{"id":127003,"date":"2026-07-06T09:42:57","date_gmt":"2026-07-06T07:42:57","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=127003"},"modified":"2026-07-06T09:42:57","modified_gmt":"2026-07-06T07:42:57","slug":"leben-und-historische-einordnung-des-jan-hus","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/leben-und-historische-einordnung-des-jan-hus\/","title":{"rendered":"Leben und historische Einordnung des Jan Hus"},"content":{"rendered":"<h3><strong> Jan Hus in den Traditionen der Kirchen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf den Tag genau vor 600 Jahren, am 6. Juli 1415, wurde der Prager Magister Jan Hus in der XV. Generalsitzung des Konstanzer Konzils nach Verlesung der ihm als ketzerisch angelasteten Artikel als verstockter Ketzer zum Tod verurteilt, als Priester degradiert, dem weltlichen Arm zur Urteilsvollstreckung ausgeliefert und anschlie\u00dfend vor der Stadt auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Um Reliquien zu verhindern, wurde seine Asche im Rhein verstreut.<\/p>\n<p>Die wohl bei vielen seiner Gegner in B\u00f6hmen und im r\u00f6misch-deutschen Reich vorhandene Erwartung, dass die Causa Hus mit seinem Tod abgeschlossen sei, erscheint aus der R\u00fcckschau als v\u00f6llig unrealistisch. Nach \u00dcberzeugung der Anh\u00e4nger war Hus in Konstanz weder \u00fcberf\u00fchrt, noch rechtm\u00e4\u00dfig verurteilt worden \u2013 \u201enon convictus, non condemnatus\u201c, wie die hussitischen Quellen immer wieder betonten. Seine Verehrung als Wahrheitszeuge und Heiliger setzte unmittelbar nach seinem Tod ein. Gut zwei Monate nach Hussens Feuertod w\u00fcrdigten Rektor, Magister und Doktoren der Prager Universit\u00e4t das Leben und die Verdienste ihres fr\u00fcheren Kollegen in einem an ausgew\u00e4hlte K\u00f6nigreiche und L\u00e4nder verschickten Zeugnis in \u00fcberschw\u00e4nglichen Worten: Hus, der dem\u00fctig, fromm und tugendhaft lebte und als Spiegel der Heiligkeit ergl\u00e4nzte, habe in Konstanz standhaft den Tod erlitten und damit glorreich \u00fcber alle Feinde triumphiert. Die Aussteller w\u00fcnschen, dass Hus \u2013 so wie er das Beispiel eines Gerechten war \u2013 allen Christgl\u00e4ubigen zu einem Zeugen der katholischen Wahrheit werde.<\/p>\n<p>Ihr Wunsch hat sich durchaus erf\u00fcllt: Utraquisten, Taboriten, B\u00f6hmische Br\u00fcder, Waldenser vornehmlich in Deutschland, Lutheraner, Herrnhuter und die nach 1918 neu konstituierten evangelisch-hussitisch-br\u00fcderischen Kirchen auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik hielten das Ged\u00e4chtnis an den unbesiegten Wahrheitszeugen hoch und bewahrten sein Verm\u00e4chtnis. Eines der eindrucksvollsten ikonographischen Zeugnisse der Hus-Verehrung stellt die gro\u00dfformatige Miniatur der Apotheose Hussens in dem vor 1517 entstandenen Graduale der Leitmeritzer Utraquisten dar. \u00dcber der Szene des Martyriums wird Hus in goldenem priesterlichem Gewand von Gottvater in die Glorie des Himmels aufgenommen.<\/p>\n<p>In der r\u00f6misch-katholischen Kirche blieb Hus bis in j\u00fcngere Zeit der Ketzersohn Wyclifs und Zerst\u00f6rer der christlichen Einheit B\u00f6hmens. Einpr\u00e4gsam hat der preu\u00dfisch-protestantische Historiker Leopold von Ranke das Weiterleben Hussens unter Verehrern wie Gegnern \u00fcber die Jahrhunderte hinweg in seiner Weltgeschichte 1888 in den vielzitierten Satz gefasst: \u201eAls Hus tot war, wurde er erst eigentlich lebendig\u201c \u2013 ein Satz, der auch in der folgenden Zeit seine G\u00fcltigkeit nicht verloren hat.<\/p>\n<p>In den letzten Jahrzehnten haben die intensiven Bem\u00fchungen von Historikern und Theologen um die Kl\u00e4rung der Lebensumst\u00e4nde Hussens und die Einsch\u00e4tzung seines Reformwerks die zuvor bestehenden nationalen und konfessionellen Barrieren weitestgehend \u00fcberwunden. Einen wichtigen Schritt in der Wahrnehmung Hussens als christlicher Reformer bedeutete die 1960 erstmals erschienene Monographie des belgischen Benediktiner Paul de Vooght \u00fcber die H\u00e4resie Hussens. Hervorragende Bedeutung f\u00fcr die Hus-Forschung hatten die beiden internationalen Hus-Symposien 1993 in Bayreuth und 1999 im Vatikan. Allein schon die Ortswahl der letztgenannten Zusammenkunft setzte ein Zeichen \u00fcber die gewandelte Einstellung Roms in der Frage Hus. Unter dem Titel \u201eJan Hus ve Vatikanu\u201c, Jan Hus im Vatikan, erschienen die Dokumentation \u00fcber das Symposium. Darin findet sich folgendes Statement des Konstanzer Medi\u00e4visten Alexander Patschovsky: \u201eUnmittelbar vor Anbruch des neuen Jahrtausends christlicher Zeitrechnung sich in Rom im Vatikan zu versammeln und Bilanz zu ziehen hinsichtlich einer der folgenreichsten tragischen Entscheidungen der Kirche, ist ein schon im Moment des Vollzugs historisches Ereignis. Da\u00df die katholische Kirche in der Person des Heiligen Vaters ihren Frieden mit Jan Hus und der mit seinem Namen untrennbar verbundenen Reform der Kirche in seinem Heimatland B\u00f6hmen zu machen sucht, verdient Respekt und ist ein Zeichen der Verhei\u00dfung f\u00fcr eine Zukunft, die vom Dialog und nicht von gegenseitiger Verdammung bestimmt ist.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Hus und die Reform der Kirche<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der aus einfachen Verh\u00e4ltnissen stammende Jan Hus wurde nach 1370 in dem kleinen s\u00fcdb\u00f6hmischen Ort Husinec geboren, unweit der Stadt Prachatitz am Goldenen Steig, dem alten Handelsweg zwischen Bayern und B\u00f6hmen. Vom Ortsnamen Husinec abgeleitet nannte er sich sp\u00e4ter Hus. Der Zusammenhang des Namens mit dem tschechischen Wort \u201ehusa\u201c \u2013 zu deutsch: \u201eGans\u201c \u2013 f\u00fchrte dazu, dass er sp\u00e4ter vielfach in guter oder b\u00f6ser Absicht als solche bezeichnet und in der lutherischen Reformation symbolisch als die in Konstanz gebratene Gans dargestellt wurde. In Prachatitz besuchte er die Pfarrschule. Nach seiner eigenen Aussage in seinen \u201eB\u00fcchern \u00fcber den \u00c4mterkauf\u201c von 1413 habe er damals vorgehabt, bald Priester zu werden, um eine gute Wohnung und Kleidung zu haben und von den Menschen gesch\u00e4tzt zu werden. Selbstkritisch f\u00fcgte er dann hinzu: \u201eAber dieses Begehren erkannte ich als b\u00f6se, sobald ich die Schrift verstanden hatte.\u201c<\/p>\n<p>Wahrscheinlich vor 1390 zog Hus zum Universit\u00e4tsstudium nach Prag, der Hauptstadt des K\u00f6nigreichs B\u00f6hmen und damals auch Residenzstadt des r\u00f6misch-deutschen K\u00f6nigs, Sitz des Prager Erzbischofs und Aufenthaltsort zahlreicher Vertreter des hohen Adels, der Wissenschaften und K\u00fcnste. Unter der Regierung Kaiser Karls IV. aus dem Hause Luxemburg hatte die Stadt einen glanzvollen Aufstieg genommen. Zu den herausragenden Leistungen aus dieser Zeit z\u00e4hlten neben dem Ausbau der Burg und des Doms auf dem Hradschin die Gr\u00fcndungen der Universit\u00e4t und der Prager Neustadt. Die Errichtung der letzteren f\u00fchrte in den folgenden Jahrzehnten zu tiefgreifenden Wandlungen im sozialen, kirchlichen, nationalen und administrativen Gef\u00fcge der Gesamtstadt Prag. Mit dem Regierungsantritt des b\u00f6hmischen und r\u00f6misch-deutschen K\u00f6nigs K\u00f6nig Wenzel IV., dem \u00e4ltesten Sohn Karls IV., im Jahr 1378 und der schrittweisen Abkehr von der Regierungslinie des Vaters kam es zu wachsenden Spannungen im weltlichen Bereich. Der Konflikt zwischen ihm und Erzbischof Johann von Jenstein, seinem fr\u00fcheren Hofkanzler, hatte gravierende Sch\u00e4den im staatlich-kirchlichen Verh\u00e4ltnis zur Folge. Er gipfelte in der von Wenzel geplanten Errichtung eines westb\u00f6hmischen Bistums mit Sitz in Kladrau und der Ermordung des erzbisch\u00f6flichen Generalvikars Johannes von Nepomuk. Hus hat diese sicher miterlebt, aber mit R\u00fccksicht auf K\u00f6nig Wenzel in seinen Schriften dar\u00fcber geschwiegen.<\/p>\n<p>Das im Jahr 1378 beginnende Gro\u00dfe Abendl\u00e4ndische Schisma mit zun\u00e4chst zwei konkurrierenden P\u00e4psten in Rom und Avignon sowie seit dem Konzil von Pisa 1409 zus\u00e4tzlich mit einem von diesem gew\u00e4hlten dritten Papst belastete durch die in Kirche, Staat und Volk entstehenden Polarisierungen das friedliche Miteinander. Die Folgen der Spaltung boten vielfachen Anlass zu Kirchenkritik, gerade von Seiten der wyclifitisch-hussitischen Reformbewegung, und wirkten sich vor allem seit 1407 nachhaltig auf die Politik K\u00f6nig Wenzels aus.<\/p>\n<p>Um 1400 gab es in Prag neben dem Dom, dem Metropolitankapitel und der erzbisch\u00f6flichen Kurie drei Kollegiatkapitel, \u00fcber zwei Dutzend Kl\u00f6ster, \u00fcber 40 Pfarreien mit vielen Kapellen und eine Reihe von Spit\u00e4lern. Entsprechend dieser hohen Zahl kirchlicher Institutionen war der Anteil des Welt- und Ordensklerus sowie der weiblichen Ordensangeh\u00f6rigen an der Gesamtbev\u00f6lkerung der Prager St\u00e4dte \u00fcberaus hoch. Unter dem Klerus entstanden zum Teil extreme soziale Spannungen. Der niedere Klerus hatte mit wachsenden Existenzschwierigkeiten zu k\u00e4mpfen. Das Verhalten eines Teils des hohen Klerus gab Anlass zu wachsender Kleruskritik. Nach dem Visitationsprotokoll des Prager Archidiakonats von 1393 waren Konkubinat, Wirtshausbesuch und Spielsucht unter dem Stadt- und Landklerus weit verbreitet. Hus hat noch aus der Haft in Konstanz seinen Nachfolger an der zur Predigt in tschechischer Sprache begr\u00fcndeten und p\u00e4pstlich privilegierten Kapelle zu den unschuldigen Kindern von Bethlehem \u2013 kurz Bethlehemkapelle genannt \u2013 eindringlich vor der Gefahr gewarnt, die f\u00fcr einen Geistlichen von einer Frau ausgehe.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber der seit Gr\u00fcndung der Universit\u00e4t und mit der Heirat Annas, der Schwester K\u00f6nig Wenzels, mit K\u00f6nig Richard II. von England 1382 endg\u00fcltig dominierenden philosophischen Richtung eines gem\u00e4\u00dfigten Nominalismus fanden nun die Ideen des Oxforder Theologen und radikalen Kirchenkritikers John Wyclif Eingang an der Universit\u00e4t \u2013 und mit ihm der philosophische Realismus. Im Zug der Emanzipationsbestrebungen der b\u00f6hmischen Universit\u00e4tsnation wandten sich vor allem j\u00fcngere tschechische Magister dieser Richtung zu, darunter Hussens Lehrer Stanislaus von Znaim, die radikal gesinnten Magister Jacobellus von Mies, Hieronymus von Prag und auch Jan Hus. Die meisten der \u00e4lteren deutschen Magister hingen hingegen weiterhin dem Nominalismus an. Der entstehende Universalien- und Wyclif-Streit war somit von Anfang an in hohem Ma\u00df von Auseinandersetzungen zwischen den Generationen und Nationalit\u00e4ten bestimmt.<\/p>\n<p>Die Prager Erzbisch\u00f6fe und eine gr\u00f6\u00dfere Zahl von Mitgliedern des Welt- und Ordensklerus sowie der Universit\u00e4t setzten sich in Wort und Schrift nachdr\u00fccklich f\u00fcr notwendige Reformen ein. Besondere Erw\u00e4hnung verdienen die Bem\u00fchungen um eine st\u00e4rkere Einbindung der Laien in das kirchliche Leben, unter anderem durch die Empfehlung zu h\u00e4ufigem Kommunionempfang. Im Blick auf die Reformbem\u00fchungen von Erzbischof Johann von Jenstein stellte der Medi\u00e4vist Ferdinand Seibt fest: \u201eEs war die Tragik der Entwicklung da\u00df Jenstein nicht imstande war, alle Reformbem\u00fchungen zu vereinigen, und da\u00df nach seiner Resignation weder sein Neffe und Nachfolger Olbram (Wolfram) von \u0160kvorec (1396-1402) noch Zbyn\u011bk Zaj\u00edc von Hasenburg (1402-1411) bei bemerkenswerter Reformfreudigkeit sich dem Anliegen der wyclifitisch-hussitischen Reformer gewachsen zeigten.\u201c<\/p>\n<p>Von nachhaltiger Wirkung waren die Predigten des als \u201eVater der b\u00f6hmischen Reformation\u201c geltenden tschechischen Predigers Jan Mili\u010d von Kremsier, der eine Generation vor Hus die Bildung jener Gemeinde anbahnte, die sp\u00e4ter zum Kern der hussitischen Reformbewegung wurde. Mit anderen Vertretern der sogenannten b\u00f6hmischen \u201eDevotio moderna\u201c forderte er die R\u00fcckkehr der ver\u00e4u\u00dferlichten Kirche zu den Prinzipien der Urkirche auf der Grundlage der Heiligen Schrift. Hus hat ihre Anliegen in breitem Umfang aufgegriffen, sich aber nicht ausdr\u00fccklich aus sie berufen.<\/p>\n<p>Hus schloss das Studium der Artes an der Prager Dreifakult\u00e4tenuniversit\u00e4t 1393 als \u201ebaccalarius artium\u201c, 1396 als \u201emagister artium\u201c ab. Bei der ersten Graduierung best\u00e4tigte ihm sein Promotor, dass er durch Flei\u00df einen guten Geist erworben, aber seinen K\u00f6rper wegen k\u00f6rperlicher Krankheit vernachl\u00e4ssigt habe. Von Letzterer ist auch sp\u00e4ter noch mehrfach in den Quellen die Rede. 1397\/98 nahm er \u2013 wohl von der Universit\u00e4t abgeordnet \u2013 an einer Reise K\u00f6nig Wenzels in den Westen des Reichs teil. Ein Jahrzehnt sp\u00e4ter erw\u00e4hnt Hus im Zusammenhang mit weiblichen Kleider- und Schmuckw\u00fcnschen beil\u00e4ufig, dass er am Rhein aufwendig geschm\u00fcckte Frauen gesehen habe. Neben seiner Lehrt\u00e4tigkeit an der Prager Artistenfakult\u00e4t begann Hus um 1398 mit dem Studium der Theologie. 1400 wurde er zum Priester geweiht. Im folgenden Jahr begann er als Prediger bei St. Michael in der Prager Altstadt, wo er durch seine Parteinahme f\u00fcr den inzwischen als deutscher K\u00f6nig abgesetzten Wenzel IV. und gegen den neuen deutschen K\u00f6nig Ruprecht von der Pfalz einen ihm lange gewogenen F\u00fcrsprecher gewann. Seit 1402 war er Rektor der schon erw\u00e4hnten Bethlehemkapelle in der Prager Altstadt. Im Wintersemester 1401 war Hus Dekan der Artistenfakult\u00e4t, im Wintersemester 1409 Rektor der Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>Seit 1398 besch\u00e4ftigte sich Hus zun\u00e4chst intensiv mit den philosophischen Werken Wyclifs. Die um diese und bald auch um die theologischen Werke Wyclifs gef\u00fchrten Disputationen m\u00fcndeten schon bald in Auseinandersetzungen um die Anwendbarkeit der Wyclifschen Doktrin auf die Reformdiskussionen ein. Die Bem\u00fchungen der allgemein als Wyclifisten bezeichneten Anh\u00e4nger des Wyclifschen Realismus zielten dabei immer st\u00e4rker auf Ausweitung ihres Einflusses und schlie\u00dflich auf die volle Beherrschung der Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>An der Bethlehemkapelle gewann Hus durch seine charismatischen Predigten, in denen er die Kirche seiner Zeit der urspr\u00fcnglichen Kirche gegen\u00fcberstellte und den weltlichen Besitz der Kirche sowie den Reichtum des h\u00f6heren Klerus anprangerte, eine wachsende Gemeinde aus allen Schichten der Prager Bev\u00f6lkerung bis hin zu K\u00f6nigin Sophie. Die hohe Bedeutung, die Hus selbst der Predigtst\u00e4tte zuma\u00df, klingt noch aus einem sp\u00e4teren Brief aus der Konstanzer Kerkerhaft an seine Anh\u00e4nger in Prag an: Behaltet Bethlehem lieb, solange Gott dort die Predigt seines Wortes gew\u00e4hrt. Auf diese Stelle ist der Teufel ergrimmt, gegen sie hat er Pfarrer und Kanoniker aufgestachelt, als er sah, dass an dieser Stelle seine Herrschaft untergraben werde.<\/p>\n<p>Hus wurde wegen seiner Reformgesinnung von Erzbischof Zbyn\u011bk Zaj\u00edc von Hasenburg lange Zeit hoch gesch\u00e4tzt. Er trat 1405 und 1407 als Prediger auf den Prager Di\u00f6zesansynoden auf und war unter anderem als theologischer Gutachter in dem 1404 ausgebrochenen Streit um das Wilsnacker Wunderblut t\u00e4tig, das er als Betrug entlarvte. Seine Kritik an Missst\u00e4nden in der Kirche setzte zun\u00e4chst nicht an der Institution selbst, sondern bei deren Amtstr\u00e4gern an: Er rief sie zu einem Leben nach den Evangelien und zur Christusnachfolge auf.<\/p>\n<p>Der 1403 offen ausgebrochene und sich seit 1406 versch\u00e4rfende Streit um Wyclif bestimmte fortan das geistige Klima an der Universit\u00e4t, strahlte aber bald auch dar\u00fcber hinaus. Von Anfang an spielte dabei die Remanenztheorie eine herausragende Rolle. Seit 1406 wurde Hus vor allem wegen seiner Predigten von den Wyclifgegnern an der Universit\u00e4t und im Prager Klerus bei Erzbischof Zbyn\u011bk, dann in Rom zun\u00e4chst bei Papst Gregor XII. und sp\u00e4ter bei den Konzilsp\u00e4psten Alexander V. und Johannes XXIII. als Anh\u00e4nger der Wyclifschen H\u00e4resie angeklagt. In seiner programmatischen Schrift \u201e\u00dcber das Lesen h\u00e4retischer B\u00fccher\u201c von 1410 verteidigte Hus die Lekt\u00fcre solcher B\u00fccher mit den darin auch enthaltenen Wahrheiten. Im Streit um die von Zbyn\u011bk zun\u00e4chst ins Auge gefasste und schlie\u00dflich durchgef\u00fchrte Verbrennung der Schriften Wyclifs und um das offensichtlich gegen ihn gerichtete Verbot der Predigt an nicht autorisierten Pl\u00e4tzen zerbrach das bisherige Einvernehmen mit dem Erzbischof. Drei Tage nach der Verbrennung exkommunizierte Zbyn\u011bk Hus. Einer Zitation an die p\u00e4pstliche Kurie folgte Hus nicht und setzte trotz des Verbots seine Predigtt\u00e4tigkeit in der Bethlehemkapelle fort.<\/p>\n<p>Am Streit um die \u00c4nderung der Universit\u00e4tsverfassung zugunsten der b\u00f6hmischen Universit\u00e4tsnation und dem Erlass des Kuttenberger Dekrets vom 18. Januar 1409, der zum Auszug von etwa 700-800 deutschen Magistern und Studenten an andere Universit\u00e4ten und zur Gr\u00fcndung der Leipziger Universit\u00e4t f\u00fchrte, war Hus zwar in Zusammenarbeit mit dem k\u00f6niglichen Hof beteiligt, die F\u00fchrungsrolle in der Reformbewegung erlangte er jedoch erst mit der demonstrativen Wahl zum Rektor der Universit\u00e4t am 17. Oktober 1409. Ihm gegen\u00fcber vertraten Hieronymus von Prag, Jacobellus von Mies und der deutsche Hussit Nikolaus von Dresden vielfach radikalere Positionen.<\/p>\n<p>Mit seiner Stellungnahme gegen die Verk\u00fcndigung eines von Johannes XXIII. gegen den abgesetzten r\u00f6mischen Papst Gregor XII. und dessen weltliche Besch\u00fctzer gew\u00e4hrten Kreuzzugsablasses, an dem K\u00f6nig Wenzel finanziell beteiligt war, verlor Hus 1412 die k\u00f6nigliche Gunst. Trotz seiner F\u00fcrsprache wurden am 11. Juli 1412 drei junge M\u00e4nner, die den Ablasspredigern widersprochen hatten, \u00f6ffentlich hingerichtet. Sie wurden spontan als die ersten M\u00e4rtyrer der Reformbewegung verehrt. In einer kurz danach im Collegium Carolinum der Prager Universit\u00e4t abgehaltenen Disputation \u00fcber die Auslegung ausgew\u00e4hlter Wyclif-Artikel exponierte sich Hus durch seine Stellungnahmen zur Predigt im Fall der Exkommunikation, der nichtautorisierten Predigt, dem Recht der weltlichen Gewalt auf Einzug von Kirchenverm\u00f6gen, dem Zehnten, den Folgen von Tods\u00fcnden und vor allem zum Wyclifschen Artikel 15: \u201eNiemand ist Herr, niemand ist Pr\u00e4lat, wenn er sich im Stand der Tods\u00fcnde befindet.\u201c<\/p>\n<p>Seine Prager Gegner forcierten den an der p\u00e4pstlichen Kurie laufenden Prozess. Wegen Nichterscheinens vor der Kurie in Rom sprach Kardinal Pietro degli Stefaneschi die versch\u00e4rfte Exkommunikation \u00fcber ihn aus, die am 18. Oktober 1412 auf der Prager Synode feierlich verk\u00fcndet wurde. Am gleichen Tag appellierte Hus demgegen\u00fcber in ebenso feierlicher Form an Christus als gerechtesten Richter. Die Berufung auf diese, im Kirchenrecht nicht vorgesehene Instanz war eine eklatante Missachtung der kirchlichen Autorit\u00e4t.<\/p>\n<p>Im Herbst 1412 verlie\u00df Hus unter dem Druck der Ereignisse Prag, lebte in den folgenden zwei Jahren unter dem Schutz des b\u00f6hmischen Adels auf verschiedenen Burgen im Exil, predigte auf dem Land und entfaltete eine fieberhafte T\u00e4tigkeit als Schriftsteller. Teilweise noch in Prag entstanden die zu seinen Hauptwerken z\u00e4hlenden tschechischen \u201eAuslegungen\u201c von Glaubensbekenntnis, Zehn Geboten und Vaterunser. Die Auslegung des Credo enth\u00e4lt das ber\u00fchmte, von Joh 8,32 ausgehende Bekenntnis Hussens zur Wahrheit, das gemeinhin als Schl\u00fcssel zu seiner \u00fcberlegenen, schlie\u00dflich den Tod nicht scheuenden Haltung gilt: Darum frommer Christ, suche die Wahrheit, h\u00f6re die Wahrheit, lerne die Wahrheit, liebe die Wahrheit, sprich die Wahrheit, halte die Wahrheit fest, verteidige die Wahrheit bis zum Tod, denn die Wahrheit befreit dich von der S\u00fcnde, vom Teufel, vom Tod der Seele und schlie\u00dflich vom ewigen Tod. In den eng an Wyclifs Simonie-Traktat angelehnten \u201eB\u00fcchern \u00fcber den \u00c4mterkauf\u201c erhob er seine sch\u00e4rfsten Angriffe gegen Missst\u00e4nde in der Kirche. In seinem Traktat \u201e\u00dcber die sechs Verirrungen\u201c legte er sein Reformprogramm in umfassender Weise dar. Einzelne Passagen daraus wurden als Inschriften an den Innenw\u00e4nden der Bethlehemkapelle angebracht. Wohl im Fr\u00fchjahr 1413 schloss Hus in differenzierender Anlehnung an Wyclifs Kirchentraktat sein Hauptwerk \u201e\u00dcber die Kirche\u201c ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Hussens Prozess vor dem Konstanzer Konzil<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Einberufung des Konstanzer Konzils zu Ende des Jahres 1413 leitete die letzte Phase des gegen Hus als Vertreter der Reformbewegung in B\u00f6hmen gef\u00fchrten Prozesses ein. K\u00f6nig Wenzel IV. und sein 1410 zum deutschen K\u00f6nig gew\u00e4hlter Halbbruder Sigismund (ab 1433 Kaiser) strebten auf Grund der immer h\u00e4ufiger erhobenen Forderung nach Eingreifen des weltlichen Arms eine Behandlung der b\u00f6hmischen Frage vor dem Konzil an, um den durch den Vorwurf der Ketzerei ersch\u00fctterten Ruf des Landes wieder herzustellen und sich selbst vom Vorwurf der Ketzerbeg\u00fcnstigung zu befreien. Auf Dr\u00e4ngen Sigismunds, aber \u2013 wie er vor dem Konzil wiederholt betonte \u2013 freiwillig war Hus bereit, unter sicherem Geleit nach Konstanz zu kommen, sich dort einer Examinierung in \u00f6ffentlicher Audienz zu unterziehen, zu predigen und gegebenenfalls auch f\u00fcr die Wahrheit des Gesetzes Christi sterben zu wollen. In drei vor der Abreise nach Konstanz konzipierten Ansprachen wollte er vor der Kirchenversammlung auf Grundfragen des christlichen Lebens eingehen: \u201e\u00dcber den Frieden\u201c, \u201eVon der Vollgen\u00fcgsamkeit des Gesetzes Christi\u201c und \u201eVon der Erleuchtung durch den Glauben\u201c.<\/p>\n<p>Trotz des Geleitbriefs wurde Hus bald nach seiner Ankunft \u2013 noch vor dem Eintreffen Sigismunds in Konstanz \u2013 auf Veranlassung der Kardin\u00e4le in Haft gesetzt. Die von ihm erwartete Disputation zur Darlegung seiner \u00dcberzeugungen wurde ihm verwehrt. Unter den Anh\u00e4ngern der hussitischen Reformbewegung in B\u00f6hmen trug die ohne Wissen Sigismunds erfolgte Verhaftung diesem den seither unabl\u00e4ssig wiederholten Vorwurf des Geleitbruchs ein. Obwohl ein Urteil gegen Hus noch nicht gesprochen war, sah ein Gutachten des Kurienbeamten Dietrich von Niem vom Mai 1415 mit Blick auf Hus bereits vor, dass das einem Ketzer gew\u00e4hrte Geleit einseitig gel\u00f6st werden k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Auf Grund von Bem\u00fchungen Sigismunds wurden Hus Anfang Juni 1415 drei \u00f6ffentliche Anh\u00f6rungen vor dem Konzilsplenum zugestanden. Hus weigerte sich, die ihm hier und in nicht\u00f6ffentlichen Verh\u00f6ren vorgelegten, zumeist aus seinem Traktat \u201e\u00dcber die Kirche\u201c gezogenen, aber zum Teil grob entstellten, verk\u00fcrzten oder unzutreffenden Anklageartikel zu widerrufen und forderte die Widerlegung seiner Thesen aus der Schrift. Trotz mehrfacher Entsch\u00e4rfung der Anklageartikel war Hus nicht zum Widerruf bereit. Seine Position wurde aussichtsloser, als er sich im Juni 1415 entgegen seiner urspr\u00fcnglich abwartenden Haltung in der Kelchfrage in einer kurzen Stellungnahme entschieden dagegen wandte, dass das durch Christus und die Apostel eingesetzte Kelchsakrament als Ketzerei verurteilt worden war. Jacobellus von Mies hatte vorher den Laienkelch in Prag eingef\u00fchrt und das Konzil hatte dies verurteilt. Damit stellte sich Hus gegen das Konzil.<\/p>\n<p>In der XV. Generalsitzung des Konzils am 6. Juli 1415 wurde Hus als verstockter Ketzer zum Tod verurteilt. Der vorbereitete Beschluss \u00fcber seine Absetzung und Einschlie\u00dfung zeigt, dass die Richter bis zuletzt mit der M\u00f6glichkeit eines Widerrufs gerechnet hatten. Hus lehnte diesen ab, um die Reformbewegung nicht durch Zugest\u00e4ndnisse gegen\u00fcber dem Vorwurf der H\u00e4resie zu belasten und fasste die Gr\u00fcnde der Verweigerung des Widerrufs unmittelbar vor seiner Degradierung als Priester ein letztes Mal zusammen: \u201eIch scheue mich, das zu tun, um nicht angesichts des Herrn als L\u00fcgner dazustehen, auch um nicht gegen mein Gewissen und gegen Gottes Wahrheit zu versto\u00dfen, da ich die f\u00e4lschlicherweise gegen mich angef\u00fchrten S\u00e4tze niemals behauptet habe, vielmehr ihnen entgegen geschrieben, gelehrt und gepredigt habe, und auch deswegen, um nicht einer so gro\u00dfen Menge, der ich gepredigt habe, sowie anderen getreu das Wort Gottes Verk\u00fcndigenden \u00c4rgernis zu geben. Hus, der bis zuletzt seine Freunde ermahnt hat, sich ststs an das Gesetz Christi zu halten, opferte sich in reformatorischem Selbstbewu\u00dftsein f\u00fcr die mit seinem Namen verbundene Reformbewegung.<\/p>\n<p>In der Beurteilung des Hus-Prozesses und der Rolle der Richter gingen die Auffassungen entsprechend der grunds\u00e4tzlichen Einstellung der Autoren zur Hus-Frage weit auseinander. Die Palette reicht von der Beschuldigung, dass Hus einem Justizmord zum Opfer gefallen sei, und dem pauschalen Vorwurf der Voreingenommenheit seiner Richter bis zur \u00dcberzeugung, dass der Prozess gegen ihn in gerechter Weise gef\u00fchrt und Hus zu Recht verurteilt wurde. Wie der vor wenigen Wochen verstorbene Prager Rechtshistoriker Ji\u0159\u00ed Kej\u0159 in einer umfassenden Monographie \u00fcber den Hus-Prozess nachgewiesen hat, lassen sich beim Verfahren vor dem Gericht des Prager Erzbischofs und vor dem Gericht an der p\u00e4pstlichen Kurie schwerwiegende Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten feststellen, darunter die Beiziehung falscher Zeugen. Im Gegensatz dazu wurden in Konstanz Prozessvorschriften nicht verletzt. Der Hauptwiderspruch zwischen der Rechtsauffassung des Konzils und dem Angeklagten lag nach Ji\u0159\u00ed Kej\u0159 in Hussens \u00dcberzeugung, in allem nach dem Gesetz Gottes zu handeln, auch wenn er dabei geltende Rechtsregeln verletzte.<\/p>\n<p>So sei geschlossen mit dem den Worten des fr\u00fcheren Prager Erzbischof Kardinal Miloslav Vlk, der in den beiden letzten Tagen als offizieller Vertreter von Papst Franziskus an den \u00f6kumenischen Hus-Gedenkfeiern in Prag mitwirkte und im Vorwort seines zuvor genannten Buches schreibt: \u201eDozent Kej\u0159 hat aufgezeigt, dass der gesamte Husprozess ein klassisches Beispiel daf\u00fcr ist, wie \u2013 auf beiden Seiten \u2013 die Wahrheit ohne liebevolle Reflexe und ohne den Blick auf die anderen verabsolutiert wurde und anstelle des biblischen Gebots der Liebe das Kirchenrecht ohne Liebe angewandt wurde. Beiden Seiten, aber vor allem der Machtposition der Kirche fehlte die Liebe nicht nur in der Art und Weise, wie man auf Hus als Menschen zuging, sondern leider wurde gegen sie auch bei der Suche und der Pr\u00e4sentation der Beweismittel in bedeutendem Ma\u00df versto\u00dfen.\u201c<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jan Hus in den Traditionen der Kirchen &nbsp; Auf den Tag genau vor 600 Jahren, am 6. Juli 1415, wurde der Prager Magister Jan Hus in der XV. 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