{"id":125201,"date":"2026-06-19T09:40:29","date_gmt":"2026-06-19T07:40:29","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=125201"},"modified":"2026-06-19T09:40:35","modified_gmt":"2026-06-19T07:40:35","slug":"wartet-nicht-auf-die-zeit-die-zeit-wartet-nicht-auf-euch-caterina-von-siena-mystik-und-kirchenreform","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/wartet-nicht-auf-die-zeit-die-zeit-wartet-nicht-auf-euch-caterina-von-siena-mystik-und-kirchenreform\/","title":{"rendered":"\u201eWartet nicht auf die Zeit \u2013 die Zeit wartet nicht auf Euch!\u201c"},"content":{"rendered":"<p>\u201eWartet nicht auf die Zeit \u2013 die Zeit wartet nicht auf Euch\u201c \u2013 dieser Satz kehrt in Caterinas Briefen mehrfach wieder. \u201eZeit\u201c ist etwas Kostbares, nicht nur wegen der Begrenztheit des irdischen Lebens, sondern weil sie die Gestalt des Kairos annehmen kann: Sie soll gen\u00fctzt, mit dem paulinischen Wort \u201eausgekauft\u201c werden (Eph 5,16). Charakteristisch f\u00fcr die Spiritualit\u00e4t Caterinas ist die hohe Bedeutung, die sie dem Willen des Menschen und seinen Entscheidungen beimisst. Sie ist \u00fcberzeugt, dass von jedem Einzelnen \u2013 ob gering oder bedeutend in der Weltgeschichte \u2013 vieles abh\u00e4ngt. Denn selbst wenn jemand mit all seinem guten Willen nach au\u00dfen hin nichts ausrichtete, so w\u00fcrde er doch viel bewirken, indem er selbst gut ist. Treffend hat Rainer M. Rilke Caterina einmal \u201edas Gewissen ihrer Zeit\u201c genannt. Um das sein zu k\u00f6nnen, muss jemand einen wachen Blick f\u00fcr die eigene Zeit haben \u2013 darf aber nicht g\u00e4nzlich ein Kind der eigenen Zeit sein, sondern muss noch andere Quellen oder Wurzeln haben, aus denen sich sein Urteil speist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Quellen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Will man sich mit der \u201eMystikerin und Kirchenreformerin\u201c aus Siena besch\u00e4ftigen, so kann man sich auf zahlreiche Quellen st\u00fctzen: Caterinas eigene Werke und Zeugnisse ihrer Zeitgenossen. Unter den fr\u00fchesten Lebensbeschreibungen ragt die \u201eLegenda maior\u201c (LM) des Raimund von Capua hervor, Beichtvater und kongenialer Mitstreiter Caterinas. Raimund stammte aus der ber\u00fchmten Familie delle Vigne, war ein ausgezeichnet gebildeter Theologe und sollte 1380 Generalmagister des Dominikanerordens werden. Er begann die Vita f\u00fcnf Jahre nach Caterinas Tod und schloss sie zehn Jahre sp\u00e4ter ab. Zu dieser Zeit war Caterinas Mutter noch am Leben, ebenso wie die meisten anderen Weggef\u00e4hrten und Mitschwestern. Raimund will nicht nur eine erbauliche Vita schreiben, sondern reflektiert sein eigenes historiographisches Vorgehen und gibt in jedem Abschnitt die Gew\u00e4hrsleute f\u00fcr das jeweils berichtete Ereignis an, sofern er nicht selbst direkt Zeuge war.<\/p>\n<p>Um den Inhalt dieses recht umfangreichen Buches leichter zug\u00e4nglich zu machen, verfasste ein weiterer Dominikaner, Tommaso Caffarini, eine Kurzfassung (\u201eLegenda minor\u201c), in die er aber auch Material einf\u00fcgte, das nicht in die LM aufgenommen worden war. Dazu kommen Aufzeichnungen von Zeitgenossen und Augenzeugen, die unabh\u00e4ngig von den beiden Viten sind, etwa die \u201eMiracoli\u201c, die ein unbekannter Florentiner B\u00fcrger 1374 aufschrieb, nachdem er Caterina pers\u00f6nlich kennengelernt hatte, oder die \u201eErinnerungen\u201c des Sieneser Notars Cristofano di Gano Guidini. Im \u201eProzess von Castello\u201c (1411-1416), dem Informativ-Prozess zur Vorbereitung der Kanonisation, liegen beeidete Aussagen von Zeitgenossen vor. Weitere Dokumente, zum Beispiel offizielle p\u00e4pstliche Schreiben, werfen Licht auf die konkreten Umst\u00e4nde des Lebens Caterinas.<\/p>\n<p>Die Schriften Caterinas, Briefe, der \u201eDialogus\u201c und die Gebete, wurden zum gr\u00f6\u00dften Teil diktiert, nat\u00fcrlich in ihrer toskanischen Muttersprache \u2013 zuweilen, wie glaubw\u00fcrdig von mehreren Personen geschildert wird, zwei oder drei Sekret\u00e4ren gleichzeitig verschiedene Schreiben! Der \u201eDialog \u00fcber die Vorsehung Gottes\u201c ist nach Caterinas eigener Aussage ihr Verm\u00e4chtnis. Sie hatte das Buch im Zeitraum etwa eines Jahres diktiert, Herbst 1377 bis Oktober 1378, und zwar weite Teile im Zustand besonders intensiven Gebetes. Es handelt sich inhaltlich um ein Zwiegespr\u00e4ch zwischen Gott Vater und Caterina, die ihm ihre dr\u00e4ngendsten Fragen vorlegt: \u00fcber das Heil der Welt, die Zukunft der Kirche, ihre eigene Berufung. Auch Themen fr\u00fcher geschriebener Briefe werden erneut aufgegriffen. Da der Dialog die Theologie Caterinas in konzentrierter Form enth\u00e4lt, war ihr Sch\u00fclerkreis bem\u00fcht, dieses Werk in der ganzen christlichen Welt zu verbreiten; es wurde sogleich ins Lateinische \u00fcbersetzt und geh\u00f6rt zu den am fr\u00fchesten gedruckten B\u00fcchern.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich dem Dialog sind auch laut gesprochene Gebete Caterinas aufgezeichnet worden. Von besonderem historischem Interesse sind die Rubriken, die manche Gebete zeitlich einordnen. So ist etwa eines \u00fcberschrieben: \u201ein der Stadt Genua verrichtet, um Papst Gregor von der Absicht abzubringen, nach Avignon zur\u00fcckzukehren. Er hatte diese Absicht im Konsistorium bereits zum Beschluss erhoben\u201c.<\/p>\n<p>Am bekanntesten sind heute ihre Briefe. Sie schrieb an Gregor XI. und Urban VI., an Kardin\u00e4le und einfache Pfarrpriester, an Politiker, Heerf\u00fchrer und Handwerker, fromme und weniger fromme Frauen, an ihre Br\u00fcder, Mutter, Nichten, Neffen, Ordensleute verschiedener Denominationen. Insgesamt 383 Briefe sind erhalten, die meisten aus den Jahren 1374-1379. Bereits kurz nach Caterinas Tod existierten Sammlungen ihrer Briefe \u2013 einige ihrer Sch\u00fcler und Sekret\u00e4re hatten offenbar vom Stenogramm der abgesandten Briefe Abschriften erstellt, sodass zum Zeitpunkt des Prozesses von Castello schon fast 300 Briefe in H\u00e4nden Tommaso Caffarinis waren. Die Freunde und Sch\u00fcler Caterinas hatte freilich nicht das Bed\u00fcrfnis motiviert, eine l\u00fcckenlose Dokumentation zusammenzustellen, sondern die Briefe als geistliches Verm\u00e4chtnis zu bewahren. Als man begann, das verstreute Material zu sammeln und Abschriften von kleineren Sammlungen zu machen, wurden offenbar Passagen weggelassen, die rein pers\u00f6nlich waren oder als belanglos erachtet wurden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich bedauern wir heute, dass sich die Herausgeber diese Freiheit nahmen, und man hat die Frage gestellt, inwieweit die Briefe den Originalton Caterinas wiedergeben. Ich schlie\u00dfe mich Suzanne Noffke an, einer der besten Kennerinnen der Werke; sie hat die Briefe einer eingehenden sprachlichen Analyse unterzogen und kommt zu dem Urteil: \u201eEs gibt wenig Grund, die Authentizit\u00e4t der Briefe in ihrem wesentlichen Gehalt in Frage zu stellen.\u201c Die Tatsache, dass manche allzu personenbezogenen Bemerkungen getilgt worden sind, l\u00e4sst sich gut mit Gr\u00fcnden der Diskretion erkl\u00e4ren \u2013 immerhin waren viele der ehemaligen Adressaten noch am Leben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Mystikerin und Kirchenreformerin<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun w\u00e4re eigentlich auf den inneren Werdegang Caterinas einzugehen, die Jahre der Kindheit und fr\u00fchen Jugend, die nicht ohne Einfluss auf ihr sp\u00e4teres Apostolat waren; auf den mit mancherlei Schwierigkeiten verbundenen Eintritt bei den Mantellatinnen von Siena und das dominikanische Lebensideal; auf die vier Jahre des zur\u00fcckgezogenen, quasi-eremitischen Bu\u00df-Lebens im elterlichen Haus, wo sie Entscheidendes lernte f\u00fcr die geistliche Begleitung anderer Menschen in den sp\u00e4teren Jahren; und auf den Beginn einer karitativ-apostolischen T\u00e4tigkeit seit etwa 1370. Aus Zeitgr\u00fcnden kann ich nur einige Aspekte herausgreifen.<\/p>\n<p><strong>Mystische Erfahrung und Sendung.<\/strong> Die Zeit des zur\u00fcckgezogenen Lebens wird beendet durch einen Auftrag Christi. Diese Erfahrung wertet Raimund zu Recht als einschneidend; er l\u00e4sst mit dem Bericht dar\u00fcber das zweite Buch der LM beginnen. Nach einer Phase gro\u00dfer innerer Bedr\u00e4ngnis wird Caterina eine geistliche Festigung geschenkt: Christus sagt ihr mit den Worten des Propheten Hosea (Hos 2,20) zu, dass ihr Glaube und damit die Bindung an ihn unversehrt bleiben werde bis zu ihrem Tod. Dieser dauerhafte Bund begr\u00fcndet eine Wirkeinheit zwischen Christus und Caterina. Sie soll in das Werk der Erl\u00f6sung mit einbezogen werden. Darum ist mit der Gnade der \u201egeistlichen Verm\u00e4hlung\u201c \u2013 oft ikonographisch dargestellt \u2013 eine Sendung verbunden; sie soll \u201ehinausgehen\u201c, zun\u00e4chst zu ihrer Familie, dann zu den Menschen von Siena.<\/p>\n<p>Dieser Aspekt war f\u00fcr Caterina zun\u00e4chst eine unangenehme \u00dcberraschung. Raimund schreibt, sie habe sich gewehrt aus Furcht, sie k\u00f6nne in der Welt die Innigkeit der Christus-Beziehung verlieren, habe Einw\u00e4nde vorgebracht, dass sie als Frau sowieso kaum etwas bewirken werde \u2013 \u00fcbrigens die einzige Stelle, wo Caterina einen solcherma\u00dfen begr\u00fcndeten Selbstzweifel \u00e4u\u00dfert \u2013 und m\u00f6glicherweise Ansto\u00df erregen werde (was ja auch tats\u00e4chlich der Fall war). Man muss in der Schilderung dieser Zur\u00fcckhaltung keineswegs nur einen legendarischen Topos erblicken. Caterina war zeit ihres Lebens alles andere als weltfremd und wusste, dass der Einsatz f\u00fcr eine Welt, die im Argen liegt, einiges an Selbstverleugnung und St\u00e4rke verlangt. Da sie jedoch die Sendung als den Willen Christi erkennt, verl\u00e4sst sie ihre Zelle und beginnt ein Leben, in dem Gebet und t\u00e4tige N\u00e4chstenliebe sich verbinden. Bald beginnt sich die \u201efamiglia\u201c zu bilden, eine lose Gruppe von Personen unterschiedlichen Alters und Lebensstandes, die Caterina als ihre geistliche \u201emamma\u201c ansprechen.<\/p>\n<p><strong>R\u00fcckkehr des Papstes.<\/strong> Es blieb nicht beim engen Kreis Sienas. Bald darauf war Caterina unterwegs nach Florenz, Pisa und Lucca, sp\u00e4ter nach Avignon und schlie\u00dflich nach Rom. Jede neuerliche Ausweitung des Wirkungskreises, so beschreibt es die LM, war verkn\u00fcpft mit einer mystischen Erfahrung der Liebe Christi und zugleich einer tieferen Erkenntnis der\u00a0 Heilsbed\u00fcrftigkeit der Welt. Mit dem Heil der Welt ist nun aber die Kirche, als von Christus gewolltes Mittel des Heiles, unl\u00f6sbar verkn\u00fcpft. Caterina spricht in Bildern von der Kirche als \u201eApotheke\u201c, \u201eGasthaus\u201c auf dem Weg zum Himmel, als \u201eBraut\u201c, die \u201eMutter\u201c ist; in ihr werden die Sakramente der S\u00fcndenvergebung und der Eucharistie empfangen, die aus dem Herzen Christi flie\u00dfen. In dieser Dimension ist die Kirche unverletzlich heilig, da sie das, was sie zu geben hat, nicht aus sich selbst besitzt, sondern von Christus empf\u00e4ngt. Aber in ihren Gliedern und all ihren St\u00e4nden bedarf die Kirche der Erneuerung und Bekehrung, um dem Willen Gottes zu entsprechen.<\/p>\n<p>Die notwendige Erneuerung der Kirche, mit der auch die R\u00fcckkehr des Papstes verbunden ist, hat Caterina bereits zu Beginn ihres \u00f6ffentlichen Wirkens bewegt. Seit 1305 residierte der Papst in Avignon. Zwar war der Sitz des Apostolischen Stuhles nie formell dorthin verlegt worden, aber es hatte nur wenig ernsthafte Anstrengungen der P\u00e4pste gegeben, zu den Gr\u00e4bern der Apostelf\u00fcrsten zur\u00fcckzukehren. Die politischen Zust\u00e4nde in Italien lie\u00dfen solch ein Vorhaben auch wenig verlockend erscheinen. Doch f\u00fcr Caterina und viele ihrer Zeitgenossen war \u201eAvignon\u201c der Inbegriff daf\u00fcr, dass sich die Kirche, die nicht von dieser Welt ist, in ihrer Spitze dem Klammergriff der Welt, ja den Interessen der franz\u00f6sischen Krone ergeben hatte. \u201ePatriotische\u201c Gr\u00fcnde spielten f\u00fcr Caterina offenbar keine Rolle, auch wenn sie mit der R\u00fcckkehr des Papstes nat\u00fcrlich auch eine Konsolidierung der politischen und sozialen Zust\u00e4nde erhoffte.<\/p>\n<p>Caterina stand mit Gregor XI. bereits seit dem Fr\u00fchjahr 1374 in Verbindung, wobei die Initiative dazu anscheinend vom Papst selbst ausgegangen war. Gregor war damals Mitte vierzig, ein gut gebildeter und verantwortungsbewusster Kirchenmann, wenngleich nicht sehr entschlossen im Handeln. Es ist durchaus glaubw\u00fcrdig, dass er bereits bei seiner Wahl die Absicht gefasst hatte, nach Rom zur\u00fcckzukehren, was ihm durch verschiedene Umst\u00e4nde schwerfiel \u2013 immerhin hatte es Urban V. schon versucht, aber nur kurze Zeit ausgehalten. Gregor suchte Zeit seines Lebens den Rat geistlicher Menschen und deren Gebet. Caterina berichtet freudig-begeistert in einem Brief vom Palmsonntag 1374 an zwei ihrer Dominikaner-Freunde, dass der Papst \u00fcber den Beichtvater der k\u00fcrzlich verstorbenen Brigitta von Schweden, Alfonso Pecha da Vadaterra, mit ihr Kontakt aufgenommen und sie um ihr Gebet gebeten habe: \u201eDer Heilige Vater richtet nun endlich seine Augen auf die Ehre Gottes und der Kirche!\u201c Wenige Wochen sp\u00e4ter hielt sich Caterina in Florenz auf, wo das Generalkapitel der Dominikaner tagte, und etwa ab der gleichen Zeit ist Raimund von Capua als ihr Seelenf\u00fchrer bezeugt. Die Vermutung liegt nahe, dass sie Verb\u00fcndete suchte und auch tats\u00e4chlich gewann. Der Kontakt mit dem international t\u00e4tigen Predigerorden erm\u00f6glichte ihr zugleich, zuverl\u00e4ssige Kenntnis zu erhalten von Ereignissen und Entwicklungen.<\/p>\n<p>Bereits vor ihrer Reise nach Avignon 1376 hatte Caterina an Gregor mehrere Briefe geschrieben. Der erste erhaltene Brief (dem mindestens einer vorausging), wurde im Januar 1376 abgesandt, angesichts der drohenden Gefahr, dass sich immer mehr italienische St\u00e4dte gegen den Papst auflehnen w\u00fcrden. Im Juli 1375 hatten sich Florenz und Mailand, traditionell Gegner, zu einer antip\u00e4pstlichen Liga zusammengefunden, der sich auf Betreiben des Mail\u00e4nders Bernab\u00f2 Visconti immer mehr italienische St\u00e4dte anschlossen. Obwohl Caterina ihr M\u00f6glichstes tat, um andere St\u00e4dte in der Loyalit\u00e4t zum Papst zu halten, sollten im Dezember 1375 auch Perugia, wenige Wochen sp\u00e4ter Pisa und Lucca und am 20. M\u00e4rz auch Bologna der Liga beitreten.<\/p>\n<p>Die Erbitterung der italienischen St\u00e4dte gegen die Kurie in Avignon war gewaltig angeschwollen; schuld daran war nicht zuletzt das zuweilen unmenschliche Verhalten der \u201ep\u00e4pstlichen Statthalter\u201c in Italien. Caterina schrieb dem Papst nicht nur einmal: \u201eDas \u00fcble Leben dieser Verwalter str\u00f6mt einen Gestank aus! Ihr wisst, Heiliger Vater, dass sie teuflische Menschen sind.\u201c\u00a0 Aber auch die acht Kriegsherren in Florenz, ironisch die \u201eAcht Heiligen\u201c genannt, waren eben keine Heiligen: Die Bulle, in der Gregor XI. der Stadt das Interdikt androhte, wirft der Regierung die grausame Folterung und T\u00f6tung eines M\u00f6nchs, die erzwungene Verletzung des Beichtgeheimnisses, mit Todesfolge, die Pl\u00fcnderung von Kirchen und Kl\u00f6stern, die Einkerkerung eines Bischofs, die Unterst\u00fctzung all derer, die das Patrimonium Petri bedrohten, und eine Anzahl weiterer Vergehen vor. Am 11. Februar 1376 forderte der Papst die Verantwortlichen auf, bis zum 31. M\u00e4rz vor ihm zu erscheinen und sich zu rechtfertigen.<\/p>\n<p>In dieser Lage baten einige besonnene Florentiner Politiker von der Parte guelfa Caterina und Raimund von Capua um ihre Vermittlung beim Apostolischen Stuhl; denn es war bekannt, dass der Papst gro\u00dfe St\u00fccke auf sie hielt. Bereits am 17. Februar reiste Raimund mit einigen Gef\u00e4hrten nach Avignon ab, w\u00e4hrend Caterina in Siena zur\u00fcckblieb. Sie schickte ihnen allerdings ein Empfehlungsschreiben an den Papst nach: \u201eSie kommen im Namen Christi, des Gekreuzigten, und in meinem.\u201c Sie ermutigt den Papst zu St\u00e4rke und Geduld, welche die echte Autorit\u00e4t auszeichnen, und die reuige Umkehr der Florentiner m\u00f6glich machen k\u00f6nne. Doch die offizielle Politik der Stadt Florenz gab kein Zeichen des Einlenkens, und so trat am 31. M\u00e4rz das Interdikt in Kraft. Daraufhin schrieb Caterina einen Brandbrief (Br. 171) an einen der gem\u00e4\u00dfigten Politiker, Niccolo Soderini, und flehte ihn an, all seinen Einfluss geltend zu machen, dass dieser \u201eKrieg gegen den Papst\u201c beendet werde.<\/p>\n<p>Caterina wusste sehr wohl, dass das Interdikt auch schwerwiegende finanzielle und wirtschaftliche Konsequenzen f\u00fcr die Stadt der Bankh\u00e4user nach sich ziehen w\u00fcrde. Doch f\u00fcr sie selbst wog vor allem eines schwer: Durch das Interdikt war die Bev\u00f6lkerung von Florenz von den Sakramenten abgeschnitten. Trennung von der Kirche, von den Sakramenten, ist aber Trennung vom lebenspendenden Haupt, vom geistlichen Lebensstrom. Obwohl Caterina die S\u00fcnden und Vergehen der Florentiner gegen\u00fcber dem Papst zu entschuldigen sucht und keineswegs verkennt, welche schwere Fehler von Seiten der Legaten und sonstiger kirchlicher Repr\u00e4sentanten begangen wurden, so ist dies alles in ihren Augen kein Grund, den Gehorsam gegen\u00fcber der Kirche aufzuk\u00fcndigen. Caterina fand ein sehr treffendes Gleichnis: Wenn jemand ein kostbares Geschenk von seinem geliebten K\u00f6nig erhielte, w\u00fcrde er es nicht zur\u00fcckweisen, nur weil der Bote zerlumpte Kleider anhat. Allerdings w\u00fcrde auch jeder, der den K\u00f6nig achtet, dem Boten soweit wie m\u00f6glich zu angemessener Kleidung verhelfen.<\/p>\n<p>Offensichtlich war es die Zuspitzung der Situation, die unmittelbare geistliche Gefahr, die Caterina bewog, selbst nach Avignon zu reisen. Sie wollte sich pers\u00f6nlich einsetzen f\u00fcr den \u00e4u\u00dferen und den inneren Frieden, f\u00fcr das Heil der Seelen, f\u00fcr die Einigkeit der Kirche unter \u201edem Christus auf Erden\u201c, wie sie den Papst oft bezeichnete. Zwei Tage nach ihrer Ankunft, am 18. Juni 1376, erhielt sie die erste Audienz. Was sie dem Papst vortrug \u2013 Raimund dolmetschte \u2013, l\u00e4sst sich klar aus den vorhergegangenen und noch folgenden Briefen an Gregor erkennen. Ihre Anliegen sind alle miteinander verbunden: Friede mit Florenz, die R\u00fcckkehr des Papstes nach Rom, und die geistliche Reform der Kirche.<\/p>\n<p>Es war die R\u00fcckkehr des Papstes, die als erstes umgesetzt wurde. Nach offenbar mehreren Verz\u00f6gerungen \u2013 mehrere Briefe und zwei von den \u00fcberlieferten Gebeten Caterinas belegen die \u00dcberwindung, die es den Papst gekostet haben muss, und die Energie, die sie selbst aufwenden musste \u2013 schiffte sich Gregor am 13. September 1376 nach Genua ein. Von dort reiste er nach einem l\u00e4ngeren Aufenthalt \u2013 die Kardin\u00e4le suchten ihn offenbar nochmals zur Umkehr zu bewegen \u2013 nach Corneto, das zum Kirchenstaat geh\u00f6rte, und traf am 17. Januar 1377 in Rom ein.<\/p>\n<p>Der Friede mit Florenz dagegen, f\u00fcr den sich Caterina unerm\u00fcdlich einsetzte, sollte erst im Juli 1378, unter dem neuen Papst Urban VI., zustande kommen (detailliert \u00fcber die Umst\u00e4nde: LM III, 6 n.422). Caterina war im Auftrag von Florenz als informelle Vermittlerin nach Avignon gegangen, aber als die offizielle Gesandtschaft eintraf, wollten sie mit ihr nichts zu tun haben, benahmen sich auch dem Papst gegen\u00fcber herausfordernd. Entt\u00e4uschend auch: die beiden italienischen Kardin\u00e4le unterst\u00fctzten Caterina nicht (Br. 101). Dass Caterina bereits geahnt hatte, dass die Florentiner Herren sie m\u00f6glicherweise nur unverbindlich vorschieben wollten, geht aus ihren Briefen hervor. Aber etwas Gutes zu unterlassen, weil es vielleicht hintertrieben werden k\u00f6nnte, war nie Caterinas Sache.<\/p>\n<p><strong>Geistliche Erneuerung der Kirche.<\/strong> Und die Reform der Kirche? Sie blieb das ceterum censeo aller Briefe Caterinas an Gregor XI., wie an dessen Nachfolger Urban VI. Sie sollte eine missionarische und eine innerkirchliche Seite haben: Christus ist f\u00fcr alle Menschen gestorben, und alle sollen der durch ihn erwirkten Gnade teilhaftig werden; diese Gnade wird in der Kirche geschenkt. Die Kirche muss also \u201edas Kreuz aufrichten\u201c, das hei\u00dft die Botschaft von der Erl\u00f6sung den Getauften wie den Nicht-Christen vor Augen f\u00fchren. Diesen Aspekt darf man nicht \u00fcbersehen, will man die eindringlichen Aufrufe Caterinas zum \u201eSanto passaggio\u201c verstehen.<\/p>\n<p>Caterina kannte zum einen die politische Lage im Mittelmeerraum aufgrund ihres Zusammentreffens mit der Gesandtschaft des K\u00f6nigreichs Zypern. Der t\u00fcrkische Expansionswille bedeutete eine ernste Gefahr f\u00fcr christliche Gebiete.\u00a0 Zum andern stand ihr t\u00e4glich die Landplage der marodierenden Banden in Italien vor Augen: Getaufte Christen zerfleischten sich untereinander, ein unertr\u00e4glicher Zustand. Italien war ein Land der \u201econdottieri\u201c geworden, wo sich S\u00f6ldnerheere f\u00fcr Kriege zwischen verfeindeten St\u00e4dten anwerben lie\u00dfen oder sich erpresserisch aufdr\u00e4ngten. Wie viel besser w\u00e4re es, so Caterina, diese Entwurzelten w\u00fcrden sich f\u00fcr ein Ziel einsetzen wie die Wiedergewinnung der heiligen St\u00e4tten und die Abwendung der Gefahr f\u00fcr ihre christlichen Br\u00fcder und Schwestern. Dass der \u201esanto passaggio\u201c f\u00fcr Caterina nicht in erster Linie eine milit\u00e4rische Angelegenheit war, erhellt klar aus der Tatsache, dass sie die Absicht hatte, mit einigen Gef\u00e4hrtinnen mitzuziehen. Durch Gebet und Glaubenszeugnis \u2013 wom\u00f6glich bis zum Martyrium, das Caterina ebenso ersehnte wie 160 Jahre fr\u00fcher Franziskus auf seiner Fahrt ins Heilige Land \u2013 sollten diejenigen, die noch nicht an Christus glauben, mit der Botschaft des Kreuzes bekannt werden. Caterina ist \u00fcberzeugt, dass die Neubekehrten ein gro\u00dfer Gewinn f\u00fcr die Kirche und ihre Erneuerung sein w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Noch eindringlicher sind die Mahnungen zur inneren Reform der Kirche. Caterina hatte in den Jahren 1375\/76 den Aufstand der St\u00e4dte gegen das Papsttum erlebt. Sie sah den Grund daf\u00fcr im Verlust geistlicher Autorit\u00e4t der Kirche. \u201eDer Lehm der irdischen G\u00fcter\u201c, die finanziellen Ressourcen, w\u00fcrden f\u00fcr wichtiger erachtet als \u201edas Gold der geistlichen G\u00fcter\u201c, der Sakramente des Heiles (Br. 209). Caterina hat nach dem Zeugnis Raimunds auch das Schisma als drohende Gefahr vorhergesehen. Die Gefahr auf Dauer bannen w\u00fcrde nur \u201edie Einsetzung heiliger Hirten\u201c und uneigenn\u00fctziger Kardin\u00e4le. Nur dadurch k\u00f6nne das \u00c4rgernis in der \u00d6ffentlichkeit bereinigt und eine Katastrophe bei der k\u00fcnftigen Papstwahl verhindert werden.<\/p>\n<p>Diese innere Reform ist somit vordringliche Aufgabe des Papstes als des Stellvertreters Christi; denn er hat die Verantwortung, Hirten einzusetzen und die Pflicht sie zurechtzuweisen. \u201eIhr haltet die Schl\u00fcssel zum Himmel in H\u00e4nden\u201c, \u201ean Eurer Stelle w\u00fcrde ich Gottes Gericht f\u00fcrchten. Ihr sollt nicht h\u00f6ren m\u00fcssen: Verflucht bist du; denn Zeit und Vollmacht war in deine Hand gelegt, und du hast sie nicht gebraucht\u201c (Br. 255). Das christliche Volk soll die Sakramente von Hirten gespendet bekommt, die diesen Namen verdienen, und die Laster der \u201eschlechten Hirten\u201c, welche die Schafe zugrunde gehen lassen, sollen geahndet werden; denn Unzucht, Habgier und Stolz f\u00fcgen den Gl\u00e4ubigen schweren Schaden zu. Unz\u00e4hlige Male t\u00f6nt es aus den Briefen an Gregor wie an Urban: \u201eRei\u00dft die stinkenden Gew\u00e4chse aus und pflanzt wohlriechende Blumen im Garten der heiligen Kirche, dessen H\u00fcter Ihr seid!\u201c (Br. 206). Dabei geht es Caterina nicht um Bestrafung als solche. Vielmehr soll gr\u00f6\u00dferes Unheil verhindert werden und die des Amtes Enthobenen Gelegenheit bekommen, Bu\u00dfe zu tun.<\/p>\n<p><strong>Kirchenbild.<\/strong> Das Thema der Reform der Kirche, das sich durch die Briefe Caterinas wie ein basso ostinato zieht, erscheint im Dialogus in einem gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang: Was ist der Sinn der Welt, der Kirche? Das Buch f\u00fchrt klar vor Augen, wie innere Erfahrung und ihre Reflexion Quelle f\u00fcr Caterinas t\u00e4tigen Einsatz waren.<\/p>\n<p>Der Mensch wurde von Gott \u201eaus Liebe und f\u00fcr die Liebe erschaffen\u201c, das ist der sch\u00f6pfungstheologische Ausgangspunkt Caterinas. Die Berufung zu leben, Gott zu lieben und alles das, was Gott liebt, w\u00e4re h\u00f6chste Seligkeit f\u00fcr den Menschen. Doch trat in diesem Bereich eine fundamentale Verkehrung ein; der Mensch verfiel der \u201everkehrten Eigenliebe\u201c. Eigenliebe bezeichnet in der Sprache Caterinas die Wurzel aller S\u00fcnden schlechthin. Sie kann sich grob sinnlich manifestieren, wenn Menschen \u201eihren Bauch zu ihrem Gott machen\u201c, aber auch subtil geistlich, wenn jemand Gott vorschreiben m\u00f6chte, welche Tr\u00f6stungen er ihm geben soll. Eigenliebe tritt in der Verkleidung von Mutterliebe auf, wenn M\u00fctter der Berufung ihrer Kinder im Wege stehen. Sie macht das Herz eng, aggressiv oder \u00e4ngstlich. Sie war der Grund, dass die Kardin\u00e4le die unwirsche Art Papst Urbans nicht ertrugen und mit der Wahl eines Gegenpapstes reagierten: \u201eDie Eigenliebe hat Euch, die Ihr S\u00e4ulen sein solltet, zu Strohhalmen gemacht!\u201c Eigenliebe k\u00f6nnte aber auch das Herz des Papstes verbittern, angesichts der ihm unaufh\u00f6rlich begegnenden Widerst\u00e4nde.\u00a0 Ein einziges b\u00f6ses Wort oder ein b\u00f6ser Blick bewirke, dass manche Seelsorger sofort die Flinte ins Korn werfen. Nur wer frei ist von dieser Empfindlichkeit, ist stark in der N\u00e4chstenliebe; denn er ist nicht abh\u00e4ngig von der Gunst der Menschen.<\/p>\n<p>Sich selbst aus dieser Verfallenheit zu befreien, war dem Menschen allerdings unm\u00f6glich. Der Weg der Liebe musste ihm neu erschlossen werden, und zwar nicht nur durch Belehrung oder Gebot, sondern durch den Erweis, geliebt zu sein \u2013 sodass er die Kraft zu einer antwortenden Liebe aufbringen k\u00f6nnte. \u201eDenn der Mensch, aus Liebe erschaffen, wird durch nichts so bewegt wie durch Liebe.\u201c Eben dies vollzog sich im Leben und Sterben des menschgewordenen Gottessohnes. Wer diese Liebe als ihm selbst erwiesen erfasst, dessen Herz wandelt sich. F\u00fcr Caterina manifestierte sich diese Wandlung in mehreren mystischen Erfahrungen.<\/p>\n<p>Die in Christus erwiesene Liebe anzunehmen, ist jeder Mensch gerufen. In der Bildsprache des Dialogus ist Christus die \u201eBr\u00fccke, die vom Himmel auf die Erde reicht\u201c. Nur \u00fcber diese Br\u00fccke gelangt man zum ewigen Leben; das hei\u00dft, durch Nachfolge und Angleichung an die Liebe Christi, die in einzigartiger Weise Liebe zu seinem Vater und zu den Menschen war. Mittler, Br\u00fccke ist er, weil er die Verherrlichung des Vaters ersehnte und die Vers\u00f6hnung der Menschen mit ihm. Beides geh\u00f6rt innerlich zusammen. Wer aber in dieser Welt den Weg Christi gehen will, muss wie er mit Widerstand rechnen; denn die Verhaltensweisen der \u201eWelt\u201c, des \u201ealten Menschen\u201c stehen im Gegensatz zum Verhalten Christi. Der Weg \u00fcber die \u201eBr\u00fccke Christus\u201c vollzieht sich in drei Schritten: Erstens, der Angleichung an den Wandel Christi, indem man seiner Weisung folgt \u2013 symbolisiert durch die \u201eF\u00fc\u00dfe\u201c Christi; zweitens, der Erkenntnis seiner Liebe zum Menschen, die an seinem \u201eHerzen\u201c sichtbar wird und zu einer Umgestaltung des eigenen Herzens f\u00fchrt; und drittens, unmittelbar daraus resultierend, dem stellvertretenden Dasein vor Gott f\u00fcr die Menschen \u2013 hier geschieht die Angleichung an den \u201eMund\u201c Christi, der \u201ed\u00fcrstete\u201c nach dem Heil seiner Br\u00fcder und Schwestern.<\/p>\n<p>Keiner dieser Schritte, so Caterina, kann getan werden ohne die Kirche. Denn ohne das Zeugnis der Apostel, M\u00e4rtyrer und Kirchenlehrer w\u00fcsste man nichts mehr von der Lehre Christi; oder man h\u00e4tte nicht den Mut, sich auf den zun\u00e4chst dornigen Weg der Selbst\u00fcberwindung zu machen, s\u00e4he man nicht, dass schwache Menschen \u201ewie du und ich\u201c diesen Weg bereits gegangen sind. Vor allem aber gelangt man zum \u201eHerzen\u201c Christi \u00fcber die Sakramente der Kirche. Die immer noch wirksame, erl\u00f6sende Liebe, mit der Christus jeden Menschen an sich ziehen will, ist gegenw\u00e4rtig in den Sakramenten. Wer auf der \u201eBr\u00fccke, die Christus ist\u201c bis zum Herzen gelangt ist, \u201eerkennt seine eigene W\u00fcrde\u201c. Vor diesem Hintergrund wird verst\u00e4ndlich, dass Caterina das Herz Christi als \u201ebottiga\u201c (Laden, Apotheke, Gasthaus) bezeichnet und mit dem gleichen Ausdruck die Kirche benennt. Sie hat nicht nur in Christus ihren Ursprung, sondern w\u00fcrde nicht existieren ohne die dauernde Verbundenheit mit ihrem Haupt; und in der Dimension, in der sie die Sakramente spendet, \u201eist sie nichts anderes als Christus selbst\u201c. Braut Christi und corpo mistico bezeichnen also bei Caterina nicht die Gesamtheit der Glieder der Kirche (diese nennt sie universale \u201ecorpo della religione cristiana\u201c \/ \u201edella santa chiesa\u201c) \u2013 sondern die sakramentale, lebensspendende Dimension der Kirche.<\/p>\n<p>Wie die Kirche nur ein einziges Haupt hat, den \u201eChristus im Himmel\u201c, so gibt es auch nur einen Stellvertreter, den \u201eChristus auf Erden\u201c. Er hat die Aufgabe, wie eine \u201eMutter\u201c die Gl\u00e4ubigen zu n\u00e4hren. Eine Spaltung der \u201eeinen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche\u201c, wie sie im Credo bekannt wird, war daher f\u00fcr Caterina ein \u201efurchtbares Unheil\u201c: \u201eAlles andere, Krieg, Schmach, Wirrsal, alles scheint dagegen so unbedeutend wie ein Strohhalm oder ein Schatten\u201c, schrieb sie noch im Juni 1378 an Kardinal Peter de Luna \u2013 eine besonders tragische Figur, der sp\u00e4ter unter dem Namen Benedikt XIII. Gegenpapst werden sollte.<\/p>\n<p>Aus dieser Auffassung von der Kirche ergeben sich zwei Folgerungen: Erstens, die Trennung von der sichtbaren Kirche, wie lasterhaft auch einzelne Glieder sein m\u00f6gen \u2013 \u201eselbst wenn der Papst ein Teufel in Menschengestalt w\u00e4re!\u201c \u2013 ist Trennung vom Strom der Erl\u00f6sungsgnade. Zweitens, die \u201eBraut Kirche\u201c und die Stellvertreter Christi im Besonderen m\u00fcssen dem Verhalten Christi \u00e4hnlich sein oder werden; alles andere ist ein schreckliches \u00c4rgernis. Zwar kann die von Christus gewirkte Erl\u00f6sung von keines Menschen Versagen in sich gemindert werden, aber die Annahme der Frohen Botschaft wird erschwert, wenn diejenigen, die \u201edas Zweite Ich Christi\u201c sein sollten, davon gar nichts erkennen lassen. Dass es unter Geistlichen Simonie, Unzucht, magische Praktiken, schrankenlosen Ehrgeiz und skrupellose Habgier gibt, dass manche \u201eein Leben f\u00fchren, das tausendfach schlimmer ist als das weltlicher Menschen\u201c, ist die bittere Klage \u2013 in den Worten Gottes selbst! \u2013 im Dialogus. In der bilderreichen Sprache Caterinas: Solche Hirten \u201esaugen der Kirche das Blut aus\u201c, sie leben von ihr, aber nicht f\u00fcr sie.<\/p>\n<p>N\u00f6tig ist Umkehr, Wandlung der Motive, \u201eein neues Herz\u201c, in dem Eigenliebe und \u00e4ngstliche Selbstbehauptung keinen Raum mehr haben. Dazu sind nicht nur der Papst in seiner Verantwortung f\u00fcr die Gesamtkirche und die \u00fcbrigen Hirten berufen, sondern auch die Gl\u00e4ubigen, welche die Sakramente empfangen. In Caterinas Sprache: Wenn das Herz neu geworden ist, dann wird auch \u201eder Mund von dem sprechen, wovon das Herz voll ist\u201c; ein solcher Mensch wird \u2013 entsprechend dem dominikanischen Ideal \u2013 vor den Menschen Gottes Wahrheit und Liebe bezeugen, und vor Gott im Gebet f\u00fcr alle eintreten. Reform geschieht zuerst im Herzen jedes einzelnen Glaubenden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>\u201eWeder Trost noch Tr\u00fcbsal sollen dich von der Stelle r\u00fccken!\u201c<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Caterina hat, kirchenpolitisch betrachtet, zu ihren Lebzeiten wenig \u201eErfolg\u201c ihrer M\u00fchen gesehen. Gewiss, sie hatte zur R\u00fcckkehr des Papstes beigetragen und endlich (unter Gefahr f\u00fcr Leib und Leben) auch einen Friedensschluss mit Florenz erreicht \u2013 aber das Schisma konnte sie mit all ihrem Einsatz nicht aufhalten. Ja, nicht lange nach ihrem Tod behauptete Jean Gerson indirekt, die von den Ratschl\u00e4gen gewisser Frauen erwirkte R\u00fcckkehr Gregors XI. habe die Kirchenspaltung heraufbeschworen.<\/p>\n<p>Wie hat Caterina ihr eigenes Wirken eingesch\u00e4tzt? Ein Brief aus dem Winter 1377 gibt dar\u00fcber Aufschluss. Er antwortet auf ein Schreiben des Nicol\u00e0 da Osimo, Sekret\u00e4r und Protonotar Gregors XI., eines aufrechten, uneigenn\u00fctzigen Pr\u00e4laten, der sich mit allen Kr\u00e4ften f\u00fcr die Reform eingesetzt hatte, doch Misserfolg erntete. Aus Caterinas Antwort l\u00e4sst sich erschlie\u00dfen, dass er entmutigt war, ihm sein Tun sinnlos oder gar kontraproduktiv vorkam und er die Absicht hegte, sich zur\u00fcckzuziehen. Caterina bekennt, dass sie solche Gedanken aus eigener Erfahrung kenne, Christus selbst ihr aber erkl\u00e4rt habe, dass es sich dabei um eine Versuchung handelt: Nicht Erfolg oder Misserfolg z\u00e4hlen, sondern der Wille, auf Gottes Liebe zu antworten. Die Liebe zu Gott aber, das ist Caterinas tiefste \u00dcberzeugung, erweist sich an der Liebe zum Heil \u201ejedes vernunftbegabten Gesch\u00f6pfes\u201c. Der Ort des von Gott geschenkten Heiles ist die Kirche, als \u201ecorpo universale\u201c und \u201ecorpo mistico\u201c. Darum ist die Liebe zu Gott, die Liebe zum N\u00e4chsten und die Liebe zur Kirche nicht zu trennen:<\/p>\n<p>\u201eIch w\u00fcnsche in Euch eine feste S\u00e4ule zu sehen, die durch nichts von ihrem Platz ger\u00fcckt werden kann au\u00dfer durch Gott. Verweigert die Anstrengung nicht, weder wegen der Undankbarkeit und Unwissenheit derer, die sich im Garten der Kirche m\u00e4sten, noch aus Ekel, der uns \u00fcberkommt, wenn wir die Unordnung der Kirche sehen. Es ist ganz normal, dass den Menschen Ekel und Trauer \u00fcberkommt, wenn trotz all seiner Bem\u00fchungen die Dinge nicht die ersehnte Richtung nehmen. Dann kommen einem Bedenken, derart: Es ist wohl besser, die Finger davon zu lassen. Jetzt hast du dich so lange abgem\u00fcht, und kein Ende ist abzusehen. Besser, du ziehst dich zur\u00fcck und suchst den Frieden und die Ruhe deiner Seele. \u2013 Da muss man alle innere Kraft zusammennehmen, mit Hunger nach der Ehre Gottes und dem Heil der Seelen, und sich sagen: Ich will die M\u00fchsal nicht scheuen; denn der Ruhe bin ich noch nicht w\u00fcrdig \u2026 Ab und zu versucht der Feind, uns unser Tun zu verleiden, indem er bei unserer Sehnsucht nach Ruhe und geistlicher Stille ansetzt, bis wir uns sagen: Ich s\u00fcndige ja eher, als dass ich Gutes vollbringe; ich bin nicht feige, aber weil ich nicht s\u00fcndigen will, m\u00f6chte ich mich lieber zur\u00fcckziehen. \u2013 O mein lieber Vater, lasst solchen Gedanken keinen Raum, sie kommen vom Feind! Die S\u00fcnde besteht nur im b\u00f6sen Willen. Bester Vater, ich erinnere mich an eine Dienerin Gottes, der Gott dies offenbarte. Ich schreibe Euch das, damit Ihr wieder Mut sch\u00f6pft. \u2026 Steht also fest wie eine S\u00e4ule! Weder Trost noch Tr\u00fcbsal soll Euch von der Stelle r\u00fccken! Auch wenn uns der Gegenwind ins Gesicht bl\u00e4st, der alle hindern will, die auf dem Weg der Wahrheit gehen, d\u00fcrfen wir nicht im geringsten den Kopf wenden. Jetzt ist die Zeit, in dieser Braut Gott die Ehre zu geben und ihr selbst unsere M\u00fchen\u201c (Br.282).<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWartet nicht auf die Zeit \u2013 die Zeit wartet nicht auf Euch\u201c \u2013 dieser Satz kehrt in Caterinas Briefen mehrfach wieder. \u201eZeit\u201c ist etwas Kostbares, nicht nur wegen der Begrenztheit des irdischen Lebens, sondern weil sie die Gestalt des Kairos annehmen kann: Sie soll gen\u00fctzt, mit dem paulinischen Wort \u201eausgekauft\u201c werden (Eph 5,16). 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