{"id":125083,"date":"2026-06-18T14:47:50","date_gmt":"2026-06-18T12:47:50","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=125083"},"modified":"2026-06-18T14:47:55","modified_gmt":"2026-06-18T12:47:55","slug":"keine-angst-vor-dem-fremden-die-dominikaner-in-der-auseinandersetzung-mit-judentum-islam-und-anderen-kulturen","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/keine-angst-vor-dem-fremden-die-dominikaner-in-der-auseinandersetzung-mit-judentum-islam-und-anderen-kulturen\/","title":{"rendered":"Keine Angst vor dem Fremden"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wohl kaum eine \u201eandere Organisation des Mittelalters war so mobil wie die Bettelorden des 13. Jahrhunderts. Schon wenige Jahre nach ihrer Gr\u00fcndung begannen Vertreter des Dominikaner- und Franziskanerordens von ihren europ\u00e4ischen Drehpunkten aus neue und bis dahin zum Teil v\u00f6llig unbekannte Gegenden der Welt zu erwandern und zu erschlie\u00dfen. Sie zogen durch Skandinavien und das Baltikum, querten kaukasische Steppen, erkundeten sodann die Wunderl\u00e4nder Indien, Persien und den geheimnisvollen Osten, besuchten schlie\u00dflich Arabien, und lie\u00dfen sich nieder in Nordafrika und im multikulturellen S\u00fcden der iberischen Welt\u201c, fasst Anne M\u00fcller in unserem Begleitband zur Regensburger Ausstellung die erstaunliche Mobilit\u00e4t der Dominikaner und Franziskaner im Mittelalter recht eindr\u00fccklich zusammen. Ziel dieser Reisen war nat\u00fcrlich nicht allein die Erschlie\u00dfung neuer und fremder Welten, sondern zuallererst die Missionierung der dort lebenden Menschen, denen das Evangelium Jesu Christi bekanntgemacht werden sollte. Immer wieder erstaunt dabei die Neugier, mit der die Ordensm\u00e4nner dem Fremden begegneten, auch wenn sie stets \u201eKinder ihrer Zeit\u201c blieben und sich von \u00fcberkommenen Vorurteilen und Feindbildern oft nicht l\u00f6sen konnten.<\/p>\n<p>Hans-Werner Goetz hat dieses \u201eNebeneinander von Polemik und Verfolgung auf der einen und Duldung und Koexistenz auf der anderen Seite\u201c sogar zu einem wesentlichen Merkmal mittelalterlicher religi\u00f6ser Vorstellungen erkl\u00e4rt. Denn die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen und Religionen ging nicht automatisch mit einer kritischen Reflexion eigener Positionen einher, doch sie war ein erster und wichtiger Schritt dorthin und konnte \u2013 langfristig betrachtet \u2013 zu einem besseren Verst\u00e4ndnis des Anderen f\u00fchren.<\/p>\n<p>Schon die Gr\u00fcndung des Dominikanerordens entstand aus der Begegnung mit dem Fremden, Neuen und Andersartigen. Als Mitglied einer diplomatischen Gesandtschaft im Auftrag von K\u00f6nig Alfons VIII. von Kastilien \u2013 und wir lassen es einmal dahingestellt, ob diese Reisen tats\u00e4chlich bis nach D\u00e4nemark f\u00fchrten, wie in der Literatur meist zu lesen ist, oder ob sie nicht doch eher einen deutschen F\u00fcrstenhof zum Ziel hatten, wie Pater Wolfram Hoyer es im Begleitband zu unserer Regensburger Ausstellung als These formuliert \u2013 lernte Dominikus n\u00e4mlich gleich zwei religi\u00f6se Bewegungen kennen, die ihn fortan besch\u00e4ftigen sollten. Zum einen begegnete Dominikus irgendwo im deutschen Reich einer Gruppe ungarischer Kumanen.<\/p>\n<p>Seitdem wollte der aus Kastilien stammende Heilige zeitlebens dieses Volk nomadischer Steppenhirten, die wie die Balten und Pruzzen zu den letzten Heiden in Europa z\u00e4hlten, missionieren, wenn wir den Aussagen im Kanonisationsprozess Glauben schenken d\u00fcrfen. Zum anderen traf Dominikus in S\u00fcdfrankreich auf die Katharer, \u00fcber die Bischof Voderholzer und Prof. Oberste bereits ausf\u00fchrlich gesprochen haben. Diese Begegnung samt jener ber\u00fchmten Kneipengeschichte, von der die Legenden berichten, war der Initialfunke zur Gr\u00fcndung eines neuen Ordens, der die Glaubensverk\u00fcndigung \u201ezum Heil der Seelen\u201c in seinen Konstitutionen zum ausdr\u00fccklichen Ordensziel erhob. Diese \u00e4ltesten Konstitutionen orientierten sich anfangs zwar noch stark an den <em>Consuetudines <\/em>der Pr\u00e4monstratenser, insbesondere in ihrem Abschnitt \u00fcber die kl\u00f6sterliche Lebensweise, der weitgehend dem monastisch-kanonikalen Ideal der <em>vita religiosa <\/em>verpflichtet blieb; aber sie nahmen zugleich auch zeitgen\u00f6ssische Korporationsvorstellungen auf: Aus der anf\u00e4nglichen Kanoniker-Gemeinschaft in Toulouse entwickelte sich so ein ortsunabh\u00e4ngiger, d. h. auf die traditionelle <em>stabilitas loci<\/em> verzichtender, und \u00fcberregional agierender Personenverband mit allgemeiner Predigtbefugnis.<\/p>\n<p>Der neuen Gemeinschaft ging es n\u00e4mlich nicht mehr in erster Linie um die Selbstheiligung des einzelnen Ordensmannes, sondern um das Heil aller, also auch derjenigen, die vom Evangelium Jesu Christi bislang nichts geh\u00f6rt hatten oder es in seiner kirchlichen Deutung ablehnten. Honorius III. gab dem Orden 1217 entsprechend den Auftrag \u201ebewaffnet mit dem Schild des Glaubens und dem Helm des Heiles (Eph. 6,16f.), und ohne Furcht vor denen, die den Leib t\u00f6ten k\u00f6nnen (Mt. 10,28), das Wort Gottes\u201c auch unter den \u201eFeinden des Glaubens\u201c zu verbreiten.<\/p>\n<p>Dieser Missionierungsauftrag, der sich zun\u00e4chst auf die s\u00fcdfranz\u00f6sischen Katharer und andere H\u00e4retiker konzentriert hatte, wurde von den Dominikanern schon fr\u00fch auf andere Gruppen, beispielsweise die Juden \u00fcbertragen. Erste Bekehrungsversuche von Juden lassen sich in England (Oxford, sp\u00e4ter auch in London) nachweisen, wo der Orden die Judenpolitik Heinrichs III. unterst\u00fctzte. Diese judenmissionarischen Aktivit\u00e4ten des Ordens lie\u00dfen auch nach dem aufsehenerregenden \u00dcbertritt des Dominikaners Robert von Reading zum Judentum im Jahre 1275, in dem j\u00fcdische Chronisten des 16. Jahrhunderts und in der Folge auch einige Historiker wie Heinrich Graetz (1817-1891) den Anlass f\u00fcr die Vertreibung der Juden aus England (1290) sahen, keineswegs nach. Statt auf eine Ausweisung der Juden zu dr\u00e4ngen, verst\u00e4rkten die englischen Dominikaner vielmehr ihre Predigtt\u00e4tigkeit, zumal ihnen Edward I. 1280 den Auftrag erteilte, Zwangspredigten f\u00fcr die Juden zu halten.<\/p>\n<p>Vergleichbare Anordnungen hatte es zuvor schon in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern (z. B. wiederholt im K\u00f6nigreich Aragon) gegeben, doch Edward konnte sich zudem auf das p\u00e4pstliche Breve \u201eVineam Sorec\u201c von 1278 berufen, das sowohl die Dominikaner als auch die Franziskaner zur organisierten Judenmission in Europa aufrief. Beide Bettelorden standen deswegen unter einem betr\u00e4chtlichen Erfolgsdruck, der durch den Konkurrenzkampf untereinander noch verst\u00e4rkt wurde. Die P\u00e4pste des 13. Jahrhunderts wussten dies geschickt zu nutzen und setzten die beiden jungen Orden nicht nur in der Ketzerbek\u00e4mpfung (Inquisition) ein, sondern auch f\u00fcr andere Aufgaben ein. 1245 schickte Innozenz IV. beispielsweise eine Gruppe von Dominikanern und Franziskanern zu den asiatischen Tartaren, um sie als B\u00fcndnispartner gegen die Muslime zu gewinnen. Als Predigerorden, der sich von Anfang an die Bekehrung von H\u00e4retikern und Andersgl\u00e4ubigen zur Aufgabe gemacht hatte, erschienen die Dominikaner f\u00fcr die \u00dcbernahme dieser Aufgaben besonders gut geeignet.<\/p>\n<p>Hinzu kam das intellektuelle Profil des Ordens. Schon Dominikus hatte eine solide theologische Ausbildung als unabdingbare Voraussetzung f\u00fcr die Predigt angesehen und mit seiner Aussendung der Br\u00fcder nach Paris und Bologna die Anbindung an das st\u00e4dtische Universit\u00e4tsmilieu gesucht, aus dem sich dann sp\u00e4testens unter seinem Nachfolger Jordan von Sachsen (Ordensmeister 1222-1237) ein erheblicher Teil des Ordensnachwuchses rekrutierte. Mit der Verpflichtung zum lebenslangen Studium und dem Ausbau eines ordensweiten, sich an den zeitgen\u00f6ssischen universit\u00e4ren Standards orientierenden Aus- und Fortbildungssystems wurde der Dominikanerorden schlie\u00dflich in der zweiten H\u00e4lfte des 13. Jahrhunderts zu einem Haupttr\u00e4ger scholastischer Theologie und Philosophie. Die intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen christlichen Glauben und seiner rationalen Begr\u00fcndung diente unter anderem dazu, abweichende bzw. der kirchlichen Lehre widersprechende Auffassungen besser erkennen und argumentativ entkr\u00e4ften zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass das Verh\u00e4ltnis zum Judentum dabei ambivalent blieb und es weder bei den Dominikanern noch bei den Bettelorden insgesamt zu einer einheitlichen antij\u00fcdischen Haltung kam (Jeremy Cohens These eines spezifischen \u201emendicant anti-Judaism\u201c ist daher zu widersprechen), ist vor allem den unterschiedlichen Schulen und theologischen Richtungen des 13. und 14. Jahrhunderts zuzurechnen. So reichte das Spektrum allein im Dominikanerorden von der Tendenz, den j\u00fcdischen Glauben zu h\u00e4retisieren und zu d\u00e4monisieren, bis hin zu gem\u00e4\u00dfigten Positionen, wie sie etwa Thomas von Aquin (\u2020 1274) vertrat. Wenn Thomas beispielsweise Zwangstaufen und die Trennung j\u00fcdischer Kinder von ihren Eltern strikt ablehnte, wandte er sich damit zugleich gegen die Auffassung seines Mitbruders Wilhelm von Rennes OP (\u2020 nach 1259), der den Juden als \u201eservi\u201c alle Besitzrechte und folglich auch die Rechtsgewalt, \u201epotestas\u201c \u00fcber die eigenen Kinder absprach. Zwar sah auch Thomas in der j\u00fcdischen Minderheit \u2013 entsprechend der zeitgen\u00f6ssischen Praxis \u2013 nur ein Eigentum des jeweiligen Landesherrn, doch er erinnerte zugleich an dessen Verpflichtung, die Juden zu sch\u00fctzen und ihr grunds\u00e4tzliches Existenzrecht zu achten. Von der urspr\u00fcnglichen Intention, die Machtpolitik der F\u00fcrsten gegen\u00fcber \u201eihren\u201c Juden naturrechtlich einzuschr\u00e4nken, ist daher auch die sp\u00e4tere Wirkungsgeschichte, die Thomas\u2018 Lehre von der \u201eewigen Knechtschaft\u201c der Juden (\u201eservitus Iudaeorum\u201c) im ausgehenden Mittelalter und in der fr\u00fchen Neuzeit entfalten sollte, zu unterscheiden. Die Lehrmeinung Wilhelms fand indes Eingang in das popul\u00e4re \u201eSpeculum doctrinale\u201c des Dominikaners Vincent von Beauvais (\u2020 ca. 1264) und wurde insbesondere von dem Franziskanertheologen Johannes Duns Scotus (\u2020 1308) wieder aufgegriffen und unterst\u00fctzt, konnte sich aber bei den Mendikanten \u2013 auch dank der thomistischen Gegenposition \u2013 nie als mehrheitsf\u00e4hige Meinung durchsetzen.<\/p>\n<p>Auch in ihrer Haltung zum nachbiblischen j\u00fcdischen Schrifttum nahmen die Dominikaner keinen einheitlichen Standpunkt ein. Einerseits entwickelten Thomas und sein Lehrer Albertus Magnus (\u2020 1280), aber auch Meister Eckhart (\u2020 1328) und andere dominikanische Gelehrte ein ausgepr\u00e4gtes Interesse f\u00fcr die Werke des Moses Maimonides (\u2020 1204), den sie vielfach als Autorit\u00e4t anf\u00fchren (darin unterschieden sich die Dominikaner \u00fcbrigens entscheidend von den Fideisten in der Folge Bonaventuras, aber auch von den radikalen Aristotelikern und \u201eAverroisten\u201c!). Andererseits diente die Besch\u00e4ftigung mit der j\u00fcdischen Traditionsliteratur oft nur dazu, die Unhaltbarkeit und Absurdit\u00e4t j\u00fcdischer Glaubensvorstellungen aufzuzeigen. Zu diesem Zweck stellte beispielsweise Theobald von S\u00e9zanne OP im Umfeld der Talmudverbrennung 1242 in Paris eine Sammlung von Talmudexzerpten zusammen, die verschiedenen antij\u00fcdischen Polemiken als Grundlage diente. Gemeinsam mit Albert geh\u00f6rte er auch zu den Theologen, die an der Pariser Universit\u00e4t mit der Pr\u00fcfung und Verurteilung des Talmuds beauftragt wurden.<\/p>\n<p>Allerdings standen einer eingehenderen Auseinandersetzung mit der rabbinischen Literatur mangelnde Hebr\u00e4ischkenntnisse h\u00e4ufig im Wege. F\u00fcr die Missionsarbeit in Spanien wurden daher ab 1250 eigene Sprachschulen gegr\u00fcndet, an denen Arabisch und Hebr\u00e4isch unterrichtet wurde. Als Sprachlehrer wurden h\u00e4ufig Konvertiten eingesetzt; einzelne Ordensbr\u00fcder wie Raimund Martini (Ram\u00f3n Marti) OP (\u2020 um 1285), der ab 1281 das ordenseigene \u201estudium hebraicum\u201c in Barcelona leitete, unterrichteten aber auch selbst. Martini beherrschte nicht nur mehrere Sprachen, sondern besa\u00df auch umfangreiche Kenntnisse der arabischen, rabbinischen und syrischen Literatur und gilt daher gemeinhin als einer der ersten Orientalisten. 1278 vollendete er sein Hauptwerk <em>Pugio fidei adversus Mauros et Iudaeos<\/em> (\u201eDolch des Glaubens gegen Araber und Juden\u201c), das erstmals einen Teil des rabbinischen Schrifttums f\u00fcr ein christliches Publikum zug\u00e4nglich machte.<\/p>\n<p>Anders als seine an der Pariser Talmudverurteilung beteiligten Mitbr\u00fcder verdammte Martini den Talmud nicht, sondern sah in ihm vielmehr ein verkanntes Zeugnis <em>f\u00fcr<\/em> den christlichen Glauben. Martini war tats\u00e4chlich der Meinung, dass die Juden mit ihren eigenen Texten von der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit des christlichen Glaubens \u00fcberzeugt werden k\u00f6nnten. J\u00fcdische B\u00fccher waren folglich nicht zu verbrennen, sondern f\u00fcr die Missionsarbeit zu nutzen. Nach der Disputation von Barcelona (1263), bei der die von Martini beschriebene Strategie von dem j\u00fcdischen Konvertiten und Dominikaner Pablo Christiani (\u2020 1274) erstmals angewandt wurde, ordnete K\u00f6nig Jakob I. von Aragon dementsprechend nur die Tilgung der als blasphemisch geltenden Stellen im Talmud an. Der vom K\u00f6nig eingesetzten Zensurbeh\u00f6rde geh\u00f6rte neben Pablo Christiani und dem fr\u00fcheren Ordensmeister Raimund von Pe\u00f1afort OP (\u2020 1275) ab 1264 auch Martini an, der seine Talmudstudien seitdem noch intensivierte. Trotz der teils heftigen antij\u00fcdischen Polemik, die sich in seinen Werken ebenfalls finden l\u00e4sst, steht Martini daher meines Erachtens f\u00fcr eine eher gem\u00e4\u00dfigte Richtung innerhalb des Dominikanerordens, w\u00e4hrend sich dominikanische Inquisitoren wie Bernard Gui (\u2020 1311) weiterhin f\u00fcr die Konfiszierung und Verbrennung j\u00fcdischer Schriften, insbesondere des Talmuds, einsetzten.<\/p>\n<p>Wie weit die Meinungen im Orden bei der Frage, ob die rabbinische Traditionsliteratur zu vernichten oder als Missionsinstrument zu erhalten sei, auseinandergehen konnten, zeigen auch einige Beispiele aus der fr\u00fchen Neuzeit: In der Tradition Guis standen z. B. die K\u00f6lner Dominikaner um Jakob von Hoogstraeten (Hochstraten) OP (\u2020 1527), die sich in dem Streit mit dem Humanisten Reuchlin auf die Seite Johannes Pfefferkorns stellten, der seit 1509 in verschiedenen Gegenden des deutschen Reichs j\u00fcdische B\u00fccher beschlagnahmen lie\u00df, um sie zu vernichten. In den satirischen \u201eDunkelm\u00e4nnerbriefen\u201c (1515\/17) wurden die beteiligten Dominikaner deswegen heftig angegriffen und parodiert. Judenmissionare wie Petrus Nigri (Schwarz) OP (\u2020 um 1483) und Giuseppe Maria Ciantes OP (\u2020 1670) orientierten sich dagegen an der Missionsstrategie Martinis. Auch Philologen wie Agostino Giustiniani OP (\u2020 1536) und Pedro de Palencia OP (\u2020 1621) verwiesen gerne auf Martinis Werk, um das eigene Interesse an der hebr\u00e4ischen Sprache und der rabbinischen Bibelauslegung im Orden zu rechtfertigen. Der Hebraist Sixtus von Siena OP (\u2020 1569) nahm schlie\u00dflich eine merkw\u00fcrdig vermittelnde Position zwischen beiden Standpunkten ein, indem er zwar die Verbrennung des Talmuds bef\u00fcrwortete und sich 1559 sogar aktiv an einer B\u00fccherverbrennung in Cremona beteiligte, aber gleichzeitig f\u00fcr die Erhaltung des Sohar eintrat, da er glaubte, die Juden mithilfe kabbalistischer Texte zum Christentum bekehren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Freilich blieben die erhofften Missionserfolge \u2013 gleich welche Strategie denn nun angewandt wurde \u2013 in der Regel aus. In Paris soll sich beispielsweise infolge der Predigten von Pablo Christiani 1269 kein einziger Jude zum Christentum bekehrt haben, obwohl oder vielleicht gerade weil die christlichen Zuh\u00f6rer sogar mit Steinen auf die anwesenden Juden warfen. Auch der Ruf Raimunds von Pe\u00f1afort als erfolgreicher Judenmissionar geht wahrscheinlich nur auf sp\u00e4tere Heiligenlegenden zur\u00fcck. F\u00fcr das K\u00f6nigreich Aragon im 13. Jahrhundert zweifelt Robin Vose sogar die Existenz einer gr\u00f6\u00dferen dominikanischen Missionskampagne oder -bewegung insgesamt an und h\u00e4lt sie f\u00fcr ein Konstrukt fr\u00fcher Ordenshistoriographie, das von der Forschung ungepr\u00fcft \u00fcbernommen wurde. Selbst die Massenkonversion von Juden zum Christentum im K\u00f6nigreich Neapel (1292) war vermutlich weniger das Ergebnis genuiner Missionsbem\u00fchungen durch dominikanische Prediger, sondern vielmehr eine Folge repressiver Ma\u00dfnahmen durch die Inquisition und daher in ihrer Zeit singul\u00e4r.<\/p>\n<p>Anscheinend konnte erst Vinzenz Ferrer OP (1350-1419) mit seinen Predigten gr\u00f6\u00dfere Missionserfolge erzielen, indem er auf seine j\u00fcdischen Zuh\u00f6rer einen mehr oder wenigen starken (moralischen wie politischen) Druck aus\u00fcbte. Welchen Einfluss die spanischen Pogrome von 1391, die Ferrer verurteilte, und das von ihm beeinflusste Statut von Valladolid (1412), das die Rechte der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung in Kastilien stark einschr\u00e4nkte, auf die zahlreichen Konversionen hatten, ist allerdings noch nicht hinreichend gekl\u00e4rt. Die Berichte \u00fcber Ferrers Massentaufen in Spanien f\u00fchrten jedenfalls dazu, dass die Bettelorden ihre judenmissionarischen Anstrengungen im 15. Jahrhundert wieder verst\u00e4rkten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in Deutschland und Italien vorwiegend franziskanische Prediger zur Bekehrung der Juden aufriefen, konzentrierten sich die dominikanischen Judenmissionare vor allem auf die iberische Halbinsel. Wahrscheinlich hat auch Petrus Nigri (Schwarz) OP seine Hebr\u00e4ischkenntnisse in Salamanca erworben, bevor er in verschiedenen deutschen St\u00e4dten, u. a. 1474 in Regensburg zu predigen kann \u2013 mit minimalem Erfolg, da sich die spanischen Verh\u00e4ltnisse nicht einfach auf die Situation im deutschen Reich \u00fcbertragen lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Auch wenn Nigris Texte zahlreiche antij\u00fcdische Vorurteile und Polemiken enthalten, waren seine Hebr\u00e4ischstudien grundlegend, und sie wurden von Luther und anderen immer wieder herangezogen.<\/p>\n<p>Aus den erhaltenen Quellen ergibt sich, wie schon Berthold Altaner festgestellt hat, der Eindruck, dass \u201eim Dominikanerorden relativ viel getan worden ist, um das Studium fremder f\u00fcr die Mission wichtiger Sprachen\u201c zu f\u00f6rdern; doch es bleibt unklar, \u201eob alle Beschl\u00fcsse und Verf\u00fcgungen auch wirklich ausgef\u00fchrt wurden\u201c. So klagte bereits einer der Nachfolger des hl. Dominikus als Ordensmeister, Pater Humbert von Romans OP, 1255 \u00fcber das mangelnde Interesse einiger Br\u00fcder, fremde Sprachen zu erlernen, zu denen er ausdr\u00fccklich Hebr\u00e4isch und Arabisch rechnete. Neben guten Sprachkenntnissen sollten seiner Meinung nach die Missionare aber auch \u00fcber gute geografische Kenntnisse verf\u00fcgen. F\u00fcr die Mission unter Muslimen empfahl er, \u201eden Koran zu studieren, dazu das Leben Mohammeds sowie die Geschichte der Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen.\u201c Ja, er gab seinen Lesern sogar weiterf\u00fchrende Lekt\u00fcreempfehlungen an die Hand.<\/p>\n<p>Zu den prominentesten Missionaren z\u00e4hlte in dieser Zeit Riccoldus de Monte Crucis OP (1243-1320), der lange als Missionar im Nahen Osten t\u00e4tig war: Nach der R\u00fcckkehr in seinen Heimatkonvent in Florenz verfasste er mehrere Schriften \u00fcber den Islam, aber auch \u00fcber die Juden. Immer wieder wei\u00df Riccoldus dabei auch Positives \u00fcber die beiden Religionen zu berichten. \u00dcber die Juden schreibt er etwa, dass sie zwar die Gottessohnschaft Christi ablehnen, aber Jesus f\u00fcr einen in jeder Hinsicht vorbildlichen Menschen halten w\u00fcrden; \u201e<em>homo sanctissimus<\/em>\u201c sei er f\u00fcr sie. Ebenso lobend hebt er den Gebetseifer und die Sittenstrenge der Muslime hervor und r\u00fchmt ihre Gastfreundschaft, wie er selbst sie bei seinen Missionsreisen erfahren hat.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Riccoldus von pers\u00f6nlichen Begegnungen mit Juden und Muslimen berichten konnte, standen einige scholastische Theologen des Dominikanerordens zumindest gedanklich in einem regen Austausch mit den j\u00fcdischen und arabischen Denkern ihrer Zeit.<\/p>\n<p>Thomas besch\u00e4ftigte sich in seiner um 1260 verfassten <em>Summa Contra Gentiles<\/em> beispielsweise mit der Frage, wie eine Debatte mit Nichtchristen zustande kommt. Dabei ist Thomas \u00fcberzeugt, dass auf die \u201enat\u00fcrliche Vernunft\u201c gebaut werden m\u00fcsse. Thomas bekennt, dass er sich mit dem Islam \u00fcberhaupt nicht auskennt und vermutlich hat er auch die damals vorhandene Koran\u00fcbersetzung nicht konsultiert. Generell war Thomas vom Nutzen einer aktiven Missionspredigt nicht sehr \u00fcberzeugt. Aber seine Schriften wie die <em>Summa Contra Gentiles<\/em> bezeugen die intellektuellen Auseinandersetzung mit anderen Denk- und Glaubensweisen. Ende des 13. Jahrhunderts setzte sich im Dominikanerorden die Meinung durch, dass Muslime nicht bekehrbar seien.<\/p>\n<p>Dennoch gab es immer wieder Dominikaner wie Felix Fabri (\u2020 1502), die sich \u00fcber einzelne Muslime sehr positiv \u00e4u\u00dfern konnten. Fabris Werke hatten eine wichtige Vermittlerfunktion. Nach seinen beiden Pilgerreisen ins Heilige Land verfasste Fabri einen lateinischen Reisebericht f\u00fcr seine Mitbr\u00fcder und andere lateinkundige Gelehrten. F\u00fcr die vier adeligen Begleiter, die seine zweite Pilgerfahrt finanziert hatten, schrieb er eine fr\u00fchneuhochdeutsche Fassung, die 1557 im Druck erschien. Sie richtete sich an ein breites Publikum, an Kinder und Hausfrauen sowie Diener und M\u00e4gde, denen der Bericht vorgelesen werden k\u00f6nne, um ihnen eine Pilgerfahrt in Gedanken zu erm\u00f6glichen. So schilderte Fabri auch die N\u00fctzlichkeit von Kamelen als gen\u00fcgsame Lastentr\u00e4ger und Reittiere. Zugleich ist Fabri f\u00fcr seine heftigen antij\u00fcdischen Ausf\u00e4lle gegen die Juden in Ulm bekannt. So ist auch er ein Beispiel f\u00fcr die Ambivalenz der Besch\u00e4ftigung mit dem Fremden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Dialog der Religionen, wie er heute gepflegt wird, ist erst eine Errungenschaft des 20. Jahrhunderts. Freilich haben einige Dominikaner entscheidende Beitr\u00e4ge zu diesem Dialog geleistet und waren beispielsweise \u2013 wie Bruno Hussar und Georges Anawati \u2013 ma\u00dfgeblich an der Entstehung der Konzilserkl\u00e4rung \u201eNostra aetate\u201c zu den nichtchristlichen Religionen beteiligt. Nicht zuf\u00e4llig hatten bereits 1961 f\u00fcnf deutsche Dominikaner bei einer Umfrage der Zeitschrift \u201eWort und Wahrheit\u201c, was sie denn vom bevorstehenden Konzil erwarten w\u00fcrden, ein erneuertes christlich-j\u00fcdisches Verh\u00e4ltnis angemahnt. Pater Willehad Paul Eckert OP (1926-2005) setzte sich entschieden f\u00fcr eine Bek\u00e4mpfung antij\u00fcdischer Vorurteile innerhalb der christlichen Tradition ein. Angesichts der Herausforderungen unserer Tage \u2013 angefangen bei den fundamentalistischen Str\u00f6mungen, die sich keineswegs nur im Islam, sondern in allen Religionen beobachten lassen, bis hin zu den derzeitigen Fl\u00fcchtlings- und Migrationsbewegungen \u2013 ist die Frage, wie wir dem Fremden begegnen, aktueller denn je.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Wohl kaum eine \u201eandere Organisation des Mittelalters war so mobil wie die Bettelorden des 13. Jahrhunderts. Schon wenige Jahre nach ihrer Gr\u00fcndung begannen Vertreter des Dominikaner- und Franziskanerordens von ihren europ\u00e4ischen Drehpunkten aus neue und bis dahin zum Teil v\u00f6llig unbekannte Gegenden der Welt zu erwandern und zu erschlie\u00dfen. 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