{"id":125199,"date":"2026-06-19T09:38:13","date_gmt":"2026-06-19T07:38:13","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=125199"},"modified":"2026-06-19T09:38:13","modified_gmt":"2026-06-19T07:38:13","slug":"1348-gesellschaft-im-zeichen-der-pest","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/1348-gesellschaft-im-zeichen-der-pest\/","title":{"rendered":"1348. Gesellschaft im Zeichen der Pest"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die \u201ePest von 1348\u201c, die Europa zwischen 1346 und 1352 von der Krim \u00fcber Konstantinopel, S\u00fcd- und Mitteleuropa bis nach Skandinavien, Island und Gr\u00f6nland \u00fcberrollte, war zweifellos eines der einschneidensten und pr\u00e4gendsten Ereignisse der europ\u00e4ischen Geschichte. Die Zahl der Opfer \u00fcbertraf nicht nur s\u00e4mtliche aus dem Mittelalter bekannten Seuchen. Rechnet man die Bev\u00f6lkerungsverluste in Prozenten hoch, stellte die Pandemie des 14. Jahrhunderts sogar die gr\u00f6\u00dfte dokumentierte Katastrophe dar, die den Kontinent bisher heimgesucht hat. Zum Vergleich: Im Zweiten Weltkrieg kamen zwar, einschlie\u00dflich der Opfer des Holocausts sowie der Umsiedelungen und Vertreibungen in Europa (unter Zurechnung der Gebiete der damaligen Sowjetunion jenseits des Urals), etwa 60 Millionen Menschen um, im Vergleich zu etwa 20 Millionen, die der Schwarze Tod von 1348 das Leben kostete, doch waren es, ungeachtet der Problematik solcher Gegen\u00fcberstellungen, prozentual \u201enur\u201c etwa f\u00fcnf Prozent \u2013 im Vergleich zu 30 bis 35 Prozent, die der Pest von 1348 erlagen!<\/p>\n<p>Furchterregend war, bevor die Seuche Europa erreichte, schon ihre Fama. Ein fl\u00e4mischer Geistlicher schrieb, in Indien seien Fr\u00f6sche, Schlangen, Eidechsen und Skorpione vom Himmel gefallen und Mensch und Tier tags darauf durch Hagelschlag vernichtet worden. Die \u00dcberlebenden h\u00e4tte ein aus den Wolken fallendes Feuer verbrannt. Durch den Gestank der Leichen seien die gesamte Region, alle Nachbarl\u00e4nder sowie die K\u00fcsten des Schwarzen Meeres mit einem Pesthauch \u00fcberzogen worden, der sich langsam nach Westen ausgebreitet habe und hier faulige L\u00fcfte (Miasmen) hervorrief, welche die \u00c4rzte seit der Antike als die Ursache von Seuchen betrachteten.<\/p>\n<p>Aus der Sicht der Zeitgenossen gab es zahllose d\u00fcstere Vorzeichen, nicht zuletzt in Europa selbst. Bereits in den Drei\u00dfigerjahren des 14. Jahrhunderts war Mittelitalien von mehreren Erdbeben heimgesucht worden. In der Toskana brachen Seuchen aus, die Tausende von Opfern forderten. Missernten f\u00fchrten zu Hungersn\u00f6ten, die wiederum eine h\u00f6here Krankheitsanf\u00e4lligkeit zur Folge hatten. Auch die im S\u00fcden \u00fcbliche Salzgewinnung durch Meerwasserverdunstung war durch Unwetter unm\u00f6glich geworden, wodurch nicht zuletzt das P\u00f6keln von Fleisch, die wohl \u00e4lteste Technik der \u201eKonservierung\u201c, verhindert wurde. Dazu beunruhigte die H\u00e4ufung milit\u00e4rischer Auseinandersetzungen: Der Paduaner Chronist Cortusio, ein Augenzeuge, beschrieb die Situation: \u201eDamals f\u00fchrte man in der Christenheit f\u00fcnffachen Krieg: Zun\u00e4chst bei Smyrna gegen die T\u00fcrken, dann der englische K\u00f6nig (im Hundertj\u00e4hrigen Krieg) gegen Frankreich, der ungarische in Apulien, der K\u00f6nig von B\u00f6hmen und erw\u00e4hlte r\u00f6mische Kaiser gegen Bayern, und schlie\u00dflich floh der r\u00f6mische Tribun (Cola di Rienzo), von den Patriziern verfolgt, nach Apulien. Das Menschengeschlecht war so sehr geschlagen und wu\u00dfte, da\u00df es nichts an dem \u00e4ndern konnte, was Gott tat, damit es wieder Furcht vor ihm lernte\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der \u201eOrdo\u201c des Hochmittelalters, der ungeachtet aller Kriege und Krankheiten eine heile, von Gott geschaffene Welt suggeriert hatte, schien also schon vor der Pest ins Wanken geraten zu sein. \u00dcberkommene Hierarchien und Gesellschaftsstrukturen wurden hinterfragt. Auch die Autorit\u00e4t der Kirche war durch die \u201eBabylonische Gefangenschaft\u201c der P\u00e4pste in Avignon (1309-1377) angeschlagen. Petrarca, einer der einflussreichsten Intellektuellen des Jahrhunderts, w\u00e4hnte sich in einem \u201emundus iam senescens\u201c, seine Zeitgenossen erinnerten ihn, \u201eobgleich sie noch zu leben schienen an absto\u00dfende und schreckenerregende Leichname\u201c! Der deutsche Magister Konrad von Megenberg beklagte \u2013 ebenfalls vor der Pest \u2013 den Prestigeverlust der Obrigkeiten sowie die Aufs\u00e4ssigkeit der Studenten. Nicht zuletzt erinnerten sich sensible Gem\u00fcter der d\u00fcsteren Prophezeiungen Joachims von Fiore \u00fcber ein bevorstehendes Strafgericht Gottes. Sie lagen zwar schon anderthalb Jahrhunderte zur\u00fcck und hatten sich bisher nicht bewahrheitet, sch\u00fcrten aber religi\u00f6se \u00c4ngste. Ver\u00e4nderungen lagen in der Luft, wie sie sich bereits nach 1300, symboltr\u00e4chtig genug, im Bereich der Malerei abgezeichnet hatten. Giotto, Duccio, Simone Martini und Ambrogio Lorenzetti (letzterer sollte sp\u00e4ter, zusammen mit seinem Bruder Pietro, der Pest zum Opfer fallen) waren bereits nach dem Urteil der Zeitgenossen aus dem Schatten des Mittelalters getreten, dessen geistige Strukturen vielen pl\u00f6tzlich verachtenswert erschienen.<\/p>\n<p>Der \u201eSchwarze Tod\u201c (der Begriff ist f\u00fcr das 14. Jahrhundert allerdings noch nicht belegt) stellt somit mentalit\u00e4tsgeschichtlich ein interessantes Thema dar. Es \u00fcberrascht nicht, dass die Motive der \u201eBegegnung der drei Lebenden mit den drei Toten\u201c, des \u201eTotentanzes\u201c sowie des \u201eTriumphs des Todes\u201c in Italien bereits in den Drei\u00dfiger- und fr\u00fchen Vierzigerjahren, also ebenfalls vor der Pest auftauchen. Ihr Memento mori mahnte die Besucher von Kirchen und Friedh\u00f6fen in best\u00fcrzender Eindringlichkeit. Selbst als die Pest abgeklungen war, um dann allerdings, wie sich bald zeigte, in gewissen Zeitabst\u00e4nden wiederzukehren (wenn n\u00e4mlich genug j\u00fcngere Menschen herangewachsen und die \u00c4lteren, die w\u00e4hrend fr\u00fcherer Seuchen Resistenzen erworben hatten, verstorben waren), blieb der Tod als skelettierter Reiter, Spielmann, Schnitter, Rattenf\u00e4nger oder verf\u00fchrerischer Musikant pr\u00e4sent, um sich, so die Botschaft, in absehbarer Zeit diesen oder jenen, vielleicht aber auch unz\u00e4hlige gleichzeitig aus der Schar der Lebenden zu holen.<\/p>\n<p>Die von Petrarca skizzierte mentale Krise wurde nach Ausbruch der Pest auf vielf\u00e4ltige Weise best\u00e4tigt. Infolge des Massensterbens schwanden nicht nur Lebensfreude, Hoffnung und pers\u00f6nliche Freiheiten, sondern auch das Urvertrauen in Gott. Wo blieb seine Barmherzigkeit, seine Gerechtigkeit? Hatte er vielleicht doch, wie es die Deisten verk\u00fcndet hatten, die Welt und die Menschen nach ihrer Schaffung sich selbst beziehungsweise \u2013 noch schlimmer \u2013 dem blo\u00dfen Zufall \u00fcberlassen? Das folgende Gedicht \u201eAd se ipsum\u201c entstand unmittelbar nach 1348. Es bezeugt die Krise eines Intellektuellen, der den Eindruck gewonnen hat, dass Philosophie, Poesie und Kunst, aber auch die Theologie angesichts der t\u00f6dlichen Herausforderung keine ausreichenden Lebenshilfen darstellen und das Schicksal mit Gebeten und Prozessionen nicht zu beeinflussen sei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wehe mir, was mu\u00df ich erdulden?<\/p>\n<p>Welch heftige Qual steht<\/p>\n<p>Durch das Schicksal mir bevor?<\/p>\n<p>Ich seh` eine Zeit, wo die Welt<\/p>\n<p>sich rasend ihrem Ende n\u00e4hert,<\/p>\n<p>um mich herum in Scharen,<\/p>\n<p>Jung und Alt dahinsterben.<\/p>\n<p>Kein sicherer Ort bleibt mehr,<\/p>\n<p>kein Hafen tut sich<\/p>\n<p>auf der ganzen Welt mir auf.<\/p>\n<p>Es gibt, wie es scheint, keine Hoffnung<\/p>\n<p>auf die ersehnte Rettung.<\/p>\n<p>Unz\u00e4hlige Leichenz\u00fcge seh` ich nur,<\/p>\n<p>wohin ich angstvoll die Augen wende,<\/p>\n<p>und sie verwirren meinen Blick.<\/p>\n<p>Die Kirchen hallen vom Klagen wider<\/p>\n<p>und sind gef\u00fcllt mit Bahren.<\/p>\n<p>Ehrlos liegen die Vornehmen<\/p>\n<p>tot neben dem gemeinen Volk.<\/p>\n<p>An die letzte Stunde denkt die Seele.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das dramatische Poem verr\u00e4t das Dilemma des \u201eersten modernen Menschen\u201c (Renan), der M\u00fche hatte, seine Erfahrungen zu ordnen. Hier zeigte sich ein neuer Subjektivismus, der Gesellschafts- und Kirchenkritik einschloss. Kein Wunder, dass im 14. Jahrhundert auch Autobiographien in Mode kamen. Petrarca, aber auch Karl IV., dessen neu errichtete Residenz in Prag samt der im Pestjahr gegr\u00fcndeten Universit\u00e4t zun\u00e4chst \u2013 merkw\u00fcrdig genug \u2013 von der Seuche verschont blieb, boten erste Beispiele. Wie zuletzt in der Antike bl\u00fchte zudem die Briefkultur auf. Man teilte pers\u00f6nlichste Gef\u00fchle und Empfindungen mit, die der Empf\u00e4nger, im Idealfall eine humanistisch gebildete Pers\u00f6nlichkeit auf ad\u00e4quatem intellektuellem Niveau, beantwortete. Dass man solche Briefe \u2013 nicht ohne Eitelkeit \u2013 f\u00fcr die Nachwelt (\u201eposteritati\u201c) aufbewahrte beziehungsweise in der Regel mehrfach kopierte geh\u00f6rte zum neuen intellektuellen Selbstbewusstsein.<\/p>\n<p>Selbst jahrelange \u00dcbungen in der \u201ears moriendi\u201c (die im christlichen Mittelalter Teil der \u201ears vivendi\u201c war) boten angesichts der Pest keinen Schutz. Wie sollte man es sich auch erkl\u00e4ren, dass \u201eGute\u201c und \u201eFromme\u201c oft qualvoll starben und \u201eB\u00f6se\u201c verschont wurden? Petrarca stellte die naheliegende Frage, ob und warum er und seine Zeitgenossen (\u201eausgerechnet wir\u201c) auch f\u00fcr die S\u00fcnden fr\u00fcherer Generationen b\u00fc\u00dfen mussten, die ja von vergleichbaren Strafen verschont geblieben waren. Konnte Gott so hart, ja \u2013 zwischen den Zeilen wurde es deutlich \u2013 so ungerecht sein?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von ihrer religi\u00f6sen und existentiellen Dimension abgesehen legte die Pest viele weitere Fragen nahe. Warum wurde beispielsweise Neapel erst im Mai 1348 heimgesucht, w\u00e4hrend vergleichbare Hafenst\u00e4dte wie Genua, Pisa oder Venedig schon im vorausgehenden Winter dezimiert worden waren? Auch dass die Ausbreitung der Seuche f\u00fcr dieselbe Entfernung einmal drei Wochen, ein andermal nur drei Tage in Anspruch nahm, blieb r\u00e4tselhaft. Es fiel auch auf, dass sie an verschiedenen Orten eine unterschiedliche Intensit\u00e4t zeigte, etwa in England st\u00e4rker w\u00fctete als in B\u00f6hmen, in der Toskana mehr auf der Peloponnes. Zahlreiche Pestchroniken, die im 14. Jahrhundert in Italien nicht selten ein hohes, ja literarisches Niveau erreichten, widerspiegelten in der Regel Beobachtungen aus dem Alltag, aber auch uralte Katastrophen-Topoi, die letztlich auf den Athener Thukydides zur\u00fcckgingen. Die Umwelt reagierte \u2013 in der Regel nach kurzem Z\u00f6gern \u2013 hart, n\u00e4mlich mit dem Ausschluss der Infizierten aus der Gemeinschaft. Die psychologische Situation gestaltete sich dramatisch. Ein Drittel der Einwohner von Florenz, Venedig, Genua und Paris d\u00fcrfte innerhalb weniger Monate umgekommen sein. \u00c4hnliche Verlustziffern gab es noch 1350 in Schottland, wo der Chronist John von Fordun die \u00dcberzeugung \u00e4u\u00dferte, dass \u201eseit der Erschaffung der Welt bis in unsere Zeiten\u201c keine Seuche mit solch \u201egrausamer Hartherzigkeit\u201c zugeschlagen habe. Europa erschien \u2013 von Sizilien bis in den Norden \u2013 paralysiert, wobei der Handel freilich nie ganz zum Erliegen kam (nur in den unmittelbar betroffenen Kommunen gab es passagere Einbr\u00fcche) und das Pilgerwesen im \u201eHeiligen Jahr\u201c 1350 sogar einen Aufschwung erfuhr! Verm\u00f6gen und Reichtum erwiesen sich dabei nur insofern als St\u00fctze, als Wohlhabenden die Flucht auf ihre Landg\u00fcter m\u00f6glich war. Dass, wie Petrarca zu erkennen glaubte, Vornehme wie Arme im Tod ein gemeinsames Schicksal ereilte, ersch\u00fctterte nicht nur die Eliten. Viele Menschen starben, ob arm oder reich, alleingelassen, ohne Trost, ohne Familie, ohne Priester, wie nicht zuletzt Boccaccio best\u00e4tigt, der im Vorwort des \u201eDecamerone\u201c den bekanntesten Zeugenbericht \u00fcber die Pest von 1348 verfasst hat.<\/p>\n<p>Einsames Sterben \u2013 man muss sich das immer wieder vergegenw\u00e4rtigen \u2013 war im Mittelalter ganz und gar ungew\u00f6hnlich. Schlimmeres konnte dem Durchschnittsmenschen kaum zusto\u00dfen. Wie bei der gef\u00fcrchteten \u201emors improvisa\u201c, dem unvorbereiteten Tod, drohte ein seelisch qualvoller Sterbeprozess \u2013 ohne sakramentalen Beistand eines Priesters und die Tr\u00f6stung durch Angeh\u00f6rige! Auf dem Spiel stand nicht weniger als das Seelenheil. Langdauernde Qualen im Fegefeuer, ja ewige H\u00f6llenpein waren nicht auszuschlie\u00dfen, und nur in Ausnahmesituation, etwa auf dem H\u00f6hepunkt einer Pestwelle, gestand die Kirche, wenn Geistliche fehlten, den Verzicht auf Beichte, Kommunion und letzte \u00d6lung zu (in solchen F\u00e4llen erhielten etwa in England, wie im Januar 1349 der Bischof von Bath verk\u00fcnden lie\u00df, auch Laien, darunter Frauen, die Absolutionsvollmacht!).<\/p>\n<p>F\u00fcr die meisten gab es im Grunde nur einen effektiven Weg der Rettung: Bu\u00dfe und Gebete, Prozessionen und Gel\u00f6bnisse. Wer noch gesund war, begann nicht selten Bu\u00df\u00fcbungen und Selbstgei\u00dfelungen durchzuf\u00fchren. Interessanterweise lag der H\u00f6hepunkt der bekannten Gei\u00dflerbewegung ebenfalls schon vor der Pest. Auch dieses d\u00fcstere Ph\u00e4nomen, das noch Ingmar Bergmann in seinem Film \u201eDas siebente Siegel\u201c so eindrucksvoll dargestellt hat, unterstreicht, wie schon die Jahre vor 1348 als Krisenperiode empfunden wurde! Die drohende Verdammnis war auch das Thema von Bu\u00dfpredigern wie Jacopo Passavanti, der unter dem Einfluss der Pest zur Einkehr mahnte und Maler wie Andrea da Firenze beeinflusste, der zwischen 1366 und 1368 die Spanische Kapelle von Santa Maria Novella in Florenz mit Szenen ausschm\u00fcckte, die demonstrativ die alte Hierarchie des Mittelalters verherrlichten.<\/p>\n<p>W\u00fcnschte der Kranke sein Testament zu machen, war dies ebenfalls schwierig, da sich auch Notare \u2013 wer h\u00e4tte es ihnen \u00fcbelnehmen k\u00f6nnen! \u2013 wie \u00c4rzte und Geistliche h\u00e4ufig ihrer Verpflichtung entzogen. Der Bericht des Sizilianers Michele da Piazza traf auf viele italienische St\u00e4dte zu: \u201ePriester und Notare weigerten sich, in die H\u00e4user zu gehen. Betrat einer von ihnen dennoch ein Haus, um ein Testament oder dergleichen aufzusetzen, konnte auch er dem baldigen Tod nicht entkommen. Die Minderbr\u00fcder, Dominikaner und anderen Ordensleute, die in die Wohnungen solcher Kranker gingen, damit diese ihnen ihre S\u00fcnden beichten und durch Reue der g\u00f6ttlichen Gerechtigkeit teilhaftig werden konnten, raffte selbst ein br\u00fcsker Tod hinweg, so dass einige gleich in den Sterbezimmern zur\u00fcckblieben. Als die Leichen verlassen in den Wohnungen lagen, wagte es kein Priester, Sohn, Vater oder Verwandter hineinzugehen. Man bezahlte vielmehr Dienstleuten einen nicht geringen Lohn, damit diese die Toten zum Begr\u00e4bnis brachten.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie zum Trotz scheinen angesichts der Gefahr Genusssucht und Sinnesfreunde vielerorts zugenommen zu haben, freilich in typischen Abstufungen. Boccaccio berichtet: \u201eManche dachten durch eine ma\u00dfvolle Lebensweise und dadurch, dass sie sich vor jeglichem \u00dcberfluss h\u00fcteten, ihre Widerstandskraft gegen diese Seuche st\u00e4rken zu k\u00f6nnen. Sie taten sich in Gruppen zusammen und lebten von jedem andern abgesondert, versammelten und schlossen sich in H\u00e4usern ein, wo kein Kranker war, und, um besser \u00fcberleben zu k\u00f6nnen, genossen sie mit Ma\u00df die k\u00f6stlichsten Speisen und besten Weine, mieden aber jede Schwelgerei. Ohne sich von jemandem sprechen zu lassen oder Nachrichten von au\u00dferhalb \u00fcber einen Todesfall oder kranke Menschen h\u00f6ren zu wollen, verbrachten sie ihre Zeit mit allen m\u00f6glichen Vergn\u00fcgungen.\u201c<\/p>\n<p>Ihnen stellte der Autor des \u201eDecamerone\u201c, der bekanntlich in einem solchen Umfeld \u2013 in einer Villa bei Florenz \u2013 entstand, die Schwelger und Prasser gegen\u00fcber, die ihre Angst vor dem Tod durch Trunk und Ausschweifungen zu vertreiben suchten: \u201eAndere vertraten die gegenteilige Auffassung und versicherten, die sicherste Medizin bei einem solchen \u00dcbel sei reichlich zu trinken, zu genie\u00dfen, singend und scherzend umherzuziehen, jeglicher Begierde, wo es nur m\u00f6glich sei, zu gen\u00fcgen und \u00fcber das, was kommen werde, zu lachen und zu spotten. Und so wie sie es sagten, verhielten sie sich auch, soweit es ihnen m\u00f6glich war.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich vertraten viele \u00c4rzte die Auffassung, dass die psychische Disposition die Prognose einer Erkrankung entscheidend beeinflussen kann. Es galt, vereinfacht ausgedr\u00fcckt, als vorteilhaft, vergn\u00fcgt zu sein. Noch 1580 betonte der Paduaner Medizinprofessor Mercuriale, dass man durch Musik, Zuversicht, Freude und Heiterkeit erreichen kann, \u201edass Geist und K\u00f6rper kr\u00e4ftiger gegen die Krankheit der Pest ank\u00e4mpfen\u201c. Entsprechend mahnte Siegmund Albich (1347-1427), der Leibarzt des b\u00f6hmischen K\u00f6nigs und renommierte Professor an der kurz zuvor von Karl IV. gegr\u00fcndeten Prager Universit\u00e4t, \u201evon der Pest weder zu sprechen noch an sie zu denken, da allein schon die Angst vor der Seuche, die Einbildung und das Reden von ihr den Menschen pestkrank machen.\u201c<\/p>\n<p>Auch die Beerdigungsrituale \u00e4nderten sich. Aus Angst vor einer Ansteckung gingen, wie Boccaccio bemerkte, selten \u201emehr als zehn oder zw\u00f6lf Nachbarn zur Kirche mit\u201c. Da die \u201egeweihte Erde\u201c bald belegt war, wurden \u201egro\u00dfe Gr\u00e4ben ausgehoben\u201c und \u201eNeuverstorbene zu Hunderten hineingelegt, schichtweise, wie im Schiffsraum die Waren\u201c. Es war zudem nicht zu vermeiden, dass in der t\u00e4glichen Pflege die \u00fcblichen Schamgrenzen fielen. Selbst \u201eehrbare Frauen\u201c hatten, wie Boccaccio monierte, kaum Hemmungen, \u201esich von einem Mann, war er nun jung oder alt, bedienen zu lassen und ihm gegen\u00fcber, wenn es nur die Notlage der Krankheit erforderte, ohne Bedenken jeden Teil ihres K\u00f6rpers zu entbl\u00f6\u00dfen. Um die Einwohnerschaft nicht zu sehr zu deprimieren, verbot die Regierung schlie\u00dflich auch das L\u00e4uten der Sterbeglocken, \u201eweil die Erkrankten die Glocken h\u00f6ren konnten und Gesunde wie Kranke dar\u00fcber in Best\u00fcrzung gerieten\u201c. Selbst engsten Familienangeh\u00f6rigen wurde das Tragen von Trauerkleidern, wie noch 1576 in Venedig, nur wenige Tage erlaubt!<\/p>\n<p>Die Lungenpest, die durch Ausatmung und durch Sprechen, das hei\u00dft durch Tr\u00f6pfcheninfektion \u00fcbertragen wurde, hatte, ohne dass man diese Zusammenh\u00e4nge nat\u00fcrlich kannte, zur Folge, dass die Kranken oft innerhalb eines Tages starben. \u201eWie viele tatkr\u00e4ftige M\u00e4nner, wie viele sch\u00f6ne Frauen, wie viele anmutige J\u00fcnglinge, denen, von anderen zu schweigen, Galen, Hippokrates und \u00c4skulap eine bl\u00fchende Gesundheit bescheinigt h\u00e4tten, speisten am Morgen mit ihren Verwandten, Gesellen und Freunden, um am folgenden Abend in der anderen Welt mit ihren Vorfahren zu tafeln\u201c, klagte Boccaccio. Das war kein literarischer Topos, sondern, sehen wir vom letzten Teil der \u201eBeobachtung\u201c ab, t\u00e4glich zu beobachten.<\/p>\n<p>Den \u201enormalen\u201c Ansteckungsmodus kennen wir erst seit etwa hundert Jahren. Da zu Beginn einer Pestepidemie die \u201enat\u00fcrlichen\u201c Wirte des Pestflohs, vor allem Ratten und M\u00e4use starben, fanden die Fl\u00f6he im Menschen einen Ersatzwirt. Durch Biss wurde ein Bazillus (\u201eYersinia pestis\u201c wurde 1895 von Alexandre Yersin in Hongkong entdeckt) in die menschliche Blut- beziehungsweise Lymphbahn injiziert. War die Widerstandskraft stark genug, blockierten die regionalen Lymphknoten seine Ausbreitung. Sie schwollen an und platzten, was f\u00fcr die Umgebung h\u00f6chste Infektionsgefahr bedeutete, f\u00fcr den Betroffenen dagegen eine reelle \u00dcberlebenschance. Bei schwacher Abwehr breitete sich der Pesterreger dagegen weiter im K\u00f6rper aus, es kam zur \u201eSepsis\u201c, wobei mehrere Organe gesch\u00e4digt wurden (nicht zuletzt die Alveolen der Lungen, was wiederum zur \u201esekund\u00e4ren\u201c Lungenpest f\u00fchrte). Charakteristisch waren vor allem Hautunterblutungen und geschwollene Lymphknoten (\u201eBeulen\u201c). Der Patient starb in der Regel nach drei bis vier Tagen. Auch die Leiche war nat\u00fcrlich hochinfekti\u00f6s.<\/p>\n<p>Viele Chronisten bezeugten auch eine Zunahme der Kriminalit\u00e4t. Nicht selten raubte man selbst Sterbende aus, deren H\u00e4user von Angeh\u00f6rigen verlassen waren. Nervenstarken Zeitgenossen gelang es allerdings auch, w\u00e4hrend der Pest auf legale Weise reich zu werden. So eskalierte angesichts des gro\u00dfen Bedarfs an Totenkerzen der Wachspreis, der in Florenz staatlich reguliert werden musste. Apotheker priesen Wunderpillen an, und Totengr\u00e4ber versetzten zu H\u00f6chstpreisen gebrauchte Bahren, Decken und Kissen. Zucker, Eier und H\u00fchner, deren Fleisch, in der Suppe pr\u00e4sentiert, als Prophylaktikum galt, wurden \u201ema\u00dflos teuer\u201c. Die ungebrauchte Leichenbekleidung einer Frau kostete vor 1348 etwa drei Florin. W\u00e4hrend der Pest schnellte der Preis, wie der Chronist Marchionne di Coppo ausf\u00fchrt, auf drei\u00dfig Florin hoch \u201eund w\u00e4re noch weiter auf hundert Florin gestiegen, h\u00e4tte man nicht aufgeh\u00f6rt, die Toten \u00fcberhaupt zu bekleiden\u201c.<\/p>\n<p>Allerdings gab es auch Zeitgenossen, die, wie der Florentiner Chronist Matteo Villani bezeugt (er erlag sp\u00e4ter selbst der Pest), sich allen Gefahren zum Trotz mutig um Kranke und Sterbende k\u00fcmmerten. Viele Konvente wurden dezimiert, weil die M\u00f6nche und Nonnen nicht die Flucht ergriffen hatten. In zahllosen Pesthospit\u00e4lern \u00fcbernahmen Mitglieder von Pflegeorden aus christlicher N\u00e4chstenliebe die Krankenf\u00fcrsorge. Jean de Venette berichtet, wie sich in Paris Mitglieder verschiedener Orden in der Pflege verausgabten und, nachdem sie gestorben waren, sofort durch Freiwillige erg\u00e4nzt wurde. Besonders die Nonnen des H\u00f4tel-de-Dieu sollen gro\u00dfen Mut gezeigt haben: \u201eDie heiligen Schwestern\u2026 pflegten die Kranken mit aller Zuneigung und verga\u00dfen ihre Angst.\u201c Im Sommer 1348 brachte man t\u00e4glich 500 Leichen vom H\u00f4tel-de-Dieu zum Begr\u00e4bnis auf den Friedhof SS. Innocents. Im Florentiner Dominikanerkonvent von Santa Maria Novella, wo Boccaccio die Rahmenbehandlung des Decamerone beginnen l\u00e4sst, kamen von 130 Br\u00fcdern 80 um. Konsterniert stellte der f\u00fcr die Eintragungen ins Totenbuch zust\u00e4ndige Fra Paolo Bilenchi fest: \u201eM\u00f6ge der Nachwelt dieses Ereignis nicht wie eine Sage aus dem Volk erscheinen.\u201c Auch in Venedig wurden ganze Orden ausgel\u00f6scht, deren Mitglieder sich \u2013 durch das biblisch begr\u00fcndete Gebot der Barmherzigkeit (Mt 25) motiviert \u2013 der Krankenpflege verschrieben hatten. Die Scuola della Carit\u00e0 beklagte unter ihren Mitgliedern \u00fcber 300 Opfer. Viele Menschen zeigten sich mutiger und nervenst\u00e4rker als zu normalen Zeiten. Jedenfalls verzweifelte ein Mann wie Agnolo di Tura, Autor des Chronicon Senense, angesichts des Todes seiner f\u00fcnf Kinder nicht, sondern begrub sie \u201emit eigenen H\u00e4nden in einer Grube\u201c! Mit der Gefahr wuchs offensichtlich \u2013 frei nach H\u00f6lderlins Diktum \u2013 auch die Kraft, sich mit dem Ungl\u00fcck zu arrangieren!<\/p>\n<p>Hinsichtlich des menschlichen Umgangs mit dem eigenen Leiden und Sterben, aber auch dem Schicksal anderer stellte das Jahr 1348 eine Umbruchszeit dar, in welcher, wie ausgef\u00fchrt, das Weltbild des mittelalterlichen Ordo nachhaltig ersch\u00fcttert wurde. Die Einf\u00fchrung der Gewichtsr\u00e4deruhr, die bereits Dante erw\u00e4hnte, und der \u00f6ffentlichen Turmuhr (durch Richard von Wallingford in England beziehungsweise Giovanni Dondi in Italien) sowie die Erfindung der Kanone, mit deren Hilfe man \u2013 durch dosierte Schwarzpulverexplosionen \u2013 Kugeln weiter schleudern konnte als jeden Pfeil mit dem Bogen (sie bedeutet das Ende der mittelalterlichen Ritterkultur, die nur noch in der Turniertradition \u00fcberlebte), versch\u00e4rften das mentale Chaos. Die neuen Wunderwerke \u2013 Glocken- und Kanonengu\u00df entwickelten sich bezeichnenderweise parallell \u2013 sch\u00e4rften das Bewusstsein f\u00fcr die Begrenztheit menschlichen Lebens. Das eher zyklische Weltbild des Mittelalters wurde von \u201elinearen\u201c Zeitkonzeptionen abgel\u00f6st, herk\u00f6mmliche Zeitmessungen mit Wasser- und Sanduhren, gekerbten Kerzen oder nach dem Stand der Gestirne verloren deshalb \u2013 von der Seefahrt abgesehen \u2013 an Bedeutung. \u201eDas Konzeptionsjahr des Menschen der Neuzeit war das Jahr 1348, das Jahr des Schwarzen Todes\u201c, schrieb Egon Friedell in seiner \u201cKulturgeschichte der Neuzeit\u201c (1932), eine Ansicht, die in der Folgezeit von zahlreichen Historikern geteilt wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>V.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Leser wird bisher das bekannteste Begleitph\u00e4nomen der Pest von 1348 vermisst haben: die Anschuldigung, Verfolgung und Ermordung von Juden in Speyer, Worms, Mainz, Esslingen, Heilbronn, Stra\u00dfburg, Basel, Konstanz, Solothurn, W\u00fcrzburg, Mainz, Eger, Krems und anderen St\u00e4dten des deutschen Sprachraums. Die vielf\u00e4ltigen Gr\u00fcnde und die Dramatik dieser Pogrome, die von 1348 bis 1351 f\u00fcr viele St\u00e4dte n\u00f6rdlich der Alpen, nicht aber zum Beispiel Italiens charakteristisch waren, w\u00fcrden es rechtfertigen, sie in einem gesonderten Vortrag abzuhandeln, zumal sie nie w\u00e4hrend der Epidemien stattfanden, sondern ausschlie\u00dflich in Intervallzeiten. Ber\u00fcchtigt war der Vorwurf der \u201eBrunnenvergiftung\u201c.<\/p>\n<p>In W\u00fcrzburg, um nur ein Beispiel zu erw\u00e4hnen, notierte der Kanoniker Michael de Leone: \u201eAls die Bewohner schlie\u00dflich die dortigen Juden, weil sie auf verbrecherische Weise die Christen vergiftet hatten (die Ruchlosen hatten dies immer wieder wirklich getan!), nicht mehr ertragen konnten, z\u00fcndeten die Juden mit eigener Hand ihre H\u00e4user an und verbrannten sich selbst mit ihrer Habe, nachdem sie durch ein Sondergericht wegen ihrer Verbrechen zum Tode verurteilt worden waren\u2026 Alle, die im Feuer zusammengedr\u00e4ngt waren, riefen Adonay. Ihre Ruchlosigkeit hatten sie durch die Vergiftung der Brunnen bewiesen. Deshalb war ihr Leben verwirkt, und der Marktplatz von W\u00fcrzburg war Schauplatz ihrer Qualen\u201c.<\/p>\n<p>Die ersten Beschuldigungen kamen aus Savoyen, wo ein j\u00fcdischer Arzt unter der Folter \u201egestand\u201c, ein Glaubensbruder aus Toledo habe von Chamb\u00e9ry aus Giftbeutel in viele St\u00e4dte Europas verschickt. Gegen den Protest von Papst Clemens VI. (ein Faktum, das heute weitgehend unbekannt ist, da die mittelalterliche Judenverfolgung \u2013 zumindest seit dem 19. Jahrhundert und dann wieder nach dem Zweiten Weltkrieg \u2013 fast klischeehaft der katholischen Kirche angelastet wird) wurden zun\u00e4chst im Arelat und Teilen S\u00fcdfrankreichs Verfolgungen eingeleitet. Kritische Stimmen fehlten nicht, auch in Deutschland, wo Konrad von Megenberg auffiel, dass in Wien besonders viele Juden Opfer der Seuche waren, sodass sie \u201eihren Friedhof in gro\u00dfem Umfang erweitern mussten\u201c. Der Domherr bemerkte mit stringenter Logik: \u201eSie w\u00e4ren recht dumm gewesen, sich selbst zu vergiften\u201c. \u00c4hnlich argumentierte der Papst in Avignon. Er verbot in einer Bulle vom 26. September 1348, Juden auszupl\u00fcndern, gewaltsam zu bekehren und ohne Gerichtsverfahren zu t\u00f6ten.<\/p>\n<p>Unterschwellig stellte sicher auch die Liturgie der Karwoche ein Movens dar. Einem Pogrom in Eger ging an einem Gr\u00fcndonnerstag die Predigt eines Franziskaners \u00fcber die Leidensgeschichte Christi voraus, in Meiningen wurden Juden am Karfreitag get\u00f6tet. Gef\u00e4hrlich waren Festtage auch deshalb, weil sich das Volk in gr\u00f6\u00dferer Menge traf und nach der Messe gefeiert und getrunken wurde. Zudem wurden Schauergeschichten verbreitet, etwa dass in Fulda ein Jude einen Abt \u00fcberfallen habe. Die Verfolgung und Ermordung vieler Juden war die grausamste Begleiterscheinung der Pest, obgleich sie nicht zum Pestalltag geh\u00f6rten.<\/p>\n<p>Objektiv versetzte der \u201eSchwarze Tod\u201c zwischen 1347 und 1352 der sp\u00e4tmittelalterlichen Aristokratie, die schon Ende des 13. Jahrhunderts Machteinbu\u00dfen erlitten hatte, zumindest in zahlreichen toskanischen St\u00e4dten den Todessto\u00df. Handwerker und Z\u00fcnfte schwangen sich zur neuen Politik wie Kultur bestimmenden Schicht auf. Die alte Kaufmannsschicht, zu der etwa die Villani geh\u00f6rten, verlor an Einfluss. Die sozialen Umw\u00e4lzungen hatten allerdings bereits vor der Pest eingesetzt. Die Acciaiuoli, Bardi und Peruzzi \u2013 letztere wurden als Auftraggeber Giottos unsterblich \u2013 verschwanden in Florenz von der B\u00fchne. Auch der sp\u00e4tere Aufstieg der Medici w\u00e4re ohne die gro\u00dfe Seuchenkatastrophe des vorhergehenden Jahrhunderts wohl undenkbar gewesen.<\/p>\n<p>Es spricht leider wenig daf\u00fcr, um am Ende eine Bemerkung zu geben, dass die aufgekl\u00e4rte Gesellschaft des 21. Jahrhunderts in einer vergleichbaren Situation humaner reagieren w\u00fcrde. Die \u00c4ngste, ja Massenpsychosen, die allein in den letzten Jahren im Umgang mit Aids und der Vogel- beziehungsweise Schweinegrippe manifest wurden, verhei\u00dfen wenig Gutes. Besonders beunruhigend ist, dass Virologen und Bakteriologen weltweit der Meinung sind, dass eine umfassende, f\u00fcr Millionen lebensgef\u00e4hrliche Epidemie, wie sie zuletzt die \u201eSpanische Grippe\u201c (1919\/20) darstellte, aber eben auch einst die Pest von 1348, l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig ist!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Die \u201ePest von 1348\u201c, die Europa zwischen 1346 und 1352 von der Krim \u00fcber Konstantinopel, S\u00fcd- und Mitteleuropa bis nach Skandinavien, Island und Gr\u00f6nland \u00fcberrollte, war zweifellos eines der einschneidensten und pr\u00e4gendsten Ereignisse der europ\u00e4ischen Geschichte. Die Zahl der Opfer \u00fcbertraf nicht nur s\u00e4mtliche aus dem Mittelalter bekannten Seuchen. 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