der englische Parlamentarismus und das republikanische Freiheitspostulat der amerikanischen Revolution von 1776 geh\u00f6rten, und den deutschen \u201eIdeen von 1914\u201c widerzuspiegeln, auf die man sich berief, um sich von eben dieser Tradition mit eigenen Werten wie \u201eKultur\u201c und \u201eGemeinschaft\u201c zu distanzieren. Das liberale Erbe des 19. Jahrhundert geriet aber auch in eine Krise, weil die entwickelten Formen politischer Teilhabe durch Wahlen und in Parlamenten, die verfassungsm\u00e4\u00dfig garantierten Grundrechte und viele andere konstitutionelle Errungenschaften auf die Realit\u00e4t von neuartigen Kriegsstaaten traf. In ihnen wurden zwischen 1914 und 1918 nicht allein in Deutschland die zivilen Instanzen der Politik, die Bedeutung von Verfassungen, die Gestaltungsmacht von Parlamenten, politischen Parteien und politischen Grundrechten herausgefordert. Die um 1900 in vielen Gesellschaften dominierenden Konflikte um die Grenzen der politischen Teilhabe, konkret sichtbar in den Konflikten um die Ausgestaltung des Wahlrechts, sollten durch den Krieg vertieft und zugespitzt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das 19. Jahrhundert war auch das Jahrhundert des Staates, der seinen B\u00fcrgern nicht nur in Wahlen und Parlamenten, bei der Steuererhebung und der milit\u00e4rischen Musterung, sondern auch in Gerichten und Verwaltungen, in Schulen und Universit\u00e4ten entgegentrat. Als Verfassungs- und Rechtsstaat, als b\u00fcrokratischer Verwaltungsstaat, als Interventions- und fr\u00fcher Sozialstaat drang er in immer weitere Bereiche des sozialen Lebens vor, die bis dahin privat oder von \u00fcberkommenen Institutionen wie der Kirche oder Korporationen bestimmt worden waren. Das war etwas anderes als der monarchische Steuer- und Milit\u00e4rstaat des 18. Jahrhunderts im Umgang mit seinen Untertanen. Der Staat des 19. Jahrhunderts erhob nicht nur den Anspruch auf Erfassung und Klassifizierung seiner B\u00fcrger, er \u00fcbernahm auch Verantwortung, wie dies zumal in den Anf\u00e4ngen der staatlichen Sozialversicherungen seit den 1870er Jahren erkennbar wurde.<\/p>\n<p>Diese Prozesse, die man zuspitzend als \u201eVerstaatung\u201c bezeichnen kann, wurden durch den Ersten Weltkrieg und seine milit\u00e4rische, politische, soziale und \u00f6konomische Mobilisierung gro\u00dfer Teile der Gesellschaft erheblich gesteigert. Bis August 1914 konnte f\u00fcr Gro\u00dfbritannien gelten, dass \u201eein vern\u00fcnftiger, gesetzestreuer Engl\u00e4nder durch sein ganzes Leben gehen konnte, ohne die Existenz des Staates zu bemerken, abgesehen vom Postamt und dem Polizisten.\u201c<\/p>\n<p>Das sollte sich nun fundamental \u00e4ndern: Der Staat wurde nicht nur nach au\u00dfen ein entscheidender Kriegsakteur, sondern auch nach innen, vor allem als Sozialstaat, als Organisator der Kriegswirtschaft, als Verwaltungsstaat. Doch wurde mit zunehmender Dauer des Krieges auch erkennbar, wo die Grenzen dieser Entwicklungen lagen und welche politischen und sozialen Kosten damit verbunden waren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>V.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Revolutionen standen am Beginn und am Ende des langen 19. Jahrhunderts. Es war aber nicht nur eine Epoche miteinander verbundener politischer Kettenrevolutionen mit H\u00f6hepunkten in den Jahren 1789, 1830 und 1848\/49. Es war auch die Phase vielf\u00e4ltiger Kommunikationsrevolutionen, deren Wirkungen den politischen Umw\u00e4lzungen keinesfalls nachstanden, ja vielf\u00e4ltig mit diesen verbunden waren und diese langfristig sogar \u00fcbertrafen: Im Zeichen von steigenden Alphabetisierungsraten, durch die Verbreitung von Texten und Bildern in neuen Medien und mit Hilfe neuer Techniken \u2013 von der Lithographie \u00fcber die Tageszeitung bis zur Illustrierten, von der Fotographie \u00fcber Telegraphie bis hin zum Telefon \u2013, durch den Zugang breiterer Bev\u00f6lkerungsgruppen zu Wissensbest\u00e4nden, aber auch den ver\u00e4nderten Stellenwert der \u00d6ffentlichkeit, der Publikation von Parlamentsdebatten und der Entstehung einer Massenpresse kam der Kommunikation und den Medien eine enorme Bedeutung zu.<\/p>\n<p>Im Ersten Weltkrieg setzte sich so eine Entwicklung fort, die sich seit den Kriegen der Franz\u00f6sischen Revolution gezeigt hatte, nun aber durch die technologischen M\u00f6glichkeiten und die Massenverbreitung eine neue Dimension annahm: Er war auch ein Medienkrieg, in dem Kommunikation und massenhafte Informationsvermittlung zu eigenen Kriegsfaktoren wurden, sei es in dem neuen Verh\u00e4ltnis zwischen Milit\u00e4r und Presse, der Institutionalisierung von Pressearbeit, den Plakaten, die zu Kriegsanleihen aufforderten, oder in Fotographie und Film, mit denen Kriegserfahrungen, Fremd- und Selbstbilder visualisiert wurden.<\/p>\n<p>Der Weltkrieg provozierte dadurch verst\u00e4rkt Hoffnungen und Erwartungen, die aber angesichts der Eigendynamik des Kriegsverlaufs h\u00e4ufig nicht und nur ungen\u00fcgend eingel\u00f6st werden konnten. All das ging weit \u00fcber das g\u00e4ngige Verst\u00e4ndnis von Propaganda als suggestive Manipulation von Informationen im Dienst von Milit\u00e4rs und Kriegsstaaten hinaus. Gerade der Krieg sollte offenbaren, wie sich konkrete Medienwirkungen und ihre Nutzung den Intentionen von Milit\u00e4rs oder Politikern vielfach entzogen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>VI.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nation, Nationalstaat und Nationalismus wurden im langen 19. Jahrhundert Europas zu zentralen Orientierungsmarken staatlicher Behauptung nach au\u00dfen und politischer Ordnung sowie sozialer Gestaltung nach innen. Abgeleitet vom Ideal der selbstbestimmten Nation als Souver\u00e4n und der Bereitschaft zur gewaltsamen Verteidigung dieser Nation w\u00e4hrend der Franz\u00f6sischen Revolution sollten Nation und Staat, Volk und Territorium in \u00dcbereinstimmung gebracht werden. Diese Nationsbildungen waren vielfach mit Kriegen verkn\u00fcpft, so etwa in der Etablierung der neuen Nationalstaaten Italien und Deutschland zwischen 1859 und 1871. Zugleich handelte es sich um die innere Nationalisierung von Gesellschaften, der nationalen Aufladung von Institutionen, Symbolen und Traditionen, die praktisch alle europ\u00e4ischen Gesellschaften erfasste.<\/p>\n<p>Damit lie\u00dfen sich aber auch Gruppen im Inneren marginalisieren oder ausschlie\u00dfen, deren nationale Loyalit\u00e4t man in Frage stellte und die nur unter Vorbehalten zum Kern der Nation gez\u00e4hlt wurden, mochten es bestimmte Religionen und Konfessionen wie Juden oder Katholiken im Deutschen Reich nach 1871 sein, bestimmte ethnische Gruppen wie D\u00e4nen oder Polen in Deutschland, Iren in Gro\u00dfbritannien, Trentiner oder Tschechen in \u00d6sterreich-Ungarn, oder politische Bewegungen wie die sozialistischen Arbeiterparteien vor 1914. Religi\u00f6se und ethnische Markierungen \u00fcberlappten sich h\u00e4ufig, wie im Falle katholischer Iren im Vereinten K\u00f6nigreich oder katholischer Polen im deutschen Nationalstaat.<\/p>\n<p>Mit dem Weltkrieg entwickelten sich zun\u00e4chst neuartige aggressive Auspr\u00e4gungen eines Kriegsnationalismus, in denen sich der Nationalismus der Vorkriegszeit fortsetzte und zuspitzte. Angesichts der Massenmobilisierung im Krieg wurden die Kriterien, nach denen man die Zuverl\u00e4ssigkeit nationaler Loyalit\u00e4t bestimmter Gruppen bema\u00df, immer mehr versch\u00e4rft. In vielen Gesellschaften wurden im Laufe des Krieges soziale Konflikte und wirtschaftliche Verteilungskrisen mit ethnischen oder religi\u00f6s-konfessionellen Merkmalen verbunden, um die Loyalit\u00e4t bestimmter Gruppen infrage zu stellen und sie aus der Nation auszuschlie\u00dfen. Solche Prozesse radikalisierten sich w\u00e4hrend des Krieges, sie gingen immer h\u00e4ufiger mit Gewalt einher. Schlie\u00dflich konnten sie den Zusammenhalt von Gesellschaften und die Stabilit\u00e4t von politischen Regimen in Frage stellen.<\/p>\n<p>Zwischen 1500 und 1914 reduzierte sich in Europa die Zahl staatlicher Akteure von etwa 500 territorial-politischen Einheiten auf etwa 30 Staaten zum Zeitpunkt des Ersten Weltkrieges. In Mitteleuropa zeigte sich vor allem in der Phase zwischen 1792 und 1815 ein besonderer Zusammenhang zwischen Krieg und Staatsbildung nach au\u00dfen und nach innen. Auch wie das Prinzip der Volkssouver\u00e4nit\u00e4t in Konflikten umgesetzt wurde, geh\u00f6rte zum Erbe des 19. Jahrhunderts: Was in Frankreich 1830 und 1848 prim\u00e4r im Rahmen von Klassenkonflikten ausgetragen wurde, war in Italien, Deutschland und in den multiethnischen Gro\u00dfreichen mit dem Kriterium der Nationalit\u00e4t \u00fcberlagert. Soziale Konflikte zeigten sich hier nicht so sehr im revolution\u00e4ren Barrikadenkampf zwischen Klassen auf der Stra\u00dfe, sondern in der ethnischen Differenzierung nach Grenzen. Diese Konversion vertiefte sich im Laufe des Jahrhunderts: Im Panorama von West- nach Ost- und S\u00fcdosteuropa verwandelten sich \u201ebarricades into borders\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>VII.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bereits das 19. Jahrhundert ver\u00e4nderte die Beziehung zwischen Europa und Au\u00dfereuropa, wie zwischen den anderen Weltregionen untereinander, durch neue, vielf\u00e4ltige Verflechtungen. Dazu z\u00e4hlten nicht allein die europ\u00e4ische Expansion und die Schaffung abh\u00e4ngiger Kolonien, die in der zweiten Jahrhunderth\u00e4lfte im Zeichen zunehmender internationaler Konkurrenz zu einem konflikttr\u00e4chtigen Wettlauf um die Verteilung der nach Wahrnehmung vieler Zeitgenossen noch \u201efreien\u201c Territorien in Afrika und Asien f\u00fchrte. Verflechtungen zeigten sich auch in den Migrationsbewegungen, dem Waren- und Wissensaustausch.<\/p>\n<p>Nur in diesem Sinne l\u00e4sst sich das 19. Jahrhundert mit dem Signum einer \u201eWeltgeschichte Europas\u201c (Hans Freyer) kennzeichnen, insofern Europa noch eine entscheidende Referenz f\u00fcr die \u00fcbrigen Gesellschaften bildete. Dabei stellten die Globalisierungssch\u00fcbe, also die Vielfalt von Transferbeziehungen und Verflechtungen von Wirtschafts-, Finanz- und Wissensm\u00e4rkten \u00fcber die Grenzen der Nationalstaaten hinaus, die europ\u00e4ischen Nationalstaaten keinesfalls in Frage, sondern stabilisierten sie immer wieder.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Verh\u00e4ltnis zwischen Europa und Au\u00dfereuropa sowie der Weltregionen untereinander markierte der Erste Weltkrieg einen tiefen Einschnitt, der sich nicht allein in der Abl\u00f6sung der europ\u00e4ischen Pentarchie zeigte, jener Staatenordnung also, die mit Gro\u00dfbritannien, Frankreich, Russland, der Habsburgermonarchie und Preu\u00dfen\/Deutschland seit dem 18. Jahrhundert die internationalen Beziehungen bestimmt hatte. Das Ende der deutschen Kolonien nach 1918, ihre Um- und Neuverteilung sowie die Aufl\u00f6sung der multiethnischen Empires, zumal des Osmanischen Reiches, schufen neue Handlungs- und Einflussm\u00f6glichkeiten, w\u00e4hrend zugleich die Abh\u00e4ngigkeit der europ\u00e4ischen M\u00e4chte, zumal Gro\u00dfbritanniens, von den Kriegsleistungen ihrer Kolonialreiche enorm zunahm.<\/p>\n<p>Der Erste Weltkrieg sollte aber nicht nur aus europ\u00e4ischer Perspektive eine neue Phase von Kolonialisierung und Dekolonialisierung einleiten: Ebenso wichtig wurde die Erfahrung der durch den Krieg ausgel\u00f6sten globalen Mobilisierung von Menschen und Rohstoffen, wurden Migrationsstr\u00f6me und die Kriegserfahrungen von Kolonialgesellschaften au\u00dferhalb Europas. Wie das Beispiel der britischen Dominions Kanada, Australien und Neuseeland zeigen sollte, gingen die Kriegserfahrungen dieser Gesellschaften nicht darin auf, Soldaten und kriegswichtige Materialien bereitzustellen. Der Krieg ver\u00e4nderte vielmehr ihr Gewicht als Akteure innerhalb des Empire und pr\u00e4gte die innere Nationsbildung in diesen Gesellschaften.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>VIII.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aus der Periode der Franz\u00f6sischen Revolution, den aus ihr hervorgehenden Kriegen und den Konflikten mit dem Napoleonischen Kaiserreich zwischen 1792 und 1814\/15 ergab sich ein besonderes internationales Ordnungsdenken, das Europa langfristig und in seinen Grundz\u00fcgen bis 1914 pr\u00e4gte. Es beruhte zun\u00e4chst auf der Absicht, die postrevolution\u00e4re Staatenwelt Europas durch ein besonderes Gleichgewichtssystem zu stabilisieren, das hegemoniale Ausgriffe wie die der franz\u00f6sischen Revolutionsregime und des Napoleonischen Kaiserreichs verhindern sollte. Zu dieser Sicherheitskonzeption geh\u00f6rte auch das Bem\u00fchen, Konflikte zu entideologisieren und den Staatenkrieg nicht zu einem internationalisierten B\u00fcrgerkrieg werden zu lassen.<\/p>\n<p>Hier setzte die sogenannte Kongressdiplomatie an: Danach sollten Staatenbeziehungen nicht zum Objekt \u00f6ffentlicher Diskussion werden. Stattdessen setzte man darauf, Konflikte in geheimen Verhandlungen zwischen Regierungsvertretern fr\u00fchzeitig einzuhegen und sich dabei am Ideal souver\u00e4ner Staaten zu orientieren. Zwischen 1815 und 1871 war diese Politik der Konfliktbegrenzung und Kriegseinhegung durchaus erfolgreich, und selbst in der Phase der Kriege um die Etablierung neuer Nationalstaaten in Italien zwischen 1859 und 1870 und in Deutschland zwischen 1864 und 1871 kam es allenfalls zu bilateralen Konflikten, w\u00e4hrend es bis zum Ende des 19. Jahrhunderts keine umfassenden und ausschlie\u00dfenden B\u00fcndniskonstellationen gab, die mehr Staaten in die Konflikte involviert h\u00e4tten. W\u00e4hrend also in jenen Gebieten Kerneuropas, die seit dem 17. Jahrhundert immer wieder Schaupl\u00e4tze von Kriegen gewesen waren, ein gro\u00dfer Konflikt vermieden werden konnte, entstanden in den Kolonien und zumal in S\u00fcdosteuropa, auf dem Balkan, neue Konfliktr\u00e4ume und Spannungszonen. Hier wirkten die 1815 entwickelten Ordnungskonzepte nicht, aber in diese R\u00e4ume lie\u00dfen sich Machtkonflikte ableiten, was die internationale Ordnung indirekt stabilisierte.<\/p>\n<p>Auch der Konfliktherd, der im Sommer 1914 zum Anlass f\u00fcr den Ersten Weltkrieg wurde, verwies auf die s\u00fcdosteurop\u00e4ischen Spannungszonen, wo der R\u00fcckzug des Osmanischen Reiches und die gegenl\u00e4ufigen Interessen Russlands und der Habsburgermonarchie aus einem gef\u00e4hrlichen Machtvakuum ein hochlabiles Krisengebiet hatten entstehen lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IX.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine entscheidende Voraussetzung f\u00fcr das internationale Ordnungsdenken und damit auch f\u00fcr die relativ lange Abwesenheit gro\u00dfer kriegerischer Auseinandersetzungen in Europa lag in der F\u00e4higkeit der Staaten zum Krieg, ihrer Bellizit\u00e4t, und damit der prinzipiellen Gewaltbereitschaft. Diese Kriegsf\u00e4higkeit der Staaten war f\u00fcr die Aufrechterhaltung des internationalen Kr\u00e4ftegleichgewichts, auch durch das Mittel gegenseitiger Abschreckung wie f\u00fcr die Stabilisierung der inneren Verh\u00e4ltnisse der Staaten nach 1815 eine wesentliche Voraussetzung. Das zeigte sich vor allem in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts, als es zu immer gr\u00f6\u00dferen R\u00fcstungsanstrengungen und zur Entwicklung von Massenheeren durch die Einf\u00fchrung der Wehrpflicht in allen gr\u00f6\u00dferen europ\u00e4ischen Gesellschaften mit Ausnahme Gro\u00dfbritanniens kam. Zugleich aber wurde die prinzipielle Kriegsf\u00e4higkeit der europ\u00e4ischen Staaten au\u00dferhalb des Kontinents, zumal im M\u00f6glichkeitsraum der Kolonien, unter Beweis gestellt \u2013 erst im Sommer 1914 sollte sich das \u00e4ndern. Erst damit setzte eine Phase beispielloser Gewaltkaskaden im 20. Jahrhundert ein.<\/p>\n<p>Bellizit\u00e4t wurde im 19. Jahrhundert auch ein Ausdruck wirtschaftlicher und technologischer Errungenschaften von Industriegesellschaften, ihrer F\u00e4higkeit, neue soziale Gruppen zu integrieren, sich politisch zu behaupten und in einem Zeitalter wachsenden internationalen Wettbewerbs die eigene Zukunftsf\u00e4higkeit unter Beweis zu stellen. Nicht zuf\u00e4llig erfuhren gerade die Schlachtflotten im Zuge der kolonialen Expansion eine enorme symbolische und politische Aufwertung. Mit ihnen lie\u00dfen sich Wirtschaftsst\u00e4rke und technologischer Fortschritt, globale Mobilit\u00e4t und die Bereitschaft zur gewaltsamen Intervention kommunizieren \u2013 das pr\u00e4gte die Strategien des Seekrieges in einer sich industrialisierenden Welt und bedingte einen neuen Blick auf das Verh\u00e4ltnis von Land- und Seekrieg wie zwischen Kontinentalstaaten und globalen Imperien. Aus diesen Entwicklungen ergaben sich aber auch neue Zw\u00e4nge und Dynamiken: Es zeichneten sich n\u00e4mlich neue Entscheidungskonstellationen ab, in denen die milit\u00e4rischen Eliten und ihr Beharren auf strategischen Notwendigkeiten die Spielr\u00e4ume der Politik ver\u00e4nderten.<\/p>\n<p>Die zwischen 1815 und 1914 gelungene relative Begrenzung von kriegerischer Gewalt war zun\u00e4chst auf Kerneuropa beschr\u00e4nkt: Denn an den von der Mitte Europas aus gesehen s\u00fcd\u00f6stlichen Peripherien, auf dem Balkan mit seiner charakteristischen Mischung von zahlreichen Konfliktfaktoren \u2013 eine multiethnische Bev\u00f6lkerung, ein politisches Vakuum durch den allm\u00e4hlichen R\u00fcckzug des Osmanischen Reiches, dazu Russland und die Habsburgermonarchie als konkurrierende Gro\u00dfm\u00e4chte und der Wettbewerb von zunehmend radikal agierenden Nationalbewegungen bei relativ schwacher Staatlichkeit in der Region \u2013 kam es bereits vor dem Sommer 1914 zu einer ganzen Reihe von Kriegen, in denen sich die Gewalt gegen die ethnisch und religi\u00f6s-konfessionell gemischte Bev\u00f6lkerung radikalisierte.<\/p>\n<p>Erst recht galt diese Grenze der Konflikt- und Gewalteinhegung f\u00fcr die kolonialen Kriege europ\u00e4ischer M\u00e4chte gegen indigene Bev\u00f6lkerungen, so im Sudan 1898, in S\u00fcdafrika zwischen 1899 und 1902 sowie in der deutschen Niederschlagung der Herero- und Nama-Aufst\u00e4nde seit 1904. Wenn es Beispiele im langen 19. Jahrhundert gab, an denen man die m\u00f6gliche Zukunft der Kriegsgewalt erkennen konnte, so war es in Ans\u00e4tzen der Krimkrieg von 1853-56, aber vor allem der Amerikanische B\u00fcrgerkrieg. Von 1861 bis 1865 wurden 2,1 Millionen Soldaten aus den Nordstaaten und 880.000 Mann aus den Konf\u00f6derierten S\u00fcdstaaten mobilisiert, der Krieg forderte mehr als 750.000 Todesopfer, darunter \u00fcber 620.000 Soldaten, das waren knapp 2,5 Prozent der nordamerikanischen Bev\u00f6lkerung \u2013 und in etwa so viele amerikanische Todesopfer wie in den Revolutionskriegen des 18. Jahrhunderts, dem Krieg von 1812, dem Mexikanischen Krieg, dem Spanisch-Amerikanischen Krieg, den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts und dem Korea-Krieg zusammen. Er dokumentierte die neuartigen Zusammenh\u00e4nge zwischen der Massenmobilisierung und der Rechtfertigung bisher ungekannter Opferzahlen, zwischen gesteigerter Gewalt auch gegen die Zivilbev\u00f6lkerung des Gegners und dem Zweifel an der Loyalit\u00e4t einzelner Gruppen in der eigenen Gesellschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>X.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum 19. Jahrhundert geh\u00f6rte die zun\u00e4chst verbreitete Wahrnehmung eines umfassenden Fortschritts und einer immer besseren und gestaltbareren Zukunft, sei es durch mehr politische Teilhabe, durch wirtschaftliches Wachstum und mehr soziale Gleichheit, verbesserte Bildung und Wissensfortschritte, durch mehr Mobilit\u00e4t oder verbesserte Hygiene, durch Verbreitung einer europ\u00e4isch gedachten Zivilisationsidee auf der ganzen Welt. Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts traf dieser Fortschrittsglaube als Kern des b\u00fcrgerlichen Zukunftsversprechens auf immer mehr Zweifel. Die Kulturkritik, die Rezeption der Schriften Friedrich Nietzsches, aber auch die vielf\u00e4ltigen Reformbewegungen und k\u00fcnstlerischen Str\u00f6mungen um 1900 offenbarten, dass das Fortschrittsversprechen br\u00fcchiger geworden war.<\/p>\n<p>Sowenig man aus diesen Tendenzen auf eine verbreitete Hoffnung auf einen befreienden Krieg, ja ein Herbeisehnen eines gro\u00dfen Krieges schlie\u00dfen kann, sowenig l\u00e4sst sich \u00fcbersehen, wie stark die Leitmotive von Fortschritt, Wachstum und Expansion bereits vor 1914 unter Druck geraten waren. Dazu trug auch ein tiefgreifender Umbruch im Verst\u00e4ndnis der Wirklichkeit bei. Das galt in der zeitgen\u00f6ssischen Physik, wo das \u00fcberkommene Raum-Zeit-Kontinuum in der Relativit\u00e4tstheorie Albert Einsteins in Frage gestellt wurde, und es wurde in der Psychoanalyse Siegmund Freuds durch die Entdeckung des Unterbewussten erkennbar.<\/p>\n<p>Der Erste Weltkrieg stand im Zeichen beider Entwicklungen, sowohl des Fortschrittsversprechens und seiner Desillusionierung, zu der er erheblich beitrug, als auch des Umbruchs der Wirklichkeitswahrnehmung. Daneben zeigte sich nach 1914 aber auch eine ganz eigene Verkn\u00fcpfung von Krieg und Wissenschaft, denn zahlreiche Forscher waren ohne Weiteres bereit, ihr Wissen in den Dienst des eigenen Landes zu stellen, sei es in den Fluten von Rechtfertigungsschriften zeitgen\u00f6ssischer Historiker, Theologen, \u00d6konomen und Soziologen oder in der milit\u00e4rischen Nutzung neuer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und neuer Technologien f\u00fcr die Entwicklung neuer Kriegsmittel und Ersatzstoffe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>XI.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit dem zuvor Genannten h\u00e4ngt ein letzter Aspekt zusammen, n\u00e4mlich das Selbstbild und die Positionierung des Einzelnen im historischen Prozess. Die Besch\u00e4ftigung mit der Geschichte auf ganz unterschiedlichen Ebenen, in Denkm\u00e4lern, Museen und Geschichtsvereinen, in den zahllosen historischen Romanen, aber eben auch in der entstehenden Geschichtswissenschaft als einer b\u00fcrgerlichen Orientierungswissenschaft gerade in Deutschland wurde ein Leitmotiv des 19. Jahrhunderts. Dahinter stand die Suche nach der individuellen und kollektiven Selbstvergewisserung in einer Epoche, die zumal seit den 1860er und 1870er Jahren vom Modus der Beschleunigung erfasst schien.<\/p>\n<p>Das war etwas anderes als die Unterscheidungen zwischen \u201efr\u00fcher\u201c und \u201esp\u00e4ter\u201c oder \u201evorher\u201c und \u201enachher\u201c, die sich auf punktuelle Ereignisse wie Revolutionen oder Kriege beziehen konnten. Im Unterschied zur Phase nach 1800 entwickelte sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts eine ganz neue Qualit\u00e4t der Zeiterfahrung bei gleichzeitiger subjektiver Wahrnehmung schrumpfender R\u00e4ume. Dazu trugen technische Errungenschaften bei: Verkehrsverdichtung und Beschleunigung standen am Ende des Jahrhunderts im Zeichen von Dampfschiffen, Eisenbahnen und Automobilen, welche die mit nat\u00fcrlicher Antriebskraft betriebenen Segelschiffe und Kutschen zu ersetzen begannen. Das kabel- und drahtgebundene Nachrichtennetz der Welt trat 1899 in ein neues Zeitalter, als die erste drahtlose Nachrichten\u00fcbermittlung zwischen England und Frankreich gelang, der 1901 die erste transatlantische \u00dcbertragung folgte. Das Ergebnis dieser Beschleunigungen reduzierte den wahrgenommenen Raum der Zeitgenossen und damit auch die Distanz zwischen Ereignis und Nachricht.<\/p>\n<p>Diese Entwicklungen konfrontierten viele Zeitgenossen aber auch mit neuartigen Krisensymptomen: Die historisch erfahrene Zeit und die eigene, individuell-biographische Zeiterfahrung traten immer weiter auseinander. Chiffren dieser Entwicklung waren am Beginn des 20. Jahrhunderts nicht zuf\u00e4llig der \u201eZ\u00e4hlzwang\u201c und die \u201eEilkrankheit\u201c der Protagonisten aus Robert Musils Romanen und Erz\u00e4hlungen, und vor allem \u201eChoc\u201c, \u201eTrauma\u201c und \u201eNervosit\u00e4t\u201c als Symptome einer krankhaften Zeit.<\/p>\n<p>Ein anderes Leitmotiv in der Suche nach Selbstvergewisserung wurde in der Kulturkritik des ausgehenden 19. Jahrhunderts und den Debatten um 1900 erkennbar: Das Verh\u00e4ltnis des Individuums zur aufziehenden Massengesellschaft, die Behauptung des Einzelnen in der Masse, die f\u00fcr viele Zeitgenossen ein zutiefst ambivalentes Ergebnis der demographischen Entwicklung, der wirtschaftlichen Dynamik und sozialen Mobilisierung geworden war. Auch dies geh\u00f6rte zum Erbe des 19. Jahrhunderts, und viele der zeitgen\u00f6ssischen Debatten um Massenpresse und Massenkonsum, um Versittlichung, Sexualit\u00e4t und K\u00f6rper, um den Gegensatz zwischen anonymer Gesellschaft und identit\u00e4tsstiftender Gemeinschaft drehten sich im Kern um dieses Problem.<\/p>\n<p>Europa um 1900: Das war ein irritierendes Nebeneinander von ganz unterschiedlichen und ambivalenten Str\u00f6mungen. Zu dieser spannungsgeladenen Situation geh\u00f6rte auch das Nebeneinander von Rationalit\u00e4t und Subjektivierung. Politische Theoretiker und Sozialphilosophen diagnostizierten um 1900 angesichts der starken Tendenzen zur Rationalisierung in der Wirtschaft, der Verwaltung, der Politik in modernen Gesellschaften einen Mangel an Instinkt, Intuition, Subjektivit\u00e4t und damit auch irrationalen Elementen, ohne die sich aber der Einzelne verloren und isoliert vorkommen m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Zumal Max Webers Konzentration auf Ekstase und Charisma dokumentierte die wahrgenommenen Grenzen, allein mit Hilfe rationaler, b\u00fcrokratischer und legaler Prozesse politisches und soziales Handeln zu regeln. Zu dieser Spannung geh\u00f6rte auch der zeitgen\u00f6ssische Blick auf Gewalt. Die Vorstellung von Gewalt als einer blo\u00df irrationalen Macht, zu der man sich wie George Sorel oder die Futuristen programmatisch bekannte, war das eine. Aber wiederum war es Max Weber, der betonte, dass systemische Gewalt auch den legitimen, gut gef\u00fchrten und friedlichen Staaten innewohne. Jede Form sozialer und politischer Ordnung beruhe auf der staatlichen Verf\u00fcgung \u00fcber Gewalt. Lenin schlie\u00dflich verkn\u00fcpfte exakte Analyse der Politik, rationale Organisation durch eine revolution\u00e4re Avantgarde, kalkulierte Strategie \u2013 und hohe Gewaltbereitschaft miteinander. Die aus dem 19. Jahrhundert \u00fcberkommene Vorstellung, dass sich Rationalit\u00e4t stets mit Fortschritt zu Frieden und Vernunft mit liberalen Verfassungen und Gewalteinhegung verbinde, wurde um 1900 mindestens auf der Ebene der politischen und sozialen Theorie in Frage gestellt.<\/p>\n<p>Den Ersten Weltkrieg allein aus dem 19. Jahrhundert erkl\u00e4ren zu wollen, w\u00e4re verfehlt. Es w\u00fcrde das Jahrhundert zu einer blo\u00dfen Vorgeschichte des Krieges machen, in der am Ende nur diejenigen Prozesse und Zusammenh\u00e4nge ber\u00fccksichtigt w\u00fcrden, die zur vermeintlichen Erkl\u00e4rung des Krieges taugten \u2013 und nicht auch diejenigen, die dagegen spr\u00e4chen. Keine Geschichte ist aber blo\u00dfe Vorgeschichte des Sp\u00e4teren \u2013 diese Perspektive nimmt vielmehr vor allem derjenige ein, der von den Strukturen des Vorvergangenen die Erkl\u00e4rung des Vergangenen erwartet. Die \u201evergangene Zukunft\u201c des 19. Jahrhunderts aber hatte viele m\u00f6gliche Entwicklungswege, deren Vielfalt nicht vorschnell durch den einen Pfad entwertet werden sollte, der sich am Ende durchsetzte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>XII.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als der Krieg im August 1914 konkret wurde, da nahmen die b\u00fcrgerlichen Eliten, zumal die deutschen Intellektuellen, besonders intensiv daran Anteil, indem sie demonstrativ ihre Verbundenheit mit der eigenen Nation im Krieg betonten. Und doch mischte sich in diesen Kulturkrieg schon im Sommer 1914 ein eigent\u00fcmliches Bewusstsein vom Umbruch der Zeit, der alle Werte und Erfahrungen des langen 19. Jahrhunderts in Frage zu stellen schien. Am 2. August 1914 hielt Ernst Troeltsch, Professor der Theologie an der Universit\u00e4t Heidelberg, eine bemerkenswerte Rede. Sie ging nicht auf im situativen Patriotismus der Stunde. Vielmehr war sich der Heidelberger Theologe sicher, dass der Krieg alle \u00fcberkommenen Sicherheitsversprechen, die auf Rationalit\u00e4t beruhenden sozialen und staatlichen Ordnungsstrukturen aus dem 19. Jahrhundert und damit auch die Basis b\u00fcrgerlicher Kultur radikal in Frage stellen werde: \u201eSo zerbrechen auch uns heute alle rationellen Berechnungen. Alle Kurszettel und Kalkulationen, die Versicherungen und Zinsberechnungen, die Sicherstellungen gegen Unf\u00e4lle und \u00dcberraschungen, der ganze kunstreiche Bau unserer Gesellschaft hat aufgeh\u00f6rt, und \u00fcber uns allen liegt das Ungeheure, das Unberechenbare, die F\u00fclle des M\u00f6glichen.\u201c<\/p>\n<p>Wenn sich bereits in der Julikrise 1914 die verheerenden Wirkungen von grundlegenden Misskalkulationen, von verfehlten Wirkungsannahmen, von Handlungsdruck und individueller \u00dcberforderungen gezeigt hatten, so galt das zugespitzt auch f\u00fcr den Auftakt des konkreten Krieges. Die Akteure mochten im Sommer 1914 mit dem Krieg als M\u00f6glichkeit operiert haben, aber sie waren alsbald mit einer Kriegsrealit\u00e4t konfrontiert, mit der sie in ihren quantitativen und qualitativen Ausma\u00dfen nicht hatten rechnen k\u00f6nnen \u2013 daraus ergab sich das Paradoxon von hypertrophen Kriegsplanungen und Kriegsszenarien bei gleichzeitig unzureichender Vorbereitung.<\/p>\n<p>Das Ergebnis des Krieges f\u00fcr das 20. Jahrhundert, das war den Zeitgenossen unmittelbar bewusst, ging nicht allein in der Quantit\u00e4t der Kriegsopfer auf. Es war nicht messbar anhand der Millionen von toten Soldaten und Zivilisten. Hinter der schieren Quantit\u00e4t der Opfer verbarg sich eine grunds\u00e4tzlich neue Qualit\u00e4t von Gewalterfahrungen. Obwohl die Opfer anders als im Zweiten Weltkrieg zumeist noch Soldaten waren, entstand eine neue Dimension der Gewalt gegen die Zivilbev\u00f6lkerung, so in Belgien und Nordfrankreich, in Serbien, Armenien und vielen Gebieten Osteuropas. Zu den Opfern z\u00e4hlten viele Tote bisher nicht selbstst\u00e4ndiger Bev\u00f6lkerungen im Verband der Empires \u2013 das verband bei allen Unterschieden die polnischen mit den indischen und den aus Afrika und Ostasien rekrutierten Soldaten. Und zur fortdauernden Wirkung des Krieges geh\u00f6rten auch das Heer der zur\u00fcckbleibenden Verwundeten und die damit verbundenen langfristigen staatlichen Versorgungsleistungen f\u00fcr Kriegsinvalide. Gerade sie gaben dem Krieg im Frieden ein Gesicht.<\/p>\n<p>Der Sieger des Weltkrieges war keine Nation, kein Staat, kein Empire, und sein Ergebnis war keine Welt ohne Krieg. Der eigentliche Sieger war der Krieg selbst, das Prinzip des Krieges, der totalisierbaren Gewalt als M\u00f6glichkeit. Das wog langfristig umso schwerer, weil es im fundamentalen Gegensatz zu jenem Leitmotiv stand, das sich w\u00e4hrend des Krieges entwickelt hatte und das f\u00fcr viele Soldaten ein entscheidender Grund gewesen war, den Krieg mit allen Mitteln fortzusetzen. Die Hoffnung, ein letzter grausamer Krieg m\u00fcsse am Ende gegen das Prinzip des Krieges \u00fcberhaupt gef\u00fchrt werden, das Vertrauen darauf, dass der Weltkrieg ein \u201ewar that will end war\u201c sei, sollte bitter entt\u00e4uscht werden. Schon die unmittelbare Phase nach dem 11. November 1918 dokumentierte, dass kriegerische Gewalt auch weiterhin ein Mittel der Wahl blieb: um wie in Irland und Polen neue Nationalstaaten zu etablieren oder territorial zu arrondieren, um wie in Russland in einem blutigen B\u00fcrgerkrieg einer Ideologie zum Sieg zu verhelfen oder wie in der T\u00fcrkei die Bedingungen eines Friedensvertrags gewaltsam zu revidieren. Was im Sommer 1914 im Kern als Staatenkrieg begonnen hatte, m\u00fcndete seit 1917 in eine Vielzahl neuer Gewaltformen, die weit \u00fcber das formale Ende des Krieges im Westen hinausreichten. Dazu geh\u00f6rten, immer wieder \u00fcberlappend, nationale Unabh\u00e4ngigkeits- und Staatsbildungskriege, ethnische Konflikte und B\u00fcrgerkriege.<\/p>\n<p>Was sich ver\u00e4nderte, das war der Blick auf die M\u00f6glichkeiten der Gewalt vor dem Hintergrund einer neuartigen Un\u00fcbersichtlichkeit, eines Zeitalters der Frakturen, die zu neuen Kategorienbildungen zwang. Es war nach 1918 kein neuer stabiler Ordnungsrahmen \u2013 weder gesellschaftlich, noch politisch, noch international \u2013 erkennbar. Aber die neuen Modelle des Bolschewismus wie des Faschismus wandten sich unverkennbar gegen das liberale Erbe des 19. Jahrhunderts, nicht zuletzt in der ausgesprochenen Gewaltbereitschaft und dem entgrenzten Terror nach innen und au\u00dfen. Das hatte mit vielf\u00e4ltigen Weltkriegserfahrungen zu tun, den \u00dcberg\u00e4ngen vom Staatenkrieg in die Revolution und den B\u00fcrgerkrieg genauso wie mit den entt\u00e4uschten Erwartungen in vielen Gesellschaften. Um 1930 schien das Modell des liberalen Verfassungsstaates und der Parlamentarismus jedenfalls seine Zukunft hinter sich zu haben.<\/p>\n<p>Was aber war die Konsequenz dieser radikalen Entwertung von Erwartungen durch eine Explosion von Gewalterfahrungen in kurzer Frist seit dem Sommer 1914? Bis in die fr\u00fche Neuzeit waren Erwartungshorizonte und Erfahrungsr\u00e4ume in einem zyklischen Zeitverst\u00e4ndnis aufeinander bezogen geblieben. Zwischen 1770 und 1850 brach diese Zeitvorstellung auseinander, weil die Erwartungen der Menschen im Zeitalter der Franz\u00f6sischen Revolution weit \u00fcber ihre Erfahrungen hinausschossen.<\/p>\n<p>Das, was im August 1914 begann und im November 1918 nicht endete, kehrte diese Tektonik radikal um: Nun entlarvte der Krieg die Fortschrittserwartungen, jenes Erbe des 19. Jahrhunderts, als harmlose Szenarien, die der Dynamik der Erfahrungen in diesem Krieg nicht mehr standhielten. Das Ergebnis war eine Glaubw\u00fcrdigkeitskrise in nahezu allen Lebensbereichen: eine Krise der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, der ideologischen Entw\u00fcrfe zur Rechtfertigung von Staaten und Reichen, von Nationen, Ethnien und Klassen. Darin, in dieser elementaren Verunsicherung, in verk\u00fcrzten Geltungsfristen und Halbwertzeiten gro\u00dfer Ordnungsideen, liegt ein Erbe des Krieges, der im August 1914 ge\u00f6ffneten \u201eB\u00fcchse der Pandora\u201c bis in unsere Gegenwart.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Thomas Manns Roman \u201eDer Zauberberg\u201c, 1924 erschienen, war ein Zeitroman im doppelten Sinne: Er thematisierte zum einen das Ph\u00e4nomen der Zeit an sich, also die pathologische Zeiterfahrung der Protagonisten in der Welt des Lungensanatoriums Berghof, ihre Subjektivierung, ihre Aufsplitterung in konkurrierende Zeitkonzepte. 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