{"id":125203,"date":"2026-06-19T09:44:05","date_gmt":"2026-06-19T07:44:05","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=125203"},"modified":"2026-06-19T09:44:11","modified_gmt":"2026-06-19T07:44:11","slug":"zerrissene-christenheit-oder-das-monster-mit-drei-koepfen-ausloeser-verlauf-und-folgen-des-grossen-schismas-von-1378","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/zerrissene-christenheit-oder-das-monster-mit-drei-koepfen-ausloeser-verlauf-und-folgen-des-grossen-schismas-von-1378\/","title":{"rendered":"Zerrissene Christenheit oder: das Monster mit drei K\u00f6pfen"},"content":{"rendered":"<h3><strong> Das Ph\u00e4nomen \u201eAvignon\u201c und die R\u00fcckkehr nach Rom<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erst der zweite Versuch war erfolgreich: als Gregor XI. am 17. Januar 1377 in festlichem Zug durch Rom zur Petersbasilika geleitet wurde, war die Begeisterung zumindest auf Seiten der R\u00f6mer gro\u00df. Bereits sein Vorg\u00e4nger Urban V. hatte 1367 die R\u00fcckverlegung der Kurie nach Rom in die Wege geleitet \u2013 sein Vorhaben stand jedoch unter keinem guten Stern. Nach nur drei Jahren musste Urban desillusioniert den R\u00fcckzug nach Avignon antreten. Anders bei Gregor XI.: Die politische Situation in Rom und im Kirchenstaat hatte sich in nur sieben Jahren so ver\u00e4ndert, dass einer endg\u00fcltigen R\u00fcckkehr des Papsttums an seinen angestammten Sitz nichts mehr im Wege stand. Immerhin rund 70 Jahre \u2013 seit 1309 \u2013 hatten es sich die P\u00e4pste in Avignon an den Ufern der Rh\u00f4ne in unmittelbarer N\u00e4he zum franz\u00f6sischen K\u00f6nigreich bequem gemacht. Und was hatte man nicht alles geleistet: Avignon war von der nicht sonderlich bedeutsamen, geographisch aber g\u00fcnstig gelegenen Handelsstadt zum unumschr\u00e4nkten Zentrum der Christenheit aufgestiegen. Man hatte im Laufe des Aufenthalts nicht nur den Papstpalast und pr\u00e4chtige Residenzen f\u00fcr hohe Kleriker gebaut, sondern auch eine der effizientesten Verwaltungsmaschinerien geschaffen, \u00fcber die Europa in der damaligen Zeit verf\u00fcgte.<\/p>\n<p>Weshalb dann aber die R\u00fcckkehr nach Rom, wo Avignon doch unbestreitbare Vorteile bot? Weshalb die R\u00fcckkehr in eine notorisch unruhige Stadt und in einen Kirchenstaat, das Patrimonium Petri, in dem Revolten gegen den Papst an der Tagesordnung waren? Jean Froissart, ein ungew\u00f6hnlich gut informierter zeitgen\u00f6ssischer Chronist, nennt folgende Gr\u00fcnde: Zum einen habe Gregor XI. aus frommer Gesinnung heraus eine R\u00fcckkehr an den angestammten Sitz gelobt, zum anderen sei er der steten, wenig fruchtbaren Arbeit f\u00fcr den franz\u00f6sischen K\u00f6nig \u00fcberdr\u00fcssig gewesen. Sicher, Fr\u00f6mmigkeit sollte man P\u00e4psten per se nicht einfach absprechen und gewiss war auch gro\u00dfes Traditionsbewusstsein, war das Wissen um die eigenen Urspr\u00fcnge bestens entwickelt. Doch hatten auch Gregors Vorg\u00e4nger in Avignon \u00fcber dieses Traditionsbewusstsein verf\u00fcgt und daf\u00fcr eine einfache L\u00f6sung gefunden. Wo Rom nicht realiter pr\u00e4sent war, imaginierte man diese Pr\u00e4senz: man feierte die Papstmessen in der dem Hl. Petrus geweihten Palastkapelle \u2013 St. Peter in verkleinertem Ma\u00dfstab \u2013, nat\u00fcrlich behielten die Kardin\u00e4le ihre r\u00f6mischen Titelkirchen und selbstverst\u00e4ndlich erging jede Entscheidung in \u201ecuria romana\u201c, nicht in \u201ecuria avenionensi\u201c. Und hatte die Kanonistik nicht die eing\u00e4ngige Formel entwickelt: \u201eUbi papa, ibi Roma\u201c \u2013 wo der Papst ist, dort ist Rom?<\/p>\n<p>Das alles ist richtig \u2013 und dennoch war seit den sp\u00e4ten 1350er Jahren ein Umdenken erkennbar. An der Kurie widmete man sich verst\u00e4rkt Belangen des Kirchenstaats, weniger vornehm ausgedr\u00fcckt: Man setzte alles daran, die Teile des Kirchenstaats, die der Kirche entfremdet worden waren, zur\u00fcckzuerobern. Der spanische Kardinal Albornoz leistete in dieser Beziehung ganze Arbeit und legte damit die Grundlage daf\u00fcr, dass an eine R\u00fcckkehr \u00fcberhaupt zu denken war. Neben den Vorgaben der Realpolitik sind auch immer wieder spirituelle Elemente \u2013 die \u201efromme Gesinnung\u201c Froissarts \u2013 ins Feld gef\u00fchrt worden. Welche Rolle Birgitta von Schweden oder Katharina von Siena in diesem Prozess spielten, ist alles andere als einfach zu bestimmen. Ihr Einfluss ist h\u00e4ufiger stark \u00fcbersch\u00e4tzt worden, so als h\u00e4tte ein zaudernder Papst nur darauf gewartet, die Richtung gewiesen zu bekommen. Gerade im Fall von Katharina von Siena handelt es sich um eine hoch charismatische Pers\u00f6nlichkeit, deren Kontakte mit dem Papst verb\u00fcrgt sind. Doch war ihr Einblick in die politische Gro\u00dfwetterlage trotz allem begrenzt. Sie war eine Stimme unter vielen \u2013 nicht mehr und nicht weniger. Opposition \u2013 und dies war in Europa kein Geheimnis \u2013 kam von den Kardin\u00e4len. Francesco Petrarca, der scharfz\u00fcngige Intimus des avignonesischen Milieus, bemerkte sarkastisch, die Kardin\u00e4le f\u00fcrchteten doch nur um den Verlust des guten Beaune-Weins.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist diese Bemerkung \u00fcberspitzt und trieft vor H\u00e4me, doch ein K\u00f6rnchen Wahrheit ist darin verborgen: In Avignon pflegte man einen Lebenszuschnitt, der durchaus f\u00fcrstlich zu nennen war, in Rom warteten in bestem Falle ruin\u00f6se Residenzen in der N\u00e4he der Titelkirchen. Noch einmal: Weshalb die R\u00fcckkehr? Einen m\u00f6glichen L\u00f6sungsansatz bietet die Topographie und all das, was sie politisch impliziert. Zwar geh\u00f6rte Avignon seit 1348 den P\u00e4psten und der Comtat Venaissin in unmittelbarer Nachbarschaft war ebenfalls schon seit L\u00e4ngerem im Besitz der Kirche. Ein gro\u00dfer, s\u00fcdfranz\u00f6sischer Territorialblock ergab sich daraus aber nicht. Ein franz\u00f6sisches Patrimonium Petri gab es schlichtweg nicht. Dr\u00fcckend war die franz\u00f6sische Pr\u00e4senz. Man hatte lediglich den ber\u00fchmten \u201epont d\u2019Avignon\u201c zu \u00fcberqueren, um in Frankreich zu sein. Wenn Froissart in seiner Chronik weiter ausf\u00fchrt, der Papst habe sich in seiner Vermittlungsarbeit zur Beilegung des Hundertj\u00e4hrigen Krieges zwischen Frankeich und England aufgerieben, so ist auch diese Bemerkung nicht ganz von der Hand zu weisen. Die P\u00e4pste gerierten sich zwar als unabh\u00e4ngige Vermittler, doch nicht immer gelang es, dem von Frankreich ausgehenden Druck entschieden zu begegnen. Den eigenen Anspruch, als \u00fcberparteiliche Schiedsrichter zu agieren, konnten die P\u00e4pste immer weniger gerecht werden. Unabh\u00e4ngiges Handeln jedenfalls war von Avignon aus kaum zu verwirklichen, von Rom aus aber eher m\u00f6glich. Die immer wieder im Munde gef\u00fchrte \u201eUniversalit\u00e4t\u201c der Kirche war nicht in Avignon, sondern in Rom realisierbar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Der Tod Gregors XI. und die Wahl seines Nachfolgers<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gregor XI. starb am 7. M\u00e4rz 1378, nachdem er etwas \u00fcber ein Jahr in Rom zugebracht hatte. Das Konklave, das nach seinem Tod am 7. April zusammen trat, erf\u00fcllte zun\u00e4chst die Vorgaben des im kanonischen Recht festgelegten Wahlprocedere. Frei, geheim und unabh\u00e4ngig war die Wahl dennoch nicht. Der Druck der r\u00f6mischen Stadtbev\u00f6lkerung, die endlich wieder einen Italiener, idealerweise einen R\u00f6mer, an der Spitze der lateinischen Christenheit sehen wollte, war enorm. In dieser angespannten Lage einigten sich die 16 Kardin\u00e4le auf einen Au\u00dfenseiter, Bartolomeo Prignano, Erzbischof von Bari, der den Namen Urban VI. (1378-1389) annahm. Die Wahl erfolgte einstimmig, lediglich der R\u00f6mer Orsini enthielt sich der Stimme. Erhoben wurde freilich kein Unbekannter: Prignano hatte als amtierender Vorsteher der p\u00e4pstlichen Kanzlei einiges an administrativem Geschick an den Tag gelegt und war nicht nur mit dem kurialen Gesch\u00e4ftsgang, sondern auch mit dem r\u00f6mischen Kurienpersonal vertraut. War die Wahl selbst noch einigerma\u00dfen ruhig verlaufen, lie\u00df sich das f\u00fcr die folgenden Stunden nicht mehr behaupten. Die Kardin\u00e4le mussten Prignano \u00fcber seine Wahl informieren und seine Zustimmung einholen \u2013 diese Zeitspanne nutzte ein r\u00f6mischer Mob, so die Beschreibung der Kardin\u00e4le, um bis vor die Konklavet\u00fcren vorzudringen. Einige Kardin\u00e4le hielten diesem Druck nicht stand und flohen. Bereits zuvor hatte einer von ihnen erkl\u00e4rt, zwar gerne Bekenner des Glaubens, aber auf keinen Fall M\u00e4rtyrer sein zu wollen. Die verbliebenen Kardin\u00e4le nahmen Zuflucht zu einer List: Sie setzten den greisen Kardinal Tebaldeschi, einen R\u00f6mer, auf den Thron und pr\u00e4sentierten ihn der Menge als neuen Papst. Nachdem sich die Lage etwas beruhigt hatte, schritten am folgenden Tag nur noch zw\u00f6lf Kardin\u00e4le zur Inthronisation Urbans VI. Druck hin oder her: Zun\u00e4chst wurde Urban VI. allgemein anerkannt. Im Laufe weniger Monate bemerkten die Kardin\u00e4le freilich, wen sie sich ins Boot geholt hatten. Die Pers\u00f6nlichkeit Urbans VI. war das, was heute wohl als \u201eschwierig\u201c bezeichnet werden w\u00fcrde. Kardin\u00e4le, die geglaubt hatten, das avignonesische Modell, das ihnen bedeutende Mitspracherechte beim Kirchenregiment gesichert hatte, unbesch\u00e4digt an den Tiber \u00fcbertragen zu k\u00f6nnen, sahen sich get\u00e4uscht. Urban VI. f\u00fchrte das Wort \u201eReform\u201c im Mund \u2013 und meinte damit vor allem strukturelle Reformen, durch die die Machtf\u00fclle der Kardin\u00e4le beschnitten worden w\u00e4re. Die Atmosph\u00e4re vergiftete sich mit gro\u00dfer Geschwindigkeit. Mitte Juni wichen die Kardin\u00e4le bereits von Rom nach Anagni aus. Mitte Juli war der Bruch nicht mehr zu verhindern \u2013 am 2. August wurde Urban zur Abdankung aufgefordert. F\u00fcr Unruhe unter den franz\u00f6sischen Kardin\u00e4len, die bei weitem die Mehrzahl der Purpurtr\u00e4ger stellten, sorgte die Absicht Urbans, nun verst\u00e4rkt italienische Kleriker kreieren zu wollen. Das \u201enationale\u201c Gef\u00fcge geriet ins Wanken. Druck erzeugte Gegendruck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Der \u201eGegenpapst\u201c<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kardin\u00e4le erkl\u00e4rten die Wahl f\u00fcr ung\u00fcltig, da sie durch \u00e4u\u00dferen Druck zustande gekommen sei, und w\u00e4hlten am 15. September in Fondi auf dem Gebiet des K\u00f6nigreichs Neapel einen neuen Papst, Kardinal Robert von Genf, der den Namen Clemens VII. annahm. Die gleichen W\u00e4hler waren also innerhalb weniger Monate ihrer Pflicht gleich zwei Mal nachgekommen. Kanonistisch in hohem Ma\u00dfe fragw\u00fcrdig wurde die Angelegenheit schlicht dadurch, dass man in Fondi nicht \u201esede vacante\u201c w\u00e4hlte, sondern es einen regierenden Papst gab. Zur\u00fcckgetreten war Urban VI. n\u00e4mlich nicht \u2013 und hatte sich auch nicht des Abfalls vom Glauben schuldig gemacht. Allein letzteres \u2013 der Abfall vom Glauben \u2013 galt im Kirchenrecht als einzige legitime Grundlage, einen Papst aus seinem Amt zu entfernen. Freilich ergaben sich auch mit dieser Bestimmung einige Probleme, wusste man doch nicht, wer eigentlich f\u00fcr die Feststellung dieses Sachverhalts zust\u00e4ndig war. Die Kardin\u00e4le, ein Konzil?<\/p>\n<p>In der Christenheit gab es nun jedenfalls zwei P\u00e4pste. Nicht nur zwei P\u00e4pste, sondern auch zwei Kardinalskollegien und zwei Kurien. Denn die Reaktion Urbans VI. erfolgte schnell: Bereits am 18. September schuf er ein neues Kardinalskolleg gleichsam \u201eex nihilo\u201c: von 29 neu ernannten Kardin\u00e4len waren 20 Italiener. Die Christenheit teilte sich nun in zwei Gruppen, diejenige, die dem r\u00f6mischen und diejenige, die dem seit Juni 1379 wieder in Avignon residierenden Papst folgte. Man nennt diese Gruppierungen \u201eOb\u00f6dienzen\u201c (von lat. oboedire: gehorchen). H\u00e4ufiger schwankte die Zugeh\u00f6rigkeit einzelner L\u00e4nder und K\u00f6nigreiche zu einer Ob\u00f6dienz. Grunds\u00e4tzlich ergab sich aber folgendes Bild: W\u00e4hrend die r\u00f6mische Ob\u00f6dienz Italien, Mittel- und Osteuropa und England umfasste, bekannten sich Frankreich, Schottland und Spanien zu Avignon. Wer war rechtm\u00e4\u00dfiger Papst, wer \u201eGegenpapst\u201c? Vorsicht ist bei letzterem Terminus angebracht: Als heuristischer Begriff taugt er, doch sollte man sich stets vor Augen halten, dass die Bezeichnung \u201eGegenpapst\u201c nicht nur ein legitimatorisches Defizit, sondern ein historisches Werturteil impliziert. 1378 lagen die Sachen nicht so einfach.<\/p>\n<p>Nun war dieses Schisma nicht das erste in der langen Geschichte der Kirche. 39 Gegenp\u00e4pste kennt die \u201eoffizielle\u201c Papstgeschichtsschreibung. Das letzte Schisma vor 1378 war 1328 eingetreten, als Ludwig der Bayer in der erbittert gef\u00fchrten Auseinandersetzung mit Papst Johannes XXII. den Franziskaner Pietro Corvaro auf den Papstthron gesetzt hatte. Die Episode dauerte wenig mehr als zwei Jahre: 1330 unterwarf sich dieser Ordensmann, der den Namen Nikolaus V. angenommen hatte, bereits wieder \u2013 sein Pontifikat blieb eine Fu\u00dfnote der Geschichte. Anders im Zeitalter der gregorianischen Reform, des Investiturstreits oder der Auseinandersetzung zwischen Staufern und den P\u00e4psten, als eine F\u00fclle von Gegenp\u00e4psten gegeneinander k\u00e4mpfte. Der gro\u00dfe Unterschied zum Schisma von 1378 bestand freilich darin, dass die r\u00f6misch-deutschen Kaiser vom 11. bis zum 13. Jahrhundert stets eine zentrale Rolle beim Ausbruch der jeweiligen Schismen gespielt hatten. Dies war in Fondi anders. So wichtig die Rolle des deutschen K\u00f6nigs bei der Beilegung des Schismas sein sollte, an dessen Ausbruch war er nicht beteiligt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Gr\u00fcnde f\u00fcr das Schisma<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer hatte Interesse an diesem Schisma? Noch vor einigen Jahrzehnten konnte man in Geschichtsdarstellungen lesen, der franz\u00f6sische K\u00f6nig Karl V. sei der eigentliche Anstifter der Neuwahl gewesen. Verbittert \u00fcber den Weggang des Papstes aus Avignon und den damit einhergehenden Verlust des Einflusses auf p\u00e4pstliche Entscheidungen habe er die Kardin\u00e4le in ihrer Opposition zu Urban VI. best\u00e4rkt. Inzwischen haben minuti\u00f6se Untersuchungen des Briefverkehrs zwischen Rom beziehungsweise Anagni\/Fondi und Paris ergeben, dass bei einer durchschnittlichen \u00dcbertragungsgeschwindigkeit von 22 Tagen f\u00fcr einen Brief ein direktes, vor allem zeitnahes Einwirken auf die Geschehnisse schlicht unm\u00f6glich war. Karl V. reagierte zwar auf Anfragen der Kardin\u00e4le, kuriale Realpolitik vollzog sich jedoch rascher als in Paris und Rom gedacht.<\/p>\n<p>Die Rolle der Kardin\u00e4le hingegen ist von zentraler Bedeutung. F\u00fcr sie stand zun\u00e4chst die Legitimit\u00e4t der Wahl au\u00dfer Zweifel. Erst mit gro\u00dfer zeitlicher Verz\u00f6gerung wurde das Argument einer unkanonisch zustande gekommenen Wahl und damit die fehlende Legitimation Urbans VI. in den Vordergrund ger\u00fcckt. Dass die R\u00f6mer massiven Druck aus\u00fcbten, steht au\u00dfer Frage. Man sollte sich freilich auch stets vor Augen halten, dass die W\u00fcrde des Kardinalats vor allem zwei Aufgabengebiete beinhaltete: die Papstwahl und \u2013 das wird h\u00e4ufiger unterschlagen \u2013 die Beratung des Papstes. Das Selbstbewusstsein des Kollegs gr\u00fcndete nicht zuletzt darin, best\u00e4ndig und nicht nur in einem einzigen Moment, dem der Papstwahl, gebraucht zu werden. Urban VI. setzte alles daran, mit seinen gegen einzelne Kardin\u00e4le gerichteten Vorw\u00fcrfen von Inkompetenz und moralischer Verwilderung dem Kolleg insgesamt vor Augen zu f\u00fchren, dass seine Mitarbeit eigentlich obsolet sei. Er wollte Reform, Reform um jeden Preis. Moralischer Rigorismus verband sich in seiner Person aber mit mangelnder Einsicht in das, was tats\u00e4chlich \u2013 auch l\u00e4ngerfristig \u2013 durchsetzbar war. Urban VI. wollte alles und das sofort \u2013 bis heute keine guten Voraussetzungen f\u00fcr erfolgreiches politisches Wirken. Seine theokratischen Ansichten passten nicht mehr in die Zeit \u2013 und in den Augen der hochgebildeten Kardinalselite war er wohl auch intellektuell nicht recht satisfaktionsf\u00e4hig. Das Kardinalskolleg jedenfalls sah sich in seiner Integrit\u00e4t bedroht. Wohl selten war ein Papstkandidat derart falsch eingesch\u00e4tzt worden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Probleme<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>K\u00f6nigreiche standen vor der Wahl: schlug man sich auf die Seite des r\u00f6mischen oder des avignonesischen Vertreters? Oder versuchte man mit strikter Neutralit\u00e4t eine Form des verzweifelten Lavierens zwischen den Parteien? Durch die Neigung beider P\u00e4pste, gro\u00dfz\u00fcgig Kirchenstrafen gegen ihren Konkurrenten und die ihm folgende Ob\u00f6dienz zu verh\u00e4ngen, vermischte sich Geistliches zunehmend mit Weltlichem. Die Wiederherstellung der Einheit stand auf der Agenda der P\u00e4pste zwar ganz oben \u2013 Einheit wurde freilich als Sieg einer Partei \u00fcber die andere verstanden. Doch je l\u00e4nger das Schisma andauerte, je st\u00e4rker sich die administrativen Strukturen verfestigten, desto schwieriger wurde es, Einheit mit friedlichen Mitteln \u00fcber den Verhandlungsweg zu erreichen.<\/p>\n<p>Supranationale Institutionen wie die Orden litten ganz besonders unter der Spaltung der Christenheit. Die Dominikaner hatten zwei Generalmagister, die Franziskaner zwei Generalminister \u2013 in jedem Orden war die Einheit zerst\u00f6rt, das Postulat des \u201eEin Herz und eine Seele\u201c ad absurdum gef\u00fchrt. Die Dominikaner in Arag\u00f3n und Navarra hielten beispielsweise zu Avignon, w\u00e4hrend ihre Mitbr\u00fcder auf der nahen Insel Mallorca sich zum Lager des r\u00f6mischen Papstes bekannten.<\/p>\n<p>\u00d6konomisch wurde es f\u00fcr einige Berufsgruppen denkbar eng, man k\u00f6nnte gar sagen: F\u00fcr sie war das Schisma lebensbedrohlich. Dazu geh\u00f6rten etwa die Universit\u00e4tsstudenten, insbesondere diejenigen der Theologie. Universit\u00e4ten unterbreiteten den P\u00e4psten, vor allem zu Beginn eines Pontifikats, Bittschriften in \u201eRollenformat\u201c. Auf diesen \u201eRotuli\u201c konnten, wie bei der Pariser Universit\u00e4t regelm\u00e4\u00dfig der Fall, hunderte von Namen aneinandergereiht sein, f\u00fcr die eines erwirkt werden sollte: eine Pfr\u00fcnde, durch die die Studienfinanzierung sichergestellt werden konnte. Und nat\u00fcrlich ging es nicht nur um Pfr\u00fcnden f\u00fcr die universit\u00e4ren Clerici. Betroffen war im Grunde genommen jeder, der vom sprudelnden p\u00e4pstlichen Benefizienquell profitieren wollte oder musste. Gl\u00fccklich konnten sich all diejenigen Bist\u00fcmer oder Domkapitel sch\u00e4tzen, deren Mitglieder vor 1378 ernannt worden waren. Denn Vakanzen nach 1378 waren generell problembehaftet. Wie nun erst, als es mit zwei P\u00e4psten auch zwei K\u00f6nigswege des Zugriffs gab. Wo sich zwei streiten, freut sich der Dritte: In dieser Gemengelage waren die lachenden Gewinner h\u00e4ufiger die Domkapitel selbst, denen es mehr als einmal gelang, ihre eigenen, weder von Rom noch von Avignon anerkannten Kandidaten zu platzieren. Und wenig \u00fcberraschend ist auch die Erkenntnis, dass der Einfluss der jeweiligen Souver\u00e4ne auf solche Stellenbesetzungen stieg. Kirchenpolitik ist stets auch Personalpolitik. Das Schisma trug dazu bei, dass das Papsttum wichtige Zugriffsrechte faktisch verlor. H\u00e4ufig ging die Entscheidung \u00fcber die Besetzung hoher kirchlicher \u00c4mter gar ganz auf die Landesf\u00fcrsten \u00fcber.<\/p>\n<p>Mit diesem personalen Element h\u00e4ngt ein Problem zusammen, mit dem vor allem die r\u00f6mischen P\u00e4pste zu k\u00e4mpfen hatten: Ein Gro\u00dfteil des kompetenten Kanzleipersonals und ein Gro\u00dfteil der Archive war in Avignon verblieben. Mit Kardinal Pierre de Monteruc residierte der Vizekanzler selbst in S\u00fcdfrankreich und wurde in seiner Funktion noch von Urban VI. best\u00e4tigt. Selbstverst\u00e4ndlich fand sich Monteruc dann im clementinischen Lager wieder, schickte aber seinen Neffen Pons de Monteruc nach Rom, wo dieser zum Vizekanzler des r\u00f6mischen Papstes ernannt wurde. Nicht alle Verbindungslinien rissen ab. Aber tats\u00e4chlich brauchten die r\u00f6mischen P\u00e4pste lange, bis sie \u00fcber einen ansatzweise schlagkr\u00e4ftigen administrativen Apparat verf\u00fcgten. Die Zahlen sprechen f\u00fcr sich: vom Pontifikat Urbans VI. haben sich wenig mehr als drei B\u00e4nde Kameralregister erhalten. Anders bei seinem Konkurrenten in Avignon: F\u00fcr Clemens VII. sind 69 B\u00e4nde Kommunbriefe, 12 Kameralregister und 36 Supplikenregister \u00fcberliefert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Ma\u00dfnahmen zur Beendigung des Schismas<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schon zu einem sehr fr\u00fchen Zeitpunkt diskutierte man \u00fcber die L\u00f6sung des Schismas. Hatte man zun\u00e4chst auf eine \u201ebiologische\u201c L\u00f6sung gehofft, verfl\u00fcchtigte sich diese Hoffnung mit dem Tod Urbans VI. und der Neuwahl eines Nachfolgers rasch. Grunds\u00e4tzlich standen drei L\u00f6sungsszenarien zur Diskussion: \u201eVia facti\u201c: die milit\u00e4rische L\u00f6sung; \u201eVia cessionis\u201c: der zeitgleiche R\u00fccktritt beider P\u00e4pste; \u201eVia concilii\u201c: die Einberufung einer allgemeinen Kirchenversammlung, ein Konzil.<\/p>\n<ol>\n<li>Die St\u00e4ndeversammlung in Medina del Campo 1380\/81: Die St\u00e4ndeversammlung, auf der man unterschiedliche Berichte \u00fcber die Entstehung des Schismas sammelte und diskutierte und damit den Versuch unternahm, Argumente f\u00fcr die Legitimit\u00e4t der einzelnen Pr\u00e4tendenten auf dem Papstthron zu formulieren, dauerte rund sieben Monate (November 1380 bis Mai 1381). 150 Zeugen lieferten 170 Aussagen. Die Mehrheit geh\u00f6rte dem Klerikerstand an und war deshalb f\u00e4hig, Latein zu verstehen und zu schreiben. Die gestellten Fragen waren unterschiedlicher Natur, kreisten aber vornehmlich um die Frage, wie weit die Kardin\u00e4le bei der Wahl unter dem Druck der R\u00f6mer gehandelt hatten. Diese Frage war von zentraler Bedeutung, war das entscheidende Argument der von Urban abgefallenen Kardin\u00e4le ja gerade der von den R\u00f6mern unzul\u00e4ssig ausge\u00fcbte Druck. Folgte man ihrer Argumentationslinie, wurde Urban genau deshalb zum Eindringling, Usurpator und schismatischen Papst. Den Kardin\u00e4len kam bei ihren Aussagen eine Art anti-r\u00f6mischer Topos zu Hilfe, der in der Christenheit weit verbreitet und akzeptiert war: R\u00f6mer sind schlecht, deshalb ist ihnen auch alles zuzutrauen. Tats\u00e4chlich ist es wohl so, dass der Sturm auf das Konklave erst einen Tag nach der (aus der Sicht Urbans und seiner Anh\u00e4nger) korrekt vollzogenen Wahl erfolgte. Und auch die Gef\u00e4hrlichkeit des aufgebrachten Mobs auf dem Petersplatz erscheint nach der Lekt\u00fcre der Zeugenaussagen in anderem Licht. Sprachen die franz\u00f6sischen Kardin\u00e4le von 10.000, ja gar von 30.000 aufgebrachten R\u00f6mern, lieferten die Zeugen, darunter auch R\u00f6mer, wohl eine sehr viel realistischere Einsch\u00e4tzung: sie gingen von rund 1000 Bewaffneten aus, was noch immer viel, aber eben nicht ganz so be\u00e4ngstigend ist. Ein Zeuge brachte es auf den Punkt: \u201eRomani non sunt ita mali sicut dicitur\u201c (Die R\u00f6mer sind nicht so schlecht, wie man gemeinhin behauptet). In Medina del Campo anwesend war auch ein Legat Clemens\u02bc VII., Pedro de Luna, der diplomatisch au\u00dferordentlich geschickt agierte und nat\u00fcrlich auch anti-r\u00f6mische Topoi verwendete \u2013 es war auch sein Erfolg, dass sich die Versammlung zugunsten Clemens\u02bc VII. aussprach. Eine L\u00f6sung \u201evia cessionis\u201c oder \u201evia concilii\u201c war damit vom Tisch. Der avignonesische Papst blieb im Amt \u2013 und der Legat hatte sich f\u00fcr H\u00f6heres empfohlen: er sollte als Benedikt XIII. Nachfolger Clemens\u02bc VII. in der avignonesischen Linie werden.<\/li>\n<li>Frankreich und die Vorschl\u00e4ge zur L\u00f6sung des Schismas. Auch am franz\u00f6sischen K\u00f6nigshof zeigte man sich \u00fcber die Situation besorgt. Dem franz\u00f6sischen K\u00f6nig Karl VI., dem wegen fortgesetzter Wahnsinnsattacken das wenig schmeichelhafte Epitheton \u201eder Wahnsinnige\u201c (\u201ele fou\u201c) verliehen wurde, standen die brillantesten Denker der damaligen Zeit \u2013 heute w\u00fcrde man sie Intellektuelle nennen \u2013 als Berater zur Seite. Sie machten noch immer das Renomm\u00e9e einer Institution aus, f\u00fcr die Paris seit Beginn des 13. Jahrhunderts ber\u00fchmt war: die Universit\u00e4t. Und innerhalb der Universit\u00e4t war es insbesondere die theologische Fakult\u00e4t, die noch immer einiges an Strahlkraft besa\u00df. Zwar war sie im Laufe der ersten beiden Schisma-Jahrzehnte auch etwas unter die R\u00e4der gekommen, doch war ihr Einfluss nicht nur in geistlichen Dingen noch immer gewaltig.<br \/>\n\u00dcber den Teilnehmerkreis der vom franz\u00f6sischen K\u00f6nig Karl VI. einberufenen Versammlung von 1398, die im Entzug der Gefolgschaft gegen\u00fcber dem Avignon-Papst gipfelte, sind wir sehr gut informiert. Aufgrund der Schwere der Entscheidung waren die Teilnehmer n\u00e4mlich verpflichtet, ihre Entscheidung schriftlich festzuhalten und zu begr\u00fcnden. 305 Personen meldeten sich dergestalt zu Wort. 71 Bist\u00fcmer und 71 Abteien waren vertreten. Vertreter des hohen Klerus sa\u00dfen neben Abgesandten der Universit\u00e4t, die ihre unbestrittene Autorit\u00e4t in Glaubensdingen zur Geltung brachte. Als K\u00f6nigsweg zur L\u00f6sung des Schismas wurde von ihnen die \u201evia cessionis\u201c begriffen: der gemeinsame R\u00fcckzug beider P\u00e4pste von ihrem Amt. Mit Benedikt XIII., der in der Nachfolge Clemens VII. 1394 gew\u00e4hlt worden war, glaubte man zun\u00e4chst, einen Unterst\u00fctzer dieser Position zu haben. Weit gefehlt: Benedikt alias Pedro de Luna, der dem aragonesischen Hochadel entstammte, entfaltete einen bemerkenswerten Starrsinn und beharrte trotz mancher zuvor ge\u00e4u\u00dferter gegenteiliger Ansicht darauf, nicht zur\u00fccktreten zu k\u00f6nnen. Die Versammlung von 1398 handelte beherzt: der Entzug der Ob\u00f6dienz hatte schwerwiegende Folgen f\u00fcr Benedikt XIII. So war es ihm nicht mehr erlaubt, Steuern zu erheben oder Benefizien zu verleihen. Pfr\u00fcnden seiner Anh\u00e4nger wurden gnadenlos konfisziert. Im Grunde griff man auf das Waffenarsenal eines Wirtschaftskriegs zur\u00fcck, mit dem das finanzielle Ausbluten des Gegners bewirkt werden sollte.<br \/>\nDie Sache eskalierte: 19 Kardin\u00e4le verlie\u00dfen den Papst, der von franz\u00f6sischen Truppen in seinem Palast belagert wurde und jedes Vermittlungsangebot ausschlug. Die \u00f6ffentliche Meinung, die in der \u201evia cessionis\u201c ein erfolgversprechendes Heilmittel erblickt hatte, wandelte sich langsam. Insbesondere im S\u00fcden Frankreichs entstand um die Universit\u00e4t von Toulouse herum eine Fraktion, die sich wieder offen f\u00fcr Benedikt XIII. aussprach. Was die Vertreter der Versammlung von 1398 n\u00e4mlich nicht weiter bedacht hatten, war die Rolle Bonifaz\u02bc IX., der in Rom die Nachfolge Urbans VI. angetreten hatte. Im universit\u00e4ren Pariser Milieu wurde es als skandal\u00f6s empfunden, dass gro\u00dfe Scharen franz\u00f6sischer Pilger sich zum Heiligen Jahr 1390 nach Rom begaben und damit indirekt einen Papst anerkannten, der die Ausrufung des Heiligen Jahres allein deshalb zehn Jahre vorgezogen hatte, um daraus ein Maximum an Profit zu schlagen. An der r\u00f6mischen Kurie gestaltete sich die finanzielle Lage n\u00e4mlich alles andere als rosig: bis zum eigentlichen Heiligen Jahr, das 1400 gefeiert werden sollte, konnte und wollte man nicht warten. Man brauchte das Geld der Pilger. In Avignon stellte sich die finanzielle Situation doch einiges g\u00fcnstiger dar. Nach der Belagerung des Papstpalasts wurde Benedikt XIII. in Haft gehalten, wobei der Terminus \u201eEhrenhaft\u201c die Sachlage besser beschreibt. Am 11. M\u00e4rz 1403 gelang ihm jedoch die Flucht. In der Provence konnte er seine Position st\u00e4rken und schlie\u00dflich nach Avignon zur\u00fcckkehren. Auch Kastilien und Frankreich kehrten zur avignonesischen Ob\u00f6dienz zur\u00fcck. Die Initiative der Versammlung von 1398 war mehr oder minder ergebnislos verpufft.<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"3\">\n<li>Der K\u00f6nigsweg: Konzilien. 1409, nach \u00fcber 30 Jahren \u201ezerrissener Christenheit\u201c, schien die M\u00f6glichkeit f\u00fcr eine L\u00f6sung des Konflikts gegeben. Motor der Bewegung waren die Kardin\u00e4le, die sich in Pisa zu einem Konzil zusammengefunden hatten. Immerhin 500 Kardin\u00e4le, Bisch\u00f6fe, \u00c4bte und Gelehrte waren der Einladung gefolgt. Die Frage, ob man zu einem solchen Tun legitimiert sei, stellte sich und wurde folgenderma\u00dfen beantwortet: \u201eDieses Konzil ist ein allgemeines Konzil\u201c, \u201ees repr\u00e4sentiert die gesamte katholische Kirche und hat das Recht, als oberster Richter auf Erden \u00fcber diese Angelegenheit zu erkennen, zu entscheiden und zu bestimmen.\u201c In Pisa kam man also ohne Autorit\u00e4t des Papstes und ohne diejenige des r\u00f6mischen K\u00f6nigs zusammen. Man wollte dort einen neuen Papst w\u00e4hlen und tat dies auch, hatte aber nicht mit der Beharrungskraft des r\u00f6mischen beziehungsweise avignonesischen Papstes gerechnet. Da beide sich trotz der Verurteilung als Schismatiker, H\u00e4retiker und Eidbr\u00fcchiger nicht zur\u00fcckzogen, gab es nun also drei P\u00e4pste in der Christenheit. Papst Alexander V. (1409-1410), ein geb\u00fcrtiger Kreter und bisher Erzbischof von Mailand, war fortan der Dritte im Bunde. Drei Herden folgten drei Hirten. Was dies f\u00fcr die Akzeptanz der Kirche als von Gott eingesetzter Institution bedeutete, d\u00fcrfte unmittelbar klar vor Augen stehen. Ulrich von Richenthal, der Chronist des Konstanzer Konzils, fasst die Situation wie folgt zusammen: \u201eaus der verruchten Zweiheit wurde eine verfluchte Dreiheit von P\u00e4psten\u201c. Die kirchliche Autorit\u00e4t war dahin und lag in den H\u00e4nden weltlicher F\u00fcrsten. So dramatisch die Situation sich nach 1409 institutionell auch gestalten mochte, eines war deutlich geworden: Dem Konzil geh\u00f6rte die Zukunft. Es war das einzig verbliebene Mittel zur L\u00f6sung des Problems.<br \/>\nDer deutsche K\u00f6nig Sigismund, seit 1410 im Amt, war es schlie\u00dflich, der dazu ansetzte, den gordischen Knoten zu zerschlagen und die Wiedervereinigung der Kirche einzul\u00e4uten. Er \u00fcberzeugte den zweiten Pisaner Papst Johannes XXIII. (1410-1415), ein Konzil einzuberufen, das sich mit Fragen der Kirchenreform auseinandersetzen sollte. Sigismund selbst lud dazu ein. Es war das von 1414-1418 in Konstanz tagende Konzil, durch das die Kirche ihre Einheit wiedererlangen sollte. Der Weg dorthin war alles andere als leicht, mussten doch drei P\u00e4pste auf ihr Amt verzichten. Zun\u00e4chst lief alles wie gew\u00fcnscht. Johannes XXIII. er\u00f6ffnete am 5. November 1414 das Konzil, erregte jedoch europaweites Aufsehen, als er nur wenige Monate sp\u00e4ter als Stallknecht verkleidet versuchte, aus der Stadt zu fliehen und somit die Aufl\u00f6sung des Konzils zu bewirken. Das Vorhaben misslang: Die Konzilsv\u00e4ter zeigten sich mehr oder minder unbeeindruckt und verabschiedeten das Dekret \u201eHaec sancta\u201c, dessen entscheidende Passage nichts an Deutlichkeit zu w\u00fcnschen \u00fcbrig lie\u00df: \u201eDiese im Heiligen Geist rechtm\u00e4\u00dfig versammelte, ein allgemeines Konzil darstellende und die streitende katholische Kirche vertretende Synode hat ihre Vollmacht unmittelbar von Christus; jeder beliebige, welchen Standes und welcher W\u00fcrde auch immer, auch wenn es die p\u00e4pstliche sein sollte, ist gehalten, ihr in dem zu gehorchen, was den Glauben und die Ausrottung des genannten Schismas betrifft.\u201c<br \/>\nDas nennt man Konziliarismus. Bereits in dieser fr\u00fchen Phase hatte Pierry d\u2019Ailly, einer der hochgebildeten franz\u00f6sischen Humanistenkardin\u00e4le, daf\u00fcr gesorgt, dass nicht nur Kardin\u00e4le und andere hohe Kleriker, sondern auch die Doktoren der Theologie und des kanonischen Rechts, Vertreter der Domkapitel und Gesandte der F\u00fcrsten Stimmrecht erhielten. Das Konzil leistete ganze Arbeit. Johannes XXIII. setzte man ab, Gregor XII. trat selbst zur\u00fcck, nur Benedikt XIII. zeigte einmal mehr sein Beharrungsverm\u00f6gen. Sigismund reiste an der Spitze einer gro\u00dfen Gesandtschaft selbst nach Perpignan, um dort mit Benedikt zu konferieren. Vergeblich. Der halsstarrige, von seiner g\u00f6ttlichen Erw\u00e4hlung \u00fcberzeugte Mann, wurde schlie\u00dflich von allen fallen gelassen und zog sich in seine Festung Pe\u00f1\u00edscola, auf halbem Weg zwischen Barcelona und Valencia gelegen, zur\u00fcck. Ein Gro\u00dfteil der p\u00e4pstlichen Bibliothek zog mit ihm. Dort spielte er bis zu seinem Tod 1423 noch Papst, ernannte gar weitere vier Kardin\u00e4le, ohne dass dies irgendjemanden wirklich interessiert h\u00e4tte.<br \/>\nDurch ein weiteres, \u201eFrequens\u201c genanntes Dekret sicherte man dem Konzil auch k\u00fcnftig einen zentralen Platz im Leben der Kirche. Man ordnete an, \u201edass von jetzt an allgemeine Konzilien so abgehalten werden, dass ein erstes vom Ende dieses Konzils innerhalb des Zeitraums von sieben Jahren und von da an von Jahrzehnt zu Jahrzehnt best\u00e4ndig an solchen Orten abgehalten wird, welche der Papst einen Monat vor Beendigung eines jeden Konzils anzuordnen und zu ernennen verpflichtet ist.\u201c<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Results<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte Erfolg des Konstanzer Konzils bestand wohl darin, die Einheit der abendl\u00e4ndischen Kirche wieder hergestellt zu haben. Dem dreik\u00f6pfigen Monster wurden die H\u00e4upter abgeschlagen. Dies bedeutete freilich keine R\u00fcckkehr zur alten Papstkirche, in der sich in der Person des Papstes die alleinige Machtf\u00fclle b\u00fcndelte. Die Konstanzer Dekrete \u201eHaec Sancta\u201c und \u201eFrequens\u201c stehen f\u00fcr ein neues ekklesiologisches Modell, das eine st\u00e4rker kollegial-korporativ akzentuierte Kirchenverfassung favorisierte, in der der allgemeinen Synode und nicht mehr dem Papst die h\u00f6chste Autorit\u00e4t zukam. Doch damit geriet der Bedeutungsgehalt der alten K\u00f6rpermetapher einmal mehr ins Wanken. Wenn das Haupt nicht mehr \u00fcber die Glieder herrscht, sondern die Glieder \u00fcber das Haupt oder \u2013 im besten Falle \u2013 alle \u00fcber alle herrschen, dann hatte eine hierarchisch gegliederte Papstkirche ein Problem.<\/p>\n<p>Man einigte sich am 11. November 1417 auf einen neuen Papst \u2013 Kardinal Oddo Colonna, der den Namen Martin V. annahm. Alle weiteren Fragen, die mit der Kirchenreform zusammenhingen, hatte man allerdings vertagt. Sie sollten Gegenstand eines weiteren Konzils sein, das \u2013 genau wie im Dekret \u201eFrequens\u201c festgelegt \u2013 f\u00fcr das Jahr 1423 nach Pavia einberufen wurde. Doch das ist eine andere Geschichte.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Ph\u00e4nomen \u201eAvignon\u201c und die R\u00fcckkehr nach Rom &nbsp; Erst der zweite Versuch war erfolgreich: als Gregor XI. am 17. Januar 1377 in festlichem Zug durch Rom zur Petersbasilika geleitet wurde, war die Begeisterung zumindest auf Seiten der R\u00f6mer gro\u00df. 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