{"id":125076,"date":"2026-06-18T14:25:24","date_gmt":"2026-06-18T12:25:24","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=125076"},"modified":"2026-06-18T14:26:12","modified_gmt":"2026-06-18T12:26:12","slug":"fuechse-im-weinberg-das-ketzerproblem-in-der-fruehen-geschichte-des-dominikanerordens","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/fuechse-im-weinberg-das-ketzerproblem-in-der-fruehen-geschichte-des-dominikanerordens\/","title":{"rendered":"F\u00fcchse im Weinberg"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich beginne mit einer Szene aus dem Jahr 1178, als Dominikus noch ein Kleinkind war. Sie wirft ein Schlaglicht auf die religi\u00f6se und gesellschaftliche Situation in S\u00fcdfrankreich und auf die Herausforderungen, vor denen die Kirche damals stand. Papst Alexander III. ernennt Abt Heinrich von Clairvaux, den zweiten Nachfolger Bernhards, zum Leiter einer hochrangigen p\u00e4pstlichen Kommission, die den Auftrag hatte, die Verbreitung des Katharismus in S\u00fcdfrankreich zu erkunden. F\u00fcr den Papst ging es konkret darum, einen zuverl\u00e4ssigen Bericht zu erhalten, welchen er dem f\u00fcr 1179 geplanten III. Laterankonzil vorlegen konnte. \u00dcbrigens geh\u00f6rte die gesamte Kommission, die neben Abt Heinrich auch den Kardinal Petrus von Pavia, die Bisch\u00f6fe von Bath und Poitiers sowie den Erzbischof von Bourges umschloss, dem Zisterzienserorden an. Ich unterstreiche das, weil die sp\u00e4teren Erfahrungen und Entscheidungen des Dominikus in Sachen Ketzerei sehr stark mit diesem, damals bedeutendsten Orden der lateinischen Christenheit zusammenhingen.<\/p>\n<p>Die zisterziensischen Gesandten bekamen bei ihrem Aufenthalt in Toulouse die gewachsene Macht der Katharer deutlich zu sp\u00fcren. In seinem Abschlussbericht h\u00e4lt Kardinal Peter von Pavia fest, zwei H\u00e4retiker seien vor ihm erschienen. Weil man sonst einen Aufruhr unter der Bev\u00f6lkerung bef\u00fcrchtete, die von der Unschuld der Katharer \u00fcberzeugt war, wurde ein \u00f6ffentliches Streitgespr\u00e4ch zwischen Katholiken und Katharern in der Tolosaner Kathedrale veranstaltet. Teilnehmer waren neben dem Grafen von Toulouse und der Kommission ungef\u00e4hr 300 weitere Kleriker sowie viele Laien. \u00d6ffentliche Streitgespr\u00e4che sind ein Signum der St\u00e4rke des okzitanischen Katharismus; deshalb erz\u00e4hlen auch zwei der fr\u00fchesten Dominikus-Quellen von solchen Streitgespr\u00e4chen, in denen zuerst Diego und sp\u00e4ter \u2013 verbunden mit dem ber\u00fchmten Flammenwunder \u2013 auch Dominikus ihre besondere Begabung bei der Verteidigung des wahren Glaubens gegen die Irrlehrer unter Beweis stellten.<\/p>\n<p>Als es zur formellen H\u00e4resieanklage gegen den anwesenden Bischof der Katharer kommen sollte, brachen schwere Unruhen in der ganzen Stadt aus, deren Verlauf allen Beteiligten die starke Verwurzelung des Katharismus in der gro\u00dfst\u00e4dtischen Gesellschaft in Toulouse vor Augen f\u00fchrte. Selbst der lokale Klerus fand sich nicht bereit, \u00f6ffentlich gegen den katharischen Irrglauben vorzugehen. Der p\u00e4pstlichen Kommission blieb schlie\u00dflich nichts anderes \u00fcbrig, als Graf Raimund durch einen Eid auf die Bek\u00e4mpfung der Ketzerei zu verpflichten und eilig den R\u00fcckzug anzutreten. An dieser Situation hatte sich auch beim Amtsantritt von Innozenz III. im Jahr 1198 nichts ge\u00e4ndert, in dessen Pontifikat Dominikus auf den Plan treten sollte. Innozenz setzte weiterhin ganz auf die zisterziensische Karte. Er berief zun\u00e4chst den Zisterzienser Rainer von Fossanova zum Legaten f\u00fcr Spanien und S\u00fcdfrankreich. Sein Auftrag bestand darin, die \u00f6rtlichen Bisch\u00f6fe bei der H\u00e4retiker-Verfolgung zu unterst\u00fctzen, wie es in einem p\u00e4pstlichen Rundschreiben von April 1198 hie\u00df. Im Jahre 1203 beauftragte Innozenz dann die Zisterzienser Peter von Castelnau und Radulph von Fontfroide aus der gleichnamigen Zisterzienserabtei unweit Narbonnes direkt mit der Predigt gegen die Katharer und mit Verhandlungen mit den s\u00fcdfranz\u00f6sischen Autorit\u00e4ten. Im Mai 1204 schloss sich die Berufung des Abtes von C\u00eeteaux, Arnold Amaury, zum p\u00e4pstlichen Cheflegaten in S\u00fcdfrankreich an. Wie ernst der Papst und seine Legaten das Anliegen der Ketzerverfolgung nahmen, l\u00e4sst sich daran ablesen, dass zwischen 1204 und 1208 insgesamt neun lokale Bisch\u00f6fe, so etwa diejenigen von Carcassonne, Toulouse, B\u00e9ziers und Narbonne, wegen Unt\u00e4tigkeit abgesetzt und ausnahmslos durch Zisterzienser ersetzt wurden. Soviel zur Vorgeschichte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich lade Sie nun ein, mit mir die \u00e4lteste und wichtigste Quelle \u00fcber Dominikus und die Fr\u00fchzeit des Predigerordens daraufhin zu \u00fcberpr\u00fcfen, wie mit dem Problem der Ketzerei umgegangen wird. Der Ordensmeister Jordan von Sachsen hatte den \u201eLibellus de principiis ordinis praedicatorum\u201c 1234, dem Jahr der Heiligsprechung des Dominikus, beendet und ihn wohl auch genau aus diesem Anlass niedergeschrieben. In diesen Text sind also die Entwicklungen, hier inbegriffen alle wesentlichen Erfahrungen und Richtungs\u00e4nderungen hinsichtlich der Ketzerproblematik, von den Anf\u00e4ngen des Dominikus bis 1234 eingeflossen. Ich werde Ihnen an einigen zentralen Stellen zeigen k\u00f6nnen, wie sehr die Darstellung des Dominikus und seines Einsatzes gegen Ketzer von den sp\u00e4teren Entwicklungen nach seinem Tod 1221 gepr\u00e4gt wurden.<\/p>\n<p>Wie viele mittelalterliche Texte erlebte der Libellus zahlreiche Bearbeitungen innerhalb und au\u00dferhalb des Ordens, und es ist f\u00fcr unsere Fragestellung nicht uninteressant, dass ein Bearbeiter noch im 13. Jahrhundert in Kapitel 5 \u201e\u00dcber die Jugendzeit des Dominikus\u201c ein Geburtswunder einf\u00fcgte, das in der urspr\u00fcnglichen Version Jordans noch nicht vorhanden war. Demnach habe die Mutter des Dominikus w\u00e4hrend ihrer Schwangerschaft von ihrem Kind als von einem kleinen Hund getr\u00e4umt, der eine brennende Fackel im Maul trug, mit der er \u201edie ganze Welt anzuz\u00fcnden schien. Dies war ein Vorzeichen daf\u00fcr, dass die Mutter einen gro\u00dfen Prediger empfangen werde.\u201c Sie wissen alle, dass die kleinen Hunde mit brennenden Fackeln eines der ikonographischen Leitmotive f\u00fcr Dominikus und seinen Orden wurden, sehr prominent dargestellt etwa in dem gro\u00dfen Fresko der spanischen Kapelle im Florentinischen Dominikanerkonvent Santa-Maria-Novella. Nicht ganz so bekannt ist die Herkunft dieses Geburtswunders. Diese Stelle hatte der dominikanische Bearbeiter fast w\u00f6rtlich aus der zweiten Vita des heiligen Bernhard von Clairvaux aus dem 12. Jahrhundert entlehnt. Bernhard war als gro\u00dfer, charismatischer Prediger generell ein gutes Vorbild. Aber man darf hier auch daran denken, dass Bernhard von Clairvaux durch seine Okzitanienreise 1145 die Tradition des zisterziensischen Kampfes gegen die Katharer begr\u00fcndet und durch die Gr\u00fcndung der ersten s\u00fcdfranz\u00f6sischen Zisterzen auch institutionell abgesichert hatte.<\/p>\n<p>Kapitel 6 und 7 des Libellus stilisieren den jungen Theologiestudenten Dominikus in Palencia ganz im Sinne eines anderen modernen, diesmal nicht zisterziensischen Ideals. \u201eVier Jahre lang studierte er Theologie (\u2026) Die Bewahrung des Wortes Gottes muss immer eine doppelte sein: Zun\u00e4chst, indem wir es in uns aufnehmen und es im Ged\u00e4chtnis behalten, dann aber, indem wir uns mit unseren Gef\u00fchlen dem Geh\u00f6rten hingeben und unser Leben danach ausrichten\u201c (Lib. 6). Die \u00dcbereinstimmung von Wort und Tat war eine der Kernforderungen einer Gruppe von Lehrern und Studenten um den ber\u00fchmten Theologen Petrus Cantor, die in den Jahren vor 1200 die Reform der Predigt und der Seelsorge zu einem gro\u00dfen Thema an der Universit\u00e4t Paris machte. Von diesem Reformkreis waren im 13. Jahrhundert direkt beeinflusst u.a. Innozenz III., der Erzbischof von Canterbury Stephen Langton, die Kardin\u00e4le Jakob von Vitry und Robert von Courcon, die Zisterzienser Alain von Lille und Adam von Perseigne und nicht zuletzt die sp\u00e4teren dominikanischen Theologieprofessoren in Paris, Roland von Cremona und Johannes von Saint-Gilles. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass Dominikus bei seiner Entscheidung des Jahres 1217, seine Mitbr\u00fcder aus Toulouse zu evakuieren und zum Studium nach Paris zu schicken, auch und vielleicht vorrangig an diese Predigtreformer dachte.<\/p>\n<p>Die Ausrichtung auf ein bestimmtes Predigtideal sollte man im Hinterkopf behalten, denn sie bestimmt auch die weitere Erz\u00e4hlung Jordans von Sachsen, die nun immer deutlicher auf das Problem des Katharismus zu sprechen kommt. So zum ersten Mal direkt in Kapitel 14, das man getrost als Gr\u00fcndungslegende des langen dominikanischen Einsatzes gegen Ketzerei und Unglauben ansehen darf: Bischof Diego von Osma wird von Alfons von Kastilien zu einer Brautwerbung in die Marken geschickt und dabei von seinem Subprior Dominikus begleitet. \u201eNach einer z\u00fcgigen Reise machten sie in Toulouse Station. Dominikus bemerkte, dass die Bewohner jener Gegend schon seit l\u00e4ngerer Zeit H\u00e4retiker waren, und er begann wegen der zahllosen get\u00e4uschten Seelen gro\u00dfes Mitleid zu haben. In der Nacht, als sie in Toulouse weilten, f\u00fchrte er mit dem Wirt der Herberge, der ebenfalls ein Irrgl\u00e4ubiger war, ein \u00fcberzeugendes und intensives Gespr\u00e4ch \u2013 solange, bis der H\u00e4retiker der Weisheit und dem Geist, der zu ihm sprach, nicht mehr widerstehen konnte (vgl. Apg 6,10) und mit Hilfe des Heiligen Geistes zum Glauben zur\u00fcckkehrte (Lib. 14)\u201c. Das n\u00e4chtliche Streitgespr\u00e4ch ging in die gesamte hagiographische Tradition des Dominikus von den fr\u00fchen Legenden des Petrus Ferrandi und Konstantin von Orvieto bis zur Legenda aurea und den Sammlungen des 14. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Dominikus erscheint hier als jemand, der dank seiner Gelehrsamkeit, G\u00fcte und Ausstrahlung Menschen vom Irrglauben zum rechten Glauben zur\u00fcckbringen konnte, und damit \u00fcbrigens \u00fcber F\u00e4higkeiten verf\u00fcgte, die die eben kurz angesprochenen Tolosaner Kleriker bei ihrem Streitgespr\u00e4ch 1178 in keiner Weise zu erkennen gaben. (Eine ganze Reihe von Wundern des hl. Dominikus, die Jordan immer wieder in seinen Text einstreut, gehorcht diesem Schema: Der Heilige frappiert selbst hartherzige Ketzer durch seine Gelehrsamkeit und G\u00fcte und erzielt so einen Bekehrungserfolg nach dem anderen \u2013 vgl. etwa die Wundererz\u00e4hlungen in Libellus 27-28).<\/p>\n<p>Ordnet man die Textstellen Jordans von Sachsen in ihre Entstehungszeit, also um 1233\/34, ein, bekommt sie eine kirchenpolitische und \u2013 was f\u00fcr einen Ordensmeister nicht verwunderlich ist \u2013 eine ordenspolitische Aussage. Die Albigenserkriege sind in Toulouse und ganz Okzitanien 1229 mit dem Friedensvertrag von Paris zu Ende gegangen. Die Erfahrung nach 20 Kriegsjahren war niederschmetternd: Mit milit\u00e4rischen Mitteln war der Ausbreitung des Katharismus nicht beizukommen; vor dem Druck einer ausw\u00e4rtigen, vor allem nordfranz\u00f6sischen Invasion hatte sich die okzitanische Bev\u00f6lkerung, unabh\u00e4ngig von ihrem katholischen oder katharischen Glauben, eher noch enger zusammengeschlossen. Diese Erfahrung bewog Papst Gregor IX., der den Friedensschluss von Paris vermittelt hatte, \u00fcber neue und effizientere Wege der Ketzerbek\u00e4mpfung nachzudenken. Sein wichtigster Berater dabei war sein Beichtvater, ein gelehrter Kanonist und Dominikaner: Raymund von Pe\u00f1aforte. Wohl auf Raymunds Initiative hin wurde ab 1231 das Formular einer p\u00e4pstlichen Bulle ausgearbeitet, mit dem in Zukunft Richter im Auftrag des Papstes mit umfassenden Vollmachten zur Aufsp\u00fcrung, \u00dcberf\u00fchrung und Verurteilung von Ketzern ausgestattet wurden.<\/p>\n<p>Die ersten beiden dieser Spezialmandate unter dem Namen \u201eIlle humani generis\u201c f\u00fcr Konrad von Marburg und f\u00fcr die Regensburger Dominikaner von Februar 1231 stellten somit den Startpunkt einer gr\u00f6\u00dfer angelegten Initiative dar. Nach Erkenntnissen Peter Segls umfasste das Regensburger Mandat lediglich einen Untersuchungs- und Predigtauftrag und noch keine besondere Urteilsgewalt, w\u00e4hrend das Mandat an Konrad von Marburg und ein \u00e4hnlich formuliertes Schreiben an den nordfranz\u00f6sischen Dominikaner Robert von 1233 bereits deutlich judikative und exekutive Kompetenzen zur Aburteilung von Ketzern enthielten. Nach dem Vorbild dieser umfassenden Vollmachten entwickelte sich in den folgenden Jahren \u2013 in Konkurrenz zur bisch\u00f6flichen Jurisdiktion \u2013 das p\u00e4pstliche Inquisitorenamt.<\/p>\n<p>Was bedeutet nun vor diesem Hintergrund die etwas r\u00fchrselige Geschichte vom n\u00e4chtlichen Streitgespr\u00e4ch des Dominikus, die Jordan um 1233\/34 erz\u00e4hlt, \u2013 ein Text, der \u00fcbrigens im Orden schnell verbreitet wird? Unsicher ist, ob Jordan zum Zeitpunkt der Abfassung bereits vom Schicksal seines Landsmanns Konrad von Marburg wusste, der wegen seiner umtriebigen H\u00e4rte als Inquisitor im Juli 1233 ermordet wurde. Sicher ist aber, dass Jordan das Konfliktpotenzial des neuen Inquisitorenamtes mit seinen umfassenden Sondervollmachten klar erfasste. Konflikte insbesondere mit den Ortsbisch\u00f6fen lagen auf der Hand, die die Herren des bisherigen Ketzerverfahrens waren und nun erstmals Eingriffe in ihre Di\u00f6zesanrechte bef\u00fcrchten mussten. Weitere Reibungen zeichneten sich zudem mit Landesherren und st\u00e4dtischen Obrigkeiten ab, da das neue Richteramt ohne viel Federlesens die weltlichen Gewalten unter Androhung des Kirchenbanns zur Unterst\u00fctzung zwingen konnte. Bisch\u00f6fe, Landesherren, st\u00e4dtische Obrigkeiten waren aber genau jene drei Schl\u00fcsselgruppen, die die h\u00f6chst erfolgreiche \u2013 aber noch l\u00e4ngst nicht abgeschlossene \u2013 Verbreitung des Dominikanerordens in den St\u00e4dten Europas aktiv und wohlwollend vorantrieben.<\/p>\n<p>Ohne es beim Namen zu nennen, schlie\u00dflich geh\u00f6rte der Libellus des Ordensmeisters ja zu den Vorbereitungen zur p\u00e4pstlichen Heiligsprechung des Dominikus, kritisierte Jordan die neuen \u201aSuperrichter\u2018 durch das bescheidene Vorbild ihres Ordensstifters, dem zur Bekehrung von Ketzern seine Gelehrsamkeit und ein n\u00e4chtliches Herdfeuer reichten. Wie sehr Jordan mit solchen Bef\u00fcrchtungen hinsichtlich der sch\u00e4dlichen Auswirkungen des Inquisitiorenamtes f\u00fcr das Ansehen seines Ordens richtig lag, wird deutlich, wenn man die wenig sp\u00e4ter verfasste Chronik seines Tolosaner Ordensbruders Guillaume Pelhisson liest. Dieser berichtet, wie gegen den \u00f6rtlichen Dominikanerkonvent und die dort ans\u00e4ssigen Inquisitoren ein regelrechter Kommunalaufstand ausbricht, der in gewaltt\u00e4tigen Aktionen gegen den Konvent und schlie\u00dflich in dessen Vertreibung aus der Stadt gipfelt.<\/p>\n<p>Wir notieren in Kapitel 17 des Libellus, wie Diego C\u00eeteaux besucht und dort angeblich Zisterzienser wird. Wir wissen aus einer zeitgen\u00f6ssischen zisterziensischen Quelle, der Historia Albigensis des Peter von Vaux-de-Cernay, dass sich Diego und Dominikus tats\u00e4chlich im Jahr 1206 \u2013 allerdings in Montpellier \u2013 mit der zisterziensischen F\u00fchrung trafen. Wichtig ist: Der Bischof von Osma wird sowohl bei Peter von Vaux-de-Cernay als auch bei Jordan von Sachsen als treibende Kraft der Ketzerverfolgung, genauer: einer neuen Form von Ketzerpredigt in S\u00fcdfrankreich gelobt. Die stilisierte Rede, die Diego jetzt vor den versammelten Zisterzienseroberen hielt, ist g\u00e4nzlich dem oben skizzierten Predigtideal des \u201edocere verbo et exemplo\u201c verpflichtet. Ich zitiere aus dem Libellus, Kapitel 19: \u201eDiego war wirklich ein umsichtiger Mann, und er kannte die Wege Gottes. Er \u00a0begann \u00fcber die Sitten und den Lebenswandel der H\u00e4retiker Nachforschungen anzustellen, und er fragte sich, auf welche Weise sie durch Versprechungen, Predigten und Beispiele einer geheuchelten Heiligkeit zum h\u00e4retischen Glauben gelockt wurden. Er erkannte, dass der Unterschied im hohen Aufwand der Gesandten an Ausgaben, Pferden und Gew\u00e4ndern lag und er sagte \u00a0ihnen: &#8218;So nicht Br\u00fcder; so, meine ich, d\u00fcrft ihr nicht vorgehen. Es scheint mir unm\u00f6glich, diese Menschen allein durch Worte zum Glauben zur\u00fcckf\u00fchren zu wollen, besser w\u00e4re es, sie mit dem eigenen guten Beispiel zu \u00fcberzeugen&#8217;\u201c.<\/p>\n<p>Die Rede passt so gut zum sp\u00e4teren dominikanischen Propositum einer neuen Volkspredigt, dass sie von sp\u00e4teren Dominikus-Hagiographen wie Gerard von Fracheto dem Dominikus in den Mund gelegt wurde. In der Rede Diegos ger\u00e4t eine weitere Voraussetzung der wirkungsvollen Bekehrungspredigt in den Blick: Zu nennen waren oben schon universit\u00e4re Gelehrsamkeit und vorbildlicher Lebenswandel des Predigers; dazu geh\u00f6rten besonders Armut und Askese als Kernelemente einer apostolischen Lebensweise. Neu hinzu tritt jetzt in Kapitel 19 ein deutlicher Adressatenbezug beim Predigen. Wer waren die Katharer eigentlich? Woran glaubten sie? Und was machte ihre Glaubensauslegung f\u00fcr so viele Menschen interessant? Der Libellus sagt \u00fcber Diego genau das aus, dass er als erstes Informationen \u00fcber die Katharer einholte, bevor er in ihren Gebieten predigen wollte.<\/p>\n<p>Kapitel 20 bis 23 beschreiben nun jene Predigtkampagne, die angeblich unter Leitung des Bischofs Diego stand, die aber \u2013 wie wir vor allem auch aus p\u00e4pstlichen Briefen wissen \u2013 den Legaten aus dem Zisterzienserorden anvertraut war. Der Papst billigte \u00fcbrigens ausdr\u00fccklich den Wechsel der Predigtmethode im Sinne seines eigenen Pariser Lehrers Petrus Cantor hin zu einer armen und bescheidenen Wanderpredigt. Erste kleinere Erfolge lassen sich daran ablesen, dass Diego und Dominikus 1206 in der N\u00e4he von Carcassonne, in dem kleinen Ort Prouille, ein Kloster f\u00fcr bekehrte Katharerinnen gr\u00fcndeten. Dennoch l\u00e4sst sich nicht bestreiten, dass trotz der modernen Predigt Bekehrungen im gro\u00dfen Ma\u00dfstab ausblieben. Eine unabh\u00e4ngige Quelle dieser Jahre, die Chronik des Benediktiners Roberts von Auxerre, behauptet sogar, von den vielen Tausend Menschen, vor denen man gepredigt habe, sei kaum eine Handvoll zum rechten Glauben zur\u00fcckgekehrt. Zu fest war offenbar der Katharismus mit den religi\u00f6sen Vorstellungen der Menschen in S\u00fcdfrankreich verwachsen, als dass er in einer kurzfristigen Predigtkampagne besiegt werden konnte. Diese Kampagne wurde \u00fcbrigens zeitgen\u00f6ssisch als Praedicatio Jesu Christi bezeichnet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Erfahrung dieses Scheiterns war f\u00fcr Dominikus, der ab 1207 ohne Diego agieren musste, ein Schl\u00fcsselerlebnis f\u00fcr seine Pl\u00e4ne, eine eigene Predigergemeinschaft aufzubauen, die den Anforderungen an eine erfolgreiche Bekehrungspredigt gewachsen war. Zun\u00e4chst begn\u00fcgte er sich offenbar mit einer kleinen Gemeinschaft gebildeter junger Kleriker und mit einer bisch\u00f6flichen Predigterlaubnis, die er in seiner kurzen Zeit als Ortspfarrer von Fanjeaux, dem Nachbarort von Prouille, erwirkte. Als Ansprechpartner diente ihm hier mit Bischof Fulko von Toulouse eine Schl\u00fcsselgestalt des Kampfes gegen den Katharismus. Innozenz III. pers\u00f6nlich hatte den fr\u00fcheren Zisterzienserabt 1205 zum Bischof von Toulouse bef\u00f6rdert. Jordan von Sachsen betont zu Recht die bedeutsame Rolle Fulkos bei der ersten Institutionalisierung des neuen Predigerordens; der Tolosaner Ordenschronist und Guillaume Pelhisson nennt Fulko gar \u201epater ordinis et amicus\u201c. Ab 1209 gerieten Dominikus und seine wenigen Mitstreiter in die Kriegswirren des beginnenden Albigenserkreuzzugs. Das Scheitern der zisterziensischen Predigtkampagne hatte jenen Kr\u00e4ften in Rom Auftrieb verliehen, die f\u00fcr S\u00fcdfrankreich eine milit\u00e4rische L\u00f6sung des Ketzerproblems bef\u00fcrworteten. Die Ermordung des zisterzienischen Legaten Peter von Castelnau im Januar 1208 brach schlie\u00dflich auch die Bedenken des franz\u00f6sischen K\u00f6nigs und bahnte den Weg zum p\u00e4pstlichen Kreuzzug gegen Okzitanien im Fr\u00fchjahr 1209, \u00fcbrigens zun\u00e4chst unter dem Oberbefehl des Generalabtes der Zisterzienser Arnold Amaury und erst ab September 1209 unter Simon von Montfort.<\/p>\n<p>Der Kriegs\u00adausbruch hatte auch die noch zarten Anf\u00e4nge der Predigergemeinschaft in Prouille wieder in Frage gestellt. An eine ausgedehnte Wanderpredigt war w\u00e4hrend des Feldzugs nicht zu denken, und Dominikus suchte den Schulterschluss zu den p\u00e4pstlichen Truppen. Eine der ersten Urkunden Simons von Montfort beinhaltete eine gro\u00dfz\u00fcgige Stiftung zugunsten der Prediger in Prouille. Das Konzil von Avignon schuf im September 1209 eine klarere Rechtslage f\u00fcr diese Gemeinschaft, die bislang allein vom Wohlwollen Fulkos abh\u00e4ngig gewesen war. Die Aufforderung erging an alle Ortsbisch\u00f6fe, geeignetes Personal f\u00fcr die Predigt einzustellen, Dominikus ist in diesen Jahren mehrmals im Auftrag der Bisch\u00f6fe von Toulouse und Carcassonne t\u00e4tig. Und er \u00fcbernimmt die Taufpatenschaft f\u00fcr die beiden S\u00f6hne Simons von Montfort, der auf dem IV. Laterankonzil im November 1215 zum neuen Grafen von Toulouse bestellt wird. Bischof Fulko hatte bereits kurz vor dem IV. Lateranum die Predigergemeinschaft des Dominikus von Prouille nach Toulouse geholt, um hier mit ihrer Hilfe den katholischen Glauben zu st\u00e4rken. Unmittelbar neben der Grafenburg erhielten die Prediger drei H\u00e4user aus dem Erbe eines reichen B\u00fcrgers, wenig sp\u00e4ter auch die Kirche des heiligen Romanus f\u00fcr ihre Gottesdienste. Die Gemeinschaft war deutlich auf dem Weg einer Institutionalisierung, was nicht zuletzt die beiden Best\u00e4tigungsprivilegien des neuen Papstes Honorius III. f\u00fcr die Prediger des Dominikus von Dezember 1216 und Januar 1217 zeigen. Dennoch bestand der erste st\u00e4dtische Konvent der Dominikaner in Toulouse nur f\u00fcr zwei Jahre. Denn nach dem Tod Simons von Montfort bei der Belagerung seiner eigenen Grafenstadt Toulouse im Juni 1217 r\u00e4chte sich die enge Verbindung der Prediger zu den Kreuzfahrern, und Dominikus sah sich gezwungen, seine Br\u00fcder nach Paris und Bologna in Sicherheit zu bringen. Dass diese Entwicklung, die durch Honorius III. mittels der bekannten Appelle an die Studierenden und Lehrer, diese Prediger gut aufzunehmen und sich ihnen anzuschlie\u00dfen, der weiteren Popularit\u00e4t des jungen Ordens h\u00f6chst f\u00f6rderlich war, ist unbestritten. Man sollte nur nicht vergessen, unter welch dramatischen Umst\u00e4nden die Kontakte nach Paris im Jahr 1217 zustande kamen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Ketzerthematik beherrschte die Fr\u00fchzeit des Ordens, d.h. insbesondere die Lebenszeit des Dominikus und die beiden folgenden Jahrzehnte, in einer kaum zu \u00fcbersch\u00e4tzenden Weise. Auch wenn weder die beiden p\u00e4pstlichen Best\u00e4tigungsdiplome, an deren erstes von 1216 in diesem Jahr besonders erinnert wird, noch die \u00e4ltesten Konstitutionen der Dominikaner von 1221 den Auftrag der Ketzerverfolgung beim Namen nennen, sondern sich allgemein auf den Wert der Predigt konzentrieren, so steht der Einsatz dieser neuen Predigt als Antwort der Kirche auf die bedrohlich anwachsenden Ketzerbewegungen der Katharer und Waldenser jedem Zeitgenossen glasklar vor Augen. Etwa das erste Privileg Bischof Fulkos f\u00fcr die Prediger in Toulouse vom Juni\/Juli 1215 verbindet v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich den Predigtauftrag mit der Vernichtung des Katharismus. In der Weise, wie die P\u00e4pste den Wert dieser jungen Predigergemeinschaft im Kampf gegen den Katharismus kennen- und sch\u00e4tzen lernten, wuchsen ihr Privilegien zu, die ihr Wanderpredigt, Seelsorge, Kirchengr\u00fcndungen, Aufnahme an den Universit\u00e4ten und schlie\u00dflich umfangreiche judikative Kompetenzen sicherten.<\/p>\n<p>Dass diese Privilegierung nicht nur einen Segen, sondern eine enorme Hypothek f\u00fcr die noch junge Gemeinschaft des Dominikus bedeutete, habe ich mit meinen Anmerkungen zu den Anf\u00e4ngen der Inquisition bereits angedeutet. Der ber\u00fchmte Pariser Mendikantenstreit in der Mitte des 13. Jahrhunderts zeigt aber, dass auch und gerade die besonderen Seelsorgeprivilegien der Mendikanten eine dauerhafte Belastung zum Ortsklerus schufen, die sich noch im 14. Jahrhundert \u2013 um nur ein Beispiel von vielen zu nennen \u2013 in einem w\u00fctenden Traktat des gelehrten Regensburger Domherrn Konrad von Megenberg gegen die \u201eeingebildeten und anma\u00dfenden\u201c Bettelbr\u00fcder Luft machte.<\/p>\n<p>Wie sehr aber gerade die Inquisition auf dem Gewissen frommer Dominikaner lastete, macht abschlie\u00dfend eine kurze Wundererz\u00e4hlung \u00fcber Dominikus deutlich, die erstmals Konstantin von Orvieto wiedergibt: Dominikus greift in Toulouse in den Prozess gegen den stadtbekannten Katharer Raymond Grossi ein und rettet ihn vor dem Feuertod. Es prophezeit den Richtern, es werde noch 20 Jahre dauern, aber dann werde sich dieser Ketzer bekehren und zu einem guten Predigerbruder werden. Aus der Perspektive Konstantins in der Mitte des 13. Jahrhunderts erhielt diese Prophezeiung dadurch einige Plausibilit\u00e4t, dass es in der ersten H\u00e4lfte des 13. Jahrhunderts tats\u00e4chlich mehrere Konversionen ehemaliger Katharer gab, die dann dem Dominikanerorden beitraten und teilweise sogar eine Karriere als Inquisitor machten. Nat\u00fcrlich ist die Erz\u00e4hlung v\u00f6llig anachronistisch, da es in Toulouse in der Zeit des Dominikus keine Ketzerprozesse und keine Verbrennungen von Katharern gab. Es ist vielmehr die Erfahrung der nachfolgenden Generation, dass durch die neuen Inquisitoren aus dem Dominikanerorden, darunter f\u00fcr ihre Todesurteile ber\u00fcchtigte Mitbr\u00fcder wie der nordfranz\u00f6sische Dominikaner Robert, solche Prozesse und ihre oft fatalen Folgen den Ruf und das Bild der frommen Prediger in ihrer sozialen Umgebung nachhaltig ruinierten. Selbstverst\u00e4ndlich gab es auch Stimmen in der Ordensleitung, so etwa Raymond von Pe\u00f1aforte, der durch sein \u201eDirectorium\u201c die Praxis der Inquisition (um 1244) als notwendige Ma\u00dfnahme zum Schutz der Gl\u00e4ubigen vor den Schlichen der Ketzer verteidigte. Hagiographen wie Jordan von Sachsen, Konstantin von Orvieto oder die weitverbreitete Dominikus-Legende in der \u201eLegenda aurea\u201c des Jacobus de Voragine (um 1264) bem\u00fchten sich hingegen aktiv darum, ihren Ordensgr\u00fcnder als Gegner inquisitorischer H\u00e4rte und als B\u00fcrgen f\u00fcr eine friedliche und wirkungsvolle Bekehrungspredigt zu inszenieren.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Ich beginne mit einer Szene aus dem Jahr 1178, als Dominikus noch ein Kleinkind war. Sie wirft ein Schlaglicht auf die religi\u00f6se und gesellschaftliche Situation in S\u00fcdfrankreich und auf die Herausforderungen, vor denen die Kirche damals stand. 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