{"id":125187,"date":"2026-06-19T09:15:55","date_gmt":"2026-06-19T07:15:55","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=125187"},"modified":"2026-06-19T09:16:01","modified_gmt":"2026-06-19T07:16:01","slug":"herzog-gian-galeazzo-visconti-1378-1402-die-machtentfaltung-mailands-gegen-die-italienischen-signorien","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/herzog-gian-galeazzo-visconti-1378-1402-die-machtentfaltung-mailands-gegen-die-italienischen-signorien\/","title":{"rendered":"Herzog Gian Galeazzo Visconti (1378-1402)."},"content":{"rendered":"<p>Der folgende Beitrag kann sich nur in sehr geraffter Form mit der komplexen Thematik befassen, daher soll dies in mehreren Schritten erfolgen: Erstens wird ein allgemeiner Blick auf die politischen und sozio\u00f6konomischen Strukturen Italiens im Sp\u00e4tmittelalter von st\u00e4dtischen Kommunen hin zu \u201eneuen\u201c F\u00fcrstenstaaten geworfen, wobei die Entwicklung der Signorien eine zentrale Rolle spielen wird. In diesem Kontext werden die Visconti als eine politische Familie behandelt, vor deren Hintergrund Gian Galeazzo Visconti (1378-1402) biographisch beleuchtet und im Anschluss daran zu bewerten versucht wird. Ein kurzes Fazit beschlie\u00dft diese Ausf\u00fchrungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Betrachtet man Italien im Sp\u00e4tmittelalter, dann blickt man auf eine reiche, bunte und dynamische Welt \u2013 dies gilt nicht nur f\u00fcr Kunst, Wirtschaft und Gesellschaft, sondern auch f\u00fcr den Bereich der Politik. Der Norden und Teile Mittelitaliens haben neben den historischen Niederlanden den h\u00f6chsten Verst\u00e4dterungsgrad im damaligen Europa. Es handelt sich um wirtschaftlich hochdynamische Regionen mit spezialisiertem Handwerk (besonders Tuche und Metallverarbeitung) und lukrativem Fernhandel; dieser umfasst sowohl die gesamte Mittelmeerwelt mit den orientalischen Anrainerstaaten als auch die Gebiete n\u00f6rdlich und westlich der Alpen und Westeuropas. Im flandrischen Br\u00fcgge trifft sich diese Welt der italienischen Kaufleute und Bankiers mit der im Nord- und Ostseeraum aktiven Hanse. Lombarden sind bis in die zweite H\u00e4lfte des 14. Jahrhunderts im Deutschland sowie den historischen Niederlanden nachweisbar, agieren als Bankiers und M\u00fcnzmeister und steuern die Geldstr\u00f6me des damals in Avignon residierenden Papsttums.<\/p>\n<p>Diese europaweite und dar\u00fcber hinausreichende Vernetzung f\u00fchrt zu einer kontinuierlichen Akkumulation von Geld- und Sachwerten, die trotz krisenhafter Zuspitzungen wie dem Bankrott bedeutender florentinischer Handels- und Bankh\u00e4user um die Mitte des 14. Jahrhunderts zu einer ungeheuren k\u00fcnstlerischen und kulturellen Bl\u00fcte in den italienischen St\u00e4dten f\u00fchrt. Die Einwohnerschaft dieser Gemeinwesen ist sozial heterogen, horizontal und vertikal hochmobil und dank signifikanter Anteile kaufm\u00e4nnisch wirtschaftender Adeliger gewaltbereit und konfliktfreudig.<\/p>\n<p>Signorien entstehen in Italien um das Jahr 1300. Es handelt sich um einen fragilen Rechtstitel, der darin besteht, dass das (urspr\u00fcnglich) zeitlich befristete Amt des Seniors durch Akklamation von der beschlussfassenden Volksversammlung einem bestimmten Herrn verliehen wird. Der Begriff Senior (ital. Signore) bedeutet vom Wortsinn eigentlich \u00c4lterer, ist hier aber im Sinne von W\u00fcrdigerer gemeint. Bei den Signoren verl\u00e4uft der Trend hin zu Anstrengungen, ihre politische Legitimation zu st\u00e4rken und damit eine stabilere politische Position zu erreichen. Verhindert werden soll damit, dass bei einem Stimmungswechsel innerhalb der B\u00fcrgerschaft oder sonstigen politischen Wechself\u00e4llen die Macht in der Stadt an einen der stets vorhandenen Herrschaftskonkurrenten f\u00e4llt, der wiederum durch Beschluss der Volksversammlung in seiner Herrschaft legitimiert wird oder werden kann.<\/p>\n<p>Soweit die Theorie. In der Praxis f\u00fchrte dies seitens der Signoren zur Suche nach weiteren Rechtstiteln, um die strukturell fragile Herrschaft zu st\u00e4rken und damit zu verstetigen. Solche Rechtstitel konnten aus verschiedenen Quellen stammen: hierunter fielen beispielsweise die Ernennung zum Reichsvikar durch den deutschen K\u00f6nig oder Kaiser oder die zum p\u00e4pstlichen Vicarius. Es handelte sich in beiden F\u00e4llen um Statthalterschaften, also um politische \u00c4mter, die meistens pro Forma vergeben wurden und im Allgemeinen einhergingen mit hohen finanziellen Leistungen f\u00fcr ihre Verleihung, also quasi durch Kauf. Der Trend verlief im Laufe des 14. Jahrhunderts ganz im Interesse der Betroffenen in Richtung auf Verleihung des Signorenamtes auf l\u00e4ngere Dauer, dann auf Lebenszeit und schlie\u00dflich zur Erblichkeit innerhalb der Signorenfamilie.<\/p>\n<p>Man kann hier von einer Dynastisierung, das hei\u00dft von der Ausbildung einer politischen Familie sprechen. Trotz all dieser h\u00e4ufig erfolgreichen Bem\u00fchungen blieb die Unsicherheit der Position aufgrund unzureichender beziehungsweise fragiler Legitimationsbasis bestehen. Dies zeigte sich daran, dass \u00c4mter gewaltsam oder gewaltlos entzogen werden konnten, Signorenfamilien auf nat\u00fcrlichem oder gewaltsamem Wege ausstarben oder im Rahmen kriegerischer Ereignisse verdr\u00e4ngt oder unterworfen wurden.<\/p>\n<p>Dieser latenten Gef\u00e4hrdung der Macht wurde vorgebeugt: Ostentative Fr\u00f6mmigkeit diente der religi\u00f6sen, Prachtentfaltung der symbolischen, erfolgreiche Kriegf\u00fchrung der faktischen Legitimation und Konnubium, also Heiratsverbindungen mit benachbarten Signorenfamilien, der regionalen Absicherung, Heiratsverbindungen mit F\u00fcrstenfamilien schlie\u00dflich sogar der politischen Verankerung im europ\u00e4ischen Herrschaftskontext. Gerade die permanente Kriegsf\u00fchrung wurde zu einem bestimmenden Faktor der politischen Welt Ober- und Mittelitaliens. Dies f\u00fchrte \u00fcber die Jahre zu einer Arrondierung der Machtbl\u00f6cke und ging einher mit einer immer st\u00e4rkeren Machtkonzentration auf einige wenige Machthaber und deren Familien, wie man es bei den mail\u00e4ndischen Visconti, aber auch bei ihren Konkurrenten wie den Della Scala aus Verona, den Da Carrara aus Padua oder den D\u2019Este aus Ferrara beobachten kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unter diesen vielen, im 14. Jahrhundert um die Macht konkurrierenden Signorengeschlechtern ragen die Visconti von Mailand heraus. Dies hat viele Gr\u00fcnde, nicht zuletzt milit\u00e4rische Fort\u00fcne, aber auch Skrupellosigkeit, dynastisches Gl\u00fcck und geschickte Herrschaftspolitik. Die oben skizzierten Strategien des Machtausbaus und der Machterhaltung kann man bei ihnen idealtypisch studieren: Ihr Begr\u00fcnder als Signore ist Matteo I. Visconti (1250-1322); er amtierte 1294 als Reichsvikar und von 1295 bis 1302 sowie von 1311 bis 1322 als Herr von Mailand. Zwischenzeitlich war er im politischen Exil, verjagt durch seine Gegner aus dem Hause Della Torre und de-legitimiert durch die Mail\u00e4nder B\u00fcrger. Die R\u00fcckkehr an die Macht hatte er dem Romzug K\u00f6nig Heinrichs VII. zu verdanken.<\/p>\n<p>Seine zahlreiche, politisch aktive Nachkommenschaft f\u00fchrte die Herrschaft weiter. Bei der Heiratspolitik verliefen die Strategien in verschiedene Richtungen. In der fr\u00fchen Phase des Aufstiegs suchte man Eheverbindungen mit Abk\u00f6mmlingen anderer Signorenfamilien und\/oder adeliger Familien Oberitaliens. Hierbei galt es, politische Positionen zu verteidigen und Allianzen gegen m\u00e4chtige politische Gegner wie die Anjou, K\u00f6nige von Neapel und Unteritalien, zu schmieden. So amtierte Galeazzo I. Visconti (1277-1328) in den Jahren 1322 als 1328 als Nachfolger seines Vaters als Herr von Mailand. 1300 hatte er Beatrice, Tochter von Obizzo II. d\u2019Este, Herrn von Ferrara, Modena und Reggio Emilia, geehelicht. Sein einziger Sohn Azzo (1302-1339) folgte ihm von 1328 bis 1339 in der Mail\u00e4nder Herrschaft und heiratete 1330 Caterina, aus einer Nebenlinie der Grafen von Savoyen.<\/p>\n<p>Die Herrschaft in Mailand ging nach seinem Tod an seinen Bruder Lucchino \u00fcber, bei dessen drei Ehen sich wiederum die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse in Oberitalien im Zeichen der weit ausstrahlenden politischen Vorherrschaft der s\u00fcditalienischen Anjou-K\u00f6nige widerspiegelten und zu politischen Koalitionen (und Hochzeiten) mit benachbarten M\u00e4chten wie den Markgrafen von Saluzzo und den genuesischen Spinola und Fieschi f\u00fchrten. Die instabile politische Situation zeigte sich deutlich, als Luchino 1349 durch Mord ein gewaltsames Ende fand, angeblich vergiftet durch seine dritte Ehefrau Isabella Fieschi.<\/p>\n<p>In der zweiten H\u00e4lfte des Jahrhunderts stabilisierte sich die Lage bei den Visconti durch die gemeinsame Herrschaft der Br\u00fcder Bernab\u00f2 und Galeazzo Visconti. Beide waren etwa gleich alt und heirateten 1350 als etwa Drei\u00dfigj\u00e4hrige. Der \u00e4ltere Bernabo w\u00e4hlte Beatrice della Scala; sie entstammte einer Familie, die zu den m\u00e4chtigsten Konkurrenten der Visconti z\u00e4hlte, n\u00e4mlich den Herren von Verona, Brescia, Parma und Lucca. Aus dieser Ehe (und aus sonstigen au\u00dferehelichen sexuellen Aktivit\u00e4ten Bernab\u00f2s) ging eine vielk\u00f6pfige Nachkommenschaft hervor, von der sp\u00e4ter noch die Rede sein wird.<\/p>\n<p>Sein nur wenig j\u00fcngerer Bruder Galeazzo II. ehelichte im selben Jahr wie sein Bruder Bianca Maria di Savoia. Sie war eine Tochter Graf Aymons von Savoyen, entstammte also keiner Nebenlinie wie ihre oben bereits behandelte Schw\u00e4gerin Caterina, sondern war Tochter des regierenden Grafen. Die Grafen von Savoyen z\u00e4hlten zum europ\u00e4ischen Hochadel, waren bestens vernetzt und mit den K\u00f6nigsh\u00e4usern in Frankreich und dem Heiligen R\u00f6mischen Reich verwandtschaftlich verbunden. Im Gegensatz zu der Bernab\u00f2s reicher Nachkommenschaft gingen aus dieser Ehe nur zwei Kinder, davon nur ein Sohn hervor. Bei diesem handelt es sich um den im November 1351 geborenen Gian Galeazzo Visconti.<\/p>\n<p>Bernabo und Galeazzo teilten sich die Herrschaft, die sie \u00fcber Jahre einvernehmlich, mit verschiedenen Herrschaftsschwerpunkten und relativ unangefochten aus\u00fcbten; der \u00c4ltere sa\u00df vornehmlich in Mailand, der J\u00fcngere in Pavia. In dieser Zeit vollzogen sich in Italien Entwicklungen, die in der Forschung mit dem Trend von der Kommune zu \u201eneuen\u201c F\u00fcrstenstaaten umschrieben werden. So kam es seit etwa der Mitte des 14. Jahrhunderts zu verschiedenen Prozessen: Zum einen \u00fcberschritt das Herrschaftsgebiet einzelner Signorenfamilien das urspr\u00fcngliche Gebiet ihrer St\u00e4dte, wozu immer auch das st\u00e4dtische Umland, der Contado, z\u00e4hlte; es dehnte sich auf weitere St\u00e4dte aus und arrondierte sich. Gleichzeitig verminderte sich die Zahl der Signorengeschlechter durch dynastisches Aussterben beziehungsweise politische Ausl\u00f6schung oder Verdr\u00e4ngung durch Konkurrenten. Einige Signorengeschlechter und Stadtrepubliken setzen sich durch, blieben aber in ihrer Stellung oder politischen Eigenst\u00e4ndigkeit permanent gef\u00e4hrdet und neigten daher ebenfalls zur territorialen Expansion.<\/p>\n<p>Dieser Prozess verlief nicht kontinuierlich, sondern in Sch\u00fcben. Die Ausl\u00f6ser waren vielf\u00e4ltig; es konnten Einwirkungen ausw\u00e4rtiger M\u00e4chte sein, so die Romz\u00fcge deutscher K\u00f6nige wie Heinrich VII., Ludwig IV., der Bayer, Karl IV., aber auch die Italienz\u00fcge p\u00e4pstlicher Legaten wie Bertrand de Pouget oder Aegidius Albornoz, ferner die Aktivit\u00e4ten ausw\u00e4rtiger Reichsvikare wie K\u00f6nig Johann von B\u00f6hmen oder Markward von Randeck, neapolitanischer K\u00f6nige wie Karl-Robert von Anjou oder zugewanderte marodierende S\u00f6ldnerkompanien aus dem Frankreich des Hundertj\u00e4hrigen Krieges wie die Compagnia Bianca del Falco des englischen S\u00f6ldnerf\u00fchrers John Hawkwood (italianisiert zu Giovanni Acuto) sowie die R\u00fcckkehr der seit 1309 in Avignon residierenden P\u00e4pste Ende der 1360er Jahre und der Ausbruch des Gro\u00dfen Abendl\u00e4ndischen Schismas 1376. Auch der Ausfall von Hegemonen beeinflusste die Entwicklung; hierzu z\u00e4hlten die 70 Jahre w\u00e4hrende Absenz der P\u00e4pste im fernen Avignon oder die 1343 eintretende politische Neutralisation der lange Italien dominierenden K\u00f6nige von Neapel aus dem Hause Anjou.<\/p>\n<p>Solche Einwirkungen von au\u00dfen f\u00fchren zu Phasen politischer Destabilisierung, bei der es zu massiven Spannungen, innenpolitischen Umbr\u00fcchen und au\u00dfenpolitischen Aktionen kam. Kluge Signori bauten vor und verschanzten sich vor ihren Feinden hinter massiven Mauern und\/oder bauten zur Sicherung und Kontrolle in den von ihnen unterworfenen St\u00e4dten m\u00e4chtige Festungen mit einer starken milit\u00e4rischen Besatzung. Ein gutes Beispiel daf\u00fcr ist das von Galeazzo II. um 1360 in Pavia erbaute Castello Visconteo, das unmittelbar n\u00f6rdlich an die Altstadt grenzte und ihm als hochrepr\u00e4sentativ ausgestattete, prachtvolle F\u00fcrstenresidenz diente, gleichzeitig aber milit\u00e4risch sowohl die Stadt wie die Stra\u00dfe nach Mailand kontrollierte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf diese Art und Weise blieben in der zweiten H\u00e4lfte des 14. Jahrhunderts als Vorm\u00e4chte auf der politischen Landkarte Oberitaliens lediglich die Visconti von Mailand, die Republik Venedig und die Republik Florenz \u00fcbrig, w\u00e4hrend die Stadtrepubliken Bologna, Genua, Pisa und Siena ins zweite Glied r\u00fcckten. Die Gonzaga von Mantua und die Este von Ferrara \u00fcberlebten unter jeweils spezifischen Bedingungen; sie lagen zwischen den in dynamischer Ausbildung befindlichen Machtbl\u00f6cken von Mailand und Venedig und standen unter permanenter Bedrohung, von den expansiven und aggressiven Nachbarn geschluckt zu werden. Diese territoriale Dynamik f\u00fchrte dazu, dass sich aus ehemaligen hochmittelalterlichen Stadtrepubliken bereits im sp\u00e4ten 14. Jahrhundert Fl\u00e4chenstaaten mit erstaunlich differenzierten Verwaltungsstrukturen, milit\u00e4rischen Strukturen und sozialer Kontrolle entwickelt hatten.<\/p>\n<p>1395 kam es mit der Herzogserhebung Gian Galeazzos Visconti durch den r\u00f6misch-deutschen K\u00f6nig Wenzel I. erstmals zu einer massiven Rangerh\u00f6hung eines Signorengeschlechts, verbunden mit dessen Aufstieg in die europ\u00e4ische F\u00fcrstenriege. Ihm folgten in den n\u00e4chsten Jahrzehnte weitere: 1433 wurden die Gonzaga von Mantua durch Kaiser Sigmund zu Markgrafen erhoben. Damit vergleichbar w\u00e4re die 1501 erfolgte Erhebung Cesares Borgia zum Herzog der Romagna durch seinen Vater, Papst Alexander IV., oder die 1518 erfolgte von Lorenzo di Piero de\u2018Medici zum Herzog von Urbino durch seinen Onkel, Papst Leo X. Es versteht sich fast von selbst, dass diese Rangerh\u00f6hungen von den neuen Vasallen entweder mit viel Geld erkauft (1395), durch Treue bezahlt (1433) oder durch Familieninteressen (1501, 1518) motiviert wurden, ihren Lehnsherren aber durchaus zum Schaden gereichen konnte, wie die Absetzung K\u00f6nig Wenzels durch die Kurf\u00fcrsten im Jahre 1400 beweist.<\/p>\n<p>Wie oben bereits erw\u00e4hnt, war der erste Herzog von Mailand, Gian Galeazzo Visconti, das einzige Kind seiner Eltern. Nicht nur dies f\u00fchrte zu ganz anderen Dispositionen als bei seinem Onkel Bernab\u00f2 und seiner zahlreichen Nachkommenschaft. Jener verheiratete seine ehelich geborenen T\u00f6chter vorrangig mit deutschen Grafen und F\u00fcrsten, was allerdings immer in Verbindung mit einer ganz au\u00dfergew\u00f6hnlich gro\u00dfen Mitgift geschah. Dies geschah schlicht aus dem Grund, da anders der Rangunterschied bei der Wahl der Braut f\u00fcr die Br\u00e4utigame und deren Familien nicht \u00fcberbr\u00fcckbar gewesen w\u00e4re. Die illegitimen T\u00f6chter wiederum wurden mit in mail\u00e4ndischen Diensten stehenden Condottieri verheiratet, darunter eine mit dem bereits erw\u00e4hnten John Hawkwood. Die illegitimen S\u00f6hne fungierten meist selbst als gef\u00fcrchtete Kriegsherren und S\u00f6ldnerf\u00fchrer; all dies sorgte f\u00fcr Bindungen und Verbindungen bis in die kriegsf\u00fchrenden Truppen hinein und sch\u00fctzte auch auf diese Weise Machtposition und Herrschaft Bernab\u00f2s.<\/p>\n<p>Deutlich anders verhielt es sich bei den Kindern Galeazzos II. Allein die Tatsache, dass auch langfristig nur ein schon 1351 geborener Sohn als Nachfolger zur Verf\u00fcgung stand, f\u00fchrte zu besonderen Anstrengungen von Seiten der Eltern. Hinzu kamen die verwandtschaftlichen Beziehungen seiner Mutter Bianca Maria von Savoyen zu den europ\u00e4ischen K\u00f6nigsh\u00f6fen, die damit einhergehende gl\u00e4nzende Vernetzung und die lange Lebensdauer Bianca Marias, die dazu f\u00fchrten, dass beide Visconti-Spr\u00f6sslinge in erster Ehe K\u00f6nigskinder von europ\u00e4ischem Rang heiraten sollten. Bereits im zarten Alter von vier Jahren wurde Gian Galeazzo zudem die Ehre zuteil, vom deutschen K\u00f6nig Karl IV. pers\u00f6nlich zum Ritter geschlagen zu werden. Angeblich kreierte Francesco Petrarca w\u00e4hrend eines Aufenthaltes am Hof der Visconti in Pavia sein heraldisches Emblem; es handelte sich eine wei\u00dfe Turteltaube vor einer vielstrahligen Sonne auf azurblauem Grund, im Schnabel ein Spruchband mit der altfranz\u00f6sischen Devise \u201e\u00e0 bon droyt\u201c (\u201ezu Recht\u201c).<\/p>\n<p>Im Jahre 1360 erfolgte die Verlobung Gian Galeazzos mit Isabelle de France, einer Tochter K\u00f6nig Johanns II. von Frankreich. Die angebahnte Ehe kostete die Visconti rund eine halbe Million Goldschilde (Scudi); dabei handelte es sich dabei um eine M\u00fcnze mit einem Anteil von immerhin 3,2 Gramm Feingold. Das Geld diente als eine Art von \u201eMitgift\u201c, zu verstehen als Kaufpreis f\u00fcr die Schwiegertochter aus k\u00f6niglichem Gebl\u00fct. Im Gegenzug wurde der Br\u00e4utigam bei der Hochzeit von seinem Schwiegervater mit der kleinen, im heutigen D\u00e9partement Marne gelegenen Grafschaft Vertus belehnt, denn ein Schwiegersohn ohne Adelstitel war am franz\u00f6sischen K\u00f6nigshof im 14. Jahrhundert mit Sicherheit unvorstellbar.<\/p>\n<p>Der franz\u00f6sische Grafschaftsname, benannt nach der kleinen, 140 \u00f6stlich von Paris gelegenen Stadt Vertus, wurde am Hof der Visconti italianisiert zu Virt\u00f9 und latinisiert zu Virtus, was man beides mit Tugend oder Tapferkeit \u00fcbersetzen kann. Damit wurde der franz\u00f6sische \u201eConte de Vertus\u201c zu einem italienischen \u201eConte di Virt\u00f9\u201c und einem lateinischen Comes virtutum, auf Deutsch einem Tugendgrafen. Getragen von dieser propagandistisch ausgiebig genutzten Selbststilisierung wurde Gian Galeazzo im Jahre 1378 nach dem Tod seines Vaters Mitregent in Mailand und entmachtete seinen Onkel Bernab\u00f2 vor dessen Tod im Jahre 1385.<\/p>\n<p>Aber auch das eigene Familienleben verlief in diesen Jahren aus ganz anderen Gr\u00fcnden eher tragisch. Seine franz\u00f6sische Gemahlin starb 1372 bei der Geburt des dritten Sohnes, der seinerseits das S\u00e4uglingsalter nicht \u00fcberlebte. In den folgenden Jahren 1376 und 1381 ereilte das Schicksal auch die anderen beiden gemeinsamen S\u00f6hne. Zwar heiratete Gian Galeazzo 1380 erneut, diesmal aus offensichtlich politischen Gr\u00fcnden seine Cousine Caterina, eine Tochter Bernab\u00f2s Visconti, doch blieben bis 1388 weitere S\u00f6hne aus. M\u00f6glicherweise hat ihn diese durchlebte dynastische Krise in zu gro\u00dfen religi\u00f6sen Anstrengungen veranlasst, denn in die 1380er Jahre fallen die Anf\u00e4nge des gro\u00dfen Domneubaus in Mailand sowie die Stiftung der Kartause von Pavia.<\/p>\n<p>Pavia wurde unter Gian Galeazzo als europ\u00e4ische F\u00fcrstenresidenz weiter ausgebaut, wozu nicht nur der von seinem Vater begonnene repr\u00e4sentative Festungsschlossbau und die Ticino-Br\u00fccke geh\u00f6rten, sondern auch die 1361 durch ein Privileg Kaiser Karls IV. begr\u00fcndete Universit\u00e4t und die bereits angesprochene nahe Kartause geh\u00f6rten. Man kann wohl annehmen, dass den Visconti hierbei nicht nur Paris, die Heimat seiner ersten Ehefrau, sondern auch das Prag Kaiser Karls IV., immerhin einer ihrer Onkel, als Vorbilder dienten.<\/p>\n<p>Nachdem Gian Galeazzo nach dem Putsch die zahlreiche Nachkommenschaft seines Onkels Bernab\u00f2s und deren einflussreiche und\/oder schlagkr\u00e4ftige Schw\u00e4gerschaft erfolgreich ausgeschaltet hatte, erfolgt ab 1387 die milit\u00e4rische Expansion in der Po-Ebene Richtung Padua, Mantua und Ferrara; diese endete schlie\u00dflich mit der Eroberung der gesamten Lombardei. Zur Finanzierung des Vorhabens wurden Verwaltung und Finanzwesen gestrafft und durchorganisiert, was zu hohen Steuereinnahmen f\u00fchrte. Im Jahre 1395 erhob ihn dann K\u00f6nig Wenzel zum Herzog von Mailand und Grafen von Pavia zum \u201ePreis\u201c von 100.000 Gulden (\u00e0 3,4 Gramm Feingold). Nach dieser europaweit hohe Wellen schlagenden Rangerh\u00f6hung folgte die Expansion Richtung S\u00fcden in die Toskana, die im Jahre 1399 zum Kauf von Pisa und der milit\u00e4rischen Einnahme von Siena f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Hierunter geriet vor allem die Republik Florenz mit ihrem weiten Herrschaftsgebiet in massive Bedr\u00e4ngnis und ging auf die Suche nach Verb\u00fcndeten, die sie unter anderem im Norden fand. Wie schon erw\u00e4hnt, wurde K\u00f6nig Wenzel, dem Gian Galeazzo die Gnade der Rangerh\u00f6hung zum F\u00fcrsten zu verdanken gehabt hatte, im Jahre 1400 besonders aus genau diesem Grund von den Kurf\u00fcrsten des Reiches abgesetzt und sein Nachfolger und Gegenk\u00f6nig, Pfalzgraf Ruprecht III. bei Rhein und selber Kurf\u00fcrst, darauf verpflichtet, den m\u00e4chtigen Visconti auszuschalten und seine Macht zu brechen. Zu diesem Zweck f\u00fchrte Ruprecht in den Jahren 1401\/2 eine vornehmlich von Florenz finanzierte Strafexpedition gegen den Visconti durch, scheiterte damit aber kl\u00e4glich; sie kostete ihn nicht nur viel Geld, sondern das Ansehen, zumal sein abgesetzter Kontrahent Wenzel noch bis 1419 lebte und ihn damit um neun Jahre \u00fcberlebte.<\/p>\n<p>F\u00fcr den siegreichen Gian Galeazzo stand damit Italien offen. In den Jahren 1400 bis 1402 eroberte er mit Perugia, Assisi, Lucca und Bologna gro\u00dfe Teile Umbriens, der Toskana und der Emilia Romagna und wandte sich danach gegen Florenz, das seinem sicheren Untergang entgegensah, wie die Quellen einhellig berichten. Da ereignete sich das Unerwartete und Unvorhergesehene: Am 3. September 1402 starb der Visconti v\u00f6llig \u00fcberraschend im Alter von 55 Jahren in dem kleinen Ort Melegnano im Feldlager vor der eingeschlossenen Arno-Stadt. Da seine S\u00f6hne aus zweiter Ehe f\u00fcr die erfolgreiche \u00dcbernahme der Herrschaft noch zu jung waren, fiel in der Folgezeit das Machtgebiet Gian Galeazzos in sich zusammen und Florenz entkam damit \u2013 ganz nach Sichtweise \u2013 durch puren Zufall oder durch g\u00f6ttliche F\u00fcgung seinem bereits besiegelten Schicksal.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieser \u00dcberblick verlangt nach einem Fazit. Es f\u00e4llt aus vielen Gr\u00fcnden schwer, den Visconti als historische Pers\u00f6nlichkeit zu bewerten. Uns erscheint er heute bei n\u00fcchterner Betrachtung als Inbegriff eines mit macchiavellistischer Virt\u00f9 ausgestatteten Renaissancef\u00fcrsten, der zwar bei seiner Gewaltanwendung weder Skrupel noch Grenzen kannte, damit aber einen geeinten und befriedeten Fl\u00e4chenstaat mit guter Verwaltung, einem geordneten Finanzwesen und kultureller Bl\u00fcte schuf. Diese Form von Staatlichkeit darf durchaus als modern gelten. Das Echo seiner Zeitgenossen klang allerdings nicht ganz so, auch sein Nachruhm ist verdunkelt und daher stellt sich die berechtigte Frage, woran das liegen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die L\u00f6sung daf\u00fcr ist wohl in Florenz zu suchen. F\u00fcr Sie war der Visconti der Tyrann, der nur eines im Sinn hatte: die Zerst\u00f6rung der Freiheit. In der politischen Rhetorik der florentinischen Kanzler der zweiten H\u00e4lfte des 14. Jahrhunderts war Florenz der Ort, an dem Karl der Gro\u00dfe seinerzeit r\u00f6mische B\u00fcrger angesiedelt hat, nachdem er die Tyrannen der Lombardei unterworfen hatte. Florenz wurde damit der Hort republikanischer Freiheit in unmittelbarer Nachfolge der antiken r\u00f6mischen Res publica. Diese Bedrohungskommunikation wurde der Auftakt der \u201epolitischen\u201c Renaissance, die sich damals in Form humanistischer Gelehrsamkeit und Rhetorik \u00e4u\u00dferte und wenige Jahre sp\u00e4ter mit der Aufnahme republikanischer Bauformen in der \u201eFlorentiner Renaissance\u201c nach einhelliger Auffassung das Ende des Mittelalters bedeutete und die Moderne einleitete. Die Florentiner Rhetorik gegen den gef\u00fcrchteten mail\u00e4ndischen \u201eTyrannen\u201c geriet mit dem Humanismus in die Geschichtsb\u00fccher und verdichtete sich dort zum Geschichtsbild. Hinzu kam, dass Gian Galeazzo als F\u00fcrst des Heiligen R\u00f6mischen Reiches und Enkel eines franz\u00f6sischen K\u00f6nigs sich mit seinem Streben in den europ\u00e4ischen Hochadel \u201emittelalterlich\u201c verhielt und \u201egotisch\u201c baute. In dieser Form bauen tat man in dieser Zeit zwar auch noch in Florenz, doch in der R\u00fcckschau spielte bei der Konstruktion des Geschichtsbildes von Gian Galeazzo Visconti auch die Baukunst eine Rolle, konnte doch die im gotischen Stil und im Auftrag eines \u201emachthungrigen Tyrannen\u201c gebaute Mail\u00e4nder Kathedrale nicht mit dem in Florentiner Renaissancebauweise errichteten Gotteshaus einer \u201efr\u00fchmodernen Republik\u201c mithalten.<\/p>\n<p>Damit ergibt sich ein ambivalentes Bild, das im Grunde nur ein Fazit zul\u00e4sst: Geschichte ist paradox und verl\u00e4uft ergebnisoffen \u2013 jedenfalls liefert sie uns weder eindeutige, noch schl\u00fcssige Fortschrittserz\u00e4hlungen und schon gar keine Schwarz-Wei\u00df-Bilder.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende Beitrag kann sich nur in sehr geraffter Form mit der komplexen Thematik befassen, daher soll dies in mehreren Schritten erfolgen: Erstens wird ein allgemeiner Blick auf die politischen und sozio\u00f6konomischen Strukturen Italiens im Sp\u00e4tmittelalter von st\u00e4dtischen Kommunen hin zu \u201eneuen\u201c F\u00fcrstenstaaten geworfen, wobei die Entwicklung der Signorien eine zentrale Rolle spielen wird. 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