{"id":125061,"date":"2026-06-18T14:17:08","date_gmt":"2026-06-18T12:17:08","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=125061"},"modified":"2026-06-18T14:17:14","modified_gmt":"2026-06-18T12:17:14","slug":"biblia-pauperum-bibel-der-armen-bettelmoenche-typologische-schriftauslegung-als-predigtgrundlage-im-ringen-mit-den-katharern","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/biblia-pauperum-bibel-der-armen-bettelmoenche-typologische-schriftauslegung-als-predigtgrundlage-im-ringen-mit-den-katharern\/","title":{"rendered":"Biblia pauperum \u2013 Bibel der armen Bettelm\u00f6nche?"},"content":{"rendered":"<p>Was f\u00fcr ein herrlicher Raum, und was f\u00fcr ein architektonischer Reichtum in Regensburg! Ich bin dem Kulturreferenten der Stadt Regensburg, Herrn Clemens Unger, und dem Direktor des Stadtmuseums, Herrn Dr. Peter Germann Bauer, au\u00dferordentlich dankbar, dass sie sich f\u00fcr den Vorschlag offen gezeigt haben, dieses Symposium im Rahmen der Ausstellung \u201eMehr als schwarz und wei\u00df. 800 Jahre Dominikanerorden\u201c in der zweiten mittelalterlichen Bettelorden-Kirche stattfinden zu lassen, hier in der Minoritenkirche, nachdem die Dominikanerkirche, am westlichen Rand der Altstadt, Teil der Ausstellung selbst ist.<\/p>\n<p>Gewiss, hier haben seit dem 13. Jahrhundert Minderbr\u00fcder in den Fu\u00dfspuren des heiligen Franziskus gewirkt, vor allem gepredigt, aber der Geist und die Architektur \u00e4hneln sich doch sehr. Auch diese Kirche ist als Predigtkirche gebaut, in der sich viel Volk versammeln konnte.<\/p>\n<p>Die Aufgabe der Predigt nun ist den Dominikanern als Gr\u00fcndungscharisma in die Wiege gelegt. Im Paragraph I der Fundamentalkonstitutionen des Ordens wird aus dem Brief von Papst Honorius III. an den Ordensgr\u00fcnder Dominikus zitiert: \u201eEr, der seine Kirche immer neue Kinder hervorbringen l\u00e4sst, will, wie in fr\u00fcheren Zeiten, so auch heute den katholischen Glauben ausbreiten. Daher gab Er euch den Gedanken ein, euch der Predigt des Wortes Gottes in einem armen und kl\u00f6sterlichen Leben zu widmen und den Namen unseres Herrn Jesus Christus aller Welt zu verk\u00fcndigen.\u201c<\/p>\n<p>Von diesem Gr\u00fcndungscharisma leitet sich der offizielle Name der Dominikaner her: \u201eOrdo praedicatorum\u201c Predigerorden. Was aber und wie haben die Dominikaner gepredigt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Quellenlage hinsichtlich der Inhalte der Predigten ist au\u00dferordentlich prek\u00e4r. Wenn ich recht sehe, ist aus der Ursprungszeit keine Predigt im Wortlaut oder auch nur eine Inhaltsangabe erhalten. Auch zum \u201eKneipengespr\u00e4ch\u201c, einer \u00fcberlieferten Legende gem\u00e4\u00df Ursprung der dominikanischen Bewegung, sind keine Inhalte \u00fcberliefert. Als Begleiter seines Bischofs Diego \u00fcbernachtete der Regularkanoniker Dominikus im Jahr 1203 bei einem Gastwirt, der zur \u201eketzerischen\u201c Glaubensgemeinschaft der Katharer geh\u00f6rte. Mit ihm kam Dominikus, so erz\u00e4hlt die Legende, ins Gespr\u00e4ch. Und nach einem n\u00e4chtlichen Glaubensgespr\u00e4ch war der Wirt f\u00fcr die katholische Kirche zur\u00fcckgewonnen. Nur zu gerne w\u00e4ren wir dabei gewesen bei diesem Gespr\u00e4ch, oder bei einer der Predigten.<\/p>\n<p>Erkenntnisse \u00fcber die Inhalte der dominikanischen Predigt lassen sich m\u00f6glicherweise \u00fcber einen Umweg gewinnen. Auf gesichertem Boden stehen wir n\u00e4mlich, wenn wir uns die historische Situation vergegenw\u00e4rtigen, in die hinein die Sendung des Dominikus geschieht, und die mit der besonderen Ausrichtung des Gastwirts aus der Kneipenlegende schon genannt ist: Die Auseinandersetzung mit der die Einheit der Kirche gef\u00e4hrdenden Katharer-Bewegung.<\/p>\n<p>Damit ist die gr\u00f6\u00dfte Sekte des Mittelalters benannt. Die Selbstbezeichnung \u201eGute Christen\/M\u00e4nner beziehungsweise Frauen\u201c bringt ihr Selbstverst\u00e4ndnis zum Ausdruck: Menschen, die dem Evangelium Jesu Christi gehorsam leben. Als Fremdbezeichnung hat sich in Frankreich der Name Albigenser (nach dem Ort Albi) eingeb\u00fcrgert, in Deutschland und dann auch in Italien werden sie \u201eKatharer\u201c, von gr. kathar\u00f3s = rein, bezeichnet. Von diesem Wort leitet sich dann sogar der \u00dcberbegriff \u201eKetzer\u201c zur allgemeinen Bezeichnung der Anh\u00e4nger heterodoxer Lehren ab.<\/p>\n<p>Kennzeichnend ist unter praktischer R\u00fccksicht die Kritik an einer verweltlichten Kirche, insbesondere eines reichen und verweltlichten Klerus. Unter systematisch-theologischer R\u00fccksicht geh\u00f6ren die Katharer zu den geistigen Erben der dualistischen Str\u00f6mungen der fr\u00fchen Kirche mit einer Unterscheidung von b\u00f6sem Sch\u00f6pfergott des Alten und guten und barmherzigen, von Jesus gepredigten Erl\u00f6sergott des Neuen Testaments. Die Ablehnung des Alten Testaments als vollg\u00fcltiger Teil der einen Bibel, als Zeugnis der Offenbarung Gottes und Vorbereitung und Hinf\u00fchrung des Volkes Israel auf die vollendende Erf\u00fcllung seiner Selbstmitteilung in Jesus Christus und die Beschr\u00e4nkung auf das Neue Testament geh\u00f6rte zu den Charakteristika dieser Bewegung und dementsprechend zu den Herausforderungen, denen sich die dominikanische Predigt zu stellen hatte.<\/p>\n<p>Auf sicherem Boden sind wir schlie\u00dflich auch bez\u00fcglich der Merkmale der dominikanischen Predigt. Mit Johannes Bunnenberg OP gesprochen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li>Dominikanische Predigt ist Wanderpredigt: Sie geht r\u00e4umlich und geistig auf Menschen zu, greift aktuell schwierige Situationen und Fragestellungen auf und bem\u00fcht sich um ein Gespr\u00e4ch gerade mit Menschen, die sich mit der Kirche schwer tun.<\/li>\n<li>Dominikanische Predigt gr\u00fcndet auf sorgf\u00e4ltigem Studium, ist wissenschaftlich fundiert, stellt sich der argumentativen Auseinandersetzung.<\/li>\n<li>Dominikanische Predigt speist sich aus Gebet und Liturgie, aus Kontemplation und geistlicher Lesung.<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An anderer Stelle betont Bunnenberg, dass das Bibelverst\u00e4ndnis, das der \u201electio divina\u201c und dem Schriftstudium der Dominikaner zugrunde lag und liegt, traditionell sei und den Geist der Kirchenv\u00e4ter atme.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der Basis dieser gesicherten Vor\u00fcberlegungen kann nun die These genannt werden, die dem Vortrag zugrunde liegt und die meines Erachtens der Diskussion wert ist, auch wenn sie sich vielleicht letztlich nicht halten l\u00e4sst. Es ist die These Alfred Weckwerths, den die Herausgeber der Theologischen Realenzyklop\u00e4die, des bedeutendsten und umfangreichsten evangelischen Lexikons, mit dem Artikel \u00fcber die \u201eArmenbibel\u201c, die \u201eBiblia pauperum\u201c beauftragt hatten. Mit dem Begriff \u201eBiblia pauperum\u201c k\u00f6nnen recht unterschiedliche Kunstformen bezeichnet werden. Indiskutabel, aber leider popul\u00e4rwissenschaftlich immer wieder zu h\u00f6ren und zu lesen ist eine Deutung von \u201egemalter Bibel f\u00fcr des Lesens Unkundige\u201c. \u00dcber dieses Missverst\u00e4ndnis g\u00e4be es einiges zu sagen, was hier aber nicht ausgef\u00fchrt werden soll.<\/p>\n<p>In der Kunstgeschichtsschreibung hat es sich eingeb\u00fcrgert, mit \u201eArmenbibel\u201c in erster Linie bebilderte Bibelhandschriften aus dem hohen und sp\u00e4ten Mittelalter zu benennen. Gemeinsames Kennzeichen der \u201eBibliae pauperum\u201c ist die ausdr\u00fcckliche Verkn\u00fcpfung von Altem und Neuem Testament, insofern jeweils einem neutestamentlichen Zentralbild zwei oder drei Bilder mit entsprechenden alttestamentlichen Szenen zugeordnet sind. So wird etwa dem Bild von der Geburt Jesu zum einen Mose vor dem brennenden aber nicht verbrennenden (sogar Bl\u00fcten tragenden) Dornbusch und zum anderen der bl\u00fchende Stab Aarons zugeordnet, wodurch die Fruchtbarkeit und Mutterschaft Marias bei gleichzeitig unversehrter Jungfr\u00e4ulichkeit vom Alten Testament her beleuchtet werden.<\/p>\n<p>Hermeneutische Grundlage f\u00fcr diese Zuordnungen ist die \u201eTypologie\u201c oder \u201etypologisches Denken\u201c, wovon etwa Leonhard Goppelt gesagt hat, es sei die Weise, wie sich Altes und Neues Testament aufeinander beziehen und wodurch ihre Einheit begr\u00fcndet werden kann. Einem \u201etypos\u201c, lateinisch \u201efigura\u201c, deutsch vielleicht am besten \u00fcbersetzt mit \u201eVorausbild\u201c oder \u201eEntwurf\u201c im Alten Testament entspricht die \u00fcberbietende Erf\u00fcllung im Antitypos des Neuen Testaments. Typoi k\u00f6nnen Ereignisse, Institutionen, vor allem aber Personen des Alten Testamentes sein. Die Sintflut oder der Auszug Israels aus \u00c4gypten durch das Rote Meer beispielsweise sind Vorausbilder der Taufe (vgl. 1 Kor 10,1 Petr 3,20 f.: \u201ein ihr [der Arche] wurden nur wenige, n\u00e4mlich acht Menschen, durch das Wasser gerettet. Dem entspricht die Taufe, die jetzt euch rettet\u201c), ebenso die Gabe des Manna, Brot vom Himmel, als Vorausbild der Eucharistie und Jona, der drei Tage und drei N\u00e4chte im Bauch des Fisches war, als Vorausbild des gekreuzigt-auferstandenen Herrn (Mt 12,40: \u201eDenn wie Jona drei Tage und drei N\u00e4chte im Bauch des Fisches war, so wird auch der Menschensohn drei Tage und drei N\u00e4chte im Innern der Erde sein\u201c).<\/p>\n<p>Typologie setzt voraus und macht erkennbar, dass Gott sich treu und in seinem Handeln erkennbar bleibt. Dabei gibt es eine Dynamik in seinem Handeln, die als Ausdruck einer g\u00f6ttlichen P\u00e4dagogik verstanden werden kann. Auf Seiten der Empf\u00e4nger der Offenbarung entspricht dieser P\u00e4dagogik eine Hinf\u00fchrung und Weitung der Herzen. Die F\u00fclle und Wucht der Offenbarung kann demnach nur dem vorbereiteten und zudem noch umkehrenden Menschen eingehen.<\/p>\n<p>Auf der Meta-Ebene stellt das Bild mit den Kundschaftern die Einheit der Testamente dar. Kaleb aus dem Stamme Juda steht f\u00fcr das Volk der Juden und das dem gro\u00dfen Heilsgeschehen vorangehende Alte Testament, w\u00e4hrend der hintere Tr\u00e4ger, der Benjaminite Josue \u2013 gleicher Wortstamm wie Jesus \u2013 das Neue Testament symbolisiert. Kaleb blickt sich nach der Traube um, das hei\u00dft die Juden schauen zur\u00fcck, indem sie an dem Alten Testament festhalten. Die Kirche hingegen schaut voraus und erkennt in der Stange, an der die Traube h\u00e4ngt schon das Kreuzesholz des Erl\u00f6sers und folgt ihm.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein zweiter der insgesamt 80 bekannten Codices, die wir Armenbibel nennen, ist der Codex palatinus latinus 871. Man beachte am vorliegenden Bild den gro\u00dfen Textteil. Er macht deutlich, dass es sich bei der Biblia pauperum keineswegs um eine Bibel f\u00fcr die Armen im Geiste handelt, die nicht lesen k\u00f6nnen. Hier kann man dar\u00fcber hinaus eine Variante der Darstellung der Kundschafter sehen. Josue, als Versinnbildlichung des Neuen Testamentes schaut auf Kaleb zur\u00fcck und geht voraus. Zuerst kommt das Alte Testament, dann die Frucht am Querbalken, Jesus Christus, dann das Neue Testament. Jesus Christus stellt auch hier die Verbindung zwischen beiden her.<\/p>\n<p>Alfred Weckwerth nun stellte 1972 die These auf, der Bibel-Typ Biblia pauperum, die Armenbibel, mit ihren charakteristischen Bibelbilder-Kombinationen, sei Instrument der antih\u00e4retischen, d.h. antikatharischen Glaubensverk\u00fcndigung gewesen und habe dem Ziel gedient, die Einheit der typologisch aufeinander bezogenen Testamente gegen die Verwerfung des Alten Testaments durch die Katharer sichern und predigen zu helfen. Die pauperes, die Armen der Armenbibel, seien also nicht die \u201eUnm\u00fcndigen\u201c oder \u201eUngebildeten\u201c, auch nicht einfach die vom Herrn in der ersten Seligpreisung der Bergpredigt gepriesenen \u201epauperes spiritu\u201c (vgl. Mt 5,4 Vulgata), sondern Frauen und M\u00e4nner, die in \u201eapostolischer Armut\u201c leben wollten. Auf kirchlicher Seite waren dies vor allem die armen Bettelm\u00f6nche, allen voran die Dominikaner (Weckwerth, Der Name, S. 26-28). \u201eIn den heftigen theologischen Auseinandersetzungen jener Zeit, in der auch H\u00e4retiker diesen Namen f\u00fchrten, nahmen auf rechtgl\u00e4ubiger kirchlicher, d.h. r\u00f6misch-katholischer Seite besonders die m\u00f6nchischen Orden den Namen \u201aPauperes\u2018 f\u00fcr sich in Anspruch. Aus ihren Reihen stammen diese Schriften, die damals und heute als Bibliae pauperum bezeichnet wurden und werden.\u201c (Weckwerth, a.a.o., S. 33) Bereits 1957 machte Weckwerth die antih\u00e4retische Zweckbestimmung der mittelalterlichen Armenbibeln stark. Er wandte sich damit gegen die Deutung von Hans Rost (1939), der in den \u201epauperes praedicatores\u201c solche Prediger sah, die \u00fcber geringe Mittel zur Anschaffung von B\u00fcchern verf\u00fcgten: \u201eDie Typologien dieser Zeit waren gegen die Lehren der Katharer gerichtet, folglich war auch die Bestimmung der Biblia pauperum antikatharisch.\u201c (Weckwerth, Die Zweckbestimmung, S. 257). Er erinnert an die Synoden von Toulouse (1229) und Tarragona (1233), die f\u00fcr den Besitz der Bibel sowohl f\u00fcr Priester als auch f\u00fcr Laien weitreichende Regulierungen formuliert hatten. Die Kirche ging im 13. Jahrhundert zu einem rigideren Vorgehen gegen die H\u00e4resie \u00fcber. Es waren laut Weckwerth auch die Benediktiner, die sich von ihrer Ordenstradition her besonders f\u00fcr eine Bek\u00e4mpfung der H\u00e4resie durch sachliche Argumentation, durch Lehre und mit der Kraft der \u00dcberzeugung stark machten. Bei ihnen entstand in dieser Zeit eine Typologiensammlung, die f\u00fcr die Auseinandersetzung mit den Katharern die notwendigen Argumente lieferte. Darin waren u.a. Bibelstellen systematisch geordnet, so dass die Bedeutung des Alten Testamentes verdeutlicht werden konnte. Diese Sammlung diente wohl auch als Grundlage f\u00fcr die Predigten gegen die Irrlehren der Katharer (Weckwerth, a.a.o., S. 257 f.). Besonders der Dominikanerorden ist von seinen Anf\u00e4ngen her antih\u00e4retisch und dem apostolischen Ideal der Armut verschrieben. Auch wenn nat\u00fcrlich die Dominikaner nicht die einzigen waren, die sich als \u201ewahre Arme\u201c bezeichneten und gegen die Katharer predigten, so l\u00e4sst sich doch eine besondere N\u00e4he zwischen den Anf\u00e4ngen den Armenbibeln und den Dominikanern feststellen (Weckwerth, Der Name, S. 27 f.).<\/p>\n<p>Die Thesen Weckwerths haben vielfach Widerspruch hervorgerufen. Gerhard Schmidt und Maurus Berve halten ihm entgegen, dass zur Zeit der Hochbl\u00fcte der Katharer nur nicht bebilderte Bibelkurzfassungen, die \u201eechten\u201c Armenbibeln, f\u00fcr die Hand von Scholaren oder Predigern, die sich den Erwerb einer vollst\u00e4ndigen Bibelausgabe nicht leisten konnten, nicht aber die kostbaren \u201etypologischen\u201c Bilderbibeln als Bibliae pauperum bezeichnet worden seien (Schmidt, Die Armenbibeln des 14. Jahrhunderts). Diese Bibelkurzfassungen verrieten zwar popul\u00e4rdidaktische, nicht aber ausgepr\u00e4gt antih\u00e4retische Zielsetzungen. Die Erkenntnis Gotthold Ephraim Lessings, dass es sich bei der Bezeichnung Biblia pauperum f\u00fcr die bebilderten Bibelausgaben um eine sp\u00e4tere Zutat handelt, bleibe g\u00fcltig.<\/p>\n<p>Eine entscheidende Funktion in der Argumentation kommt dabei der Frage zu, ob die Bezeichnung Biblia pauperum f\u00fcr mit typologischen Bildzusammenstellungen ausgestattete Bibelausgaben tats\u00e4chlich schon, wie Weckwerth meint, f\u00fcr das hohe Mittelalter selbst nachgewiesen (Weckwerth, Der Name, S. 2) werden kann, oder ob er in diesem Verst\u00e4ndnis erst als bibliothekarischer Begriff im 15. Jahrhundert begegnet, als die urspr\u00fcnglichen Zusammenh\u00e4nge in Vergessenheit geraten waren und aufgrund einer einseitigen Wertsch\u00e4tzung des Wortes das Bild nur als p\u00e4dagogisches Vehikel gedeutet werden konnte. Das Bildbed\u00fcrfnis und die Bilderverehrung in der Kirche haben nichts mit einem vermeintlichen Analphabetismus zu tun, sondern sie entsprechen der Offenbarung Gottes in den Medien von Raum, Zeit und Geschichte, insofern sich in Jesus Christus das Ebenbild des unsichtbaren Gottes gezeigt hat.<\/p>\n<p>Somit w\u00e4re die These Weckwerths eine \u00dcberinterpretation des Begriffs \u201epauperes\u201c. Immerhin r\u00e4umt Schmidt ein, Weckwerth komme das Verdienst zu, auf die antih\u00e4retische Propaganda als theologiegeschichtlichen Hintergrund f\u00fcr die mittelalterliche Typologie aufmerksam gemacht zu haben (Schmidt, Die Armenbibeln des 14. Jahrhunderts, 120). Dem Urteil Schmidts schlie\u00dfen sich auch die Herausgeber der Bilderhandschrift des Codex Palatinus latinus 871 aus der Biblioteca Apostolica Vaticana in der Belser Kunstbuchedition ber\u00fchmter Handschriften an (Wetzel, Biblia pauperum, S. 9).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ganz sicher aus der Feder eines Dominikaners ist nun eine Weiterentwicklung der Biblia pauperum, der Heilsspiegel, lat. speculum humanae salvationis, der allerdings erst in der Anfang \/ Mitte des 14. Jahrhunderts entstanden ist, zu einer Zeit also, als die Predigt gegen die Katharer nicht mehr notwendig war. Deutsche Ausgaben des Speculum erhalten Titel wie \u201eSpiegel der menschlichen Seligkeit\u201c oder \u201eSpiegel menschlicher Beh\u00e4ltnis\u201c.<\/p>\n<p>Es handelt sich um eine in lateinischer Reimprosa abgefasste illustrierte Heilsgeschichte. Als Sch\u00f6pfer gilt der Dominikaner Ludolf von Sachsen (geb. um. 1300, 1315\/20 Dominikaner, seit 1340 Karth\u00e4user, gest. 1377\/78 in Stra\u00dfburg). Das Speculum humanae salvationis ist seit 1324 bezeugt und stand zwei Jahrhunderte lang hoch im Kurs. In der Komposition des Speculum ist neu, dass es den verbindlichen Rahmen biblischer Szenen \u00fcberschreitet. Es weist zwar dieselbe Grundeinteilung auf wie die Biblia pauperum, im Unterschied zur Armenbibel wird aber den zwei Begleitbildern f\u00fcr das neutestamentliche Bild ein drittes hinzugef\u00fcgt. Dieses kann auch der r\u00f6mischen Mythologie o.\u00e4. entstammen. So ist etwa in Kapitel 8, das die Geburt Christi darstellt, den beiden alttestamentlichen Bildern vom \u201eTraum des Mundschenks des Pharao\u201c und dem \u201egr\u00fcnenden Aaronstab\u201c noch eine r\u00f6mische Szene beigesellt. Auf dem Aracoeli in Rom sieht man die tiburtinische Sybille und Kaiser Augustus. Auf die Frage des Kaisers, ob nach ihm noch ein m\u00e4chtigerer K\u00f6nig geboren werde, verweist Sybille auf eine Himmelserscheinung, die Maria mit dem Kind in einem Kreis neben der Sonne zeigt (Appuhn, Heilsspiegel, 8).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Schlussthese:<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend l\u00e4sst sich mit festhalten, dass das Charakteristikum der Armenbibel, die typologische Zuordnung von alt- und neutestamentlichen Themen, unter anderem dem Kampf gegen h\u00e4retische Bewegungen diente, die das Alte Testament ablehnten und Ihre Lehren nur vom Neuen Testament her begr\u00fcndeten. Diese Tradition bl\u00fchte in Form des \u201earischen\u201c Bekenntnisses der nationalsozialistischen \u201eDeutschen Christen\u201c im 20. Jahrhundert wieder auf. Es ist nicht auszuschlie\u00dfen und manches spricht daf\u00fcr, dass die Bek\u00e4mpfung vergleichbarer Irrlehren im 14. Jahrhundert, wie z.B. der Katharer und auch weiterer Gruppierungen im Rahmen der Armutsbewegung, zur Entstehung der Biblia pauperum, gef\u00fchrt hat (Wetzel, Biblia pauperum, 7 f.).<\/p>\n<p>Wir werden den heutigen Tag mit einer Pontifikalvesper in einer anderen Kirche Regensburgs beschlie\u00dfen, und zwar in der \u00e4ltesten Pfarrkirche Regensburgs, der vom Stiftskapitel von der Alten Kapelle betreuten Kirche St. Kassian. Sie ist seit Oktober letzten Jahres nach mehrj\u00e4hriger Renovierung wieder ge\u00f6ffnet. Sie ist nicht zuletzt bedeutend wegen ihres einzigartigen typologischen Freskenprogramms, das ganz in der Tradition der biblischen Hermeneutik der Kirchenv\u00e4ter und des der Armenbibel zugrundeliegenden Schriftverst\u00e4ndnisses steht. Sechs Frauengestalten des Alten Testaments werden als Vorausbilder Marias vorgestellt. Die alt- und neutestamentlichen Szenen werden hier nicht nebeneinander gestellt, sondern in ganz besonders kunstvoller Weise ineinander verwoben.<\/p>\n<p>Exemplarisch sei die Darstellung der Rebekka gezeigt. Es ist ein Beispiel daf\u00fcr, wie die Idee der Biblia pauperum in sp\u00e4teren Jahrhunderten fortgef\u00fchrt wurde. Man sieht \u201eRebekka am Brunnen\u201c, wie sie dem Knecht Abrahams den Krug reicht, um dann auch seine Kamele zu tr\u00e4nken. Im Hintergrund sind die Zelte und Herden Abrahams zu sehen, die er als Brautwerbung f\u00fcr seinen Sohn Isaak mitgegeben hatte. \u201eBis alle getrunken haben\u201c sind die Worte der Rebekka, der sp\u00e4teren Frau des Isaak. Der Knecht Abrahams erkennt an ihrer Gro\u00dfz\u00fcgigkeit und Freigebigkeit, die auch die Kamele der Fremden tr\u00e4nken lassen will, dass sie die Auserw\u00e4hlte f\u00fcr Abrahams Sohn Isaak ist. Am Himmel schwebt in hellem Licht die Halbfigur Marias \u00fcber einer Mondsichel. Sie wird von zwei Engeln begleitet. Von ihr geht \u00fcber eine Muschelschale ein breiter Wasserschwall aus, der die Erde tr\u00e4nkt. Die Bildaussage lautet: Rebekka konnte mit irdischem Wasser den Durst des Elieser und seiner Tiere stillen und dadurch barmherzig sein. Maria erweist uns ihre Barmherzigkeit vom Himmel her. Sie f\u00e4ngt den Strom der Gnade ihres Sohnes auf und verstr\u00f6mt ihn weiter an die Menschen. So kann sie unseren Durst nach Gnade und Heil stillen.<\/p>\n<p>Das Konzept der Biblia pauperum ist mit der Reduzierung der Exegese auf die historisch-kritischen Methoden verloren gegangen. In den letzten Jahren wird sie im Rahmen beispielsweise der kanonischen Exegese wieder entdeckt. Exegese und Verk\u00fcndigung k\u00f6nnten durch eine Verst\u00e4rkung dieser Tendenzen an biblischer und theologischer Tiefe sowie an Vielfalt und Sch\u00f6nheit gewinnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was f\u00fcr ein herrlicher Raum, und was f\u00fcr ein architektonischer Reichtum in Regensburg! 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