{"id":127008,"date":"2026-07-06T09:53:21","date_gmt":"2026-07-06T07:53:21","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=127008"},"modified":"2026-07-06T10:01:46","modified_gmt":"2026-07-06T08:01:46","slug":"hus-ein-tschechischer-nationalheld","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/hus-ein-tschechischer-nationalheld\/","title":{"rendered":"Hus \u2013 ein tschechischer Nationalheld?"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Leben und Werk von Jan Hus inspirierten seine Nachfolger und seine Widersacher im positiven wie im negativen Sinne und blieben in der tschechischen Geschichte bis in die heutige Zeit gegenw\u00e4rtig. Das Hus-Bild war und ist jedoch ver\u00e4nderlich, und jedes der vergangenen Jahrhunderte w\u00e4hlte von Hus und seinem Werk diejenigen Motive, die in ihm selbst am st\u00e4rksten widerhallten. Mit der Zeit entstanden so mindestens drei Versionen des Jan Hus, die neben einem gemeinsamen Fundament auch unterschiedliche oder sogar sich widersprechende Z\u00fcge aufweisen:<\/p>\n<p>1) das irdische Leben: ein der g\u00f6ttlichen Wahrheit ergebener Priester; aber mancher sagt auch: ein sehr auf Popularit\u00e4t bedachter Mann<\/p>\n<p>2) ein M\u00e4rtyrer und Heiliger der b\u00f6hmischen Reformation und Reformator: ein Vorg\u00e4nger der deutschen Reformation; aber mancher sagt, er habe auf unverantwortliche Weise Nationalit\u00e4tenkonflikte und Religionskriege entfacht<\/p>\n<p>3) ein Held \u2013 das Ideal eines K\u00e4mpfers, dessen Name auf Bannern getragen wird; aber wof\u00fcr k\u00e4mpfte er? F\u00fcr Gewissensfreiheit oder f\u00fcr nationale Emanzipation oder f\u00fcr soziale Gerechtigkeit oder f\u00fcr eine Kombination all dieser Sachen?<\/p>\n<p>Die verschiedenen Hus-Bilder von seinem Tod bis zum Bild des Nationalhelden und dar\u00fcber hinaus wurden nicht nur von denjenigen geschaffen und geformt, die annahmen, auf seinen Spuren zu wandeln, sondern auch von denen, die ihm nicht zustimmten und Widerstand leisteten. Dabei sind zwei entgegengesetzte Versionen von Hus-Bildern erkennbar: Bereits die Augenzeugen des Konstanzer Scheiterhaufens hatten die Ereignisse unterschiedlich beschrieben. Nach dem Zeugnis des Peter von Mlado\u0148ovice war Jan Hus als M\u00e4rtyrer und tapferer Mensch gestorben. Dagegen beschreibt sein Zeitgenosse Ulrich Richental, Chronist des Konstanzer Konzils, die Ereignisse ohne emotionale Verbindung und naturalistisch.<\/p>\n<p>Hier soll es \u00fcberwiegend um das Bild gehen, das von den Nachfolgern des Hus geschaffen wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>Nach dem Tod von Hus nahmen die Ereignisse schnell an Fahrt auf. In B\u00f6hmen wurde Hus von seinen Anh\u00e4ngern bald zum M\u00e4rtyrer erkl\u00e4rt und galt als Heiliger. Der Name des Hus fand Eingang in das Kalendarium, der 6. Juli wurde zu seinem Gedenktag. Ein Beispiel ist das Kalendarium im Memorialbuch der Artistenfakult\u00e4t, wo zu diesem Datum geschrieben stand: \u201eJan Hus \u2013 es wird nicht disputiert\u201c, ebenso wie an den Tagen, die anderen Heiligen und Kirchenv\u00e4tern geweiht waren. Hus wurde auch im liturgischen Raum der utraquistischen Kirchen abgebildet. Es sind zwar nur einige solcher Denkm\u00e4ler \u00fcberliefert, aber selbst diese Fragmente sind ein eindeutiges Zeugnis. Jan Hus wird als M\u00e4rtyrer (h\u00e4ufig im schwarzen Gewand) gezeigt, mit einem Heiligenschein oder mit dem Symbol des Heiligen Geistes. Zu seinem leicht lesbaren Attribut wurde die mit Teufeln bemalte Ketzerm\u00fctze.<\/p>\n<p>Nach der deutschen Reformation begann Jan Hus in B\u00f6hmen wie im Reich als Vorg\u00e4nger Martin Luthers wahrgenommen und abgebildet zu werden. Ein einzigartiger Beleg ist eine Illumination im Kleinseitner Graduale von 1572, wo die Verbrennung des Jan Hus, die Enthauptung Johannes des T\u00e4ufers und am Rand des Blattes drei Portr\u00e4ts von Kirchenreformatoren festgehalten sind: John Wyclif, der einen Funken entfacht, Jan Hus, der an dem Funken eine Kerze entz\u00fcndet, und Martin Luther, der bereits die brennende Fackel der Reformation in den H\u00e4nden h\u00e4lt. \u00c4hnliche Motive tauchten dann auch in j\u00fcngeren Drucken des 16. und 17. Jahrhunderts auf.<\/p>\n<p>Der Weg der deutschen und schweizerischen Reformatoren zu Jan Hus und seinem Werk war aber nicht einfach und f\u00fchrte nie zu dessen vollkommener Akzeptanz. Das Werk des Hus verbreitete sich damals durch den Buchdruck sowohl in B\u00f6hmen als auch in Deutschland. Hus wurde auch zum Gegenstand und Helden erster dramatischer Werke. Es ist sicherlich kein Zufall, dass zu den \u00e4ltesten \u00fcberlieferten Theaterst\u00fccken die \u201eTragoedia von Johann Huss\u201c z\u00e4hlt, die in der ersten H\u00e4lfte des 16. Jahrhunderts von Johann Agricola, dem deutschen Reformator und Literaten, verfasst wurde. Von diesem Zeitpunkt an taucht Jan Hus in der Belletristik, der Poesie und im Drama relativ regelm\u00e4\u00dfig auf, was den Weg zu seiner Transformation in einen Helden bereitete.<\/p>\n<p>Der Wandel des Hus-Bildes auf beiden Seiten des Meinungsspektrums intensivierte sich nach der Schlacht am Wei\u00dfen Berg bei Prag im Jahr 1620, dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg und der Rekatholisierungs- oder Rekonfessionalisierungs-Politik in den B\u00f6hmischen L\u00e4ndern. Hus war weiterhin ein Bestandteil der Tradition der deutschen Reformation. Sein Andenken blieb auch bei den Geheimprotestanten in den B\u00f6hmischen L\u00e4ndern und bei den tschechischen Emigranten jenseits der Grenzen der B\u00f6hmischen L\u00e4nder \u2013 etwa in Sachsen oder Schlesien \u2013 weiter lebendig. Allerdings m\u00fcssen wir auch festhalten, dass es gerade die urspr\u00fcnglichen, jetzt neu zum Katholizismus bekehrten Utraquisten waren, die das Andenken an Jan Hus in den B\u00f6hmischen L\u00e4ndern wachhielten. Historischen Berichten zufolge blieb die Verehrung gegen\u00fcber Hus und den Objekten, die einen Bezug zu ihm hatten, weiter gewahrt. So ist die Nachricht \u00fcber einen Pfarrer namens Lukas Nusek aus dem Dorf Dub\u00ed \u00fcberliefert, der noch 1677 eine Hostienbackform mit dem Bild des Jan Hus in Flammen besa\u00df und diese Hostien den Gl\u00e4ubigen verkaufte.<\/p>\n<p>Daneben formierte sich langsam auch ein neues katholisches Hus-Bild. Hus galt zwar immer noch als Ketzer, daneben f\u00fcgten einheimische Autoren aber in ihre Texte hin und wieder Motive ein, die Hus sympathischer erscheinen lie\u00dfen. Als Beispiel sei der tschechische katholische Geistliche Jan Franti\u0161ek Beckovsk\u00fd genannt, der um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert lebte. In seiner Chronik \u201ePoselkyn\u011b star\u00fdch \u010das\u016f\u201c (\u201eBotin alter Zeiten\u201c) erw\u00e4hnte er beispielsweise eine vermutlich ausgedachte Episode, mit der er zu zeigen versuchte, dass Hus urspr\u00fcnglich ein guter Geistlicher war, der nur zu Schlechtigkeiten verf\u00fchrt wurde: \u201eAuch gab es zu dieser Zeit in Prag einen Priester und Magister nach allgemeinem Ruf in Leben und Umgang ehrbar, mit Vornamen Jan und Nachnamen Hus, zu dem der genannte Hieronymus kam und im Geheimen seine aus England mitgebrachten B\u00fccher zur Lekt\u00fcre \u00fcbergab. Magister Jan waren die in diesen B\u00fcchern niedergelegten Artikel sehr zuwider, er beschimpfte sie als ketzerisch und bat Magister Hieronymus, sie entweder zu verbrennen oder irgendwo in einen See zu werfen.\u201c Der hier genannte Hieronymus war ein Magister mehrerer europ\u00e4ischer Universit\u00e4ten und Freund des Hus, der sp\u00e4ter dessen Schicksal bis zum gleichen tragischen Ende in Konstanz teilte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im 17. Jahrhundert und auch sp\u00e4ter wurde Hus h\u00e4ufig als national denkender Tscheche pr\u00e4sentiert. Einen Beleg daf\u00fcr bietet das Werk \u201eProto-martyr poenitentiae\u201c (1736) des Jan Tom\u00e1\u0161 Vojt\u011bch Berghauer, in dem der Autor schreibt: \u201eJan Hus war b\u00e4uerlicher Abstammung aus dem Dorf Husinec (einige Ketzer leiten seine Herkunft von den adligen Herren von Husinec ab), Bakkalaureus der heiligen Theologie an der Prager Hochschule, dieser Hus erreichte 1401 durch Schmeicheleien, dass er zum Dekan der Fakult\u00e4t der freien K\u00fcnste gew\u00e4hlt wurde, heimlich brannte er jedoch daf\u00fcr, Rektor zu werden; er verbreitete st\u00e4ndig Hass auf die deutschen Doktoren mit der Absicht, seine (die b\u00f6hmische Universit\u00e4ts-)Nation zur Eifersucht anzustacheln. Bei Disputationen verteidigte er Wycliffes H\u00e4resie. Nachdem er die Deutschen vertrieben hatte, verbreitete er die Wycliffe\u2019sche Ansteckung weiter unter dem Volk, viele Kleriker mit losen Sitten schlossen sich ihm an.\u201c<\/p>\n<p>Ein weiteres Motiv war der angebliche Stolz des Jan Hus, von dem er sich bei seinen Predigten und demonstrativen Taten beherrschen lie\u00df. Als Stolz wurde der Mangel an Gehorsam gegen\u00fcber den kirchlichen Autorit\u00e4ten bezeichnet. Ein Vertreter dieser Geschichtsschreibung ist der Jesuit Nikolaus Adaukt Voigt, der Hus folgenderma\u00dfen beurteilte: \u201eWenn wir den Gelehrten nennen, der in B\u00f6hmen mit seinen Irrlehren schreckliche Verw\u00fcstungen anrichtete, dann geschieht dies nicht, weil wir seine Irrlehren loben m\u00f6chten, sein Lebenslauf soll eher eine Warnung an die feurigen und aufr\u00fchrerischen Geister sein, wie leicht ein allzu schroffes Naturell, Eigenliebe zu seinen Ansichten und die unzeitgem\u00e4\u00dfe Sehnsucht, freie Ansichten mit gro\u00dfem Mut zu verteidigen, zur Vernichtung nicht nur der eigenen Person, sondern auch ganzer Staaten f\u00fchren k\u00f6nnen, wenn sie den Geist mangelnder Eintracht ihren Mitb\u00fcrgern aufdr\u00e4ngen.\u201c In diesem Sinn wurde Hus \u2013 auch als Gegenpol zu dem neuen Landesheiligen Johannes von Nepomuk \u2013 in den Theaterspielen der Jesuiten- und Piaristensch\u00fcler im 17. Jahrhundert interpretiert.<\/p>\n<p>Mit dem Aufkommen der Aufkl\u00e4rung \u00e4ndert sich der bisherige Blick auf Jan Hus. In den Vordergrund tritt ein neuer Schwerpunkt \u2013 Jan Hus als Gelehrter und Universit\u00e4tsmagister, der gegen die Kirche als Institution k\u00e4mpft. Zugleich entsteht das Bild des Nationalhelden im modernen Sinn des Wortes. Hus ist zu einem Mann geworden, der sein Leben f\u00fcr das tschechische Volk und dessen Rechte gab im Kampf gegen eine verkn\u00f6cherte Institution \u2013 die mittelalterliche Kirche. In den B\u00f6hmischen L\u00e4ndern begann die nationale Wiedergeburt, auch unter dem Einfluss des modernen deutschen Patriotismus.<\/p>\n<p>Zum wesentlichen Motiv bei der Hus-Abbildung wird dessen Verdienst um die Kultivierung der tschechischen Sprache und Orthograhie. In B\u00f6hmen k\u00f6nnen die Schriften des Jan Hus erneut erscheinen. 1781 wird das Toleranzpatent erlassen, das zwei weitere Konfessionen zul\u00e4sst \u2013 die Augsburger und die Helvetische Konfession. Zu ihnen bekennen sich die bisherigen Geheimbr\u00fcder. F\u00fcr Hus interessieren sich immer st\u00e4rker auch die katholischen Geistlichen, Geschichtsschreiber und Intellektuellen. Bereits kurz nach den josephinischen Reformen schrieb Josef Dobrovsk\u00fd, urspr\u00fcnglich Jesuit und nach der Aufhebung des Ordens Erzieher, Sprachwissenschaftler und Historiker: \u201eMit dem tschechischen Reformator Hus beginnt eine neue Epoche in der Geschichte der tschechischen Nation und ihrer Bildung, und damit auch ihrer Sprache. Alle finden (gemeint ist die Zeit von Hus) ein gro\u00dfes Interesse an theologischen Lehren, von denen die Frage der Eucharistie unter beiderlei Gestalt durch ihre Folgen zu der wichtigsten wurde. Brennend f\u00fcr das g\u00f6ttliche Gesetz damit erwacht die Sehnsucht, die Bibel zu lesen. Gesetze, Urkunden und andere Schriften (werden) jetzt h\u00e4ufiger in tschechischer Sprache formuliert. Die nicht von fremden Kr\u00e4ften gesteuerten Tschechen &#8230; beginnen ihre eigene Kraft zu sp\u00fcren.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zur endg\u00fcltigen Formierung des Bildes von Jan Hus als Nationalheld kam es dann im 19. Jahrhundert. Hus und neben ihm vor allem Jan \u017di\u017eka werden als ideale K\u00e4mpfer f\u00fcr die Rechte der Nation beschrieben. Das Bild \u017di\u017ekas als un\u00fcberwindlicher Feldherr gegen fremde Heere stellt manchmal sogar das Bild von Jan Hus in den Schatten. Beide Bilder wirken auf viele katholische Geistliche. Die Standpunkte der katholischen und der nicht-katholischen Autoren n\u00e4hern sich einander an. Mit einer gewissen \u00dcbertreibung l\u00e4sst sich behaupten, dass h\u00e4ufig gerade die katholischen Intellektuellen zu Tr\u00e4gern des Hus-Verm\u00e4chtnisses werden.<\/p>\n<p>Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde auch das neue Interpretationskonzept der tschechischen Geschichte formuliert, das der Nationalgeschichtsschreiber Franti\u0161ek Palack\u00fd schuf. Palack\u00fd schrieb als einer der ersten Historiker eine kritische Abhandlung \u00fcber die tschechische Geschichte, in der er einen Schwerpunkt auf Hus und das Hussitentum als Hochzeit der tschechischen Geschichte legte. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts taucht Jan Hus vielfach in tschechischen Belletristik und Drama auf. Neue Theaterst\u00fccke, besonders von Josef Kajet\u00e1n Tyl und Alois Jir\u00e1sek, stellten die sittliche Reinheit von Hus und dessen Kampf f\u00fcr Gerechtigkeit und Nation in den Vordergrund. Auch deshalb wurden diese St\u00fccke h\u00e4ufig in angespannten Situationen aufgef\u00fchrt, wie etwa vor dem Zweiten Weltkrieg und nach dessen Ende.<\/p>\n<p>Die Gesellschaft war jedoch bereits auf moderne Weise diversifiziert und das Hus-Bild spaltete sich weiter. Als treffende Illustration mag hier der Streit um die Hus-Gedenktafel und sp\u00e4ter um sein Denkmal in Prag dienen, den der Historiker Jan Galandauer zusammenfassend bearbeitet hat. Die Ereignisse begannen 1889 mit einer anscheinend unschuldigen Diskussion im Abgeordnetenhaus \u00fcber die Namen, die auf der Fassade des entstehenden Nationalmuseums in Prag verewigt werden sollten. Nachdem auch der Name von Jan Hus auftauchte, entbrannte eine geradezu fanatische Diskussion um die Rolle von Hus in der tschechischen Geschichte.<\/p>\n<p>Das damalige Mitglied der Gro\u00dfgrundbesitzerkurie Karl III. von Schwarzenberg trat gegen diesen Vorschlag mit den Worten auf: \u201eDie Lehre von Hus tr\u00e4gt die Schuld an den Hussitenkriegen, am Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg, an jenem Ungl\u00fcck, das sich als Folge jener Konflikte und Kriege \u00fcber unsere Nation ergossen hat. Ich sage nicht, dass dies die Schuld von Hus ist, sondern die seiner Lehre, und es l\u00e4sst sich nicht bestreiten, dass die hussitische Lehre nichts anderes ist als der Kommunismus des 15. Jahrhunderts. Unter den Hussiten waren zu Anfang viele ehrenwerte Charaktere, aber leider verwandelten sie sich bald in eine Bande von R\u00e4ubern und Brandstiftern. Wenn Sie (d.h. die anderen Abgeordneten) sich als Hussiten bekennen, werden wir Ihre grausamsten Feinde sein.\u201c<\/p>\n<p>Als Reaktion auf diesen Auftritt wurde der Verein f\u00fcr die Errichtung einer Statue des \u201etreuen Tschechen und Nationalhelden\u201c Jan Hus gegr\u00fcndet. Kurz darauf wurde eine nationale Sammlung veranstaltet, und die Gelder f\u00fcr den Bau des Denkmals kamen sehr schnell zusammen. 1903 konnte endlich der Grundstein gelegt werden. Der Akt der Grundsteinlegung verwandelte sich in eine politische Proklamation des Verm\u00e4chtnisses von Jan Hus als Nationalheld. Der damalige Politiker der jungtschechischen (also liberalen) Partei Eduard Gr\u00e9gr fasste dies so zusammen: \u201eIn dieser f\u00fcr die ganze christliche Menschheit so traurigen und elenden Zeit wurde in einem kleinen St\u00e4dtchen am Fu\u00dfe des B\u00f6hmerwalds ein Mann geboren, der zu einer leuchtenden Fackel in der dunklen Nacht des Mittelalters werden sollte, der als erster die Fesseln zu zerbrechen begann, mit denen der menschliche Geist gefangen gehalten wurde. Ohne Jan Hus und ohne die siegreichen Gottesk\u00e4mpfer h\u00e4tte sich die tschechische Nationalit\u00e4t nicht retten k\u00f6nnen, Magister Jan Hus sollte von jedem Tschechen verehrt und gefeiert werden, egal welcher religi\u00f6sen und politischen \u00dcberzeugung er anh\u00e4ngt, und wenn es keine anderen Gr\u00fcnde g\u00e4be, dann aus rein nationalen und patriotischen Gr\u00fcnden.\u201c<\/p>\n<p>Die Prager Deutschen sahen in der Politisierung des Denkmalbaus dagegen einen eindeutigen Akt des tschechischen Nationalismus. Die Tageszeitung Bohemia schrieb: \u201edie, die damals die Errichtung des Denkmals f\u00fcr einen Frevel hielten und dagegen k\u00e4mpften, k\u00f6nnen sich heute beruhigen. Diese Hus-Feier war nicht gegen den Katholizismus gerichtet, sondern stellte eine politische, antideutsche, nationale Demonstration panslawistischen Charakters dar; das Denkmal soll nicht den \u00dcberzeugungshelden, den Reformator feiern, sondern jenen Hus, der sein Volk aus den F\u00e4ngen der Fremden befreite und die Universit\u00e4t von frechen Eindringlingen s\u00e4uberte.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>V.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um das damalige politische Meinungsspektrum in ganzer Breite zu zeigen, seien auch der evangelische Standpunkt und die Einstellung der Sozialdemokratie genannt. Die evangelische Zeitschrift \u201eHlasy ze Siona\u201c \u00e4u\u00dferte sich zu der politisierten Diskussion bereits Anfang 1889: \u201eDas ist nicht der ganze Hus; gerade das Wichtigste fehlt, es fehlt sein Herz, seine Seele. Gerade seine aufrichtige Fr\u00f6mmigkeit war ihm Aufmunterung, Quelle der Gewissenhaftigkeit, der St\u00e4rke und der Ausdauer. Hus war also kein Liberaler oder sogar Revolution\u00e4r, sondern ein Konservativer, der sich darum bem\u00fchte, das alte Fundament der Kirche und die Seele der Gl\u00e4ubigen zu wahren und zu verteidigen. Hus war zun\u00e4chst ein treuer Apostel Christi und erst danach Magister unserer Nation.\u201c<\/p>\n<p>Die F\u00fchrung der sozialdemokratischen Partei gab sie im Zusammenhang mit der Grundsteinlegung eine Erkl\u00e4rung heraus, die unter anderem besagte: \u201eWo die Sozialdemokraten Hus nicht selbst und auf ihre Weise feiern k\u00f6nnen, werden sie sich nicht den bourgeoisen Heuchlern anschlie\u00dfen und diesen bei den Feiern als freiwillige Komparserie dienen. Der moderne Mensch steht mit seinen Ansichten in gro\u00dfem Widerspruch zu Hus und auch die Sozialdemokratie ist gegen ihn, denn unser Ziel liegt nicht in der Religion und jenseits des Grabes, sondern unser Ziel liegt hier auf Erden.\u201c<\/p>\n<p>Das Hus-Denkmal wurde Prag feierlich im Jahr 1915 anl\u00e4sslich des 500. Jahrestags der Verbrennung von Jan Hus \u00fcbergeben. Eine festliche Enth\u00fcllung hatten die Beh\u00f6rden verboten und die \u00dcbergabefeier durfte nur hinter den geschlossenen T\u00fcren des Altst\u00e4dter Rathauses stattfinden, aber auch so wurden die dort vorgetragenen Reden als \u00c4u\u00dferungen des Patriotismus verstanden.<\/p>\n<p>Auch in der modernen Zeit elektrisierten Jan Hus und sein Verm\u00e4chtnis die Massen weiter. Die Konstituierung des neuen Staatsfeiertags der Tschechoslowakischen Republik, n\u00e4mlich des Jan-Hus-Feiertags, bei gleichzeitiger Aufhebung des Johannes-Nepomuk-Feiertags steht hinter dem Konflikt zwischen der Tschechoslowakei und dem Vatikan. Der p\u00e4pstliche Nuntius verlie\u00df die Republik und die diplomatischen Beziehungen hatten einen Schaden erlitten. Auch aus diesem Grund hat die Tschechische Republik bis heute mit dem Vatikan keinen g\u00e4ngigen diplomatischen Vertrag geschlossen.<\/p>\n<p>Die Interpretation von Hus als Nationalheld und f\u00fcr Wahrheit und Gerechtigkeit k\u00e4mpfender Pers\u00f6nlichkeit entwickelte sich zur zentralen These, die in der tschechischen Gesellschaft bis heute \u00fcberlebt. In den Folgejahren und besonders in der Zeit des Kommunismus wurden die christlichen und kirchlichen Motive im Leben des Jan Hus noch weiter unterdr\u00fcckt, w\u00e4hrend sein Kampf f\u00fcr die tschechische Nation und neu vor allem f\u00fcr soziale Gerechtigkeit in den Vordergrund r\u00fcckte. Hus \u00fcberlebte daher im Bewusstsein der Tschechen eher als K\u00e4mpfer f\u00fcr die Rechte des armen Volks denn als Kirchenreformator. Zur Verfestigung dieses Bild trug in den 1950er Jahren auch die Filmtrilogie \u00fcber das Hussitentum bei, die auf Alois Jir\u00e1seks Schriften aus dem fr\u00fchen 20. Jahrhundert basierte.<\/p>\n<p>Das Bild Hussens als Nationalhelden wird heute schw\u00e4cher, bleibt aber im Bewusstsein der s\u00e4kularisierten tschechischen Gesellschaft. Vielmehr sind es die Kirchen, und unter ihnen an erster Stelle die katholische Kirche, f\u00fcr die Hus und sein Andenken eine lebendige Herausforderung darstellen. Die ersten Versuche, den traditionellen katholischen Standpunkt zu ver\u00e4ndern, gab es bereits beim Zweiten Vatikanischen Konzil, wo Kardinal Josef Beran, der im Exil lebende abtretende Prager Erzbischof, sagte: \u201eAnscheinend leidet auch in meinem Heimatland die katholische Kirche immer noch f\u00fcr das, was in der Vergangenheit in ihrem Namen gegen die Gewissensfreiheit ausge\u00fcbt wurde, wie im 15. Jahrhundert die Verbrennung des Priesters Jan Hus, oder im 17. Jahrhundert der \u00e4u\u00dfere Zwang gegen\u00fcber einem Gro\u00dfteil der tschechischen Nation, erneut den katholischen Glauben zu empfangen. Selbst wenn die weltliche Macht der katholischen Kirche dienen will oder dies zumindest vorgibt, verursacht sie mit solchen Taten in Wirklichkeit eine dauerhafte verborgene Wunde im Herzen der Nation.\u201c<\/p>\n<p>An diese Initiative kn\u00fcpften die Arbeit der Hus-Kommission und die abschlie\u00dfende Konferenz im Vatikan im Jahr 1999 an. Johannes Paul II. \u00e4u\u00dferte hier sein Bedauern \u00fcber den grausamen Tod des Jan Hus und stellte ihn in die Reihe der europ\u00e4ischen Kirchenreformer. J\u00fcngst hat sich auch Papst Franziskus zu diesem Nachlass gemeldet. In seiner Rede zu Vertretern verschiedener Kirchen aus Tschechien sagte er: \u201eIm Lichte dieser Ann\u00e4herung muss das Studium zur Person und zum Wirken von Jan Hus weitergef\u00fchrt werden. Eine solcherma\u00dfen ohne ideologische Beeinflussung durchgef\u00fchrte Forschung wird ein wichtiger Dienst an der geschichtlichen Wahrheit und an allen Christen und der gesamten Gesellschaft auch jenseits der Grenzen eurer Nation sein.\u201c Wir sind sehr dankbar f\u00fcr diese Worte. Der Nachlass von Jan Hus bleibt mit uns wie ein stilles, sanftes Sausen. H\u00f6ren wir ihm zu.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Leben und Werk von Jan Hus inspirierten seine Nachfolger und seine Widersacher im positiven wie im negativen Sinne und blieben in der tschechischen Geschichte bis in die heutige Zeit gegenw\u00e4rtig. 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