{"id":125193,"date":"2026-06-19T09:23:00","date_gmt":"2026-06-19T07:23:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=125193"},"modified":"2026-06-19T09:23:06","modified_gmt":"2026-06-19T07:23:06","slug":"das-14-jahrhundert-als-bluetezeit-der-hanse-eine-netzwerkorganisation-im-umbruch","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/das-14-jahrhundert-als-bluetezeit-der-hanse-eine-netzwerkorganisation-im-umbruch\/","title":{"rendered":"Das 14. Jahrhundert als Bl\u00fctezeit der Hanse?"},"content":{"rendered":"<h3><strong> Die Hanse im 14. Jahrhundert \u2013 Bl\u00fcte oder beginnender Niedergang?<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pr\u00e4chtige Hansekoggen ebenso wie m\u00e4chtige Seest\u00e4dte mit imposanter Backsteinarchitektur, in denen reiche Kaufleute die politischen Geschicke leiteten und von denen aus sie ihre Waren \u00fcber riesige Distanzen zwischen Br\u00fcgge und London im Westen, Bergen im Norden sowie Visby, Reval und Novogorod im Nordosten dirigierten, bestimmen auch heute noch das Bild der Hanse. Und mittendrin, nicht nur geographisch, agierte L\u00fcbeck als gr\u00f6\u00dfte und reichste dieser St\u00e4dte, zum wirtschaftlichen Zentrum aufgestiegen durch Warenumschlag und eintr\u00e4gliche Zusammenf\u00fchrung von Ostseehering und L\u00fcneburger Salz, nach der Mitte des 14. Jahrhunderts auch als quasi politisches Zentrum der Hanse. L\u00fcbeck war der mit Abstand h\u00e4ufigste Versammlungsort der hansischen Tagfahrten, jener bald regelm\u00e4\u00dfig abgehaltenen Versammlung von Abgesandten der Hansest\u00e4dte, die \u00fcber hansische Angelegenheiten beriet und im Konsensprinzip Beschl\u00fcsse, so genannte Rezesse, \u00fcber gemeinsames koordiniertes Handeln der St\u00e4dte fasste. Und die Hanse f\u00fchrte im 14. Jahrhundert auch erfolgreich Krieg, milit\u00e4risch wie wirtschaftlich.<\/p>\n<p>Welchen Platz hat also das Diktum einer vermeintlichen Krise des 14. Jahrhunderts innerhalb der scheinbar so glanzvollen Erfolgsgeschichte der Hanse? Und wer wollte angesichts solcher Fakten die sich im 14. Jahrhundert voll entfaltende Macht der Hanse in Frage stellen, eine Macht, welche doch scheinbar so deutlich in wirtschaftlichen Belangen (als \u201eHandelsimperium\u201c) wie vor allem in politischen Fragen (als \u201eStaat der St\u00e4dte\u201c) zu Tage trat? Zumal das so gl\u00e4nzende Erscheinungsbild der Hanse, das hier nur holzschnittartig nachgezeichnet wurde, trotz vielf\u00e4ltiger Bem\u00fchungen der neueren Forschung nach wie vor pr\u00e4gend ist. Entstanden ist es in der \u00e4lteren Hanseforschung, die, jeweils ausgerichtet auf allgemeine politische Str\u00f6mungen und historiographische Trends, in der Hanse abwechselnd ein Beispiel f\u00fcr fr\u00fches, b\u00fcrgerliches Selbstbewusstsein im Mittelalter, f\u00fcr Territorialgewalt im Norden des Reiches oder f\u00fcr die deutsche Macht zur See sehen wollte. Auch gerade wegen einer lange Zeit dominierenden politischen Perspektive auf die Hanse verdeckt dieses Erscheinungsbild strukturelle Probleme und innere Widerspr\u00fcche der Hanse, von denen einige in diesem Beitrag behandelt werden.<\/p>\n<p>Es soll hier somit in erster Linie darum gehen, das Fragezeichen im Titel zu erkl\u00e4ren. Geht man von der engeren Bedeutung des Wortes \u201eKrise\u201c als einer Zuspitzung beziehungsweise Entscheidungssituation aus, gelingt das aber sehr gut. Dann n\u00e4mlich lassen sich die geschilderten Elemente nicht allein als strahlende Erfolge, sondern auch als mehr oder minder gelungene Reaktion der Hansekaufleute auf krisenhafte Ver\u00e4nderungen der Rahmenbedingungen ihres Handels einerseits und der systemimmanenten Grenzen des Wachstums andererseits deuten \u2012 und genau dieser Weg wird hier beschritten. Dies soll in den folgenden Abschnitten in drei Schritten geschehen, denen jeweils eine Leitfrage vorangestellt ist. Abschlie\u00dfend werden die genannten Argumente nochmals zusammenfassend auf die These des organisatorischen Umbruchs der Hanse hin zugespitzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Commercial Revolution in Nordeuropa \u2013 Struktur und Charakter der Hanse<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie waren der Handel der Hansekaufleute beziehungsweise die Hanse selbst strukturiert? Und welche Verbindung besteht zwischen Hanse und der Commercial Revolution des Mittelalters? In die Phase des einst vom amerikanischen Wirtschaftshistoriker Robert S. Lopez als \u201eCommercial Revolution of the Middle Ages\u201c bezeichneten Wiederauflebens und Ausbaus \u00fcberregionaler Handelsbeziehungen im hohen Mittelalter f\u00e4llt auch der Aufstieg der niederdeutschen Kaufleute im Handel innerhalb des Nord- und Ostseeraums. Wesentliche Rahmenbedingungen der Commercial Revolution auch in Nordeuropa waren seit der zweiten H\u00e4lfte des 12. Jahrhunderts erhebliche Produktivit\u00e4tsfortschritte in der Landwirtschaft infolge einer klimatischen W\u00e4rmeperiode und das hierdurch initiierte Bev\u00f6lkerungswachstum. Grundlegend f\u00fcr die dann einsetzende wirtschaftliche Entwicklung Nordeuropas und insbesondere des wendischen, preu\u00dfischen und baltischen Raums waren unter anderem die demographische Expansion und die damit verbundene Kolonisation. Migration von West nach Nordost und Etablierung des mittelalterlichen Modells der Stadt als Kommune und als rechtlich gesch\u00fctzter, permanenter Markt im Ostseeraum schufen einen Handelsraum in Nord- und Ostsee, der eine r\u00e4umliche Spezialisierung aufwies und in dem im wesentlichen niederdeutsche Kaufleute den G\u00fctertausch \u2012 Rohstoffe und Nahrungsmittel (z.B. Holz, Erz, Wachs, Felle und Getreide) aus dem Norden und Nordosten gegen gewerbliche Erzeugnisse (z.B. Wolltuche) aus dem Westen \u2012 \u00fcbernahmen.<\/p>\n<p>Hanse bedeutete urspr\u00fcnglich \u201eSchar\u201c und umschrieb zun\u00e4chst allgemein jegliche Genossenschaft Fernhandel treibender Kaufleute. Seit dem 12. Jahrhundert hatten niederdeutsche Kaufleute im Zuge von demographischer Expansion, Kolonisation und wirtschaftlichem Aufschwung umfangreiche Handelsprivilegien in London, Novgorod und Br\u00fcgge erworben und waren damit in der Lage, ihre Konkurrenten im Transferhandel zwischen den Handelspl\u00e4tzen und bei der Versorgung der im Ostseeraum neu entstandenen St\u00e4dte zu verdr\u00e4ngen. Grundlage f\u00fcr das Handelsmonopol der niederdeutschen Kaufleute waren die Handelsprivilegien, mittels derer der Zugang zum binnenhansischen Markt wirksam kontrolliert werden konnte. Die Kaufleute waren damit in der Lage, ein stabiles Kartell zu bilden. Eine Hanse im formalen und politischen Sinne existierte jedoch noch nicht, sie bestand vielmehr informell und war eine Konsequenz der mannigfaltigen Kooperation zwischen den Kaufleuten.<\/p>\n<p>Was hier also im 12. und st\u00e4rker noch im 13. Jahrhundert passierte, war die nordeurop\u00e4ische Variante der Commercial Revolution, also die sp\u00fcrbare Urbanisierung vormals ausschlie\u00dflich agrarischer Landstriche und in deren Folge ein erheblicher Anstieg von gewerblicher Produktion, Konsum und Fernhandel. In vielen Punkten unterschied sich diese nordeurop\u00e4ische Variante kaum von \u00e4hnlichen, zeitlich etwas fr\u00fcher anzusetzenden Entwicklungen im Mittelmeerraum oder in Westeuropa. Auch die Hansekaufleute wurden im 13. Jahrhundert zunehmend sesshaft und dirigierten ihre Waren nunmehr von der heimischen Schreibstube aus zu den Absatzm\u00e4rkten, auch wenn der reisende, seine Ware begleitende Kaufmann damit nicht endg\u00fcltig verschwand und auch im Sp\u00e4tmittelalter noch \u00fcberall in Europa zu finden war, im Hanseraum etwa im Handel mit Novgorod, wohin die Kaufleute noch bis in das sp\u00e4te 15. Jahrhundert pers\u00f6nlich reisten. Dennoch gab es ma\u00dfgebliche Unterschiede in der Entwicklung des Fernhandels in Europa. Ein ganz wesentlicher Unterschied war, und dies ist f\u00fcr die weitere Argumentation bedeutsam, das Prinzip der Netzwerkorganisation der Hansekaufleute. Auch die Hansekaufleute handelten vornehmlich mit Verwandten und Freunden und besa\u00dfen damit ein weitverzweigtes Beziehungsnetzwerk, welches die Grundlage ihres Gesch\u00e4fts war. Anders als in vielen Teilen Europas gab es jedoch im Hanseraum mit der Sesshaftwerdung der Kaufleute nur in geringem Ma\u00dfe rechtliche und handelstechnische Innovationen, welche die nun mehrheitlich sesshaften Kaufleute unabh\u00e4ngiger von ihren pers\u00f6nlichen Handelskontakten h\u00e4tten machen k\u00f6nnen, etwa indem sie ihnen den Zugang zu Risikokapital erm\u00f6glichten oder sie vor Betrug durch Handelspartner sch\u00fctzten. Hansekaufleute an unterschiedlichen Standorten kooperierten weiterhin, h\u00e4ufig ohne schriftlichen Vertrag, in der gegenseitigen Zusendung von Waren, die dann jeder im eigenen Namen und ohne Gewinnbeteiligung f\u00fcr den jeweils anderen Partner vor Ort verkaufte. Solche pers\u00f6nlichen Handelsverbindungen bestanden nat\u00fcrlich auch zu den Kaufleuten, die an den Kontorspl\u00e4tzen, den Niederlassungen der Hanse in weitentfernten Handelsst\u00e4dten, t\u00e4tig waren, \u00fcber welche Einfuhr und Ausfuhr von G\u00fctern in den beziehungsweise aus dem Hanseraum abgewickelt wurde.<\/p>\n<p>Struktur und Funktionsweise der hansischen Handelsverbindungen lassen sich pr\u00e4zise im organisationstheoretischen Modell der Netzwerkunternehmung fassen. Das Handelssystem der Hanse ist somit ein mittelalterliches Beispiel f\u00fcr eine Netzwerkorganisation. Da die Mitglieder \u2013 die Kaufleute \u2013 \u00fcber den ganzen Nord- und Ostseeraum verteilt waren, aber mit demselben Warensortiment handelten, lag eine vor allem r\u00e4umlich spezialisierte Organisation vor. Die Kooperation der Netzwerkmitglieder war dem Prinzip nach nur lose. Lange gab es keine wirklich formal definierten Hierarchien \u2013 nicht ungew\u00f6hnlich f\u00fcr eine Organisationsform, die auf andere als hierarchische Koordinationsmechanismen setzt. \u00dcberhaupt war wegen der nur sp\u00e4rlich getroffenen vertraglichen Abmachungen der Formalisierungsgrad \u00e4u\u00dferst gering. Da es zun\u00e4chst auch keine Zentralgewalt gab, floss die Information vor allem lateral von Kaufmann zu Kaufmann. Wohl gab es Verbote der Kooperation mit nichthansischen Kaufleuten, den Butenhansen, zwischen den Hansekaufleuten selbst jedoch existierte kein Konkurrenzverbot wie man es sp\u00e4ter, im 15. Jahrhundert, bei Kommission\u00e4ren oberdeutscher Firmen findet. Der binnenhansische Handel war also gepr\u00e4gt von gleichzeitiger Kooperation und Konkurrenz seiner Teilnehmer, eine Netzwerkeigenschaft, die innerhalb der Organisationsliteratur als \u201eCooptition\u201c (\u201eCooperation\u201c und \u201eCompetition\u201c) bezeichnet wird. Innerhalb der Netzwerkorganisation wurden die wirtschaftlichen Aktivit\u00e4ten der Kaufleute nichthierarchisch durch Kultur, Vertrauen und Reputation koordiniert. Die gemeinsame Kultur, etwa die niederdeutsche Sprache und die soziale Integration in die Hansest\u00e4dte, waren wichtige Voraussetzungen f\u00fcr die Partizipation am hansischen Fernhandel. Der von den Hansekaufleuten bevorzugte Handel auf Gegenseitigkeit setzte jeweils voraus, dass alle Beteiligten einer Handelspartnerschaft sich gegenseitig in hohem Ma\u00dfe vertrauten. Dieses Vertrauen wurde von einem multilateralen Reputationsmechanismus flankiert, der daf\u00fcr sorgte, dass unehrlichen Kaufleuten der Zugang zum Netzwerk verwehrt wurde. Drohender Reputationsverlust eignete sich also in hohem Ma\u00dfe, die Fairness der Kaufleute zu bef\u00f6rdern, und Institutionen wie die Artush\u00f6fe im Ostseeraum oder die L\u00fcbecker Zirkelgesellschaft \u00fcbernahmen dabei die Funktion von Clearingstellen, \u00fcber die Informationen \u00fcber nichtvertrauensw\u00fcrdige und unehrliche Kaufleute verbreitet werden konnte.<\/p>\n<p>Mehrere Gr\u00fcnde sprechen daf\u00fcr, in diesem Handelsnetzwerk der niederdeutschen Kaufleute nicht nur ein soziales Netzwerk, sondern tats\u00e4chlich eine Netzwerkorganisation zu sehen: Weil es sich bei den hansischen Unternehmen um sehr kleine Betriebe, zumeist nur um Einpersonen-Unternehmen handelte, sind die Kooperationen zwischen Kaufleuten nicht allein als Personennetzwerk, sondern als Kooperation zwischen wirtschaftlich und juristisch selbst\u00e4ndigen Wirtschaftseinheiten zu verstehen. Auch die bevorzugt zusammenarbeitenden Verwandten kooperierten nicht innerhalb eines gemeinsamen Familienunternehmens, sondern machten ihre Gesch\u00e4fte als Leiter eigenst\u00e4ndiger Unternehmen. Vernetzung war hier also nicht blo\u00df eine die Gesch\u00e4ftst\u00e4tigkeit unterst\u00fctzende soziale Komponente, sondern das \u00f6konomische Prinzip des Handels selbst.<\/p>\n<p>Auch verfolgten die Hansekaufleute ein gemeinsames Ziel, n\u00e4mlich die Sicherung der f\u00fcr ihre Wettbewerbsvorteile zentralen Handelsprivilegien, die sie als Gruppe an den Au\u00dfenposten der Hanse in London, Novgorod, Br\u00fcgge, und sp\u00e4ter in Bergen erwirkt hatten. Konstituierendes Ziel ihrer Fernhandelsorganisation blieb stets, diese Privilegien \u00f6konomisch nutzbar zu machen, sie zu verteidigen und gegebenenfalls auch auszubauen.<\/p>\n<p>Die Au\u00dfenwirkung des Fernhandelssystems der Hansekaufleute ist schlie\u00dflich ebenfalls ein starkes Argument f\u00fcr seinen Organisationscharakter. Durch die Kontore, aber auch \u00fcber die politische Ebene des sp\u00e4teren Zusammenschlusses der Hansest\u00e4dte und ihrer Institutionen bekam das ansonsten nur diffus wahrnehmbare binnenhansische Fernhandelssystem eine Kontur. Weil sich aber hinter dieser formalen Fassade gerade keine ebenso formale und ausdifferenzierte Organisation verbarg, sondern im Wesentlichen nur das prinzipiell relativ lose gekn\u00fcpfte Netz der Kaufleute beziehungsweise sp\u00e4ter auch der St\u00e4dte, k\u00f6nnen diesem Fernhandelssystem sogar gewisse Z\u00fcge einer virtuellen Organisation nicht abgesprochen werden. Virtuelle Organisationen sind Netzwerkorganisationen, die nur nach au\u00dfen hin den Eindruck einer formalen Organisation vermitteln, aber dennoch deren Leistungen erbringen. Fast eine Ironie der Geschichte ist es daher, dass der mittelalterlichen Hanse diese T\u00e4uschung teilweise bis in die Gegenwart gelingt. Nicht nur die am Paradigma des Nationalstaats orientierte Hanseforschung zu Zeiten des Kaiserreiches wollte die Hanse gerne als staatliche Territorialmacht sehen, sondern noch bis in j\u00fcngste Zeit finden sich Interpretationen der Hanse als Handelsimperium oder \u201eStaat der St\u00e4dte\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Grenzen des Wachstums \u2013 hansische Krisensymptome im 14. Jahrhundert<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Welche Anzeichen wirtschaftlicher Stagnation gab es im 14. Jahrhundert und wo lagen m\u00f6glicherweise systemimmanente Wachstumsgrenzen des hansischen Handelssystems? Das Prinzip der Netzwerkorganisation im Binnenhandel kombiniert mit den gro\u00dfen Handelsprivilegien an den Kontorspl\u00e4tzen London, Novgorod und Br\u00fcgge erwies sich als ebenso effektiv wie effizient bis in das 14. Jahrhundert hinein. Doch seit Jahrhundertbeginn ver\u00e4nderten sich wesentliche Rahmenbedingungen des Handelssystems, sodass es gar nicht der gro\u00dfen Krise zur Mitte des Jahrhunderts \u2013 der Pest \u2013, bedurfte, um eine krisenhafte Entwicklung auch im Hanseraum anzusto\u00dfen. Denn das 14. Jahrhundert war f\u00fcr die Hanse eine Zeit der Stagnation und des Konflikts, und eine ganze Reihe von Indikatoren zeigen \u00fcberdeutlich, dass das hansische Handelssystem in seiner bisherigen Form wohl die Grenzen des Wachstums erreicht hatte.<\/p>\n<p>\u00c4u\u00dfere Grenzen waren zuallererst durch das Abebben der Kolonisationsdynamik in Nordeuropa im 14. Jahrhundert gesetzt. Die demographische Expansion in den Nordosten war weitgehend zum Stillstand gekommen, was unter anderem daran ersichtlich ist, dass keine St\u00e4dte mehr gegr\u00fcndet wurden. Alle wesentlichen Gr\u00fcndungen bzw. Stadtrechtsverleihungen fallen, beginnend mit der zweimaligen Gr\u00fcndung L\u00fcbecks 1143 \/ 1158 in die erste H\u00e4lfte des 13. Jahrhunderts, kleinere St\u00e4dte im Umfeld der gr\u00f6\u00dferen wurden in der auslaufenden Boom-Phase noch bis zum Ende des 13. Jahrhunderts gegr\u00fcndet. Auch die Wirtschafts- und Finanzkraft der St\u00e4dte war bereits im fr\u00fchen 14. Jahrhundert ersch\u00f6pft. Gro\u00dfe \u00f6ffentliche Bauvorhaben wie etwa Kathedralbauten, Stadterweiterungen oder Errichtung von Wasserversorgungssystemen fallen allesamt in die Boom-Phase des 13. Jahrhunderts und werden allenfalls unter gro\u00dfen finanziellen Schwierigkeiten im 14. Jahrhundert noch beendet. Verbunden mit der sich wandelnden Bev\u00f6lkerungsdynamik war die zunehmende Markts\u00e4ttigung ganz nat\u00fcrliche Folge eines geradezu rasanten wirtschaftlichen Aufschwungs, welchen der Nord- und Ostseeraum im 13. Jahrhundert erfahren hatte. Mit dem \u201eSchwarzen Tod\u201c, der ersten gro\u00dfen Pestwelle, die den Hanseraum 1350 \u00fcber England erreichte, versch\u00e4rften sich die ver\u00e4nderten Marktbedingungen insofern, als nun die ohnehin schon ges\u00e4ttigten M\u00e4rkte mit dem krisenbedingten tempor\u00e4ren Ausfall der Konsumenten absolut schrumpften, ebenso wie in Westeuropa aus demselben Grund die Absatzm\u00e4rkte der nordeurop\u00e4ischen Produkte zumindest kurzfristig wegbrachen. Gerade in diese Krisenzeit hinein f\u00e4llt, nicht zuf\u00e4llig und durchaus damit verbunden, die zunehmende Unsicherheit der Handelsprivilegien, die zum Teil nachverhandelt werden mussten, sowie die Gef\u00e4hrdung einer freien Zufahrt zu Nord- und Ostsee. Beides bedrohte grundlegende Voraussetzungen f\u00fcr das kartellgleiche Handelssystem der Hanse und stellte dessen Funktionsf\u00e4higkeit in Frage.<\/p>\n<p>Neben solchen \u00e4u\u00dferen Krisensymptomen gab es auch innere Grenzen des Wachstums, die ebenfalls eine Konsequenz raschen wirtschaftlichen Wachstums waren. Mit der Bev\u00f6lkerung war w\u00e4hrend des 13. Jahrhunderts auch die Zahl der Kaufleute stark angewachsen, sodass etwa die Wirksamkeit der f\u00fcr die hansische Netzwerkorganisation typischen Koordinierungsmechanismen wie Reputation und Vertrauen grunds\u00e4tzlich schwieriger wurde. Zudem m\u00fcndete die Sesshaftigkeit vieler Kaufleute in deren vermehrte Ratsstandschaft und bedeutete in der Konsequenz ihr immer st\u00e4rkeres politisches Engagement innerhalb ihrer Heimatst\u00e4dte, wodurch sich aber auch ihre Interessen hin zur Nutzung der Institution Stadt im Sinne eigener kommerzieller Absichten verschoben. Mit der Ratsstandschaft der Kaufleute kamen also vermehrt die St\u00e4dte als korporative Akteure mit in die Netzwerkorganisation und es entstand mit der \u201eSt\u00e4dtehanse\u201c eine weitere Ebene, die diese Organisation endg\u00fcltig zu einer multipolaren Netzwerkorganisation machte. Dies geschah mit voller Absicht, denn auf den ersten Blick waren die St\u00e4dte eine scheinbar hilfreiche Garantiemacht, um die einzelwirtschaftliche T\u00e4tigkeit der immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Schar an Kaufleuten koordinieren und Abweichler sanktionieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u00c4u\u00dfere und innere Krisensymptome stellten die Hanse, oder genauer gesagt, die Netzwerkorganisation des hansischen Handels vor erhebliche organisatorische Herausforderungen, und es ist der organisatorische Wandel, in welchem die immer wieder behauptete Krisenhaftigkeit des 14. Jahrhunderts ihren Niederschlag auch in Bezug auf die Hanse fand.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Indikatoren des Wandels \u2013 Kooperationsprobleme und ihre L\u00f6sungen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Besonders deutlich traten krisenbedingte Reaktionen der Hanse im 14. Jahrhunderts immer dann zu Tage, wenn wesentliche Grundlagen des Handelssystems wie die Privilegien oder die Sicherheit der Seehandelsrouten gef\u00e4hrdet waren. Wie reagierte man auf solche Ereignisse und welche organisatorischen Folgen hatte das? Kollektiv auf Gef\u00e4hrdungen zu reagieren, erforderte zun\u00e4chst ein gemeinsames und koordiniertes Handeln der Kaufleute. Die organisatorischen L\u00f6sungen, die hierzu gefunden wurden, geben beredt Auskunft \u00fcber den organisatorischen Wandel, welchem die hansische Netzwerkorganisation im Verlauf des 14. Jahrhunderts unterworfen war. Anhand zweier F\u00e4lle, in denen die Hanse es verstand, ihre vermeintliche Macht zu demonstrieren, soll dies verdeutlicht werden.<\/p>\n<p>Der erste Fall betrifft den \u201eHandelskrieg\u201c gegen Br\u00fcgge beziehungsweise die Grafschaft Flandern. Im Jahre 1358 verlegten die Hansekaufleute in Br\u00fcgge w\u00e4hrend einer Auseinandersetzung mit dem Grafen von Flandern ihr Kontor f\u00fcr zwei Jahre ins seel\u00e4ndische Dordrecht und blockierten jeglichen Handel der Hanse in Br\u00fcgge. Damit gelang es ihnen, ihre Forderungen auf Schadensersatz von in England konfiszierter Waren in Br\u00fcgge durchzusetzen, das Kontor wurde 1360 dann nach Br\u00fcgge zur\u00fcckverlegt. Das Mittel der Kontorverlegung war dabei keineswegs neu. Zuvor war es schon in den Jahren 1280\u201382 angewendet worden, um gegen Privilegien-Verletzungen seitens der Stadt Br\u00fcgge vorzugehen. Mit der zeitweisen Verlegung des Kontors nach Aardenburg war es auch damals schon gelungen, die Privilegien in Br\u00fcgge zu verbessern. Funktional lag hier ein grunds\u00e4tzliches Kooperationsproblem vor. Die Kontorgemeinschaften n\u00e4mlich senkten die Transaktionskosten der einzelnen Kaufleute und garantierten deren individuelle Handelsinteressen mittels des gemeinsamen Auftretens aller Kaufleute. Der Schutz von Verm\u00f6gen und Handelsinteressen einzelner Kaufleute durch die Gemeinschaft ist \u00f6konomisch betrachtet jedoch ein \u00f6ffentliches Gut, ein Gut also, das konkurrenzfrei und nicht ausschlussf\u00e4hig ist, wodurch es starke Anreize f\u00fcr \u201eTrittbrettfahrer\u201c gibt, es zu nutzen ohne einen eigenen Beitrag daf\u00fcr leisten. Mittels Formalisierung und Hierarchisierung der Kooperation der Kaufleute in den Kontoren gelang es aber, dieses \u00f6ffentliche Gut in ein Clubgut umzuwandeln, ein Gut, welches nur Mitgliedern offensteht, und somit die Disziplin der Kaufleute sicherzustellen und Abweichler zu sanktionieren. Das wiederum war notwendig um Drohungen gegen\u00fcber dem Privilegiengeber auch glaubhaft machen zu k\u00f6nnen. Reaktion der Hansekaufleute war somit eine zumindest partielle Umwandlung der Netzwerkorganisation in eine hierarchische Organisation. In den \u00fcberlieferten Ordnungen des Br\u00fcgger Kontors aus dem 14. Jahrhundert lassen sich denn auch typische Eigenschaften hierarchischer Organisationen finden, z.B. Untergliederung (Einteilung der Kaufleute nach ihrer Herkunft in ein wendisches, westf\u00e4lisches und livl\u00e4ndisches Drittel), Regelgebundenheit (Ordnung definierte verbindliche Regeln), Schriftlichkeit (diese Regeln wurden in einem Buch festgehalten), Entscheidungsfindung (Mehrheitsprinzip f\u00fcr Entscheidungen \u00fcber Handelsbelange), Kompetenzgliederung (Aufgabendefinition f\u00fcr gew\u00e4hlte \u00c4lterleute und Richter) und Unterstellung (die \u00c4lterleute standen an der Spitze der Kaufleute und besa\u00dfen Weisungsbefugnis). Regelverst\u00f6\u00dfe und mangelnde Disziplin der Kaufleute wurden mit Geldbu\u00dfen geahndet, die Disziplinierung geschah somit im Wesentlichen durch negative Anreizsetzung. Im Umfeld des \u201eHandelskriegs\u201c gegen Flandern wird die disziplinierende Wirkung hierarchischer und formaler Kontorordnungen \u00fcberdeutlich. Johann van Thunen, kaufm\u00e4nnischer Vertreter des Deutschen Ordens in Br\u00fcgge, wurde z.B. vorgeworfen, mit Insiderwissen die Handelsblockade unterlaufen zu haben, weil er Tuche zu einem g\u00fcnstigeren Preis gekauft hatte. Sein Besitz wurde konfisziert. Tiedemann Nanning aus Bremen wurde ebenfalls vorgeworfen, mit Flandern gehandelt zu haben. Reaktion hierauf war die Kollektivhaftung aller Bremer Kaufleute, die solange von den Br\u00fcgger Privilegien ausgeschlossen wurden, bis sie selbst f\u00fcr die Bestrafung Nannings und den Einzug seiner G\u00fcter sorgten, was dann auch umgehend geschah.<\/p>\n<p>Gelang es an den Kontorpl\u00e4tzen Kooperation zwischen Kaufleuten mittels Hierarchisierung und Formalisierung sicherzustellen, so war dies f\u00fcr die St\u00e4dte nicht so einfach m\u00f6glich, wie das zweite Beispiel belegt. Zwischen 1361 und 1370 f\u00fchrte eine Gruppe von wendischen St\u00e4dten unter F\u00fchrung L\u00fcbecks mehrfach Krieg gegen den d\u00e4nischen K\u00f6nig Waldemar IV., der das gotl\u00e4ndische Visby erobert, den Kaufleuten den Zugang zu den Heringsm\u00e4rkten in Schonen verwehrt und die Durchfahrt durch den Sund gesperrt hatte. Zwar endete der erste Waffengang 1362 f\u00fcr die beiteiligten St\u00e4dte in einem Fiasko, aber der ausgehandelte Waffenstillstand war f\u00fcr L\u00fcbeck jedoch nicht ung\u00fcnstig. Der Zugang zu den Heringsm\u00e4rkten Schonens war wieder frei und die andauernde Sperrung des Sunds konnte mit der Nutzung des Landwegs zwischen L\u00fcbeck und Hamburg umgangen werden. Einige preu\u00dfische und holl\u00e4ndische St\u00e4dte waren aber genau auf die freie Durchfahrt des Sunds angewiesen und versuchten in der \u201eK\u00f6lner Konf\u00f6deration\u201c vom November 1367 die Kriegshandlungen gegen D\u00e4nemark wieder aufzunehmen. L\u00fcbeck und die wendischen St\u00e4dte traten dieser Vereinbarung schlie\u00dflich \u00e4u\u00dferst widerwillig bei. Im Sommer 1368 gelang es der hansischen Streitmacht, milit\u00e4risch die Oberhand zu gewinnen, und nach der Kapitulation D\u00e4nemarks 1369 standen die Hansest\u00e4dte schlie\u00dflich 1370 im \u201eFrieden von Stralsund\u201c auch politisch als strahlender Sieger da.<\/p>\n<p>Erneut wird ein Kooperationsproblem sichtbar, das der St\u00e4dte n\u00e4mlich, dessen L\u00f6sung jedoch nicht oder nur unzureichend mittels Formalisierung und Hierarchisierung zu erzielen war. Auch die kollektive Sicherheit der St\u00e4dte war ein \u00f6ffentliches Gut. Seine Umwandlung in ein Clubgut konnte jedoch allenfalls fallweise und zeitlich beschr\u00e4nkt, in vielen F\u00e4llen gar nicht gelingen. Von der Mitte des 14. Jahrhunderts an sind die Hansischen Tagfahrten \u00fcberliefert, zu denen sich Vertreter der St\u00e4dte, sehr h\u00e4ufig in L\u00fcbeck, zu Beratungen \u00fcber die gemeinsame Politik der St\u00e4dte zusammenfanden. Dieser Versuch, Handelsinteressen und Handelspolitik auf st\u00e4dtischer Ebene zu koordinieren, ist ein sichtbares Zeichen der Konstitution einer \u201eSt\u00e4dtehanse\u201c, auch wenn vieles daf\u00fcr spricht, dass die Heimatst\u00e4dte der Hansekaufleute sich bereits zuvor fallweise in Handelsfragen abgestimmt haben. Die Tagfahrten blieben jedoch freiwillig und wurden von den St\u00e4dten des wendischen Drittels, allen voran L\u00fcbeck, dominiert. Archivalische Hinterlassenschaft der Tagfahrten sind die Rezesse, die allein Auskunft \u00fcber unstrittige Fragen geben und nicht bindend f\u00fcr die St\u00e4dte waren. Sie zeigen in der namentlichen Nennung der anwesenden Ratsendeboten, die stets am Beginn der Dokumente zu finden ist, vor allem die vielf\u00e4ltige personelle Verflechtung der hansischen F\u00fchrungsgruppe. Ein wirkungsvolles Handeln gab es nur bei erheblicher Interessenverletzung und dem nachdr\u00fccklichen Handlungswillen einer oder mehrerer St\u00e4dte. So zeigte L\u00fcbeck in der ersten Phase des Kriegs gegen D\u00e4nemark die gr\u00f6\u00dfte Bereitschaft, vor allem weil es seine Handelsinteressen waren, die der d\u00e4nische K\u00f6nig verletzt hatte. Das allein reichte jedoch f\u00fcr die kollektive Reaktion der St\u00e4dte nicht aus. L\u00fcbeck signalisierte deutlich seine Bereitschaft zur \u00dcbernahme von Verantwortung, in dem es selbst den gr\u00f6\u00dften finanziellen Beitrag zur Ausr\u00fcstung der Streitmacht leistete. Immerhin gelang es noch weitere St\u00e4dte mit ins Boot zu holen, die zumindest \u00fcber die Erhebung des Pfundgelds, einer Abgabe, die von einlaufenden Schiffen in den H\u00e4fen zu entrichten war, zur Kriegsfinanzierung beitrugen. In der zweiten Kriegsphase erlahmt genau diese Bereitschaft L\u00fcbecks zur Organisation des kollektiven Handelns, denn die wirtschaftlichen Interessen L\u00fcbecks waren weit weniger ber\u00fchrt als die anderer St\u00e4dte, und L\u00fcbeck selbst schloss sich nur widerwillig der neuerlichen Vereinbarung an. Weil aber langfristig doch zumeist auch L\u00fcbecks Interessen ber\u00fchrt waren und weil etwa zwischen 1356 und 1405 von insgesamt 68 gesamthansichen Tagfahrten allein 45 in L\u00fcbeck stattfanden, f\u00fchrt genau dieses Gebaren zur einer Quasi-Hierarchisierung der multipolaren Netzwerkorganisation \u201eHanse\u201c, \u00fcber welche L\u00fcbeck sukzessive in eine vermeintliche F\u00fchrungsrolle hineinw\u00e4chst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Transformation als scheinbare Bl\u00fcte \u2013 die Netzwerkorganisation im Umbruch<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gezeigt wurde, dass die Hanse, obschon im 14. Jahrhundert durchaus ein wirtschaftlich und politisch m\u00e4chtiger Akteur, einer allzu glorreichen Darstellung nicht so ganz entsprechen kann. Zu deutlich treten gerade im Verlauf des 14. Jahrhunderts \u00e4u\u00dfere Krisensymptome und innere Widerspr\u00fcche zu Tage, welche die Hanse zu organisatorischen Reaktionen zwangen, die kurzfristig zwar scheinbaren Erfolg erzielten, langfristig wohl aber durchaus zum sp\u00e4teren Niedergang des hansischen Handels und der Hanse als politischer Institution beitrugen. Das landl\u00e4ufige Bild von der Hanse im 14. Jahrhundert als einem Handelsimperium und zugleich als einem \u201eStaat der St\u00e4dte\u201c ist das Produkt einer lange Zeit dominierenden politischen Perspektive innerhalb der Hanseforschung selbst ebenso wie au\u00dferhalb davon. Nichtsdestotrotz erscheint es angesichts der hier nur kurz skizzierten Krisensymptome des 14. Jahrhunderts auch in Nordeuropa als sehr viel plausibler, das Auftreten der \u201eSt\u00e4dtehanse\u201c in eben dieser Zeit weniger als Ausdruck einer weiter anwachsenden Macht der Hansekaufleute, sondern vielmehr als eine Krisenreaktion zu interpretieren.<\/p>\n<p>Die eigentliche Bl\u00fcte des hansischen Handels und der Hansest\u00e4dte ist daher im 13. Jahrhundert zu sehen, und die Elemente dieser Prosperit\u00e4t \u2013 wirtschaftlicher Aufschwung, struktureller Wandel und organisatorisches Wachstum \u2013 erforderten im 14. Jahrhundert dann erhebliche Anpassungen der hansischen Netzwerkorganisation. Ma\u00dfgeblich blieben dabei, auch in der sichtbaren Konstitution der \u201eSt\u00e4dtehanse\u201c zur Mitte des 14. Jahrhunderts, personelle Verflechtung und pers\u00f6nlicher Kontakt untereinander, organisatorische Prinzipien, die sich angesichts einer wachsenden und zunehmend unpers\u00f6nlichen Organisation zunehmend als untauglich erwiesen. Sinnf\u00e4lliges Zeichen hierf\u00fcr ist das Verst\u00e4ndnis L\u00fcbecks als \u201eHaupt der Hanse\u201c, welches untrennbar mit dem glanzvollen \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbild der Hanse im 14. Jahrhundert verbunden ist. Es liefert gleichsam eine hierarchische Deutung der urspr\u00fcnglich nichthierarchischen Organisation \u201eHanse\u201c, und aus diesem Grund tr\u00e4gt ein solches Verst\u00e4ndnis mehr zur Verschleierung denn zur Aufkl\u00e4rung in Bezug auf das Ph\u00e4nomen \u201eHanse\u201c bei. L\u00fcbeck wuchs zwar infolge ganz unterschiedlicher Entwicklungen in eine F\u00fchrungsrolle innerhalb der Hanse hinein, es stand seit jeher geographisch im Zentrum der Hanse, von dort gingen starke stadtrechtliche Impulse aus und es existierten viele personelle Verbindungen in andere St\u00e4dte. Allein das Prinzip einer dauerhaften F\u00fchrungsposition widersprach grunds\u00e4tzlich dem nichthierarchischen Grundprinzip der multipolaren Netzwerkorganisation \u201eHanse\u201c. Waren Formalisierung und Hierarchisierung in den Kontoren, auch wenn sie prinzipiell dem Organisationsprinzip der Netzwerkorganisation widersprachen, noch probate Mittel zur Stabilisierung des Kartells der Hansekaufleute, so lie\u00dfen dieselben Prinzipien auf der St\u00e4dteebene die offensichtlichen Interessensgegens\u00e4tze zwischen den St\u00e4dten langfristig eher noch st\u00e4rker hervortreten als sie zu \u00fcberbr\u00fccken. Mit der F\u00fchrung durch L\u00fcbeck war die mulitpolare Netzwerkorganisation \u201eHanse\u201c schlie\u00dflich an die Interessen und den Handlungswillen einer Stadt gebunden und verlor dabei zunehmend das, was Netzwerkorganisationen eigentlich ausmacht: ein hohes Ma\u00df an Flexibilit\u00e4t.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Hanse im 14. 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