{"id":125197,"date":"2026-06-19T09:36:17","date_gmt":"2026-06-19T07:36:17","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=125197"},"modified":"2026-06-19T09:36:23","modified_gmt":"2026-06-19T07:36:23","slug":"vorboten-der-kleinen-eiszeit-naturkatastrophen-und-das-leben-der-menschen-im-14-jahrhundert","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/vorboten-der-kleinen-eiszeit-naturkatastrophen-und-das-leben-der-menschen-im-14-jahrhundert\/","title":{"rendered":"Harbingers of the Little Ice Age"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Vorbemerkung<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Naturereignisse bleiben in den meisten historischen Darstellungen und Analysen so gut wie unber\u00fccksichtigt. Geschichte, so der Eindruck, vollzieht sich als Folge von Kriegen durch das Wirken von M\u00e4chtigen \u201epolitisch\u201c. \u201eDaten\u201c zu den Machthabern strukturieren in Schul- und Lehrb\u00fcchern die historischen Abl\u00e4ufe gerade so als ob die Bev\u00f6lkerungen, ihre Lebensgrundlagen und Einfl\u00fcsse der Natur keine Bedeutung h\u00e4tten. Eine im obigen Sinne rein historische Darstellung ist f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der (Welt)Geschichte unzureichend und w\u00fcrde die Ursachenforschung beeintr\u00e4chtigen.<\/p>\n<p>Das 14. Jahrhundert eignet sich in besonderer Weise f\u00fcr den Nachweis, dass es n\u00f6tig ist, auch die Natur, ihre Ver\u00e4nderungen und deren Auswirkungen auf die Menschen mit einzubeziehen. Es war das Jahrhundert der Naturkatastrophen. Diese wirkten direkt und indirekt auf den \u201eHerbst des Mittelalters\u201c (Johan Huizinga) und die beginnende Neuzeit. Ohne Ber\u00fccksichtigung der Naturkatastrophen g\u00e4be es wohl kaum einen triftigen Grund daf\u00fcr, mit dem 14. Jahrhundert das Ende des Mittelalters zu verbinden und eine historische Z\u00e4sur zur Neuzeit einzuf\u00fchren. Tats\u00e4chlich decken sich auch die historischen Perioden der vergangenen Jahrtausende des vorderasiatisch-nordafrikanisch-europ\u00e4ischen Kulturraumes ganz ausgepr\u00e4gt mit gro\u00dfklimatischen Schwankungen, wie eine erweiterte Betrachtung zeigen w\u00fcrde. \u00d6konomische Entwicklungen, wie die Entwicklung des Ackerbaus, die Nutzung des Pferdes als Reit- und Zugtier oder die Erfindung von Rad und Wagen h\u00e4ngen gleichfalls mit Ver\u00e4nderungen in der Natur zusammen. Die fr\u00fchen Hochkulturen am Indus, am Nil, in Mesopotamien sowie die R\u00f6merzeit, die Zeit der V\u00f6lkerwanderung, das Fr\u00fch-, Hoch- und Sp\u00e4tmittelalter, die fr\u00fche Neuzeit und der global ausgreifende europ\u00e4ische Kolonialismus als markante Phasen im Verlauf der Geschichte entstanden nicht zuf\u00e4llig. Vielmehr enthalten sie Wechsel in den Lebensbedingungen der Menschen. Die Natur gab den \u00e4u\u00dferen Rahmen vor, innerhalb dessen sich der Strom der Geschichte in Wirbeln und Wellen vollzog. Am 14. Jahrhundert l\u00e4sst sich dies exemplarisch aufzeigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Einordnung des 14. Jahrhunderts<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf die R\u00f6merzeit, die klimatisch eine Warmzeit gewesen war, folgte um etwa 300 n. Chr. eine Kaltzeit von knapp einem halben Jahrtausend. Als massive Klimaverschlechterung gab sie den \u00e4u\u00dferen Anlass zur Verlagerung von St\u00e4mmen und V\u00f6lkern aus dem Nordosten und Osten nach S\u00fcdwesten und S\u00fcden. Nordostgermanische St\u00e4mme wie die Wandalen und die Langobarden gelangten dabei nach Nordafrika und Oberitalien (Lombardei). Westgoten setzten sich in Nordostspanien fest (Catalunya = \u201eGotalandia\u201c), um nur einige Beispiele zu nennen. Slawische V\u00f6lker r\u00fcckten in die von Germanen mehr oder weniger frei gewordenen R\u00e4ume nach. Die Verschiebungen fanden aber nicht nur in Europa statt. Auch aus Zentralasien dr\u00e4ngten V\u00f6lker nach S\u00fcden und S\u00fcdwesten in mildere, produktivere Regionen. Ergebnis waren die Wirren der V\u00f6lkerwanderung.<\/p>\n<p>Im 7. und 8. Jahrhundert stabilisierten sich Verh\u00e4ltnisse mit Beginn der neuen Phase, die im \u201emittelalterlichen Klimaoptimum\u201c gipfelte. Diese ausgepr\u00e4gte Warmzeit, in der zumindest zeitweise w\u00e4rmere Verh\u00e4ltnisse in Mitteleuropa als gegenw\u00e4rtig herrschten, dauerte bis ins 13. Jahrhundert. Dabei konnten die Menschen nicht nur den Anbau von Getreide in Regionen und H\u00f6henlagen ausbreiten, in denen dies in den vorausgegangenen Jahrhunderten nicht m\u00f6glich gewesen war, sondern es wurde auch die Nordgrenze des Weinanbaus bis S\u00fcdnorwegen, auf Ostseeinseln und an den Nordalpenrand verschoben. In gro\u00dfem Umfang wurden Moore trocken gelegt und kultiviert, was vor allem ein Werk der Kl\u00f6ster war, da solche Unternehmungen nur mit gut koordinierter Gemeinschaftsarbeit zu realisieren waren. In Mitteleuropa wurde dabei der Wald bis auf nur noch etwa 10 Prozent der Landesfl\u00e4che zur\u00fcck gedr\u00e4ngt. Entsprechend wuchs die Bev\u00f6lkerung und verdreifachte sich von etwa 18 Millionen um 750 auf knapp 75 Millionen um 1300. Der Druck der Bev\u00f6lkerung wurde so gro\u00df, dass es im 12. und 13. Jahrhundert zu einer gro\u00dfen Zahl von St\u00e4dte-Neugr\u00fcndungen kam (Gr\u00fcndung M\u00fcnchens 1158). Die Kl\u00f6ster f\u00fcllten sich mit Menschen, die keine andere M\u00f6glichkeit mehr fanden zu \u00fcberleben. Betroffen war auch der Adel, f\u00fcr den die Kreuzz\u00fcge die M\u00f6glichkeit zu er\u00f6ffnen schienen, neues Land und neue Lehen zu erobern.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich l\u00e4sst sich auch das aus heutiger Sicht absurd anmutende Ph\u00e4nomen der Kinderkreuzz\u00fcge auf diesen Bev\u00f6lkerungsdruck zur\u00fcckf\u00fchren. Denn trotz rund 50-prozentiger Kindersterblichkeit \u00fcberlebten bei 8 und mehr Geburten pro geb\u00e4rf\u00e4higer Frau weit mehr als die etwa 2,2 Kinder, die zur Aufrechterhaltung eines stabilen Bev\u00f6lkerungsstandes n\u00f6tig gewesen w\u00e4ren. So verwundert es nicht, dass schon im klimatisch insgesamt g\u00fcnstigen 12. und 13. Jahrhundert gro\u00dfe Hungersn\u00f6te auftraten. Und eine Auswanderung von Teilen der mitteleurop\u00e4ischen Bev\u00f6lkerung nach Osten setzte ein, genannt die sp\u00e4tmittelalterliche Ostkolonisation, die sich im 14. Jahrhundert weiter intensivierte.<\/p>\n<p>Von Osten her, aus den Weiten Innerasiens, dr\u00e4ngte dagegen der Mongolensturm unter Dschingis Khan und seinen Nachfolgern tief hinein nach Ost- und S\u00fcdosteuropa, jedoch nicht mit Volksmassen auf der Suche nach Neuland, sondern als Eroberer, die sich die unterworfenen V\u00f6lker tributpflichtig machten. Das Gro\u00dfreich der Mongolen, der gr\u00f6\u00dfte zusammenh\u00e4ngende Machtbereich der ganzen Menschheitsgeschichte, war auch der klimatischen Gunst des Mittelalters mit zu verdanken. Sie wirkte bis nach Zentral- und Ostasien. Anders als die Kaltzeit der Jahrhunderte der V\u00f6lkerwanderung, die zum Auswandern zwang, lie\u00df das Klima des Hochmittelalters die Mongolen in ihrem Kernland erstarken. Denn W\u00e4rme und g\u00fcnstige Niederschl\u00e4ge kamen den Pferdeherden zugute, die in den Steppen Zentralasiens die Lebensgrundlage der Nomaden bildeten. Die Mongolen drangen nicht nur nach S\u00fcdwesten vor, sondern mit noch gr\u00f6\u00dferer Wucht \u00fcberrannten sie Nordchina und unterwarfen die auch damals gr\u00f6\u00dfte Teilbev\u00f6lkerung der Menschheit.<\/p>\n<p>Auf dem ganzen eurasiatischen Kontinent hatte sich also w\u00e4hrend des europ\u00e4ischen Hochmittelalters der \u201eG\u00fcrtel der Macht\u201c deutlich nordw\u00e4rts in die geographisch mittleren Breiten verlagert. Die vorausgegangenen Jahrhunderte der europ\u00e4isch-nordwestasiatischen V\u00f6lkerwanderung waren auch in Ost- und S\u00fcdostasien h\u00f6chst turbulente Zeiten gewesen, denen in den Jahrhunderten um die Zeitenwende, wiederum parallel zu den europ\u00e4ischen Verh\u00e4ltnissen, stabilere mit prosperierenden Bev\u00f6lkerungen vorausgegangen waren. Das europ\u00e4ische Geschehen f\u00fcgt sich sehr wohl ein in ein gr\u00f6\u00dferes Muster naturgeschichtlicher Abl\u00e4ufe. Das 14. Jahrhundert nimmt darin eine Randposition des \u00dcbergangs von einer Warm- in eine Kaltzeit ein. Und wie immer erweisen sich solche R\u00e4nder als besonders turbulent, weil sie Phasen des \u00dcbergangs der Natur in einen anderen Grundzustand nicht ruhig und glatt verlaufen. Als Folge der vorausgegangenen, klimatisch g\u00fcnstigen Zeit hatte sich Ende des 13. Jahrhunderts aufgrund der zu stark angewachsenen Bev\u00f6lkerung eine massive Versorgungskrise aufgebaut. In diese hinein schlugen die Naturkatastrophen des 14. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die Naturkatastrophen des 14. Jahrhundert<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das 13. Jahrhundert war so \u00fcberdurchschnittlich warm, dass n\u00f6rdlich der Alpen zeitweise klimatische Verh\u00e4ltnisse \u00e4hnlich denen ums Mittelmeer herrschten. Die W\u00e4rme schaukelte sich jedoch zu sommerlicher Trockenheit auf, deren Folge geringe Ernten waren. Mit Beginn des 14. Jahrhunderts kippte das Warmklima und es gab Serien von Jahren mit viel zu nasskalter Witterung. Von 1309 bis 1317 verursachte ein rascher Wechsel von zu trockenen und nasskalten Sommern eine gro\u00dfe Hungersnot. Es gab viele Tote. 1342 kulminierten die sommerlichen Regenfluten im h\u00f6chsten und schlimmsten Hochwasser des ganzen Jahrtausends. Unseren heutigen Einteilungen der Hochwasserst\u00e4rken zufolge muss es ein \u201eZehntausend-Jahre-Ereignis\u201c gewesen sein. Jedenfalls war es die st\u00e4rkste historisch (\u00fcber Hochwassermarken an Geb\u00e4uden) registrierte Flut seit Beginn unserer Zeitrechnung. Die Wassermassen m\u00fcssen die katastrophalen Hochw\u00e4sser unserer Zeit noch um ein Mehrfaches \u00fcbertroffen haben. Seit dem 19. oder fr\u00fchen 20. Jahrhundert sind in Mitteleuropa so gut wie alle Fl\u00fcsse reguliert. Die Fluten k\u00f6nnen nicht mehr ausufern und die T\u00e4ler gro\u00dffl\u00e4chig \u00fcberschwemmen. Entsprechend hoch steigen die Pegel an diesen eingeengten Fl\u00fcssen schon bei Wassermengen, die in fr\u00fcheren Jahrhunderten noch zu m\u00e4\u00dfigen bis mittleren Hochw\u00e4ssern gerechnet worden w\u00e4ren. Keiner unserer Fl\u00fcsse ist gegenw\u00e4rtig auf Fluten ausgebaut, wie sie im Sp\u00e4tmittelalter und w\u00e4hrend der Kleinen Eiszeit aufgetreten sind. Das Hochwasser von 1342 war zwar das h\u00f6chste, auch in China sowie h\u00f6chstwahrscheinlich in Nordamerika, denn es hatte die ganze Nordhemisph\u00e4re betroffen. Aber kaum weniger starke folgten schon 1501 und 1598. Die Hochw\u00e4sser unserer Zeit sind \u201ezahm\u201c, verglichen damit.<\/p>\n<p>Wenige Jahre nach der gro\u00dfen Flut traf dann 1347 die Pest in Europa ein. Sie suchte insbesondere die St\u00e4dte und das Umland der H\u00e4fen S\u00fcd- und Westeuropas heim, breitete sich aber auch entlang der Handelswege tief ins Binnenland Mitteleuropas aus und erreichte Teile Osteuropas. F\u00fcnf Jahre dauerte ihr Hauptzug. Beendet war sie danach nicht. In etwa 11-j\u00e4hrigem Abstand flackerte sie beispielsweise in Italien immer wieder auf. Neue gro\u00dfe Pestepidemien gab es sp\u00e4ter in der Fr\u00fchen Neuzeit. Phasen feuchtk\u00fchler Witterung boten offenbar g\u00fcnstige Voraussetzungen f\u00fcr das Entstehen neuer Pestz\u00fcge. Die hygienischen Verh\u00e4ltnisse waren nach heutigen Ma\u00dfst\u00e4ben gewiss katastrophal, aber dies war unabh\u00e4ngig von der Witterung so und h\u00e4tte vor allem \u00fcber verschmutztes Wasser \u00fcbertragene Seuchen, wie die Cholera f\u00f6rdern sollen.<\/p>\n<p>Am 16. Januar 1362 traf die bis dato heftigste Sturmflut die Nordseek\u00fcsten von Holland bis D\u00e4nemark. Diese \u201eZweite Marcellusflut\u201c oder \u201eGro\u00dfe Mandr\u00e4nke\u201c genannte Flut zerriss gleichsam den bisherigen K\u00fcstenverlauf in der Deutschen Bucht. Die Inseln und Halligen entstanden und mit ihnen die im Wesentlichen bis heute vorhandene K\u00fcstenlinie. 100.000 Menschenleben soll allein diese Sturmflut gefordert haben. Doch sie war und blieb kein Einzelfall, ebenso wenig wie bitterkalte Winter, die sich zu h\u00e4ufen anfingen. Mit zehn schweren Sturmfluten \u00fcbertraf das 14. Jahrhundert allein die vier Jahrhunderte davor. Der Bodensee fror wiederholt komplett zu. W\u00e4hrend der Kleinen Eiszeit 28 Mal, in den vier Jahrhunderten davor aber nur viermal und seit 1800 drei Mal. In den Alpen wuchsen die w\u00e4hrend des Mittelalterlichen Klimaoptimums fast verschwundenen Gletscher sehr schnell und stark. Sie wuchsen in nur einem Jahrhundert auf H\u00f6chstst\u00e4nde heran, die sie dann erst wieder am Ende der Kleinen Eiszeit um 1800 erreichten. Das 14. Jahrhundert hebt sich anhand der Gletscherentwicklung und in den vorhandenen historischen Wetteraufzeichnungen als Vorsto\u00df der Kleinen Eiszeit vom gro\u00dfklimatischen Geschehen deutlich ab. Danach gab es nochmals eine Phase mit f\u00fcr die Menschen in Mitteleuropa g\u00fcnstiger Witterung. Sie hielt aber nur etwa ein Jahrhundert an. Global \u00e4nderte dieses W\u00e4rme-Intermezzo wenig.<\/p>\n<p>Die Ansiedlungen der Wikinger auf Gr\u00f6nland gingen zugrunde. Das vorr\u00fcckende Eis hatte sie vom Mutterland D\u00e4nemark und von den Versorgungsschiffen aus Skandinavien abgeschnitten. Aus dem Amerikanischen Norden drangen indessen die Eskimos, von den Wikingern Skraelinge (\u201eKr\u00fcppel\u201c) genannt, s\u00fcdw\u00e4rts vor und erreichten die Ansiedlungen der Europ\u00e4er in Westgr\u00f6nland. Die Eskimos verstanden es, vom Meer zu leben. Sie waren nicht, wie die Wikinger, auf Landwirtschaft angewiesen. Zur gleichen Zeit des Niedergangs der Wikingersiedlungen musste in Nordwesteuropa der Weinanbau aufgegeben werden. Und in Mitteleuropa lohnte der Getreideanbau auf Rodungsfl\u00e4chen nicht mehr, die im Hochmittelalter angelegt worden waren. Sogar f\u00fcr die Schafbeweidung taugten manche W\u00fcstungsfluren, wie sie sp\u00e4ter genannt wurden, alsbald nicht mehr. Der Wald r\u00fcckte wieder vor. Es formte sich das bis heute existierende Grundmuster von knapp einem Drittel Waldbedeckung in Mitteleuropa.<\/p>\n<p>All das war nicht, wie schon mit dem Hinweis auf die Wikinger angedeutet, auf Europa beschr\u00e4nkt. Mitten in der starken Klimaverschlechterung traten verheerende Einfl\u00fcge von Wanderheuschrecken nach Mitteleuropa auf. Ende Juli 1338 kamen sie \u00fcber Ungarn, B\u00f6hmen und S\u00fcdpolen nach Deutschland. Mitte August erreichten sie Frankfurt und Landshut. Die letzten gro\u00dfen Heuschreckeneinfl\u00fcge aus den pontisch-sarmatischen Steppen hatte es lange vorher, vor dem mittelalterlichen W\u00e4rmeoptimum, in den Jahren 873-875 und 539 gegeben. Nach dem 14. Jahrhundert kamen sie mehrfach wieder zwischen 1542 und 1749, also im Hauptst\u00fcck der Kleinen Eiszeit. Ihre Einfl\u00fcge belegen den klimatischen Zusammenhang. Denn wenn es in West- und Mitteleuropa im Sommerhalbjahr kalt und zu regnerisch war, erhielten die Steppen und Halbw\u00fcsten n\u00f6rdlich des Schwarzen und des Kaspischen Meere Niederschl\u00e4ge in \u00fcberreichem Ausma\u00df. Diese f\u00f6rderten den Wuchs der Vegetation und damit die Massenvermehrung der Heuschrecken. In direktem Zusammenhang mit der dortigen Gunst der Witterung erstarkten Turkv\u00f6lker und es begann der politische Aufstieg der Osmanen.<\/p>\n<p>Und auch die Ausbreitung der Pest. Ihr Hauptreservoir sind Nagetiere der vorder- und zentralasiatischen Steppen, insbesondere die W\u00fcstenrennm\u00e4use. Vermehrten sich diese in den Halbw\u00fcsten au\u00dfergew\u00f6hnlich stark, sprangen von ihnen die Pesterreger (Yersinia pestis) auf Hausratten \u00fcber und gelangten damit hinein in den unmittelbaren Lebensbereich der Menschen. Haupt\u00fcbertr\u00e4ger waren die Pestfl\u00f6he (Xenopsylla cheopis). Anders als die Menschenfl\u00f6he haben diese Fl\u00f6he einen Vormagen. Darin sammeln sich die zur Ansteckung f\u00e4higen Pesterreger. Beim Blutsaugen werden sie mit dem Speichel oder \u00fcber Flohexkremente durch Kratzen an der juckenden Stichstelle \u00fcbertragen. \u00dcber Getreideexporte, die aufgrund der Missernten in Europa besonders n\u00f6tig geworden waren, gelangten infizierte Ratten, vor allem aber bereits an Pest erkrankte Menschen von den Schwarzmeerh\u00e4fen und von H\u00e4fen der Levante nach S\u00fcd- und Nordwesteuropa. Von dort aus breitete sich dann die Pandemie \u00fcber gro\u00dfe Teile Europas aus. Die Pest von 1347 war nicht die erste Gro\u00dfepidemie, die Europa heimsuchte. Rund acht Jahrhunderte vorher w\u00fctete von 527 bis 565 die \u201eJustinianische Pest\u201c. Folgeausbr\u00fcche davon traten bis 770 auf. Ein halbes Jahrtausend ohne die Seuche schien sie dann vergessen. Der Ursprung der \u201eJustinianischen Pest\u201c lag in Alexandria, der gro\u00dfen Stadt im Nildelta, die Alexander der Gro\u00dfe 331 v. Chr. gegr\u00fcndet hatte. In Alexandria lebten damals im 6. Jahrhundert viele Juden. Sie wurden beschuldigt, die Verursacher gewesen zu sein. Die Judenverfolgung, die aus anderen Gr\u00fcnden im Hochmittelalter wieder eingesetzt hatte, bediente sich mit dem Ausbruch der Pest im 14. Jahrhundert genau der alten Argumentation. Die Juden h\u00e4tten die Brunnen vergiftet und die ansteckenden Miasmen erzeugt. Welcher Anteil der west- und mitteleurop\u00e4ischen Bev\u00f6lkerung der Pest zum Opfer fiel, ist zwar umstritten und wird f\u00fcr einzelne Orte und Regionen unterschiedlich beurteilt. Aber dass ein massiver R\u00fcckgang der Bev\u00f6lkerung weithin die Folge war, steht au\u00dfer Zweifel: Ein F\u00fcnftel gilt als sicher, ein Viertel sehr wahrscheinlich und ein Drittel m\u00f6glicherweise. Solche Massenverluste nahmen den gro\u00dfen Druck aus der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Es hing also auch die Pest als die sicherlich schlimmste Heimsuchung der Menschen im 14. Jahrhundert mit den klimatischen Ver\u00e4nderungen zusammen. Diese Zeit l\u00e4sst sich als Vorsto\u00df der Kleinen Eiszeit charakterisieren. Nicht die Pest allein, sondern auch die verschiedenen anderen Katastrophen lie\u00dfen die Bev\u00f6lkerung schrumpfen. Dadurch stieg der Wert der Arbeit. Die Menschen gewannen durch die stark ver\u00e4nderte Bev\u00f6lkerungsstruktur betr\u00e4chtliche Freiheiten. In der Gesellschaft bahnten sich soziale Erneuerungen und technische Fortschritte an. Die Renaissance darf als gesellschaftliche Folgewirkung der Katastrophen des 14. Jahrhunderts gelten. Das geopolitische Machtzentrum hatte sich indessen aus den mittleren Breiten wieder weiter in den S\u00fcden verschoben. In Europa profitierte der atlantische S\u00fcdwesten. Spanien und Portugal erstarkten. Das Mittelmeer b\u00fc\u00dfte seine Rolle als Zentrum des westlichen Seehandels vollends ein, nachdem sich gewichtige Teile des Warentransportes auf dem Meer vorher schon auf Nord- und Ostsee verlagert und zur Bildung des Netzwerkes der Hanse gef\u00fchrt hatten. Von der klimatisch g\u00fcnstiger gelegenen Iberischen Halbinsel aus konnten sich die Spanier und Portugiesen mit dem Ausgriff auf den Ozean zum neuen globalen Machtzentrum aufschwingen und die \u201eEroberung der Welt\u201c beginnen. 1492 markiert mit dem Beginn der Globalisierung ganz zutreffend eine neue Zeitenwende. Was f\u00fcr ein Machtzuwachs zustande kam, dr\u00fcckt sich wohl am deutlichsten darin aus, dass Papst Alexander VI. den ganzen Globus im Vertrag von Tordesillas 1494 unter Spanien und Portugal aufteilte.<\/p>\n<p>Die Folgen der kommenden, noch heftigeren Klimaverschlechterung in Europa im 16. und 17. Jahrhundert, die zum Teil bis ins 18. und 19. Jahrhundert nachwirkten, lie\u00dfen sich nach der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus durch Abwanderung von Menschen nach \u00dcbersee und den R\u00fcckfluss enormer Mengen an Ressourcen aus den unterworfenen und kolonisierten Gebieten deutlich besser abfangen als im 14. Jahrhundert. Die Kreuzz\u00fcge vor und in jenem Jahrhundert reichten bei Weitem nicht aus, um das Problem zu gro\u00df gewordener Bev\u00f6lkerung zu entsch\u00e4rfen. Umso heftiger schlugen die Seuchen und die Hungersn\u00f6te als Folgen miserabler Ernten nach den Naturkatastrophen zu. Der Exodus aus dem \u00fcberv\u00f6lkerten Europa hielt bis in das 20. Jahrhundert hinein an. Stabilit\u00e4t, Dauerhaftigkeit unter halbwegs guten Lebensbedingungen hatte es nie gegeben. Klima und Lebensbedingungen ver\u00e4nderten immer wieder den Rahmen, innerhalb dessen sich das politische Geschehen entwickelte, das wir \u00fcblicherweise Geschichte nennen. Ohne Ber\u00fccksichtigung der Natur w\u00fcrden wir sie nur h\u00f6chst unzureichend verstehen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung &nbsp; Naturereignisse bleiben in den meisten historischen Darstellungen und Analysen so gut wie unber\u00fccksichtigt. 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