{"id":125182,"date":"2026-06-19T09:11:37","date_gmt":"2026-06-19T07:11:37","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=125182"},"modified":"2026-06-19T09:11:43","modified_gmt":"2026-06-19T07:11:43","slug":"die-krise-die-europa-formte-england-frankreich-und-der-beginn-des-hundertjaehrigen-krieges","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/die-krise-die-europa-formte-england-frankreich-und-der-beginn-des-hundertjaehrigen-krieges\/","title":{"rendered":"Die Krise, die Europa formte"},"content":{"rendered":"<p>Man kann den Hundertj\u00e4hrigen Krieg \u2013 also den Krieg zwischen den K\u00f6nigreichen England und Frankreich in der Zeit von 1337 bis 1453 \u2013 als eine krisenhafte Zeit deuten. Jeder Krieg stellte in den Augen der leittragenden Zeitgenossen eine Ausnahmesituation dar, in der sich der Rahmen des Gewohnten massiv verschiebt. Wenn hier diese Krise mit der Formierung Europas in Verbindung gebracht wird, bezieht sich dies die innere Verfasstheit, die territoriale Ausgestaltung und Beziehung der beteiligten K\u00f6nigreiche zueinander. Der Begriff \u201eHundertj\u00e4hriger Krieg\u201c bezeichnet die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den K\u00f6nigen von Frankreich und England in der Zeit von 1337 bis 1453. Im Jahr 1337 konfiszierte Philipp VI. von Frankreich das s\u00fcdfranz\u00f6sische Herzogtum Guyenne, welches der englische K\u00f6nig Eduard III. von ihm zu Lehen hielt, und 1453 verloren die Engl\u00e4nder unter ihrem Kommandanten John Talbot die letzte Schlacht des Krieges bei Castillon, in der Guyenne \u00f6stlich von Bordeuax. Zwischen 1337 und 1453 liegen offensichtlich mehr als 100 Jahre; die Bezeichnung ist nicht das Ergebnis einer Berechnung, sondern will auf die lange Dauer des Konfliktes und seine daraus f\u00fcr die Nationalgeschichten resultierende Bedeutung verweisen. Sie findet sich erstmals im \u201eTablaeu chronologique de l\u2019Histoire du Moyen age\u201c des franz\u00f6sischen Historikers Desmichels aus dem Jahr 1823 und ist Teil der Nationalgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Es ist in erster Linie diese Dauer, die den Konflikt historische Bedeutung verleiht. Die langanhaltende Krise, die auf verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Ebenen wirksam wurde, hat das Aussehen der Kriegsparteien ver\u00e4ndert. Wie bei jedem Krieg bezieht sich dies zun\u00e4chst auf die unmittelbaren Folgen der Gewalt: Der Krieg hatte Tausende von Opfern gefordert, Landstriche waren verw\u00fcstet und unz\u00e4hlige Gr\u00e4ueltaten begangen worden. Aber auch auf der Ebene der Politik, der Verfasstheit der beteiligten Nationen und ihrem Verh\u00e4ltnis zueinander hatte sich viel ver\u00e4ndert: Die Nationalstaaten, die heute die Grundlage Europas bilden, wurden \u2013 soweit es England und Frankreich angeht \u2013 entscheidend im ausgehenden Mittelalter gepr\u00e4gt. Dabei gibt es einen engen Zusammenhang zwischen der Krisenhaftigkeit der Kriegs-Situation und der Entwicklung hin zum Nationalstaat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Gr\u00fcnde des Krieges<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwei Ursachen oder Motive stehen am Anfang dieses Krieges, die beide das Verh\u00e4ltnis zwischen dem K\u00f6nig von Frankreich und dem von England betreffen. Grundlegend ist zun\u00e4chst die Tatsache, dass der englische K\u00f6nig 1337 Lehnsmann des franz\u00f6sischen K\u00f6nigs war \u2013 und zwar f\u00fcr Besitzungen rund um Bordeaux im S\u00fcdwesten Frankreichs und im Nordwesten der Picardie rund um Abbeville. Entscheidend waren die Besitzungen im S\u00fcdwesten, das Herzogtum Guyenne oder Aquitanien. 1259 hatten sich der englische K\u00f6nig Heinrich III. und der franz\u00f6sische K\u00f6nig Ludwig IX. im Vertrag von Paris darauf geeinigt, dass der englische K\u00f6nig die Guyenne von nun als Lehen des franz\u00f6sischen K\u00f6nigs halten sollte. Diese Rechtskonstellation k\u00f6nnen wir heute als einen der wesentlichen Gr\u00fcnde f\u00fcr den Hundertj\u00e4hrigen Krieg ausmachen. Die Lehnsabh\u00e4ngigkeit schr\u00e4nkte die Stellung des herrscherlichen Selbstverst\u00e4ndnisses des englischen K\u00f6nigs stark ein; auch politisch war der englische K\u00f6nig an den franz\u00f6sischen gebunden: Dieser konnte in das s\u00fcdfranz\u00f6sische Herzogtum gleichsam hineinregieren, etwa indem er bei strittigen Gerichtsf\u00e4llen Appellationen an das oberste k\u00f6nigliche Gericht in Paris zulie\u00df und damit betonte, dass das Herzogtum Gyuenne Teil seines K\u00f6nigreichs und seiner Jurisdiktion war. Der englische K\u00f6nig war dar\u00fcber hinaus zur Heeresfolge verpflichtet und dadurch in dem, was wir heute seine au\u00dfenpolitische Souver\u00e4nit\u00e4t nennen w\u00fcrden, eingeschr\u00e4nkt. Dem englischen K\u00f6nig drohte best\u00e4ndig der Entzug des Lehens und damit der Verlust der Gyuenne. Die Festlandsbesitzungen waren aber aus englischer Sicht elementarer Bestandteil des K\u00f6nigreiches und \u00f6konomisch zu bedeutend, um sie einfach aufzugeben.<\/p>\n<p>Nach dem Vertrag von Paris kam es drei Mal zu Konfiskationen des Herzogtums Guyenne durch franz\u00f6sische K\u00f6nige: 1293, 1324 und 1337. Nach 1293 und 1324 wurde das Herzogtum jeweils zur\u00fcckerstattet. Der Konflikt rund um die Festlandsbesitzungen des englischen K\u00f6nigs schwelte also gleichsam vor sich hin und war beim Ausbruch des Hundertj\u00e4hrigen Krieges 1337 nicht neu. Warum also setzen wir heute das Jahr 1337 als Anfang des Krieges? Dies liegt nicht an der grundlegenden Konstellation, sondern daran, dass die beiden nun entscheidenden Akteure, Eduard III. von England und Philipp VI. von Frankreich, bereit waren, den Konflikt eskalieren zu lassen und mit einer bislang nicht vorhanden Konsequenz zu betreiben. Dies hat auch mit dem zweiten f\u00fcr den Krieg urs\u00e4chlichen Motiv zu tun: dem Kampf um die franz\u00f6sische Krone. Der Hundertj\u00e4hrige Krieg war auch ein Thronstreit. Das franz\u00f6sische K\u00f6nigtum war eine Erbmonarchie. Seit dem ausgehenden 10. Jahrhundert hatte es eine ungebrochene Vater-Sohn-Folge gegeben. Anfang des 14. Jahrhunderts verlie\u00df die franz\u00f6sische Dynastie aber dieses dynastisch-biologische Gl\u00fcck, und es kam zu einer Reihe von Konstellationen, in denen nach dem Tod des K\u00f6nigs kein m\u00e4nnlicher Erbe zur Verf\u00fcgung stand \u2013 so auch 1328 nach dem Tod Karls IV. Nach den Prinzipien von Verwandtschaft und Vererbung gab es zwei Thronanw\u00e4rter: Philipp von Valois war in m\u00e4nnlicher Linie mit dem verstorbenen K\u00f6nig verwandt, K\u00f6nig Eduard III. von England \u00fcber Mutter Isabella in weiblicher Linie. Die Entscheidung zwischen diesen beiden Kandidaten war weniger eine erbrechtliche als eine politische, die dann nachtr\u00e4glich juristisch begr\u00fcndet wurde. Philipp war ein erfahrener, am franz\u00f6sischen Hof angesehener F\u00fcrst von 35 Jahren; Eduard hingegen war 15 Jahre alt, politisch unerfahren und unter der Kontrolle seiner Mutter und ihres Geliebten. Er musste die Entscheidung f\u00fcr Philipp von Valois zun\u00e4chst akzeptieren und diesem huldigen.<\/p>\n<p>Eduards Anspruch auf den franz\u00f6sischen Thron bot aber f\u00fcr die englische Krone zu viel Potenzial, um sie dauerhaft ruhen zu lassen. Hier lag aus englischer Sicht der Schl\u00fcssel, um alle Probleme rund um die englischen Festlandbesitzungen zu l\u00f6sen: War der englische K\u00f6nig gleichzeitig K\u00f6nig von Frankreich, l\u00f6ste dies das Problem des Lehnsverh\u00e4ltnisses. Das erkl\u00e4rt, warum englische K\u00f6nige im Verlauf des Krieges immer wieder Anspr\u00fcche auf den Thron geltend gemacht haben. Somit verschr\u00e4nkten sich beide Motive miteinander, und dies ist ein Grund, warum der Krieg so lange mit so gro\u00dfer Erbitterung gef\u00fchrt wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Verlauf im 14. Jahrhundert<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man kann den Kriegsverlauf in vier Phasen einteilen, zwei davon sind im 14. Jahrhundert zu verorten: Die erste reicht von der dritten Konfiszierung der Guyenne 1337 bis zum Vertrag von Br\u00e9tigny 1360, der den ersten gro\u00dfen Vertragserfolg der Engl\u00e4nder darstellte. Die zweite Phase umfasst die Zeit nach Br\u00e9tigny bis zum Jahr 1407; in dieser Zeit revidieren die franz\u00f6sischen K\u00f6nige die englischen Erfolge. 1407 wurde der Herzog Ludwig von Orl\u00e9ans ermordet, was die innerfranz\u00f6sischen Rivalit\u00e4ten zu einem offenen B\u00fcrgerkrieg steigerte. Vor allem unter K\u00f6nig Heinrich V. (1413-1422) errangen die Engl\u00e4nder in der dritten Phase wieder enorme Erfolge. Diesen wurde 1435 durch den Frieden von Arras die Grundlage entzogen, in dem sich die franz\u00f6sischen B\u00fcrgerkriegsparteien einigten und geschlossen gegen England stellten. Daraus resultierte in der vierten und letzten Phase von 1435 bis 1453 die Eroberung beinahe aller englischen Festlandbesitzungen durch die Truppen K\u00f6nig Karls VII., des Siegreichen, von Frankreich.<\/p>\n<p>Im Folgenden seien die Phasen des 14. Jahrhunderts von <strong>1337 bis 1360<\/strong> vorgestellt.<\/p>\n<p>In dieser Phase wurde das Kriegsgeschehen durch das strategische Konzept des englischen K\u00f6nigs Eduards III. bestimmt. Er er\u00f6ffnete den Krieg, seine Aktionen auf dem Kontinent zwangen seine franz\u00f6sischen Counterparts zur Reaktion. Die englische Strategie zielte darauf ab, durch milit\u00e4rische Erfolge so viel politischen Druck aufzubauen, dass dieser am Verhandlungstisch in Konzessionen umgewandelt werden konnte. Das kriegerische Mittel hierzu waren ausgedehnte Pl\u00fcnderungs- und Verw\u00fcstungsz\u00fcge berittener Kontingente und der Versuch, eine offene Feldschlacht zu erzwingen. Beides zielte letztlich darauf ab, die Reputation des Gegners zu sch\u00e4digen und seine Position zu schw\u00e4chen.<\/p>\n<p>In dieser ersten Phase des Krieges waren die jeweiligen K\u00f6nige pers\u00f6nlich im Feld aktiv, f\u00fchrten Feldz\u00fcge an und kommandierten ihre Truppen in der Schlacht. Wir k\u00f6nnen hier einen klaren Zusammenhang zwischen kriegerischer Aktivit\u00e4t und k\u00f6niglicher Reputation erkennen. Dies erstreckte sich nicht nur auf den milit\u00e4rischen Erfolg, sondern auch auf die Art der Kriegf\u00fchrung. Eduard schmiedete zun\u00e4chst eine Allianz gegen Philipp VI., die vor allem aus F\u00fcrstent\u00fcmern an der Nordostgrenze Frankreichs bestand. 1339 setzte er ein Heer \u00fcber den Kanal und r\u00fcckte von Brabant aus nach Frankreich vor. Er versuchte immer wieder, Philipp von Frankreich zur Schlacht zu bewegen; dieser ging aber nicht darauf ein und verweigerte den Kampf zu von Eduard ausgesuchten Bedingungen. Hier zeigt sich die \u00f6konomische Dimension von mittelalterlichem Krieg sehr deutlich: Der Krieg war \u2013 vor allem durch Sold- und Subsidienzahlungen \u2013 sehr teuer, und Eduard konnte es sich nicht leisten, seine Truppen \u00fcber lange Zeitr\u00e4ume im Feld zu halten. Er brauchte daher schnelle Erfolge, die ihm Philipp verweigerte, sodass die anti-franz\u00f6sische Allianz schlie\u00dflich zerbrach.<\/p>\n<p>Der einzige Erfolg f\u00fcr die Engl\u00e4nder war die Niederlage der franz\u00f6sischen Flotte bei Sluys in Flandern im Jahr 1340; von nun an konnten sich englische Schiffe mehr oder weniger ungef\u00e4hrdet auf dem Kanal bewegen. Im selben Jahr lie\u00df Eduard III. sich in Gent als K\u00f6nig von Frankreich anerkennen und nahm die franz\u00f6sischen Lilien in das k\u00f6nigliche Wappen auf. Dieser symbolische Akt ist eher als Zeichen der situativen Schw\u00e4che zu werten denn als Ausdruck grundlegender Erfolge der englischen Strategie.<\/p>\n<p>Eduard lernte aus den Fehlern und kehrte 1346 mit einem rein englischen Heer auf den Kontinent zur\u00fcck. So musste er nicht mehr auf die Empfindlichkeiten einzelner Partner R\u00fccksicht nehmen und konnte seine strategischen Konzepte mit einer eingespielten und vergleichsweise homogenen Truppe umsetzen. Eduard suchte die Feldschlacht, und diesmal konnte sich Philipp VI. nicht mehr verweigern. Auch wenn seine bisher defensive Strategie erfolgreich gewesen war, so entsprach es dennoch nicht dem Verst\u00e4ndnis der Zeitgenossen von erfolgreichem K\u00f6nigtum, das Land ohne Gegenwehr den Pl\u00fcnderungen des Gegners zu \u00fcberlassen: Ein mittelalterlicher K\u00f6nig war Teil der kriegeradligen Kultur, und diese legitimierte sich \u00fcber die F\u00e4higkeit zur Kriegf\u00fchrung und durch die aktive Kriegsteilnahme. So kam es 1346 bei Cr\u00e9cy zur ersten und einzigen K\u00f6nigsschlacht des Hundertj\u00e4hrigen Krieges, in der sich zwei von K\u00f6nigen befehligte Heere gegen\u00fcberstanden. Das Ergebnis war eine vernichtende Niederlage f\u00fcr Philipp VI., der sich nur durch Flucht retten konnte. F\u00fcr Eduard III. brachte dieser Sieg hingegen einen enormen Zuwachs an Prestige; er wurde mit einem Schlag zum bekanntesten Feldherrn Europas. Damit stieg auch die Bereitschaft des englischen Parlaments, den Kriegssteuern zuzustimmen. Handfestes Ergebnis war die Eroberung der Stadt Calais 1347, welche als wichtiger St\u00fctzpunkt bis 1558 in englischer Hand bleiben sollte.<\/p>\n<p>Ein entscheidender Verhandlungserfolg f\u00fcr die Engl\u00e4nder blieb zun\u00e4chst aber aus. Der Ausbruch der Pest 1347 f\u00fchrte dazu, dass der Krieg gleichsam pausierte und erst nach mehreren Waffenstillst\u00e4nden 1355 wieder aufgenommen wurde. Die Engl\u00e4nder blieben ihrer Strategie des Pl\u00fcnderns und Verw\u00fcstens treu: 1356 f\u00fchrte der englische Thronfolger Eduard einen Pl\u00fcnderungszug durch. Der franz\u00f6sische K\u00f6nig Johann II. \u2013 der Nachfolger Philipps VI. \u2013 verfolgte ihn und konnte ihn in der N\u00e4he von Poitiers zur Schlacht zwingen. Wieder blieben die englischen K\u00e4mpfer in einer gro\u00dfen Feldschlacht siegreich, und diesmal war die Beute noch gr\u00f6\u00dfer: K\u00f6nig Johann II. von Frankreich geriet in englische Gefangenschaft. Das brachte Eduard III. in eine sehr starke Verhandlungsposition. Frankreich wurde in der Abwesenheit seines K\u00f6nigs vom Thronfolger \u2013 dem sp\u00e4teren Karl V. \u2013 regiert und geriet in eine Krise. Die St\u00e4nde verlangten mehr Mitbestimmung und Einfluss auf die k\u00f6nigliche Politik, etliche Adlige suchten aus der Situation Nutzen f\u00fcr ihre eigenen Interessen zu ziehen, und es kam zu einer Aufstandsbewegung der Bauern, der \u201eJacquerie\u201c. Die Niederlagen von Cr\u00e9cy und Poitiers hatten Zweifel an einem Gesellschaftssystem aufkommen lassen, das dem Adel Privilegien daf\u00fcr einr\u00e4umte, dass er Land und Leute sch\u00fctzte. Offensichtlich hatte der franz\u00f6sische Adel hierin versagt und sah sich daher mit einem Aufstand gegen seine Vorrechte konfrontiert. Dieser wurde zwar relativ schnell und blutig niedergeschlagen, hier zeigt sich aber, wie in der Krise des Krieges gesellschaftliche Wirkungszusammenh\u00e4nge in Frage gestellt werden konnten.<\/p>\n<p>Ende der 1350er Jahre hatte sich die Situation zugunsten des franz\u00f6sischen Thronfolgers gefestigt: Der Adel stand geschlossen zur Monarchie und die St\u00e4nde wurden an der Finanzverwaltung beteiligt. K\u00f6nig Johann war freilich noch immer in englischer Gefangenschaft. Schlie\u00dflich kam es im Mai 1360 zum Frieden von Br\u00e9tigny. Hier zeigt sich, dass der Anspruch auf den franz\u00f6sischen Thron f\u00fcr Eduard III. keineswegs elementar war: Er verzichtete auf die franz\u00f6sische Krone im Tausch gegen umfangreiche Besitzungen auf dem Kontinent; diese sollten nicht mehr Lehen, sondern Eigenbesitz sein. Hinzu kam das L\u00f6segeld f\u00fcr Johann: die enorme Summe von drei Millionen \u00c9cu, beinahe das Doppelte der Jahreseinnahmen der franz\u00f6sischen Krone. Damit schienen L\u00f6sungen f\u00fcr die beiden Konfliktfelder gefunden zu sein, die urs\u00e4chlich f\u00fcr den Krieg waren. Es gab nur noch einen K\u00f6nig von Frankreich und dieser stand in keinem Lehensverh\u00e4ltnis mehr zu seinem englischem Counterpart.<\/p>\n<p>Es zeigte sich aber schnell, dass beide Seiten mit dieser L\u00f6sung nicht zufrieden waren. Wir wissen heute, dass mit dem Vertrag von Br\u00e9tigny der H\u00f6hepunkt des englischen Einflusses in Frankreich im 14. Jh. erreicht war. Eduard aber sch\u00e4tze seine Lage anders ein und glaubte, noch mehr herausholen zu k\u00f6nnen. Schon im Herbst 1361 erhob er erneut Anspr\u00fcche auf die franz\u00f6sische Krone \u2013 der Krieg wurde wieder aufgenommen.<\/p>\n<p>Die Kriegsphase von <strong>1360 bis 1407<\/strong>:<\/p>\n<p>Im Jahr 1369 brach der Krieg erneut aus, gleichsam auf beiden f\u00fcr ihn urs\u00e4chlichen Ebenen: Eduard III. nahm im Juni wieder den Titel eines K\u00f6nigs von Frankreich an, im November zog der franz\u00f6sische K\u00f6nig die Lehen Eduards III. ein. Beide Seiten sahen die Vereinbarungen von Br\u00e9tigny als hinf\u00e4llig an und kehrten zum Status quo ante zur\u00fcck. Die grundlegende Konstellation des Konfliktes war dabei der in den 1330er Jahren sehr \u00e4hnlich; der Krieg sollte freilich einen ganz anderen Verlauf nehmen. Die Engl\u00e4nder hielten an ihrer Strategie fest und verheerten das Land; die Franzosen aber hatten ihre Strategie ge\u00e4ndert \u2013 oder anders: Sie kehrten zu dem Verhalten zur\u00fcck, dass Philipp VI. vor Cr\u00e9cy erfolgreiche praktiziert hatte und verweigerten den Engl\u00e4ndern die Schlacht. Warum konnte diese Strategie, die 1346 nicht tragbar gewesen war, nun umgesetzt werden? Die Antwort liegt zun\u00e4chst in der Person des neuen K\u00f6nigs von Frankreich. Auf Johann II. war 1364 Karl V. gefolgt, der den Beinamen \u201eder Weise\u201c erhalten sollte. Er war ein \u00e4u\u00dferst erfolgreicher und in manchen Z\u00fcgen modern anmutender Herrscher. Er regierte sein K\u00f6nigreich nicht vom Feldherrnh\u00fcgel oder Sattel, sondern vom Schreibtisch aus. Ein St\u00fcck weit stellte sein K\u00f6nigtum einen Gegenentwurf zu den kriegerisch-ritterlich gepr\u00e4gten Feldherrntugenden Eduards III. Gegen den Widerstand adliger Berater setzt er seine Strategie der Schlachtvermeidung durch. Statt sich den als \u00fcberlegen verstandenen englischen Truppen entgegenzustellen, gingen die franz\u00f6sischen Verb\u00e4nde kleinteilig vor und eroberten St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck zur\u00fcck, was im Vertrag von Br\u00e9tigny abgetreten worden war. Karl V. scharte f\u00e4hige M\u00e4nner um sich, welche die ihnen zugedachten Aufgaben erfolgreich erledigten, ohne dabei auf die hochadlige Herkunft seiner Ratgeber zu achten.<\/p>\n<p>Neben der Person des K\u00f6nigs gab es auch strukturelle Gr\u00fcnde f\u00fcr den Erfolg der defensiven Strategie: Die Niederlagen von Cr\u00e9cy und Poitiers, das Schicksal Johanns II. und die Unruhen nach seiner Gefangenschaft hatten deutlich gezeigt, dass die Strategie des offenen Kampfes gegen die Engl\u00e4nder nicht erfolgversprechend war. Dem franz\u00f6sischen Adel waren die Argumente genommen, um sich gegen ihren defensiv agierenden K\u00f6nig zu behaupten. Hinzu kam, dass seine Strategie sehr erfolgreich war. Nach und nach wurden die englischen Besitzungen zur\u00fcckerobert. 1375 waren beinahe s\u00e4mtliche Festlandsbesitzungen der Engl\u00e4nder \u2013 mit Ausnahme von Calais und Gebieten rund um Bordeaux \u2013 in franz\u00f6sischer Hand.<\/p>\n<p>Die Engl\u00e4nder hatten dem milit\u00e4risch nichts entgegenzusetzen. Auch dies kann man personell und strukturell erkl\u00e4ren. 1376 starb Prinz Eduard, 1377 Eduard III. Beide hatten sich eine enorme Reputation als Heerf\u00fchrer erworben und gl\u00e4nzende Siege erfochten, beide wurden \u2013 durch Alter und Krankheit \u2013 in ihren Aktionen mehr und mehr eingeschr\u00e4nkt. Hinzu kam eine gewisse Kriegsm\u00fcdigkeit in England. Da nachhaltige Erfolge ausblieben, sank die Bereitschaft, Steuern f\u00fcr den Krieg aufzubringen und die englischen Abwehrbem\u00fchungen wirkungsvoll zu finanzieren.<\/p>\n<p>Karl V. starb 1380, Eduard III. 1377. Nun folgte eine Phase minderj\u00e4hriger K\u00f6nige auf beiden Thronen, was in beiden L\u00e4ndern zu einer Schw\u00e4chung der k\u00f6niglichen Stellung f\u00fchrte. Auf Eduard III. folgte sein Enkel, Richard II., auf Karl V. sein Sohn, Karl VI. In beiden Monarchien beherrschten jeweils einflussreiche Onkel die Politik. Johann von Gent war der mit Abstand reichste und m\u00e4chtigste Magnat Englands. In Frankreich nutzten vor allem Philipp der K\u00fchne, Herzog von Burgund, und Herzog Ludwig von Orl\u00e9ans ihren Einfluss, um ihre eigenen Interessen durch den Einsatz k\u00f6niglicher Ressourcen zu f\u00f6rdern. Bis 1388 Karl VI. selbst die Regierung \u00fcbernahm und Richard II. 1389 offiziell m\u00fcndig wurde, waren in beiden K\u00f6nigreichen inneren Belangen dominierend.<\/p>\n<p>Entscheidend f\u00fcr die weitere Entwicklung des Krieges war der 5. August 1392. Nachdem er gerade f\u00fcnf Jahre eigenverantwortlich regiert hatte, erlitt der franz\u00f6sische K\u00f6nig Karl VI. an diesem Tag einen Anfall, der den Beginn einer Geisteskrankheit darstellte, die den Monarchen schubweise ereilte und immer wieder handlungsunf\u00e4hig machte. Wie schon w\u00e4hrend der Minderj\u00e4hrigkeit des K\u00f6nigs wurde Frankreich von der Politik seiner gro\u00dfen Herz\u00f6ge abh\u00e4ngig; der Monarch als ausgleichender und regulierender Faktor fiel aus. In dieser Konstellation nahm eine Entwicklung ihren Anfang, die zum B\u00fcrgerkrieg in Frankreich und damit zu einer Phase der franz\u00f6sischen Schw\u00e4che und der englischen Erfolge f\u00fchren sollte. Es standen sich zwei Herz\u00f6ge mit widerstreitenden Interessen gegen\u00fcber: Herzog Ludwig von Orl\u00e9ans, der Bruder des K\u00f6nigs, und Herzog Philipp von Burgund, dessen Onkel. Ludwig und Philipp bem\u00fchten sich, die Ambitionen des jeweils anderen zu st\u00f6ren, was sich auch auf den Fortgang des Krieges auswirken musste. K\u00f6nig Karl VI. hatte immer wieder klare Phasen, blieb bis zu seinem Tod 1422 nominell K\u00f6nig von Frankreich, hatte aber kaum Einfluss auf die Politik \u2013 allenfalls als Marionette in den H\u00e4nden anderer.<\/p>\n<p>Das Bestreben der burgundischen Herz\u00f6ge zielte auf die Etablierung eines eigenen Reiches, sie machten burgundische, nicht franz\u00f6sische Politik. Dazu geh\u00f6rte auch, sich um einen Frieden mit England zu bem\u00fchen \u2013 der innerfranz\u00f6sische Konflikt strahlte also auch auf die franz\u00f6sische \u201eAu\u00dfenpolitik\u201c aus. Richard II. war diesem Vorschlag nicht abgeneigt, da sich in England eine gewisse Kriegsm\u00fcdigkeit breitgemacht hatte. Entsprechende Verhandlungen wurden nunmehr zwischen Frankreich, England und Burgund gef\u00fchrt und endeten 1396 mit einer Hochzeit: Richard II. heiratete Isabella, die Tochter Karls VI. Mit dieser politischen Ehe wurde ein achtundzwanzigj\u00e4hriger Waffenstillstand zwischen beiden L\u00e4ndern besiegelt. Ein Friede und damit ein Ende des Konfliktes wurde dieser aber nicht, weil sich in beiden L\u00e4ndern die politische Lage dramatisch \u00e4nderte, wodurch die Basis f\u00fcr eine Forstsetzung des Krieges um ein weiteres halbes Jahrhundert gelegt wurde: 1399 st\u00fcrzte Heinrich von Lancaster, ein Enkel Eduards III., Richard II. vom Thron und trat als Heinrich IV. seine Nachfolge an, er begr\u00fcndete die K\u00f6nigsdynastie der Lancaster. Ein Anliegen dieser neuen Dynastie war die Wiederaufnahme des Krieges mit Frankreich: Heinrich IV. schickte die Frau seines Vorg\u00e4ngers nach Frankreich zur\u00fcck, sein Sohn, Heinrich V., sollte dann im 15. Jahrhundert den Krieg wieder auf den Kontinent tragen.<\/p>\n<p>In Frankreich aber wuchsen sich die Rivalit\u00e4ten zu einem B\u00fcrgerkrieg aus. Am 23. November 1407 wurde der Kopf des Hauses Orl\u00e9ans, Herzog Ludwig ermordet, und Johann Ohnefurcht, Herzog von Burgund, bekannte sich \u00f6ffentlich, dieses Attentat in Auftrag gegeben zu haben. Frankreich war nun endg\u00fcltig in zwei Lager gespalten und diese begannen in den folgenden Jahren um Macht, Einfluss und die Kontrolle miteinander zu k\u00e4mpfen. Dies er\u00f6ffnete den Engl\u00e4ndern unter Heinrich V. die M\u00f6glichkeit, noch einmal erfolgreich den Krieg zu erneuern. Dies f\u00e4llt dann freilich in das 15. Jahrhundert und soll hier nicht detailliert ausgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die Folgen des Krieges<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fragt man vor dem Hintergrund der Kriegsursachen, wer den Krieg gewonnen hat, so lautet die Antwort eindeutig: Frankreich, genauer: die franz\u00f6sische Monarchie. Der franz\u00f6sische K\u00f6nig Karl VII., unter dessen Regierung die Schlacht von Castillon 1453 gewonnen und die englischen Besitzungen erobert wurden, tr\u00e4gt seinen Beinahmen \u201eder Siegreiche\u201c zu Recht. Am Ende der langen Auseinandersetzungen gingen Karl VII. siegreich und das K\u00f6nigtum gest\u00e4rkt aus dem Krieg hervor.<\/p>\n<p>England verlor seine Festlandbesitzungen und wurde gleichsam zur Insel. Damit war der Grundstein f\u00fcr eine geo-strategische Entwicklung gelegt, die man im 19. Jahrhundert mit dem Schlagwort \u201esplendid isolation\u201c bezeichnete.<\/p>\n<p>Bez\u00fcglich der Herrschaftsstruktur hat das franz\u00f6sische K\u00f6nigtum vom Krieg profitiert. Die best\u00e4ndige Notwendigkeit, das K\u00f6nigreich verteidigen zu m\u00fcssen, schuf Gestaltungsspielr\u00e4ume und Zugriffsm\u00f6glichkeiten. Dies zeigt sich etwa, wenn man in die Zeit nach der Gefangennahme des franz\u00f6sischen K\u00f6nigs Johanns II. in der Schlacht von Poitiers 1356 schaut: Um das L\u00f6segeld f\u00fcr Johann aufzubringen und die Kosten des Krieges zu decken, wurde die Bev\u00f6lkerung besteuert; zun\u00e4chst entsprach dies ganz den im Mittelalter \u00fcblichen Sonderabgaben, die ein Monarch in speziellen Notzeiten erheben konnte. Da durch die H\u00f6he des L\u00f6segeldes und die anhaltenden Kriegskosten der Finanzbedarf aber bestehen blieb, verstetigte sich die urspr\u00fcngliche Sonderabgabe im Laufe der Zeit, sodass sie als Ausgangspunkt einer dauerhaften und kontinuierlichen Besteuerung in Frankreich gelten kann.<\/p>\n<p>Neben der dauerhaften Besteuerung z\u00e4hlte zu den Elementen, die die franz\u00f6sische Krone und den franz\u00f6sischen Nationalstaat st\u00e4rkten, auch die Etablierung eines stehenden Heeres unter direkter Kontrolle des Monarchen. Vor allem Karl V. und Karl VII. konnten sich gegen Widerst\u00e4nde im Adel behaupten, das K\u00f6nigtum auf eine breite Basis stellen und modernisieren. Die kontinuierliche Erweiterung des Krongutes, das unmittelbar unter k\u00f6niglicher Kontrolle stand, war die Grundlage f\u00fcr das starke franz\u00f6sische K\u00f6nigtum, welches in den folgenden Jahren und Jahrzehnten eine hegemoniale Stellung in Europa einnehmen sollte.<\/p>\n<p>Auf beiden Seiten des Kanals hat der Hundertj\u00e4hrige Krieg zur Weiterentwicklung eines Nationalgef\u00fchls beigetragen. Die best\u00e4ndige Auseinandersetzung forcierte das Verst\u00e4ndnis, zu einer Gruppe mit einem gemeinsamen Anliegen zu geh\u00f6ren. Den Krieg der K\u00f6nigsh\u00e4user um Lehen und Krone f\u00fchrten am Ende zwei Nationen; diese grenzten sich \u2013 quer durch alle St\u00e4nde \u2013 voneinander ab, etwa durch die Hinwendung zu den jeweiligen Nationalsprachen. Damit steht dieser Krieg nicht nur am Anfang neuzeitlicher Machtverteilung in Europa, sondern auch der Nationen England und Frankreich. In diesem Sinne stellt der Hundertj\u00e4hrige Krieg eine Krise dar, die Europa formte.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann den Hundertj\u00e4hrigen Krieg \u2013 also den Krieg zwischen den K\u00f6nigreichen England und Frankreich in der Zeit von 1337 bis 1453 \u2013 als eine krisenhafte Zeit deuten. Jeder Krieg stellte in den Augen der leittragenden Zeitgenossen eine Ausnahmesituation dar, in der sich der Rahmen des Gewohnten massiv verschiebt. 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