{"id":125189,"date":"2026-06-19T09:18:14","date_gmt":"2026-06-19T07:18:14","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=125189"},"modified":"2026-06-19T09:18:14","modified_gmt":"2026-06-19T07:18:14","slug":"welche-krise-karl-iv-1346-1378-ein-kaiser-der-entscheidungen","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/welche-krise-karl-iv-1346-1378-ein-kaiser-der-entscheidungen\/","title":{"rendered":"Welche Krise? Karl IV. (1346-1378), ein Kaiser der Entscheidungen"},"content":{"rendered":"<h3><strong> Die Konjunktur der Krise<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schreckensszenarien pr\u00e4gen das verbreitete Bild vom Sp\u00e4tmittelalter: Klimakatastrophen, Kriege, Not und wirtschaftlicher Niedergang. Agrarprodukte erlebten einen Preisverfall, Bauern mussten das Land verlassen und in die St\u00e4dte ziehen. Das Schlimmste aber war die Pestseuche seit der Mitte des 14. Jahrhunderts. Heute w\u00fcrden wir von einer Pandemie sprechen. Ein Drittel der damals in Europa lebenden Menschen ist an der Pest gestorben, ganze Landstriche und St\u00e4dten waren entv\u00f6lkert. Mitten in Europa tobte zudem seit dem ersten Drittel des 14. Jahrhunderts und bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts ein gro\u00dfer Krieg, die immer wieder aufflammenden K\u00e4mpfe der Franzosen gegen die Engl\u00e4nder, die in ihr Land eingedrungen waren. Oft zogen nach den Schlachten marodierende S\u00f6ldner durchs Land, Gefahr und Not waren \u00fcberall gegenw\u00e4rtig.<\/p>\n<p>Weniger gef\u00e4hrlich, aber nicht weniger be\u00e4ngstigend war f\u00fcr die Zeitgenossen der Verlust der \u00fcberlieferten Ordnungen. 1309 war das Papsttum von Rom, seinem traditionellen Ort, nach Avignon gezogen, unter den Schutz und Einfluss des franz\u00f6sischen K\u00f6nigs. Erst 1377 konnte es zur\u00fcckkehren, doch dar\u00fcber spaltete sich die Kirche vollends und nun gab es zwei, dann drei P\u00e4pste gleichzeitig. Erst 1415 wurde dieser Zustand durch die Wahl eines allgemein anerkannten Papstes auf dem Konstanzer Konzil beendet. Sehr viele Menschen erlebten diese langen Jahre und damit oft genug ihr ganzes Leben als eine Zeit der Angst, Verunsicherung und Bedrohung. Bedr\u00fcckend war vor allem die Wahrnehmung eigener Machtlosigkeit den Zeitereignissen gegen\u00fcber. Um diese Sicht der Zeitgenossen einzufangen, ist das 14. Jahrhundert in der modernen Geschichtsschreibung als \u201eKrisenzeit\u201c beschrieben worden, auch wenn die Zeitgenossen noch keinen Begriff daf\u00fcr kannten.<\/p>\n<p>Merkw\u00fcrdige Dinge passierten, die viele Menschen als b\u00f6se Zeichen interpretierten. So ereigneten sich \u00fcberraschende, dramatische Ereignisse an verschiedenen Orten zur selben Zeit: 1314 starb in Frankreich ein m\u00e4chtiger K\u00f6nig, Philipp IV. (der Sch\u00f6ne), im selben Jahr verlor der englische K\u00f6nig Eduard II. bei Bannockburn eine strategisch wichtige Schlacht gegen die aufst\u00e4ndischen Schotten und im r\u00f6misch-deutschen Reich konnten sich die F\u00fcrsten nach dem Tod des Kaisers (Heinrichs VII. aus dem Haus Luxemburg) 1311 nicht auf einen neuen K\u00f6nig einigen und w\u00e4hlten schlie\u00dflich, ebenfalls 1314, zwei konkurrierende K\u00f6nige gleichzeitig, einen Wittelsbacher (Ludwig IV., sp\u00e4ter als \u201eder Baier\u201c bezeichnet) und einen Habsburger (Friedrich den Sch\u00f6nen). In der Geschichtswissenschaft \u00fcberlegt man heute, angeregt von wirtschaftsgeschichtlichen Erkl\u00e4rungsans\u00e4tzen, ob das zuf\u00e4llige Zusammentreffen derart ungew\u00f6hnlicher Ereignisse als eine \u201eKonjunktur\u201c, vielleicht eine \u201eKonjunktur von Krisenereignissen\u201c, beschrieben werden kann.<\/p>\n<p>Viele M\u00e4chtige zogen ihren Nutzen aus den Unruhen und sch\u00fcrten die Konflikte. Doch andere versuchten mit aller Kraft, wieder geordnete Verh\u00e4ltnisse herzustellen, vor allem um einen einheitlich anerkannten Papst zu w\u00e4hlen und die Konkurrenz der K\u00f6nige im Reich zu beenden. Dort versuchte man es zun\u00e4chst mit der noch nie zuvor erwogenen L\u00f6sung eines Doppelk\u00f6nigtums zwischen Ludwig und Friedrich. Dieser Versuch scheiterte, doch Ludwig konnte sich erst behaupten, nachdem Friedrich gestorben war. Dann \u00fcberwarf er sich aber mit dem Papsttum.<\/p>\n<p>Seit den fr\u00fchen 1340er Jahren plante der Papst, noch von Avignon aus, in Zusammenarbeit mit einigen F\u00fcrsten des Reiches, einen neuen Kandidaten f\u00fcr die deutsche K\u00f6nigskrone aufzubauen: Karl, den Markgrafen von M\u00e4hren, Sohn K\u00f6nig Johanns von B\u00f6hmen und der Elisabeth, der letzten Erbin des alten b\u00f6hmischen K\u00f6nigsgeschlechts der P\u0159emysliden. Als Karl 1346 zum K\u00f6nig erhoben wurde, erst im zweiten Anlauf drei Jahre sp\u00e4ter an den daf\u00fcr vorgesehenen Orten Frankfurt am Main und Aachen gew\u00e4hlt und gekr\u00f6nt, war auch er ein Gegenk\u00f6nig und w\u00e4re Ludwig der Bayern nicht 1347 pl\u00f6tzlich verstorben, h\u00e4tte es zwischen beiden wom\u00f6glich eine Entscheidungsschlacht um die deutsche K\u00f6nigskrone gegeben. Neue und alte Wege zur Probleml\u00f6sung konnten nahe beieinander liegen.<\/p>\n<p>Wegen der Unterst\u00fctzung des Papstes f\u00fcr ihn wurde Karl von seinen Gegnern als \u201ePfaffenk\u00f6nig\u201c gescholten. Was nicht jeder wusste: Hinter den Kulissen zog der Gro\u00dfonkel Karls, Erzbischof Balduin von Trier, ein Bruder des verstorbenen Kaisers Heinrichs VII., die F\u00e4den. Er hatte den Papst und die F\u00fcrsten dazu gebracht, Karl zu unterst\u00fctzen und der Papst, Clemens VI., war Karl aus seiner Jugend gut bekannt, den 1320er Jahren, als beide sich l\u00e4ngere Zeit am Hof des franz\u00f6sischen K\u00f6nigs aufgehalten hatten.<\/p>\n<p>In diesen Zusammenh\u00e4ngen ging es nicht mehr um das Ausgeliefertsein der Menschen unter die schwierigen Umst\u00e4nde ihrer Zeit, sondern um Entscheidungen und Handlungen einzelner. Nicht alles war Zufall, was sich in jenen Jahren ereignete. Die Konjunktur der Krisenereignisse nutzten manche, um zuf\u00e4llige Konstellationen f\u00fcr ihre eigenen Interessen zu nutzen und sich Vorteile zu verschaffen. Balduin von Trier, sein Neffe Johann von B\u00f6hmen und sein Gro\u00dfneffe Karl von M\u00e4hren geh\u00f6rten dazu.<\/p>\n<p>Zu denen, die aus der Konjunktur der Krisenzeiten dennoch Nutzen ziehen konnten, z\u00e4hlten im 14. Jahrhundert au\u00dfer den Herrschern aber auch schon all jene, die die Gewalt der Zeit und die Kriegsereignisse \u00fcberlebten oder von der Pest nicht hinweggerafft wurden. Das Ungl\u00fcck der einen konnten zum Nutzen der anderen werden: \u00dcberlebende \u00fcbernahmen den Besitz der an der Pest Verstorbenen. Selbst die H\u00e4user der vielen Juden, die ein religi\u00f6s fanatisierter Mob nach dem Ausbruch der Pest 1348 in den gro\u00dfen St\u00e4dten grausam ermordet hatte, gingen in den Besitz anderer \u00fcber. Mancher F\u00fcrst und etliche Bisch\u00f6fe hatten vergeblich versucht, die Juden zu sch\u00fctzen. Der K\u00f6nig aber, Karl IV., der als Herrscher umfangreiche Steuerzahlungen von den Juden einfordern konnte, weil sie offiziell unter k\u00f6niglichem Schutz standen, tat nichts zu ihrer Rettung, sondern profitierte nochmals von den Steuern der St\u00e4dte, die nach Pest und Judenpogromen schnell wieder zu wirtschaftlichem Wohlstand fanden. Auch dies war eine Entscheidung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Kontingenz und Entscheidung<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Stadtr\u00e4te und Stadtb\u00fcrger, F\u00fcrsten und Bisch\u00f6fe, vor allem der K\u00f6nig selbst konnten unter diesen Umst\u00e4nden zu Gestaltern ihrer Zeit werden. Klimakatastrophen oder Missernten und vor allem die Seuchenz\u00fcge der Pest kamen wie ein Schicksal \u00fcber die Menschen. Kriegf\u00fchrung, aber auch finanz- und wirtschaftspolitische Ma\u00dfnahmen, unter denen viele Menschen zu leiden hatten, waren hingegen von m\u00e4chtigen Zeitgenossen selbst veranlasst. F\u00fcr diese, soweit sie nicht in Kriegen umkamen oder von der Pest erfasst wurden, gab es die Krise offensichtlich nicht, sie gestalten sie vielmehr selbst mit.<\/p>\n<p>Kaiser Karl IV. war einer der m\u00e4chtigsten Herrschergestalten des europ\u00e4ischen Sp\u00e4tmittelalters und die Zeit seiner gr\u00f6\u00dften Machtf\u00fclle, ab der K\u00f6nigswahl im deutschen Reich 1346, fiel genau zusammen mit dem ersten Ausbruch der Pest, doch er war davon nicht unmittelbar betroffen. Wie das B\u00f6se und Schreckliche, so war auch das G\u00fcnstige und Gl\u00fcckliche kontingent und Karl IV. profitierte von dieser Kontingenz: W\u00e4re Ludwig der Bayer, sein politischer Gegner, nicht 1347 pl\u00f6tzlich verstorben, w\u00e4re Johann von B\u00f6hmen, sein Vater, nicht bereits 1346 in einer Schlacht gegen die Engl\u00e4nder gefallen und w\u00e4re das Land und K\u00f6nigreich B\u00f6hmen nicht auf geradezu wundersame und bis heute unerkl\u00e4rliche Art fast als einzige Region in ganz Zentraleuropa von der Pest verschont geblieben, so w\u00e4re die Biographie Karls v\u00f6llig anders verlaufen. Vielleicht w\u00fcrden wir ihn heute nur als einen der vielen F\u00fcrsten jener Zeit kennen, vielleicht w\u00fcssten wir gar nichts von ihm.<\/p>\n<p>Doch war es mit der Kontingenz nicht getan: Karl vermochte es, in jeder Lage umsichtig und taktisch klug, Chancen und Risiken genau berechnend und bis zu Gerissenheit kalkulierend seinen Vorteil zu suchen und zu sehen. Die Gelehrten seiner Zeit dachten dar\u00fcber nach, welche Konsequenzen es f\u00fcr Menschen haben musste, in einer Entscheidungssituation eine von mehreren m\u00f6glichen Optionen zu w\u00e4hlen. Erst etwas mehr als hundert Jahre zuvor hatte man in der wissenschaftlichen Diskussion, vor allem an den Universit\u00e4ten in Paris und Oxford, begonnen, eine theoretische Begr\u00fcndung daf\u00fcr zu entwerfen, dass das Leben der Menschen nicht nur vorbestimmt war, sondern sie auch in kontingente Situationen geraten konnten, die ihre eigene Entscheidung erforderten.<\/p>\n<p>Man unterschied zwischen Entscheidungen, die aus vern\u00fcnftiger Einsicht und solchen, die aus Willensentschluss erfolgten, und man entwarf eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr den freien Willen, der Menschen sich zu entscheiden erlaubte. Solche Entscheidungen waren immer dann erforderlich, wenn es in einer aktuellen Situation keine vorgegebene Regel gab, der man h\u00e4tte mit Notwendigkeit folgen m\u00fcssen. Au\u00dferdem dachte man genauer dar\u00fcber nach, dass die Entscheidung f\u00fcr eine der m\u00f6glichen Handlungsalternativen in einer besonderen Situation bedeuten musste, die anderen Alternativen zu verwerfen und ungeschehen sein zu lassen \u2013 und sich im Bewusstsein dieses Dilemmas dennoch entscheiden zu m\u00fcssen. Zur Zeit Karls IV. fand man an der Universit\u00e4t Paris ein eindr\u00fcckliches Bild f\u00fcr diese \u00dcberlegungen: Wer sich in einer Entscheidungssituation nicht entscheiden wolle, so sagte man, sei wie ein Esel, der zwischen zwei Heuhaufen unentschlossen verharre, weil er sich nicht entscheiden k\u00f6nne, von welchem der beiden er fressen wolle und deshalb schlie\u00dflich verhungern m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Man kann in diesen Theorien eine Reaktion auf vermehrte Herausforderungen durch die Umst\u00e4nde der Zeit erkennen. Ein Krisenmodell wird darin allerdings nicht ersichtlich, denn die Entscheidungstheorien gehen bei aller kritischen Einbeziehung von Alternativen und Folgen menschlichen Entscheidens stets davon aus, dass der Mensch in der Lage ist, Situationen der Herausforderung handelnd zu bew\u00e4ltigen. In der Handlungspraxis von Herrschern war dieser Zusammenhang als Erfahrungswissen selbstverst\u00e4ndlich bekannt, doch das Bewusstsein von Kontingenz und Entscheidungsfreiheit als theoretisches Konzept war jetzt neu.<\/p>\n<p>Ob Karl IV., der den Rat von Gelehrten an seinem Hof sch\u00e4tzte, solche Entscheidungstheorien bekannt waren, l\u00e4sst sich nicht mehr feststellen. Immerhin beschreiben sie recht genau, was in seinem politischen Handeln als Pragmatismus zu verstehen ist: Karl handelte in aller Regel so, dass er in einer aktuellen Situation eine der m\u00f6glichen Entscheidungen bewusst und offenbar unter Einrechnung ihrer Konsequenzen traf und konsequent umsetzte. Er folgte darin weniger allgemeinen, abstrakten Idealvorstellungen als der jeweils situationsabh\u00e4ngigen, spezifischen Auswahl an M\u00f6glichkeiten, um seine Ziele zu erreichen. M\u00f6gliche Widerspr\u00fcche zwischen einzelnen Entscheidungen und Handlungen irritierten ihn offenkundig nicht, auch wenn sie ihm von einigen Zeitgenossen vorgehalten wurden. So ist die Beurteilung seiner St\u00e4dtepolitik bis heute strittig: Er f\u00f6rderte die St\u00e4dte vielfach, engagiertes sich beim Ausbau der Handelswege und der M\u00e4rkte, nutzte aber deren Steuerpflicht zugunsten der Krone weidlich aus und stimmte zu, dass in der Goldenen Bulle St\u00e4dteb\u00fcnde untersagt wurden. Vor allem scheute er nicht davor zur\u00fcck, Reichsst\u00e4dte zu verpf\u00e4nden, um damit weitere Abgaben in seine Kasse zu lenken.<\/p>\n<p>Als \u201eKaufmann auf dem K\u00f6nigsthron\u201c erschien er deshalb manchen Kritikern. In manchem handelte er dabei zeittypisch, so etwa als leidenschaftlicher Reliquiensammler, der sich in anbetendem Gestus vor der Gottesmutter oder in pers\u00f6nlicher Verbindung mit Heiligen darstellen lie\u00df. In der internationalen Diplomatie der H\u00f6fe war der Besitz an kostspieligen und seltenen Reliquien ein Statussymbol und erlaubte es, wertvolle Gastgeschenke zu geben und zu erhalten. Karl verstand es, dieses Instrument der Kontaktpflege zwischen den K\u00f6nigen zu nutzen.<\/p>\n<p>In anderen Zusammenh\u00e4ngen agierte er eher ungew\u00f6hnlich, so in der entschlossenen Vermeidung von Kriegshandlungen und dem Verzicht auf die zeittypische Inszenierung als Ritter. 1346 hatte er seinen Vater begleitet, als dieser im Bewusstsein ritterlicher Ehrenpflicht seinem Bundesgenossen, dem K\u00f6nig von Frankreich, gegen die englischen Truppen in der Schlacht von Cr\u00e9cy, beistehen wollte. Obwohl die franz\u00f6sische Niederlage unabwendbar war, lie\u00df Johann sich, seit Jahren vollst\u00e4ndig erblindet, dennoch in die Schlacht f\u00fchren, suchte und fand den sicheren Tod und wurde deshalb von der franz\u00f6sischen Historiographie hoch gelobt. Sein Sohn Karl entschloss sich hingegen, vom Schlachtfeld zu fliehen. Schon als junger Markgraf, vom Vater auf eine aussichtslose politische Mission nach Italien geschickt, hatte sich Karl nach eigener Aussage in seiner Autobiographie deren Umsetzung verweigert, weil er nichts habe tun wollen, was vergeblich h\u00e4tte bleiben m\u00fcssen. Zeitlebens vermied er milit\u00e4risches Auftreten und Handeln und entwickelte stattdessen eine bemerkenswerte F\u00e4higkeit diplomatischer Raffinesse: Er blieb auf Verhandlungen und Vermittlungen konzentriert und suchte seine Ziele dadurch unauff\u00e4llig, teils verdeckt, zu erreichen und er war damit \u00fcberaus erfolgreich.<\/p>\n<p>Was die franz\u00f6sische Historiographie sofort nach Cr\u00e9cy als unehrenhaft verurteilte und Karl noch Jahrzehnte sp\u00e4ter vorhielt, war indes eine taktisch kluge Entscheidung, die zu einer wesentlichen Grundlage f\u00fcr Karls weitere politische Durchsetzung wurde: Seit der Erkrankung des Vaters 1341 hatte er bereits f\u00fcr diesen die Regentschaft des K\u00f6nigreichs B\u00f6hmen \u00fcbernommen, nach Cr\u00e9cy konnte er nun mit dem Anspruch des Thronfolgers handeln und wurde im folgenden Jahr zum K\u00f6nig gekr\u00f6nt. Die Niederlage von Cr\u00e9cy war f\u00fcr den franz\u00f6sischen K\u00f6nig unzweifelhaft eine Krisensituation in seiner Herrschaft, ebenso der Schlachtentod Johanns von B\u00f6hmen f\u00fcr dessen K\u00f6nigreich B\u00f6hmen. Durch die Entscheidung zu entschlossenem, unkonventionellem Handeln konnte Karl diese Situation zu seinem Vorteil gestalten.<\/p>\n<p>Selbst seine sp\u00e4tere Kaiserkr\u00f6nung 1355 wurde erst auf dieser Grundlage m\u00f6glich und auch sie war von Karls pragmatischer Taktik gepr\u00e4gt. Seinerseits selbst in einer schwierigen Lage, hatte der Papst (inzwischen Innozenz VI., der in Avingnon residierte und sich in Rom durch einen Kardinal vertreten lie\u00df) die Kr\u00f6nung von Bedingungen abh\u00e4ngig gemacht, unter anderem der Zusage, dass Karl nicht l\u00e4nger als einen Tag in Rom bleibe. Offizielle diplomatische Verhandlungen waren in dieser Situation nicht angezeigt. Offenbar ging Karl selbst anonym, als Pilger verkleidet, mehrfach nach Rom, um \u00fcber die Modalit\u00e4ten seiner Kr\u00f6nung zu verhandeln und war mit diesem ungew\u00f6hnlichen Vorgehen erfolgreich: Er erreichte seine und seiner Ehefrau Kr\u00f6nung und verlie\u00df Rom nach dem anschlie\u00dfenden Festmahl vereinbarungsgem\u00e4\u00df wieder binnen eines Tages.<\/p>\n<p>Nach den Erfahrungen des Interregnums im sp\u00e4ten 13. Jahrhundert, als das r\u00f6misch-deutsche Reich jahrzehntelang ohne allgemein anerkannten Regenten geblieben war und nicht weniger unter dem Eindruck von Karls Gegenk\u00f6nigtum, hatte man die politischen Verh\u00e4ltnisse auch ihrerseits als Zeichen der Krise gelesen. Jetzt, ausgerechnet zeitgleich zu den Jahren, als die erste gro\u00dfe Seuchenwelle Europa erreichte, gelang es Karl, das Kaisertum in lange nicht mehr gesehener St\u00e4rke zu repr\u00e4sentieren. Man begann, ihn mit den gr\u00f6\u00dften Vorg\u00e4ngern auf dem K\u00f6nigs- und Kaiserthron zu vergleichen, vor allem mit den Stauferkaisern, die das Kaisertum im sp\u00e4ten 12. und fr\u00fchen 13. Jahrhundert, wenn auch unter dramatischen Konflikten, zu universaler Geltung gef\u00fchrt hatten.<\/p>\n<p>Nur unter der episodenhaft kurzen Regierung Heinrichs VII., des Gro\u00dfvaters Karls IV., war zuvor einmal gelungen, was Karl 1355 erreichte: Erstmals an die Tradition der Staufer anzuschlie\u00dfen und die K\u00f6nigskronen des Heiligen R\u00f6mischen Reiches auf sich zu vereinen. Auf dem Weg zur Kaiserkr\u00f6nung wurde Karl 1355 mit der Eisernen Krone der Lombardei in Mailand (f\u00fcr \u201eReichsitalien\u201c) gekr\u00f6nt und erhielt zehn Jahre sp\u00e4ter, 1365, auch die Krone des alten K\u00f6nigreichs Burgund (Arelat, f\u00fcr die Freigrafschaft Burgund\/Franche Comt\u00e9) in Arles. Zusammen mit der Krone des Deutschen K\u00f6nigs sowie der Kaiserkrone und zudem der 1347 erhaltenen einzigen K\u00f6nigskrone innerhalb des Reiches, derjenigen seines K\u00f6nigsreichs B\u00f6hmen, erreichte Karl damit eine geradezu einzigartige Stellung in der Abfolge der r\u00f6misch-deutschen K\u00f6nige und Kaiser und f\u00fcgte sich mit un\u00fcbersehbarer Exklusivit\u00e4t in die imperiale Tradition der Stauferkaiser ein.<\/p>\n<p>Diese Erfolge verdankte Karl einem (modern gesprochen) \u201eKrisenmanagement\u201c, wie es sein Gro\u00dfonkel, Balduin von Trier, beherrscht hatte, sein Vater, Johann von B\u00f6hmen, hingegen nicht und worin Karl selbst seine Zeitgenossen \u00fcberragte. Wie skrupellos er dabei vorging, zeigt schlie\u00dflich seine Entscheidung, sich auch in eine andere imperiale Tradition der Staufer einzuschreiben. Wenn seine Kritiker Recht hatten, die in ihm einen \u201eVater B\u00f6hmens und Stiefvater des Reiches\u201c sahen, so lag ihm vor allem anderen an seiner Dynastie, dem Haus Luxemburg, und seinem eigenen Reich, dem K\u00f6nigreich B\u00f6hmen. Es spricht viel daf\u00fcr, dass die Stimmen der Kritiker in diesem Punkt zutrafen.<\/p>\n<p>Entsprechend arbeitete er mit virtuoser Fertigkeit an der europ\u00e4ischen Vernetzung seiner Familie durch ausgreifende Heiratsdiplomatie. Er selbst war viermal verheiratet, zun\u00e4chst mit einer franz\u00f6sischen Prinzessin, dann mit T\u00f6chtern von Reichsf\u00fcrsten. Sein eigenes Heiratsverhalten lie\u00df die Verlagerung des r\u00e4umlichen Schwerpunktes seiner Politik von West nach Ost erkennen. Auf Kosten des Stammlandes seiner Dynastie, der Grafschaft, sp\u00e4ter dem Herzogtum Luxemburg, orientierte er sich mehr und mehr auf das K\u00f6nigreich B\u00f6hmen, das durch die Heirat seiner Eltern 1310 an die Dynastie gekommen war. Prag wurde zur Hauptresidenz Karls, er erreichte die Erhebung Prags zum Erzbistum, baute die Stadt systematisch aus, errichtete die f\u00fcr Ansiedlung und Handel wichtige Neustadt, gr\u00fcndete dort 1348 eine Universit\u00e4t (die erste auf Reichsgebiet n\u00f6rdlich der Alpen) und lie\u00df die Kathedrale neu und pr\u00e4chtig gestalten. Wie die franz\u00f6sischen K\u00f6nige in St. Denis errichtete Karl dort die Grablege seiner Familie als diejenige einer K\u00f6nigsdynastie: Sorgf\u00e4ltig wurden die Gr\u00e4ber der Vorfahren aus dem Haus der P\u0159emysliden, des alten b\u00f6hmischen K\u00f6nigsgeschlechts, dem noch seine Mutter angeh\u00f6rt und das mit dem Heiligen Wenzel einen bedeutenden Heiligen hervorgebracht hatte, mit denjenigen der Familie der Luxemburger symbolisch zusammengef\u00fchrt. Zur Umsetzung dieses Programmes und zur unerl\u00e4sslichen St\u00fctze seiner K\u00f6nigsherrschaft im Reich bedurfte er der Unterst\u00fctzung jener F\u00fcrsten, die in den \u00f6stlichen Reichsteilen Lehen hielten. Diese Option bestimmte sein Heiratsverhalten.<\/p>\n<p>Ein verwegener Plan stand dahinter: Karl hatte offensichtlich die Vision eines gewaltigen Territorialkomplexes von B\u00f6hmen \u00fcber Ungarn bis Polen, das er in die Hand seiner Dynastie bringen wollte. Die Verheiratung seiner Kinder folgte diesem Plan. Deshalb arrangierte Karl schon fr\u00fch Eheverbindungen mit den T\u00f6chtern des m\u00e4chtigen, s\u00f6hnelosen K\u00f6nigs Ludwigs I. von Ungarn und Polen. Noch seine letzte Auslandsreise 1377\/78 nach Paris war unter anderem diesem Plan verpflichtet, denn auch die franz\u00f6sische Krone hatte Ambitionen im Osten.<\/p>\n<p>Ein wesentlicher, unerl\u00e4sslicher Baustein in dieser gewagten Konstruktion war die Regelung der Nachfolge Karls im Reich zugunsten seiner Dynastie. Mit gutem Grund wird heute der Erlass der sp\u00e4ter so genannten Goldenen Bulle von 1356 als erstes \u201eGrundgesetz\u201c des Alten Reiches und als Meisterst\u00fcck Karls verstanden. Unter dem Titel \u201eUnser kaiserliches Rechtbuch\u201c ver\u00f6ffentlicht, war es ein Werk weniger der kaiserlichen Autorit\u00e4t als vielmehr der klugen diplomatischen Taktik Karls. Er hatte es vermocht, den seit Generationen bei Thronvakanz nach dem Tod eines K\u00f6nigs immer wieder ausbrechenden Streit zwischen den Reichsf\u00fcrsten um die Modalit\u00e4ten der K\u00f6nigswahl im Konsens mit den f\u00fcr wahlberechtigt erkl\u00e4rten F\u00fcrsten zu beenden. Die Goldene Bulle regelt neben anderen politischen Anliegen vorrangig die Wahl des r\u00f6misch-deutschen K\u00f6nigs und indem sie dabei betont die bereits eingespielten Verfahrensformen best\u00e4tigt und ausgestaltet (so etwa das Prinzip der Mehrheitswahl bei ungerader Zahl der Wahlberechtigten), begr\u00fcndete sie doch ein neues Verfahrensmodell: Das Wahlreich der Erbf\u00fcrsten. Jetzt wurden diejenigen sieben (drei geistliche und vier weltliche) Reichsf\u00fcrsten bezeichnet, die fortan exklusiv den Kreis der K\u00f6nigsw\u00e4hler bilden sollten und deren K\u00f6nigswahl dem Anspruch nach den k\u00fcnftigen Kaiser bestimmte. Fast unmerklich wurde dabei der wichtigste Konkurrent der Luxemburger, das Haus Wittelsbach, \u00fcbergangen und auch der p\u00e4pstliche Approbationsanspruch, seit langem Anlass ausufernder Konflikte, wurde durch Nichterw\u00e4hnen demonstrativ ignoriert. Das Verschweigen war hier eine deutlichere Stellungnahme als es eine Aussage h\u00e4tte sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im Gegenzug f\u00fcr die mit der Wahl zugesagte, dauerhafte Loyalit\u00e4t zu dem gew\u00e4hlten K\u00f6nig und k\u00fcnftigen Kaiser, also den Verzicht auf eigene Thronambitionen und Aufst\u00e4nde, wurde den weltlichen Kurf\u00fcrsten die Erblichkeit ihrer Kurw\u00fcrden und damit auch deren Reichslehen zugesprochen. Nicht darin aber bestand die tiefere Absicht Karls. Vielmehr wird man sie wohl nur dann verstehen, wenn man bedenkt, dass damit zwangsl\u00e4ufig auch die erbliche Weitergabe der Krone B\u00f6hmens in der Dynastie der Luxemburger festgeschrieben war. Dass der K\u00f6nig von B\u00f6hmen bereits als solcher, weil er der einzige K\u00f6nig innerhalb des Reiches war, den ersten Rang unter den (zumindest weltlichen) Reichsf\u00fcrsten beanspruchen konnte, betonte der Text der Goldenen Bulle an jeder daf\u00fcr geeigneten Stelle.<\/p>\n<p>Was noch fehlte, um auch in diesem Zusammenhang an die imperiale Tradition von Ottonen und Staufern anzuschlie\u00dfen, war die faktische Weitergabe auch der deutschen K\u00f6nigskrone in der Dynastie Karls. 1376 , genau zwanzig Jahre nach dem Erlass der Goldenen Bulle, gelang es ihm, seinen erstgeborenen Sohn Wenzel von den Kurf\u00fcrsten zum deutschen K\u00f6nig w\u00e4hlen zu lassen \u2013 und dies zu Lebzeiten des kaiserlichen Vaters und damit unter un\u00fcbersehbarem Bruch der Vorgaben der Goldenen Bulle!<\/p>\n<p>Wieder war es die franz\u00f6sische Historiographie, die hier Kritik \u00fcbte. Bei der Darstellung des Kaiserbesuches von 1377\/78 in Paris, der neben anderem auch dazu diente, Wenzel als gew\u00e4hlten deutschen K\u00f6nig vorzustellen, demaskierten die Illustratoren in den Chronikhandschriften am franz\u00f6sischen Hof das Auftreten Wenzels, den sie als gekr\u00f6nten K\u00f6nig stets in einer auffallende Unsicherheit und mangelnden k\u00f6niglichen Habitus verratenden Position unscheinbar hinter seinem Vater einher laufend zeigen. Ausgerechnet bei dieser f\u00fcr seine Planungen so wichtigen Personalie blieb Karl insofern erfolglos. Er musste aber das volle Ausma\u00df des Scheiterns Wenzels nicht mehr erleben. Karl starb 1378 und Wenzel wurde schlie\u00dflich wegen Unt\u00e4tigkeit und Unf\u00e4higkeit 1400 von den Kurf\u00fcrsten abgesetzt.<\/p>\n<p>Karl hatte es von Beginn seiner Regierungszeit und bis zu seinem Lebensende vermocht, die besonderen Herausforderungen seiner Zeit unkonventionellen L\u00f6sungen zuzuf\u00fchren, die konsensual legitimiert und pragmatisch organisiert waren und die allesamt darin zusammenliefen, dass sie zum Vorteil des Hauses Luxemburg und des K\u00f6nigsreichs B\u00f6hmen waren. Die dahinter stehende Richtungsentscheidung Karls ist nicht nur als politischer Akt in herrscherlicher Autorit\u00e4t greifbar, sondern stets auch als pers\u00f6nliche Intention im eigenen Interesse. Die bemerkenswerte Konsequenz ihrer pragmatischen Umsetzung und der beachtliche Erfolg, den Karl IV. damit erreichen konnte, werden als kreative Gestaltung unter den Herausforderungen seiner Zeit zu verstehen sein, als entschlossenes Entscheidungshandeln in Zeiten der Krise. Ein \u201eKrisenmanagement\u201c l\u00e4sst sich darin indessen nicht sehen. Karls entschlossenes politisches Handeln spielte sich im Kontext zeitgen\u00f6ssischer Krisenszenarien ab, ohne von ihnen merklich betroffen zu sein. Die Konjunktur der Krise im 14. Jahrhundert kam im politischen Kalk\u00fcl Karls nicht vor. Widerst\u00e4ndige Ereignisse oder Zusammenh\u00e4nge wurden durch kluge Diplomatie unter hohem pers\u00f6nlichem Einsatz des Herrschers und durch konsequente situativ-pragmatische Entscheidungen \u00fcberwunden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die Krise als modernes Deutungsschema<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erstmals seit den sp\u00e4ten 1970er Jahren und im folgenden Jahrzehnt hat die Forschung, vor allem im deutschsprachigen Raum, den Krisenbegriff auf die Zeit des 14. Jahrhunderts angewandt. Vom \u201edramatischen 14. Jahrhundert\u201c sprach die US-amerikanische Historikerin und Publizistin Barbara Tuchmann im ihrem in deutscher \u00dcbersetzung 1978 erschienen und bis heute viel zitierten Buch \u201eDer ferne Spiegel\u201c. Als Herausgeber zweier Aufsatzb\u00e4nde unter dem Titel \u201eEuropa 1400\u201c und \u201eEuropa 1500\u201c von 1984 und 1987 bewirkten die deutschen Historiker Ferdinand Seibt (seinerseits tschechischer Herkunft) und Winfried Eberhard, dass das Paradigma vom 14. Jahrhundert als Krisenzeit im Forschungsdiskurs und, mehr noch, im \u00f6ffentlichen Geschichtsbewusstsein zu einem festen Begriff wurde. Mit dem ebenfalls 1987 erschienen Buch \u201ePest, Gei\u00dfler, Judenmorde\u201c schlie\u00dflich begr\u00fcndete der in die Schweiz exilierte tschechische Historiker Franti\u0161ek Graus die methodisch richtungsweisende Kontextualisierung von Seuchenzug, religi\u00f6sem Fanatismus und Judenverfolgung.<\/p>\n<p>In der Folgezeit blieb das Diktum von der Krisenzeit des 14. Jahrhunderts zwar allgemein bekannt und eher unbestimmt, trat im Forschungsdiskurs aber zur\u00fcck. Mit dem 1995 von dem Philologen und P\u00e4dagogen Walter Buckl herausgegebenen Aufsatzband \u201eDas 14. Jahrhundert. Krisenzeit\u201c kehrt sich die Perspektive um: Das 14. Jahrhundert wird jetzt nicht mehr als exemplarisch f\u00fcr eine Krisenzeit verstanden, sondern die Zuschreibung der Krisenzeit als exemplarisch f\u00fcr eine Beschreibung des 14. Jahrhunderts. 1998 fasste der Historiker Heinz Schilling die Zeit der Reformation und der Konfessionalierung im Deutschen Reich, also vom fr\u00fchen 16. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts, unter dem Schlagwort von \u201eAufbruch und Krise\u201c. Das \u201eEurop\u00e4ische Geschichtsbuch\u201c nahm 2011 den Krisenbegriff auf, um ihn in eine Phase der Probleml\u00f6sung zu weiten und kehrte damit den Titel von Schilling um: \u201eKrise und Aufbruch\u201c wurden zum Kennzeichen der Zeit des 14. und 15. Jahrhunderts genommen. Bereits 1990 hatte der franz\u00f6sische Historiker Alain Demurger die Zeit beider Jahrhunderte und damit das f\u00fcr die deutsche wie franz\u00f6sische Forschung \u00fcbereinstimmend so verstandene Sp\u00e4tmittelalter als \u201eTemps de crises, temps d\u00b4\u00e9spoir\u201c gekennzeichnet.<\/p>\n<p>In der j\u00fcngsten Entwicklung sind die Krisenforschung und die Erforschung des 14. Jahrhunderts sogar eigene Wege gegangen. Unter dem Titel \u201eKrise(n)geschichten\u201c behandelt ein 2013 von den Historiker\/innen Carla Meyer, Katja Patzel-Mattern und Gerrit Jasper Schenk herausgegebene Sammelband die \u201eKrise als Leitbegriff und Erz\u00e4hlmuster in kulturwissenschaftlicher Perspektive\u201c ohne paradigmatische Anwendung als Epochenbezeichnung. Hingegen hat der Historiker Michael Menzel 2012 im Gebhardt Handbuch der Deutschen Geschichte die Epoche von 1273 bis 1347 als \u201eZeit der Entw\u00fcrfe\u201c beschrieben. Heute wird also die Wahrnehmung und Zuschreibung von Krisenph\u00e4nomenen in einem weiteren Horizont nicht mehr nur f\u00fcr die Epoche des Sp\u00e4tmittelalters und vor allem nicht mehr als exklusives Merkmal der Zeit des 14. Jahrhunderts verstanden und diese Zeit nicht nur \u00fcber das Krisenhafte, sondern auch das Zukunftsweisende im Denken und Handeln der Zeitgenossen definiert.<\/p>\n<p>Historische Forschung ist notwendig immer auch ein Spiegel der Selbstwahrnehmung der Historiker\/innen und der geschichtsinteressierten \u00d6ffentlichkeit. Dass die ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts von Krisenerfahrungen und -bef\u00fcrchtungen gepr\u00e4gt sind, wird man nicht bestreiten k\u00f6nnen. Deren mitunter unerwartet weite, f\u00fcr nicht wenige Zeitgenossen be\u00e4ngstigende Dimensionen m\u00f6gen an Zeugnisse und Deutungen zur Zeit des europ\u00e4ischen Sp\u00e4tmittelalters erinnern. Sie sind heute aber programmatisch mit dem Appell an die Entscheidungsbereitschaft in den europ\u00e4ischen Gesellschaften verbunden. Das Entscheidungshandeln Kaiser Karls IV., des Pragmatikers auf dem Thron, ist mit diesem Ansatz sehr treffend beschrieben.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Konjunktur der Krise &nbsp; Schreckensszenarien pr\u00e4gen das verbreitete Bild vom Sp\u00e4tmittelalter: Klimakatastrophen, Kriege, Not und wirtschaftlicher Niedergang. Agrarprodukte erlebten einen Preisverfall, Bauern mussten das Land verlassen und in die St\u00e4dte ziehen. Das Schlimmste aber war die Pestseuche seit der Mitte des 14. Jahrhunderts. Heute w\u00fcrden wir von einer Pandemie sprechen. 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