{"id":125207,"date":"2026-06-19T09:49:49","date_gmt":"2026-06-19T07:49:49","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=125207"},"modified":"2026-06-19T09:49:55","modified_gmt":"2026-06-19T07:49:55","slug":"hauptstat-unsers-landes-ze-beyrn-straubing-unter-den-herzoegen-von-bayern-straubing-holland","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/hauptstat-unsers-landes-ze-beyrn-straubing-unter-den-herzoegen-von-bayern-straubing-holland\/","title":{"rendered":"\u201ehauptstat unsers Landes ze Beyrn\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Tulpen, K\u00e4se, Windm\u00fchlen, Meer und Grachten \u2013 Brezen, Leberk\u00e4s, Wald, Fluss und G\u00e4u: Ungef\u00e4hr 800 Kilometer liegen zwischen den Niederlanden und Niederbayern. Auf den ersten Blick haben die beiden Landschaften nicht viel gemeinsam. Und doch kann man in der Kirche St. Jakob in Straubing einem Mann in holl\u00e4ndisch-burgundischer Mode begegnen, auf der gotischen Grabplatte des Kaufmanns Ulrich Kastenmayr. Umgekehrt gr\u00fc\u00dfen zum Beispiel in der Oude Kerk von Delft die vertrauten wei\u00dfblauen Rauten aus den Kirchenfenstern. Fast 75 Jahre lang, von 1353 bis 1425, gingen die heute niederl\u00e4ndischen Provinzen Nord- und S\u00fcdholland, Seeland und Friesland, das belgisch-franz\u00f6sische Hennegau und ein Teil Niederbayerns ein St\u00fcck des Wegs gemeinsam: im \u201eHerzogtum Bayern-Straubing-Holland\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Entstehung des Herzogtums<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie kam diese ungew\u00f6hnliche Verbindung zwischen Nord und S\u00fcd im mittelalterlichen Europa zustande? Ludwig IV., r\u00f6mischer Kaiser, deutscher K\u00f6nig und wittelsbachischer Bayernherzog, betrieb eine energische Hausmachtpolitik. So wurden unter seiner Herrschaft die Mark Brandenburg und die Grafschaft Tirol wittelsbachisch. Als im September 1345 Wilhelm IV., der letzte Graf von Hennegau, Holland, Seeland und Friesland, starb, griff Kaiser Ludwig auch hier zu. Er hatte in zweiter Ehe Margaretha, die \u00e4lteste Schwester Wilhelms, geheiratet. Sie erbte nun nicht nur Hennegau, ein Lehen des Bistums L\u00fcttich, sondern ihr Mann \u00fcbertrug ihr auch die Reichslehen Holland, Seeland und Friesland. Nach dem Tod Ludwigs kam es 1349 unter seinen sechs S\u00f6hnen zur zweiten gro\u00dfen bayerischen Landesteilung. Ludwig V. wurde zusammen mit Ludwig VI. und Otto V. Oberbayern, Brandenburg und Tirol zugesprochen. Stephan II., Wilhelm I. und Albrecht I. erhielten Niederbayern.<\/p>\n<p>Bereits am 3. Juni 1353 teilten diese drei aber im Regensburger Vertrag \u201eir land, ir lewt, pirg, stet und gemainleichen all ir g\u00fclt, die zu dem Nidern Bayern gehoren\u201c unter sich auf. Stephan wurde Herrscher im s\u00fcdwestlichen Teil Niederbayerns mit Landshut als Residenzstadt. Den nord\u00f6stlichen Teil Niederbayerns mit Straubing als Zentrum bekamen seine Halbbr\u00fcder Wilhelm und Albrecht, die zudem als Erben der m\u00fctterlichen L\u00e4nder Hennegau, Holland, Seeland und Friesland galten. Das Herzogtum \u201eNiederbayern-Straubing-Holland\u201c beziehungsweise \u201eBayern-Straubing-Holland\u201c war begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Das neue Herzogtum war ein zersplittertes Territorium. Es bestand im Norden aus dem agrarisch bestimmten Hennegau und den K\u00fcstengrafschaften Holland und Seeland, deren Aufstieg zu einer See- und Handelsmacht sich gerade anbahnte. Hier lagen aufstrebende St\u00e4dte wie Amsterdam, Delft, Rotterdam, Gouda, Haarlem, Dordrecht, Leiden oder Middelburg. Dazu kam noch die Herrschaft (West)Friesland.<\/p>\n<p>Der bayerische Teil des neuen Herzogtums zog sich an der Donau entlang von Kelheim, Straubing nach Vilshofen und Sch\u00e4rding, umspannte den Bayerischen Wald (Cham, Furth im Wald, K\u00f6tzting, Viechtach, Regen) und dehnte sich nach Simbach, Landau an der Isar, Dingolfing und Langquaid aus. Zum Herzogtum geh\u00f6rten auch der Herzogshof, die M\u00fcnze und die Juden zu Regensburg. Es war ein \u00fcberwiegend fruchtbares Bauernland, durch das sich wichtige Verkehrs- und Handelswege zogen.<\/p>\n<p>Wilhelm und Albrecht regierten zwar gemeinsam, teilten sich die Arbeit aber gewisserma\u00dfen auf: Wilhelm konzentrierte sich auf den Norden, was auch seine Heirat mit der englischen K\u00f6nigsnichte Mechteld von Lancaster unterstrich, und \u00fcberlie\u00df seinem j\u00fcngeren Bruder Albrecht die Regentschaft in Niederbayern. Albrecht richtete sich auf die Herrschaft in Niederbayern ein, etablierte sich nach anf\u00e4nglichen Differenzen mit Adligen und B\u00fcrgern. Und er begann Straubing zur herzoglichen Residenz auszubauen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Entwicklung im Norden<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Albrechts Zeit in Straubing endete aber unerwartet rasch. Denn 1357 wurde Wilhelm infolge eines Schlaganfalls regierungsunf\u00e4hig. Die St\u00e4nde Hennegaus und Hollands riefen seinen Bruder Albrecht als Statthalter und \u201eRuuward\u201c (Ruhewahrer) in ihr Land. Albrecht vertauschte die Straubinger Residenz konsequent mit dem Norden, der ihm wohl eine politisch und wirtschaftlich bedeutsamere Zukunft zu bieten schien. Er wurde \u201eRegent in einem Wespennest\u201c, in dem nicht nur aufs\u00e4ssige Friesen f\u00fcr \u00c4rger sorgten. Vor allem der Konflikt zwischen den Kabeljauen, den aufstrebenden St\u00e4dten, und den Haken, hinter denen sich vor allem der alteingesessene Adel verbarg, erzeugte innenpolitische Unruhe. Albrecht gelang es aber, die Spannungen durch eine ausgleichende Politik, durch wirtschaftliche F\u00f6rderung der St\u00e4dte und politische Einbeziehung der Adelsgeschlechter allm\u00e4hlich abzubauen.<\/p>\n<p>Er w\u00e4hlte das l\u00e4ndliche Haghe, urspr\u00fcnglich ein Jagdsitz der Grafen von Holland, zu seiner Residenz und legte damit den Grundstein f\u00fcr das heutige Den Haag, Sitz der niederl\u00e4ndischen Regierung und der k\u00f6niglichen Familie. Albrechts Hof wurde zum lebendigen Zentrum, wo einheimische, franz\u00f6sische, burgundische und verst\u00e4rkt bayerische Einfl\u00fcsse zusammentrafen. Man stand im intensiven kulturellen Austausch mit den f\u00fchrenden Residenzen Europas und pr\u00e4gte den \u201einternationalen Stil\u201c des 14. und beginnenden 15. Jahrhunderts mit. Als zum Beispiel Albrechts Ehefrau Margarethe von Liegnitz-Brieg starb, musste der Bildhauer \u201eJan die Bayer\u201c in Br\u00fcssel geeignete Meister suchen, \u201edie mynre vrouwen tumme in den Haghe maken zouden\u201c (\u201edie das Grabmal meiner Herrin in Den Haag machen sollten\u201c). Ein Maler namens Jacob van Mynnechen (Jakob aus M\u00fcnchen) verzierte dann das Grabmal, das leider seit dem Abbruch der Haager Hofkapelle verschwunden ist.<\/p>\n<p>Dieses Beispiel zeigt schon die Mobilit\u00e4t, die damals in Europa herrschte. K\u00fcnstler, Musikanten, S\u00e4nger, Schauspieler, Pilger, Soldaten, Studenten, Handwerker, Kaufleute und H\u00e4ndler waren unterwegs. So traten Musiker aus Holland im Straubinger Herzogsschloss auf, lie\u00df sich ein Goldschmied Hans aus Seeland in Straubing nieder, machte der niederbayerische Kaufmann Ulrich Kastenmayr im Norden reiche Gesch\u00e4fte. F\u00fcr die Regierung eines territorial so zersplitterten Gebildes wie des Herzogtums Straubing-Holland war zudem ein st\u00e4ndiges Hin und Her von Boten, Diplomaten und Verwaltungsleuten unabdingbar. Geleitbriefe und Vereinbarungen mit den jeweiligen Territorialherren, durch deren Gebiete man kam, sch\u00fctzten die Reisenden, die drei bis vier Wochen unterwegs waren. Erfahrene Gefolgsleute aus Niederbayern halfen Albrecht die marode holl\u00e4ndische Verwaltung zu reformieren. In den im Nationalarchiv in Den Haag erhaltenen Rechnungen dokumentiert sich nicht nur der \u201eneue Wind\u201c der bayerischen Schatzmeister, sondern auch die k\u00fcnstlerische Ausgestaltung, die man aus der niederbayerischen Tradition \u00fcbernahm.<\/p>\n<p>Gelegentlich besuchten die F\u00fcrsten selbst ihren niederbayerischen Landesteil. Als Beispiel einer F\u00fcrstenreise kann die Brautfahrt der \u201eK\u00f6nigin von B\u00f6hmen\u201c dienen, die in Rechnungen gut dokumentiert ist. Die achtj\u00e4hrige Johanna reiste zusammen mit ihren Eltern Albrecht und Margarethe am 23. August 1370 in Den Haag zu ihrer Hochzeit mit dem neunj\u00e4hrigen Wenzel, Sohn von Kaiser Karl IV., ab. Neben gro\u00dfem Gefolge nahm man unter anderem auch F\u00e4sser von R\u00e4ucheraal und Heringen als Freundschaftsgeschenke mit. Nach Stationen unter anderem in Rotterdam, Heusden, Eindhoven, Mons, K\u00f6ln, Bingen, Mainz, Frankfurt, Miltenberg, W\u00fcrzburg, Neustadt fand am 18. September in N\u00fcrnberg die \u00dcbergabe Johannas statt. W\u00e4hrend die Braut in ihre neue Heimat Prag weiterfuhr, suchten die Eltern ihre zweite Residenzstadt Straubing auf. Am 28. Januar 1371 brachen sie dann von Straubing aus \u00fcber Cham wieder in Richtung Norden auf.<\/p>\n<p>Unter Albrecht und seinen Nachfolgern erlebten die n\u00f6rdlichen Territorien einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung. Beim Herrschaftsantritt der bayerischen Herz\u00f6ge bestimmten zwar noch weitgehend Ackerbau, Viehzucht, Fischfang und Jagd den Lebensunterhalt der Bev\u00f6lkerung. Seit Mitte des 14. Jahrhunderts entwickelten sich aber vor allem in den Grafschaften Holland und Seeland die vielen, relativ kleinen St\u00e4dte, gef\u00f6rdert durch herzogliche Privilegien, zu Wirtschaftszentren. Dordrecht wurde zum n\u00f6rdlichen Handelsknotenpunkt, ein bedeutender St\u00fctzpunkt im Rheinhandel. Das seel\u00e4ndische Middelburg etablierte sich als Vorhafen von Antwerpen. Leiden und Den Haag dominierten im Textilsektor. Delft, Haarlem und Gouda, wichtige regionale Marktst\u00e4dte, investierten unter anderem in das Braugewerbe. Hopfen wurde nun nicht mehr importiert, sondern selbst angebaut. Um 1400 erlebte der bisher k\u00fcstennahe und an kleine Absatzgebiete gebundene Fischfang eine kleine Revolution: Die Produktion des Salzherings erm\u00f6glichte die Ausdehnung der Fanggebiete und den Einsatz gr\u00f6\u00dferer Schiffe; Fischhandel und Schiffsbau bl\u00fchten auf. Albrecht, obwohl im meerfernen Bayern aufgewachsen, fand sich im wasserbestimmten Norden rasch zurecht, f\u00f6rderte insbesondere die Deichgrafen-\u00c4mter, die in einem vom Meer gepr\u00e4gten und bedrohten Land f\u00fcr den Schutz von Mensch, Vieh und Boden verantwortlich waren. Das \u201eHooghemraadschap\u201c (die Wasserbeh\u00f6rde) von Delfland f\u00fchrt bis heute das Wappen der Herz\u00f6ge von Straubing-Holland als Hoheitszeichen.<\/p>\n<p>Albrecht war aber nicht nur ein n\u00fcchterner Wirtschaftsreformer. Neben seiner Vorliebe f\u00fcr die Ritterkultur \u2013 und f\u00fcr junge Damen: Seine S\u00f6hne sollen ihn einmal als einen \u201eauf junge Bl\u00e4tter gierigen alten Bock\u201c bezeichnet haben \u2013 pr\u00e4gte ihn auch eine tiefe Fr\u00f6mmigkeit. Sie schlug sich unter anderem in der Stiftung des Dominikanerklosters in Den Haag, der F\u00f6rderung des Karmelitenklosters oder der St. Bavo-Kerk in Haarlem, in Wallfahrten zur Maria von s\u2018Hertogenbosch nieder. Auch der Bau der Niuwe Kerk in Delft, die seit 1584 als Grablege der F\u00fcrsten und K\u00f6nige aus dem Haus Oranien-Nassau ber\u00fchmt ist, wurde von Albrecht entscheidend mitgetragen.<\/p>\n<p>1389 starb schlie\u00dflich Albrechts Bruder Wilhelm, der als der \u201edolle graaf\u201c (\u201everr\u00fcckter Graf\u201c) in Hollands Geschichte einging. Albrecht konnte nun offiziell titeln: \u201eWir Albrechts von gottes genaden pfallenzgrafe bey Rhein und herzog zu Bayrn, grave zu Henegau, zu Hollannde, zu Seland und der herlicheit zu Friesslanndt\u201c. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich, um Neutralit\u00e4t nach innen und au\u00dfen bem\u00fcht, auf dem H\u00f6hepunkt seiner Macht und seines Ansehens im In- und Ausland. Er hatte Heiratsbande und B\u00fcndnisse mit den K\u00f6nigen von England und Frankreich, mit den Herz\u00f6gen von Burgund und Geldern, mit den H\u00e4usern Habsburg und Luxemburg gekn\u00fcpft. Auch Albrechts Nachfolge war geregelt: Der \u00e4lteste Sohn Wilhelm sollte im Norden herrschen, w\u00e4hrend der zweite Sohn Albrecht als Regent im niederbayerischen Landesteil vorgesehen war. Der j\u00fcngste Sohn Johann verst\u00e4rkte als erw\u00e4hlter Bischof von L\u00fcttich die Machtbasis des Herzogtums im Norden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Entwicklung im niederbayerischen Landesteil<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie war es inzwischen im niederbayerischen Landesteil weitergegangen? Nach Albrechts Weggang in den Norden geriet das Teilherzogtum Niederbayern-Straubing zum Nebenland, das \u00fcberwiegend von Vitztumen (Stellvertretern des Herzogs) und Pflegern verwaltet wurde. Sie stammten aus so angesehenen Geschlechtern wie den Degenbergern, den Leuchtenbergern, den Ortenburgern oder den Nothaffts. Dies f\u00fchrte zu einer starken Stellung der \u201eLandst\u00e4nde\u201c. Diese hatten sich seit dem beginnenden 14. Jahrhundert als Vertreter des Adels, der St\u00e4dte und M\u00e4rkte sowie der Pr\u00e4latenkl\u00f6ster, also der Kl\u00f6ster mit Grundbesitz und Gerichtsrechten, herausgebildet, um ihre Interessen gegen\u00fcber dem Landesherrn durchzusetzen. Sie hatten Sitz und Stimme in der \u201eLandschaft\u201c, der politischen Vertretung der niederbayerischen Untertanen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die \u201eF\u00fcrsten in der Ferne\u201c (Dick de Boer) bedeutete ihr v\u00e4terliches Stammland eine wichtige Finanzquelle und eine wertvolle, s\u00fcdliche Machtbasis in K\u00f6nigsn\u00e4he (Prag). Sie sicherten \u2013 \u00e4hnlich ihrer Politik im Norden \u2013 die Grenzen, best\u00e4tigten die Rechte der St\u00e4dte, unterst\u00fctzten den wirtschaftlichen Aufschwung, indem sie Z\u00f6lle und Jahrm\u00e4rkte verliehen, Steuern erniedrigten oder erlie\u00dfen, Handwerk und Handel sch\u00fctzten. Sie trugen zwar gemeinsame Landfriedensvereinbarungen und M\u00fcnzordnungen f\u00fcr Bayern mit; sie hielten das Herzogtum Straubing aber aus den blutigen Querelen der wittelsbachischen Vettern heraus, die bei der bayerischen Landesteilung des Jahres 1392 zwischen den ehrgeizigen Herz\u00f6gen von M\u00fcnchen, Landshut und Ingolstadt entstanden und \u201eals regelrechter bayerischer Hauskrieg\u201c zu einem der \u201edunkelsten Jahrzehnte der bayerischen Geschichte\u201c (Wilhelm St\u00f6rmer) f\u00fchrten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Haupt- und Residenzstadt Straubing<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Besonders f\u00f6rderten die Herz\u00f6ge Straubing. Der Aufstieg Straubings zur Residenzstadt wurde durch den Weggang Albrechts zwar abgebremst und abgeschw\u00e4cht. Die Stadt blieb trotzdem eine wichtige Nebenresidenz, in der die Herz\u00f6ge bei ihren, wenn auch nicht zahlreichen, Aufenthalten in Bayern Hof hielten und in dem sie durchaus \u201erepr\u00e4sentieren\u201c wollten, wie das Herzogsschloss oder die Gr\u00fcndung des Karmelitenklosters bezeugen. Unbestritten war Straubing unter den Herz\u00f6gen von Straubing-Holland aber \u201eStraubing, unser hauptstat unsers landes ze Beyrn\u201c, wie Herzog Albrecht 1366 in einer Urkunde formulierte: Es war das Verwaltungszentrum f\u00fcr den niederbayerischen Landesteil.<\/p>\n<p>Die Zeit des Herzogtums Straubing-Holland war somit f\u00fcr Straubing eine Bl\u00fctezeit, in der sich die Stadt \u201eeiner vorher nicht gekannten Weltl\u00e4ufigkeit und Weltoffenheit, eines vorher nicht gekannten h\u00f6fischen Glanzes\u201c (Hubert Freilinger) erfreute. Und die Stadt gewann in diesen Jahren ihre bis heute charakteristische, im Kern sp\u00e4tgotische Gestalt. Die Anf\u00e4nge fast aller bedeutenden Baudenkm\u00e4ler fielen in diese Periode.<\/p>\n<p>Albrecht gab 1356 das m\u00e4chtige Herzogsschloss in Auftrag, das zugleich wehrhafte Residenz und Verwaltungszentrale wurde. Mitte 1368 errichteten die Beschuhten Karmeliten auf Bitten Albrechts in Straubing ein \u201eCl\u00f6sterl\u201c und eine Kirche. \u201eStadtcharakter\u201c erhielt Straubing auch durch die von Albrecht 1376 angeordnete Bepflasterung der Stra\u00dfen. Er verlieh einen Pflasterzoll mit der Begr\u00fcndung und der Auflage: \u201edaz wir an gesechen haben grozzen ungemach, m\u00fce und arbait, der von unflat und harbez (Dreck) wegen alle zeit in unsrer Stat zw Strawbing vor her gewesen ist und noch ist, und sein \u00fcberain worden, daz wir mainen und wellen unser Stat zu Strawbing uber pflastern.\u201c Diese fortschrittliche Ma\u00dfnahme, die vor allem mit Donaukieseln ausgef\u00fchrt wurde, schlug sich fast unverz\u00fcglich im Namen \u201eSteinergasse\u201c nieder, die als Teil einer der wichtigsten bayerischen Verbindungswege von Schongau \u00fcber M\u00fcnchen und Landshut in Richtung B\u00f6hmen mitten in und durch die Stadt f\u00fchrte. Straubing war eine der ersten gepflasterten Orte S\u00fcddeutschlands, lag vor St\u00e4dten wie Landshut, M\u00fcnchen und Regensburg. Dass die Herz\u00f6ge von Straubing-Holland \u00fcbrigens nicht nur die F\u00f6rderung Straubings im Blick hatten, zeigt unter anderem, dass diese Bepflasterung kurz darauf auch f\u00fcr Deggendorf befohlen wurde.<\/p>\n<p>Wirtschaftlich hatte sich Straubing seit seiner Gr\u00fcndung 1218 zwar nicht zu einer Fernhandels- und Manufakturstadt mit internationalen Beziehungen entwickelt, wie es zum Beispiel Regensburg war. Die Stadt war aber f\u00fcr das weite Umland, f\u00fcr den fruchtbaren G\u00e4uboden und den Bayerischen Wald, zentraler Handels- und Marktort, der von den Stadtherren dementsprechend unterst\u00fctzt wurde. Gut 50 Wochenm\u00e4rkte und zw\u00f6lf Jahrm\u00e4rkte fanden hier statt \u2013 Herzog Johann III. verlieh 1409 zum Beispiel das wichtige Recht zu einem neuen Jahrmarkt: \u201edas si ain mess machen sullen vnd mugen in vnsrer statt Straubing oder ausserhalben in dem purting.\u201c F\u00fcr die Bev\u00f6lkerung war gut gesorgt, auf den M\u00e4rkten gab es Roggen, Weizen, Hafer, Kohl, Kraut, R\u00fcben, Obst, Speck, Schmalz, K\u00e4se, Fisch, Mehl, Wein, Bier, Honig, Rinder, Pferde, Schweine, Schafe, Ziegen, Heu, Salz, Garn, Flachs, Wachs, verschiedene Tuche, Hafnerware, Holz, Erz, Kupfer, Zinn, Bandeisen, Sensen, M\u00fchlsteine, Baumaterialien wie Ziegelstein und Sand sowie Stroh und Getreide in Garben, wie aus einer Urkunde Albrechts von 1376 bekannt ist.<\/p>\n<p>Die Straubinger B\u00fcrger waren bereit und imstande, auf der Basis politischen Friedens und wirtschaftlichen Wohlergehens die \u201eF\u00fcrstenherrlichkeit\u201c ihrer Stadt (Hubert Freilinger) mitzutragen und mitzugestalten, durch entsprechende Wohn-, Nutz- und Kirchenbauten. Sie bauten weiter am 1316 grundgelegten Stadtturm, dem Wachtturm vor Feuer und Feind, einem selbstbewussten Wahrzeichen st\u00e4dtischer Eigenverantwortung inmitten des Marktplatzes. 1382 erwarben sie ein stattliches Kaufmannshaus und gestalteten es zum Rathaus um, unter anderem mit einem gro\u00dfen Versammlungs- und Festsaal. Nach einem Stadtbrand stifteten und finanzierten die B\u00fcrger 1393 die gotische Backsteinkirche St. Veit.<\/p>\n<p>Vor allem aber erwuchs die neue Stadtkirche St. Jakob, deren Baubeginn in den Jahren nach 1400 anzusetzen ist. Gef\u00f6rdert von der B\u00fcrgerschaft und vom Augsburger Domkapitel, vielleicht angesto\u00dfen durch den Blick in die andere niederbayerische Residenzstadt Landshut, entwarf vermutlich Meister Hans von Burghausen, der als Architekt der dortigen Kirche St. Martin nachzuweisen ist, eine dreischiffige Hallenkirche. Sie wurde \u201ezu einem der gro\u00dfen und epochalen Sakralbauten der bayerischen und s\u00fcddeutschen Hallengotik\u201c und ist heute \u201eals Denkmal von nationaler Bedeutung\u201c (Werner Sch\u00e4fer) eingestuft. In einer Kapelle hinter dem Hochaltar befindet sich ein Meisterwerk sp\u00e4tgotischer Grabmalkunst: die Grabplatte des Ratsherrn und Kaufmanns Ulrich Kastenmayr.<\/p>\n<p>Die Verbindung mit dem Norden blieb nicht ohne Spuren. Niederbayerische Boten, Verwaltungsleute und Soldaten brachten Kunde von burgundischer und holl\u00e4ndischer Lebensart und Kultur nach Straubing. Die Herrscher selbst, im Mutterland mehr zu Hause als im v\u00e4terlichen Bayern, f\u00fchrten hier neue Br\u00e4uche ein, zum Beispiel das \u201ePapageienschie\u00dfen\u201c. Mit Pfeil und Bogen oder Armbrust schossen F\u00fcrsten, Adelige, Patrizier und B\u00fcrger auf einen h\u00f6lzernen oder t\u00f6nernen Vogel, der auf einem gro\u00dfen Holzgestell sa\u00df. Das Vogelschie\u00dfen breitete sich in ganz Bayern aus.<\/p>\n<p>Eine besondere Bl\u00fctezeit Straubings begann im Jahr 1387 mit dem Antritt des Statthalteramtes durch Herzog Albrecht II. F\u00fcr kurze Zeit wurde der niederbayerische Landesteil von einem F\u00fcrsten regiert und die Hauptstadt Straubing erhob sich f\u00fcr ein Jahrzehnt zur \u201ewirklichen Residenz\u201c. Aus den Landschreiberrechnungen wird das h\u00f6fische Leben ersichtlich. Die K\u00f6che kauften ausgesuchte Speisen und Getr\u00e4nke, zum Beispiel \u201ewelschen\u201c Wein oder kostbare Gew\u00fcrze wie Pfeffer, Ingwer und Safran. Fahrende Leute, Schauspieler und Musikanten sorgten f\u00fcr Unterhaltung; einheimische Pauker, Lautenspieler und Fiedler traten ebenso im Straubinger Herzogsschloss auf wie \u201edes Romischen konig singer\u201c, \u201edes von Osterrich Herold\u201c oder \u201emeins alten herrn pfeiffer von Hollande\u201c.<\/p>\n<p>Hohe G\u00e4ste von nah, zum Beispiel die Bisch\u00f6fe von Regensburg und Passau, und fern, wie Albrechts Schwager Johann von Burgund, der 1395 auf seinem Weg nach Ungarn zum Kampf gegen die T\u00fcrken durch Straubing zog, wurden festlich empfangen. Albrecht II., Mitglied des europ\u00e4ischen Hochadels, ritt zu Turnieren nach Landshut, N\u00fcrnberg oder Heidelberg, besuchte aber genauso gerne die Sch\u00fctzenfeste der Straubinger B\u00fcrger am Hagen oder die heimischen Badstuben, wo er sich von den \u201efrawlein\u201c betreuen lie\u00df und Bier und Obst genoss. Nicht wenig spendete Albrecht auch f\u00fcr sein Seelenheil. Oft wurden Almosen verteilt, zum Beispiel an einen \u201earmen priester\u201c, einen \u201earmen pilgrein\u201c, einen \u201egemainen frawlein das sich von dem leben keren wolt\u201c, einen \u201earmen menschen\u201c.<\/p>\n<p>F\u00fcr seinen Vater erledigte Albrecht wichtige diplomatische Aufgaben, zum Beispiel in Prag und Wien, unter anderem begleitete er seine Schwester zur Hochzeit mit dem Habsburger Albrecht nach Wien. Obgleich er als Erbe und F\u00fcrst in Niederbayern vorgesehen war, blieb er \u2013 vielleicht auch auf Wunsch seines Vaters \u2013 mit den n\u00f6rdlichen Territorien und dem politischen Geschehen dort vertraut. So besuchte er gelegentlich den Haager Hof.<\/p>\n<p>1396 stand Albrecht II. Vater und Bruder im Kampf gegen die aufst\u00e4ndischen Friesen bei. Auf der Heimreise, auf der ersten Station in \u201eseinem\u201c niederbayerischen Herrschaftsgebiet, in Kelheim, erlag er am 21. Januar 1397 einer Lungenentz\u00fcndung, \u201eund was ein junger, grosser, herlich man, in g\u00fctikait gros ze pr\u00fcfen\u201c, wie ihn ein zeitgen\u00f6ssischer Berichterstatter, der Augustinerchorherr Andreas von Regensburg, in seiner Chronik \u201eder F\u00fcrsten zu Bayern\u201c r\u00fchmte.<\/p>\n<p>Bestattet wurde Albrecht II. im Chor der Straubinger Karmelitenkirche. Sein eindrucksvolles Hochgrab ist \u00fcbrigens das einzige erhaltene Grab eines Vertreters der Wittelsbacherdynastie Straubing-Holland.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Ende des Herzogtums<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sieben Jahre sp\u00e4ter, am 13. Dezember 1404, starb auch sein Vater Herzog Albrecht I., nachdem er 46 Jahre als \u201erechter heer\u201c und \u201eeerlic\u201c (\u201eehrlich\u201c) regiert hatte, wie es in holl\u00e4ndischen Quellen hei\u00dft. Mit dem Tod Albrechts, eines gar \u201egro\u00dfen F\u00fcrsten\u201c (Dick de Boer), spaltete sich das Herzogtum Bayern-Straubing-Holland auf. Den niederbayerischen Landesteil erbte, in Nachfolge seines verstorbenen Bruders Albrecht II., der j\u00fcngste Sohn Johann III., erw\u00e4hlter Bischof von L\u00fcttich. Die n\u00f6rdlichen Territorien fielen seinem \u00e4ltesten Sohn Herzog Wilhelm II. zu, der jedoch schon 1417 an einem Hundebiss verstarb. Er hatte seine Tochter Jakob\u00e4a als rechtm\u00e4\u00dfige Erbin in Holland, Seeland, Friesland und Hennegau eingesetzt. Jakob\u00e4as Onkel Johann III. erhob Einspruch. Es brach ein blutiger Erbfolgekrieg aus, in dem sich K\u00f6nig Sigismund auf die Seite Johanns stellte und ihn mit den n\u00f6rdlichen Territorien belehnte \u2013 womit das Herzogtum Bayern-Straubing-Holland wieder vereint war. Johann hatte inzwischen sein Bischofsamt aufgegeben und Elisabeth, die Erbin der Grafschaft Luxemburg und Nichte Sigismunds, geheiratet. Dass Johann in dieser Zeit seine Herrschaft in Niederbayern, die er durch Vitztume wahrnahm, durchaus im Auge und offenbar gewisse Zukunftspl\u00e4ne hatte, zeigt der Um- und Ausbau des Straubinger Herzogsschlosses um 1422. Dieses wurde nicht nur gegen eventuell drohende Einf\u00e4lle der b\u00f6hmischen Hussiten verst\u00e4rkt \u2013 die Anh\u00e4nger des Reformators Jan Hus, der unter anderem die R\u00fcckkehr zur apostolischen Armut der Urkirche gefordert hatte, hatten nach dessen Verbrennung als Ketzer auf dem Konstanzer Konzil im Juli 1415 blutige Rache geschworen. Johann lie\u00df auch einen pr\u00e4chtigen Saal schaffen. Er z\u00e4hlte zu den gr\u00f6\u00dften S\u00e4len im mittelalterlichen Deutschland und gleicht dem \u00e4lteren Rittersaal in der Residenz in Den Haag \u2013 was wiederum auf die herzogliche Wertsch\u00e4tzung Straubings als niederbayerisches Pendant zu Den Haag verweist.<\/p>\n<p>Im Norden k\u00e4mpfte Jakob\u00e4a weiterhin um ihr Erbe. Nachdem Johann III. am Dreik\u00f6nigstag 1425 einem Giftanschlag erlegen war, erhob sein Neffe Herzog Philipp von Burgund Anspruch auf Hennegau, Holland, Seeland und Friesland. Gegen diesen m\u00e4chtigen Gegner, der von Johann zudem als Erbe eingesetzt worden war, konnte sich Jakob\u00e4a nicht behaupten. \u201eJacoba van Beieren\u201c, wie sie in Holland genannt wird, die nie nach Bayern und Straubing gekommen war, verzichtete schlie\u00dflich auf ihre Herrschaftsrechte; die \u201eselbstbewusste, aber gl\u00fccklose F\u00fcrstin\u201c (Theodor Straub) starb 1436. Holland, Seeland, Friesland und Hennegau aber gingen im Reich der burgundischen Herz\u00f6ge auf, die seit der Mitte des 14. Jahrhunderts konsequent ihre Machtbasis in Richtung Norden vergr\u00f6\u00dfert hatten.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Kaum ein Niederl\u00e4nder wei\u00df etwas \u00fcber die Geschichte des Herzogtums Straubing-Holland. Jakob\u00e4a hingegen kennt fast jeder. Als \u201eWeib in R\u00fcstung\u201c \u00fcberlebte \u201evrou Jacob\u201c in Geschichte, Literatur und Sage. \u00dcberall begegnen Stra\u00dfen, die nach ihr benannt sind. Beliebtes Reiseziel vor allem im Fr\u00fchjahr ist der \u201eKeukenhof\u201c mit seiner Tulpenbl\u00fcte, es war der \u201eK\u00fcchenhof\u201c Jakob\u00e4as.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Aufteilung des niederbayerischen Landesteils<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die wittelsbachischen Vettern in Bayern interessierte die Nachfolge in den n\u00f6rdlichen Territorien nicht, um das niederbayerische Gebiet aber entbrannte 1425 ein heftiger Streit. In Bayern kannte man \u2013 im Unterschied zum Norden, wo Jakob\u00e4a mit Recht den Kampf um die Herrschaft aufnahm \u2013 keine weibliche Thronfolge. Hier waren also die bayerischen Wittelsbacher die rechtm\u00e4\u00dfigen Erben. Diese, untereinander verfeindet, hatten aber verschiedene Vorstellungen von der Aufteilung des Erbes:<\/p>\n<p>Herzog Ludwig VII. der B\u00e4rtige von Bayern-Ingolstadt forderte als \u201eeltist und wirdigst f\u00fcrst von Bayrn\u201c das Gesamterbe. Sein Intimfeind Herzog Heinrich XVI. der Reiche von Bayern-Landshut verlangte eine Teilung nach den drei Linien. Die Herz\u00f6ge Ernst I. und Wilhelm III. von Bayern-M\u00fcnchen wollten, dass alle Erben gleichen Grades ber\u00fccksichtigt werden, also viergeteilt werde. Zudem erhob auch der Habsburgerherzog Albrecht von \u00d6sterreich, Neffe des verstorbenen Herzogs Johann III., Anspruch auf ein Erbteil.<\/p>\n<p>Die Auseinandersetzungen erhielten durch die \u00dcberf\u00e4lle der b\u00f6hmischen Hussiten Brisanz. So berichtete 1428 eine Quelle, dass die Gegend hinter dem Hohen Bogen, der \u201eWinkhel durch die underthanen der Cron Behaim laider gantz und gar verderbt, zerschlaifft und verprennt worden, und darnach etlich Jar in ver\u00f6dung gelegen\u201c. K\u00f6nig Sigismund zog endlich die Verhandlungen um das Straubinger Erbe an sich. Die Straubinger Landst\u00e4nde hatten den K\u00f6nig dringlich gebeten, er solle sich des Erbfalles annehmen, ansonsten \u201em\u00f6chte um das Land, so seiner K. Gnaden Lehen sei, gar gekriegt und dasselbe ganz verderbt werden\u201c.<\/p>\n<p>Am 26. April 1429 legte der k\u00f6nigliche Schiedsspruch von Pre\u00dfburg (heute Bratislava\/Slowakei) eine \u201eTeilung nach K\u00f6pfen\u201c fest, ganz im Sinne der M\u00fcnchner Herz\u00f6ge, zu denen K\u00f6nig Sigismund zu dieser Zeit ein gutes Verh\u00e4ltnis hatte. Den Anspruch Albrechts von \u00d6sterreich wies Sigismund zur\u00fcck. Am 29. Juli 1429 wurden per Los Herzog Ludwig von Ingolstadt unter anderem Sch\u00e4rding, Dingolfing, Kirchberg und die Juden zu Regensburg zugesprochen. Herzog Heinrich von Landshut bekam neben anderen Orten Vilshofen, Hengersberg, Natternberg und Landau. Herzog Wilhelm von M\u00fcnchen erhielt unter anderem Kelheim, Dietfurt, Eschlkam, Furth, K\u00f6tzting, Cham und Deggendorf. \u201eDas ander viertail, Straubing, die stat mit der vesten daselbs mit maut und kasten, Glayt, Vyscherey, Wysmad, Lehenschafft und mit dem lantgerichte daselbs und allen sein zugehoren\u201c sowie dazu Mitterfels, Bogen, Haidau, der Herzogshof und die M\u00fcnze zu Regensburg gingen an Herzog Ernst von M\u00fcnchen. Ernst und Wilhelm verwalteten ihre Gebiete gemeinsam, die nun \u2013 aus M\u00fcnchner Perspektive \u2013 als \u201eNiderland\u201c bezeichnet wurden, wof\u00fcr sich sp\u00e4ter auch der Begriff \u201eStraubinger L\u00e4ndchen\u201c einb\u00fcrgerte. Der \u201eTailzedl\u201c von 1429 hielt das Ergebnis fest: \u201eNota wie man ainen tail an dem Nyderlannd in Beyrn in vier tail gemacht hat.\u201c Bei der Entscheidung, die noch dazu durch das Los dem Zufallsprinzip unterworfen war, stand die gleichm\u00e4\u00dfige Verteilung der Eink\u00fcnfte im Vordergrund und nicht ein m\u00f6glicher gebietsm\u00e4\u00dfiger Zusammenhang mit den Erben. Die territoriale Zersplitterung Bayerns hatte somit ihren H\u00f6hepunkt erreicht.<\/p>\n<p>Die Aufteilung des niederbayerischen Landesteils war ein weiterer Schritt in der Entwicklung der drei Teilherzogt\u00fcmer Bayern-Landshut, Bayern-Ingolstadt, Bayern-M\u00fcnchen zu eigenen, getrennten Territorialstaaten. Das Bewusstsein von einem seit Jahrhunderten stammesm\u00e4\u00dfig, sprachlich und landschaftlich gewachsenen \u201eLand zu Bayern\u201c, von den Wittelsbachern seit 1180 als \u201eF\u00fcrsten\u201c, als \u201eHaus\u201c beherrscht, ging allm\u00e4hlich verloren. Und es war nur dem zuf\u00e4lligen Aussterben der einzelnen Linien, nach Straubing Ingolstadt und dann Landshut, zu verdanken, dass Anfang des 16. Jahrhunderts unter Albrecht IV. ein neues, einiges und unteilbares Herzogtum Bayern entstand, der bayerische Staat der Neuzeit.<\/p>\n<p>Der niederbayerische Landesteil des Herzogtums Straubing-Holland spielte \u00fcbrigens w\u00e4hrend des Bayerischen Erbfolgekrieges 1778\/1779 noch einmal eine Rolle, als nach dem Tod des letzten bayerischen Wittelsbachers, Max III. Josef, im Jahr 1777 der \u00f6sterreichische Kaiser Josef II. \u2013 in Berufung auf den Anspruch Albrechts von \u00d6sterreich, des Neffen Johanns III. \u2013 das Gebiet f\u00fcr sich beanspruchte und besetzte. Durch das Eingreifen des Preu\u00dfenk\u00f6nigs Friedrich II. kam es jedoch zum Frieden von Teschen, der nur das Innviertel mit Ried, Braunau und Sch\u00e4rding \u00f6sterreichisch werden lie\u00df.<\/p>\n<p>Straubing selbst verlor 1425 beziehungsweise 1429 seinen Rang als \u201ealtbayerische Residenzstadt\u201c, auch wenn es die meiste Zeit nur als Nebenresidenz beziehungsweise Residenz auf Zeit gedient hatte. Die Bedeutung Straubings unter den Herz\u00f6gen von Straubing-Holland lag auf ihrer Funktion als Hauptstadt f\u00fcr den niederbayerischen Landesteil. \u201eHauptstadt\u201c blieb Straubing, ein Wirtschafts- und Beh\u00f6rdenzentrum mit dem Sitz des Viztums beziehungsweise \u2013 nach der Neugliederung Bayerns 1505 \u2013 mit dem Sitz der Regierung und des Rentmeisteramtes f\u00fcr einen Gro\u00dfteil Niederbayerns. Diese herausragende Stellung unter Bayerns St\u00e4dten, die neben Straubing nur noch Ingolstadt, Landshut und M\u00fcnchen einnahmen, ging erst bei der Neugestaltung Bayerns in der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts verloren. Landshut wurde nun Mittelpunkt eines geographisch neu definierten Regierungsbezirks Niederbayern. Geblieben ist das eindrucksvolle Gesicht Straubings, das in diesen knapp 75 Jahren entscheidend gepr\u00e4gt wurde.<\/p>\n<p>Nicht vergessen darf man zuletzt, dass Straubing durch die Teilung 1429 Schauplatz eines ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Ereignisses werden konnte: Herzog Ernst I. von Bayern-M\u00fcnchen sandte seinen Sohn Albrecht III. als Statthalter nach Straubing. Mit Albrecht kam seine unstandesgem\u00e4\u00dfe Geliebte\/Ehefrau Agnes Bernauer. Sie wurde am 12. Oktober 1435 zu Straubing in der Donau ertr\u00e4nkt. Aber dies ist wieder eine ganz andere Geschichte!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tulpen, K\u00e4se, Windm\u00fchlen, Meer und Grachten \u2013 Brezen, Leberk\u00e4s, Wald, Fluss und G\u00e4u: Ungef\u00e4hr 800 Kilometer liegen zwischen den Niederlanden und Niederbayern. Auf den ersten Blick haben die beiden Landschaften nicht viel gemeinsam. 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